M3 — Ur. 9 Donnerstag, den 16. Januar ! I,. 5 ■; X rai H~NOI I. ü I L.LSL Von Frühling zu Frühling. Roman von Erich Ebenstein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Münster erzählte ihr von Konradchen, wie er gelacht und luf) gefreut hatte an den blühenden Kastanienkerzen. Sofort verschwand der 'harte Zug aus ihrem Gesicht itnd das Blut schoß ihr in die bleichen Wangen. „Ist es wahr — v, Herr von Münster... ist es wirklich wahr? Er hat gelacht? Und gejauchzt?" „Ja. Und cs war sehr liebliche wie er nach den Blüten griff mit seinen kleinen Patschhändchen." Ein weiches Lächeln, das ihn unendlich rührte, spielte nm ihre Lippen. Dann richteten sich ihre dunklen 'Augen fast flehend auf Münster. „Sagen Sie mir ganz ehrlich die Wahrheit — Sie, der Sie niemals lügen: Halten Sie das Kind für geistig tot?" „Nein! Ich glaube mit, daß es sich langsamer entwickelt als andere Kinder. Wenn es mein Kind wäre, würde ich auf jede Art versuchen, seine 'Psyche zu wecken durch äußere Eindrücke." „Wenn es Ihr Kind wäre," Meta nickte gedankenvoll, „ja... das glaube ich wohl. Sie würden nicht..." Sie ritt eine Weile stumm neben ihm her. Dann hob sie den Kopf. „Und was würden Sie tun? Welche Eindrücke würden Sie ihm vermitteln?" „Vor allern würde ich es ut andere Umgebung bringen. Warum gehen Sie nicht einmal nrit brat Kinde an die See? Es würde Ihnen allen gut tun. Ein stilles Plätzchen an der blauen Adria — die milde Luft, die Seebäder, die Sonne, die Unendlichkeit... das alles müßte beruhigend und doch zugleich anregend wirken. Auch für... Niki." Ein bitteres Lächeln kräuselte ihre Lippen. „Ich wollte es. Aber er ist dagegen. Er findet alles nutzlos für das Kind." „Und... könnten Sie nicht allein mit Konradchen gehen? Wenn es Ihr Wunfch ist, würde Niki doch nichts dagegen haben?" Meta antwortete lange nicht. Endlich sagte sie hart: „Eben weil es mein Wunsch ist. Seit einiger Zeit macht es ihur Freude, das Gegenteil dessen zu tun, was ich wünsche. Bin ich hier, will er mich fort haben, und . will ich fort, dann verbietet er es mir ich habe viel verloren mit dem Tode meines Schwiegervaters. Alles!" Das Hegerhaus kant in Sicht. Tannen wölbten sich über seinem altersgrauen Dach, die ersten Monatsrosen blühten eben auf in dem kleinen Gärtchen davor. In den blanken, kleinen Fensterscheiben spiegelte sich- die Abendsonne. Meta hielt unwillkürlich ihr Pferd an. „Wie schön! Welcher Frieden!" sagte sie leise. „Nicht wahr? Ich wußte, daß es Ihnen gefallen würde. Dort, kommt auch schon die gute Frau Lombard — paßt sie nicht in ihrer rundlichen, behäbigen Frische zu dem Ganzen?" „Ja. Der Frieden lacht aus ihren Augen. Glückliche Fran —" Etwas schnürte Münster plötzlich das Herz zusammen. Schweigend half er Meta vom Pferde. Dann faßen sie rückwärts in der kleinen Bohnenlaube hinter dem Hause und tranken den Kaffee, den Frau Lombard bereitet hatte. Sie sprachen wenig, jedes war mit seinen Gedanken vollauf beschäftigt. Bis plötzlich Münster, ohne Meta anzusehen, sagte: „Haben Sie schon eine Einladung zu dem Feste bekommen, das Prinz Reinsperq in seiner neuen Villa geben will?" „Ja. Ich glaube, -es soll nächste Woche st-attfinden." „Und werden Sie hingehen?" „-Offen gestanden, habe ich keine besondere Lust." Meta blickte Münster voll ins Gesicht. „Sie sind mein wahrer Freund — vor Ihnen kann ich offen sprechen: Die Huldigungen des Prinzen haben einen Charakter angenommen in der letzten Saison, der inich verletzt. Vielleicht liegt es daran, daß ich in einfachen Kreisen aufwuchs, wo tn sittlicher Hinsicht alles klar war — für manche leichtere Auffassung gewisser Dinge, wie sie in der großen Welt gang und gäbe ist, fehlt tpir das Verständnis" — sie blickte verträumt in die Weite. „Niki hat mir das -oft übel genommen. Er nennt es kleinlich ... lächerlich." „Wie darf er das?" brauste Münster auf, während ihm das Blut zu Gesicht stieg. Ohne auf ihn zu achten, fuhr Meta grübelnd fort: „Ich glaube nicht, daß ich kleinlich bin. Ich könnte ganz gut verstehen, wie irgend eine große Liebe einen hinansreißen könnte über alle Grenzen irdischer Moral. Aber dann müßte man sich stolz und offen zu ihr bekennen ... müßte den Mut haben, zu dulden um ihretwillen... aber dieses Fcige-stch-verkriecheu hinter falschem Schein, dieses heimliche „chaugez les bames" diese anscheinend so yarm tosen Gespräche, hinter denen "sich so viel ilnlaüter- feit versteckt, jeden Moment bereit, hervorzubrechen oder sich zurückzuziehen, je nachdem der andere Teil sich zn den Andeutungen stellt... o, wie ich das hasse! Wie ich es hasse!" Meta, preßte die Finger so fest zusammen, daß die seinen Knöchel ganz weiß wurden. Dann blickte sie Münster fragend an. „Warum fragten Sie mich wegen des Festes? Nein, ich habe gar keine Lust, aber mein Mann wünscht, daß wir gehen. Er nennt meine Bedenkew. Kindereien." 34 „Darm weiß er offenbar nicht, was ich- uitb alle Welt weiß: daß dieses Fest Ihnen zu Ehren gegeben wird, Frau Meta, und daß es das Tauffest der Billa sein soll, dte Ihren Namen tragen wird! Eines aber weiß Niti sicherlich — daß die Gesellschaft eine sehr freie sein wird. Die Aristokratie hält sich diesmal ferne. Baronin Hösser, dre ehemalige Chansonette, rvird die Honneurs machen und Edith Torloui ihr dabei helfen. Der Prinz nennt das einen „Intimen Zirkel"." Münster blickte ernst vor sich hin. Dann'schloß er: „Ich weiß ganz gut, daß diese Mitteilungen ein Verrat an dem Prinzen sind, dem ich Nene, und ich werde morgen um meine Enthebung aus diesem Dienst bitten. Sagen aber mußte ich es Ihnen." Metas Gesicht war so weiß geworden wie das Tuch, welches Frarr 'Lombard über den Tisch gebreitet. hatte. Mit unnatürlich weit geöffneten Augen starrte sie auf den Sprecher. Als er geendet hatte, rang es sich! seltsam klanglos voil ihren Lippen: „Ich danke Ihnen. Ich werde nicht hingeheu. Meine Selbstachtung wenigstens habe ich mir über all den Jammer hinaus gerettet, und die will ich behalten." Sie wandte sich halb -ab, stützte den Kopf in beide Hände und schloß die Augen. So blieb sie regungslos. Längst war die Sonne hinter den Tannen verschwnn- den und blaue Schatten lagerten unter den Bäumen des Waldes. Der Steinachbach rauschte, uild irgendwo in der Ferne mischte sich der halbverwehte Gesang eines Hirten in das Glockengeläute des weidenden Wehes. Münster hatte sich zurückgelehnt und blickte unverwandt nach dem lichter; Abendhimmel, der sich seltsam hell und klar von den dunklen Linien der Bergkonturen abhob. Güte Schar goldner Wölkchen zog wie leuchtende Schmetterlinge darüber hin. Dann wurden sie rosa und nun violett... im Westen glühte es noch einmal auf, purpurrot urid grell. Dann wurde alles grau. Die Schmetterlinge verschwam- men, die Berge wurden schwarz und scharf wie aus Metall geschnitten. Und plötzlich bemerkte Münster, wie zwei große Tränen aus Metas geschloffenen Lidern quollen und langsam die blassen Wangen 'hinabkollerten. Bestürzt, zum erstenmal int Leben völlig fassungslos, sprang er auf und ergriff ihre Hände. „Gnädige Frau ... Frau Meta... um Gotteswillen, Sie weinen! O, hätte ich das geahnt, — ich hätte geschwiegen... ich..." Sie schüttelte den Kopf, ohne ihrn ihre Hände zu entziehen. „Nein," stammelte sie mit zuckenden Lippen, „Sie sind ja mein Freund, der -einzige wahre, der immer klar urid offen zu mir war. Sie mußten es mir sagen. Und ich muß es Ihnen auch sagen, in dieser Stunde, daß Sie... Ihre Freundschaft... der -einzige Lichtstrahl in meinem armen Leben sind." Unverwandt ruhten ihre Augen aufeinander, vergessen blieben ihre Hände in den feinigen liegen. Und ganz langsam stieg etwas Fremdes, unsäglich Süßes, Leuchtendes zwischen ihnen auf. Es griff nach! ihren Seelen und verschmolz sie zu einer. Es' löschte alles um sie herum aus, was nicht zu ihnen gehörte: Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft... Ein seliges, selbstvergessenes Lächeln glitt von Metas Gesicht auf Münsters ernste Züge hinüber und verklärte sie, umhüllte sie beide, daß sie aussahen wie von seltsamem Glanze umflossen. Dann fuhr Münster plötzlich zurück, als habe er einen Schlag erhalten. Ein paar Krähen toarett mit Gekreisch und Flügelschlag in den Tannen aufgeflattert und hatten die beiden da unten in der dämmernden Laube erweckt aus ihrem Traum. Schrecken malte sich- aus ihren Gesichtern, das Lächeln war erstorben, der Glanz erloschen. Kalt und brutal grinste ihnen die Wirklichkeit entgegen. Sie wagten nicht, einander anzusehen. Münster legte ein Geldstück auf den Tisch und trat vor die Laube zu den. Pferden, die an einen Baum gebunden waren. „Es ist spät," sagte er schwer atmend, „wir müssen Keim." Dabei durchzuckte beide derselbe Gedanke. „Heim — als ob einer von uns ein „Heim" hätte!" Meta folgte ihm. Schweigend bestiegen sie die Pferde, riickten Frart Lombard, welche unter der Haustür stand urtd ihnen verwundert nachblickte, zu und- ritten, so rasch es der Weg erlaubte, abwärts. Keiit Wort Untrbe gesprochen während des Rittes, bis die Lichter der Stadt vor ihnen auftauchten. Da sagte Münster rauh: „Ich werde morgen noch um meine Versetzung einkommen. Bis dahin, wenn es unvermeidlich wäre, uns zu sehen, seien Sie barmherzig!" Etwas in ihr bäumte sich wild auf unter seinen Worten. „Sei du barmherzig!" schrie es. „Lasse mich uicht allein in dieser Wüste, — nimm mich mit dir!" Aber sie preßte die Lippen fest zusantmert und schwieg'. Abends kniete sie nm Bett ihres Kindes ttnb stammelte schluchzend, während unaufhaltsam Tränen ihr Gesicht überfluteten: „O du... nun bist du mein alles aus Erden, mein Einziges... mein Letztes... mit Herzblut erkauftes Kind!" VI. Es war zwei Tage vor Weihnachten. Meta stand in dem groß eit Salon und putzte eine große Tanne für Kourad- chen. auf. Sie war noch schlanker und mädchenhafter geworden in den letzten Monaten. Jihre Schönheit hatte das Strahelnde verloren. Die Farben waren verblichen, ein weher Ausdruck lag über ihren Zügen wie kalter Reif über einer Sommerlandschaft. Immer neue Kerzen holte sie aus dem Körbchen am Tisch, um sie auf die Zweige des Baumes zu verteilert. Lichter! Nur recht viel Lichter! Vielleicht würden die ein Lächeln auf -die ausdruckslosen Züge "des Kiitdes locken. Wie damals int Frühling, als ein anderer es -auf. seinen Armen zu den blühenden Kerzen der Kastanien getragen hatte. Nie wieder seit damals hatte das Kind gelächelt. Nie wieder war ein Laut über seine Lippen gekommen, wie sehr Meta sich auch mühte. Aber vielleicht lag es daran, daß sie selber nicht rrtehr lächert konnte und froh sein. Kinder brauchen Licht und Wärme. Lichter auf den Baum! Wachslichter wenigstens!... Leise öffnete sich die Tür. Eine alte Frau, auf eilten Stock gestützt, trat mühselig -ein — Frau Bettina. Sie war in zwei Jahren eine Greisin geworden. S.e betete viel und sprach in weinerlichem Tone. Sie g'itg langsam ein wie ein Licht, in dem der 'Docht zu Ende ist. Für die Außenwelt besaß sie nur mehr wenig Interesse. „Ich bin heute gekommen, Meta," sagte sie, sich ans den Stuhl fallen lassend, den ihr die Schwiegertochter rasch hingerollt hatte. „Am Heiligen Abend möchte ich am liebsten -allein in meinen vier Wänden bleiben." „O, Mama — du willst nicht zu uns kommen?" Meta blickte bestürzt drein. Sie hatte die Gegenwart der Schwiegermutter als erlösendes Moment betrachtet an diesem Abend. Nun sollte sie allein mit Niki und dem geistig toten Kinde... „Ach, bitte, komm doch!" „Nein, -es -geht nicht. Hier erinnert mich alles zu sehr an... nein, ich komme nicht." „Liebe Mama — und ich? Du weißt, wie trostlos es ohne dich sein wird." Die Alte rückte unruhig auf ihrem Stuhl herum. Sie wollte nichts wissen, nichts -hören. Sie konnte es nicht ändern, so wollte sie auch am liebsten nicht sehen, wie es hier stand. „Du mußt selber sehen, Ivie du fertig wirst," murmelte sie. „Jeder muß mit seinem Schicksal selber fertig werden." Meta preßte die Lippen bitter zusammen. Das war die Liebe und das Verständnis, welches sie bei der -einzigen Verwandten fand! „Warum hast du Elfriede und Otto nicht eingeladen?" sagte Frau Bettina nach einer Pause. „Ich tat -es ja, aber' Tante Emma gibt sie nicht her, und ich kann ihr doch nicht sagen, wie notwendig mir die Kinder wären." Dabei dachte sie -an jene Stunde, in der ihre Schwiegermutter ihr nach dem Tode ihrer Eltern gesagt hatte: „Nun erst ganz ist -deine Heimat in Herminenruhe." (Fortsetzung folgt.) 35 Abenteuer des Brigadier Gerard. Von C. Doyle. Wie bet Brigadier vorn. Teufel versucht wurde. (Fortsetzung.) Der alte $ternenn und Berthier wälzten sich unter bem1 umgefallenen Tische auf dem Boden. Die'gelbe, inöcherne Hand des Hauptmanns hatte den Marschall am Hälfe gepackt, und des letzteren Gesicht war bereits ganz verfärbt, seine Augen weit aus ihren Höhlen getreten. Tremeau aber war fast von Sinnen vor Wut; der Schaum stand ihm vor dein Munde, und seine Züge irrigen einen Ausdruck, der mich erschreckte. Ja, ich bin der festen Ueberzengung, hätten wir seine Finger nicht einzeln von ihrem Opfer gelöst, sie hätten nicht abgelassen, bis der Marschall den letzten Atemzug getan. Nun stand er auf und schrie: „Der Teufel hat mich in Versuchung geflihrt, ja, ja, der Teufel hat mich in Versuchung geführt!" Berthier lehnte fidji an die Wand, hielt sich den Hals und wendete den Kopf vor Schmerzen hin und her. Nachdem so einige Minuten verstrichen waren, wurde der schwere, blaue Vorhang hinter Berthiers Stuhl zur Seite geschoben — und der Kaiser trat hervor. Wie der Blitz stellten wir drei alten Soldaten uns auf, um zu salutieren, und doch wußten wir nicht, ob wir wachten oder träumten, und wagten nicht, unseren Äugen zu trauen. Napoleon trug die grüne Uniform der Jäger und hatte die kleine Reitgerte mit dem silbernen Knopf in der Hand. Er blickte uns der Reihe nach mit jenem furchtbaren Lächeln an, an welchem weder die Augen noch die Stirn Teil hatten — und jeden von uns überrieselte wohl bei diesem Anblick ein kleiner Schauer. Dann schritt er zu Berthier hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Zürnen Sie diesen Schlägen nicht, lieber Fürst, fie_ ehren Sie." Jetzt hatte sein ganzes Wesen etwas unendlich Sanftes und Einschmeichelndes an sich. Habe ich doch niemonb gekannt, der unserer Sprache einen so bestrickenden Wohllaut verleihen konnte, aber auch niemand wiederum, in dessen Munde sie härter und schrecklicher geklungen hätte. „Ich glaube, er würde mich getötet haben!" klagte Berthier, immer noch, den Kopf hin- und herwiegend. „Nein, ich wäre Ihnen schon zu Hilfe gekommen, wenn diese Offiziere Sie nicht gehört hätten. Hoffentlich sind Sie nicht ernstlich verletzt!" In diesen Morten lag 'ein Ton der Besorgnis; denn er Hatte Berthier wirklich gern, lieber vielleicht, als irgend einen anderen, ausgenommen wohl meinen armen Freund Duroc. Berthier lachte gezwungen auf. „'s war mir etwas Neues, Beleidigungen von. der Hand eines Franzosen zu empfangen." „Und doch geschah cs im Dienste Frankreichs," begütigte der Kaiser. Nun wendete er sich! zu uns und faßte den alten Tremeau am Ohr. „Eh, alter Brummbär," sagte er zu ihm, „sind doch mit mir in Aegypten gewesen und haben fid), bei Marengo Ihr Ehrenschwert geholt! ~ Im ja, lieber Freund, kenne Sie recht wohl! So, so, der alte Krater ist also noch nicht ausgebrannt, da loderts noch auf, wenn man meint, dem Kaiser geschieht unrecht! Sie aber, Oberst Despienne, ließen den Versucher nicht einmal.ausreden, nnb meines Gerards treues Schwert will auf einig zwischen mich und meine Feinde treten? Nun, wir haben letzthin der Verräter genug lennengelernt, ober heute habe ich gesehen, daß auch noch treue Herzen für mich schlagen." Ein unbeschreibliches Gefühl von Wonne durchrieselte uns, als wir den größten Mann der Welt so zu uns sprechen hörten. Tremeau zitterte so sehr, daß ich fürchtete, er möchte umfallen, und die Tränen rannen ihm in den großen Bart hernieder. Ja, wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich keinen Begriff toion dem Ein'!ns machen, den der Kaiser auf diese alten, rauhen Veteranen ausübte. „Nun, meine Getreuen," sprach der Kaiser, „wenn Sie mir jetzt in dieses Zimmer folgen wollen, will ich Sie über den Zweck der kleinen Komödie, die wir mit Ihnen gespielt, aufklären. Sie, Berthier, bleiben wohl indes hier und sorgen, daß uns niemand stört." Das Ding war uns neu. Ter Kaiser wollte uns in feine Pläne einweihen, während ein französischer Marschall an der Tür Schildwache stand! Aber wir folgten dem Kaiser in eine tiefe Jensterbrüstung, er stellte sich vor uns hin, und seine Stimme sank sunt Flüstern herab. „Meine Wahl ist ans Sie gefallen, weil L>w nicht nur die tüchtigsten, sondern auch die treuesten Soldaten in meiner ganzen Armee sind. Ich war fest überzeugt, daß keiner von Ihnen je in seiner Ergebenheit gegen mich wanken würde. Wenn ich trotzdem gewagt habe, Sie auf die Probe zu stellen, so geschah es nur, weil ich in diesen Tagen, wo mein eigen Fleisch und Blut den schwärzesten Verrat an mir geübt, doppelt vorsichtig sein muß. Seien Sie versichert, mein Vertrauen in Sie ist, nach bem, was ich in dieser Stunde erfahren, über jeden Zweifel erhaben." „Bis in den Tod getreu, Sire!" rief Tremeau, und wir andern stimmten bei. Napoleon Hieß uns noch näher herantreten und sprach nun so leise, daß seine Worte nur eben von uns vernommen werden konnten. . „Was Sie jetzt erfahren, weiß kein Mensch, ja, nicht einmal meine Gattin und meine Brüder, 's ist aus mit uns, meine Freunde, das Spiel ist zn Ende, und wir haben verloren." Alls ich ihn so reden hörte, da wurde mir das Herz in der Brust schwer wie ein Neunpfünder. Trotz, unserer verzweifelten Lage hatten wir bis jetzt immer noch zu hoffen gewagt; nun aber verkündeten die Lippen des Mannes, der bei allen Wechselfällen immer noch seine heitere Ruhe bewahrt, der immer neue Hilfsmittel zu schaffen verstanden, daß die schwarzen Wetterwolken sich um uns zugezogen, daß nicht der schwächste Hoffnungsschimmer uns noch leuchtete. Tremeau fuhr grollend an feinen Säbel, und Despienne knirschte wütend mit den Zähnen, während ich mich in Positur stellte und die Hacken zusammenklappte, damit der Kaiser sah, es gab noch Leute, die Mißgeschick zu nehmen wußten. „Es ist von der größten Wichtigkeit, daß meine Papiere und mein Geld in Sicherheit gebracht werden," fuhr der Kaiser, flüsternd fort. „Der Erfolg eines neuen Unternehmens und meine ganze Zukunft hängen davon ab. Diese Bourbonen werden bald genug einsehen, daß mein Fußschemel zu groß ist, um einen Thron für sie avzugeben. Wo aber diese wichtigen Dinge, die mir mehr wert sind, als mein Leben, ausbewahren? Mein Eigentum und die Häuser meiner Anhänger wird man natürlich durchsuchen. Deshalb brauche ich eben Männer, auf die ich mich verlassen kann, und auf Sie ist 'meine Wahl gefallen. JBor allem sollen Sie hören, worin diese Papiere bestehen, denn Sie dürfen nicht blinde Werkzeuge in dieser heiligen Sache sein. Es sind die amtliche,t Urkunden meiner Trennung von Josephine, meiner recht kräftigen Ehe mit Marie Luise und der Geburt des' Königs von Rom. Höchst wichtige Dokumente, meine Herren, mit deren Verlust die Ansprüche meiner Familie auf den Thron Frankreichs erloschen sein würden. Außerdem handelt es sich noch um Wertpapiere im Betrag von beiläufig 40 Millionen Franks — auch ein ganz hübsches Sümmchen, aber verschwindend klein gegen den Wert jener Urkunden. Begreifen Sie jetzt die ungeheure Wichtigkeit Ihrer Aufgabe? Jetzt lassen Sie sich, sagen, wo Sie diese Papiere finden werden und was Sie damit zu tun haben: „Sie sind heute morgen meiner treuen Freundin, der Gräfin Walcwski in Paris, eingehändigt worden, und diese fährt damit um 5 Uhr in ihrer blauen Reisekalesche von dort nach Fontainebleau, so daß sie gegen 10 Uhr eintreffen muß, Tie Papiere find in ihrem Wagen verborgen, aber das Versteck kennt niemand, außer ihr selbst. Man hat sie bereits in Kenntnis gefetzt, daß drei berittene Offiziere sie vor der Stadt anhalten werden, und fie wird Ihnen das Paket ohne weitere Umstände übergeben. Sie, Gerard, sind zwar der Jüngste, haben aber den höchsten Rang, und deshalb vertraue ich Ihnen diesen Amethystring an; ihn mögen Sie der Dame zur Beglaubigung Ihrer Mission vor- zeigen und dann, als Empfangsbescheinigung für die Papiere, überlassen." „Mit diesen Dokummten reiten Sie in den Wald hinein, bis an das verfallen- BnrhmWuschen. Möglich, daß ich selbst S'e do t ertoirte; sollten sich mir indes Schwierigkeiten in den Weg stellen, so senoe cch meinen Leibdiener Mustapha, dessen Weisungen Sie als meinen eigenen nachkommen mögen. Das Häuschen ist ohne Dach, und wir haben heute Vollmond. Rechts an der Wand werden Sie drei Spaten lehnen sehen; graben Sie damit ein drei Fuß tiefes Loch in der nordwestlichen Ecke — also in der Ecke, links von der Tür, nach Fontainebleau zu. Sie bergen diese Papiere drin, bringen alles wieder sorgfältig irt Ordnung und erstatten mir dann hier Bericht." So lauteten des Kaisers Befehle für uns, die er mit der ihm im hohen Grade eignen Genauigkeit und Ausführlichkeit erteilte. Als er geendet, ließ er uns schwören, das Geheimnis zu wahren, so lange er lebte, und so lange die Papiere dort verborgen sein würden, und entließ uns nicht, bis wir wiederholt jenen Eid geleistet. Oberst Despienne hatte in der „Krone" Quartier genommen, und dort speisten wir nun zn Abend. Wenn wir drei auch nachgerade gelernt hatten, die merkwürdigsten Ereignisse nnb Aufträge als einen Teil unseres Lebens zu betrachten, so versetzte' uns dock diese seltsame Unterhaltung und das Abenteuer, das vor uns lag, in die größte Aufregung. Mir war es ja nichts Neues, Befehle direkt aus dem Munde des Kaisers zu cmpsaiigen — aber was war mein Renkontre mit den Brüdern von Ajaccio, sowie mein berühmter Ritt nach Paris im Vergleich zur Bedeutung dieser Mission gewesen? , „Wenn das Ding glückt," bemerkte Despienne, „so winkt uns allen noch der Marschallsh-ut und -stab." Das schien uns plausibel, und wir stießen auf unsre zukünftige Größe an. Um das Aussehen und das Gerede zu vermeiden, welches voraussichtlich entstehen würde, wenn man drei so wohlbekannte Männer zusammen zur Stadt hinansreiten sah, beschlofsen wir, uns einzeln nach, einem Versammlungsort, und zwar öem ersten Meilenstein auf der Straße nach Paris, zn begeben. Nun hatte Bioletia an jenem Morgen ein Hufeisen verloren, und der Hufschmied war noch mit ihr beschäftigt, als ich znrückkam, so daß 38 meine Kameraden vor mir an dem Ort unseres Rendez-vous eintrasen. Ich hatte meinen Sabel mitgenommen, aber außerdem noch ein paar prächtiger, englischer Pistolen; 150 Franks hatten mich die Waffen bei Trouvel,. Rue de Rivoli, gekostet, aber es war nicht zu teuer gewesen. Es waren dieselben, mit denen ich in der Schlacht bei Leipzig dem alten Bo uv et das Leben gerettet. Ein. sternenklarer Himmel wölbte sich an jenem. Abend über uns, und der Mond schien so hell hinter uns drein, haft uns immer drei schwarze Schatten auf der Landstraße voranritten. Weit sehen konnten wir vor den vielen Bäumen allerdings nicht, und so ost wir auch lauschten, immer noch war von der Gräfin nichts zu hören, obgleich die große Uhr aus dein Schlosse bereits 10 Uhr geschlagen hatte. Schon begannen wir zu fürchten, daß ihr etwas zugestoßen sein möchte, als iuir in der Ferne das schwache Rallen eines Wagens und das Ausschlagen von Pferdehufen vernahmen. Das Geräusch wurde lauter und lauter, bis endlich ein Paar gelbe Lichter um die Biegung kämen, bei deren Schein wir ein Paar große, braune Rosse erblickten, welche eine hohe, blaue Karosse in scharfem Trabe hinter sich Herzogen. Der Kutscher brachte knapp vor uns das schaumbedeckte, schnaubende Gespamc zum Stehen, und augenblicklich standen wir salutierend am Fenster. Ein schönes, blasses Gesicht schaute uns an. „Wir sind jene drei Offiziere des Kaisers, Madame," sagte ich, mich an das offene Fenster niederbiegend, mit leiser Stimme. „Sie sind bereits benachrichtigt worden, daß wir Ihnen hier unsre Aufwartung niachen würden." Das zarte, blasse Gesicht der Gräfin wurde kreideweiß, und ihre Züge nahmen einen harten Ausdruck an, als sie uns der Reihe nach forschend anschaute, nm endlich zu bemerken: „Ich sehe, daß Sie alle drei Betrüger sind." Ein Schlag von ihrer schlanken, weißen Hand hätte mich nicht mehr verwunden können, als diese Worte, rind der bittere Ton, mit Ivelchem sie sprach. „Madame," sagte ich, „Sie lassen uns wenig Gerechtigkeit widerfahren. Hier Oberst Despienne und Hauptmann Tremeau. Ich bin der Brigadier Gerard, und dieser Name spricht doch wohl für sich selbst." „Oh, Sie Bösewichter," klagte sie, „Sie meinen, weil ich nur ein schwaches Weib bin, werde es Ihnen ein Leichtes sein, mich hinters Licht zu führen. Oh, Sie elende Betrüger!" Ich warf Despienne einen Blick zu — der war vor Schrecken erbleicht, während Tremeau seinen Bart wütend bearbeitete. Nun wendete ich mich abermals der Dame zu und sagte in sachlichem Tone: „Madame, als wir die Ehre hatten, vom Kaiser mit dieser Mission betraut zu , werden, da händigte ec mir diesen Amethystring als Ausweis ein. Ich hätte nicht geglaubt, daß drei Männer von Ehre einer solchen Bestätigung bedürften, aber wie ich sehe, kann ich Ihren unwürdigen Verdacht nur widerlegen, indem ich diesen Ring in Ihre Hände überliefere." Sie hielt ihn prüfend gegen das Licht der Laterne, und Stummer und Entsetzen sprachen aus ihren Zügen. „'s ist sein Ring, 's ist sein Ring!" wehklagte sie. „Oh, mein Gott, mein Gott, was häbe ich getan!" Ich sah, daß etwas Schreckliches vorgefallen sein mußte und drängte: „Schnell, schnell, Madame, geben Sie uns das Paket!" ,^Jch habe es schon hergegeben!" „Schon tzergegeben? Wem denn?" „Drei Offizieren!" „Wann?" „Bor einer halben Stunde etwa." „Wo sind sie?" „Bei Gott, ich weiß es nicht. Sie hielten meinen Wagen an, und ich gab ihnen Idas Paket ohne Bedenken, denn ich meinte, der Kaiser habe sie geschickt." (Fortsetzung folgt.) Line japanische perl-nsarm. Japan kann sich rühmen, die einzige wissenschaftlich organisierte Perlensarm zu besitzen; denn den Söhnen des fernen Ostens ist es gelungen, das Geheimnis einer erfolgreichen Perlenzüchtung zu ergründen. Diese Farm für Perlmuscheln, der Henry Taylor im Wide World Magezine eine eingehende Schilderung widmet, wurde von einem bekannten japanischen Zoologen Dr. Mikimoto begründet. Ihr Hauptgnartier befindet sich auf der Totokujuma-Jnsel in der Ago-Bai. Auf einer weit in das Meer hiuausreichenden Landzunge breiten sich die mannigfachen Gebäude aus, die die Perlenfarm bilden, darunter ein Laboratorium für wissenschaft- lcche Experimente, Sortierhallen, Packräume, Bureaus unb die Wohnung des Direktors. Die Farm, die einen idyllischen Eindruck bietet umfaßt eine Fläche voll 29 englischen Seemeilen im Geviert. Tw Perlenauster, die auf dem Meeresgrurrde gefunden wird, gehört zii der Art M. martensi; ihre Produkte ähneln den berühmten Perlen Eeylons. Der Gedanke, eine künstliche Perlenknltnr ber- vmzurufen, ist so alt wie die Kenntnis von der 'Entstehung der Perlen. So lange die Alten sich mit den mehr poetischen als wahrscheinlichen Erklärungen begnügen, Perlen seien Tautropfen, die in Mnscheln fallen, oder Produkte des in Muscheln fahrenden Blitzes, konme frintich nicht der Wunsch entstehen, die kostbaren Edelsteine durch eigene Macht hervorzubringen, aber schon Sinne, der „Vater der Naturgeschichte", hat den Gedanken ausgesprochen, in den Schalei: der Austern mit einem seinen Bohrer Löcher an- gubringeii und dann einen kleinen Fremdkörper einzuführen, der als Stern für die Anhäufung der Perlmutterschichten notwendig ist. _ Sein Gedanke ist erst in neuester Zeit von der europäischen Wissenschaft aufgenommen worden; so sah inan ans der Internationalen Fischerei-Ausstellung in Berlin von 1888 Perlen, die in Deutschlands künstlich gezüchtet ivaren; in den letzten Bahren haben die Franzosen interessante derartige Versuche gemacht. Lauge vorher aber ivar es schon den Chinesen geglückt, Perlen zu züchten, inbent sie kleine Tonkörnchen oder bleierne Götzenbildchen in die Muscheln einführten, die dann durch den krankhaften Prozeß mit Perlmutterschichten überzogen wurden. Nirgends ivar man aber so weit gekommen, nm Perlen von wirklich hervorragender Qualität zu züchten und da Größe, Form und Glanz für den Wert der Perle entscheidend sind, so kam es vor allem darauf an, wirklich erstklassige Pc-'m tze norzubr ngcn. Tas ist nun Tr. Mi/imrto au se ne: Pe.lensarm na h langen Experimenten gelungen. Seit 20 Jahren wirft ei, wie jeine Bekannten zunächst spöttisch sagten, „sein Geld ins Wasser". Aber nun erhält er es mit Zinsen und Zinseszinsen zurück. 1896 hat er seine Farm in bescheideirem Umfange gegründet; 1898 kam die erste Ernte auf den Markt, und heute stammen ein Teil der schönsten Perlen von dieser eigenartigen Zucht in der Ago-Bai. Die Art der Züchtung ist sehr einfach. Jedes Jahr in den Monaten Juli und August werden kleine Fels- und Steinstücke an die Stellen gelegt, wo die Larven der Perlenaustern am zahlreichsten gefunden worden sind. Bald hat sich Austernlaich darauf angesetzt, und nun werden die Steinstückchen in flaches Wasser gesetzt, während des Winters dann in größere Wassertiefe gebracht und sorgfältig in dafür vorbereitete Lager gelegt. Hier bleiben die Austern bis ins dritte Jahr; dann werden sie aus dem Meer genommen, und nun erfolgt die Operation, die zur Bildung der Perlen führt. Man bringt in die Muschel ein rundes Stückchen Perlmutter, das als Kern dient, um den sich nun die Perlmutterschichten wie-die Häute einer Zwiebel herumlegen. Die Muscheln werden in die See zurückgebracht und müssen wenigstens 4 Jahre in Ruhe gelassen werden, dann ist die Perle fertig. Tie Perlenzucht ist sehr vielen Gefahren ausgesetzt; sie schädigen die üppig wuchernden Seegräser, die Seepolypen und jene Bakterien, die die Rotfärbung des Wassers Hervorrufen. Tic ganze Arbeit, vor allem auch das gefährliche und wichtige Werk unter Wasser, wird von Fra u eit besorgt, denn die Perlentaucherei liegt in Japan von altershcr in den Händen des schwächeren Geschlechts. Tie Frauen, die von Kindheit an zu diesem Beruf trainiert werden, vollbringen in ihren knappen weißen Taucheranzügen wahrhaft erstaunliche Leistungen und nehmen mutig den Kampf mit den zahlreichen Seepolypen auf. Rsssffsvnmg. Auflösung in nächster Nummer. anl diesen ein rot machen stan ach morg n heut den tot gehört tag mor bis das über nung nicht vor seine glück dir nur gen du aber kann rech lich Auflösung der Skat-Anfgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr — Treff, p ique, c — (ioeur, car = Earreau tiB — Treff-Bube, pA = Pique-Aß, cD — Coeur-Dame usw. Das Spiel gebt verloren Im Skat liegen t,7 und pZ. Bor- Hand erhielt: pA, pK, pD, p9, p8, p7, cZ, cK, c9, c8, Hinterhand die übrigen. Gang des Spieles: V. pA M. trD H. trA — — 25 H. cD V c8 M. cA Die nächsten Stiche macht gleichfalls der Spieler; schließlich muß et doch mit Garreau kommen: M. carD £>. carK P. cZ — ]7 H. carA V. pK M. carZ— — 25. Tie Gegner haben somit N7 Anaen erhalten. Redaktion: K. N e u r a t h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts-Bnch- und Steindtuckerei, R. Lange, Gießem