Samstag, den \5. November 4 < 4 JL W M ; x " ^Z^W'E^ «fea II W 1 W MUil W£5^ ®8s$?Ä Lsuerndlut. Montan von Gerhart t>. Amhntor (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung^) „Nun, warum denn so sttll?" fragte ihn Carvalho, der das Steuer erfaßt hatte, während der bei seinem Poste.kjreycn nusgeruhte Fritz ans Leibeskräften ruderte. „Zehr sind wrr geborgen, und kein Teufel wird fe heraus- l'riegen, wer den Besuch im Schlosse gemacht — ha, ha!" Er fachte behaglich. „Schade, daß man sich keine Zigarre anzünden kann, aber der verdammte Wind erlaubt es nicht." Statt einer direkten Antwort auf die Frage, warum er so still wäre, sagte Peter nur: „Geben Sie mir das Steuer, das Wasser ist unruhig und wir kentern noch, wenn wir das Boor nicht besser gegen die Wellen halten." Er hatte schon als Schüler sich fleißig auf den Spree- und Havelfeen umhergetrieben und eine leidliche Sicherheit in der Führung eines Bootes gewonnen; so brachte er denn auch trotz Wind und Wellen das schwanke Fahrzeug glücklich ans andere User. Earvalho uno Fritz sprangen sofort ans Land, Peter aber nahm erst das Steuerruder von der Pinne und legte es ins Boot, und jit dem Ruder legte er die beiden Riemen, genau so, wie er sie darin gesunden hatte; nun erst stieg er aus und stieß mit kräftigem Fußstoß das Boot in den See zurück. , .. „ „So, der Sturm mag es wieder nach drüben treiben, und tvenn man's morgen findet, mag man glauben, daß es nur vom Unwetter losgcrissen wurde." „Sind Sie hier bekannt?" fragte Carvalho. „Gewiß. Das ist Doben, von jetzt ab die Sommer- residenz des alten Lampert, ha, ha, ha! Eine nette Welt!" Er spuckte iiigrimmig aus. „Irgendein Franzose wimschte ja wohl den letzten Edelmann an den Gedärmen des letzten Geistlichen hängen zu sehen? Ich habe einen besseren Wunsch: Erst müssen den Geldprotzen und Profctkanaülen alle ihre Pfandbriefe und Staatsschuldscheine in den Rachen gestopft werden, bis daß sie daran ersticken; eher ist an eine sittliche Gesundung dieser pestkranken Welt nicht zu denken." „Wir wollen uns jetzt nicht aufregen, bester Freund, sagte Carvalho, und er hatte Mühe, die Geringschätzung zu unterdrücken, von der er diesem noch immer an Sittlichkeit glaubenden Schwätzer gegenüber erfüllt war. „Wir wolleii froh sein, daß alles so glücklich abgelaufen iifti. Bon heute an sind Sie unser mit Haut und Haar! Durch diese gemeinsam verübte Tat haben wir gewissermaßen Blutsbrüderschaft getrunken. Morgen komme ich zu Ihnen, um Ihnen die bewilligte Prämie zu zahlen; jetzt trennen wir uns, es ist besser, tueiui wir nicht zu dreien nach Berlin zurückkehren." Peter begriff nicht recht, warum ihm der andere nicht auf der Stelle die ihm zukommenden tausend Taler einhändigte; er hätte ihre sofortige Auszahlung verlangen können, sie waren sein ausbedungener Lohn. Aber sonderbarerweise war ihm diese Verzögerung eigentlich ganz erwünscht; solange er noch nichts von diesem Sündengelde berührt hatte, solange durfte er sich noch gewissermaßen für einen rechtschaffenen Menschen halten. So sagte er denn den beiden Genossen Lebe-i wohl: „Ich halte mich links und suche die Landstraße zu gewinnen. Wo wollen Sie denn dort nach rechts hin?" • „Nach der nächsten Bahnstation hinter Giesdorf, wo man uns noch nicht gesehen hat; mit dem ersten Frühzuge dampfen lvir von da nach Hause." „Dann auf Wiedersehen!" „Auf frohes Wiedersehen!" grüßte Carvalho, mit Betonung des Beiworts. „Es fängt wieder an zu regnen. Sturm und Nässe werden unsere Fußspuren bis zur Unkenntlichkeit austilgen. Adieu!" Und als er den Peter den Rücken gewandt hatte und mit Fritz in westlicher Richtung davonging, raunte er diesem spöttisch zu: „Auch er gehört zu jenen Leuten, die — nie alle werden." Peter hatte die Landstraße erreicht und schritt nun eilig derselben Station zu, die er am Abend verlassen hatte. Es war nicht unmöglich, daß er noch zum letzten Nachtzuge zurecht kam. Er griff in seine Brusttasche, um sich zu versichern, ob er das Stemmeisen noch hatte. Gewiß, es ivar noch vorhanden; aber, Himmel, wo war denn der Brief? Er hatte doch den Brief seines Schnsters, der ihn energisch gemahnt hatte, noch am Nachmittage in diese Tasche gesteckt. Oder irrte er sich? Hatte er den Mahnbrief zu Hause liegen lassen? Nun, das mußte sich ja bald aufst klären, wenn er den Brief auf dem Wege zum Schlosse oder vielleicht gar am Tatorte verloren hatte, es war vrel- leicht noch lange nicht so schlimm, als toemt er von jener Erscheinung am Fenster erkannt worden war; wußte Fräulein Ellen, wen sie gesehen hatte, dann war er verloren! Bielleicht ließ sich doch noch nachträglich die Mögliche keit eines Alibi-Beweises herstellen; jedenfalls mußte er sich morgen seine dreitausend Mark auszahlen lassen, um für alle Fälle die Mittel zu einer schleunigen Flucht insi Ausland zu besitzen. „Ich freue mich, Kläre, daß du die Sache so ruhig auffaßt," sagte der Freiherr von Brank am Morgen nach dem Einbruch zu seiner besseren Hälfte. „Na, weißt du, Kurt, so ruhig Bin cch gerade nicht, versetzte Frau Klara mit zusammengezogenen Brauen, unter denen hervor ihre weitgeöffneten, hübschen, blaue,r Augen nach dem leeren Wandschränkchen einen bestürzten Blick warfen: „aber hin ist hin, und durch Klagen und La- mentieren kommt das Verschwundene nicht wieder." , So denke ich auch, und ivenn die Geschichte nur auch ein tüchtiges Loch in meine Kasse macht, bankerott werde ich davon nicht werden." 714 Frau Klara ist an beit Gatten herangetreten, fte schmiegt zärtlich ihr frisches Gesichtchen an seine Schulter und blickt dabei liebevoll zu ihm auf. . „Wenn ich bedenke, daß du heute nacht vtellercht nt Lebensgefahr geschwebt hast . . „Ich? Wieso denn?" „Nun, wenn du ein Geräusch gehört hättest, so wärest du sicher anfgestanden und hierher geeilt . . ." „Freilich, ich hätte auch eine Schießwaffe mitgenommen und die Lebensgefahr wäre wahrscheinlich auf Seite des ungebetenen Gastes gewesen." „Wer weiß, ob es nicht mehrere waren! Ich danke Gott, daß ivir nichts gemerkt haben. Wer Männe, eins mußt du mir versprechen." „Was denn, Geliebte?" „Du bestellst-noch heute den Tischler und läßt Laden an unsere Fenster machen." „Wer ich bitte dich. Kläre, jetzt, wo wir nun einmal! in den Brrmnen gefallen sind, sollen wir ihn zudecken? Und wenn er sich noch zudecken ließe! Fensterläden haben noch nie einen Einbrecher abgehalten. Ich bin ganz allein schuld! Hätte ich das Geld dort in den Kassenschrank getan, es wäre jetzt noch vorhanden." „Ich war zu faul," fuhr der Freiherr fort, „den ganzen Hokuspokus bei Oeffnung und Verschluß des diebesicheren Geldspindes wieder durchzumachen, deshalb wählte ch das viel bequemere Wandschränkchen, in dem man nur einfach den Schlüssel umzudrehen hat." „Was den Spitzbuben gewiß sehr angenehm war." „Freilich, ich bekenne ja reuig: mea culpa, mect maxima culpa! Ein Glück, daß ich mein Wirtschaftsgeld in den Kassenschrank geborgen hatte! Uebrigens war es nicht bloße Bequemlichkeit, ein wenig sollte mich auch meine Gicht entschuldigen . . . Hu! wie das wieder zwickt und reißt!" Er griff, eine Grimasse schneidend, nach seinem Beine. „So mache dir's doch bequem, du Aermster!" bat die Gattin, und wandte sich, um ihm einen Sessel heranzn- rollen. Doch er winkte ihr ab: „Nein, Kläre, laß alles stehen und liegen, so wie es sich befindet! Hier in diesem Zimmer darf nichts angerührt werden, bis die Behörde hier ge- svesen ist! Ich ziehe mich in die Bibliothek zurück, willst du mir dort Gesellschaft leisten, will ich dir dankbar deine kleine Patsche küssen." „Ich schicke dir Ellen, Männe; mich mußt du noch entschuldigen, ich habe noch Häusfrauenpflichten." Nach wenigen Minuten saß Ellen bei ihrem Papa, der sich in einem Lehnstuhl der Bücherei ausgestreckt hatte und das schmerzhafte Bein aus einem gepolsterten, wtege- ähnlichen Gestell, einem sogenannten Faulenzer, ausruhen ließ. „Und du glaubst wirklich, ein menschliches Wesen erkannt zu haben?" fragte der Freiherr sein Töchterlein, das bei dem, was sie erzählt hatte, leicht errötet war. „Ja, Papa, ganz bestimmt! Ich weiß nicht mehr recht, warum ich aufgestanden war; hatte ich geträumt oder ließ mich der Wind nicht schlafen, oder war's mir, als ob ich unten Schritte gehört hätte? Genug, ich stand ant Fenster, und um mich hinauslegen und besser nach der Seeseite, hin sehen zu können, machte ich es auf, gerade in dem! Augenblicke, als ein mächtiges Wetterleuchten die ganze Gegend erhellte. Und im Scheine des Blitzes erkannte ich einön Menschen, der barhaupt unten auf meinem Spielplätze stand >und ^gespenstig zu mir heraufschaute. Ehe ich Mich noch besinnen konnte, was ich tun sollte, war er auch schon wieder verschwunden; es war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte." „Warum hast du nicht der Jungfer geschellt und zu uns geschickt?" „Ich wollte dich nicht alarmieren, ich war ja nicht sicher, ob die Erscheinung nicht eine bloße Täuschung gewesen war." Mit einer allerliebsten Schürzung ihrer Lippen fügte sie hinzu: „Ich fürchtete, du würdest mich wieder auslachen." „Komm her, Ellen, und gib mir einen Kuß!" Sie Waran den Papa herangetreten, er hatte seinen Arm um ihre Taille geschlungen, zog sie sanft an sich heran und sah in Hellem Baterglücke zu ihr empor. „Ich dich auslachen? Mädchen, das bekomme ich ja gar nicht fertig; dazu habe jch dich viel zu lieb! Nun, gibst du mir keinen Kuß?" Das den Vater abgöttisch verehrende Mädchen beugte sich stürmisch zu ihm nieder : „Du lieber, guter Papa, du !" Sie drückte ihre kirschroten Lippen aus seine runzeligÄ Stirn. „Hätte ich geahnt, daß man dich bestehlen würde, ich hätte Feuer und Mord gerufen." „Wie sah denn der Mensch aus? Könntest du ihn nicht erkennen?" Es trat nun ein Moment ein, wo das unbefangen plaudernde Kind sich plötzlich in die sich felbst beherrschende und schlau verstellende Evastochter verwandelte. Sie hatte Peter recht gut erkannt; wenigstens hielt sie es für äußerst wahrscheinlich, daß er es gewesen war, den sie da unten so plötzlich im Scheine des Blitzes hatte auftauchen sehen; sein Bild stand ihr vom Treibhaus her noch deutlich vor Augen. Aber schon in der Nacht hatte sie sich einzureden gesucht, daß sie sich doch sehr getäuscht haben könnte, uit'bl daß es nichtswürdig wäre, einen vielleicht Schuldlosen in einen so schmählichen Verdacht zu bringen; alle nur erfindbaren Gründe für die Unsicherheit ihrer Beobachtung hatte sie gegen ihre bessere Ueberzeugung geltend gemacht; ihre Zuverlässigkeit en dieser Sache sollte durchaus nur eine zweifelhafte feilt. Was sie dabei leitete, war mehr ein Instinkt, als das Ergebnis klarbewußter Schlußfolgerungen. Sie erinnerte sich, wie blutsauer es damals Herrn William Dell geworden war, von seiner Verwandtschaft mit Peter Dechner zu reden; denn wenn er sie auch ganz unaufgefordert erwähnt, ja gewissermaßen wie eine Herausforderung hingeworfen hatte, so war ihr doch aus dem Ton seiner Stimme klar geworden, daß das Selbstgefühl eines Mannes, der so überempfindlich war und so ängstlich auf seine gesellschaftliche Stellung hielt, unter solchem Bekenntnisse grausam leiden mußte. Würde er nicht noch viel grausamer leiden, ja sich geradezu verpflichtet fühlen, wenn er erführe, daß sie seinen Verwandten für einen gemeinen Verbrecher hielt, der ihren Vater bestohlen hatte? Nein! Sie mußte sich getäuscht haben, schon um dem armen William die Qual zu ersparen, die ihm eilte Kenntnis! ihrer Vermutungen bereiten mußte. So erwiderte sie denn mit schlauer Zurückhaltung: „Erkennen, Papa? Ja und nein! Ich sah ganz deutlich einen Mann, aber der Blitz war so grell uno von kurzer Dauer, daß nachher, als es wieder finster geworden war, ich vergeblich versuchte, mir die Gesichtszüge jenes Mannes zurückzurufen; ich wußte nicht einmal mehr, ob er groß oder klein, blond oder schwarz, gerade ober buckelig' gewesen war." „Hm, hm", meinte er, „da werden wir es also dest Behörde überlassen müssen, ob sie etwas herausbekommt. Ich habe heute früh gleich an den Ersten Staatsanwalt in Berlin telegraphiert; ich denke, man wird schnell die erforderlichen Schritte veranlassen." „Dort kommt gewiß schon die Antwort", sagte Ellen und deutete durchs Fenster nach dem Garten, durch welchen von der Turmseite des Hauses her, um die herum der Weg nach dem Hose führte, ein Postbote näherkam. Sie lief hinaus und nahm eine Depesche für den Papa in Empfang. „Ich komme hier durch den Garten, gnädiges Fräulein", entschuldigte sich der Bote, „der Zugang zum Hofe ist noch halb gesperrt; der Sturm heute nacht hat ein: paar Bäume quer über den Weg geworfen." „Ja, es war ein schreckliches Wetter. Möchten Sie nicht etwas frühstücken?" Und als der Mann verlegen lächelte: „Gehen Sie nur zur Wirtschafterin und sagen Sie ihr, ich schickte Sie. Adieu! Lassen Sie sich's gut schmecken." (Fortsetzung folgt.) Die Lawine. Eine Kadettengeschichte von H a n s I o a ch i m F r h r. v. R e i tz e n st e i u. Vorn Hofe des Kadettenkorps klang der dumpfe Trommelwirbel herauf nach dem Kompagnierevier. Die Stimme des Kadetten vom Dienst heulte wie ein Nebelhorn den Korridor entlang — Rrranauß — die lange Linie der Türen flog auf, und mit klappernden Schritten sammelten sich die Trüpplein zum Gefüge der Kompagnie. Der Leutuant kam eilig heran, und der Morgenappell begann, der vor dem täglichen Kirchgang den Auftakt, das letzte Zusammenreißen zur Schafschur des Unterrichts bildete 716 Der Leutnant schritt langsam und grämlich die Front entlang und musterte alles, was sein Auge nur irgendwie erreichen konnte. Plötzlich blieb er stehen, wies auf den Rockknopf eines Unteroffiziers, der am Rande blind und ungeputzt war, und sagte leise und scharf: „Ein M o n d. ■— Als Unteroffizier sollten Sie auch ein besseres Beispiel geben. Heute abend zum Rapport im Ordonnanzanzuge." Der Leutnant ging weiter, und der Unteroffizier wurde um einen Schein blasser, während sein Gesicht sich merklich zusammenzog. — Als die Kompagnie endlich abrückte, ging er neben den Kadetten seiner Stube her und sah sehr bekümmert aus. Innerlich aber kalkulierte er ein ganz Teil anders. Also heute abend zum Rapport. Das wurde eingeschrieben. Der Hauptmann las es, und der Sonntagsurlaub ging flöten. Ja, und außerdem hatte er sich vvr seiner Stube ganz elend blamiert. Ob die Bengels ihn am Ende gar auslachten? — Er sah verstohlen zu ihnen hin. — Richtig, da tuschelten zwei Obersekundaner miteinander. Die sprachen sicher von ihm. „Maul halten," rief er dazwischen. „Messow zum Rapport wegen Schwatzens im Gliede." So, dem war der Schnabel gestopft. Und den anderen, den Uslar, würde er sich nachher noch kaufen. Der hatte ja Stubendienst. Und da gab es immer eine Gelegenheit. Die große Pause hatte begonnen, und die Kadetten rasten wie hungrige Wölfe auf ihre Stuben, um die Frühstücksschrippen in Empfang zu nehmen. Aber schneller als ein gewöhnlicher Frühstückshunger sind die Flügel des Zorns, besonders, wenn sie einige Stunden Zeit hatten sich auszuwachsen. Kurz, vor allen andern war bereits der Unteroffizier angelangt und hatte „entdeckt", daß in einem Waschtischschubfach der Seifennapf etwas mit Seife verschmiert war. „Stubendienst!" brüllte er nach dem Wohnzimmer hinüber. „Hier!" Uslar war gerade eingetreten. Er warf einen sehnsüchtigen Blick auf den Schrippenkorb und den Teller mit Paradewurst, den die andern gierig umstanden — denn der Unteroffizier hatte noch nicht genommen, und so lange wußten sie warten — und folgte dem Rufe. „Haben Sie heute morgen hier Ordnung gemacht?" „Zu Befehl, Herr Unteroffizier!" „Davon merkt man aber verdammt wenig. Ganz zufällig komme ich hier durch, schon springt mir die Schweinerei in die Augen. Sehen Sie sich das mal an." Uslar suchte vergeblich umher, dann blickte er seinen Vorgesetzten fragend an. „Sie finden es noch immer nicht. — Also eine Woche Strafstubendienst und jeden Abend int Dienstanzng die Stube vorzeigen. Hoffentlich finden Sie in der Zeit den Dreck," setzte der Unteroffizier höhnisch hinzn und ging hinüber zu dem belagerten Schrippenkorb. Uslar bekam einen roten Kopf vor Wut, aber er suchte nicht weiter nach dem Grunde des Unglücks. Er hatte ja überhaupt nicht aufgeräumt. Eiu Obersekundaner nnd Stu- beudienst, das wäre doch gelacht. Wenn man schon dazu kommandiert wurde, dann waren es selbstredend die „Säcke", die sich eine Ehre daraus zu machen hatten, den praktischen Teil der Angelegenheit zu übernehmen. Aber das war eine Sorte von Burschen heutzutage, kaum, daß sie allein krauchen konnten, diese eben aus dem Ei des Vorkorps gekrochenen Untersekundaner. Er ging an die Wohnstubentür und winkte sich einen der Kadetten heran. „Thielen, Kerl verfluchter, das nennen Sie Stubendienst machen! Sehen Sie mal die Schweinerei an. Sie haben wohl die ganzen zehn Minuten vor dem Appell verträumt? Was haben Sie denn gemacht?" „Drei Röcke geputzt: Für den Herrn Gefreiten, für Sie nnd für mich. Zwei Knöpfe angenäht: Einen für Herrn Unteroffizier und einen für Sie. Meine Bücher gepackt. Herrn Unteroffizier, den Herrn Gefreiten, Sie und mich abgebürstet. Einen Tintenfleck vom Selektanertisch abgescheuert und die Stube und Kammer aufgeräumt." „Das ist alles? — „Na, ich sag's ja, Sie habeu geschlafen. Sie hätten mal sehen sollen, was ich als Sack alles in zehn Minuten fertig gebracht habe. — Jedenfalls bin ich Ihretwegen rein gefallen. Also haben Sie die nächste Woche auch noch Stubendienst. Inzwischen werde ich Sie zwiebeln, daß Ihnen die Augen übergehen. Sie wissen ja, ich verstehe das. Schlimmstenfalls verschaffe ich Ihnen eine Rutsche der Obersekunda, falls Sie sich nicht endlich bessern." Hoheitsvoll und drohend schritt er von dannen. Thielen aber fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und schüttelte den Kopf. Darin griff er nach dem kleinen Namensschild an der Unglückslade, stieß einen Fluch aus und holte seinen Klassenkameraden Addenhausen herbei. „Ja, was gibt's denn?" „Was, Du Faulpelz. Die ganze Bande vom Kompagnieführer an piesackt auf uns Säcken 'rum. Und statt daß Du Dich zusammenniminst, machst Du mir auch noch Scherereien! Guck' in Dem dämliches Schubfach und frag' nicht so dumm. Ich weiß nicht, was drin ist." Und damit hieb er ihm eins auf die Backe, daß es klatschte wie am Kugelfang. „Autsch," brüllte Addenhausen, und sein Interesse für die Schublade war im Augenblick verflogen. Sein Gesicht wurde blaurot vor Wut, und nur die Stellen, wo die Finger des anderen hingefahren waren, blieben schlohweiß. „Was, Du verfluchter Lump. Auf offener Landstraße fällst Du mich au und haust mir eine in die Fresse?! Na warte, Du." Mit gekrallten Fingern griff er nach Thielen. Plötzlich hielt er inne, zupfte seinen Rock glatt, machte eine tadellose Verbeugung und sagte sehr reserviert: „Bist jefordert." Thielen antwortete durch dieselbe artige Verbeugung. Im Nu standen sich beide in Ausfallstellung gegenüber. Und dann hagelten die vier Fäuste mit einer Fixigkeit und blindlings nieder, daß es klang, wie wenn im Juli die Schloßen gegen die Fensterscheiben prasseln. Das dauerte eine geraume Weile. Bis Thieleu einen warmen Strahl aus seiner Nase über den Mund und Kinn rieseln fühlte, und es vor Addenhausens linkem Auge plötzlich schwarze Nacht mit widerwärtigem Sternengeflimmer wurde. Da gingen sie wie auf Kommando in die Grundstellung zurück, reichten sich treuherzig die Hände und sagten: „Pax". Daun wusch sich der eine das Gesicht, der andere kühlte sich das Auge, das bedenklich brannte, und beide gingen harmlos und friedlich plaudernd hinüber zum Schrippenkorbe. Die Stubenkameraden kauten bereits mehr oder minder behaglich an ihrem Frühstück. In dem Korbe lagen die beiden übrig gebliebenen Schrippen, zwei verhutzelte, kleine Exemplare. Thielen und Addenhausen sahen sich mit langen Gesichtern an, und Addenhausen murmelte entrüstet: „Der Lümmel, der Kiekebusch." Dann ging er nach einer Ecke, wo einsam und gedrückt ein Kadett stand. Das war Kiekebusch, der einzige Obertertianer auf der Stube, einer, der selbst noch unter diesen ge^ knechteten Untersekundanern rangierte. „Kiekebusch, zeig' deine Schrippe," raunte er ihn an. Der zeigte schüchtern ein blasses, angebissenes Dinglein, das bei gutem Willen vielleicht um einen Grad ansehnlicher war als die beiden übriggebliebenen. „Aha. — Und warum hast Du nicht auf uns gewartet, Du frecher Bengel?" „Ich — ich dachte —- —" „Quatsch, Du hast gar nichts zu denken. Heute mittag verschaffe ich Dir eine Rutsche wegen Achtungsverletzung gegen die Untersekunda." Und Thielen, der ebenfalls herangetreten war, nickte zur Bekräftigung sehr bestimmt mit dem Kopfe. — * Es war nach dem Mittagessen. Die Kadetten tummelten sich auf dem Hofe, und auf dem Korridor des Kompagniereviers war es lautlos und leer. Nur vor Stube 6 stand, in den Türrahmen geduckt, ein Kadett und spähte vorsichtig nach allen Seiten. Hinter ihm aus dem Zimmer klang gedämpft ein monotones aber eindringliches und blitzschnelles Klatschen und Schlagen ohne Takt unb System. Dann ein kurzes Kommando — Stille. Einige Augenblicke später öffnete sich leise die Tür, und Kiekebusch schob sich wimmernd und stöhnend heraus, dicht an der Mauer entlang und durch die große Glastür, die nach der Treppe führte. Sein versprochenes Teil war ihm richtig zugemessen worden und die Achtung vor der Untersekunda wiederhergestellt. Unten auf dem Hofe suchte sich Kiekebusch seinen Klassenältesten. Der sah gleich, wie es um ihn stand, uni) trommelte in wenigen Minuten die Obertertia zusammen. „Meine Herren," Hub "er an. „Ich wollte Euch mittei- leu, daß Kiekebusch nun doch und wirklich gerutscht worden ••L*5 f ist. Es handelt sich hier zunächst um die reül technische Seite bev Sache: Ist die Ehre der Obertertia dadurch verletzt ? Ein Sprecher trat vor, wandte sich gegen Kiekebusch und fragte sachlich: „War's denn schlimm?" . „Na, Du wirst auch schon noch eine kriegen,' gab der zurück uud rieb sich den Rücken. Ein anderer meldete sich zum Wort: „Ob die Ehre der Obertertia verletzt ist, meint Ihr? — Nun, ich muß leider gestehen, das Verhalten der Untersekunda war durchaus korrekt. Fragt es sich also nur, löte sich Kie- kebusch benommen hat, ob er vielleicht gar geheult hat. — Kiekebusch, hast du g e h e u l t?" Da vergaß der all seine Schmerzen und blickte den Spre- cher wild an: „Ob ich geheult habe? — Woll'u mal seh'n, wer eher heult, ich oder Du." Und damit versetzte er dem anderen' einen Hieb gegen die Kinnlade, daß er taumelte. „Bravo, Kiekebusch, feiner Kerl," riefen einige begeistert. „Was fallt Dir ein, Kiekebusch?" riefen andere entrüstet. Aber Kiekebusch und der andere lagen sich bereits fest in den Haaren. Und im Augenblick hatten sich zwei Parteien gebildet: Für und wider. Keiner wich von seiner Mer- nung ab um einen Zoll. Und die beiden Parteien vertraten sie alle durch ein uud das gleiche Mittel — die harte, feste Bubenfaust. Die geschweukten Arme und getroffenen Körper, die Rufe der Wut, des Schmerzes lind des Triumphes bildeten em unentwirrbares Gemengsel von Formen und Tönen. _ Und während in diesem sozialen Tütchen die Masse der Lawine ihre letztmögliche Kraft verpuffte, staub in einiger Entfernung, gerade weit genug, um nicht unbedingt emgrei- fen zu müssen, der L e u t n a n t, der letzten Endes der Urheber all dieses Aufruhrs war, und schuiunzelte. Seine Laune hatte sich im Laufe des Tages von selbst wieder gebessert. „Ist doch noch eine feine Rasse", dachte er in seinem verträglichen Sinn. „Janz wie zu meiner Zeit. Schlagt sich, daß die Schädel krachen aus reinstem, tollstem Jugenduber- mut — janz ohne jeden Grund." VsssMchteK. * D e r alte K a i f e r jno Lilli Leh m a u n. In ihrem vielgenannten Memoirenbnch „Mein Weg" erzählt die große Sängerin Lilli Lehmann einige hübsche Geschichten von Kai er Wilhelm I., der an ihrer Kunst besonderes Interesse nahm. Stach dem Einzug der Trupven 1871 lernte sie den Herrscher als Mitglied der Königlichen Oper persönlich kennen. „Er unterhielt sich ost mit mir in Hoikonzerten soivohl als in der Oper, die er säst allabendlich besuchte. ‘ Damals gab cs kür die rin Abend be- schästigten Soloinitglieder eine kleine Bühnenloge un ersten Stock, ivo sie, ungesehen vom Publikum, der Vorstellung solgen konnten. Parallel mit der dahin kührenden Treppe lies eine ebensolche von der Bühne in die kaiserliche Pxoszeniumsloge, nur durch eine Bretterwand von der anderen getrennt, die Se. Majestät ans die Bühne führte. Aus \ Höhe bekand sich ein kleines Schiebetenster, das der Kaiser und andere Mitglieder der kaiserlichen Familie benutzten, um in den Zwischenakten mit den Künstlern zu sprechen," Biel Interessantes hat hier die Sängerin mit bem alten Kaiser geplaudert und teilt manches liebe Wort mit, das von seiner Gute, Liebensivürdigkeit und Einfachheit beredtes Zeugnis ablegt. Als sie stch eines Abends, als er von dem schrecklichen Attentat noch nicht völlig genesen war, nach seinem Befinden erkundigte, sagte er: „Es geht noch immer nicht, wie es sein sollte, denn ich bm noch nicht imstande, mir die S iesel allein anzuziehen." „Das brauchen aber Ew. Majestät auch nicht!" warf die Künstlerin lächelnd ein. Doch der Kaller erwiderte: „Ach ja, ich bin gewöhnt, alles alleine zu tun, es macht mick unglücklich, daran gehindert zu sein. Aus Reisen packe ich meine Sachen selbst, damit nichts von bem mir Notwendigen sehle, und in alle dein bin ich jetzt geniert." Als man einst von einer Kunstansstellnng sprach und die Sängerin fragte, ivelches seiner Bildnisse ihm selbst als das gelungenste erscheine, antivortele er: „Das voll Lenbach, da es Ihre Majestät am schönsten findet." Manchmal erzählte Lilli Lehman» bem Kaiser auch lustige Anekdoten, die über ihn in Um- laus waren. So ivutzte iie von einer Geschichte zu berichten, der zufolge der Kaiser eines Abends Hummersalat ab und sein Leibarzt Lauer, der cs ihm streng verboten hatte, ihn dabei überrasch e, Lauer zeigte eine vorwurfsvolle Miene, worauf der Kaiser ihm heiter zugerufen haben sollte: „Lieber Lauer, seit ich^vcr- sprocheu habe, Sie zur Exzellenz zu machen, ivenn ich 80 Jahre alt werde, gönnen Sie mir keinen guten Bitzen mehr." Der Kaiser lachte zu dieser Erzählung herzlich und meinte: „se non e vero 8 ben trovffto.“ * Dic Kehrse11 e. Der Pfarrer bemüht sich, den Zöglingen seiner Sonntagsschule die shinbolische Bedeutung der weißen Farbe zu erklären. „Warum," sagt er, „will eine Brant sich stets iveiß kleiden, ivenn sie zum Altar tritt?" Und als keiner antwortet, .sagt er: „Weil iveiß die Farbe der Freude ist und der Hochzeitstag im Leben einer Fran eilte Stunde höchster Freude ldarstellt." Da sagt der kleine Fred, endlich verstehend: „Ach ja, darum tragen die Männer dann immer Schwarz." Büchertlsch. — Das zweite H eft der „Hessischen Biographien" ist soeben im Großherzoglichen Staatsverlag erschienen. Es enthält, wie das im vorigen Jahre heransgekommene erste, 47 Artikel, worin Angehörige der verschiedensten Stünde behandelt iverden, z. B. Theologen, Schriftsteller und Dichter, Mediziner, Maler, Techniker, Industrielle, Chemiker, Schauspieler, Pädagogen, Philologen, Offiziere, Musiker, Politiker usw. Bon bekannteren darin vorkommenden Rainen seien erwähnt der Theologe Wilhelm Baur (1826—1897), der Orientalist Peter von Bradke (1853—1897), der Dichter, Politiker und Naturforscher Georg Büchner- (1813—1837), der rheinhessische Dichter und Bauer Isaak Maus (1748—1833), der Domkapitular Franz Christoph Ignaz Moufang (1817—1890), der durch die Schilderung seiner russischen Gefangenschaft bekannte Offizier Friedrich Peppler (1789 bis 1883), der Gynäkologe August Maria Franz von Ritgen (1787. bis 1867), der Orientalist Wilhelm Christian Schott (1802—1889), der Pädagoge Friedrich Wilhelm Sommerlad (1825—1895), der Chemiker Adolf Friedrich Ludwig Strecker (1822—1870), der Verfasser des ersten hessischen Staatsrechts Karl Eduard Weiß (1805—1851), der Staatsrechtslehrer und Politiker Karl Theodor Welcker (1790—1869), der Direktor des Darmstädter Hoftheaters Theodor Wünzer (1831—1897), die Mainzer Buchdrucker Theodor von Zaber» (Vater, 1771—1832) und Karl Theodor von Zabern (Sohn, 1807—1864). Von familiengeschichtlichem Standpunkt sind insbesondere interessant die drei Aufsätze über Mitglieder der Familie Gladbach, von denen der erste den Philologen, Legations- rat Friedrich Christian Gladbach (1763—1845), der zweite dessen ältesten Sohu, den Politiker und Pädagogen Georg Gladbach (1811—1883), und der dritte dessen jüngsten Sohn, den Architekten Ernst Gladbach (1812—1896), behandelt. Das Gleiche gilt von den politisch tätigen Brüdern Karl Soldan (1808—1864) und Gustav Soldan (1813—1883), deren Familie Robert Sommer in seinem Werke „Familienforschung und Vererbungslehre" (Leip- zig 1907) einer eingehenden Betrachtung unterzogen hat. — Das zweite Heft steht hinter dem ersten nicht -zurück, das von der Kritik bis jetzt ausnahmslos gut ausgenommen worden ist. Eine sehr bemerkenswerte Besprechung in der „Deutschen Lckeratuv- zeitung" äußert sich u. a. folgendermaßen über das ,er)te Heft der „Hessischen Biographien": „Daß bei einem so weiten Kreis der aufzunehmenden Personen auch eine große Anzahl von dii mi- nores erscheinen wird, ist selbstverständlich; doch seien Ferner- stehende daran erinnert, daß das Werk nicht nur ein Ehrentempel für die bedeutenden Söhne des Landes, sondern anch ein möglichst ausgiebiges Hilfsmittel für Arbeiten aller Art sein soll. Die einzelnen Artikel sind äußerlich alle nach demselben klaren Schema aufgebaut: Name, Geburts- und Todesjahr, Biographie, Werke, Quellen für die Lebensbeschreibung. So kann man sich rasch zurecht finden im wohltuenden Gegensatz z. B. zur Allgemeinen Deutschen Biographie, in der viele Artikel an Unübersichtlichkeit kaum übertroffen werden können, wenn nicht aus diesem Grunde wesentliches überhaupt fehlt . . . Ueberall hat man den Eindruck sorgfältiger Arbeit. Daß daran auch die Herausgeber ihren nicht geringen Anteil haben, weiß der nur zu wohl, der ähnliche Verantwortung 'getragen hat. Gerade die bibliographischen Angaben, die auf die Dauer vielfach das Wertvollste in solchen biographischen Sammelwerken sind, werden von dem Verfasser der Artikel gar oft als Nebensache behandelt und machen den Herausgebern, soll das Werk nicht darunter leiden, oft schwere ungedankte Mühe. Die Artikel sind in willkürlicher Folge abgedruckt. Von einer alphabetischen oder systematischen Anordnung ivurde verständigerweise abgesehen; ... ein alphabetisches Register weist rasch zurecht." Was hier vom ersten Hefte gesagt ist, gilt auch von dem zweiten. Der Preis des Heftes beläuft sich aus 3 Mark, bei subiknytwi, auf 2,40 Mark. Mochte es dem zweiten Hefte beschieden sein, dem Werke neue Freunde zu gewinnen. Erganzullgsrätse!. .,6. e.. h .. ch. d .. . o . .. t.r. n, ..tz. . u.. u ... t . e . T. d.. .t. r.nl Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Gleichklangrätsels in voriger Nun.imer: Stollen -als NiudSuierentalgstollen, Bergwerk-stollen, Stollen am Picrbehufeije» zum Schutz bei Glatteis, n!S WeihuachtZgebäck). Redaktion: K. Neurath. - Rotaiionsdruck und Verlag der Brühl'jcheu llilwUsitätS-Buch- und Stemdruckerci, R. Lange. Gieper