fi Ijl Frauenliebe. Roman von Horst B o d e m e r. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Hans-Wilhelm kam in einem heillos erregten Zustande heinr. „Schon zurück?" fragt ihn die Mutter besorgt. „Onkel hat mich ohne Umstände an 'die Luft gesetzt," erwiderte er erregt. Da sanken in ihrem Herzen alle die aufgebauten Hoffnungen in Trümmer. Der gute Anlauf, den Hans-WilhelM M nehmen schien, konnte doch nur zum Ziele führen, wenn Evas Vater ihn schützte. Sie sah klar über ihren Sohn, ein Mann der Tat war er noch lange nicht, das' sollte er werden durch ihren alten Freund. Ihr bangte vor der Zukunft. Hans-Wilhelm schien ihre Gedanken zu erraten. „Nur ruhig Mut, Mama, ich bin wirklich ein anderer! geworden." Da brachte ein Tränenstrom ihr Erlösung. „Wenn ich das glauben könnte!" Stumm ergriff er ihre Hand und! führte sie vor das Bild des Vaters. ,/Spier stand ich gestern mit dir, hier stehe ich heute, hier werde ich alle Tage mit Mr stehen." Sie geht an den Schreibtisch und nimmt die Briefe ihres Mannes heraus. , „Hans-Wilhelm, du bist ein Mann — lies sie, es fehlt keiner!" „Vom Vater?" ,„Ja mein Kind, sie sind mein höchstes' Heiligtum!" Leise verläßt sie das Zimmer, Hans-Wilhelm hat den 'Kopf in die Hand gestützt und liest einen Brief nach dem andern. * Frau von Moreth hatte keine Ruhe im Hause. Sie 'ging die Lindenallee hinab', dem Diorfe !zu. Die milde Herbstsonne beschien rechts und links die weiten Stoppelfelder und Kartoffeläcker, auf denen Menschen bei der Arbeit waren. Mitten unter ihnen stand Drewel. Der war auch noch einer aus der alten Schule, der stand in Freud und Leid zu seiner Herrschaft. . Als sie gerade auf ihn zu Wollte, um sich von dem Stande der Arbeit zu überzeugen, bog Evas Dogcart in die Lindenallee ein. „Gott sei Dank!" entfuhr es ihren Lippen, wie Befreiung klang es. . Sie blieb stehen und beschattete die Austen mit der Hand. Eva hatte sie gleich b'emerkt, der Traber bekam eine Aufmunterung und. nach wenigen Augenblicken hielt sie neben Frau von Moreth. Sie warf dein Groom die Zügel zu und befahl ihm, vorauszufahren. 1 „Tante, liebe Tante, weißt du schon?" „Ja mein Kind. Aber ich hoffe dennoch, Hans-Wilhelm hat endlich mit der Vergangenheit gebrochen." Da seufzte die Komtesse tief auf. „Ach, wenn's so wäre!" Beide Frauen wollten .noch nicht recht an den Umschwung glauben. ^,Nicht wahr, du hälft treu zu ihm?" fragte Frai- von Moreth zagend. hDas ist selbstverständlich," erwiderte die Komtesse bestimmt. Da gehen die beiden langsam die Lindenallee hinauf, dem Herrenhause zu. „Hans-Wilhelm liest jetzt die Briefe meines Mannes." Eva antwortete nicht, die Ruhe droht sie zu verlassen. Sie weih, die Entscheidung naht, nicht nur für sie, sondern für den Mann, der ihr der teuerste ist. Da nimmt sie sich vor, nichts zu sein, als liebendes Weib) selbst, wenn sie sich Demütigungen aussetzen muß. . i,,Jch werde zu ihm gehen, Tante." . „Wie gut du bist — ich danke dir!" („Danke mir nicht. Du weißt, es ist ein güt Teil Eigennutz dabei." Stumm schüttelt Frau von Moreth den Kopf. ^Nicht Eigennutz, nein, reine Frauenliebe ist's, die nicht nach Vergangenem fragt, nur gläubig hofft auf eine bessere Zukunft." Sie sind vor dem Herrenhause angekommen. „Er ist in deinem Zimmer, .Tante?" „Wahrscheinlich." Sie drückt der mütterlichen Freundinu rasch die Hand und tritt in den Flur. Frau von Moreth bleibt draußen stehen, strahlend fällt die Herbstsonne auf fie. Und sie schickt ein stummes Gebet zum Himmel für ihr eige'neß Kind. , v, , Die Tür öffnete sich, Eva steht auf der Schwelle, Hans- Wilhelm fährt auf vom Schreibtisch seiner Mutter. („Ich sollte kommen —. hier bin ich," sagte sie leise. ’ ‘ 1 Er trat raschen Schrittes! auf sie zu, schließt die Tur und faßt nach ihren beiden Händen. „Eva!" — Tief sieht er ihr in die Augen. — „Mass hast du alles für mich getan?" Sie hatte andere Morte erwartet. „Ich?" „Du bist eingetreten für mich allezeit —, selbst mit deinem Gelde!" Da strafft fich ihre Gestalt und sie sieht' ihn an. „Bon w'em weißt du das?" „Von Drewel." > „Dann sollst du.auch noch inehr wissen oft langte das mente nicht, dann half er selber nach." „Drewel?" 166 Morekh!" - Neuntes Kapitel. Da richtet sich „Ich habe mich Hans-Wilhelm von Die Komtesse kommt gat spät zu Tisch. Wer Graf steht mit Graf Norderoog im Salon und wartet. „Aber Kind, wo steckst du dann in aller Welt?" Graf Relendorff blickt nach der Uhr. Eva hoch! auf. Ruhig sagt sie: verlobt — mit meinem Jugendfreund '„Gewiß. Dreihundert Mark find' eine Menge 'Geld, i und ich bin abhängig von Papa." „Und du hast ihn meinethalber oft belogen! Sie zuckt mit den Schultern. Er geht mit großen Schritten im Zimmer ans und ab. Was hatte gerade noch gefehlt! Der alte Mann, der außer seiner Dienstwohnung und seinem Deputat ganze dreißig Taler im Monat bekam! —. der Glossower bezahlte seinen Oberinspektor ganz andere •_ hatte ihn.gestützt, gerettet vor dem völligen Zusammen- , tzruch' Und er spielte, ohne mit der Wimper zu zucken,, um Tausende am Roulettetisch. Da wurde ihm vollkommen klar, was für ein erbärmlicher Kerl er eigentlich war. Sem verstörter Blick fiel auf den Schreibtisch seiner Mutter, dort lagen die Briefe seines Vaters, in der letzten halben Stunde hatte er begreifen gelernt, daß! für die Frau Hans von! Moreths andere Männer — und waren sie noch ,o tadellos — nicht in Betracht zu neuer Ehe kamen. Und der Vater, der solche Briefe schreiben konnte, war für fein Vaterland und seinen König, die Standarte in der Hand, vhue mit der Wimper zu zucken, in den Tod geritten! Und er, sein Fleisch und Blut, war - ein Lump geworden? Trotz des Glanzes der Uniform fühlte er sich faul bis ms Aber ganz drinnen in seinem Herzen pulste ein Leben, das noch gesund, das stark war. Eva sah seinen Kainpf, sie trat ans ihn zu. „.Hans-Wilhelm!" Da geht ein Beben durch die riesenhafte Gestalt. ,,Eva!" Er hält sie in seinen Armen. So stehen sie lange. „Ja!" „Mit dem Bankerotteur?" „Willst Dns mit mir probieren?" .„Ich liebe dich und will mit dir käinpfen — Schulter au Schulter!" 9r6cr bcin rScitct ?/z "und wenn dir eine ganze Welt von Feinden erstände ich halte zu Dir!" „Wir bleiben in Möreth — nicht wahr?" „O das wäre schön!" „Noch heute reiche ich meinen Abschied ein." Da jubelte Eva von Relendorff laut aus. Er legte ihre schlanken Hände auf seine heiße Stirn. „Du wirst diese bösen Gedanien oft von mir bannen müssen!" „Ich furchte mich nicht vor ihnen." Er reißt sie an sich und küßt sie wild. „Wie blind !var ich, meine Eva, wie blind!" Er holte die Mutter, sie treten zu dritt vor Hans von Moreths Bild. Da reißt er das Fenster aus und ruft laut: „Köhler, die Fahne wieder 'raus!" „I—ja!" Die Verlobten können wieder lachen wie in ihren Kindheit Tagen. Die Mütter glaubt Nun an die neue Zeit. Der Hechtsprung. Eine beinahe tragische Vorsrnhlingsgeschichte von Fritz Skowronnek. Der Vorfrühling ist für mich eine sehr gefährliche Zeih gleichviel ob die Sonne am Himmel lacht nnd mjt warmen Strahlen die schwellenden Knospen küßt, oder ob ein scharfer Südwest graue Wolken über den Himmel jagt und die Erde mit Regenschauern peitscht. Dann fährt eine Unruhe in mich, die mich ruhelos nm- hertreibt. An solchen Tagen beschäftige ich mich mit Dingen, die den in mir bohrenden Wandertrieb eher anreizen als be- schwichtigen. Ich nehme meine Gewehre einzeln aus dem Schrank, reihe sie mit dem Putzlappen, obwohl es kaum nötig ist, ich backe sie an, ziele aus dem Fenster nach irgend einem.Gegenstand Und lasse mich von den Erinnerungen umschmeicheln, die mir Die Herrschaften nähmen fast schweigend das Mittagessen ein. Graf Norderoog! hatte zwar sofort mit einigen liebenswürdigen Worten seinen Glückwunsch ausgesprochen, aber schwer war es dem Weltmanne doch gefallen, das konnte er nicht verbergen. D!er Vater hatte überhaupt nichts gesagt; er empfand die Demütigung, die ihm von seiner Tochter vor einem fremden Manne zuteil geworden war, auf das bitterste. Unglaublich, daß sich fein einziges Kind so henahm! Aber er beherrschte sich, die Aus!-! einandersetzung^würde nac() Tisch kommen, daun wollte er sich kein Blatt vor den Wund! nehmen. Als der Graf die Tafel aufyvb, bat ihn Norderoog sofort um eine Unterredung! unter vier Augen. Das Resultat lag auf der Hand: der junge Diplomat packte seins Koffer. » Dann schickte Graf Relendorff! den Diener zu feiner Tochter. i Ruhig trat sie dem Vater gegenüber. „Es wird nichts nützen, Papa, mir Vorwürfe Wi machen, oder zu versuchen, mich von meinem Vorhaben äbzubringen. Ziehe also die nötigen Konsequenzen. Willst Du Hans- Wilhelm nicht als deinen Schwiegersohn anerkennen, so bedauere ich das natürlich aus tiefstem Herzen, aber wankend kann mich nichts in meinem1 Entschlüsse machen." >,Eva, nimm Vernunft an! DU gehst einer schrecklichen Zukunft entgegen!" ■ „Ich habe Vertrauen zu meiner eigenen Kraft. In Haus-Wilhelm steckt ein guter Kern, meine Ausgabe ist es, sein besseres Ich zur Entfaltung zu bringen." „O, du Optimistin!" „Optimistin ist jedes Weib, das liebt." Die Klugheit seiner Tochter brachte den Grafen in der letzten Zeit oft der Verzweiflung nahe. „Natürlich, Eva. Aber du schenkst deine Liebe einem Unwürdigen!" „Meine Liebe fragt nicht danach." „Kind — es kommt zum Bruche zwischen uns!" Aber auch sein Drohen nützte nichts. ' „Ich bedanre es und hoffe von der Zukunft. Ist erst Hans-Wilhelm besseres Ich zum Durchbruch gekommen, so wirst du nicht mehr hart gegen mich und ihn sein." < „Wenn ich's nicht brauchte, wie würde ich mich freuen — schon um der guten, schwergeprüften Fran da drüben willen." Da sieht Eva ihren Vater fest an. „Papa, einen Ausweg! Erkläre meinethalben aller Welt, daß du nicht einverstanden bist mit meiner Ehch aber füge hinzu, der Zukunft ständest du abwartend gegenüber. Mit Freuden würdest du Hansi-Wilhelm an dein Herz ziehen, wenn er sich bewährt. Das wird zugleich ein Ansporn für ihn fein.-" Der Graf kämpft einen schweren Kamps mit sich. „Ist dein Entschluß wirklich unabänderlich?" „Ja, Papa!" Sie sagte es sehr bestinnnt. Da zuckte er jbie Schultern. „Was bleibt mir anderes übrig! Nur mache mich nicht verantwortlich für die Nöte und Sorgen, die über dich hereinbrechen! Dein mütterliches Erbteil zahle ich dir aus, von mir erhälst du vorläufig keinen Pfennig', denn ich fürchte, in wenigen Jahren ist Hans-Wilhelm fertig mit bem Gelds deiner Mutter." „Oho, Papa, da bin ich auch noch da!" „Nun, wir werden ja sehen!" Sie schlingt in kindlicher Liebe die Arme um des Vaters Hals. , ' „Darf Hans-Wilhelm kommen und dich um meins Hand bitten?" ' Da schüttelt der Graf energisch den Kops. „Rein. Du bist jmiindigi, das ist deine Angelegenheit. Du handelst gegen meinen Willen, also trage auch die Folgen." Mit gesenktem Haupt verläßt Eva ohne irgendwelcho | Erwiderung das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) 167 einen Pürschgang durch die morgenfrische Heide ins Gedächtnis Dann kommen die Angeln an die R-eihe. Ich ziehej sie aus dem Futteral, stecke sie zusammen Und Prüfe wippend ihre Elastizität. Schließlich nehme ich die wetterharten Anzüge aus dem Schrank, in denen ich durch Feld und Wald strolche, und mustere sie mit kritischen Blicken. Freudig bewegt sehe ich, daß sie inzwischen einen Reinigungs- und Erneuerungsprozeß durchgemacht haben. Wenn ich dann die Juchtenstiefel und Nagelschuhe aus der "Kammer hole und zu schmieren beginne, nimmt meine bessere Hälfte lächelnd ben Rucksack vom Nagel, um ihn nut Wollwaiche und all den Kleinigkeiten zu packen, die ein Kulturmensch nun einmal nicht entbehren kann. Wenn sie den gepackten Rucksack wiederbringt, habe ich mich bereits umgezogen. Die flregende Unruhe ist einer stillen Freude gewichen, der Vorfreude, die oft, ach so oft viel schöner ist als die Erfüllung unserer Wunsche und Hoffnungen. Wieder einmal hatte es mich so gepackt . . . Auf dem Ruhebett, auf den Ledersesseln, ja selbst auf dem Schreibtisch! lagen Gewehre, Angeln, Anzüge, Rollen, Spinner, Patronen. Mitten im Zimmer standen Stiefel und Schuhe, wie zu einer Parade aneinander gereiht. Und mitten dazwischen ich, von widerstreitenden Empfindungen hin- und hergerissen. Vom Schreibtisch her mahnte die Arbeit. „Ich gebe dich nicht frei, du Mußt. . ." Auf der anderen Seite lockten die Juchtenen. „Kein Mensch muß müssen! Steig nur in uns hinein, dann fragen, wir dich in die Freiheit! Dem Frühling entgegen!" Ich hatte mich schon innerlich für die Juchtenen und die Freiheit entschieden, als mein Freund Edmund ins Zimmer trat. „Was ist denn bei dir los? Willst du umziehen?" Erst jetzt sah ich, daß er den Salonmenschen ausgezogen und in feinem verwitterten Lodenanzug vor mir stand, der schon über eine ganze Anzahl Dienst- oder besser gesagt "Kriegsjahre zurückblicken konnte. Statt äit antworten, fragte ich zurück. „Was hast du denn vor. „Komische Frage! Raus will ich. . . Ich halte es nicht mehr aus in der Stadt. Mein Auw steht vor der Tür, ich habe meinem Jagdhüter telegraphiert, daß er einen Kahn für uns bereit hält und aufs Wasser bringt. Die Hechte laichen schon . . . Was stehst du denn noch wie ein pensionierter Kleiderständer?" So fix habe ich mich selten umgezogen. In einer Viertel- stnnde war ich reisefertig. Ein flüchtiger Abschied: „Teures Weib, gebiete deinen Tränen . . ." Lächelnd schnallt mir die .Gattin die Fahrbrille um und halt mir deu schweren Reisemantel . . . Ein heulender Doppelton aus der Hupe. „Wann kommt Ihr wieder?" „Gänzlich unbestimmt!" klingt es doppelstimmig, wie aus einem Munde zurück. Eine halbe Stunde fitzen wir schweigend nebenienander. Die öden Häuserreihen, zwischen denen das Auto feinen Weg ins Freie sucht, lasten auf unserer Stimmung. Endlich ist das holprige Pflaster überwunden, vor uns dehnt sich endlos die gerade Doppelreihe der Chausseebäume. Heller Sonnenschein schimmert schon in dem hellen Grün, das ihr Erwachen ankündigt. Edmund schubbst mich mit der Schulter. „Na, was sagst nun ? War das nicht ein famoser Gedanke?" Ich nicke stumm und drücke seine Hand. Denn meine Augen folgen einem kleinen grauen Vogel, der trippelnd über den Acker läuft. Ist das nicht eine Lerche? Ja, sie ist es, die Botin des Frühlings. Was treibt dich aus dem warmen "Süden, wo dir die Natur den Tisch mit Leckerbissen deckt, hinauf in den kargen Norden, wo du hungern und frieren mußt? Lebt auch in deinem kleinen Herzen die Sehnsucht nach den Stätten, die wir Menschen mit dem Namen: „Heimat" schmücken? Sag an, wo weilt der Frühling? Wann kommt er? Weiter saust das Auto durch, dunkle Nadelwälder, zwischen denen sich bald hier, bald dort der Ausblick auf einen glänzenden Seespiegel auftut. Die Brust dehnt sich unter tiefen Atemzügen, die Äugen können sich nicht satt sehen an den lieblichen, schnell wechselnden Naturbildern ... In der Ferne schieben sich Hügel, Wälder ün!d Dörfer wie Kulisfen vor und hintereinander . . . wenig wechselnd, wie die bunten Glasstückchen im Kinderspielzeug. Die Poesie "des Reifens, die uns von der rasselnden, die Nerven marternden Eisenbahn geraubt ivar, hat uns das Auto wiedergegeben. Nach dreistündiger Fahrt hält unser Wagen vor dem einsamen Forsthaus. Die Hupe meldet mit dröhnendem" Baß unsere Ankunft. Doch niemand erscheint, uns zu empfangen. Wir steigen aus und werfen die Mäntel ab. Edmund geht ins Hans, um nach den Bewohnern zu forschen. Ich gehe langsam zum See. Da steht der Kahn, der uns auf das Wasser tragen soll, noch in träger Winterruhe auf dem Lande. Zwei Buben von drei und vier Jahren sitzen darin. Mit heiligem Ernst halten sie jeder eine Bohnenstange über den Kahnbord hinaus. Jetzt springt einer auf, klettert ans dem Kahn und holt ein Sttick Borke. „Ich habe einen schweren Hecht gefangen," erklärte er stolz. Ich setze mich z'n ihnen: ich hole die -Fische, die sie mit einer beneidenswerten Phantasie und fo schnell hintereinander fangen, daß ich vollauf damit zu tun habe, sie heranzuholen. Die Kinderluft hat meine Phantasie beflügelt. Auch für mich sind es keine Borkenstücke mehr, sondern Hechte . . . Edmunds lustige Stimme stört endlich das "Idyll. „Heda, Ihr Buben, wo ist Euer Pater?" .... Der Vierjährige antwortet verständig: „Die Mutter ist gegangen, den Pater aus dem Dorf zu holen." „Da müssen wir uns in Geduld fassen," meint Edmund resigniert. „Mm besten, wenn wir unseren Hunger mit der Reisekost stillen und dann in den Wald wandern." War das ein genußreicher Gang! An den Futterstellen standen vertrant die Rehe. Dort hockelten drei, vier Hasen auf der Saat umher, nach einer besseren Hälfte suchend. Farbenschillernde Fasanen stolziertm dummdreist am Waldesrand . . . Während das flammende Abendrot langsam verblich, ftieg im Osten der fast volle Mond am Himmel empor. Die Tagesgeräusche verstummten zum Abendfriedm. ... Müde und hungrig kehrten wir ins Forsthaus zurlick, wo uns ein kräftiges Mahl erwartete. Zu einer Zeit, wo das Nachtleben der Großstadt einzusetzen beginnt, waren wir schon ins Traumland hinübergewechselt. Tie aufgehende Sonne, trieb uns aus dem Bett. Am Seeraub hatte sich eine dünne Eiskruste gebildet und der sanfte Zephyr kniff uns in die Ohren. . „Ich bin doch neugierig, ob der Hecht noch! beißt, meinte Edmund nachdenklich. , , „Ich dachte, wir wollten bloß W Vergnügen spinnen und jnrt die Hebung aufzufrischen?" „Kann ich denn den Hechten das Beißen verbieten? Mit leism Ruderschlägen trieb ich den Kahn auf den See hinaus. Ta ergriff auch mich die Lust. Ich ließ die Ruder im Tollen hängen und griff zur Angel. Hei wie der Spinner im Sonnmschein blitzmd durch die Lust saust! Ta ruft Edmund: „Achtung, ich habe einen Biß!" „„ „Tas scheint ja ein Ungetüm von mindestens einem Pfund zu sein," rufe ich lachend, denn ich setze, wie er den Fische heranholt, ohne daß die Rutenspitze sich krümmt. Ich habe richtig geschätzt. Schmnuzeuld hebt mein Freund den Hecht an der Schnur in den Kahn. „Ter hat beim Laichen noch nichts zu tun, deshalb hat er gebissen," erklärt ErmUnd mit tiefem 'Ernst, während er ihn vorsichtig vom Haken löst und ins Wasser zurücksetzt, mailst legt er die Angel in den Kahn, setzt sich und sieht mich mit prüfenden Blicken an. „Einen schönen Rogner von zehn, zwölf Pfund mochte ich gern mit nach Hanse nehmen. Meine Frau versteht ans dem Rogen «einen Kaviar zu bereiten, der viel besser schmeckt als der russische." •. . „ • „Na, beim müssen wir einen zu fangen versuchen. „Fangen?" erwidert er gedehnt. „Daran glaube ich nicht. Wer," seine Stimme sinkt zum flüftern hinab, „wir können uns jeder einen schießen." . , ' , . , „Edmund," warne ich mit eindringliche in Ton, „bedenke, daß du ein Sportangler bist! Wenn das dein Anglerpapst zn wissen bekoniiitt, wirst du hingerichtet, von unten rauf gerädert und lebendig verbrannt. Denkst du nicht daran, wie cs mir erging, als ich vor Jahren einmal harmlos von den Missetaten meiner Jugend mit Speer und Schrotspritze erzählte?' „Ach was! Ich bin hier in erster Linie Fischereipachter, und der See ist ein geschlossenes Gewässer, für den kein Verbot gilt. Ich tu es. Fahr mich ans Laiid." Erst frühstückten wir gründlich, dann zogen wir zum «ec hinab und fuhren im Kahn hinüber zuni Süduser, wo das Wasser über eine Wiese ausgetreten war. Der Wind war ein- jgeschlafen. Man fühlte ordentlich die wärmende Kraft der Sonnenstrahlen. Schon von weitem sahen wir auf der überschwemmten Wiese an mehreren Stellen das Wasser brodeln, als wenn es kochte. Dort hatten sich die Hochzeitsgesellschaften zu sau imeng ef n n d en. Um einen großen Rogner drängten sich fünf, sechs oder noch mehr Milchner. " k „Können wir sie mit dem Kahn anfahren?" fragte Edmund flüsternd, als fürchte er durch lautes Sprechen die Fische beim Laichen zu stören. . . . „ . , „Ich glaube nicht, aber wir können es jai>6et der ersten Laiche versuchen." 1 „ ,, Ganz unmerklich schiebe ich beit Kahn vorwärts, Zoll nm Zoll Schon hebt mein Freund das Gewehr, als die Hechte tote ein Bündel Strahlen nach allen Seiten auseinander schießen. Dir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als auszustelgei» und ruhig stehen zu bleiben, bis eine Laiche sich in deiner Nähe sammelt. Und regungslos mußt du stehen, wie ein Reiher, der auf Beute lauert." „Nein, nein . . . Halt bloß den Kahii sttll. Ter Roaner steht noch — ein Kerl von mindestens zwölf Pfund . . . soll ich ihn schießen-?" flüsterte Edmund aufgeregt. „Nein, warte noch, bis die anderen zurückkommen, wir Haber» ja keine Eile." , . Nach wenigen Minuten sehe ich einen dreieckigen streifen sich abzeichiien auf dem' Wasser. Dort schießt ein zweiter, cm dritter, ein vierter heran. . . Tas Wasser brodelt auf. 188 „Sie laichen. jetzt ist es Zeit." ■ Langsam Hebt Edmund das Gewehr, ach stemme das Ruder ein der Schuß kracht. . . Sieben acht weiße Bauche drehen sich nach oben. . . Taz-wischen einer von mehr als doppelter !Armlange ... „ „Aber nun mach doch. . . ichnell ... Das war das lebte Wort, das ich von Edmund horte. Rückwärts gcivandt stoße ich den Kahn mit einem Ruck, vorwärts . . . Ein Schwanken läßt nnch den Kopf wenden. Da sehe rch Mdmes Freundes lange Gestalt nach hinten wmiken, dann mit doppelter Schnelligkeit vorwärts schießen. Dre lmke Hand grerft in die Lüft, als wollte sie sich an etwas anllammern - ,ctn feiner ganzen Länge liegt Edmund in dem eiskalten Wasier. Der Anblick ist so komisch, daß ich laut auflache. Dann wuiidert es wich, daß er sich nicht sofort aufrappelt, em Schrecken durch- fährt mich. Sollte ein Unglück passiert sein? Mit beiden Beinen springe ich aus dem Kahn. Ein schauriges Gefühl, wie das ciskalte Wasser von oben in die Füße läuft und rtnt Leib empor- beiden Händen packe ich den Bewußtlosen und schleppe ihn ans Land, bis aufs trockene User. „Wer nun erst die Hechte," denke ich laut, wate zurück zuM Kahn und nehme den Käscher. Als ich mit dem großen und sieben etwas kleineren zum Ufer"wate, richtet Edmund sich auf. „Up" stöhnt er und gibt ein Maul voll Wasser von sich . . . „Das war ein schlechter Spaß. . .Uupp . . ., upp. . . Das Wasser schmeckt rückwärts nicht . . . uupp, wieviel Hechte . . . uüpp ... sind es? Acht? Dafür sei dir alles verziehen, auch der Kopfsprung." - . ,, . . e _ Erst stärkten wir uns durch einen sehr tiefen schluck. Dann trabten wir, mit der Beute beladen heimwärts, nm uns warm zu laufen Geschadet hat das kalte Bad keinem von uns beiden. ZmN Abendbrot aßen wir bereits selbst bereiteten Kaviar. . . Wieder hat sich das tragikomische Ereignis geführt, wieder scheint die Sonne warm' auf die Erde, die sehnsüchtig des Frühlings harrt. Und ich hoffe jeden Tag, daß EdMund Vorfahrt, uM uns hinauszuführen von der grauen Arbeit in den goldenen Naturgenuß. . . vermischtes. kf. Eine B r i e f m a r k e n - A u f k l e b e in a f ch i n e. _ Maschinen, die Briesmarken ans Briese kleben, gibt es schon seit einiger Zeit. Die „Naturwissenschaften" beschreiben nun nach einem Fachblatte eine derartige Maschine neuerer Konstruktion, die gegenüber den älteren den Vorzug hast daß die Marken in ganzen Bogen so eingelegt werden können, wie man sie von der Post bezieht. Der ziemlich einsach gebaute Apparat hat die Große einer Schreibmaschine. Die Briese werden aus einen Block der Maschine gelegt, und zwar an eine Stelle, die durch Leisten bestimmt ist; dann drückt man einen Hebel nieder. Dieser Hebeldruck bewirkt das An- seuchten, das Auflegen der Marke und das Festdrücken. Gleichzeitig aber wird ein Zählwerk in Betrieb gesetzt, so daß die schine auch die Buchführung über den Markenverbrauch übernimmt. Das Abschneiden der Briesmarke geschieht durch kleine Messercheu, die auch durch den Hebeldrnck in Tätigkeit gefetzt werden. kk. Die so rtgeblafenen Mieter. Der Präsident der Pariser Mietervereiniguiig hat in diesen Tagen wieder einmal gegen die Rücksichtslosigkeit eines Hauswirts mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln protestiert. Der Hauswirt wollte eine Witwe vor die Türe fetzen, die ihm die Miete schuldig geblieben ivar; sie eilte zu Herrn Cochon und klagte ihm ihr Leid. Und Herr Cochon sorgte für Abhilfe: Am folgenden Tage erschien er in der Frühe mit dem Fansarenkorps der Mictervereinigung, das zunächst seine Weisen aus der Straße ertönen ließ. Daun aber zog man in die Wohnung der Witwe und musizierte dort den ganzen Tag bis zum späten Abend. Das Ende vom Lied war, daß das ganze Haus in Aufregung kam und sämtliche Mieter am Abend im Sturmschritt das Haus verließen. Alle waren mehr ober minder nervenkrank geworden. Erst als der zuständige Polizeikommissar mit einem erheblichen Machtausgebot aus der Bildfläche erschien, setzten die Bläser ihre Fanfaren ab. Herr Cochon aber, der auch jetzt noch protestierte, mußte den Weg zur Wache antreten, als Märtyrer sür die heilige Sache der Mieter. e SUeiber ans Eisen unb Stein. Dem zwanzigsten Jahrhundert war es vorbehalten, zu zeigen, was sür Vorteile Kleider aus Mineralien haben. So unglaublich es auch klingen mag, Stein und Eisen, ja sogar Glas werden jetzt zu Kleidern verarbeitet. Das Allerneueste in Damenkleidern sind jetzt Roben aus gesponnenem Glase. In iveißen, grünen, lila, rosa und gelben Schattierungen werden sie hergestellt. Ihr Erfinder ist, wie eine englische Zeitung schreibt, ein Australier, und der Stoff ist so glänzend und so weich wie Seide. Die erste Dame, die ein Kleid aus Glas trug, war von königlichem Rang. Es zeigte einen zarten Ton von der Farbe des Lavendels, mit Rosa durchschossen, und sein eigentümlicher Glanz erinnerte an das Funkeln von Diamantenstaub. In den sibirischen Bergwerken wird ein sasriger Stein gefunden, aus dem die Russen ein Gewebe herzustellen verstehen, das so dauerhaft ist, als wenn es unverwüstlich wäre. Der Stoff fühlt sich weich an und ist überaus biegsam; hat er Flecke bekommen, so braucht man ihn nur eine Zeitlang ins Feuer zu legen, unb er ist roieber vollkommen gesäubert. Eisengarn wird bereits heut überall verwandt, um Gegenstände fest anzunähen. Es wird aus Stahl- spähnen gefertigt und sieht so aus, als wenn es aus Roßhaar gewebt wäre. „Wolle", aber nicht solche, die vom Schafe kommt, wird zu Tuch für Herrenkleiber verarbeitet. Es ist dies sogenannte „Kalkwolle", bie im elektrischen Oien gewonnen wirb. Gepulverter Kalkstein, beut gewisse Chemikalien, zugesetzt sinb, wirb in ben Ofen geworfen, und nachdem er burch ein scharfes Gebläse gegangen ist, wirb er als eine lockige weiße Wolle herausgeschleudert. Diese Wolle wirb dann gefärbt und so wie Tuch verarbeitet. Ein Paar Beinkleider ober ein Rock, bie aus solchem Stoffe gefertigt sinb, können, wie man behauptet, weber verbrannt, noch burch Fettflecke beschäbigt werden. Der Stoff selber ist so weich wie Tuch, bas aus gewöhnlicher Schafwolle hergestellt ist. Papieranzüge trugen bie japanischen Truppen währenb des Krieges mit Rußland, unb sie sollen sehr praktisch unb viel wärmer als Tuchanzüge gewesen sein. Babeanzüge aus Papier, Morgenröcke unb viele anbere Kleidungsstücke werden jetzt in manchen Ländern in großer Zahl hergestellt. Das Papier, das man dazu verwendet, ist eine Art Löschpapier. -*■ Das größte HebeI. „Nun, Sepp, was woanst? Grämst de denn so sehr, daß bei Olle mit ’n Huberbua durchs gang'n ist?" — „Ja, ja —" — „Armier Bua!" — siAch, ^es. is ja noch viel Schlimm'res passiert." — „Maas?" — „Se is schoa wieder heinÄumma?" ,,, * Reise-Erin n e r n n g. „Um Himmels willen, Sie wischen ja ben Teller mit Ihrer Schürze ab!" — „Dös macht mx, mein Schürzl ist eh schon schmutzig!" Das deutsche Lied! Ein trcimnenb Kind, so geh' ich durch die Lande, Mit Augen blau unb Blüten in bem Haar, Ein jeber kennt die junge Gottgesandte Unb Jngenb bringt mir ihre Kränze bar. Des Barben Freundin, Tochter seiner Harfe, Sprang ich mit Helden durch den deutschen Wald, ES sank der Schild, es sank der Speer, der scharfe, Ich zwang die Kraft mit lieblicher Gewalt. Ein grobes Linnen hüllte meine Glieder, Mein Vater war von kehlenranher Art. Doch sand ein Spielmann meine Schönheit wieder: „Der von bet Vogelweib" auf Wanderfahrt. äum Minnedienst auf dnft'gen Rosenpfaden tard ich der Liebe klingendes Geleit. Das war ein Lohn: Vor holder Frauen Gnaden Ward ihm der Sieg im heißen Säiigerstreit. So ist's noch heut: Ich bin ein Kind geblieben Unb meine Schwester ist bie Poesie. Ich segne alle, bie bie Sehnsucht lieben, Unb deutsche Sehnsucht, die veraltet nie I Unb heut' als Gast weil' ich in biesen Räumen, Bis es mich wieder in bie Wälber zieht .„. . Dort will ich sein unb sinnen nut unb träumen, Ich bin die Sehnsucht, bin bas beutsche Lieb! Lubwig Beil. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: B A B r 1 a a k 1 d Bras ilien Alkidamas Ball anche Im« e a h n s e Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei. R. Lange, Gieße».