Domerztag, den (3. Kedruar W/ffiTr, r. ä^JJ'K« ■ - \< 1 ■> ßRÄ HW fi Äm M IW Von Frühling ;u Frühling. Roman von Erich Ebenstein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) . Sein Mick war so gläsern vor Schreck und die Hände, tnrt welchen er sich auf das Fensterbrett stützte, zitterten so sehr, daß Meta, von unbestimmter Angst erfaßt, an seine Seite trat. „Prinz Reinsperg!" rief sie verwundert. „Und noch ern Herr . . . was will..." - Montelli stieß sie mit einer brutalen Bewegung vom Fenster zurück. ' , . „Schweige!" stieß er rauh heraus. „Er darf nicht wissen, daß du hier bist. Du gehst keinen Schritt aus diesem Zimmer, so lange er in Dopolanyi ist! Hast du verstanden?" Noch nie hatte er in diesem Ton zu Meta gesprochen. Er strich sich mit bebenden Fingern das Haar aus der schweißfeuchten Stirn. Sein Blick war der eines gejagten Raubtieres, das keinen Ausweg mehr sieht. Ohne zu begreifen warum, fing Meta zu zittern an. „Was hast du? Was ist dir denn? Warum soll der Prinz nicht wissen, daß ich hier bin?" „Weil . . ." Montelli begann hastig im Zimmer herum- zugehen, „weil ich nicht will, daß er dir wieder von Liebe spricht. Weil ich nicht dulde, daß er dir Dinge in den 'Kopf setzt... die. . ." er blieb vor Meta stehen und blitzte sie drohend an, kurz — weil ich nicht will, daß er dich sieht, und das muß dir genügen!" „Es genügt mir aber durchaus nicht!" wollte Meta sagen, von immer bestimmter werdendem Mißtrauen erfaßt. Da öffnete sich die Tür und ein Diener sagte in respektvollem Ton: „Seine Hoheit sind socken angekommen und lassen den Herrn Stallmeister bitten . . ." „Es ist gut... ich komme sofort." Er wandte sich an Meta. „Du wirst so freundlich sein, mich, hier zu erwarten." „Seine Lippen waren bläulich und die Augen lagen tief in den Höhlen wie bei einem Schwerkranken. So verließ er das Zimmer. Meta antwortete nicht. Sie setzte sich auf die Chaiselongue; denn die Beine waren ihr plötzlich sonderbar schwach geworden. Sie hatte das deutliche Gefühl, als ob etwas Schreckliches über ihrem Haupte schwebe. Dann stand sie wieder auf und schritt halb bewußtlos langsam die Zimmerreihe durch, welche ihre Wohnung bildete. Es war etwas Traumhaftes in ihrem Tun und doch Vtwas Sicheres. Die Augen starr auf ein unsicheres Ziel geheftet, ging sie vorwärts gleich einer Nachtwandlerin. Ucker all dem dunklen, verworrenen Wust von Gefühlen stand klar ein einziger Gedanke: „Ich muß, wissen. weshalb ihn die Anwesenheit des Prinzen in solchen Schrecken versetzt!" Jetzt stand sie in dem kleinen Musiksalon, der ihre Wohnung von der des Prinzen trennte. Mechanisch legte sie die Hand auf den Drücker der Tür. Er gab nicht nach'. Richtig — die Tür war ja immer verschlossen. Die Doppeltür — versperrt von hüben und drüben — kein Laut drang durch ihr eichenes Gefüge. Meta wandte sich nach dem Korridor. Dort würde sie wohl hinein können. Es fiel ihr gar nicht ein zu horchen. Ganz gerade und ehrlich wollte sie eintreten nnb den Prinzen fragen: Was wollen Sie von meinem Mann? Der Prinz würde nicht lügen, von ihm würde sie endlich die Wahrheit hören. Nun stand sie wirklich an der Tür zu des Prinzen Arbeitsgemach. Kein Laut auch hier. Waren sie denn nicht drinnen? Warum schwiegen sie? Oder flüsterten sie nur? Sie drückte die Tür auf. Das Zimmer war nur mäßig hell. Der Tag draußen arng schon zur Neige. Ein olivgrüner Teppich bedeckte den ganzen Fußboden. Bücherschränke standen an den Wänden, links am Fenster ein großer Schreibtisch mit mattsilberuer Garnitur. Auf 'einem Stuhl daneben saß der fremde Mann, welcher mit dem 'Prinzen gekommen war. Er sah ziemlich vulgär aus. Sein scharfes Profil mit' dem gekrausten Haar darüber hob sich scharf von uem lichten Hintergrund des Fensters ab. Es glich dem eines. Wolfes. An der Kante des Tisches, der die Mitte des Zimmers einnahm, lehnte der Prinz und vor ihm stand Montelli, Seine Haltung war schlapp und unsicher. Meta sah alles wie im Traum. Jetzt hörte sie Worte. Der Prinz sprach — Montelli antwortete — leise —i zögernd — sie wollte weitergehen, aber das Blut stockte ihr plötzlich in den Adern und Funken begannen vor ihren Augen zu tanzen. Instinktiv klammerte sie sich an dis Falten der Portiere. Niemand bemerkte sie; denn die beiden Männer dort in der Mitte des Zimmers waren ganz mit sich allein beschäftigt. „Wollen Sie mir nun erklären, Herr von Montelli, wieso mein Name als Gutsteher auf diesen Schuldschein kommt?" sagte der Prinz. „Herr Rosental behauptet, daß Sie ihm den Schein ausgestellt haben lind der andere Gntsteher — ein Herr Wilamowitz — die Echtheit meiner Unterschrift garantiert hat. Wer ist dieser Wilamowitz?^. Montelli schwieg. „So antworten Sie doch!" „Er ist ein... . Freund vor: mir.77 „Wo ist er? Herr Rosental sagt, er fei unauffindbar. Das machte ihn stutzig — 'so wandte er sich an mich, bfl dis Zinsen ausblieben. Was haben Sie darauf zu sagen?^ „. . Nichts." *-» 98 —* Abenteuer des Brigadier Gerard. Von C. Doyle. WiesichderVrigadierbeiWatcrlooauszeichnetez (Fortsetzung.) Rechts von der „Alten Garde" standen die junge Garde und das sechste, Lobausche Korps, und dann Passierte ich iwch die Jacguinotschen Lanziers und die Marbotschen Husaren, welche die äußerste linke Flanke der Schlachtlinie bildeten. All' diese Truppen hatten keine Ahnung von dem Korps, das ihnen durch den Wald entgegcnkam, ihre Aufmerksamkeit wurde von der Beobachtung der Schlacht in Anspruch genommen, die zu ihrer Linken wütete. Mehr als hundert Kaiwnen donnerten auf lebet Seite, und der Schlachtenlärm war so stark, wie ich ihn trotz meiner vielen Feldzüge kauin sechsmal erlebt habe. Ich drehte mich um und sah, wie zwei Brigaden Kürassiere, englische und französische, den Hügel hinuntersausten, und wie ihre blanken Säbel blitzten wie ein Gewitterleuchten. Oh, wie ich mich sehnte, Violetta 'rumzudrehen und meine Husaren in das dickste Kampfgetümmel hineinzuführen! Was für 'n Bild! Etienne 'Gerard mit den: Rücken der Schlacht zugewandt, während sich ein großartiger Reiterkampf hinter ihm abspielte! Aber Pflicht'ist Pflicht, und so ritt ich denn .an Marbots Vorposten vorbei, dem Walde zu, während das Dorf Frichermont links liegen blieb. Bor mir lag ein großer Wald, der sogenannte „Pariser Wald"; er war größtenteils von Eichen bestanden, und hatte nur wenige Pfade. Als ich dort war, hielt ich und horchte; aber aus dem dunkeln Dickicht drang weder das Schmettern einer Trompete, noch das Knarren von Rädern, noch der Hufschlag von Pferden an mein Ohr, und kündigte den Vormarsch jener großen Kolonne an, die ich mit meinen eigenen Augen hatte drauflosmarschieren sehen. Hinter mir tobte die Schlacht, aber vor mir herrschte Grabesstille. Der Sonnenschein wurde durch das dichte Laubdach abgehalten, und der feuchte Rasen strömte einen starken dumpfigen Geruch aus. Mehrere Meilen galoppierte ich auf einem Pfad dahin, den weniger Reiter zu benutzen gewagt haben würden: am Boden liefen die dicken Wurzeln, und über mir hingen die Aeste im Weg. Dann erblickte ich endlich die erste Spur von Grouchys Avaut-Garde. Zu beiden Seiten, aber noch in einiger Entfernung, bemerkte ich zerstreute Husarentrupps zwischen den Bäumen. In der Ferne hörte ich Trommelschlag und das leise Murmeln, wie's von einem Heer auf dem Marsch ausgeht.- Jeden Moment konnte ich auf den Stab stoßen und meinen Auftrag Grouchy persönlich übermitteln, denn ich wußte, daß bei etnet ihm bloß ins Gewissen, und er versprach mir Besserung.^ „Und dann?" — Die Zunge klebte Meta am Gaumen, kaum, daß sie die zwei Worte herausbrachte. „Daun kam, was ich im stillen gefürchtet hatte: er setzte, vermutlich um sich mit einem Schlage von meiner ihm lästigen Vormundschaft frei zu machen, abermals hohe Summen aus unsere Pferde. Diesmal schien uns ja der Sieg wirklich sicher ■— nur daß man bet jeder Art von Spiel doch zuletzt immer auf das Glück angewiesen ist. „Aram" stolperte drei Längen vor dem' Ziel. — Auch „Kitty" und „Holda" wurden geschlagen. Montelli hatte alles verloren..." Meta preßte die Hande verzweifelt ineinander. „Dazu also die ungeheuren Summen!", „Nun," fuhr Reinsperg fort, „konnte ich ihn freilich nicht länger schonen. Eben um Ihretwillen nicht. Vielleicht hätte ich Ihnen durch weniger Schonung die heutigen Aufregungen überhaupt ersparen können —- Mitleid int unrichtigen Moment ist immer Schwäche. Aber Sie werden begreifen, daß bei meinen Gefühlen für Sie es doppelt peinlich war für mich, Montelli brotlos zu machen. Schließlich mußte ich es doch tun — vor vier Wochen habe ich ihn entlassen."... „Wie, nicht er selbst hat — „Mir gekündigt? Nein. Dazu ist dieser Mann viel ... zu klug. Aber nun ist ohne mein Dazutun eine neue, bestimmte Lage geschaffen worden, welche gebieterisch auf den einzig möglichen Ausweg hintreibt aus diesem Wust von Niedertracht und Gemeinheit." „Sie wollen ihn preisgeben? — O, Hoheit!" Metas Stimme war angstvoll beschwörend. Reinsperg sah sie'bestürzt an. War das Angst um Montelli? Siebte fte ihn am Ende trotz alledem? Er atmete auf. Nein, es war nur die Angst der vor-> nehmen Frau, welche erbebte, ihren Namen schmachvoll der Oeffentlichkeit preisgegeben zu sehen. „Armes Kindl Wie sie leidet!" dachte er mitleidig. (Fortsetzung folgt.) .Mas heißt, Sie gestehen zu, meinen Namen einfach gefälscht zu haben? Oder tat es Ihr Helfershelfer? t/z Montelli hob plötzlich den Kopf. „Hoheit, gestatten Sie mir eine Unterredung unter vier Ungen... ich gestehe zu, daß es unüberlegt war, aber da ich Grund hatte, anzunehmen, daß meine Frau bald in den Besitz reichlicher Mittel kommt —" „Ich muß bitten, Ihre Gemahlm habet ganz aus dem Spiele zu lassen —" „Und doch" — Montellis Stimme sank zum Fluster- ion „werden Hoheit um ihretwillen die Sache nicht auf die Spitze treiben. Ich werde den Schaden gut machen, meine Fran wird Eurer Hoheit selbst —" . Von der Tür her erklang ein dumpfer Schrei. Die beiden Männer fuhren erschrocken zusammen. Herr Rosen- lal am Schreibtisch hob neugierig den Kopf und spähte in das Dunkel. Er konnte nur eine schlanke weibliche Gestalt sehen. , , , I Dann stand der Prinz mit zwei Schritten neben Meta, di« ihn mit irrem Blick wie einen Fremden anstarrte. Auch Montelli war an Melas Seite geeilt. Sie klammerte sich taumelnd noch immer an die Falten der Portiere, es sah ans, als würde sie im nächsten Augenblick zusammenbrechen. Montelli wollte sie stützen, aber sie wich vor ihm zurück und in ihre auf den Prinzen gerichteten Augen trat ein leidenschaftliches Flehen. , Ganz deutlich verstand er, was ihre Seele schrie: Habe doch Barmherzigkeit! Sage mir, ob ich recht gehört habe? In Joachim von Reinspergs Blick tarn eine seltsame Weichheit. Alles, was er an Siebe, Hochachtung und Mitleid für diese Frail empfand, spiegelte sich darin. Sanft ergriff er ihre Hand und wollte sie tiefer in das Zimmer hineinführen. Aber Montelli, der das stumme Mienenspiel der beiden sah, trat, von wilder Eifersucht erfaßt, dazwischen. „ t r. Er wußte, daß das, was sie jetzt erfahren wurde, sie für ewig von ihm trennen würde. „Meta/ keuchte er heiser, „komm — du hast hier iiichts zu suchen!" Sie sah seine funkelnden Augen drohend unt> beschwörend auf sich gerichtet und wich zum zweiten Male vor ihm zurück. Der Prinz warf ihm einen verächtlichen Blick zu. _ „Enden wir die peinliche Szene!" sagte er kalt. „Entfernen Ne sich!" Und so jeden Widerstand ausschließend war der Ton seiner Stimme, daß Montelli, ohne eine Silbe zu erwidern, mit unsicheren Schritten das Gemach verließ. Er fühlte, daß das Verhängnis über ihn hereinbrach Und wagte nicht mehr, sich Dagegen aufzulehuen. Reinsperg warf Rosental einen nicht mißzuverstehenden Blick zu, worauf dieser Montelli eilig folgte. Der Prinz schloß die Tür ab und führte Meta zu der Chaiselongue, welche neben dem Kamin stand. Dann zündete er schweigend die Hängelampe an, denn es war inzwischen völlig dunkel in dem Gemach geworden. Meta hatte mit übermenschlicher Gewalt die Schwäche, welche sie zu übermannen drohte, niedergekämpft. Unter der ruhigen Fürsorge des Prinzen, dessen Gesicht nun einen tiefernsten Ausdruck trug, fühlte sie sich einigermaßen geborgen. Als er sich nun ihr gegenüber auf einen Stuhl niederließ, hob sie bittend die Hände. „Die Wahrh!eit, Hoheit — sagen Sie mir die ganze Wahrheit!" Er blickte sie mitleidig an. „Sie haben sie bereits gehört, gnädige Fran. Er hat meinen Namen gefälscht, um leichter Geld zu bekommen. Es war ihm nicht genug, daß ich ihn schon einmal schonte . . £ Ihretwillen! Obwohl ich sonst keine Nachsicht habe mit text, die ihr Ehrenwort brechen." Meta hob erschrocken den Kopf. „Schon einmal... schonte?" „Sie wußten nichts davon, gnädige Frau — natürlich! Fch aber erhielt schon damals beim Wiener Derby die um- ttv-eifelhaflen Beweise, daß er trotz seines mir gegebenen ChrenwPtes hohe Summen auf „Aram" gesetzt hatte. Wann ich mir selbst hätte getreu bleiben wollen, hätte ich itzn sofort entlassen müssen. Ich tat es nicht. Ich redete 99 foTtfen Gelegenheit ein französischer Marschall sicher bei her Morhnt 'ift. * , Plötzlich wurde es lichter vor nur, und ich merkte zu meuter Freude, daß ich mich am Rande des Waldes befand und bald ins Freie gelangen wiirde, wo ich die Armee sehen und den Marschall finden könnte. An der Stelle, wo das Pfäochen ausniündet, hegt eine kleine Waldschänke, wo Holzhauer und Fuhrleute ihr Glas Wein trinken. Ich hielt einen Augenblick mein Pferd an, um die Gegend in Augenschein ju nehmen. Ein paar Merlen entfernt lag der zweite große Wald, der von „St. Lambert , aus dem der Kaiser die Truppen hatte Herausrommen sehen, ^ch sah leicht ein, warum sie von dem einen Wald Mm andern so viel Zeit brauchten: dazwischen zog sich der tiefe Engpaß von Lasnes hin, der überschritten werden mußte. Ich sah auch deutlich, wie eine Heersäule von Reiterir, Fußvolk und Artillerie den einen Abhang ’runterzog und am anderen emporschwärmte, wahrend die Borhut schon um mich herum war. Eine Batterie reitenbe Artillerie kam die Straße entlang, und ich war eben rm Begriff, draufloszusprengen und den kommandierenden Offizier zu fragen, ob er mir nicht sagen könnte, wo ich den Marschall finden würbe, als ich plötzlich bemerkte, daß die Kanoniere, obwohl sie blau montiert waren, nicht den Dolrnan mit den roten Aufschlagen trugen, den unsere reitenden Artilleristen hatten. Ganz erstaunt betrachtete ich zu meiner Rechten und Linken diese merkwürdigen Soldaten, als plötzlich eine Hand mein Bein faßte. Es war der Wirt, der aus seiner Kneipe herausgesprungen war. „Allmächtiger Gott!" rief er, „was machen Sie hier?, Mas haben Sie vor? Sie sind wohl von Sinnen?!" „Ich suche den Marschall Grouchy." „Sie sind mitten im preußischen Heer, Kehren Sie um ftnd fliehen Sie!" ~ „Unmöglich: das ist doch das Korps Grouchhs," „Woher wissen Sie das?" „Weil's der Kaiser gesagt hat." „Dann befindet sich der Kaiser in entern schweren Irrtum! Ich sag' Ihnen, daß eine Patrouille schlesischer Husaren ut diesem Augenblick mein Lokal verlassen hat, Haben Ste ste picht im Wald gesehen?" „Husaren hab' ich !vohl gesehen," >,Es sind feindliche." 1 „Wo ist Grouchy?" „Er ist dahinter; sie haben ihn überholt." „Wie kann ich da Mrückreiten? Nur wenn ich vorwärts gehe, kann ich ihn vielleicht treffen. Ich muß meinen Befehl ausführen und ihn ausfindig machen, wo er auch stecken mag. Der Mann iiberlegte einen Moment. „Rasch! rasch!" rief er und erfaßte meinen Zügel. „Tun Sie, was ich Ihnen sage, und Sie können womöglich noch durchkommen. Man hat Sie noch tticht bemerkt. Kommen Sie nut, und ich will Sie verbergen, bis sie vorbei sind." Hinter seinem Haus war ein niedriger Stall, da trieb er Violetta hinein. Dann führte er mich halb und zerrte mtch halb iit die Küche seiner Wirtschaft. Es war ein kahler, mit Steinen gepflasterter Raum. Ein stämmiges, rotbackiges Werb briet Kotelettes auf dem Herd. „Was ist beim nun los?" fragte sie und sah unfreundlich bald mich und bald den Wirt an. „Was ist das für ’n Kerl, den du da mitbringst?" „Es ist 'n französischer Offizier, Marie. Wir dürfen ihn nicht von den Preußen gefangen nehmen lassen," „Warum nicht?" 1 „Warum nicht? Zum Donnerwetter! war ich nicht selbst ein napoleonischer Soldat? Hab ich nicht eine Ehren-Muskete Unter den Garde-Veliten erworben? Soll ich zusehen, tote ein Kamerad vor meinen Augen gefangen genommen wird? Nein, wir müssen ihn retten, Marie." Aber die Frau sah mich immer noch sehr unfreundlich an. „Peter," sagte sie, „du wirst nicht eher ruhn, bis sie birg Haus über 'm Kopf anstecken. Verstehst bu denn nicht, du Schafskopf, daß du nur für Napoleon gekämpft hast, weil er Herr von Belgien war? Jetzt ist ers nicht mehr. Tie Preußen sind unsere Verbündeten, und das ist unser Feind. Laß mit ihm werden, was will!" Der Wirt kratzte sich hinter den Ohren und guckte mich verzweifelt an, aber es war mir sehr klar, daß dieses Weib'sich weder um Frankreich, noch um Belgien Sorge machte, doA ihr nur die Sicherheit ihres eigenen Hauses so sehr am Herzen lag. „Madame," sagte ich toürbig und fest, „bet Kaiser schlägt die Engländer, und eh 's Abend wird, werden die Franzostn hier sein. Wenn Sie mich gut behandeln, werden Sie belohnt werden, verraten Sie mich aber, so werden Sie dafür büßen müssen, und Ihr Haus wird sicher vont Geueralprofoß niedergebrannt werden." Das Machte sie ängstlich, und ich suchte sie nun rasch auf ttitbere Weise vollends umzustimmen. „Ich halte 's für ganz unmöglich, daß eine so schöne Frau so hartherzig sein kann. Sie werden mir sicher die Zuflucht jetzt nicht verweigern." Sie betrachtete Meinen Schnurrbart, Und ich bemerkte, wie fie sanftmütiger wurde. Ich erfaßte ihre Hand, und nach ein paar Minuten standen wir auf ’nem solchen Fuß miteinander, daß ihr Mann rnird 'raus erllärte, er selbst würde mich ’naussetzen, tuen« ichs so weiter triebe. „Uebrigens, die Straße ist voller Preußen," schrie er. „Geschwind! geschwind! auf ’n Boden!" „Geschwind! geschwind! auf ’n Boden!" echote seine Frau, und eiligst schoben sie mich an eine Leiter, die zu einer Falltür an der Decke führte. Es klopfte laut an der Haustüre, so daß Sie sich vorstellen können, Messieurs, daß es nicht lange dauerte, so waren meine Sporen durch das Loch verschwunden, und bte Tür wieder ’runter gelassen. Im nächsten Augenblick hörte ich in den unteren Räumen die Stimmen der Deutschen. Ich befand mich in einem einzigen großen Raum, dessen Decke das Dach bildete. Er ging über die eine Hälfte des ganzen Hauses, und durch die Ritzen konnte ich nach Belieben in die Küche, ins Gastzimmer und aufs Büffett gucken. Es gab zwar kerne Fenster auf bem Boden, aber infolge noch nicht vollständlg beendigter Reparaturen und mehrerer fehlender Ziegel jtel Licht ’rein, und ich konnte meine Beobachtungen anstellen. Der Platz war mit Gerümpel angefüllt — in einer Ecke lag ein Saufen! Heu und in der anderen war ein mächtiger Haufen leerer Flaschen aufgetürmt. Es gab weiter keine Tür- oder Fensteröffnung als das Lock), wodurch ich ’raufgekrochen war. Ich setzte mich ein paar Minuten auf den Heuhaufen, um mich zu sammeln und Pläne zu schmieden. Es war sehr fatal/ daß die Preußen eher auf dem Kampfplatz ankommen sollten als unsere Reserven, doch schiens nur ein einzelnes Korps zu fein', und ein Armeekorps mehr oder weniger machte einem Manne wie dem Kaiser wenig aus. !Er konnte diese Unterstützung den Engländern ruhig zuiomtuen lassen, und sie doch noch schlagen. Das Beste, wodurch ich ihm dienen konnte, nachdem Grouchy nun 'mal doch noch hinten war, war, hier zu warten, bis sie vorbei waren; und dann meinen Weg fortMsetzen, den Marschall aufzusuchen und ihm die kaiserlichen Orders zu überbringen. Wenn er auf die Nachhut der Engländer vorrückte, anstatt die Preußen zu verfolgen; so würde alles gut werden. Das Schicksal - Frankreichs hiirg von meinem Urteil und meinen Nerven ab. Es war nicht das erstemal/ mes chers amis, wie Ihnen ja zur Genüge bekannt ist, und Sre wissen auch, daß ich wohl berechtigt war, mich auf mein Urteil und Meine Nerven zu verlassen, daß, sie nie mit mir durchgehen wurden. Der Kaiser hatte für seine Mission entschieden den richtigen Mann ausgesucht. „Den berühmten Boten", batte er mich genannt. Ich wollte mich dieser Auszeichnung würdig erweisen. Es war ganz klar, daß ich nichts unternehmen konnte, bevor die Preußen vorüber waren; so benutzte ich meine Zeit, fte M beobachten. Ich habe keine Vorliebe für dieses Volk, aber ich muß lagen, daß sie eine ausgezeichnete Disziplin hatten, denn kein Mann ging ins Wirtshaus', obwohl sie sicher durstig waren und vor Erschöpfung beinahe umfielen. Die an bte Türe gepocht hatten, hatten einen ohnmächtigen Kameraden gebracht und waren; nachdem sie ihn hingelegt hatten, unverzüglich wieder ins Glied zurückgekehrt. Sie brachten noch Mehrere und legten sie ebenso in die Küche, während ein blutjunger Assistenzarzt, der kaum ben Knabenschuhen entwachsen war, zu ihrer Pflege zurückbheb. Nachdem ich sie durch die Spalten am Boden beobachtet hatte, ging ich nun an die Löcher im Dach, von denen aus ich genau sehen konnte, was draußen vorging. Das preußische Korps zog noch immer vorbei. Man sah ihnen leicht an, daß sie schon einen furchtbaren Marsch hinter sich hatten und wenig gegessen hatten, denn die Leute sahen sehr schlecht aus und waren von oben bis unten mit Schmutz bedeckt, well fte auf ben schlammigen, schlupfrigen! Wegen oft ausgeglitten und gefallen waren. Aber so erschöpft sie auch waren, ihr Mut war erstaunlich/ und fte schoben und zogen an den Kanoneuwagen, wenn die Räder bis an dteNabeu in Treck sanken, und die müden Pferde, ebenfalls bis an bte Sitte tut Kok, nicht imstande waren, sie durchzuschleppen. Die Offiziere rrtten auf und ab und spornten die Tätigeren durch Worte des Lobes an und die Lässigeren durch Schläge mit der flachen eäbefflinge. Während der ganzen Zeit ertönte von lensetts des Waldes der furchtbare Schlachtenlärm zu ihnen herüber, als ob sich alle Flüsse der Erde zu einem einzigen.mächtigen.Strom vereinigt hatten, der brausend und krachend in die Tiefe stürzte. Wie der W gewaltigen Wasserfalles erschien die lange Rauchwolke, die hoch über den Bäumen hinzog. Die Offiziere deuteten mit bem Säbel danach hin und trieben mit rauhen Rufen aus ihren ausgetrockneten! Kehlen die schmutzbedeckten Mannschaften vorwärts nach der I Schlacht Eine Stunde lang hatte ich sie schon vorüberziehen leben, und ich rechnete mir aus, daß ihre Vorhut bereits auf bte Mar- botschen Vorposten gestoßen, und daß der Kaiser schon von ihrer Ankunft unterrichtet sein müsse. „Ihr marschiert recht schnell drauf zu, meine Freunde, aber rückwärts wirds wohl noch bedeutend schneller gehen," sagte ich zu mir selbst und tröstet« mich mit diesem gebauten. * (Fortsetzung folgt.) ( — 100 — Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Ra 6, Patz. Aus Richard Wagners letzten Tagen. I \ Zum 30. Todestage, 13. Februar. ' RMMZEb- MMWMMW UZ-MMMM vmEeln und als er einmal etwas aus dem „Lohengun horte, eilt7 er rasch, sich die Ohren zuhaltend, in einen Laden. Bum Fasching im Februar mischte er sich tmtten uMer das Oe Maskenaewühl „Man sah ihm an, daß er sich wohl suhlteGunter dieser iübelnden Schar, gleichsam mitteilnahm an dem ^ascheuü^ schwang der Unmaskierte unter dieser vermummten kindischen N.tenge'. plötzliche, das Ende bringende Anfall eigentlich aan; überraschend^^ Noch am Vorabend des verhängnisvollen 13. "Februar war er im Familienkreise müch ruhig, frmrch^h, und wollte sich gar nicht von den Seinen trennen „Kirchers bleibt dock Nock," sagte er immer wieder. Gegen 11 Uhr svielte er den Schluß des „Rheingold", die Klage der Rheintochter mit ibren Falsch und feig ist, was dort oben sich freut . »Wie gut, s?ra.k> 4,s.Äfc* trmtfirh und treu nur in der Tiefe ist . An diesem leisten eroeuo seines Lebens legte er sich spät zur ^he, war aber am 13. Februar kckmi früh mir ..Deut muß ich Mich in Acht nehmen, sagte er ahnungsvoll zu seinem Timer Georg, ^aH bem Frühstück gmg tx auf sein Zimmer, um an seiner Abhandlung „lieber das Wew liehe im Menschlichen" zu arbeiten. Als der intime Freund des H^ses Joukofsky, dessen Aufzeichnungen eine genaue ^ch'cherung des Sterbetages enthalten, gegen 2 Uhr zum Diittageisen !am, fand er alles wie gewöhnlich.. Man wartete noch ^f Wagner, der schließlich sagen ließ, er suhle sich nicht ganz wohl. Frau Wagner eilte hinauf und kam mit der Nachricht Aruck: „Mem Mann bat feinen KraMpf, und zwar ent wenig stark. AVer es war besser, als ich ihn allein ließ." Der Meister war unterdeisen ruhig im Zimmer auf und ab gegangen, um seiner Gewochlheit tzemüß die Sätze auszudenken, die er dann uiÄmschrieb. Dabei hatte ihn der Anfall überwältigt, bei dem er stets allem geles en Zn werden wünschte. Eine treue Dienerm horte ledoch sein sich steigerndes heftiges Aufstoßm uiid Stöhnen; sie fand ihn an Lincm Schreibtisch sitzend, wo er den Ausgang, wie so oft, ruhry abwarten wollte. Plötzlich zog er heftig ^ Klingel und vor Schmerzen kaum zum Sprechen fähig: „Meine Frau und der «Doktori" Ter Krampf wurde immer starker und konnte auch durch das Einnehmm eines, scharfm Medikamentes nicht unterdrückt werden. Ermattet ließ er sich ttt seinem Ankleideraum auf ein kleines'Bänkchen nieder.. Währenddessen muß wohl In seinem Derzen ein Blutgefäß gesprungen fern, wodurch der Tod herber veführt wurde. Sein Diener befreite ihn von emigm letzten Kleidungsstücken: dabei fiel die schöne, ihm von seiner Gattin a-^ schenkte Taschenuhr auf dm Teppich. „Meine Uhr! riet er, es waren seine letzten Worte. Die Augen schlossen sich zum tiefen ewigen Schlummer. Der Diener wollte noch wahrgenommen haben, daß er zweimal mit den Schultern aufgezuckt habe. Ms Mt. Keppler eintrat, war der Meister tot. Rasch flog die Trauernachricht durch die Lande. König Ludwig von Bayern schickte einen Abgeordneten, der die Lerche auf deutschen Bodm geleiten sollte. Am 16. Februar, einem strah.endlichten, sonnenerfHllten Tage, trugen acht der Getreum den Sarg c te Treppe des Palastes hinab in die schwarze Gondel. Fernher erklang Glockengeläut, und so glitt der schweigende Zug hm durch den Kanal, wo in .Hunderten von Gondeln die Venezianer oas Trauergeleit gaben, bis zum Bahnhof, wo die Abordnung der Stadt Venedig dem Toten die letzte Ehre erwies. Die weitere Fahrt gestaltete sich zu einer Trauerfeier des ganzen Landes. ^Auf alten Bahnhöfen hatten sich Verehrer eingefunden, UM ihm dm. letzten Gruß darzubringen. Die feierliche Beisetziurg erfolgte am Sonntag den 18. Februar in Bayreuth. Der unter Kränzen verschwindende Sarg ward nach der Villa Wahnfried geführt, und von dort trugen ihn Niemann, Hans Richter, Porges, Anton Seidl j -i vüchertisch. ___Hessische Chronik", Monatsschrift für Familien- und Ortsgeschichte, begründet und herausgegebm von Dr. Hermann Bräuning-Oktavio und 0. Dr. Wilhelm Diehl im Verlag dm L. C. Wittich'schm tzofbuchdruckerei Darmstadt. 2. Jahrgang 1913, Heft 1- Inhalt: Oberlehrer und Stadtarchwar Ferdinand Dreher, Deutsche Kaiser und Könige in Friedberg t. d. Wetterau. Paul Th. Falck: Der Dichter Heinrich v, Ende. Em Gedenk blatt. — Dr. Hermann Bräuning-Oktavio: Neue Bilder der Großen Landgräfin. Mit drei Mbildungen. — Stadtpfarrer 0. Dr. Wilhelm Diehl: Die Selbstbiographie von Christian Rudolph Reinhard Pfnor (1748—1831). — Aus .Nebel s Jocoso- Seria. Beiträge zur Geschichte und Charakteristik, Gießener Pro- essoren. Mit einer Wbildung — M. Ploch: Gießen vor shuiidert Jahren. — Archivar Dr. C. Kiietsch: Noch, „einiges über bte Nellenburg — Pfarrer Hermann Knott: Beitrage zur Hesstick>en „Wappenkunde". Mit drei Abbildungen. — Klemme Mitteilungen. «schweizer im Odenwald. — Carl Magnus von Frankenberg urck Proschlitz. — Tilmrann Schnabels Nachkommen. derungm aus Reinheim uiid Ueberau nach Preußen und Ruß. land. — Bücherschau. — Aus Zeitschriften. Umfragen. Austausch, — Auskünfte. Familientage. — Nachrichten. beffe* ^OTiTfi 0- Peter: „Vergrößert dein Augenglas, Groß^ mama?" - Großmama: „Gewiß, mein Kmd. " Peter. „Dann sei doch so lieb und nimm's ab, wenn du mir Kuchm abschneidest. und einige andere Jünger nach der Gruft, die an derjW?tinÄ gegenüber dem Arbeitszimmer Wagners, gegraben war, Em« einfache Marmorplatte deckt die Grabstätte. vermachter. ' Korso. Nachdem so viel iranzöseli und geengländert worden ist, ivar es natürlich allerhöchste Zeit, nun auch einmal zu Italienern. Zu Berlin hat man beichlossen, sechs Straßen aui dem Tempel wstr Felde .Korso" zu nennen und zwar „m Lerbmdung mit deutschen Fürstengescklechterii". Hei, wie stolz das klingt: Hohenzoilernkorso, Wittelsbacherkorso usw.! Wirklich höchst ersteulich unb nnntudfll Was würde man lagen, wenn nun der Bürgermeister Roms des bimdesgenössischen Taktes wegen flugs eine Via tn eine stresse Ferrari und eine Piazza in einen Platz Savoja umtau te r Italienisches corso heißt Lau!, dann Rennbahn und bezeichnet schließlich eine breite Straße, die eine festliche Wageimnssahrt ge stattet. Solche Auffahrt selbst neunen wir Toren ,a schon langst Korso, und nun erhalt die Reichshauptstadt auch Ltraßeu nut diesem Namen, liniere deutsche Sprache ist einmal wieder zu arm,. oa muß denn zu irgend einer iremben gegriffen weroenl Außeroem nibt es aus obbemelbctem Tempel Haler Felde nächstens auch eine Achenbachpromenade — ach! Waren ivir dies Fremdivort nickt eigentlich schon glücklich los? ober lebte es nicht höchstens noch. in den Promenadenkonzerten, die man dock so gut Wandelkonzerte nennen könnte? Und nun kommt die Berliner L-tadibeyoide und nagelt es uns Mr - wenn nickt ewige, so doch Jur lange jenen sest in der Achenbachpromenade. Wäre nicht „Achenbachanlage wollte er barmen trockne gott unter land cm's als heb er Uömgszug tubre bricht gab den und dir dich dir armen arme selber zücke nun mit aus die wasser .brücke aus dich dem Hand nicht dem gottes daß Auflösung in nächster Nummer. denk' ! grab Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brüll',chen Universitäts-Buch-mb Steindruckerei. R. Lange, Gieße».