1915 - Nr. 107 i äTjOjr !»| WZ 4 Die Bsmmen^richen rauchen. Roman a.us dem Jahre 1813 von Max Ka r l Böttch « r - Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Der andre Morgen! Die Sonne zerrte Schleier dichter Nebel über die Erde, bis gegen neun.Uhr die Schlacht wieder begann. Die Fiedel beiseite, den Säbel 'raus! Wie das Kerlchen, der Musikus, kämpfen konnte! Jetzt ging's vorwärts, jetzt stand man, jetzt lag man, jetzt ging es wieder vorwärts, — und jetzt war man am Feinde. Hei, schlagen -die Preußen drein! — Und wie die Augen glühen, wie der Haß, die Kampfgier aus den Augen springt! „Die Fahne stürzt," rief einer der Franzosen. Der Fiedler sprang hinzu und raffte sie hoch, aber sie zuckte in seiner Hand. ' Das Tuch, das wphende, ward hin und her gerissen, trotzdem kein Wind ging! Es waren Kugeln, die in das Banner fuhren und es zerrten. Aus bei: Reihen der Preußen rang sich ein wackerer Kämpfer bis zur französischen Fahne durch und stand nun dem Fiedler gegenüber. „Pfui, ist der Kerl häßlich!" schrie der Fiedler, der auch im wüstesten Kampfe seine Bemerkungen nicht lassen konnte tmb fast jedem Hiebe und jedem Schlage, den er ausreilte, ein Geleitwort mit auf den Weg gab. Und er schrie: „Kerl, hast keine Näs' und ein Loch im Backen! — Junge, sei bloß dankbar, wenn ich dich aus der Welt schaffe!" ™ Und er stieß mit dem Säbel nach dem Häßlichen. Aber der Stoß traf einen andern, der sich dazwischendrängte, und diesem blieb des Fiedlers Säbel int Leibe stecken. Nun war der Fiedler jeder Waffe bar und blickte sich suchend nach einem neuen, herrenlosen Eisen um. Ter Häßliche stand vor ihm, das Schwert gezückt, und schlug doch nicht zu. Und seine Augen starrten auf die Narbe, die des Musikus Stirn entstellte, und ein Gefühl der Schwäche überkam ihn. Da fällte ein anderer den Fiedler, der dem Häßlichen zu Füßen stürzte. Drei, vier deutsche Krieger wollten noch auf den Gefallenen einhauen, während ihm andere die Fahne entrissen. Aber der Häßliche warf sich über den daliegenden Feind und deckte ihn mit seinem Leibe, und die Säbelhiebe der Kameraden trafen ihn. Er aber schrie in höchster Seelenangst mit schriller Stimme: „Er ist mein Bruder! Er ist mein Bruder!" Da traf ihn ein letzter Hieb in den Nacken und machte ihn stumm. An der Straße bei Wachau stand ein Häuschen. Dem Wegemacher hatte es gehört. Jetzt ivar es nur noch eine Trümmerstätte. Eine Kugel der französischen Artillerie hatte von dem Hause das Dach weggerisseu. -Debet, grauer, kalter Oktobertag schaute in die beiden Stübchen. Im Trümmer- hause lagen zwei Trchend Menschen auf blutigem Stroh und harrten, bis der Tod seine knöcherne Hand auch um ihr Herz krallen und ihnen das flackernde Leben ausdrücken würde. Aber' der Tod hatte in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. In größter Hast eilte er hinter der fliehenden Armee Napoleons her, noch zu erwischen, was er packen konnte, und hatte dabei der ächzenden Menschlein vergessen, die bei Wachau im Wegmacherhause lagen. Im Stübchen linker Hand lagen, weil es gar zu klein war, nur vier der Kämpen, drei aus Napoleons Heer und ein Preuße. Dieser war häßlich, hatte keine Nase im Gesicht, aber dafür in der Backe ein Loch, schlecht vernarbt, das tote Fleisch strahlenförmig zusammengezogen. Er erwachte, als ein Krankenpfleger an sein Lager trat, der einem preußischer Feldscher etwas erklärte. „Ter hier ohne Nase lag auf dem da, dem Blonden, mit der Narbe auf der Stirn. Ich glaube, sie hättet: sich erwürgt, wenn sie nicht bewußtlos geworden wären." „Ja, ja, es ging toll zu. — Was hat der Blonde?" „Nichts Ernstes. — Einen Stich durch den Schenkel und ein paar Fleischwunden!" „Und der ohne Nase?" „Der Rücken ist wie zerhackt, aber auch nur Fleisch-' wunden!" Dann gingen sie 'weiter. Unterdessen war auch der Blonde erwacht. Er drehte sich um, schlug die Augen auf und blickte gerade^ in das Äugenpaar des HäWchen. der lächelte und reichte dem ändert: die Hand hinüber, und ein Strahl innerlichster, reichster Liebe brach aus seinen Augen. „Bist du es, bist du Erwin Wintzer, mein Bruder?" Da fuhr der jäh empor: „Was sagst du, Kamerad? — Woher kennst du meinen Namen? — Wer bist du?" „Ich bin Paul Wintzer, und die Narbe auf deiner Stirn warnte mich, den eignet: Bruder zu erschlagen!" Da schlug der andre die Hände 'vor sein Gesicht und meinte« weinte lange Zeit. * Der Winter versuchte seine jungen Kräfte. Mit mächfi tigern Nord blies er durch die Gassen, schüttete dann mit Volten Armen Schnee in die Welt, fuhr mit seiner eisernen Faust über die Teiche und Bäche und erstarrte die wallenden Wasser. Der Postbote, der jetzt, nachdem cs ruhiger in den deutschen Gauen geworden war, alle zwei Tage von der Kreisstadt nach Heidehorst kam, brachte zwei Briefe in das kleine, stille Schulbaus. Den einen nahm mit zitternder Hand das alte Mütterchen an sich und den andern Baroneß Gisela. Und beide sagtet:: „Bon ihm!" Mutter Wintzer setzte sich nieder, schnell und hastig, denn es ivar ihr eine Schwäche angekommen. Und Gisela ging mit ihrem Briese still hinaus. In dem Flur blieb sie sinnend stehen. S:e lehnte sich an die braune, holzgetäfelte Wand und schloß die Augen. Ein namenloses Glück lag auf ihrer Seele, ein Glück, das sie zu verscheuchen fürchtete, wenn sie sich rührte. Auskosten wollte sie diesen seligen Augenblick, der ihr von dem Kunde brachte, der ihr auf Erden am liebsten 426 sie und küßte sie. „Gisela, zwei Jungen kehren mir zurück. Ändern hat der Krieg genommen, wir Wt er gegeben!" Wie zog das Mädchen zu sich empöp und' Wtzte es aus Stirn und Mund und sagte: „9htn habe ich drei Kinder, Os Gefährt. Zwei Frauen Und ein junger Mann darin- t ünd still. Äe Hoffart fährt davon! Was liehen ie alles hier in diesem stillen Hinkel?! Was wurde ihnen alles «eraubt? ! Vas gxo«v, haF MiLe Ja§ Eck! Das Glück!" sterer, sondern wie ein lichter Schatten, und zwei Arme, I t hie btinae ^rane. Warum ist der Frei- wohlig weich, umschlangen ihn, und zwei Lippen, glühend I warum bei* Biarrer nicht da — Ist Weruer noch heiß, küßten seinen Mund. Dieser Kuß >var sein Talisman. oa. . j. sein Segen für alle Wirrnisse des Krieges, und behütete I Nicht zuruck vom Felbzag t , frftmrrttiffie ihn in schwerer Schlacht, daß er, obwohl mit Wunden „ Ein dumpfes, banges Schweigen — stille, schmerzliche übersät, immer und immer wieder genas. Nun rüstet Tränen smd die Antwort. .. . . . srfiriHe er sich zur Heimkehr. Werden ihü in seinem Hause dieselben I Und wieder klingt die Hausturglocke,. weichen Arme umfangen, dieselben heißen Lippen küssen?! I kommen durch oen Stimme, geschmeidig Hof ich. Nein, es wird nicht sein, denn der Krieg hat dem Jung- ! fragt: ,,^st hier Baroneß Gisela von Altenlohe zu finden, lingi für ewige Zeiten einen Stempel aufgedrückt, er hat I Gisela tritt vor. „Ich bin Gisela von Altenlohe —l einen abstoßend Häßlichen aus ihm gemacht, hat ihn j jetzt bin ich es noch, aber über, Woche und Tag bin ich entstellt und verkrüppelt. I Frau Schulmeister Wintzer!" Mit einem großen, stolzen Kennen Sie den Jüngling, Gisela? Kennen Sie das I Glück sagte sie diese Worte. Wesen, das den Jüngling küßte? Der Frager stellte sich vor: „Advokat Dr. Wuitew Um eins fleht nun der Jüngling, wenn er heim- I Gisela zuckte zusammen, eie weiß, daß er ,Der Rechts- kehrt: Lassen Sie ihn nicht fühlen, wenn Abschen vor I beistand der harten Frau droben tm Schloß ist. „Ditte, seinem entstellten Gesicht sich regt, lassen Sie ihn Ihren I sagte sie kurz und knapp höflich. Schreck nicht merken, Gisela, wenn Sie ihm das erste I „Ich bin beauftragt, Ihnen mttzuteilen, daß^Frau Mal Begegnen. Gisela, ich war zu verwegen, ich richtete I von Bourgee auf ihre Rechte, die sie bisher aus Schtoß mein Auge zu einem Stern, und nun schlug mich das I und Gut Heidehorst geltend gemacht hat, verzichtet. Der Schicksal, das neidische, nieder. Lassen Sie nur noch ein- I Erbe, Emil von Bourgee, ist durch die -Strapazen des Feld- mal mich Ihre Hand küssen, Gisela, nur noch ein ein- I zugs und durch Verwundungen schwer liuigenletdend ge- ziges Mal. Ich will kommen in finsterer Nacht, daß- Sie I worden und kann ohnehin in dieser rauhen Gegend nicht mich nicht sehen sollen. Dann will ich still von dannen I leben, und Toinette von Bourgee ist vor Heimweh geinnts- igehen mit meiner Mutter, um nicht Ihren Weg zu I krank und muß auch Heidehorst,verlassen. Nach heute nacht, kreuzen, will mich in einem Winkel der Welt verkriechen I wenn der Reisewagen rechtzeitig eintrtfft, verlassen die und geduldig harren, bis mich der ergreift, der mich I Herrschaften das Schloß und allen Besch. Der notarielle im Kriege übersah. | Bescheid wird ihnen noch ztigehen, da Sie jrt die einzige Nun noch einen Gruß für all die Lieben, die ich I gebliebene Altenlohe .... . daheim ließ, oder im Felde zuletzt sah: Ihren lieben I „Die einzige Altenlohe?" fragte Paul Wintzer bestürzt. Vater, den Pfarrer und Ihren lieben, guten Bruder I „Und Linthardt, der Erbjunker?" . Werner, von dem ich nie wieder etwas gehört habe. I „Er starb den Heldentod," hauchte Gisela und sah zu Ihr Paul Wintzer. Boden, aber dann reckte sie sich auf und stand vor dem Gisela saß im Stuhl am Fenster und hatte das Haupt I Notar, stolz und steil. Keine Fiber in ihrem Gesicht verriet, geneigt und hielt den Brief mit beiden Händen im Schoße j was in ihrer Seele vorging. Dann sagte sie bestimmt, und weinte. Sie weinte nicht um ihr Glück, denn das I „Sparen Sie sich jede Mühe, Herr Advokat — es rst leit) konnte ihr nichts in der Welt rauben, da er lebte, aber sie I um jeden Federstrich. Ich bin auf immer dvn schloß Heioe- weinte um ihn. Wie mußten die Qualen des Feldzuges I horst getrennt und will es auch sein, denn nichts zteyt imlls seine große, edle Seele niedergebrochen haben, daß er solche I dorthin, wo ich das Bitterste meines Lebens erfahren ha . Worte an sie schreiben konnte, die ihre Liebe so kläglich I Ich kenne nur ein Glück: Die Frau jenes Mannes % klein wähnten, daß sie seiner entbehren könne und wolle I werden und an seiner Seite Heideschulmeisterin, sagen si um seines entstellten Leibes willen. Er solle nur kommen, I das Ihrer Herrschaft, und sugen Sie meinen Gruß bei. s sie liebte fein Herz und feine Seele, und die konnte keine | Toinette von Bourgee. Das Schloß aber soll eme s Waffe des Feindes entstellen. I werden für invalide Veteranen. Veranlassen sie das, wenn Die Mutter trat in ihr Gemach. I Sie wollen!" Ein großes, großes Glück strahle aus ihren Antlitz. I Dann wandte fte sich ab. Und Paul Wintzer umschl gi Es war, als stille sich das Zimmerchen mit leuchtender I sie und sagte: „Nun bist du erst nmtt. .., Helle — und Mutter Wintzer ging zu Gisela und umarmte I Mitternacht un Heidedors — Wnhnachtsnnttern ch . sie und küßte sie. „Gisela, zwei Jungen kehren mir zurück. I Durch den Park des Schlosses ziehen keuchende Pferd .. 427 es genommen, wenigen hat cs gegeben, aber deutschen Landen hat es heiliges Gut wiedergeg-eben: Die Freiheit! * In selbiger Nacht, da Blücher bei Caub über den Rhein setzte, wanderte einer gen Süden, in das Land der Tiroler Helden. Ein Mägdlein saß in seinem Herzen, blondzöpsig und mit schmiegenden, weichen Armen; im „Mondschein" , saß sie, in Bozens alten Gassen, die wollte er sich holen. Genua." — , , Die feuchten Hundeaugcn des Mädchens starrten gläsern und fassungslos ins Weite. , „Zwölf Mann hoch gehen wir los! Giamn ift auch daher, und Paolo, weißt du, der Heizer aus der neuen, Fabrik. Meinst du vielleicht, ich gehe nach Amerika, um da so ein armer Tropf von Arbeiter zu bleiben wie hier? . . . Sollte mir einsallen! Schulwissen habe ich . . . sogar drei Kurse in der Abendschule gemacht! Vom „Englisch" versteh' ich zwar nichts, ich werd's schon lernen! Man Muß von unten auf anfangen. . . im Kleinen! Später ... laß mich nur sorgen. Es steht ja alle Tage in der Zeitung von Leuten, die aus eigener Kraft ein kolossales Vermögen gemacht haben, und dabei waren es Schuhputzer, Handelsdiener und Bankausläufer. Reich will ich werden, reich. . . verstehst du? Nicht ruhen noch rasten will ich und kein Mittel scheuen. Herrgott, ja! . . . Nicht jeder wird als Herr geboren. Aber werden kann man's." — • Er ließ die Stimme ein tvenig sinken, während er den Kopf nach dem Herrenhanse umwandte, das rechts an die Fabrik angrenzte, von wo aus ein fröhliches Tellergeklapper herüberdrang. „Der da drüben zum Beispiel . . . ist der gleich reich zur Welt gekommen? ... Er hat seinen Reichtum selber erworben, Soldo für Soldo, Stück für Stück. Heut nehm' ich die Mütze ab, wenn er vorbeigeht, sag' ihm „Monssu" — und mache Dankschön, wenn er mir am Wochenschluß mein Geld, abgezählt in, Papier gewickelt, durch den Schalter reicht. Kopf hoch, Fresia! . . . ^zn fünfzehn oder zwanzig Jahren bin ich wieder da! Dann sag' ich nur noch: „Guter Freund!" . . . Und dann werd' ich ihn fragen, ob er seine Fabrik verkaufen will." — Bon all dem, was er gesagt, hatte das Mädchen nichts verstanden als die Worte: „In fünfzehn oder zwanzig Jahren^ . . . Ihre Lippen bebten, schüchtern legte sie ihre Hand tn die semrge, — eine rauhe, knorrige Hand mit breiten, flachen Nägeln. Er erwiderte ihren Druck und fuhr unbehindert in seinen Gedanken fort. „Die Sozialisten! Genossen! . . . Schön! Wahlversammlungen, Vertrauensmänner, Propaganda, Umzüge, Streiks, . . . den Teufel auch, alles wichtiges Getue, eine Flut von leerem Geschwätz! Was dabei herauskommt? Schließlich verdient man am Tage drei oder vier Lire mehr. Das ist alles! Ich hab' selbst Mal d'ran gedacht, Sozialist zu werden. Was hat man davon? ... Was macht's aus, zwei, drei Lire mehr am Tag? Bleiben glerch- tvvhl arme Kracher 's ganze Leben! . . • Ich sage: Selbst ist der Mann! Mit Fäusten und Ellenbogen sich vordrängen: allem muß man sein, und den Willen muß man haben. Und daher kerne Angst - . . weder vor den Mitteln, noch vor den Widersachern. „Aber ich. . . was soll ich denn machen?". . . „Du? , £ . Tn liebst mich und du wartest auf mich, „Äch, ich möchte, du blieb'st arnr, Marco, und käm'st bald wieder, bald, und heiratetest mich. Oder du ließest mich nach- Mrsjren^ We gern fäntf ich. - . So kurz ist das Leben, . . „Tu bist nicht gescheit! . . . Das Lebeir ist lang. Und alles auf der Welt ist nur dazu da, daß mait’S nimmt und zu nehmen weiß. Verstehst du das?". . . Nein, sie verstand ihn nicht. Er bog ihr das blasse Köpfchen zurück 'und küßte sie herrisch auf die Lippen, er biß fie fast in die Kehle, an der Stelle, wo die Schlagader stürmisch klopfte und ichlng. Der Zeit und des Ortes vergessend, überließ sie sich seiner Liebkosung, entfärbte sich, die Sinne vergingen ihr . . . Mit einem heftigen Rucke richtete er sie auf. „Siehst du die Lumpen da?" . . . Dabei zog er aus einem Sackloch ein Bündel schmieriger Zeugfetzen heraus. „Wer weih, wo sie Herkommen, wer sic mal getragen hat, wozu sie gebraucht sind. Alle inöglichen Krantheitskeime, alle verwesenden Seuchen können darin stecken. Sie schillern in allen Farben und Formen und Abdrücken. Morgen werfen wir sie zum Sieden in den großen Kessel: dann bleichen sie, dann kommen sie von einer Maschine in die andere, bis dann schließlich der Stoff d'raus wird" — er wies -auf die noch feuchten Stäche, die auf der Terrasse zum Trocknen ausgebreitet lagen. — „So steht's mit dem Reichtum, Fresia! . . . Wo er ist, fragt niemand danach, wo er herkommt. Wenn er nur da ist, wenn man ihn nur hat! . . . Fresia! . . . Sag' du, willst du auf mich warten?" „Ja, Marco!" Sie schien im Wachen zu träumen. Der Einuhrpfiss schreckte sie auf. Marco half ihr von dem Sackhaufen hinunter, er küßte sie noch einmal verstohlen auf den Mls. Das Tor öffnete sich. Arbeiter und Arbeiterinnen strömten eilig herbei, stießen sich gegenseitig an, trieben Schabernack, lachten hell auf . . . Ein paar Minuten später war jeder an seinem Posten. Die Arbeit begann ihr rauhes und doch geheiligtes Lied aufs neue. So vollkommen: ineinander gepaßt und harmonisch abgestimmt schienen die Bewegungen der Maschinen und der Weber, in solcher Wechselwirkung und innerer Verbindung waren sie, daß es aussah, als sei es nur ein gemeinsamer Erkenntnis- und Willensdrang, der das denkende Geschöpf und den disziplinierten Stoff mit Leben durchdringe. * Tage und Nächte zogen über den grauen Steinhaufen der Fabrik dahin. Wieder und wieder durchbrach das Dampfrohr mit krästigen Stößen und lebhaftem Zischen die Morgennebel und die Dämmerung. Die Rovella hüllte sich in undurchdringliche Schleier, kleidete sich in weichen, grünen Sammet, färbte sich in Gold und Rostbraun im Wechsel der Jahreszeiten. Dann und wann zerrieb sich die kleine Welt in lärmenden, nutzlosen Streitigkeiten, tn Differenzen zwischen Herren und Arbeitern, in Arbeitseinstellungen und gehässigen, abendlichen Demonstrationen. Dann blinzelte bte Rovella schweigend dem Strome zu und der Strom flüsterte der Fabrik ein heimliches Spottwort ins Ohr, die unbeweglich nut offenen Augen das Tal überblickte, wo andere Fabriken ebenso unbeweglich ihre mächtigen Rauchschlote in die Luft bohrten. Jahre um Jahre schwanden dahin. Die Menschen wurden alt, nur die Erde blieb ewig jung. „ . In Fresias schönes, schwarzes Haar spannen ;ich die eichen Silberfäden. Sie war nun nahe an die vierzig. Ein müder Zug grub sich in die Winkel des einst so frischen Mundes, ihre Zahne wurden gelblich und ein wenig locker. Schon lange hatte Marco aufgehört ihr zu toreiben. Vage Gerüchte, die von Ausgewanderten herrührten, wollten wissen, er sei in Kanada em reicher Mann geworden; es hieß, et sei ein besserer Amerikaner als em Yankee und in ein ganzes Netz von mysteriösen Geschäften verstrickt. Sein Stillschweigen hatte die Treue der Frau nicht. erschüttert; sie nährte ihr Herz an dem einstmals gegebenen Versprechen, sie klammerte sich daran als ihre einzige, vielleicht trügerische Hoffnung. Jahraus, jahrein flog das Weberschiffchen zwischen den Fäden des Webstuhls hin und wieder, und Sonntags wogte rn der Kirche der Gesang der Litaneien bald auf bald ab. Obwohl icder- mann des festen Glaubens lebte, daß Marco nie wieder »urück- kehren würde, nahm man auf die fast religiöse Glaubensgewißheit Fresias Rücksicht; je länger, je mehr gewöhnte man sich, die schweigsame Frau mit den sanften tzundeangen als Witwe zu betrachten^nnoch £am gj;arco unvermutet zurück. Wie er ausstieg, hätte man sehen können, daß er gemagert war, sein Gesicht war dunkel gebräunt, an den Augenwinkeln gruben sich tiefe Krähenfüße ein und zogen als bittere Sorgensalten die Wangen hinab, bis in die Mundwinkel hinein. Als vollendeter kmcker-bocker stieg er eines Tages bei der kleinen Station Valle San Ntcolao ans dem Bieller Zuge und blickte sich nach allen Setten um, als ob er die Gegend erst wieder erkennen müßte. , Von der Türschwelle des Cafcs tonnte ihm ein dickes Werb gleichgültig zu. Er schlug den schmalen Kiesweg em der zum Cümpore führt, überquerte die Brücke der Strona und verweilte einen Augenblick, um in den Strom htnabzutoauen, der sich hoch aufschäumend zwischen den Felsbrocken des Flußbettes seinen Weg erzwang. Mehr ein undeutliches Gefühl als eine klare Einsicht sagte ihm, daß er nun wieder daheim sei. Unter dem einbrechenden Abendscheine hatte die Rovella eine bietgraue Färbung angenommen, die weinbepflanzten Hügel auf der anderen Sette lagen noch in vollem Sonnenglanze, Fabriken reihten sich an Fabrtkeit, und in der Ferne ragte, hoch erhaben über alles, die weiße Spitze des Sankt Bernhard empor, dessen Kreuz, Fra Dolcrnos Meisterwerk, sich scharf gegen die Bläue dcs Himmels abzeichneto _ Das versprechen. Von Ada N e g r i. (Berechtigte Übertragung aus dem Italienischen.) Sie hockten beide zusammen auf einem Hausen von Lumpensäcken, die an der Umfassungsmauer der Färberei, der Fabrik gerade gegenüber, aufgeschichtet waren. Aus den Augen Fresias, den müden, treuen Augen eines Hundes, sprach ein tiefer Kummer, während sich in dem bartlosen, eckigen Gesichte Marcos eine falte, und harte Entschlossenheit verriet, deren Willenszüge sich in den Linien des Mundes und Kinnes deutlich ausprägten. Ueberall aus den Rändern und Rissen der Säcke schienen schmutzige Hadern, faserige Fetzen in allen Farben hervorzuguellen. Erstickender StaubgeruH strömte von ihnen ans, und gleichzeitig drang von der Färberei der scharfe Gestank ätzender Säuren herüber. In der schwülen Mittagsstille lag das von den Arbeitern verlassene Werk verödet; in der Lust spürte man gleichsam etwas wie eine staunende Verwunderung über dies stumme Schweigen, eine schwelende, flimmernde Erwartung; als wäre , es unmöglich in diesem Eisenbezirke zu leben ohne das Lärmen und Keuchen rollender Maschinen. Dichte, graufarbene Dunstwolken hasteten an der Sonne vorüber, nahmen wechselnde Gestalten an, zerschwebten und ballten sich wieder zusammen; in dem dauernden Wandel von Licht und Schatten nahmen Berg und Strom ein verändertes Aussehen an, Wohl zum zehnten Male wiederholte Fresia: „Du gehst fort, wirklich fort, Marco?" — Und Marco wiederholte znm zehnten fötale: „Nächsten Donnerstag geht unser Schiff in See . - . in 428 Von Ctzmpore bis .Valle Stoffe begegnete er Scharen von Werkleuten, die von der Arbeit kamen: von den älteren erkannte ihn keiner wieder, die jungen waren ihm fremd. Nun kam er heim, wie er sich's geschworen hatte, als schwerreicher Mann, und doch fühlte er fich einsam wie damals, — einsamer als je. In New Bork, in Chicago, im Inneren Kanadas hatte er sich nacheinander als Mechaniker, Ausläufer, Schreiber, Erfinder und Teilhaber an zweideutigen Unternehmungen durchgebracht. Kühn und verschlagen, hatte er über den Zusammenbruch dieser Unternehmungen neue Gebäude errichtet, die der Voraussicht nach wie Kartenhäuser einstürzen mußten, und die gleichwohl wie durch ein Wunder ihr Gleichgewicht ausrecht hielten: das Endziel hatte er nie aus den Augen verloren. Mit Eigensinn und Nachgiebigkeit war er zu Werke gegangen und hatte sich durchzusetzen gewußt. Weder Wein noch üppiges Leben, weder die Weiber noch die Politik hatten über seinen rauhen Lebensernst obzusiegen vermocht. Er war eine Art Mönch im Dienste des Reichtums gewesen; um seinetlvegen hatte er von allen Mitteln Gebrauch gemacht, die außerhalb des Strafgesetzes fallen: der Eroberung zuliebe, nicht dem Genüsse. Nannte man das Genuß? War das Geld da, so mußte man es zählen, überwachen, in Umlauf setzen, damit es Zinsen trage und sich vermehre, wie etwas Lebendiges müßte man es behandeln, das Schaden nehmen, davonlaufen', sterben kann. Schöpfer und Sklave, Krieger und Priester seines Reichtums war er gewesen, — jetzt hielt er ihn in seinen Händen, rund und sicher, ordentlich verteilt und angelegt, als herrliche Beute. Nun war er wieder daheivk, zu Hause. Er wollte sich jetzt eine Fabrik kaufen . . . vielleicht, wenn es angängig war, die Spinnerei Pietro Oddos, wo er in der Jugend lange Jahre gearbeitet hatte? ... er wollte sie wieder in Gang bringen, vergrößern, neue Arbeiter anwerben, die Maschinen verdoppeln, den Absatz erweitern und Geschäfte, Leute, Maschinen und Erde in seiner Herrscherfaust vereinigen. Pietro Oddo war jetzt alt und müde. Er hatte keine männlichen Nachkommen, die das Geschäft von ihm Hätten übernehmen können. Vielleicht würde er ihm die Spinnerei gern zu günstigen Bedingungen abtreteu? An einem Sonntage, drei oder vier Tage nach Marcos Ankunft, saßen die beiden Männer in dem zu ebener Erde gelegenen Fabrikkontor einander gegenüber und fochten mit gleichen Waffen, der Schlauheit und dem Eigensinn, ihren Wettkampf aus. Beide verstanden sie ihr Handwerk von der Pike auf: als Anspinner hatten sie schon mit zwölf Jahren angefangen. Beide wußten sie den Wert und die Allinacht des Geldes zu schätzen, das sie ersehnt, zufammengescharrt und Soldo um Soldo festgehalten hatten. Bis auf die niedrige und massige Stirn, das fcharsgemeißelte Profil, die kaltsinniae und hartnäckige Verschlagenheit, das Erbteil der Vielleser Rasse, waren sie einander ähnlich wie Vater und Sohn. Ihre Unterhaltung war denn auch ein Meisterstück, was die Feinheit, praktische Klugheit und geschäftliche Tüchtigkeit betraf. Sie wurden in der Hauptsache handelseinig; am nächsten Tage wollten sie weitersprecheu. Wie es eigentlich gekommen war, daß Marco gerade vor dem Tore der Fabrik, die unter dem grauen Regendach eines Sonntagsabends in graue Farben getaucht war, sich Fresia gegenüber fend? . . . Möglich, daß sie ihn hatte eintreten sehen, daß sie ihn draußen erwartete . . . Sicher, daß er in diesem Augenblicke das Gefühl hatte, daß sie für ihn bis hierher dieselbe Bedeutung gehabt hatte wie die Augen in der Stirn oder das Blut in den Ädern: man denkt ihrer nicht, weil sie zu uns gehören', weil sie untrennbar eins mit uns sind. Sie boten einander einen einfachen Gruß. Sie stiegen selbander das gewundene Gäßchen hinan, das zum Plätzchen Viole führt. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Frauen saßen bei der Vesper, die Männer in der Weinstube. „Ist dir's immer gut gegangen?" fragte Btarco mit halblauter Stimme. „Ja, — aber ich bin jetzt allein. Tie Mutter ist gestorben. Du bist magerer geworden, Marco." Nicht die leiseste Anspielung auf sein jahrelanges Schweigen, auf sein Versprechen, an das er vielleicht nicht mehr dachte, nicht mehr denken wollte, — nichts von seinem Reichtum, der jetzt wie eine dunkle, schwere Scheidewand zwischen ihnen stand. War es wirklich so? Oder schien es nicht vielmehr, als ob nichts, rein gar nichts zwischen ihnen stünde — nicht einmal die Luft? Lag nicht ihr ganzes Sein klar und unverhüllt, durchsichtig vor den Augen des andern? . . . Wie lange hatten sie sich nicht gesehen? . . . Seit andern Tags? . . . Nein, seit zwanzig Jahren. Es war freilich richtig: Fresias Mund war verblüht, ihre Haut schlaff, da und dort traf man auf ein weißes Haar, tlnd auch das war unleugbar: Aus Marcos Gesicht und in seinem Innern stand, mit deutlicher Schrift die Seelenverhärtung geschrieben, wie sie ein wildes, habsüchtiges Leben mit sich bringt. Mochte das immerhin sein: für ihn war sie das einzige Weib, ■- das Weib, das man wie einen alten Lappen in die Ecke werfen kann, an das man sich Jahre und Jahre nicht mehr erinnert — und das gleichwohl in ihrem Winkel harrt und schweigt und sich demütigt in Treuen und — wartet, tlnd wenn er nicht heimgekehrt wäre, s i e hätte ihn erwartet. Wenn sie unwissend und roh war da paßte sie zu ihm, der ja mich kein anderes Wissen hatte als das: zu verdienen. In ihren Hundeaugen, ihrer unterwürfigen! Schmeichelstimme, ihrer demütigen Haltung besaß sie das, was er zu einer beruhigten Existenz brauchte, er, der rastlos auf dem Posten, auf der Hut sein mußte — !und doch kein inneres Echo in sich trug als den Widerhall klingenden Metalles. Sie wollte nichts von ihm. Wenn er sie hier an der Straßenecke stehen gelassen hätte, ohne sich weiter um sie zu bekümmern, sie wäre ohne Murren stehen geblieben. Lange schaute er ihr ins Auge. Die nagende Zeit hatte ihre ursprüngliche Art unversehrt gelassen und jenes unsagbare Etwas nicht zu tilgen vermocht, das einstmals das Herz des Zwanzigjährigen gerührt und entflammt hatte. Um dieses unwandelbaren Zeichens willen war sie für ihn unverändert dieselbe geblieben- wie das Haus für uns das gleiche bleibt, in dem wir aufwuchsen, —■ wie die Erde, auf der wir geboren sind. _ Mit vollkommener Ruhe — wie jemand, der den Faden eines unterbrochenen Gespräches dort wieder aufnimmt, wo er ihn gelassen, — wandte Marco die Rede an das Weib:- „Jch gehe mit dem Vorsatz um, Pietro Oddos Fabrik zu kaufen. Wenn ich der Herr bin, Fresia, — willst du dann zu mir kommen?". . . ~ Und vollkommen gleichmütig, ohne eine Spnr von Freude oder Trauer, erwiderte sie: „Ja, ich werde zu dir kommen." Vermischter. "Warum Stoffe brüchig iverdcn? Diese Frage scheint sehr leicht zu beantworten. Wir pflegen uns meist dainit zu trösten, daß nichts für die Ewigkeit geschaffen ist oder, daß die Webereien von Tag zu Tag geringwertiger iverdcn und die Waschanstalten noch immer nicht genug Sorgfalt auf das ihnen an- vertraute Gut verwenden. Nun, alle diese Gründe genügten den Londonern nicht mehr, denn sie ivarien unlängst die Rundfrage (Ulf: „Warum werden Stoffe brüchig?" und erhielten darauf eine zwar interessante, aber wissenschaftlich vielleicht doch etwas weit hergeholte Belehrung. »Die Ansicht, daß sich unsere Bekleiduugs- stoffe nur durch die ununterbrochene Reibung am Körper oder schlechte Behandlung in der Wäsche zermürben, ist irrig. Vielmehr muß angenommen werden, daß auch hier Bakterien an der Arbeit sind, wozu die Fettdrüsen unter der Haut und ihre Schweißabsonderung einen fruchtbaren Nährboden bereiten, in ivelchem die Bakterien vorzüglich gedeihen. Einige dieser Bakterien sondern nämlich scharfe Säuren ab, die sich in die feinen animalischen Gewebe von Wolle oder Seide einfrefsen oder auch in die vegetabilischen Fasern der Baumwollstoffe» die sie mit der Zeit derart zermürben, daß sie zerfallen. Selbstverständlich kann man durch An- wendung zu scharfer Substanzen bei der Wäsche ebenfalls die Gewebe gewaltsam zerstören und es ist deshalb stete Vorsicht geboten. Bei Stoffen, die andrerseits nicht gewaschen iverden können, ist häufiges, gründliches und systematisches Klopfen und Abbürsten, sowie Auslükteu, am besten im Freien oder doch in zuslrömender Lust, vounöten, um die Keime so gut wie nröglich fernzuhnlien. Wenn sich nämlich mtf Kleidungsstücken Staub und Schmutz ansammeln dar! (das bezieht sich auch aus diejenigen, die nicht im Gebrauch sind), so schleichen sich gleichzeitig mit Staub und Schmutz jene säurebildenden Bakterien ein, die ihren Verderb herbeiführen." Da wir bei Beginn der warmen Witterung den erfolgreichsten Feldzug gegen die Motten eröffnen können, so sei nur nochmals darauf hiugeiviefen, daß unsere Wintergarderobe auch während ihres Sommerschlafes des öfteren hervorgeholt, geklopft, gebürstet und gelüftet werden sollte. * Einwand. Sie (im Bett liegend): „Also früh um fünfe kommst bu heim — ich habe die ganze Stacht kein Auge zutun können!" — Er (hin und her torkelnd): „Denkst du etwa ich?!" * Nicht i n Ber l e g e u h e i t zu bringen. Besucher: „Diesen Löwen haben Sie selbst erlegt? Ihr Diener sagte mir doch, das Fell hätte zweihundert Mark gekostet?" — Hausherr: „Freilich; zweihundert Mark — Geldstrafe, weil ich vergessen hatte, einen Jagdschein zu lösen!" Magisches Guadrat. In die Felder nebeusteheuden Quadrats sind die Buchstaben AAAADDDD E M M E R R U U derart einzukrageu, daß die wagerechten u. senkrecht. Reihen gleichlautend folgendes bedeuten: 1. Poetische Sammlung. 2. Wichtiges Verdauungsorgan. 3. Nebenfluß der Donau. 4. Asiatischen Strom- Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Ball, Wal l. Rrdakiiou: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen lluivcrsitätS-Buch- und Steindruckerei, N. Lauge, Gießern