fi&a W>FÖ-gn. aufg. H.'NOII. G I ffi Samstag, den H. Zanuar das Seelische war mir an den Weibern immer verdammt gleichgültig." Sein Vater schüttelte mißbilligend den Kopf. „Wenn du dich Meta gegenüber auch so brutal aus- drückst, dann begreife ich freilich manches! Dein Verkehr hinter den Kulissen 'hat nicht gut auf dich gewirkt. Immerhin — es ist noch 'nicht zu spät. Ich werde mit Meta reden und du wirst das Deinige tun, verstanden?" „Gewiß, Papa —" Der Hinzutritt anderer Personen unterbrach das Gespräch. Meta tanzte die zweite Quadrille mit Herrn von Münster. Wie em reiner, frischer Frühlingswind ivehte diese Unterhaltung in die schwüle Treibhausluft von Phrasen, galanten Komplimenten und gewagten Anspielungen, mit welchen ihre übrigen Tänzer sie umgaben. Er erzählte von seiner Mutter und Schwester. Beide lebten auf dem Lande in einem kleinen eigenen Häuschen, das in einer stillen Gegend am Saum eines Waldes lag. Münsters Vater hatte es gekauft, als er in Pension ging. Ein alter Dienstbote, der vierzig Jahre in der Familie diente, -führte die Wirtschaft. Sie mußten bescheiden leben. Außer der kleinen Pension hatten sie einen Zuschuß aus einer Stiftung. Frau Münster war eine ausgezeichnete Wirtin, sie zog feine Gemüse in ihrem Garten und Tafelobst, das sie iin Sommer an die umwohnenden Sommer- -frischler verkaufte. Hedwig besaß ein bedeutendes Mältalent und hatte ab und zu das Glück, ein Bild zu verkaufen. Dann herrschte geradezu Luxus in dem kleinen Häuschen. Das klang alles so anheimelnd. Wie gebannt horte Meta zu. Sie sah den ernsten Tannenwald, der sich hinter dem Häuschen mit den grünen Läden den Berg hinanzog. Sah den Obstgarten mit dein samtgrünen Rasen imb hörte die Friedau rauschen, ein durchsichtiges, grünes, ungebärdiges Gebirgswasser, das an seinem Ende vorüberstrndelte. Sie sah die alte Fran von Münster mit weißem Scheitel und einem schwarzen Spitzenhäubchen darüber und die fleißige Hedwig mit dem verträumten Künftlerblick in den braunen Augen. „So anschauliche wußte der Major!zu schildern, daß Mefd wie aus einem Traum erwachte, als die Quadrille zu Ende war. Und eine große Sehnsucht nach dem stillen Ort an der Friedau blieb in ihr zurück. Sie fühlte sich wie von einem Alp befreit, als endlich das Fest zu Ende war und sie dem letzten Gast die Hand zum Abschied gereicht hatte. m Fast entsetzt wich sie zurück, als an der Tür ihres Gemaches plötzlich ihr Mann vor ihr stand, den Arm nm sie schlang und ihr heiß zuflüsterte: Von jfrühling ;u jfrühling. Roman von Erich Ebenstein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ich habe wirklich nichts Ungehöriges bemerkt. Höchstens, !daß Meta etwas gelangweilt aussah. — Du bist ein Tor, Niti — daß man ihr den Hof machen wird, mußt du doch gewußt haben. Die Hauptsache ist, wie sich die Frau selbst dabei verhält. In dieser Beziehung kann man Meta wirklich nichts vorwerfen!" Niki Petermann strich sich über die fiebernde Stirn. „Vielleicht bin ich ein Tor..." murmelte er, „aber sie ist schuld daran — wäre sie anders zu mir, wäre ich nicht so verrückt. Aber so, nicht einnial die Fingerspitzen darf sch ihr küssen..." Des alten Petermanns Gesicht wurde plötzlich ernst. „Du weißt, ich mische mich prinzipiell nicht in eure Menage ... nun aber möchte ich doch eine Frage an dich richten — ist es wahr, daß du deine alte Junggesellenwohnung wieder bezogen hast?" „Ja. Meta bestand darauf. Sie will sich scheiden lassen..." Der Alte trat-erschrocken zurück. „So schlimm ist es zwischen -euch? Warum?" „Edith Dorloni... irgend eine Gans von Freundin verriet ihr —" „Ah — du setzest die Bekanntschaft mit der Dame immer noch fort? Auch jetzt noch, Niki?" „Was soll ich denn tun? Im Grunde ist mir die Person ja ganz gleichgültig, aber was soll ich an fang en? Die Abende verbringt Meta bei ihren Eltern oder schließt sich ein und liest — irgendwie muß ich mich doch zerstreuen. Edith ist immer heiter und amüsant — bei ihr vergesse ich." „Du bist sehr unklug, Niki! Ich will dir gar nicht mit Predigten kommen über Moral — aber in einer Provinzstadt wie G. wird alles bekannt. Das hättest du bedenken müssen!" Ach was, nun ist es zu spät! Es lag ja nur an Meta, niich an sich zu fesseln. Aber sie hatte auch im Anfang eme steifleinene Kühle meiner Zärtlichkeiten gegenüber, bte mich langweilte..." „Und doch bist du eifersüchtig! Und doch bist dir verliebt i-tt fie!" „Sie ist berückend schön! Biel schöner als alle anderen Frauen!" , - „Du haft es sicher ungeschickt angefangen, Hr Herz zu gewinnen. Meta ist keine gewöhnliche Frau... manche Frauen legen ein großes Gewicht ans das Seelische." „Jawohl — das Seelische! Das ist Metas Steckenpferd" ein höhnischer Ausdruck glitt über Nikis Gesicht — „aber E w-nt-6 22 e gleich, alle... । als sie mit dein Vorsatz hinkam, tijinoi alles zu sagen und um Aufnahme zu bitten, war Mama schwer krank gelegen Es war doch mehr gewesen damals im Herbst als eine bloße Erkältung. Nach wochenlangem Hinziehen hatte sich eine böse Lungenentzündung daraus entwickelt. Mitten in den allgemeinen Jammer und die Ausregung hinein konnte sie nun doch nicht noch den Jammer ihres Herzens tragen! Mama war ngch immer nicht gesund und der alte Petermann beschwor sie jeden Tag von neuem — zu warten. Selbst die kühle Schwiegermama war beredt geworden. So schleppten sich die Wochen hin. Aber es war ein unhaltbarer Zustand natürlich... Und jetzt... Meta sprang plötzlich von der Chaiselongue auf und schritt unruhig hin und her. Wenn das wahr war, was ihr das Lächeln des Professors heute angedeutet hatte? Wieder stieg das heiße Angstgefühl in Meta auf. Durfte sie bann gehen? Mußte sie dann nicht schweigend die Ketten weitertragen... die goldenen, die sie wund rieben... um des Kindes willen, mit dem Gott diesen unseligen Bund segnen wollte? Sie trat ans Fenster und starrte hinaus. Düsterer wurden die Nebel, wie ein schweres, dunkles Tuch breitete sich die Nacht über die Erde. Nein, sie wollte nicht daran denken. Es könnte ja nicht sein. Andere Bilder, schönere, freundlichere. Der Prinz, der ihr täglich Blumen sandte, welche sie achtlos im Vorzimmer welken ließ... was war er doch für ein komischer Mensch! Kaum ein freundliches Wort gönnte sie ihm und er kam immer wieder. Gerade wie Montelli auch ... der erst recht . . . komisch! Ueberhaupt die Männer! Einen wahren Ekel könnte man bekommen, wenn mau nicht lachen müßte... Waren sie besser als Niki? Sicher nicht! Nur anders. Niki wenigstens hielt sich in der letzten Zeit bescheiden im Hintergründe... ach, sie waren alle gleich, alle... Alle? Nein. Meta schloß die Augen und lehnte die heiße Stirn an die kalte Spiegelscheibe. Einer war anders. Sie sah ein Häuschen mit grünen Lüden am Ufer der rauschenden Frieda». Sie hatte es nie in Wirtlichkeit gesehen und sah .es doch ganz deutlich. Ein dunkler Männerkopf blickte heraus und winkte ihr zu. Zwei tiefblaue Augen lächelten sie an und eine weiche Stimme sprach ernste, gute Worte... „Meta — du machst mich rasend mit deinem Kokettieren .. Jeder Tropfen Blut wich aus ihrem Gesicht. „Ich..." stammelte sie hilflos, „ich soll... kokettiert haben?" „Ja — mit Montelli, mit dem Prinzen — leugne es nicht! Ich habe dich jode Minute beobachtet!" Sie atmete auf und machte sich hastig tos. Mit dem Prinzen — mit Montelli also? „Du phantasierst!" sagte sie kalt, „laß mich vorüber — es ist spät." Er betrachtete mit funkelnden Augen ihre schlanke Gestalt, an der das weiße, duftige Gewand mit dem flimmernden Flitter in losen Fakten herabfiel. An ihrem milchweißen. Hals, der ohne jedweden Schmuck war, blieb sein Auge haften. „Warum trägst du das Perlenkollier nicht, das ich dir zur Hochzeit gegeben? Warum überhaupt keinen Schmuck — nicht einmal im Haar?" „Weil es mir so beliebt. Alles, was du mir jemals geschenkt hast, steht zu deiner Disposition. Ich werde es dir zurückstellen." „Meta!" schrie.er auf, das ist —" „Was willst du denn? Es wurde unter anderen Voraussetzungen gegeben und — genommen!" Sie schritt an ihm vorüber und verschwand in ihren Gemächern. . IV. Sechs Wochen später saß Meta zur Zeit der . Dämmerung in ihrem Boudoir. ' Sie hatte die Türe verriegelt und der Jungfer strengen Befehl gegeben, keinen Besuch vorzulassen. Ganz allein und ungestört wollte sie mit sich sein. , „ Ein weiches, weißes Morgenkleid umhüllte lose ihre Gestalt. Sie tag auf einer Chaiselongue nahe beim Fenster und starrte unverwandt hinaus. Schnee lag über den Rasenflächen des Parkes und Schnee auf den dürren Aesten, die nackt und trostlos gegen den düsteren Dezemberhimmel ragten. Die Luft Ivar regungslos und nebelschwer. Alles sah trostlos und traurig aus. „Wie in mir selber!" dachte Meta aufseufzend. „Nebelgrau — unbestimmt — seltsam verwirrt..." Ja, verwirrt, das war das richtige Wort. Der Kopf war ihr sonderbar schwer, das Denken machte ihr Mühe, eine bleierne Müdigkeit lag ihr in allen Gliedern, wie öfter in der letzten Zeit. War sie krank? Sie hoffte es. Dann fiel ihr wieder das Lächeln ein, das Professor Bürger, den ihr der besorgte Schwiegerpapa über den Hals geschickt hatte, auf den Lippen getragen hatte, als er sie vor einer Stunde verließ. Das Blut stiege ihr jäh ins Gesicht, Angstschweiß trat auf ihre Stirn, ein förmliches Entsetzen ergriff sie. „Nein, nein — nur das nicht! ö mein Gott, nur das nicht!" betete sie inbrünstig. Sie war jetzt sieben Monate verheiratet. Seit zwei Monaten war ihr einziger Gedanke bei Tag und Nacht: frei werden! Fort aus diesem Hause, dessen Glanz und Pracht ihr Ekel erregte, in dem sie so elend geworden war. Bon Tag zu Tag klarer kam ihr zum Bewußtsein, I lvas Isa Renner damals gemeint hatte mit den Worten: I «Jede wahre Ehe ist glücklich. Die anderen sind eben I kerne Ehen." Heute vormittag war sie zum ersten, M!ale in Isas I neuem Heim gewesen. Da hatte sie es ganz begriffen. I Sa, das war unauflösliche Gemeinschaft, ein wirkliches I Ernswerden. Das war Ehe! I \ Üe selbst? Meta schauderte. Dann lachte sie plötzlich hell auf. Ihr war jener Frühlingsabend einqe- snllen, da sie mit, Niki Petermann sich verlobt hatte. Sie sah sich wieder, die Seele voll jauchzender Hoffnung. voll guter Vorsatze, voll Glück. Lagen Jahre dazwischen? Nein, bloß sieben Monate... und nur fünf hatte sie gebraucht, um zu begreifen, daß dieser Bund, der sie entwürdigte, getrennt werden mußte um jeden Preis. Y ~er ^^/^termann hatte sie mit erhobenen Händen Steten zu bleiben, den Skandal zu meiden, Geduld zu Sie hatte nein gesagt. - Bit den Eltern wollte sie. Zurück ins' Vaterhaus. Aber Und dann... Mit einer wilden, jähen Bewegung fuhr Meta zurück I und riß die Augen auf. Ihre erschreckten Blicke glitten verstört herum. Es war dunkel in dem Gemach geworden, nur die Glut im Kamin strahlte einen matten, blutroten Schimmer in die Finsternis. Was war das gewesen? Hatte sie geträumt oder... Ein seltsam beklemmendes und doch süßes Gefühl durchrieselte ihren Leib. Ihr war, als sei sie selbst — ihr Leib und ihre Seele — der Schauplatz, auf dem sich etwas unendlich Großes, Erhabenes vollzöge. Da — da war es wieder — Regungslos und doch fiebernd in allen Pulsen stand sie da. Dann strömte das Blut mit jäher Gewalt zum Herzen. Frostschauer überliefen sie. Glühende Hitze brannte ihr auf der Stirn. Vergessen war alles andere: Qual, Enttäuschung nnb Söhnsucht, übertönt von dem Gewaltigen, das gleich einer brausenden, seltsamen Melodie in ihrer Seele vibrierte. Und als wäre das Etwas, das eben in ihr zum Leben erwacht war, ein mystisches Heiligtum, so sank sie ergeben vor ihm in die Knie. In diesem Moment klopfte es von außen an ihre Tür. „Meta" — es war die Stimme ihres Schwiegervaters —- „Meta, öffne) bitte — ich möchte mit dir sprechen." Wie sonderbar fremd seine Stimme klang! Schwerfällig stand sie auf und öffnete. „Verzeihe, Papa — ich werde sogleich Licht machen. Sie tastete nach dem Drücker des elektrische,! Lichtes. Petermann aber hielt ihre Hand mit sanftem Druck fest. „Laß nur — ich kann — wir können auch im Dunkeln sprechen." Er zog sie neben sich auf die Chaiselongue und behielt rhre Hand, die sie ihm willenlos überließ, in der seinen. (Fortsetzung folgt.) ' 23 Vergeltung. Humoreske von Eff em-B ey. Mit einem selbstzufriedenen behaglichen Lächeln verließ Kapitän Johannsen die Bankgebäude, im Gehen nochmals die 20 Hundertmarkscheine überzählend, die er am Schalter eben in Empfang genommen hatte. Während seines letzten Kommandos auf der Brigg „Aurora" hatte er einen leckgewordenen Schoner in den Hafen geschleppt und dafür als seinen Anteil am Bergelohn einen Scheck über 2000 Mark erhalten, den er sich soeben eingelöst hatte. „Zweitausend Mark" — rechnete Kapitän Johannsen im stillen und ließ dabei die neuen Hundertmarkscheine durch seine dicken Unger in das schmierige Taschentuch wandern — „zweitausend Mark hier, dann kommen noch die 2000 Mark, die mir meine Schwester als meinen Anteil an ihrem Erbe schon jetzt bei ihren Lebzeiten schicken will, das sind zusammen .000 Mark, wenn ich jetzt noch 2000 Mark dazu bekommen könnte, -ann könnte ich mich gleich mit einem Fünftel an der „Aurora" seteiligen und wäre sozusagen mein eigener Herr und Schiffsbesitzer. Hm." So in Gedanken an die 2000 Mark, die er noch gern gehabt hätte, versunken, lenkte er seine Schritte zum Quai und begab sich an Bord des Passagierdampfers „Neptun", der ihn nach Bremen führen sollte, wo die „Aurora" inzwischen reisefertig gemacht iourde. An Bord des „Neptun" gab es ein ausgezeichnetes Souper und einen vortrefflichen alten dänischen Korn, und der Einfluß dieser beiden schönen Dinge, noch dazu verstärkt durch das Aroma einer guten Zigarre, ließ den Kapitän Johannsen bald in ein angeregtes Gespräch mit den übrigen Passagieren fommen. „Spielen Sie eigentlich Karten?" wandte sich einer der Mitpassagiere plötzlich an den Kapitän Johannsen. . „Nein", antwortete der Angeredete mit Würde, „aber früher pflegte ich zu spielen, sogar sehr gut zu spielen." „Nun, das ist bedauerlich, daß Sie nicht mehr die Karten in die Hand nehmen," meinte der andere. „Aber ich nehme au, daß Sie wenigstens nichts dagegen haben, einem Spielchen zuzusehen," und damit zog er eine Taille Karten aus der Tasche. „Sie können ja, wenn Sie Lust haben, sich an einem Spiel mit einer .kleinen Summe beteiligen, ohne mitzuspielen", fuhr der Fremde fort. „Ich glaube, das Zusehen würde dann für Sie auch mehr Reiz haben. Doch gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle, meine Name ist Löffler, und ich reise in Kokosnüssen und Bananen. Wenn Sie nichts dagegen haben, darf ich Sic vielleicht zu einem steifen Grog in Ihre Kabine einladen; wir machen's uns da bequem, und vielleicht findet sich noch ein Partner, der mit mir ein Partiechm zu machen geneigt ist." Der Fremde stand auf, und Kapitän Johannsen folgte ihm, wenn auch zunächst widerstrebend, in seine Kabine. Schnell war ein Grog gebraut, und unter dem Einfluß des warmen Getränkes taute der Kapitän so sehr auf, daß er sich schließlich zu einem kleinen Spielchen „nur um die Ehre, ohne Geld" überreden ließ. Der Reisende zog feine .Karten wieder hervor, und sie begannen zu spielen. Der Kapitän verlor und verlor, und wenn es wirklich um Geld gegangen wäre, hätte die Geschichte für ihn sehr teuer werden können. Der Reisende lächelte nur und amüsierte sich über den Aerger des Kapitäns. „Ja, ja, mein Lieber, ich habe eine unglaublich glückliche Hand, wenn ich nur etwas Anlagekapital hätte, könnte ich mir mit dem' Kartenspiel in ganz ehrlicher schöner Weise ein Stück Geld verdienen. Uebrigens, wenn Sie die Sache mit mir zusammen machen wollen, — da ist nämlich so eilt junger Mann an Bord, der, wie mir scheint, ganz gern ein Spielchen unternehmen würde." Kapitän Johannsen überlegte einen Moment; der Reisende hatte ihm mit seinem Kärtenglück imponiert, und wenn er ihm sozusagen das Geld zum Spielen vorschoß, ließ sich vielleicht für ihn auch noch ein ganz schöner Nutzen herauswirtschaften; und so fuhr er denn, seinen Gedankengang beendend, laut fort: „Na, ich hab nichts dagegen, wenn Sie den Mann kriegen können Der Reisende verschwand eilig und kehrte schon nach kurzer !Zeit mit einem ländlich aussehenden jungen Mann zurück, der gerade keinen sehr intelligenten Eindruck machte. „Oberst Schniepeldebong", stellte der Reisende vor, indent er mit einer großartigen Geste auf den Kapitän Johannsen wies. Der Neuankömmling, dem dieser Titel sichtlich imponierte, klappte zu einer devoten Verbeugung zusammen und lispelte schüchtern: „Mein Name ist Müller. Wenn die Herren mir die Ehre schenken wollten, mitspielcn zu dürfen, würde ich mich sehr freuen." „Ich für mein Teil spiele nicht mit," sagte der zum „Obersten" avancierte Kapitän würdevoll, „aber .ich habe nichts dagegen, wenn die Herren hier in meiner Kabine spielen wollen." Das Spiel begann, und es dauerte nicht lange, da hatte der junge Mann schon fast hundert Mark gewonnen, was ihn in nicht geringe .Aufregung versetzte. Stein Wunder, daß er Übermütig wurde und nun immer höhere Einsätze machte. Nach einer weiteren halben Stunde hatte er noch hundert Mark dazugewonnen. lieber das ganze Gesicht vor Freude strahlend, be- tzellte er eine Flasche Mein und warf sich dann von neuem. mit Enthusiasmus aus das Spiel. Allein das Glück schien sich nun ganz plötzlich gewandt zu .haben. Er verlor und verlor, und nach verhältnismäßig kurzer Zeit .hatte er seinen .ganzen Ge- a £ cP Innen Partner, den Reisenden, zurückgeben müssen. Tas paßte dein jungen Mann nun gar nicht. „Da sind wir ja nun gerade wieder dort, wo wir anfingen, und dabei ist die halbe Nacht bald um.. DilÄ Spiel ist entschieden zu langweilig," meinte er unwillig. ,,®a wögen Sie freilich recht haben," erwiderte der Reisende; „außerdem glaube ich auch, daß der Oberst sich bald zurückziehen mul, und wir müßen ihm feine Kabine räumen." , ,,-och. schlage vor, wir legen eine kleine Bank zu zweien auj, meinte der junge Mann. «Wenn Sie darauf bestehen, gut!" antwortete der Reisende. Die Karten wurden gemischt und ausgeteilt, und die Bank begann. Mit blitzartiger Geschwindigkeit hatte der junge Mann bald die ersten 500 Mark verloren; er entschuldigte sich einen. Aöomeiit unb her m seine Kabine, um sich neues Geld zu holen. ma$JUr3ev Seit fam er zurück, und auf seinem Gesicht stand der Entschluß, auf reden Mall zu genrätnen. Er legte einen Tausend- markichein und 500 Hundertmarkscheine neben sich, und das Spiel ging weiter. Und nun folgte Schlag auf Schlag. Ein Hundertmarkschein nach dem andern ging in die Hände des Reisenden “yer' mar auch der Tausendmarkschein gewechselt, und als. die letzte Runde zu Ende war, war von den hübschen, bunten Banknoten keine einzige mehr auf der Seite des jungen Mannes geblieben. Verzweifelt und niedergeschlagen erhob er sich, stammelte ein „Gutenacht" und verließ die Kabine. »Nun, was sagte ich?" lächelte der Reisende, als sich die Tur, geschlossen hatte, und schob dem Kapitän Johannsen einen Tarn endm arkschem hin, während er die anderen tausend Mark in seiner eigenen Tasche verschwinden ließ. „Das hat doch ge- lohiit, Herr Oberst" . . . nicht wahr? Ich hoffe, daß wir uns noch oster mal Wiedersehen." Und dann gingen die beiden zufriedenen Herzens schlafen, um bald in tiefe Träume zu versinken. Der Kapitän hörte selbst im Traume nicht auf zu rechnen. „Zweitausend Mark Bergungslohn, tauseiid Mark Anteil vom Spielgewinnn, zweitausend Mark von meiner Schwester sind schon fünstaiiseiid^ Mark, na, es will schon bald zu ein paar eignen Schiffsplanken langen." So träumte der biedere Kapitän Johann- sen, und. em selbstzufriedenes Schnarchen erschütterte dabei die Wände feiner Kabine. * Zwei Wochen waren vergangen, da erhielt der Kapitän Johannsen von seiner Schwester folgenden Brief: Mein lieber Bruder Christian! Du batest mich vor einiger Zeit, das Dir von mir zugesagte Erbteil schon jetzt, noch vor meinem Tode, zur Verfügung zu stellen, um Dir die Beteiligung an Deiner Brigg zu ermöglichen. Ich bin Deinem Wunsche herzlich gern nachgekommen und habe unseren Nachbarssohn damit beauftragt, Dir die zweitausend Mark zu überbringen. Aber es ging ihm wie dem Manne, der auszog von Jericho und kam unter die Räuber, denn mein Bote war schon auf dem Schiff nach Bremern um Dir das Geld zlu bringen, als ihn zwei Männer mit listigen Reden zum Kartenspiel verleiteteii. Das heißt, spielen tat nur der eine, der andere Bandit saß dabei und paßte auf; es war ein großer starker Mann mit rotem Bart, und er soll sich „Oberst Schniepeldebong" genannt haben. Sieh zu, ob Du diesen Gauner irgendwo triffft, lieber Bruder, und laß ihn dann festnehmen. Er war der Hauptverbrecher, erzählte mir unser Nachbarssohn. Wenn Du ihn also triffft, kannst Du ja auch bersuchen, ob er Dir nicht die 2000 Mark, die ich Dir als Dein Erbe schickte, wiedergibt. O, wie ist die Welt schlecht, und wie traurig bin ich darüber, daß es solche Menschen gibt, die Dich, meinen lieben Bruder, um Dein Geld bringen. Mit herzlichem Gruß und Gott befohlen.. Deine treue Schwester. Die Sardine. An die 50 000 Menschen in der Bretagne, an der unteren Loire unb in der Bendse sind brotlos geworden, seitdem die Sardinen-Werkstätten infolge von Meinungsverschiedenheiten zwi- chen den Arbeitgebern unb den Fischern geschlossen hoben. Ganze Dörfer in den bezeichneten Gegenden leben vom Fange unb von der Bearbeitung des kleinen, delikaten Fisches, den die Feinschmecker aller Länder so hoch schätzen. Die großartige Sardinen- Jndustrie dieser Gegend geht auf das Jahr 1824 zurück, als ein gewisser Joseph Collin in Nantes den ersten Betrieb errichtete, wo die Sardinen in Oel zubereitet wurden. Der ungeheuere! Erfolg, den er mit diesem Verfahren erzielte, wurde die "Wurzel, aus der. sich die französische Sardin en-Jndustrie entwickelte, die heute weit über 100 Fabriken beschäftigt. Der bretonische Fischer kennt überhaupt kein andei.es Leben, als das in seiner Barke. Um Mitternacht verlassen die Bote die Hafen von Concarbean, DKuarnenez oder wie die Fischerdörfer alle heißen und fahren aufs Meer hinaus. Dort werfen sie den Fischrogen als Köder ans, auf den sich die Sardinen in ganzen Schwärmen begehrlich werfen. 24 Lev 'iVaitfl getan, so gilt es mit größter Geschwindigkeit den Heimathasen wieder zu erreichen, denn die Fabriken decken ihren Bedarf bei denen, die zuerst anlangen, und wer spat kommt, findet keinen Absatz und toitit seinen Fang nur wieder ins Meer werfen. So sieht man denn von der frühesten Morgendämmerung an die Boote wieder entlaufen. Tie Einkäufer der Fabriken ^find atn Strande, fie bestimmen nach der Qualität den Preis der Sardinen, und gegen ihre Festsetzung gibt es kernen Einspruch; der Fischer utiist das Gebot annehmen oder aus die Abnahme seines Fanges verzichten. Aber nicht nur die Sardine selbst wird von den Fischerdörfern geliefert, auch die Mchsem die Kisten, kurz, so gut wie alles, was zur Bearbeitung imb Äerjendung der Sardine gehört, wird am Orte hergestellt, und so gesellen sich M den S&iufenbert Von S cirb in eit f i f cfyfcnt noch viele meitete $cru)enbe Von Arbeitern und Arbeiterinnen, Packern, Oelgießerinnen usw. Reich sind die Sardinenfischer ja nie geivesen, aber n? kamen schließ lick aus. Leider ist nun aber auf die Sardine teilt Verlaß. Ter Fang schwankt ganz ungemein und hängt von der Laune der Sardinenschwärme ab. So erschien die Sardine im Vahre 1001 nicht wie gewöhnlich, in den ersten Junitagen, fondern erst gegen Schluß des Monates Juli: aber im folgenden Jahre war es noch viel schlimmer, indem auch der ganze Juli ohne Sardinen verging. Damals stand an den Küsten der Bretagne und her Bendöe die ganze Bevölkerung in banger Erwartung, um die Mschcr- barken zu beobachten; sah man sie die Masten meoeryolen, und unbeweglich an ihrem Platze bleiben, so wußte man, daß die Sardine wieder da war. Mer ach! nichts dergleichen war zu sehen. Man veranstaltete Bitt- und Pilgergänge, der Bischof segnete das Meer, und wirklich kehrte darauf eine Barke mit 2000 Sardinen in den Hafen zurück. Mer der Fang blieb vereinzelt und das Jahr blieb ohne Erfolg. So ist eSbemt natürlich, daß die Preise der Sardinen den allergrößten Schwankungen unterworfen sind. Im Jahre 1882 kostete das Tausend 50 Frks., in den Jahren 1888 und 1890 dagegen kostete es nur einen Franken, und dabei kauften die Händler nur einen Teil des Fanges auf, und der Rest verfaulte, wurde als Dünger benutzt oder ins $8af)er geworfen. In Douarnenez warfen die Fischer im Jahre 1897 eine Ladung von 600000 Sardinen itrs Meer, weil sie damit nichts anzufangen wußten. „ Die Schwierigkeiten, um die es sich gegenwärtig handelt, liegen zunächst darin, daß die Fischerbevölkerung einen gewissen Mindestpreis für die Sardinen festgesetzt zu sehen wünscht, und daß sie ferner für den unentbehrlichen Köder, der mit den Jahren immer teurer geworden ist, einen ein für alle Mal bestimmten Satz zahlen will. Sie will aber auch die Einführung moderner Maschinen in die Fabrikbetriebe verhindenr, weil sie fürchtet, daß dadurch Tausende von Arbeiterii brotlos werden könnten. Nun ist aber die französische Sardinenindustrie heute nicht mehr ganz konkurrenzlos. Zwar hat sie den Wettbewerb der fleiuetett, vielleicht aber auch feineren norwegischen Sardine wohl weniger zu fürchten, aber auch die Vereinigten Staaten beteiligen sich stark am Sardinenmarkte, und der gefährlichste Konkurrent ist Portugal. Der Sardinenreichtum der portugiesischen Küste grenzt ans Fabelhafte. Erst ein Bretone, der sich in Porfiigal meberttefy, lehrte hie Portugiesen diesen Segen ansrunutzen und die Sardinen in Schachteln tzn verpacken. Heifte hat sich die portugi fische Sardinen- industrie glänzend entwickelt und macht der französischen eine ganz gefährliche Konkurrenz. Vermischter. kf. Der A n t i ° D e g e n f cd l n ck e r. Denen, die trotz Knigge und ähnlicher Lehrmeister des guten Tones mit konstanter Bosheit darauf beharren, beim Eiien das Messer in den "Diuitb zu stecken, will ein Chicagoer Ltablwarenfabrikant energisch zu Leibe gehen. Er hat nämlich ein Messer erfunden, bei dem, sobald nur der Versuch gemacht wird, es in den Mund einzuilibren, eine Schutzvorrichtung losgelöst wird, so daß der Esser in handgreiflicher Weise daran erinnert wird, daß er sich eines Verstoßes gegE den guten Ton schuldig macht. Derselbe Alaun kämpft auch gegen die Unart, beim Trinken den Löffel in ber Tasse zu lassen. Auch hier hat er Abhilfe geschaffen durch einen besonders konstruierten Löffel, der, sobald die Tasse zum Vlunde geführt wird, infolge der Verschiebung des Schwergewichtes aus der Tasse herausvurzelt, und der Erfinder folgert wohl ganz richtia, daß der, dem dies Mißgeschick einigemal passiert, in der Folgezeit sich eines besseren „Benimms" befleißigt. Wie der vielseitige Erfinder in den amerikanischen Blättern nütfeilf, wird er in Bälde noch mit einer ganzen Reihe von Erfindungeit anfroarten, die den guten Ton in allen Lebenslagen auf eine möglichst handgreifliche und atigenschemliche Weise auch dem ungehobelten Menschen beibringen. * Kamele, die rauchen: Ein spanischer Offizier, bs« lange Zeit in Afrika stationiert war und auch während der letzten Ausstände in Marokko eine Division befehligte, erzählt, so berichtet der „Family Herold", daß d'.e Eingeborenen einen eigenartigen Gebrauch für das Tabakskraut herausgefunden haben. Sie machten nämlich die Beobachtung, daß ihre Kamele diirch den Kanonendonner während einer Schlacht furchtbar aufgeregt und zügellos wurden. Um sie zu beruhigen und wieder gefügig zu machen, veriuchten sie es mit — eiv* >t Zigarre! Um diese All- tröfterin dem Kamele mundgerecht -- nachen, formten sie ein dreieckiges Stück Holz, höhlten es in d.r Mitte nur soweit ans, um die Zigarre darin feststecken zu können, und schoben diese neuartige Zigarrenspitze dem Kamel in das Diaul. Gierig ziehen die Tiere daun den Ranch ein und — lassen sich damit beruhigen. Solange ihre Zigarre aushält, sind sie glücklich und liebenswürdig und marschieren ohne Widerstand mit ihrer schweren Bürde weiter, selbst inmitten des größten Kanonendonners. Ist sie ihnen a> er auSgeganaen, so geberden sich die Kamele noch widerspenstiger als die berüchtigten Esel, bis - eine neue Zigarre ihnen spendiert wird. Auch bei Zahnschinerzen, einem liebel, dem das Kamel nicht minder unterworfen ist als wir Alenschen, wendet der süüaue Eingeborene das fast nie versagende Beruhigungsmittel an und erzielt gute Erfolge. • I n der chinesischen Priifungsstadt. Alle drei Jahre ergießt sich über die chinesische Stadt Wutschang am Ptmatse- fluß eine wahre Invasion von Gästen, beim aus beit ganzen Provinzen Huveh und Human strömen bann zu einer festgesetzten Zeit bie Studenten und ehrgeizigen jungen Leute herbei, um ihre Prüfung ju belieben und sich damit den Weg zu einträglichen Ma i» darinenämtern zu öffnen. Während dieser Prüfnnaszeit weilen 12- bis 13 000 hoffnungsvolle Kandidaten in den Mauern der Stadt, und ihnen folgt in der Regel ein noch viel gröberer Troß von Händlern und Handwerkern, die bei dieser Menschenanhäufung lolmenoe Verdienste wittern. Und doch sind dabei die Aussichten der Kandidaten mehr als erbärmlich, beim in ber Regel bestehen nur ungefähr 5 von l(,00 bie Prüfungen, bie für einen euroväis t en Studenten eine fast mittelalterlich anmutenbe Diarterqual bebenten wüt den Ente riesige Halle ist ausaeschlagen, bie eine ganze kleine Stabt für sich bildet: die Prüfungshalle, zu der sich nach einem feierlichen Eröffnungsbankett der endlose Zug ber Kandidaten bewegt. Inmitten der Halle ist eine Art Turm anfueftent, dessen Spitze ein Schwert bildet: das ist ein Symbol der Disziplin, und in der Tat werden bie geringfügigsten Störungen ber Ordnung mit einer fast barbarischen Strenge geahnt et. Die Kandidaten werben verlesen, jeber erhält eine Nummer und dieselbe Nummer trägt auch eine ganz kleine, nur wenige Qnabratiuß große Zelle. Hier werden die Prüflinge eingesverrt, erhalten bann durch eilte kleine Fensteröffnung das Thema ihrer Aufgabe und bleiben 35 Stunden lang, ein Tag und zwei Rächte, Gefangene. Und das wiederholt sich nicht weniger als dreimal, so daß die unglücklichen Prüflinge in dem engen Loche in strenger Einzelhaft 3 Tage und 6 Nächte verbringen müssen. Währcnddesien schreiben sie ihre Arbeit. Aber die körperliche Anstrenguitg ist so groß, daß die Fälle nicht selten sind, in denen Studenten zusainmenbrecken; ja, daß ein Prüfling wahrend dieser Prüsungszeit stirbt, ist keineswegs eine ungewöhnliche Erscheinung. * Englischer Schulhumor. Eine Reihe luftiger Proben aus englischen Schulheften wird im Univerfity Correspondent veröffentlicht. Ein jugendlicher Historiker versichert: „Während des Interdikts zur Regierungszeit Johanns durften Geburten, Eheschließungen und Todesfälle nicht Vorkommen und waren verboten." „Heinrich VIII. erwarb den Titel Fidei Defensor, weil er seiner Königin so treu war." Fremdwörter und technische Bezeichnungen erwecken bei manchen kleinen Engländern recht originelle Gedankenverbindungen. „Ein Vakuum ist ein leerer Raum, in dem nichts ist; der Papst lebt in einem.solchen." (Vatikan.! „Ein Konservativer ist eine Art Treibhaus, von dem aus man auf den Mond blickt." (Observatorium.) „Die sieben Großmächte Europas sind die Schwerkraft, die Elektrizität, der TaMpf, das Gas, die Flugräder, die Motore und Mr. Lloyd George." Noch einige Proben seltsamer Uebersetzungskünste aus dem Französischen und dem Lateinischen. „A l'aide de son filet: mit der Hilfe seiner jungen Dame." „Jl ne baut Point disputer les gostts: man soll nicht mit gichfischen Leuten streiten (gouti) people)". „Cave canem: hüte dich, daß ich nicht singe." Bisherrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Schön ist bie Fugend,»'ft, sie kommt nicht mehr. Redaktion: K, R e u a t h. ~ Rotationsdruck und Verlao ber Brübl'ichen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,