VSMMW, M U- WM l ■hssite Frsurnlikbe. Roman von Horst Bo dem er« (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Hans-Wilhelm hat ein paar Ruder ergriffen; kräftige Arme treiben den Kutter vorwärts, einer sitzt am Steuer, die anderen schaufeln das Wasser ohne Unterlaß aus dem Fahrzeug. Sie spüren die kalten Wassermassen nicht, die immer wieder über sie hinwegschlagen, in Strömen rinnt ihnen der Schweiß vom Leibe. -Ein Ruder zerbricht, schnell wird ein anderes gereicht. Vorwärts geht es, langsam, aber sie kommen doch hinaus. Der Steuermann blickt von Zeit zu Zeit nach der Düne, ein Fetzen Tuch an einer langen Stange -deutet die Richtung an, in der sich die nach Rettung Musschauenden befinden. Er nickt mit dem Kopfe, sie treiben vor der Sandbank im Kreise herum, wären sie über sie hinweg, würden sie gar bald ans Land geworfen werden. Ganz vorn im Boot sitzt Hans-Wilhelm, er späht durch die Wassermassen. Immer näher kommen sie der Sandbank, die bei ruhiger See in zwanzig Meter Breite frei liegt, nach der er als Junge immer so gern geschwommen ist. Jetzt kann sie sein Tod sein — aber draußen kämpfen Männer, Familienväter, nm ihr Leben! Da denkt er an Eva, die Mutter und sein Kind. Kein Bangen kommt über ihn. Ein zufriedenes Lächeln legt sich einen Augenblick um seinen Mund. Hier stand er Einmal auf dem richtigen Platze. Aber schnell preßten sich seine Lippen wieder zusammen. Eine eisige Welle prasselte auf sie nieder itnb füllte das Fahrzeug bis zur Hälfte. Der Strand bevölkerte sich mehr. Düsedau und Püchkow kommen angefahren, Röpke hatte sich beeilt, zu seiner Sitzung in der Stadt zu sein. Man redete hin und- her, blickte auf die beiden kleinen Fahrzeuge und kam zu -der Ueberzeugung: es ist vergebens. Nur acht Menschenleben mehr sind noch in Gefahr! Da preschte ein Viererzug heran. „Du, Püchkow-, der Glossower kommt." . Immer die Ruhe und Würde selbst, stieg Graf Relen- dorff langsam die Düne hinauf. Die Männer zogen die Mützen, Weiber und Kinder sahen ihn scheu an. , Merkwürdig, welche Eiseskälte dieser Mann Um sich verbreiten konnte! Dabei drängte sich alles zu ihm nach Arbeit, weil er für seine Leute am besten sorgte. Er war das verkörperte Autoritätsprinzip. Die beiden Junker begrüßten ihn. „Moreth ist draußen", sagte- Düsedau. Gleichgültig nickte der Graf mit dem Kopfe, zum Zeichen, büß er Düsedau verstanden; dann stellte er sich auf die Dime, in seinen kostbaren Biberpelz gehüllt, und sah mit yerschränkten Armen hinaus cutf -das tobende Meer. Wie aus Stein gemeißelt stand er da, keine Muskel seines Ge» sichtes zuckte, nur der weiße Bart wehte im Winde. Püchkow dachte: „Immer in Pose — der gute Graf!" — — t Hans-Wilhelms Fahrzeug kam trotz aller Anstrengungen nicht über die Sandbank. Ja, wenn sie einen Raketenapparat zur Stelle gehabt hätten! Fast versagten die Kräfte, i Einer klopfte Moreth auf die Schulter. Als der srch umdrehte, zeigte der Mann nach dem Lande. Der Junker verstand ihn, aber -energisch schüttelte er den Kopf. War man bis hierher gekommen, -mußte man auch zum Ziele gelangen. Noch -einmal legten sich die Leute in die Riemen, hoch hob ein Wellenberg das kleine Fahrzeug, ein verzweifel- ter Rud-erschlag, man schoß ins Tal hinab, unter dem Kiel knirschte der Sand. - Die Ban? war erreicht, das spornte die Kräfte von neuem an. Fünf Minuten später sichtete man den Kutter. Vorn im Boot kniete ein Mann, eine Leine in der Hand. . Er warf sie aus — nach Zehn Minuten batte man das -Tauende in Hans-Wilhelms Boot. Jetzt begann aber erst die Gefahr. Man mußte über die Sandbank zurück und sich das andere Fahrzeug vom Leibe halten. ' Erfolg spornt an. — i Vorsichtig wendet man, ein -gefährliches Manöver — es gelang! Nun die schwerste Arbeit, durch donnernde Brandung hindurch, ein anderes Boot im Schlepptau. Aber auch das glückte, denn neue Spannkraft hatte die Verzweifelten beseelt. Nun trugen -die Wogen mit rasender Geschwindigkeit die Fahrzeuge dem Lande zu. Kein Halten gab -es mehr, sie wurden an die Düne geschleudert. Alle lebten, einige waren betäubt und zerschunden. Hans-Wilhelm aber lag mit gebrochenen Beinen, zehn Schritte von seinem Schwiegervater. - Schnell wurde er in -ein Haus gebracht, entkleidet und zu Bett gelegt. Graf Relendorff stand neben seinem Schwiegersohn.' Diese Tat löschte-manche Schuld aus. Aber schnell kamen dem Grasen wieder Zweifel. . War Hans-Wilhelm vielleicht doch nur hinausg-efahren, -weil er ohne Aufregung nicht leben konnte? Ein Spieler liebt hohe Einsätze, vor denen vernünftige Menschen zurückschrecken. Er hatte doch Weib und Kind! -Oder war's ehrliche Begeisterung, die ihn hieß freudig sein.Leben einzusetzen für seine bedrängten Brüder? Das wollte er ergründen. War Hans-Wilhelms-besseres Ich zum Durchbruch gekommen, dann wollte er ihm gerne seine Arme öffnen — vom heutigen Tage an! > In Betten gepackt brachte er ihn nach Moreth. wro Damen wußten noch nichts von seinem Wagnis. ,Mo war denn -Hans-Wilhelm diese Nacht?" fragte der Gras, der voraüsge-gangen war. „Bei Düsedau zur Jagd. Das Unwetter ivird ihn an Rückkehr gehindert haben." i 222 Der Graf blickte zum Fenster hinaus' und sagte gleich- gültig: । „Vielleicht, Eva. — -Doch ich kW Euch nicht längen K:en. Der Arzt ist schon bestellt. Moreth liegt unten im gen." 1 Mit großen Augen -sah ihn fein eigenes1 Kind an, aber er nickte nur wie geistesabwesend mit dem Kopfe und ging. Seinem Kutscher aber sagte er leise beim Einsteigen: „Zu Herrn von Düsedau s" Eva hatte genug mit der Pflege ihres Mannes zu tun, sie vergaß schnell das sonderbare Benehmen ihres Vaters: -Drewel suchte die alte Frau von Moreth auf, als sie einen Augenblick nach der Küche ging. „Gnädige Frau, dasMbreth'sche Blut hat sich da wieder bewährt!" i „Gebe Gott, lieber Drewel, mein Sohn wird wieder ganz gesund; aber stolz kann ich nun endlich auf ihn sein!" '»Jawohl, gnädige Frau, Has können Sie, weiß, Gott — jawohl!" ' Ganz froh wurde die alte biedere Seele, daß er dies sagen konnte. | „Sie müssen nun wieder die Leitung des Gutes selbständig übernehmen; ich werde Ihnen die Schlüssel meines Sohnes aushändigen, kommen Sie mit!" Bor der Tür des Krankenzimmers nimmt sie Drewel in Empang. Sofort begibt er sich in Kas Arbeitszimmer seines Herrn, denn als gewissenhafter Sachverwalter will er den Bestand gleich feststellen. Er schließt den Geldschrank auf und zieht den breiten Kasten heraus, der die Kasse birgt. Da muß er sich festhalten. > Etwas Kupfer und ein paar Nickel sind alles was er vorfindet. Er reißt sämtliche Fächer auf —> nichts zu entdecken, den Schreibtisch wühlt er durcheinander — keine Gutskasse ist zu finden. Nun weiß er alles. Sein Herr hatte Wieder ge;pielt — und ungluattch. Aber freilich, wenn man zu Herrn von Düsedau — zur Jagd fährt! Da setzte sich der alte Mann üt den Sessel am Schreibtisch und stützte seinen alten Kopf in seine harten Hände. Daher also die Tollkühnheit — daher! Dann herein mit ihm. Der Graf greift nach feinem Hüt, um sich zu verabschied beit, Jochen Düsedau aber fordert ihn auf, so lange zu bleiben, bis der Inspektor gesagt, was eigentlich passiert sei. Zu solchen Stunden reite man doch nicht zum Vergnügen! übers Land. ( Bleich wie die Kalkwand- tritt Drewel ein, er ist noch völlig außer Atem.; „Herr von Düsedau— ich bitte um Entschuldigung^ aber mein Herr war doch diese Nacht hier. Ich muß Klarheit haben, öb er bei der Rettung- der Leute das viele Geld verloren hat, oder hier im Spiel. Wenn's nicht hier geblieben ist, muß ich gleich wieder weiter ins Fischerdorf. Halunken gibt's überallund neuntausend Mark sind! kein Pappenstiel!" — | Da sagte Graf Relendorff höhnisch: „Den Ritt nach dem Fischerdorf können Sie sich schenken, Drewel! — Adieu, Herr von Düsedau, ich habe die Antwort aus meine Frage bekommen!" Als' sich die Tür hinter Drewel geschlossen hat, reibt sich Düsedau die Stirn. „Mein lieber Drewel, daswär für uns beide ein saftiger! Reinfall!" । Dem alten Mann fangen die Knie an zu zittern. „Darf ich mich setzen, ich kann nicht mehr!" Schnell gibt ihm Düsedau einen Kognak. „Ra, Sie brave Seele, auch dieser Sturm hört mal auf l* Der alte Drewel schüttelte sich, auf seinem Stuhle« -Mein, Herr von Düsedau, das ist zu viel, das kann ich alter Schimmel nicht mehr schleppen! Hat man sein Lebtag die Hände über den vaterlosen Junker gehalten, und nun, nach allem Leichtsinn, spielt er auch noch Theater!" „Aber um Gottes willen, was denn für Theater?"- Verzweifelt schüttelt der alte Drewel nun den Kopf. —i „Sieben wackere Männer sollten mit ihm in den Tod; bloß weil er sich nicht .getraute, den beiden Frauen in Moreth die Wahrheit zu Zagen!" Da tritt Düsedau das Verständnis auf; er tritt an beit alten Inspektor heran und legt ihm die Hand auf die Schulter. । „Drewel, sehen Sie mich an! So—o! Was ich jetzt sage, ist die pure Wahrheit! — Allerdings hat Moreth das Geld bis auf ,den letzten Pfennig verloren, als aber mein Diener meldete, daß tut. Fischerdorf das Notsignal aufgezogen sei, ist Ihr Herr 'raus gestürzt, hat selbst mit angespannt, ist losgefahren, wie der leibhaftige Teufel, und hat genau feine Pflicht und Schuldigkeit getan, wie einst sein Vater bei Vionville. Er hat auch- nicht einen Augenblick an seinen Verlust gedacht — Menschenleben waren in Gefahr, die Not rief, da war er zur Stelle!" „Herr von Düsedau, wenn ich das glauben könnte!"- .„Gehen Sie und fragen Sie meinen Diener und- Ihren Kutscher!" । ' Da faßte der alte Mann mit beiden Händen an seinen Kopf. >„Na, so kann ja auch b'ei uns noch alles gut werden!" * Der Arzt hatte die Beine geschient und in Gipsverband gelegt. Aber eine schwere Lungenentzündung tritt hinzu; Hans-Wilhelms Leben steht auf des Messers Scheide. Von Mutter und Gattin treu gepflegt, geht er nach wochenlangem Krankenlager endlich der Genesung entgegen« In seinen wilden Fieberphantasien hat er seinen Verlust ausgeplaudert. Drewel muß die Tatsachen bestätigen, abev er richtet die verzweifelttden Frauen auf. Er sagt ihnen, nach all diesen schweren Prünmgen werde Hans-Wilh-elM wohl ein vernünftiger Mann geworden sein. Da nimmt Eva Klein-Edith auf den Arm und fährt hinüber zu ihrem Vater nach. Glofsow. „Kommst du nun zu mir zurück für immer mein Kind?"- fragte der. | -„Nein, Papa. Nur bitten wollen wir beide dich, daß du jetzt deine starken Hände über Hans-Wilhelm hälft!" k,Sa, Eva, bist du denn blind? — Wie der niederträchi ttgste Lump hat er sich benommen!" Da hat Eva ihrem Vater stumm den Rücken gekehrt und ist gegangen. Den ganzen Nachmittag hat sie bann mit Drewel Briefe geschrieben. ! * Der Frühling war längst ins Land gekommen, bevor der Arzt zu den Mvreth'schen Damen fag,en könnt«: „So, jetzt haben wir den Kranken völlig üb er'n Berg!"- Düsedau wollte sich gerade zu Bett legen, als ihm' ber Diener den Grafen Relendorff meldete. „Schockschwerenot, soll man denn heute gar nicht zur Ruhe kommen!" Auf einmal pfiff er leise durch die Zähne. „Führen Sie den Herrn Grafen in mein Arbeitszimmers" „Es ist noch-nicht aufgeräumt." „Einerlei — los — schnell!" Jochen Düsedau geriet in Kampsesstiinmung. Sonst hatte es der Graf wahrlich nicht eilig zu ihm zu kommen. Aushorchen wollte er ihn — na, er sollte eine gepfefferte Antwort erhalten. „Verzeihung, Herr Graf, es sieht noch liederlich bei mir aus. Ich hatte Besuch, und dann kam der Sturm." „Ich bitte, das tut nichts." Sehr frostig fagte es Relendorff. „Ich möchte mir erlauben, eine Frage an Sie zu richten, Herr von Düsedau." „Bitte!" „Wieviel hat mein Schwiegersohn diese Nacht bei Ihnen verloren?" । „An mich nichts.>Jm übrigen bin ich keine Klatsch-base, Herr Graf!" erwiderte Jochen Düsedau ziemlich grob. Fest sah ihn ber Graf an. „Ich hatte von dem Edelmann, an den sich der Schwie- aervater Ihres Freundes Moreth wendet, eine andere Antwort erwartet." „Na, dann irren Sie sich eben gründlich." . „Das tut mir sehr leid. Bei ruhiger Ueberlegung hätte ich mir allerdings denken können, daß Sie mir auf diese Ihnen peinliche Frage keine Antwort geben würden." i„ph mir die Frage peinlich ist, überlassen Sie gefälligst mir zu beurteilen. Vorschriften und Vorwürfe lasse sch mir jedenfalls fit meinem Hause nicht machen." „Ich hatte Sie nur gebeten, Herr von Düsedau." -„Ich wiederhole Ihnen Herr Graf, ich- lehne die Beantwortung ihrer Bitte ah, weil ich keine Klatschbase Bin." .Der Diener tritt ein. '„Der Inspektor Drewel von -Moreth bittet empfangen W werden." , kÄst ein Unglück geschehen?" fragt Düsedau schnell, x W^ß es nicht. Sein Reitpferd hat jedenfalls fein trockenes Haar mehr am Leibs." 228 'Eva wagte kaumütehr, das' Schlafzimmer ihres Gatten tot betreten; sie merkte es, wie er sich schämte, sich mit Lielbstvorwürfett peinigte. 1 Eines! Tages schickten die Damen den alten Drewel |M ihm. ! „Na, Herr Oberleutnant, - die letzte Dummheit haben Nie ja quitt gemacht!" Da zuckte es in Hans-Wilhelms Gesicht. „Drewel, was für'Mu Lump bin ich —1 w as für ein leicht- ktnntger Lump!" । Hübsch langsam, sonst kommt wieder das Fieber!" t/SHe Wirtschaft ist natürlich in Grund und' Boden?" --Gott bewahre, sie steht in Glanz und Würden." „Lügen Sie mir.nichts vor, Wer — verrückt bin ich »richt mehr!" | Da nimmt Drewel Zeinen Stuhl !und setzt sich an das Nett seines Herrn. „Es' hat einen tüchtigen Krach mit dem' Grasen gegeben." t „Das kann ich mir denken." „Die gnädige Frau ist aber die Antwort nicht schuldig Webneben." 1 „Wieso?" i Ja, Herr Oberleutnant," Drewel stand auf, „sie hat die zweite Hypothek, die uns' drückte, gekündigt, Haus und Ställe werden jetzt ausgebessert, neues Vieh haben wir auch tn den Ställen — eine ganze Menge!" Da fährt sich Hans-Wilhelm mit zitternder Hand über die Stirn. Rufen, Sie meitt Weib, Drewel, und lassen Sie uns allein!" Eva tritt ein, das Kind auf dem Arme. „Nun, Hans-Wilhelm, fühlst du dich kräftiger?" „Setz dich auf das' Bett, Eva, und gib mir mein Kind." Sie tut's. Er sieht seinent Weib in die Augen. „Dein Erbteil hast du dir auszahleu lassen und bis auf den letzten Pfennig in das Gut gesteckt?" „Ja, Hans-Wilhelm, bis auf den letzten Pfennig." >,Eva!" 1 Es würgt ihm in der Kehle. Sein Weib sieht ihn fest an. -„Wenti du jetzt nicht Herr deiner Leidenschaft wirst, sind wir und das Kind beimatlos. Papa hat mich wissen lassen, daß er uns nur noch ein etnzjiges Mal hilft — mit jenen zwanzigtausend Mark, die du ihm einst zurückgegeben hast, und die erhalten wir erst auf dem Schiffe ausgezahlt, wenn wir uns verpflichten, auszuwandern!" Ganz ruhig hat es Eva von Moreth gesagt. Ein stiller Mann, dessen Haar an den Schläfen bereits Lrgraut ist, geht seiner Arbeit nach. Er kennt nur die Pflicht. Bon den Markten hält er sich möglichst fern, diese Geschäfte besorgt der alte Drewel, der leider schon recht klapprig geworden ist. Hans-Wilhelm hat kein Geld übrig, einen neuen Oberinspektor kann er sich nicht leisten, er schafft sonst alles selbst. Auch den Abschied hat er genommen, das Neben ist zu kostspielig, und seine Gesundheit hat einen Knacks bekommen. Von Zeit zu ßeit besuchen Geinsheim, der soeben eine Division in Stettin bekommen hat, und der Rittmeister Graf kö'eerenburg Moreths. Hans-Wilhelms Mutter sitzt noch häufiger über der Mbel und über ihres Mannes Briefen. Auch Eva kränkelt öfters. Die Aufregungen tvaren nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Dem Ehemann schnitt ihr Leiden ins Herz — er trug die Schuld. 1 Aber Schuld wascht man ab durch! Arbeit und Gottvertrauen. i So lebten Moreths still ihire Tage dahin. Einmal hatte Eva versucht, beit Frieden mit dem Vater herzustelleu, aber selbst das „Bitte, bitte!" des .Kindes Vermochte sein Herz nicht zu erweichen. „So lange du das Weib! des Lumpen Moreth bleibst, bist du meine Tochter nicht!" Da war sie mit Tränen in den Augen gegangen. Der Graf aber hoffte Tag! auf Tag! auf ihre Rückkehr. * Als die Jahre kauten und' gingen, war er ein gebrechlicher Greis geworden. Er hörte nur Gute? über Hans- Mlhelm. Da tauchten tn tönt doch Zweifel aus, ob er seinen Schwiegersohn am Tags des Sturmes richtig eingeschätzt hatte. Wenn er doch besser war? Seinem Vater ähnlicher? Er sehnte sich nach Frieden. Wenn Eva von neuem ge- komnten tväre, er hätte sie mit offenen Armen aufgenommen. | Aber sie verließ seit Jahren Moreth nicht mehr. * An einem schönen Frühlingstage rollte Hans-Wilhelms Wagen vor dem Glossvwer Schloßportctle vor. Die Keine Edith entstieg ihm. 1 wJch will zu Großpapa!" rief sie dem Diener zu. Der Graf eilte seinem Enkelkinds entgegen, so schnell ihn seine alten Beine trugen. „Edith, was willst Du?" „Großpapa, komm schnell IstJch habe ein Brüderchen bekommen." s Nach sechs langen Jahren schien drüben wieder dis Sonne des Glückes.' Da fuhr der Graf mit feinem' Enkelkinds hinüber nach Moreth!. t Hans-Wilhelms Augen glänzen.! „Daß ich hier stehe, festen Fußes auf mein er Väter Land — das verdanke ich der Frauenliebe!" Agathe von Moreth! nimmt den Kopf ihres großen Jungen in ihre schmalen Hände. „Frauenlieb-e hat dich' gerettet, ihr verdankst du, daß ein Hans-Moreth wieder mit blauen Augen tn die Wett blickt! Wacht über ihn, wie ich einst über dich gewacht!" Hans-Wilhelm steht am Bette seines Weibes; fie streckt dem Vater die Hände entgegen. i„Ja, Kinder, nun sei Frteden zwischen uns!" Da hatte Frauettliebe vollends gesiegt. Die „göttliche Kulmus". (Zu ihrem 200. Geburtstag, 11. April). „Ta Professor Gottscheds Mund die berühmte Kulmus küßt, welche eine Meisterin schöner Wissenschaften tft," — brach eine neue Blüte der gelehrten Zeiten am Pleiße-Strande an. So schildern es die zahllosen Poeten, die zum Ruhme der jungen Frau die Leier stimmten, und was damals Luise Adelgunde Victorie Kulmus als Mädchen versprochen, hat die Gottsched in in reichstem Maße gehalten: „die gelehrteste Frau Deutschlands", nannte sie bewundernd Maria Theresia, und auch ins Ausland drang der Ruhm der „göttlichen Kulmus", die man als Dichterin die „berühmte Sappho", als Gelehrte die „zweite 'Dacier" nannte. Die „geschickte Freundin" des Literaturpapstes, die nicht pur ihr Mann mit vollen Backen lobte, hat gar viel in ihren Ueber- setzungen, in ihren so menschlich feinen Briefen für die Beseelung und Belebung der deutschen Sparche getan; sie hat als Dichterin rn noch heute lesbaren Lustsprelen amüsante Kulturbtlder der Zopfzeit gezeichnet, hat gegen Muckertum und Franzosenverehrmrg, für deutsche Bildung und deutsche Musik gewirkt; aber ihr geschichtlicher ERenplah liegt doch in der Stellung, die sie der deutschen Frau eroberte. Sie hat zum erstenmal in unserer neueren Kultur bewiesen, daß „das schwächere Geschlecht dem' stärkeren gleich zu achten", daß eine Fratt Gelehrsamkeit und weiblichen Sinn wohl zu vereinen vermag. D'enn die Gottschediu hatte nichts voM „Blaustrumpf", einem Begriff, den eben erst die Ladh Hamilton -eingeführt hatte, der aber tatsächlich schon seit langem! bestand und sich bisher stets auf solche Damen hatte anwendckt lassen, die über die Schrankm ihrer Häuslichkeit hinausstrebten. Tie anmutige Frau, aus deren Augen Klugheit und Schalkhaftigkeit blickten, die eine zarte Weichheit der Empfindung mit einer charakteristischen Vorliebe für kleine Bosheiten .verband, die sich in ihrer Bescheidenheit dem' despotischen Mann völlig unterordnete, war ein durchaus weibliches Wesen, und diese treue Bewahrung der angeborenen Eigenschaften hebt sie in einer Epoche der Unnatur über ihre Umgebung, läßt sie menschlich reicher und anziehender! erscheinen als ihren rasch in Pedanterie verknöcherten Mann. Man hat ihr Leben als ein „Hinsiechen ausstder gelehrten 'Galeere" dargestellt, gleich als wenn sie unter den übermenschlichen Lasten der Arbeit, die ihr in ihrer Ehe aufgebürdet wurden, zusammengebrochen wäre, aber man verkennt dabei ihren eigenen Ehrgeiz, ihren steten Wunsch nach Beschäftigung, die leichte Beweglichkeit ihres nimmermüden Geistes. Wenn sie sich die Finger wund schrieb, iirdeml sie die dicken Bände der Gottschedschen Unternehmungen, die „Deittsche Schaubühne", die „Beiträge" und „Belustigungen", die Üebersetzungen des Vay- leschen Wörterbuches und der Geschichte der Pariser Akademie, unermüdlich anfüllte, so nannte sie selbst diese Arbeit ihre „größte Lust". Nichts wollte sie weniger sein als eine Pedantin. Deshalb' suchte sie alle Ehren abzulehnen. Mit denen sie der mächtige Gatte verschwenderisch überschütten wollte, deshalb nahm sie srch in acht, durch das Lateinisch- und Griechischlernen nichts von ihrem!'wahren Gefühl einzubüßen. Hinter halbgeschlossener Türe lauschte sie bett Vorlesungen des Professors, der in seiner Wohnung den Studenten dozierte. Wie hat sie sich nach Kindern gesebut, 'aber nur Bücher, unendlich viele Bücher wuchsen astS der Ehe der „gelehrten Zwey" hervor! In all ihrer vielgeschästigen Tätigkeit, ttt der sie denk Manne Sekretärin, die kräftigste Mitkämpferin tn allen Lrteratnr- streitigkeiten und der richtige Poet nach seinem' Rezept gern mußte, vergaß sie ihre Hausgeschafte nicht, uird in deut nach ihrem Tode aufgerichteten „Ehrendenkmal" konnte Gottsched rühmen: „Ihre Wirtschastsangelegenheiten an Küche, Wäsche und Kleidung, besorgte sie ohne alles -Geräusch aufs ordentlichste. Ihre Ausgaben und Einnahmen hat sie die ganze Zeit ihres Ehestandes hindurch von Heller zu Pfennig ausgeschrieben und jedes Jahr richtig geschlossen. Ja, von allen Arbeiten mit der Nadel, die in einem Hauswesen vorkommen können, hat sie sehr ivenig durch fremde Hände besorgen lassen: wenn sie nämlich nicht einträglichere Arbeiten unter der Feder hatte, die keinen Aufschub litten." Tie liebenswürdige Gesellschafterin, in deren Salon zum ersten Mal in Deutschland ein weltmännisch eleganter Plauderton angeschlagen wird, brachte etwas Wärme und Sonne in die damals so kalte unb steife Literatur. Typisch ist z. B. wie der Schweizer Altmann, der Vorsitzende der Berner deutschen Gesellschaft, Fran Adelgunde verehrt: der Witwer macht ihr förmliche Liebeserklärungen, stellt ihr Bildnis in feinem Zimmer auf und ividmet ihr zugleich mit seiner Zeitschrift „Der Brachmann" „ein geringes Päcklein von Blumen und Kräutertee, so auf den Gipfeln der Alpen gesammelt worden". Wenn die Schitdknappeii des gravi- tättschen Professors von der ,^göttlichen Kulmus" sprechen, dann spielt ein Lächeln der Zärtlichkeit um die strengen Lippen und die Augen blicken unter den großen Perücken heller. Die Feinde dagegen verfolgen die „böse Muskul" mit besonderem Haß, denn ihre Feder ist die spitzeste, ihre Witzpfeile verwunden am schmerzhaftesten. Die Gottschedin ist in manchent über ihren Mann hinausgewachsen: ihre Lustspiele griffen ins Leben; sie verlor nie den Zusammenhang mit,der Natur. Im der Musik, in der ihr noch die lebendige Traditton Bachs nahetrat, kämpfte sie für ein deutsches Musikdrama und wurde die Borahnerin Bachs und Rich. Wagners. Bor allem aber ist sie in ihrer Ablvehr alles Fremden und Schwulstigen für die deutsche Mädchenerziehung und Frauenbildung eingetreten. Den Unfug der französischen Bonnen geißelte sie in ihrer derb lustigen „Hausfranzösin" und bemühte sich, gute deutsche Erzieherinnen heränzubilden. Für die Frauen verlangte sie in Bestrebungen, die dann ihre Freundin, Frau von Runkel, weiter ausführte, „die Natur unb Empfindung als Lehrmeisterinnen" und hob immer wieder den Grundsatz, beit sie selbst in ihrem Leben zu verwirklichen erstrebt hatte, hervor, daß der Zweck der weiblichen Erziehung nicht Gelehrsamkeit, sondern die Entfaltung der Fähigkeiten der Seele und Neigungen des Herzens" sei. So darf die Gattin des Leipziger Diktators, die ungerechterweise so -oft in seinem Schatten gestanden und die doch das wärmere, lichtere Element des Gemüts neben ihm verkörperte, auch heute noch als vorbildlich gelten mit ihrem Satz: „Ein Frauenzimmer liest, um besser und weiser zu werden, nicht nm gelehrt zu scheinen." Vermischter. * Eine Geisha als Pariser Gastwirttn. Nur wenigen Eingeweihlen ist es bekannt, daß man im Herzen von Paris, wenige Schritte von den Boulevards, Gelegenbeit hat, in einem javanischen Heim die sel'samen Genüsse der echten japanischen Küche kennen zu lernen. Eine der jungen Geishas, die im Jahre 1900 zur Weltausstellung nach Paris kamen, iahte damals den Plan, in Paris zu bleiben, um den in Frankreich weilenden Japanern ein Heim zu bieten, in dem sie täglich die Nationalgerichte ihres Vaterlandes genießen können. Und die kleine Geisha wurde Gastwirtin oder richtiger Pensionsinhaberin; in einer bescheidenen kleinen Wohnung, im 6. Stockwerk eines großen Hauses, eröffnete sie ihren japanischen Mittagstisch. Ein Mitarbeiter des Temps hat die geschäftskundige Japanerin in diesen Tagen besucht und an einem japanischen Mittagessen teilgeuommen. Die kleine Wirtin mit den blinkenden dunklen dingen empfängt ihre Gäste mit einem freundlichen Lächeln und geleitet sie in das Speisezimmer. Der Tisch ist schon gedeckt, kleine viereckige Lackteller harren der Gäste und daneben liegen die üblichen Haschis, die Speisestäbe, die Gabel und Messer ersetzen. Das Mahl beginnt. Die Japanerin bringt dem Gaste selbst die Gerichte und oer Kimono, der ihre zarte, kleine Gestalt umhüllt, flattert durch den Raum. Sie spricht kein Wort Französisch, nur ein paar Brocken Englisch, aber ihre Gäste sind fast nur Japaner. Unzählige kleine Tellerchen und Schüssel« chen trägt Jie auf, jeder erhält sein Gericht in einer kleinen Schüssel, die an Größe etwa einem Suppenlöffel entspricht; reicht der viereckige Lackteller nicht aus, nm all die kleinen Geiäße zu tragen, so stellt man sie daneben auf den Tisch. Da gibt es Fischbaignös init grünen Bohnen, in Sesamöl gebacken, andere Filchgerichte, die in besonderen Jettsorten gebraten sind. Der beliebteste Leckerbissen aber scheint der Goldfisch jit sein, der roh, in kleine Teile zerschnitten, genossen wird, Blumenkohl, der auf eine in Europa unbekannte Weise konserviert ist; die Blätter werden in eine Art Salzwasser gelegt, das durch Zusatz von ReiSkleie zum Gähren gebracht wird. Und all diese sonderbaren Gerichte begleitet der Reis. Er ist so weiß, wie man ihn auf keiner europäischen Takel findet. und ihn so zu bereiten, muß eine besondere Kunst sein, denn keines der Körner hat seine ursprüngliche Form verloren und ist dach fi weich, daß es auf der Zunge fast vergeht. In den Pausen trinü man aus kleinen rotlackierten Täßchen, die mit einem Deckel verschlossen sind, eine Bouillon, die nach unbekannten Kräutern duftet. Fast alle Gerichte sind mit Salz bereitet, keines wird ohne di» Soja genommen, ohne diese Rationalsauce, die der Japaner bet keiner Mahlzeit entbehren zu können scheint. Diese Soja ist eine bräunliche Flüssigkeit, die auf folgende Weise bereitet wird. Soja* körner und Weizen werden zum Gähren gebracht. Dann wird diesenr Gährungsprodukt stark gesalzenes Wasser zugesetzt. DaS Erzeugnis hat einen sehr charakteristischen scharfen Geschmack, der von dem Gaumen der Japaner sehr geschätzt werden muß. Die Folge ist natürlich, daß alle Leckerbissen nach Soja schmecken, di« Eigenart der einzelnen Gerichte wird erstickt und es entsteht, trotz des Aufwandes an Schüsselchen, eine gewisse Eintönigkeit, an die sich der europäische Gourmet nicht leicht gewöhnt- Wenn man das gastliche Heim der tapferen kleinen Japanerin, die fern von ihrer Heimat in der Millionenstadt sich eine eigene Existenz gezimmert hat, verläßt, ist der Europäer zwar um manche' kulinarische Er- fahrungen reicher, aber für die Genüsse der eiiropäischen Küche doppelt dankbar. lrk. S i e b z i g j ä h r i g e n i st die Heirat verböte n! Mit siebzig Jahren beginnt nach der Meinung der Regierung des amerikanischen Staates Connecticut der Abschnitt im menschlichen Leben, wo die Unvernunft über die Vernunft den Sieg davonträgt. Aus diesen Erwägungen will die Regierung die Siebzigjährigen vor unvernünftigen Handlungen durch ein Gesetz schützen, d. h. mit anderen Worten, sie sollen unter Kuratel gestellt werden. Aber dies Kiiratel soll vorläufig nur in einem einzigen Falle in Anwendung kommen. Nur dann wird ein Siebzigjähriger unter Kuratel gestellt werden, wenn er den Leichtsinn besitzt, sich in eine Ehe zu stürzen; es ist ganz gleich, ob die siebzigjährige Person ein „er" oder eine „sie" ist. Den Heiratslustigen wird vor allem die freie Verfügung über ihre Vermögensangelegenheiten genommen werden. Augenscheinlich hat man in Connecticut mit Siebzigjährigen trübe Erfahrungen gemacht. * Praktische Winke für Frühj a hrskn ren. — Die ungesundeste Lebensweise, so lesen wir in der „Bibliothek der Unterhaltung unb bes Wissens", führt man tut Winter, bie geeignetste Regenerationszcit ist bas Frühjahr. An Stelle ber winterlichen Festschrnänse unb bet allzu einseitigen Ernährung mit Fleisch, scharfgewürzten Speisen usw. mujj jetzt eute Ergänztmgsbiät treten, bie bem Körper namentlich die zum Gedeihen so notwenbigen Gemüse (gedampft, aber nicht in Wasser ausgekocht) unb grünen Salate zuführt. Kopfsalat, Garten- unb Brunnenkresse, Rapunzel, Löwenzahn müssen abwechselnd bet jeder Mahlzeit vertreten feilt. Mit Petersilie und Schnittlauch werbe nirgeubs gespart. Der Leibesofen muß tüchtig „Zug" bekom- tnen durch vermehrte Zufuhr von Sauerstoff. Recht tiefes Atmen jagt bas Blut schnell bis in bie äußersten Aeberchen, so baß kalte Hänbe unb Füße rasch schwinden. Das sonst wie in einem Graben trüge bahinfließeitbe Blut wirb jetzt zum reißenben Bache unb schwemmt alle abgelagerten Stoffwechselprobukte rein weg. Befördert wirb bie ganze Blutbeweguug unb ber Stoffwechsel noch burch reichliche körperliche Bewegung. Weg mit ber winterlichen Trägheit! Wanbern, tapfer marschieren, irn Garten arbeiten, bei offenem Fenster hanteln — das alles verschafft jugenb- liche Lebeubigkeit! Wöchentlich zwei recht warme Bäder mit folgender kalter Dusche regen die Hanttätigkeit an, beleben die Nerven, öffnen bie Poren, diese wichtigen Ansscheibungsgänge für schädliche Gase unb Stoffe. Wer biese Frühjahrskur drei bis vier Wochen genau einhält, wirb über ben Erfolg ebenso verwnnbert wie entzückt sein. Skat Aufgabe. 186 und Hinterhand cutt 164. Mittelhand erhalt nun folgende harten, mit denen sie Treff-Solo spielen will: Q Q 4» 4* Beim Bierflat bis 201 steht Vorbaud auf 158, Mittelhand aus + + Vorhand läßt sich jedoch bis Null ouvert reizen. Da Mittelhand atSdann die ganze Partie verloren hätte, jo sagt sie Grand an. Das Spiel ivird gewonnen. Hinterhand hat 12 Augen mehr in ihren Karten als der Spieler. — Wie waren die Karlen verteilt und ivie ivurde gespielt? Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Etmnrt — Aelle — Ilio - Eama — Elz — Za(a — Olt — Eola — Aloe; Emile Zola, Hebattion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag drr Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruck«r«t, R. Kana«, Gießea»