ms - Nr. 174 Donnerstag, den 6. November JT TObTh ZDW ■&K ityii53 hrsI» 3teati8iiaiM««PE^rai R *ij KÄWsaKI „ Lauernblut. Eontan von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Merkwürdig! Etwas ähnliches mußte ihm Ellen auch vmmal gesagt haben! Erzeugt denn der Verkehr mit dem Manne in allen Mädchen Gedankenreihen? Bei welcher Gelegenheit hatte cs doch Ellen geäußert? — Immer wieder Ellen! Warum drängte sich die Erinnerung an sie zwischen rhn und dieses Mädchen? Mit spöttisch zweifelnder Betonung wiederholte er Sabinens letzte Worte: „Unt das Glück beim Schopfe zu fassen! Du lieber Gott! Es läßt sich nur nicht so leicht festhalten, und wenn man wirklich glaubt, man habe es erwischt, dann ist's ein Schatten, nach hem man gegriffen hat, iirtb man hält ein Nichts in den Händen!" Sabine schwieg. Sie wunderte sich im stillen, daß Teil, der Stolz des Lampertschen Hauses, der hochangesehene Beamte, der in der vornehmen Welt verkehrte und hier, wohl nur ans Rücksicht auf seine etwas eitle Mutter, eine flüchtige Gastrolle gab, doch allem Anschein nach auch nicht ganz! glücklich und zufrieden war. Sie hätte ihm gern Mut zugesprochen, aber sie getraute sich nicht, vor dem studierten Manne ihre Mädcheneinfalt anszukoamen. Deshalb begnügte sie sich mit einem warmen und ermunternden Blick iii seine großen, ehrlichen Augen, dann stand sie auf, huschte in die Mitte des Saales, wo Herr Knoblauch eilt Atlaskissen mit bunten Papierorden auf ein Tischchen gelegt hatte, und suchte einen silbernen Stern aus, um ihn dem Staatsanwalt mit geschickten Fingern an seinen Frack zu heften. Der so Ausgezeichnete nickte ihr geschmeichelt zu: „Nun müssen Sie mir noch eine Tour schenken." Mit sichtlichem Vergnügen kam sie seiner Aufforderung nach und schmiegte sich in seinen sie umfassenden Arm. Gegen drei Uhr war der Kotillon beendet, und die übermüdeten Ballmütter drängten zum sofortigen Aufbruch. „Aber warum denn so eilig?" fragte unzufrieden die Wirtin; „jetzt kommt ja erst der Kaffee — nun soll es erst recht gemütlich werden." Der dicke Lohndiener humpelte mit verglasten Augen, ein Riesenbrett mit randvoll gefüllten Kaffeetassen auf dem Arme, in den Saal. Er war jetzt völlig trunken (nach Völkers Behauptung „wie eine Radehacke") und bemerkte gar nicht, daß sich bei seinen schwankenden Bewegungen ein Teil des Inhalts der Tassen in die Untersätze ergoß. Der Kollege, der ihn begleitete, trug einen Chimborasso kleiner, in allerlei phantastischen Formen gebackener und reich mit Früchten belegter Kuchen. „Alle Achtung!" spottete der mit seinem Freunde Dell plaudernde Maler, „die Mieseke macht sich auch noch über dieses Kuchengebirge her! Der Leichnam dieser Frau muß nach der Anatomie kommen, sie hat entschieden einen Klapperschlangenmagen.? „William!" keuchte Frau Julie, indem sie dem Staatsanwalt ihre Hand auf den Arm legte, „du mußt mir einen Gefallen tun und Frau Meerholt nebst Tochter nach Hauke bringen; einen Wagen werden die beiden wohl nicht bestellt haben — du begreifst, der Kosten wegen. Es wäre PeterI Pflicht gewesen, sie zu begleiten, aber der ist ja über alle Berge; so ein Mensch! Ich begreife gar nicht, was da vor- gefallen sein muß . . „Pscht! Pscht!" mahnte der Staatsanwalt, „davon ein anderes Mal! Was Meerholts anbetrifft, so sei unbesorgt, ich werde sie unter meinen Schutz nehmen." „Danke, William; du bist, wie immer, ein aufmerksamer Kavalier! Ich werbe es Frau Meerholt sagen." Es war schon in der vierten Morgenstunde, als die durch Mäntel und Kopftücher wohl verwahrten Meerholtschen Damen die Richtung nach der Chausseestraße einschlugen. TeT ging neben ihnen und unterzog sich einer etwas gequälten' Unterhaltung mit Mutter Meerholt, die, wie sie sagte, für heute genug hätte und mit hastig trippelnden Schritten dem Ziele ihrer nächtlichen Wanderung zustrebte. Der volle Mond schwamm am wolkenfreien Himmel; es war bitterkalt, im Osten hämmerte es schon wie Frühschein über die Dächer herauf. Ein Wächter schaute mit etwas zudringlichem Forscherblick den beiden Frauen ins Angesicht. „Bitte, Herr Staatsanwalt," sagte Frau Meerholt mit besonderer Betonung des Titels, „geben Sie meiner Tochter den Arm! Ich alte Frau bedarf keines Schutzes." Der Wächter stutzte und trat höflich grüßend einen Schritt zurück, den Weg frei zu machen. Tell dachte im Stillen: „Frau Meerholt ist eine schlagfertige Frau, sie weiß sich zu helfen." Mit Vergnügen unterzog er sich dem ihm aufgetragenen Ritterdienste. Er bot dem hübschen Mädchen seinen Arm unb ließ ihn nicht eher wieder los, als bis man vor dem Meerholtschen Hause an- gekommen lvar. Frau Meerholt schloß auf, dankte dem Staatsanwalt für seine liebenswürdige Begleitung und trat in den dunklen Hausflur. Sabine wollte der Mutter folgen, als sie Dell mit den Worten zurückhielt: „Warteu Sie, Fräulein Meerholt — hier ist Feuerzeug! Bitte, bedienen Sie sich desselben, Sie finden ja sonst die Treppe nicht." Er gab ihr eine Schachtel Streichhölzer, und durch den geschlossenen Flügel der Haustür vor den Blicken der Mutter geschützt, küßt er sie schnell auf den Mund. Hatte sie wirklich den Kuß erwidert? Oder war sie nur, durch seine Kühnheit überrumpelt, unfähig zur Abwehr gewesen? Pfeilgeschwind huschte sie in den finsteren Flur; der Türflügel klappte zu und Tell hörte, wie der Schlüssel von innen ins Schloß gesteckt und zweimal umgedreht wurde. Einen Moment stand er da von Wonne durchrieselt, daun zuckte er zusammen und murmelte: „Pfui! Das war schlecht von dir!" 694 Würde er ein mit seinen beiden Stiefbrüdern schon verlobt gewesenes Mädchen jemals zu seiner Braut begehren wollen? Würde er da schwelgen mögen, wo Adolf und Peter doch auch schon geschwelgt hatten? Er schauderte. Eine Art Haß gegen sich selbst regte sich in feinem Herzen. Jener Kuß erschien ihm jetzt wie ein heuchlerisch gegebenes Versprechen, wie ein Gelöbnis, das er schnöde brechen wollte. Aber sie war so reizend in dem Zauber ihrer frischen Jugend! So verführerisch mit dem Goldglanz ihrer blond- seidenen 'Haarfülle! So sinnbetörend mit dem funkelnden Schelmenblicke ihrer Beilchenaugeck! Wenn es Sünde war, ein Paar solcher Lippen zu küssen, die sich einem gewährend darboten, wo war der Mann, der in gleicher Lage der Versuchung nicht erlegen wäre? Als er endlich die Genthiner Straße erreicht hatte, bemerkte er zu seiner Ueberraschung, wie sich im Osten schon eilte tiefere Purpurglut entzündete; er war so ausschließlich mit der Erforschung seines inneren Menschen beschäftigt gewesen, daß er die Länge des Weges gar nicht gemerkt hatte. Einer jener großen, an die Arche Noahs erinnernden Möbelwagen rollte schwer beladen durch die Torfahrt eines Hauses in der Friedrichstraße, das ein neu gemaltes Firmenschild mit der goldenen Inschrift auswies: „Haßlach und Dechner. Blasinstrumente. Pianosorte-Lager."" Im Hose, in dem der Möbelwagen vor einer Hintertür des Vorderhauses hielt, sah es etwas wüst und ungemütlich aus, denn ein hoher, schon mit dem Dachgerüst gekrönter Neubau ragte dort in die Luft, Er bildete beit südlichen Seitenflügel des Vorderhauses, das auf der Nordfeite des Grundstücks einen schon älteren Flügel weit in den Hof hinein vorstreckte, und er sollte, wie dies bereits der ältere Flügel tat, ebenfalls zu Werkstätten der unter der neuen Firma eriveiterten Fabrik von Blasinstrumenten dienen. Aus der Hoftür des Vorderhauses trat eilig ein junges Mädchen in hellem, geblümtem Kattunkleide und mit weißer, sauberer Schürze; ihr üppiges Seidenhaar, das an die Farbe reifer Aehren erinnerte, war bei der rastlosen Geschäftigkeit dieses Vormittags etwas wirr geworden; eine lose Strähne desselben flatterte ihr, wie sie jetzt von der septemberlaiten Zugluft des Hofes angeweht wurde, kokett über die Stirn. Ihre Wangen glühten; ihre Brust hob sich in beschleunigten Atemzügen; unverkennbar hatte sie schon tüchtig gearbeitet, aher in freudigster Schaffenslust, die keine Ermüdung kannte, schaute sie einen der Wagenbegleiter lächelnd an und fragte, fast schalkhaft: „Kommt noch mehr? " „Nee, Fräul'n, bet is der letzte." „Dann muß alles hier ins Haus — gleich die erste Tür. Es find doch keine Sachen aus der Werkstatt mehr auf dem Wagen?" ,,Nee, sie sind dort schon alle drin." Er deutete auf den nördlichen Seitenflügel, aus dessen beiden Stockwerken durch die geöffneten Fenster ein ununterbrochenes Pochen, Hämmern, Schwirren und Quinguilieren in den Hof drang. „Gut, dann sind dies nur Sachen für die Wohnung des Herrn Dechner. Also hier unten zu ebener Erde, die erste Tür rechts." Sie raffte ihr sauberes Kleidchen, um nicht den Staub von der Türschwelle zu fegen, und war mit einem Husch wieder im Hause verschwunden. „Blitzmädel!" schmunzelte ein anderer der Ablader. „Hast de geseh'n, Karl, wat se für kleine Puppenfüßchen hat?" „Ja", bestätigte der Gefragte, „aber kiek du mau nach de Pantoffeln von deiner Ollen! Wat jeht dich so'n junges Mächen an?" „Jetzt kommen deine Sachen, Adolf!" rie Sabine in das erste der drei Erdgeschoß-Zimmer, die fortan zur Privat- wohnung des Haßlachschen Sozius dienen sollten. „Du kannst ruhig nach den Werkstätten gehen; ich werde hier alles besorgen, ich kenne deine Wünsche und weiß, wie du es gern eingerichtet hast." Adolf Dechner blickte sie dankbar gerührt an; etwas Dunkles drängte sich in feine Augen, wie gern hätte er ihr, die nun schon seit vier Monaten von Peter aufgegeben war, die unveränderliche Fortdauer seiner Gesinnungen beteuert, wie gern aufs neue um ihre Huld und Hand geworben! Aber er war em bescheidener, zartfühlender Mann! Ohne Empfindlichkeit dachte er daran, daß ihm einst der ZwilAngs- bruder vorgezogen worden war; durfte er es unter diesen Verhältnissen wagen, ihr wieder als Werber lästig zu fallen? Er verehrte sie in so treuer Liebe, daß er ihr nur ein volles, unbeeinträchtigtes Glück wünschte, und wenn er selbst nicht für geeignet gehalten wurde, ihr ein solches Glück zu gewähren, dann war er edel und selbstlos genug, seines Herzens heißeste Wünsche zurückzudrängen und sie nur aus der Ferne mit stummen Lippen anzubeten. Und Sabine? Ach, sie hatte längst erkannt, welchen Diamanten sie damals mißachtet hatte, um sich durch ein wertloses, wenn auch prächtig funkelndes Stückchen Glas täuschen zu lassen! Bittere Reue über ihre Kurzsichtigkeit, über die Eitelkeit und Unbeständigkeit ihres Herzens erfüllte sie. Schon in den ersten Tagen nach ihrem Bruche mit Peter hätte sie zu Adolf zurückkehreu und ihr beschämtes Antlitz an feiner treuen Brust bergen mögen, gab es doch weit und breit keinen besseren, zuverlässigeren Menschen; er würde sie ohne jeden Vorwurf wieder aufgenommen haben, das wußte sie. Und sie wäre wieder feine Braut geworden, die er dankbar aus den Händen getragen hätte. Aber damals brannte ihr noch jener heimliche Kuß des Staatsanwalts aus den Lippen, und in unbegreiflicher Verblendung hatte sie sich mit dem Gedanken getragen, daß Teil vielleicht wiederkommen und ernstlich um ihre Hand werben würde. Frau Staatsanwalt! Wie vornehm das geklungen hätte! Mit einem Schlage wäre sie in jene Kreise versetzt gewesen, zu denen arme Mädchen nie-, derer Herkunft doch nur in den seltensten Fällen den Zutritt gewinnen. O, wie töricht war sie gewesen! Herr Tell hatte sich nie wieder um sie gekümmert, und ihr Hoffen und Wähnen war einer gewissen Verbitterung gewichen, die sich aber bald zu einer stolzen Gleichgültigkeit abgeklärt hatte. Die Erinnerung an den Staatsanwalt sollte ihr keine Minute ihres Seins mehr trüben; mit diesem Manne hatte sie abgeschlossen. Sie war eine jener Naturen, die für dauernde Eindrücke nur schwer empfänglich sind; um aber reumütig wieder an Adolfs Brust zu sinken, fehlte ihr vor der Hand noch der Mut, sie bemühte sich nur, ihm wieder, wie früher, sein Junggesellenheim zu machen und durch ihr frisches, munteres Wesen, das nach glücklicher Ueberwindnng der letzten Ereignisse wieder in voller Blüte stand, gelegentlich ein dankbares Lächeln auf seine meist so schwermütig geschlossenen Lippen zu locken. „Du hast heute schon so viel für mich getan", entgegnete Adolf, auf ihren Vorschlag, „daß ich Dich ernstlich bitte; ruhe Dich jetzt ein wenig aus und nehme einen Bissen zu Dir." „Ich habe wirklich noch keinen Hunger." „Doch, doch! Du mußt etwas genießen." Er winkte einem Ablader, der eben einen Polsterstiihl hereingebracht hatte, und raunte ihm einen Auftrag zu, in* dem er ihm ein Geldstück in die Hand drückte. Der Mann nickte und entfernte sich mit wuchtigen Schritten. Adolf trug den Sessel nach dem letzten der ihm überwiesenen Zimmer, ließ dorthin auch eines der inzwischen abgeladenen Tischchen schaffen und lud Sabine ein, sich mit ihm nach diesem nun notdürftig eingerichteten Raum zurückzuziehen. „So!" sagte er, als sie sich auf fein wiederholtes Drängen endlich gesetzt hatten, „nun soll es gleich gemütlich werden. Siehst Du? Da bringt man mir auch einen Stuhl. Heda!" rief er dem Träger des Stuhles zu, „sagen Sie beit oberen Leuten, sie sollen alles in ben beiben ersten Zimmern niederfetzen; das Fräulein hier muß eine halbe Stunde Ruhe haben. Wir ordnen nachher selber die Sachen und schaffen jedes einzelne Stück an seinen Platz. Ah! Da kommt unser Frühstück." Der Bote, den er mit Geld entsandt hatte, brachte auf einem Präsentierbrette kaltes Fleisch, Brot und Butter, da» zu zwei Gläser schäumenden Bieres. Adolf nahm ihm daß Brett ab, stellte es vor Sabine und bat diese, zuzulangen. „Wozu nur diese Umstände, Adolf?" „Du siehst, ich habe keine Uinstände gemacht — ein sehr bescheidenes Frühstück —, aber es soll uns beiden schmecken, zumal es uns das Mittagessen ersetzen muß; es ist schon itt der zweiten Stunde." (Fortsetzung folgt.) o95 Vie älteste hefsifcheNechtrhandschrist vonlWund darin ein Münzenberger Todesurteil vom 19. Oktober 1515. Bon Pfarrer em. HorbachinGieß e n. (Schluß.) Tann hebt der erste Artikel an: Item zum Ersten, wy man eß Tialden sail vnde bißher gehalden hait midt den nockpurn Ebirstaidt vnd Obernhergern. Diese sind die Nachbarn zu Eberstadt und Oberhörgern.34) Ersteres liegt 3/t Stunden, letzteres ,% Stunde von MAnzenberg entfernt. Die dortigen Bewohner hatten dieselben Rechte wie die Bürger von Münzenberg, Sie hießen vßlude — Ausleute, Ausbürger. Ihre Schöffen36) waren Mitglieder des Münzenberger Gerichts. Bon ihnen hieß es: .....vmbe deßwißen, daz se soliche burgerrechfe han, so soln se geyn Mintzenberg vor dy Steinwegerporten36) kommen, dy er Scheffen sin, vnde soln daselbis midt den Scheften zu Mintzenberg helfen wysen,37) wane man eyn vndtedtingen38) mentschen zu dem verdteylen sail,39) das got verhalde.40) Es lohnte sich, diesen ersten Artikel dem Weistum zu entnehmen, da er bei dem nachher folgenden Münzenberger Todesurteil unmittelbar Anwendung findet und dann ohnehin auf ihn hätte zurückgegriffen werden müssen. Nur noch ein Artikel sei dem Münzenberger Weistum entnommen; cs ist der drittletzte und er lautet: Item Auch so fiane alle pristers, burgmans vnde Scheftens husen,41) da se nnewonende sin, fryeheidt,42) wer dar Inne zu yne qweme43) lauffen ader44) fluge45) von schulde wegen, den mögen se ent- halden46) vnd forter eyne myle47) weges vmbe vnde vß Mintzen- berg geleyden,48) vnde sail auch nyinand soliche tryheit brechen von vnßer gnedigen Hern wegen. Es ist hier ein Beispiel für das uralte Ashlrecht, nach welchem sich der Verbrecher (Totschläger) vor der Verfolgung des Gerichts oder der Fehde (Blutrache) seines Gegners durch die Flucht au einen geheiligten Ort fristen konnte. Er war augenblicklich und eine bestimmte Zeitlang gerettet; keiner durfte es wagen, ihn zu verletzten und gewaltsam wegzuführen. Wir finden dieses Afhlrecht bei den Griechen, Römern, Hebräern (bei diesen jedoch nur für nn vorsätzliche Totschläger, die eins der 4 Hörner des Brandopferaltars erfaßten oder in eine der 6 Freistädte flohen) und Germanen. Auch das Christentum erklärte seit dem 4. Jahrhundert Kirchen und Klöster für Freistätten.49) 84) Oberhörgern jetzt das'Dasein eines Ortes Nie der Hörgern voraus. Dieses kommt auch tatsächlich in Arnsburger Urkunden 1301—1541 vor. Es ist im 30jährigen Kriege ausgegangen und lag 20 Minuten südwestlich von Oberhörgern, oberhalb der Hambacher Mühle, auf dem linken Ufer der Wetter. Vgl. Wagner, Die Wüstungen im Großh. Hessen, Prov. Oberhessen, 1854, S. 150. 35) Schöffe (seabinus) kommt vom altfränkischen seapan, althochdeutsch scafau = schaffen, nämlich Recht schaffen, Recht sprechen. Die Schöffen erscheinen zuerst unter Karl d. Gr. zwischen 770 und 775 und waren die Urteilfinder im Ding, bi. t. int Gericht, anfangs unter dem Vorsitz des Gaugrafen, später unter dem des Zentgrafen oder Schultheißen. Sie wurden unter Mitwirkung der Gerichtsgcmeinde vom Gaugrafen, seit dem 11. Jahrhundert vom Grafen oder dessen Stellvertreter aus den angesehe- yereu Freien auf Lebenszeit ernannt und vereidigt. Ihre Zahl be- krug hei jedem Gericht und jeder Gerichtssitzung mindestens drei. 3G) Das alte Gericht, an dem alle freien Männer teilnahmen, wurde, schon weil enge Wohnungen die versammelte Menge picht gefaßt hätten, stets im Freien gehalten unter offenem Himmel, im Walde (Waldwiesen), unter breitschattenden B ä u - Ulen (Gerichtseiche, häufiger Gerichtslinde), in der Nähe eines Wassers (Fluß, Bach, Brücke, Born), auf Bergen und Hügeln (Mahlberge, Mahlstätten; vgl. „Schöffenberg" --- Schisfenberg bei Gießen, „Bergschösfen"), auf dem Kirchhof, vor dem Tor auf der Straße. So hier „vor der Stein- Wegerpforte" zu Münzenberg. Im Mittelalter waren vor den Burg- und Stadttoren Steinstafseln angebracht, um auf ihnen zu Pferde zu steigen oder abzusteigen. Auf solche Stein- Keln pflegte sich aber auch das Gericht niederzulassen. Vgl. nM, Dtsche. Rcchtsalterthümer, 4. Ausg., 1899, II S. 411 bis 438: Gerichtsort. 37) W et) feit = weisen, d. i. wissend machen, und zwar Recht weisen — einem das Recht wissend machen. Recht sprechen. 38) vndtedtinger ist Adjektiv zu unteter — Untaten» Mer, also = Untaten tuend; ein Missetäter, Uebeltäter. 39) zu dem urteilen soll, d. i. ihm ein solches Urteil geben soll, das sich usw. 4°) das sich gut verhält, d. i. ein Urteil, das dem Uebeltäter angemessen ist. 41) Häuser. 42) Freiheit = Recht, Vorrecht, Privilegium. Hier durch den Zusatz, der den Inhalt des Vorrechtes an gibt, — Recht der Freistatt, Aiylrecht. 43)käme. 44) ober. 45) flöhe (von fliehen). 46) bei sich behalten, schützen. 47) Meile. 48) eine Meile Weges int Umkreis von Münzenberg geleiten. 49) Näheres siehe bei Grimm, Dtsche. Rechtsalterthümer, 4. Ansg., 1899, II S. 532—540: Freistätten. Ferner: Weinhold, Dtsche. Fried- und Freistätten, Kieler Progr. 1864. Bei diesen beiden Artikeln aus dem Münzenberger Weistum, das im ganzen 22 solcher Rechtsgewohnheiten aufzeichnet, mag es sein Bewenden haben. Es folgen nun in dem Münzenberger Kodex noch zwei Eiu- kräge: 1. auf Blatt 60 d: Vergleich zwischen der Staat Münzeu- berg und dem Licher Keller Johannes Kongel vom Freitag, beit 13. Mai 1491. 2. auf Blatt 61b: Eich- und Gewichtsordnung der Stadt Münzenberg vom Montag, den 2. September 1510. . Und nunmehr folgt zum Schluß der letzte Eintrag, der, wie eingangs gesagt, den zeitlichen Anlaß zu diesem Aufsätze gab. Es ist das Münzenberger Todesurteil vom Mittwoch, den 19. Oktober 1513. Obwohl es der letzte Eintrag ist, steht es doch auf dem sechstletzten Blatte, nämlich auf Blatt 56 a, unmittelbar nach dem Kleinen Kaiserrecht, das auf Blatt 55 b endigt. Schon oben war darauf hingewiesen worden, daß, nachdem die wenigen (6) letzten Blätter mit den Einträgen von 1427, 1491, 1509 und 1510 beschrieben waren, die Vorderseite des fechstletzten Blattes, eben 56 a, die einzige noch freie Seite war. So kam es, daß diese erst zuletzt benutzt würde. Das vor der Steinwegerpforte zu Münzenberg gehegte Gericht bestand aus dem damals regierenden gynerbschaftlichen Baumeister als Vorsitzendem sowie aus dem Zentgrafen von Münzenberg und den beiden Schultheißen von Oberhörgern und Eberstadt als den drei Beisitzern. Darüber ist bereits oben das Nähere gesagt. Was der zum Tode Verurteilte verbrochen hatte, ist aus dem Protokoll nicht zu ersehen. Wahrscheinlich aber war er ein rückfälliger Dieb. Wenigstens stand im ganzen Mittelalter bei allen germanischen Völkern gerade auf Diebstahl im Rückfälle die Strafe des Erhängens. Das Hängen war allgemein die eigentliche Tiebesstrafe. Bei Frauen trat an die Stelle des Galgens der Tod durch Ertränken. Noch in Kaifer Karls V. Peinlicher Gerichtsordnung (der Carolina) von 1532, Artikel 162, ist dies aufrechtertzalten: „Item wird aber jemandts Betretten, der zum dritten mal gestolen hat das ist eyn merer verleumb- ter dieb vnd soll darumb, nemlich der mann mit dem sträng, vnnd die fraw mit dem wasser vom leben zum todt gestrafft werden." Ja, nach Artikel 159 war diese Todesstrafe auch schon auf den erstmaligen und selbst kleinen Diebstahl gesetzt, sobald'der Dieb bei Tag oder Nacht eingebrochen ober eingestiegen war oder Waffen bei sich geführt hatte, „solchs sei der erst oder mer diebstall, auch der diebstall groß ober klehn Darumb inn disem fall der mann mit dem sträng, vnnd das weib mit dem Wasser gestrafft werden soll." Der Galgen,, an dein das Todesurteil vor 400 Jahren vollstreckt Wurde, steht noch heute. Ein geradliniger Weg führt von Münzenberg westsüdwestlich in V