9223» ML - < W II Firnenrsulch. Ronian von Paul Grabein. 'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Als Gottliebe eine Stunde später, in ihre Lodenpeleriue gehüllt, hinaus in den zwar dünnen, aber immer noch im? aufhaltsam rieselnden Regen trat, war es beschlossene Sache: Sie wollte morgen mit der Post hinauf nach der Ferdinands- Höhe und dann hinüber ins Bündnerland. Das Unternehmen lockte sie bereits aufs lebhafteste. Sonnenschein drüben und die Aussicht auf genußreiche Touren durch das grüne, eisbediademte, alte Rhätierland — das hatte ihr mit einemmal ivieder frischen Mut gemacht. Vorbei war das langweilige Sitzen rind Warten hier, das sie nun schon genug gekostet hatte. Nun wollte sie nur noch einen Weg hier tun, eine altgewohnte Pflicht der Pietät erfüllen, dann war hier nichts mehr für sie zu schaffen. Ueber den Wiesenhang, der sich von der Straße zum Trafoibach hinstreckt, schritt Gottliebe den schmalen, heute völlig aufgeweichten Pfad hin. Sie hätte die bequemere Chaussee benutzen können; aber sie hatte mit Absicht diesen Seitenweg gewählt. Sie wollte möglichst unbeobachtet auf diesen! Gange sein. Niemand brauchte zu wissen, wohin sie ihre Schritte lenkte, und was sie da unterm Cape trug. Mit leisem Rauscheu raschelten die Blätter des Lorbeers und die Tannenzweige, die zum Kranz gewunden! ihre Linke trug, gegen ihr Kleid. Ihr Ziel war der kleine Gottesacker da drüben neben der Kirche, die Ruhestätte des Spängler-Toni. Alljährlich, wenn sie hier war, pflegte Gottliebe zu diesem Grabe zu gehen und den Kranz darauf niederzulegen, den sie sich aus Bozen mit der Post schicken liest. Auch heute erfüllte sie diese gewohnte, sich selbst auserlegte Pflicht. Nun stand sie an dem schmucklosen, efeuumsponnenen Hügel, der schlicht und einfach dalag wie all die andern ringsum. Nur ein hübscher Denkstein aus weißem Marmor am Kopfende zeichnete das Grab vor den übrigen aus, die nur ein einfaches Holzkreuz hatten; auch diesen Schmuck verdankte es Gottliebe. Mit ernstem Sinnen ruhte Gottliebes Auge auf dem Hügel, nachdem sie den K^anz dort niedergelegt hatte. Nun acht Jahre schon, daß der stille Schläfer dort drunten lag. Acht Jahre — eine lauge Spanne Zeit! Und im Geist flogen diese Jahre mit all ihrer Luft und ihrem Leid noch einmal vorüber. / Das Leid, wenigstens der Ernst, lvog dock Wohl vor darin. Das hatte gleich eingesetzt mit harten Kämpfen, damals nach dem Unglück mit dein Toni. Heimgekehrt, hatte Gottliebe ihr Versprechen an seinem Totenbett eingelöst und sich ihr kleines Vermögen von der Dante eingefordert, um des Toni Familie damit zu unterstützen. Das hatte aber bei der Frau Major Morell, die schon durch die Abweisung Bessows, ihres Proteges, aufs tiefste verletzt war, das letzte getan. So hatte sie denn schließlich wohl Gottliebe ihr mütterliches Erbteil herausgegeben, aber darüber war es zuut offenen Bruch mit der Nichte gekommen, und diese hatte ihr Haus verlassen, um fortab auf eigenen Füßen zu stehen. Gottliebe hatte ihr kleines Kapital damals geteilt. Die Hälfte hatte sie Tonis Mutter gegeben, die sich damit ein Logierhäuschen für Sommergäste drüben in Sulden erbaut hatte. Die andere Hälfte reichte etwa gerade hin, um Gott- liebe bis zur Ausführung ihrer Pläne mit sich selbst zu erhalten, die sie nun mit ernster Energie ins Auge gefaßt hatte. Zunächst war dies Ziel das Lehrerinnenexamen. Nach drei Jahren voll ehrlicher Arbeit war es erreicht, aber nach wenigen Monaten des Probeunterrichts fühlte sich Gottliebe bereits völlig unbefriedigt. Seitdem sie damals die Berge in ihren Bann gezogen, die in ihr so lange schlummernde Lust au ihrer Jugendktaft geiveckt und hell entfacht hatten, ließ es sie nicht mehr kos. Jahr für Jahr zog es sie wieder hinauf in das Reich der freien Höhen, und der Gedanke erstickte sie fast, nun ihr Leben lang dazu verurteilt zu sein, in stickiger Schulstubenluft ihren noch jungen Leib verwelken, ihre elastische Kraft ungeübt verkümmern zu lassen. Gottliebe hatte den Lehrerinnenberuf ja eben nur ergriffen, weil es das nächstliegende für em1 Mädchen ihres Standes war, weil alle ihre Bekannten in gleicher Lage es ebenso gemacht hatten, nicht aber aus innerem Drange. Nun, luo sie den neuen Beruf aber wirklich kennen gelernt hatte, zeigte er sich ihr erst im rechten Lichte — unerträglich für sie, wie sie nun einmal wär. Aber was nun? Da war ihr schließlich ein Ausweg gekommen. War es nicht mindestens ebenso verdienstlich, sich statt der Pflege des Geistes die Kultur des Körpers der Heranwachsenden Jugend angelegen sein zu lassen? Nur im gesunden Leibe kann eine gesunde Seele wohnen — eine alte Wahrheit! Und hatte unsere hastende Zeit mit ihrer nervenzerrüttendeu, geistigen Ueberanspannung nicht am allerersten ein Geschlecht mit stählernem Leibe nötig? Auch ein Frauengeschlecht, das dereinst gesunde Kinder gebar, geschaffen für den unbarmherzigen Daseinskampf im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität? Der Gedanke hatte Gottliebe immer mehr gefaßt, sie nicht mehr losgelassen, und endlich hatte sie ihm nachgegeben. Sie hatte die vorgefchriebenen Kurse genommen, sich auch als Turnlehrerin noch ausgebildet, und nachdem sie ihr Examen auch für dies Fach noch gemacht, war sie auf ein Jahr nach Schweden gegangen, um dort an der Quelle moderner Gymnastik zu studieren. Daun ivieder heimgekehrt, wären ihre Mittel allerdings fast ganz erschöpft; aber das Erlernte war ja nun ein Kapi- 482 tal, von dein sie bald zu leben wußte. Der freie Hauch des Lebens droben in dem skandinavischen Reich hatte den Rest altcrerbter deutscher Vorurteile bei Gottliebe abgestreift. Sie scheute nun nicht davor zurück, aus ihrem gründlichen Können sich einen Beruf und- Erwerb zu machen, wie niuje» wohnlich er auch in ihrer Heimat war. Sie eröffnete in Berlin gymnastische Kurse für junge Mädchen, die darauf abzielten, ihren Schülerinnen eine heilsame körperliche Ausbildung uni) Gewandtheit zu geben. Der Erfolg war überraschend groß, gerade, weil cs lief) um etwas Neues handelte, und so warfen denn jetzt diese Kurse, zu denen sich die Töchter wohlhabender und vornehmer Familien drängten, — war doch die Lehrerin auch eine völlige Lady, selbst Angehörige dieser Kreise — Gott- liebe so reiche Einnahmen ab, daß sie aller Sorgen um die Zukunft enthoben war. Soweit hatte sich ihr Los also nun freilich günstig gestaltet; aber dennoch fehlte ihrem Leben die wahre Befriedigung. Sie fühlte ihr Dasein trotz aller Arbeit und Berufserfolge nicht voll ausgefüllt, sie Ivar trotz eines regen, gesellschaftlichen Verkehrs in den angenehmsten Kreisen innerlich einsam. Auch heute fühlte das Gottliebe wieder, wie sie so ernst sinnend an dem Grabhügel im leise herniederrieselndeni Regen stand. Einsam — ja, nur zu einsam! Mit einem unbewußten, dunkel sehnenden Seufzer gestand sie cs sich. Aber wonach stand ihr geheimes Verlangen? Sie blieb sich selber die Antwort auf diese so oft auf- tauchende Frage schuldig; oder wenn sie kommen wollte, drängte sie sie'schnell wieder zurück — unwillig, oder gar wohl mit einer geheimen Furcht, denn sic wollte diese Antwort nicht hören. Was da ans den Tiefen ihres Gefühls in dunklem, instinktivem Drange anfsteigen wollte, ihr klarer, geschulter Verstand, ihr stark entwickelter Wille litten es nicht, bestritten ihm die Berechtigung zum Dasein. Oder sollte sie, die an der Hand großdenkender, stark- geistiger Männer und Frauen das Leben sehen gelernt hatte, die die mystisch lockenden Rätsel der Natur all ihres verhängnisvollen Nimbus entkleidet in brutaler Nüchternheit vor sich liegen sah, sollte sie den törichten Taumeltanz der Eintagsfliege mitmachen, dem raffiniertesten Trick der Natur auch ihrerseits verfallen und die uralte Tragikomödie der Liebe auch an ihrem Teil mitspielen? Was da die große, schlaue Kupplerin, den blindver- trauenden Menscheniindern vorgankclte von höchstem Glück durch die dauernde Vereinigung zweier Individuen, es war ja der dreisteste Betrug, den man sich denken konnte! Was lag der dunklen, gigantischen Macht, die das Weltall lenkt, an dem Wohlergehen des winzigen Atömchens, das sich Mensch nennt? Gottliebe sah das große, kalt-grausame Lächeln hinter der Maske, die so mütterlich-freundlich gn- lockte. Ja freilich, die große Mutter war jene Macht, aber was ihr am Herzen lag, das war lediglich die Erhalrungl der Gattung, nicht die des Individuums. Mit tausend bewundernswert sinnreichen Kniffen lockt die Natur alles, was da atmet im rosigen Lichte und sich in dunkelsten Meerestiefen birgt, zur Vereinigung; aber nur zum Zweck der Fortpflanzung, eben zur Erhaltung der Gattung. Die junge Brut, der Sicherheit halber oft mit einer unglaublichen Verschwendung ins Leben gerufen, wird umhegt und geschützt lvie der kostbarste Schatz des Weltalls. Aber was liegt an den Eltern, wenn sie ihren Zweck erfüllt, der nächsten Generation das Bestehen gesichert haben? Am besten hinweg mit ihnen, sie sind überflüssig, nur nutzlose Mitesser, die dem kommenden Geschlecht nur Licht und Luft wegnehmen. Das klassische Beispiel eben der Eintagsfliege, die am Ende der Brautnacht tot zu Boden taumelt. Nicht anders auch der Mensch! Wenn er der Natur den Gefallen getan, wenn die Vereinigung mit dem so heiß begehrten andern vollzogen war, dann kommt das schnelle Absterben auch bei ihm. Zwar nicht körperlich — obwohl der unbarmherzige Existenzkampf, die Sorge für die Familie ja so manchen Mann, das Gebären und Groß?-- zieheu der Kinder so manche Frau auch leiblich zugrunde richtet —, aber auf alle Fälle seelisch. Der holde Wahn zerreißt alsbald, sobald die beiden Betörten ciuseheu, für welchen plumpen Zweck sie sich haben einfangen lassen.. Vereint nicht als Freie, zum Genießen höchsten, verfeinerten Seelenglücks, sondern als Tributpflichtige, als Sklaven Hgrter Wtagsfron und eines niederen WMPL'chi Triebes, der mit brutaler Breitspurigkeit im Mittelpunkt des gesamten Schöpfungswerkes steht. Nun selber dieser unwürdigen Sklaverei verfallen? Wie all die Dutzendmenschen ringsumher? Nein! Alles bäumte sich in zitternder Empörung bei Gottliebe auf: Nimmermehr — lieber allein und frei! Diesem Entschluß getreu, war Gottliebe all die Jahre hindurch einsam ihren Weg gegangen, und ein wissender Skeptizismus, eine Geringschätzung des Mannes hatte ihr dies Alleinbleiben erleichtert. Der Keim dazu hatte schon immer in ihrem Wesen, gelegen, und der tragische Zwischenfall hier mit dem armen Toni hatte ihn sich ganz entfalten lassen. Seit jenem Schrcckenstage, wo sich ihr Bessows Charakter in seiner! kalten, brutalen Art enthüllt hatte, hatte sich eine leise Verachtung alles dessen, was Manu heißt, in ihr festgesetzt, und da sie fortab das andere Geschlecht nur mit spöttisch kritischen Augen, mit festgewurzeltem Vorurteil betrachtete, entdeckte sie auch meist nur Schattenseiten an ihm, seelisch wie körperlich. Allein schon das Acnßcre war meist hinreichend für sie, um zu einem absprechenden Urteil zu kommen. Was war das für ein entartetes, verweichlichtes Geschlecht, das den Ehrentitel eines „Herrn der Schöpfung" für sich so an- maßlich in Anspruch nahm! Namentlich bei uns daheim im lieben Vatcrlande. Zumeist recht rundlich und wohlgenährt, aber ohne markige Kraft; dazu von einer entsetzlich nüchternen Auffassung der Dinge und einer inneren Leere, die sich aber als lächelnde Ueb.erlegeuheit aufspielte und für befugt hielt, alles, was verfeinertes geistiges Leben heißt, als Kinderei kurzerhand abzutun. Wohl gestand Gottliebe Ausnahmen von diesem Turch- schnittsbilde zu, aber da entdeckte sie wieder bei manchen blendenden Seiten Minderwertigkeiten des Charakters, die ihr den Betreffenden fast noch unsympathischer machten als jenen Dutzcndmann, der doch schließlich im Grunde wenigstens ein anständiger Kerl war. Diese Geringschätzung des andern Geschlechts steigerte sich noch, je mehr Gottliebe ihre Energie und körperliche Leistungsfähigkeit im Beruf und Sport ausbildete. Sie, die ohne männlichen Beistand auf kühnen Bergtouren vollführte, was Tausende von Männern nicht fertig brari)teu, sie sollte sich jenen nicht überlegen fühlen? Tics Empfinden, das ihr den Mann nichts weniger als ei» Ideal, in keiner' Weise begehrenswert erscheinen ließ, hatte Gottliebe den Verzicht auf eine Ehe also leicht gemacht. Slber dennoch dies llnausgcfülltscin im ticfstcn .Innern! lind wenn sic sich ehrlich Prüfte, bis in die Tiefe ihrer Seele, so kam dies dunkle Sehnen eben doch aus jenem Punkte: die Weibesnatur in ihr ließ sich doch nicht mit allem klügelnden Verstände ausmerzen — der uncin- gestandene Wunsch nach Anlehnung an einen Stärkeren und Größeren, das Verlangen nach Betätigung schlummernder Mutterliebe klang als ein leiser, wehmutsvoller Unterton in ihr sonst so starkes und gesundes Empfinden hinein. Was half es ihr, wenn sie es auch vor sich selbst ab- leugnen wollte? Vogelstranßendummheit! Nein, — lieber offen und ehrlich zugegeben: Es ist so, leider — aber ich will und werde mir das nicht über den Kopf wachsen lassen! In der Unvollkommenheit der menschlichen Natur ist dieser Zwiespalt zwischen dumpfen Trieben und klarem, vernnnftgemäßem Wollen eben einmal unausrottbar; nur dafür sorgen, daß der Wille der Stärkere bleibt! Und die Lebcnskunst erfordert es, trotz jenes Konflikts, trotz ungestillter Wünsche, sich die Freiheit der Seele zu bewahren. Das sagte sich Gottliebe auch jetzt wieder, und mit einer kraftvollen Bewegung schüttelte sie die Gedanken ab, die ihr hier an dem stillen tzügcl angeflogen waren. (Fortsetzung felgt.) Die Gießener Solöatenlköer. Von Dr. Phil. Beyer (Frankfurt a. M.). Ein altes, wertvolles Besitztum unseres Regiments, von allen gekannt, von wenigen recht gewürdigt, sind seine Soldatenlieder. Man hört sie aus den Stuben der Kasernen heraus, vom fonn- täglichen Biertische her, einzeln vorgetragen und noch lieber gemeinsam, am häusigsten und liebsten hört man sie wohl, wenn die Soldgtcn iinaegd durch Stadt upd Land marschieren^ 483 Was null im einzelnen gesungen wird, davon geben die ossi- ziellcn Soldatenliederbücher nur eine sehr schwache Vorstellung. So kennt das Gießener Soldatenliederbuch von 31 häufig gesungenen Marschliedern, int Jahre 1907 von mir in der 5. Kompagnie ausgezeichnet, nur 15, also noch nicht die Hälfte. Ta lene Lieder zugleich das jüngere Marschliederrepertoire des ganzen Regiments annähernd richtig widerspiegeln, so seien wenigstens deren Anfänge hier mitgeteilt: Ach Schönste, Allerschönste . . . Auf, auf zum Kamps . . . Mus dieser Welt hab ich kein' Freud... Drei Lilien... Trumen int Unterland ... Es war mal eine Müllerin ... Es welken alle Blätter ... Es wohnt ein Müller ... Es wollt ein Mädchen in der Früh aufstehn ... Es wollt ein Mädchen wohl auf ein Schiff . . . Es wollte sich einschlcichen . . . Freund, wie hat es dir gefallen . . . Gestern abend in der stillen Ruh .’. . Gold und Silber lieb ich sehr . . . Heut zum letzten Mal, ihr Brüder . . . Ich halt ein’ Kameraden ... Ich halt einmal ein Mädchen . . . Ich kann nicht sitzen, ich kann nicht stehn. . . Ist alles dunkel, ist alles trübe . . . Köln am Rhein. . . Mein Regiment, mein Heimatland . . . Mein schönster Schatz erlaube mir . . . Morgen marschieren wir . . . Musketier scin’s lust’gc Brüder . . . O Straßburg . . . Schatz, mein Schatz, reis' nicht so weit . . . Setzt zusammen die Gewehre . . . Soldaten sein schön . . . Steh ich in finstrer Mitternacht. . . Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren . . . Wie ein stolzer Adler . . . Zu dieser ganz stattlichen Anzahl treten noch einige nur von wenigen gekannte Lieder hinzu, ferner die getrageiteren, für den Marsch ^ungeeigneten Weisen, darunter besonders die Reserve- lrcder. Im gaikzen kamt man sagen, verfügt unser Turchschnitts- musketier über ein Soldatcnliedrepertoire von ca. 40 Liedern Mm Teil recht erheblichen Umfangs. Woher stammen nun diese Lieder? Ten Musketier würde man vergebens danach fragen. Es kümmert ihn nicht, daß „Steh ich in finstrer Mitternacht" von Hauff, oder „Ich hatt' einen Kame- radeii" von Uhlaud gedichtet ist, auch interessiert ihn wenig zu wissen, daß „Es war einmal eine Müllerin" und „Es welken alle Blätter" die letzten Reste von Liedern aus dem 15. Jahrhundert vorstellen, oder daß schon ein Gelehrter der Zeit Luthers und Hans Sachsens, Fischart, sich über die Unsittlichkeit des Habcrsaekliedes ebenso tief entrüstete, wie heute noch manche Vorgesetzten, die das Anstimmen dieses Liedes kurzerhand verbieten. Sicher ist, daß die meiften der angeführten Lieder älter sind als unser und überhaupt eins der heute bestehenden Regimenter. Damit, hängt zusammen, daß so viele von ihnen ursprünglich gar keine Soldatenlieder waren. Sie waren Volkslieder; finden wir sie doch als allgemein bekannt in früheren Jahrhunderten bezeugt und hatten sie doch — das ist das Ausschlaggebende — mit dem Kriegerstand gar nichts zu tun. In vielen spielt der Soldat noch heute keine Rolle, sondern statt seiner: der Edelmann, der Müller, der Matrose und ganz besonders der Jäger. In einigen hat er sich neuerdings erst eingeschlichen, durch sogenannte Soldatenstropheit, in wieder anderen ist die alte Hand- lmig so zerstört, daß die einstige Hauptperson nicht mehr deutlich hervortritt. Wer, bemerkt es heute noch, daß in „Es welken alle Blätter" der einstige Liebhaber der Nonne ein treuloser Ritter oder Gras war, wer fühlt es heute noch bei „Köln am Rhein, ein schönes Städtchen", daß dies Lied zuerst von Hand- werksburschen um 1750 bei Gehen auf die Wanderschaft ge- fungen wurde? Noch eigentümlicher ist die Herkunft des vielgesungenen Trci-Lilienliedes. Es stammt dieses aus einer fragmentarisch schon 1531 bezeugten Jägerballade mit dem Anfang: Es blies ein Jäger wohl in sein Horn Und alles was er blies, das war verlor'u. Dieser Jäger fängt statt des Wildes im Wald ein Mädchen ein und will es ermorden. Des Mädchens letzte Worte lauten: Sterbe ich noch heute, so bin ich tot, Begräbt man mich unter die Röslein rot. Dann endet die Erzählung,: Es wuchsen drei Lilien aus ihrem Grabj Es kam ein Reiter und brach sie ab. Ach Reiter, laß die Lilien stau, Es soll sic ein jungfrischer Jäger hau. Dieses Endstück wurde abgeschititteu und ein neues Lied daraus geformt, wahrscheinlich von Studenten um 1830 herum; und cer Höhepunkt des Unsinns — oder des Tiefsinns — wurde erreicht, als noch eine vierte Strophe hinzukam: Ums Morgenrot, ums Morgenrot, will ich begraben fein, Denn da ruht ja mein Feinsliebchen so ganz allein. Noch eigentümlicher scheint es mit der Herkunft eines andern, den Volksliedsammlern bisher entgangenen Liedes bestellt, das von der Verführung des Mädchens durch einen Matrosen berichtet. Dieser Matrose ist sicher jungen Datums, er scheint mir jedoch einen direkten Vorläufer in einem Landsknecht des 17. Jahrhunderts gehabt zu haben. Ich stelle beide Lieder ueben- eiiiander: Es wollte ein Mädchen wohl ans ein Schiff, Ein junger Matrose zu ihr spricht: Ei wohin denn, du wunderschönes Mägdelein, Laß mich diese Nacht dein Beischläfer fein, Denn ich schlaf so ganz alleine. ' Pme Beischläsrin lein, das kamt ich nicht, , Meine Mutter dte hat mich ausgeschickt; Meine, Mutter die hat mich ausgeschickt. Hat mir einen Taler in die Hand gedrückt Für so ein jungen Matrosen. Gr nahm das Mädchen wohl bei der Hand Und führte sic ,abseits zum Mecresstrand. Und da lagen sie fröhlich beisammen, . Bis daß der helle lichte Tag anbrach, Und dann gingen sie wieder von bannen. Und als der helle Tag anbrach, Ta sing das,Mädchen zu weinen an: Et,wo hab ich denn meine Unschuld gelassen. Bet so einem schönen jungen Schisssmatros Und der wird mich doch ganz sicher nicht verlassen. Es ging ein braun Mägdlein über den Steg, Begegnet ihr ein braver Landsknecht: Gott grüß euch, Jungfrau reine! Wollt ihr des Nachts mein Schlafbuhl fein, So ziehet mit mir Heime. Ich mag nicht reiten, ich mag nicht gehn. Ich muß zu morgen früh anfstehn, So , manchen Reichstaler zu lösen; Mein Mütterlein hat mich ausgesaudt Zum Qhtt’n und nicht zum Bösen. Er nahm das Mägdlein bei der Hand, Führts in ein Korn und das war lang, Sie beide lagen beisammen. Bis daß der Helle Tag anbrach, Der Bauer kam gegangen. Das Mädchen war voll grimmigen Zorn, Sie wars ihr Kränzlein in das Korn: Hier hab ich meine Ehr gelassen. Bei einem braven Soldaten gut, Er wird mich nicht verlassen. Das alte Lied steht in einer Sammlung mit dem schöne» Titel „Tugendhafter Jungfrauen und Jnnggesellen Zeit-Vertreiber", gedruckt um 1690. Von dem neuen Lied sind mir noch drei Zitsatzstrophen bekannt, die dem alten Lied fremd waren und mitteilen, daß das Mädchen von dem Matrosen verlassen und daheim von der Mutter ausgescholten wird. Wie gelangen nun solche Lieder in das Regiment? Die Regel wird feilt, daß die Heimat der meisten Soldaten, also unser Hefsenland, aus seinem reichen Volksliederbestand geeig- iictc Lieder abgegeben hat: damit hängt zusammen, daß fie den meisten Rekruten Beim Eintritt ins Regiment längst bekannt sind. Aber auch merkwürdigere Arten von SiebüBertragungen sind zu beobachten. So brachten im Herbst 1910 Musketiers bie gelegentlich der Anwesenheit des Zaren nach Friedberg kpiN- mandiert waren, ein neues, landfremdes Sieb in die Garnison zurück, das sie durch Mainzer Kameraden während des, Friedberger Zusammenseins kennen gelernt hatten und Pas sich bald durch das ganze Regiment verbreitete: Ans dem Berg so hoch da droben Da steht ein Schloß, :|: lind wir fingen Abschiedslieder, Steigt das Schifflciii auf und nieder. Steigt das Schifflein in die Höh', Wenn wir scheiden von dem Bodensee. Steigt der Weidniann früh am Morgen :|: Bergauf, bergab; :|: / Hat er eine Gcms geschossen, Hat er sie zu Tod getroffen, Jubelt er vor Freud: Juchhe! Denn er traf fie an dem Bodensee, Freunde, wenn wir scheiden müssen. So denkt an mich. :|: ' - Wollt ihr mir noch etwas schenken. Schenkt mir euer Angedenken, Tief im Herzen tut mir’s weh, Denn ich scheide von dem Bodensee. Einige Leute in den Kompagnien scheiden statt „vom Bodensee" lieber „auS der Heilsarmee"; aber das braucht uns in der Herkunft des Liedes nicht irre zu führen; das m. W. nirgendwo ausgezeichnete Sieb, von bent zuweilen noch eine 4. Strophe gesungen wirb, ist sicher süddeutschen Ursprungs; es ist eins jener Alm- oder Sennerlieder, wie fie in süddeutschen Garnisonen bis Frankfurt und Mainz hinauf beliebt sind. Wie in diesem Fall wird auch sonst der Liederschatz des Regiments fast in jedem Jahr bereichert, dafür allerdings auch manches alte Gut fortgeworfen. Das Sieb „Gestern Abenb in ber stillen Ruh" hört man kaum noch gefangen, ebensowenig das stimmungsvolle „Es wollte sich einschleichen ein kühles Siiftelein"; an ihre toteUc sind getreten: „O Deutschland hoch in Ehren" und „Wir lässigen 116er fein allzeit zusammen". Dies letzte Sieb ist im übrigen nicht mehr jung. Kühne Leute behaupten,, es sei schon 484 int 30jährigen Krieg das Leiblted der Pappenheimer gewesen. Nachweislich witrde es zuerst 1815 von bayerischen Regimentern, später auch sonstwo (Wir lust'gcn Braunschweiger; Wir lust'gett Artilleristen; Wir lust'gcn 83er) gesungen und ist so schließlich auch in unser Regiment geraten. Ein anderes Soldatenlied scheint dagegen einheimisches, hessisches Gewächs zu sein. Es hat den Anfang: Freund, wie hat es dir gefallen Bei der hessischenInfanterie? :|: Doch die schneidigste von allen Ist die achte Kompagnie. Natürlich braucht es nicht immer „die achte", zu sein; die schneidigste ist vielmehr immer diejenige, der die betreffenden Sänger gerade attgehörcn. Damit werden schon einige „echte" Soldatenlieder genannt. Auch die übrigen gehören einer jüngeren Zeit an; alle entstammen dem 19., frühestens dem 18. Jahrhundert. Eine nicht üble Gesamtcharakteristik des Soldaten steckt in dem Liedanfang: Musketier sein's lnst'ge Brüder, Haben frohen Mut, Singen immer lnst'ge Lieder, Sein den Mädchen gut. Auch hier brauchen's nicht immer „Musketiere" zu sein. In andern Regimentern sind's entweder Füsiliere oder Pioniere oder Grenadiere — je nach Bedarf. Solche Veränderungen gehen aber zuweilen noch weiter. Welcher 116er stintmt 'nicht gern ein in das Setzt zusammen die Gewehre, Fort mit des Tornisters Schwere, t Helm ab, hier ist Rendevous; Laßt uns eins gemütlich singen, Bald wird das Signal erklingen/ Und vorbei ist's mit der Ruh. Die Kavalleristen machen die Sache natürlicherweise etwas iebeMreue. (Schluß folgt.) anders. Sie singen: Abgesessen von den Pferden, Leget ab Gepäck und Schwerter, Tenn es ist jetzt Rendezvous; Laßt uns eins gemütlich singen» Bald wird die Trompete klingen/ Und vorbei ist's mit der Ruh. Auffallend, wie wenig im Soldatcmied vom „bösen Feind" die Rede ist. Zwar heißt es einmal: Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen, Sterben als ein Held. Und ein ander Mal: Pulver und Blei, die muß man haben. Wenn man Franzosen schießen will. Aber dann folgt sogleich die Hauptsache: Schöne junge Mädercher, die muß man lieben. Wenn man sie einstens heiraten will. Das ist es: Tapfer ist der Soldat; aber sein Mädchen liebt et vorläufig mehr als den Krieg. Das, ist auch der tiefere Grund, weshalb man von beit Kriegsliedern 1870 nichts mehr zu hören bekommt; sie waren eben doch nur Gelegenheitslieder und verschwanden deshalb bald nach dem Ereignis. Eine schwache Erinnerung an die Schleswig-Holsteinischen Kriege 1849—64 lebt noch nach in 7,Schatz, mein Schatz, reis' nicht so weit von mir"; das Mädchen sagt von seinem Liebhaber: Er ist in Schleswig, er ist in Holstein, Er ist Soldat und bleibt Soldat. Aber auch hier ist die Stimmung des ganzen Liedes nicht kriegerisch/ sein Thema ist — und das verschafft ihm seine Beliebtheit — allgemein menschlich, es redet von Trennungsschmerz und Vermischtes. — Heber Platt- und Knickfüße. Nach einem Bericht hon Dr, P eltesvhn-Berlin in der neuesten Nummer der /Medizinischen Klinik" kommen Abweichungen der Fußstellung und der Fußform selbst bei sonst gesunden, jugendlichen Menschen auffallend häufig vor. Dr. L 0 0 s e r konnte bei 250 schweizerischen Rekruten, die zum Train und zur Fußartillerie gehörten, in 'M PrvMt der Fälle einen platten Sohlenabdruck Nachweisen. Tie Frage, wann eigentlich diese Anomalien der Fußstellung beginnen, ist nach stafistischen Erhebungen dahin zu beantwortett, daß sich dieselben in einem erheblichen Prozentsatz bereits int Kindesalter nachweisen lassen. Bei einer Untersuchung von über 600 zwölfjährigen Kindern sand !Dr. Ewald, daß 3/s aller 'Kinder mit ein- «oder beiderseitigen Knickfüßen und über Vs mit einem regelrechten Plattfuß behaftet waren. Die Ansicht, daß der Plattfuß erst im Jünglingsalter entsteht, und daß die jüdische Rasse mehr dckvvn befallen ist, wie die germanische, ist unrichtig. Bemerkenswert ist, daß bei Kindern bis zum 14. Jahre trotz hochgradiger Plattfitßstellung niemals Schmerzen auftreten. Der Umstand/ daß Plattfüße erst bei jungen Leuten gewöhnlich festgestellt werden, beruht eben darauf, daß erst zu dieser Zeit der PlattsW schmerzhaft wird. Die Ansicht, daß der Plattfuß schon int Kindesalter entsteht und erst später durch Schmerzhaftigkeit und- Funktionsuntüchtigkeit in die Erscheinung tritt, wird auch durch stati- sfische Untersuchungen der Doktoren Henneberg und Kirsch an Volksschülern bewiesen. Diese ergaben nämlich, daß ein hoher Prozentsatz der Kinder ein abgeflachtes Fußgewölbe hatte und daß die Prozenizahl von den Unter- zu den Oberklassen anstieg. Von den aus der Schule abgehenden Knaben hatte ein volles Viertel Plattfüße. Was die wirksame Bekämpfung des Plattfußes' anlangt, der bei jährlich 10 000 Deutschen die Wehrfähigkeit und bei einer noch größeren Zahl die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt, so sind alle Autoren darüber einig, daß schon bei den kleinen Kindern das Fußgewölbe durch zweckmäßiges Schuhwerk oder durch nach Abdruck hergestellte Einlegesohlen gestützt werden muß. * Bulgarische K l a p p e r t> r e t t e r. Ein primitives altes Instrument, das Klapperbrett — im Braunschweigischen gab inan ihm den volkstümlichen Namen Hillebille — spielt in einigen Klöstern Bulgariens noch eine Rolle. So sanö der deutsche Forscher Kaßner z. B. in dem hochherühmten, uralten Rilakloster mehrere derartige Verständigungsmittel vor. Es handelt sich um 4—5 Zentimeter dicke, an bestimmten Stellen durchlöcherte Bretter, denen man mit Hilfe eines Klöppels recht weithin vernehmbare Stimmen entlocken kann. Das umfangreichste war 40 Zentimeter hoch und 3 Meter breit und hing an drei Stricken in einem Säulenvorbau des inäch- tigen Klosterturms. Es heißt, daß einst in den Zeiten der Türken- herrschall den Christen der Gebrauch der Glocken verwehrt gewesen sei, und daß man aus diesem Grunde die Bretter hätte benutzen müssen. Jedenfalls sollte ihr Gebrauch die Einführung der Glocken überdauern, so daß noch in unseren Tagen das Klapperbrett den frommen Bruder zum Gebet oder den Klosterarbeiter zur Heimkehr zu rufen vermag. Genannt werden die Schallbretter von den Bulgaren Klepälo. Man will diese Bezeichnung in Zusammenhang bringen mit dem deutschen Worte „Klöppel" und dem Namen „Klops", den ein in Steiermark und llngarn gebräuchliches Gerät führt. Was diese Vermutung stützen könnte, wäre vielleicht die für uns recht interessante Tatsache, daß im Mittelalter deutsche Berg- . leute aus der mittleren Balkanhatbinsel gearbeitet haben, und daß aus dieser Zeit her noch mancher gute deutsche Ausdruck dort fortlebt, zumal in der Bergmannssprache. Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachverein;. ' Zisfer und Zahl. In weiten Kreisen herrscht heute gar kein Verständnis mehr für den scharfen Unterschied, bet zwischen den beiden Wörtern „Ziffer" und „Zahl" besteht. So liest man: „Der Voranschlag zeigt in den Hauptzifsern gegenüber dem Vorjahre folgende Erhöhungen; die Verlustzistern waren außerordentlich; der Gewinn erreichte fast die Zister 100 000; t ie Geburtenziffer nimmt dauernd ab." Ziffern sind aber nicht Zahlen, sondern Zahlzeichen. Mit Hille der Ziffern schreibt man die Zahlen; diese können sehr groß sein, auch wenn sie mit ganz kleinen Ziffern geschrieben sind. Wenn nun der „ Statistiker" von der „Bevölkerungsziffer" redet, so hat er dabei allerdings die Ziffer, das Zahlzeichen im Äuge, das er hinschreibt; sind doch Ziffern fein Hnupthand- iverkszeug. 'Uber er redete trotzdem besser von der Bevötkerungs- zahl, denn, wenn schon das Wort „Ziffer" den Begriff Zahlen- verhältnis zmveileit annimntt, sollte man doch besser „Ziffer" und „Zahl" scharf unterscheiden: wie der Buchstabe den Laut nur bezeichnet, selbst aber doch keiir Laut ist, so „bezeichnet" eben auch die Ziffer nur die Zahl, stellt sie dar, gibt sie ivieder, ist aber selbst keine Zahl. Wustutann hat vollkomnten recht, wenn er gegen diese Nachlässigkeit eifert. Jit einzelnen Fällen kamt ntan beide Wörter gebrauchen; „überblickt man die Ziffern" ist ebenso zulässig wie „überblickt man die Zahlet:". Vielleicht stammt daher die falsche Anwendung; vielleicht aber auch aus deut Französischen, wo chiffre (Ziffer) int Sinne von nomhre (Zahl) nicht selten vor- kommt, so z. B. in parier chiffres: von Zahlen sprechen. - Weniger häufig wird „Zahl" anstatt „Ziffer" gebraucht: z. B. wenn es heißt „die Plätze wareit durch große Zahlet: kenntlich gemacht" ; „die Nummern waren mit deutlichen Zahlen nngeschrieben . Bilderrätsel. Auflösung der Charade in. voriger Nummer: 21 game in n 0 n. Aßßuan Auflösung in nächster Nummer. istedaktion : I. B.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.