WZ — Nr. 20 Mittwoch, den 5. Zebruar ®8B Ml-j MA MM WWM>^8 . I Von Frühling ?u Frühling. Roman von Erich Eben st ein« (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Meta packte eilte jähe Sehnsucht nach der alten Fran, die einmal wenigstens gut zu ihr gewesen war. Jetzt, am Rande des Grabes, verlangte sie nach ihr. Ein Schimmer von Heimat umwob das Andenken an Frau.Bettina — ja, die alten Petermanns hatten das ihrige treulich, getan, um ihr in Herminenruhe eine Heimat zu bereiten. Die Vergangenheit mildert manches Schlimme und verklärt alles Gute — ja, sie wollte hin. Morgen. Nein, lieber heute noch. Es war noch früh am Tage. Meta riefi'Fräulein Lena, die allmählich in Olga Ländekes Fußtapfen getreten war, und gab ihr den Auftrag, zu packen. Spätestens mit dem Abeudzuge wollte sie reisen. Sie mußte Pest 'berühren. Meta überlegte, ob sie.ihren Mann auf den Bahnhof bestellen sollte? Es waren nur zehn Minuten Zeit zuin Umsteigen und wer weiß, ob er nicht vielleicht gerade etwas vor hatte! Irgend eine Zusammenkunft, Theater oder sonst etwas. Sie gestand sich nicht ein, daß sie bei einem Zusammentreffen mit ihm noch eine geheime Angst hatten der sie nicht einmal in Gedanken Worte verleihen'wollte. Und doch — — Nein. Sie wollte ihn bloß telegraphisch von ihrer Abreise verständigen. So telegraphierte sie von der Station aus an Montelli: „Mama Petermann krank, wünscht mich zu sehen, reise mit Konrad Abends von hier ab. Meta." Als sie in Pest ausstieg, stand Montelli ani Perron. „Wie, du bist doch gekommen? Wie wußtest du, mit welchem Zug . . ." „Kunststück! Als ob abends so viele Züge gingen! Aber es scheint dir ja nicht einmal angenehm zu sein? Vermutlich drücktest du dich auch deshalb so allgemein aus." Meta errötete. „Ich wollte dich Nicht in deiner Zeiteinteilung' stören." „Hm, daß um acht Uhr abends nicht mehr gestartet wird, hättest du dir denken können! Uebrigens wollen wir nicht streiten. Ich hatte Sehnsucht, dich zu sehen und deshalb kam ich." Er bot ihr den Arm und führte sie zu dem anderen Zug, der bereits fertig zusammengestellt war. „Ich habe dir ein Extrakupee besorgt — hier ist es. Bitte, Fräulein Lena —" er wandte sich um und ließ die beiden Vorau — „steigen Sie einstiveilen mit Konradchen ein. Meine Frau wird gleich folgen." Er hob das Kind auf, küßte es und reichte es der Erzieherin in den Wagen. Dann wies er den Träger an, Wet«s Gepäck hinauszuschaffen. Als auch dieser im Kupee verschwunden war, ivandte sich Montelli an Meta, die stumm neben ihm stand. „Also mit Frau Petermann geht es zu Ende und sie will dich noch einmal sehen?" „Ja. Du wirst begreifen, daß ich den Wunsch einer Sterbenden sofort erfüllen muß, Bürger schreibt zwar, daß Mama auch, noch ein Jahr leben könne —" „Selbstverständlich mußtest du sogleich hin! Hoffentlich triffst du sie noch in leidlicher Kondition. Wenn sie es wünscht, bleibe bei ihr, Meta. "Und sei klug . . . Niki hat dich elend geschnitten — die alte Frau könnte es leicht gut machen. Sie hat keine Verwandten . . . wahrscheinlich wird Konradchen ihr Erbe. Sieh zu, daß auch, für dich etwas abfällt!" Meta erbebte. Das war es, was sie gefürchtet, wovor sie gebangt hatte. Weshalb sie lieber durch Pest gefahren wäre, ohne mit ihrem Manu zusammenzutreffen. Und obwohl sie es geahnt hatte, traf es sie nun dennoch wie ein brutaler Schlag mitten ins Gesicht. Sie wagte Montelli nicht einmal anzusehen, so sehr schämte sie sich vor ihm. Er aber fuhr unbefangen fort zu sprechen! „Eigentlich wäre sie es dir schuldig für all den Jammer, den ihr Sohn über dich gebracht hatte. Schließlich waren es doch deine besten Jugendjahre, die du an feiner Seite verbrachtest. Ich glaube, sie fühlt das auch und ruft dich deshalb zu sich. Spiele nur nicht die Noble und laß ein wenig durchblicken, daß wir es gebrauchen könnten . . . es ist die reine Wahrheit. Denn siehst du, Meta, ich habe die ewige Fretterei wirklich satt . . . Nachdem du uns auch noch mit Reinsperg in eine so fatale Situation gebracht hast —" । Er verstummte betroffen. Meta hatte sich plötzlich abgewandt und stieg ohne ein Wort der Erwiderung oder des Abschieds in ihr Coups. „Meta!" rief er ihr nach und wollte ihr folgen, „warte — ich muß dir noch etwas sagen wegen Konrads Vormund . . . damit du orientiert bist . . ." Sie tat, als hörte sie es nicht. „Wahrscheinlich soll ich da auch Geld zu erpresse^ suchen," dachte sie bitter und schob die Coupstür rasch zu. Montelli aber wurde am Einsteigen durch den Kondukteur verhindert, der die Waggoutüreu schloß. Gleich darauf wurde das Signal zur Abfahrt gegeben und der Zug verließ langsam die Halle. Ekel und Bitterkeit int Herzen, lehnte Meta in der Ecke ihres Abteils. Lena hatte das Kind zur Ruhe gebettet und Konradchen war schon im Einschlafen. Jetzt überreichte sie ihrer Herrin einen Strauß dunkler langstieliger Rosen, von einem Goldfaden leicht zusammen-- gehalten. „Vom gnädigen Herrn. Ich sollte sie der gnädigen Frau übergeben, wenn der Zug Pest verlassen hat." 78 Zu jeder anderen Zeit wäre Meta gerührt und erfreut über diese Aufmerksamkeit gewesen. Jetzt empörte es sie. „Er will Stimmung machen bei mir für seine erb- schkeicherischen Pläne," dachte sie verächtlich. Ohne ein Wort zu erwidern, ließ sie das Fenster herab und- warf die Blumen hinaus. Dann, als Ae den erstaunten Blick Lenas bemerkte, fühlte sie das Bedürfnis, sich irgendwie zu rechtfertigen. „Ich habe Kopfschmerzen und kann den Rosenduft nicht ertragen," sagte sie, ihren seidenen Stanbmantel und den Hut ablegend. Meta hatte ihre Ankunft in G. nicht angemeldet. Sie wollte in Herminenruhe, dessen Benützung ihr auf Frau Petermanns Anordnung jederzeit frei stand-, absteigen und am nächsten Vormittag gleich zu der Kranken hinausgeh-en. Ein Mietwagen brachte sie nach der Villa. Das alte Portierspaar, welches gegenwärtig allein die Aufsicht über Herminenruhe führte, schlief noch und mußte geweckt werden. Metas Ankunft rief große Verwirrung hervor und sie mußte einige Zeit warten, ehe man in ihren Zimmern die Vorhänge aufgezogen und die Fenster geöffnet hatte. lieber dem Park lag leuchtend und- bläulich der Sommermorgen. Silbern schimmerten die Birken herüber; Flieder und Kastanien waren schon verblüht. Die Kastanien dort drüben . . . eine Erinnerung preßte Meta jäh das Herz zusammen und sie seufzte tief auf. Ja, sie waren verblüht. Längst . . . Dann stand sie in den alten, vornehmen Räumen. Ein Geruch von Kampfer mischte sich mit dem durch die offenen Fenster hereinströmenden Tust blühenden Jasmins. Staub lag aus den Möbeln und die Polsterstühle trugen graue Leinenkappen. Und doch kant es iiber Meta plötzlich iuic ein Gefühl von Geborgensein. War es nicht wie ent Heimkommen? Hier hatte sie die große Wandlung vom Mädchen zum Weibe durchgemacht. Hier war sie Mutter geworden. Hier war sie aus einem gedankenlosen Kinde langsam herangereift zu den Erkenntnissen des Lebens. Hier hatte eine reine, hohe Liebe mit ernstem Finger an ihre Seele gerührt . . . Und was sie von Nikis Seite auch Bitteres erfahren hatte: beit Ton im Hause hatten die Alten angegeben und dieser Ton war vornehm und solide gewesen. Sie setzte sich ganz still in eine Ecke und dachte an die alten, vergangenen Zeiten. Warum war ihr nie der Gedanke gekommen, mit ihrem Kinde hierher zurückzuflüchten, damals ... als sie noch frei war? Warum nur? War die Einsamkeit wirklich ein so furchtbares Gespenst? Heute wußte sie, daß man zu zweien noch viel einsamer sein konnte als allein. Der Eintritt Lenas riß sie aus ihren Grübeleien. Die Portiersfrau, Frau Lengler, hatte Kaffee gekocht und im Speisezimmer den Frühstückstisch hergerichtet. Kon- radchen aß schon mit großem Appetit, ob die gnädige Frau nicht auch kommen wolle? Ja, sie wollte. Meta empfand plötzlich, daß sie seit gestern mittag kaum einen Bissen genossen hatte. Dann saßen sie alle vier — Meta hatte Frau Lengler gebeten, zu bleiben und ihr von der alten Frau Bettina zu erzählen — friedlich um den Kaffeetisch. ' Was Frau Lengler erzählte, war nichts Neues. Sie kam jede Woche einmal zu der alten Frau hinaus und- wunderte sich über die Zähigkeit ihrer Kraft. Schon vor Jahren hatte man gemeint, daß sie es nicht mehr lange machen würde, und im Grunde war sie heute nicht viel schlechter daran als damals. Atemnot, schlaflose Nächte und gelegentliche Schwächeanfälle hatten äußerlich wohl Spuren hinterlassen, aberinnerlich schien sie noch ganz frisch und- ungebrochen. In Herminenruhe war sie seit dem Tode des jungen Herrn nur einmal gewesen, um oie Dienstboten abzulohnen Und den Hausstands a-ufzulösen. Es >gab nun weder Pferde Und Wagen noch Glashäuser. Den Park pflegte zur Not Herr Lengler uud das Haus hielt seine Frau in Stand. Meta wußte dies alles. Burger hatte es- ihr geschrieben. Dennoch hörte sie der Alten mit einer gewissen Behaglichkeit zu und das Gefühl des Daheimsejns wurde immer stärker in ihr. „Wer ist denn draußen bei Mama?" fragte sie. „Wep pflegt sie?" 1 „Die alte Lott, ihre ehemalige Kammerfrau, Lina Lott. Ach Gott, die ist nun auch schon an die Sechzig, ja, ja, wir werden alle alt! Uud dann noch ein alter Diener. Gnädige Frau werden sich gewiß noch erinnern an ihn? Er war einmal KUffcher hier in Herminenruhe, den hat sich Frau Petermann mit yinausgenommen, er ist Gärtner, Portier, Diener — kurz-, alles in allem." l Meta erinnerte sich genau an Lorinser. Das glattrasierte, markante, immer etwas grämliche Gesicht — die dünnen Beine, auf welchen er sich beim Gehen so -eigett- tümlich wiegte .... eine Seele, treu wie Gold. i „Jetzt ist er natürlich schneeweiße" lachte Frau. Lengler, „und noch schweigsamer als früher. Sie sind alle schweigsam in der Villa Pax." 1 Um zehn Uhr schickte Meta um einen Wagen. Siel hatte beschlossen, Konradchen vorerst nicht mitzunehmen, es könnte die alte Frau zu sehr aufregen. Lena sollte mit ihm int Park bleiben. Wenn sie bis Mittag nicht -zurück sei, möge sie nach Tisch mit dem Kinde nachkommen. । Sie beschrieb Lena noch, wohin sie dann zu fahren habe Und nahm Abschied von ihr und- von dem Knaben. Das Herz klopfte ihr doch unruhig während der Fahrt. Wie würde sie empfangen werden? Mama mußte sich dockj recht verändert haben, daß sie nun selbst nach ihr -verlangte. Endlich hielt der Wagen vor der kleinen einsamen Villa. Die Bäume waren so herangewachsen, daß man von der Straße aus nichts sah, als' das breite Einfahrtstor ein Stück hinter deut Gitter. i „Pax" stand in großen, verblichenen Goldbuchstaben darüber. Ob wirklich der Friede hinier diesen Mauern wohnte? Das Wiedersehen mit Lorinser war beinahe rührend. Tränen standen in seinen verblaßten Greisenaugen, als er Meta erkannt, und auch sie fühlte sich beinahe -erschüttert durch seinen Anblick. So vieles Vergangene wurde lebendig dabei. War es nicht Lorinser gewesen, der sie in jener Weihnachtsnacht zur Frau Bettina, herausgefahren hatte? Nun kam Frau Lott getrippelt. Sie war stark itn'bi ziemlich unbeholfen geworden, aber in ihrem Blick lag noch dieselbe Gutmütigkeit und Treue wie einst. Auch sie weinte. „Ach Gott, ach Gott," stammelte sie, „welche Freude wird die arme gnädige Frau haben. Sie hat so oft von Konradchen gesprochen und von seiner lieben Mama in der letzten Zeit. Haben Sie denn den Kleinen nicht mitgebracht, gnädige Frau?" „Doch, liebe Lina. Aber ich dachte, beide wären wir zu viel fürs erste Mal." i „Freilich, freilich, sie ist recht schwäch — ich muß sie nur gleich vorbereiten; denn wenn's auch eine Freude? ist — zu plötzlich darf's nicht über sie kommen." Sie führte Meta in einen Salon und bat sie, zu warten. Frau Petermanu bewohnte nur das Hochparterre ihrer Villa. Im Erdgeschoß lagen Küche und Wirtschaftsräume-,, im ersten Stock ein paar leer stehende Fremdenz-iminer. Schon nach fünf Minuten kam Frau Lott zurück und- bat Meta freudestrahlend, ihr zu folgen. Und- dann stand- fie auf einmal vor einer verschrumpftett kleinen Frau, welch« Die Arme um sie schlang, während ihr die Tränen über die runzligen Mangen kollerten. (Fortsetzung folgt.) Die Verkehrtheit des Vogelschutzes in Deutschland. Fast jede Zeitung berichtet in kurzen Zwischenräumen über Maßregeln, welche von den verschiedensten Seiten zum Schutz« und zur Vermehrung der nützlichen Singvögel getroffen werden. In noch nicht sehr weit zurückliegender Zeit sah man es als eine Liebhaberei oder Sport an, wenn die wenigen damals vorhandene Vogel- oder Tierschutzvereine sich auf diesem Gebiete betätigtem und ihre berechtigten Forderungen wurden meistens für überspannt gehalten. Heutzutage ist nun die Sache anders, und neben den erwähnten Vereinen geben Gemeiitde-- und Staatsbehörden große Summen aus, weil man es als eine dringende Notwendigkeit erkannt hat, unseren Fluren und Wäldern einen möglichst großen Bestand an insektenfressenden Vögeln und solchem welche Weichtiere (Schnecken, Würmer u. dgl.) vertilgen, tu verschaffen. Auf der staatlich autorisierten Vogelschutz-Musterstation des Freiherrn v. Berlepsch in Seebach (Thüringen) werben alljährlich 79 Zahlreiche Forstmänner und andere Interessenten im praktischen Vogelschutz unterrichtet: Wanderredner sorgen im gleichen Sinne durch Vorträge für weitere Aufklärung des Volkes. In Bayern, Baden, im Reichslande, in Hessen und Sachsen gibt es jetzt staatliche Kommissionen für Vogelschutz; kurzum, überall ist man in eifriger Tätigkeit. «. Da lohnt es sich wohl der Mühe, einmal zu untersuchen, ob der Aufwand an Zeit, Arbeit und Geld einen Erfolg aufweist, Mit dein die Natur- und Tierfreunde zufrieden sein können, weil er NN richtigen Verhältnis zu all den Bemühungen steht. Leider Müß hierauf der kritische Beobachter mit „nein" antworten; denn so lange das jetzige Vogelschutzgesetz besteht, oder in der bisherigen Weise gehandhabt wird, sind all die angeführten lobenswerten und notwendigen Bestrebungen nur dazu geeignet, den Vogelfängern die Netze mit Vögeln und die Taschen mit Geld zu füllen, und zwar müheloser, als es von diesen Leuten durch ehrliche Arbeit erworben werden könnte. IM Winter werden die notleidenden Vögel gefüttert, im Früh- Kr werden ihnen durch große Opfer an Zeit und Geld, durch schaffung und Aushängen von Nistkästen, Anpflanzung besonderer Vogelschutzgehölze usw. Brutstätten hergerichtet. Man sorgt dafür, daß die Tierchen während der Brütezeit nicht gestört Werden, ist empört, wenn eine Hauskatze einen Vogel ergreift oder auch nur einen irgendwo gefundenen toten Vogel angeschleppt bringt, den vielleicht ein tapferer „Spatzenschütze" uiederküallte, aber nicht aufhob. Gern macht man ja die Katzen für die Verminderung der Vogelwelt verantwortlich, ohne genügend zu erwägen, welche anderen Ursachen noch in Betracht kommen. Nun, eS wäre alles ganz schön und gut, wenn dieser Schutz der nützlichen Vögel während des ganzen Jahres der gleiche bliebe. Das trifft .d(6er nicht zu, sondern je näher der Herbst kommt, um so eifriger rüsten sich die Vogelfänger, und am' 1. Oktober können diese Leute nach dem' Reichsgesetz ungehindert ihr schädliches Gewerbe ausüben. Mit Fallen, Netzen und auf ändere Art und Weise darf dann bis zum 1. März den Vögeln nachgestellt werden, die ja infolge der oben erwähnten Fürsorge während des Frühjahrs und Sommers ganz vorzüglich und massenhaft geraten sind. Eine solche Vogelschutzmethode, wie sie heute geübt wird, fanin deshalb geradezu atls verkehrt und erst recht als ein Ideal der Vogelsteller bezeichnet werden!! Mer etwa nur die Läden der Vogelhändler besieht, hat noch nicht den rechten Begriff, welche Unmenge von Singvögeln gefangen werden. Wenn man aber bedenkt, daß nur ein Teil der Männchen zum Verkauf kommt, dagegen die unansehnlicheren Weibchen und die vielen Vögel, deren Federn zu sehr mit Leim beschmiert oder sonstwie beschädigt wurden, einfach „in den Dreck getreten" werden ober, weil sie nicht mehr fliegen können, elend verhungern müssen, so bekommt man ein ganz anderes Bild. Welch Mitleid erregenden Eindruck machen die armen Vögel, wenn sie, in enge Käfige zusammeimeprestt, in den Läden der Händler stehen, sowie später zur Sommerzeit im glühendsten Sonnenbrände an den Fenstern der Käufer hängen! Oft kennt man die zierlichen und reinlichen Geschöpfe, die sich früher im weiten Himmelsraume ungehindert bewegten, gar nicht wieder, so zerzaust und beschmutzt ist ihr Gefieder. Für wenig Geld ist solch armer Waldvogel zu haben! Die Vogelfänger und Vogelhändler sagen, daß es nur auf diese Weise manchem möglich sei, Fühlung mit der Natur zu behalten. Nichts ist aber verkehrter als das ; denn weil man für einige Groschen wieder einen anderen Vogel haben kann, so ist es selbstverständlich, daß viele ihm' die notwendige. Pflege nicht io zuteil werden lassen, als wie einem werttiotteren Tiere. Zudem äußert sich hie Natur- und Tierliebe vieler Leute lediglich darin, daß sie einer Augenblicksretzuiig folgend, wohl ein Tier kaufen, wenn es billig angeEwteu wird; jedoch, damit glauben sie dann auch genug getan zu haben und Bringen nachher lieber das Meld ins Wirtshaus, anstatt für einen geräumigen Käfig und gute Wartung zu sorgen. Soll ein Vogel im Zimmer gehalten werden, So schaffe man sich einen Kanarienvogel oder einen anderen, der im läfig zur Welt kam, an und pflege ihn so, wie es sich gehört. Die Sänger in Wald und Feld lasse man aber in Ruhe, der Landend Forstwirtschaft zum Nutzen und den Erholung suchenden Menschen zur Freude. Ein eigenes Kapitel bildet noch immer der Drossel- oder so- ßenatmte Krammetsvogelsaug. Zwar ist durch die neue Fassung oes Vogelschntzgesetzes int Jahre 1908 der Fang in Schlingen (Dohnen) verboten, aber heimlich soll er trotzdeni fortbestehen. Auch ist es nach dem Jagdgesetze, z. B. in Preußen, wo die Drosseln ÜNM Jagdgeflugel gehören, erlaubt, sie zu schießen oder in Netzen aller Art zu fangen. Tie Meisten Jäger werden es aber als unter threr Würde halten, harmlose Drosseln herunterzuknallen. Zudem lohnt der Schuß auf einen einzigen Vogel nicht. Wird jedoch ui einen Schwarm geschossen, so können viele, trotz der erhaltenen Verletzungen an den Beinen usw. noch ein größeres Stück fliegen, aber nachher nicht wieder aufkommen, sondern sie verhungern elend. Es entstehen also wieder ähnliche Quälereien, als Wie fte durch das Verbot des Schliiigenfangens vermieden werden sollten. Vielleicht kommt man uns mit dem Einwand, die Drosseln wurden sich zu stark vermehren und dadurch lästig Werden. Bei der Singdrossel trifft das aber in absehbarer Zeit nicht zu, denn sie bleibt tm Walde. Tie jetzt sich häutig in Gärten unangenehm bemerkbar machende Schwarzdrossel oder Amsel wird bei der heutigen Jagdart gar nicht vermindert. Ter § 5 des Reichsvogelschutzgesetzes bestimmt auch ausdrücklich die Anordnung der Verminderung solcher Vögel, die durch massenhaftes Auftreten erheblichen Schaden anrichten. Also für solche Fälle sind schon Vorkehrungen getroffen. Es müßte aber noch strenge Vorschriften geben, daß nur kundige erwachsene Personen schädliche Vögel töten dürfen. Durchaus verwerflich ist es, wenn schon Kinder den Krähen, Sperlingen usw. auf Schritt und Tritt nachstellen und diese Tiere auf alle mögliche Weise sowie mit den bedenklichsten Mitteln zu töten suchen. Man muß sich ivundern, daß es Gemeindeverwaltungen gibt, die den Schulkindern sogar Prämien für jeden Sperlingskopf zahlen und damit die Grausamkeit heranzieheu und fördern, während es doch die vornehmste Aufgabe der Schule sein soll, derartige Untugenden mit aller Strenge zu bekämpfeil. Die Kinder, die angeblich Spatzen schießen und fangen, zaudern auch meistens Nicht, andere ähnliche Vogel zu töten, nur uM ihre Schießlust zu befriedigen. Seit einigen Jähren hat die Eisenbahnverwaltung in dankenswerter Weise angeregt, durch Bepflanzung der Bahndämme und -Böschungen geeignete Niststätten für Vögel zu schaffen. Diese erst so freudig begrüßte Maßregel scheint aber, wie die Erfahrung gelehrt hat, auch nicht znM erhofften Ziele zu führen, weil viele Vögel nach Berichten von Bahnbeamten durch die in rasender Fahrt dahinstürmeuden Schnellzugslokomotiven getötet werden. Es ist 'ja leicht erklärlich, daß beim Herannahen eines Zuges, besonders wenn gerade aus den Zylindern Dampf abgelassen wirb, die in der Nähe befindlichen Vögel erschreckt und verwirrt auffliegen und dann zu Schaden kommen. Zur weiteren Verminderung der Vögel tragen in großem Maßstabe auch die strahlenden Leuchttürme bei, gegen welche die Bogel anrennen oder um welche sie so lange Herumfliegen, bis sie ins Meer stürzen. Ferner namentlich die oberirdischen Leitungen der Ueberlandzentralen und dem elektrischen Starkströme. Es ist auffallend-daß z. B. in den westlichen Gebirgsgegenden. Wo vielfach der Felsenboden erst mit Dynamit gesprengt werden muß um die Kabel einsenken zu können, solche Starkstromfernleitungen unterirdisch gelegt werden, daß man hingegen in den flachen und sandigen Gegenden Deutschlands, Wo das Eingraben nur ganz geringe Kosten machen würde, die nicht isolierten Drähte meilenweit an Masten über der Erde leitet. Vielleicht wird die letztere Methode verworfen werden, wenn man erst genügend erkannt hat, Wie gefährlich solche Leitungen auch den Luftschiffen und Flugzeugen werden können, ganz besonders bei Notlandungen in trübem Detter oder des Nachts, und weil doch vorwiegend ebene Gegenden zum Landen ausgewählt werben. — Auch an den gewöhnlichen Telephon- und Telegraphendrähten stößt sich mancher Vogel den Schädel ein oder zerbricht den Flügel und wird bann von irgendeinem Raubtier erwischt. Es gibt also genug Faktoren, die für Verminderung der nützlichen Vögel sorgen, so daß die Menschen sich wirklich nicht an diesem Vernichtungswerk so hervorragend zu beteiligen brauchen, wie es bis jetzt geschieht. Zudem haben die Vögel, welche den erwähnten Naturgewalten zum Opfer fallen, meist einen leichteren Tod und weniger Leiden zu erdulden, als wenn fie in Menschenhände geraten und dann durch robe Behandlung sowie mangelhafte Unterkunft und Pflege langsam bahinsiechen. Wie sind nun diese schlimmen Zustände zu bessern? Am gründlichsten wäre das Nebel zweifellos beseitigt: 1. wenn im ganzen Reiche der Vogelschutz auf das gan^e Jahr ausgedehnt und nicht allein das Fangen und Feilbieten, sondern auch das Halten einheimischer Singvögel verboten oder hoch besteuert würbe. Dann hätten die Vogelfänger feinen Absatz für ihre Opfer und würben sich schon von selber eine andere Beschäftigung suchen; 2. wenn alle Starkstromleitungen der Ueberlandzentralen unterirdisch gelegt würben; 3. wenn oben um die Leuchttürme herum freitragende, rechen- artige Sitzgerüste angebracht würden, damit die erschöpften Vogel einen Halt finden; 4. wenn die Drosseln überall aus der Liste des Jagdgeflügels gestrichen würden und ihnen der für alle anderen Singvögel gewährte Schutz zuteil Wirb; 5. wenn während des ganzen Jahres die Einfuhr aller der Vögel aus dem Auslande verboten würde, die auch in Deutschland nisten und hier als nützlich unter dem Schutze des Gesetzes stehen; 6. wenn das Verbot des Fangens mit Leim auf alle Vögel ausgedehnt würbe. Dieses wäre das Ziel, Welches stets fest im Auge behalten werden muß. Da dessen Erreichung aber noch in ziemlich weiter Ferne liegt, so wäre inzwischen mit Entschiedenheit danach zu streben: , a) daß in allen deutschen Bundesstaaten und in allen Regierungsbezirken Gebrauch von der Ermächtigung des Reichs- Vogelschutzgesetzes gemacht wird, weitergehende und schärfers 80 Bestimmungen zu erlassen, wie solche in Deutschland schon jetzt vereinzelt bestehen: . , b)kß bei neu anzulegenden Starkstroinleltungen dec lieber- landzentralen die parallel lausenden Drähte als Kabel unter- irdisch geführt werden: , r,„ c) daß, solange die Drosseln noch zunt Jagdgeflugel gehören, nur eine ganz kurze Jagdzeit gewährt wird, tmd die erlegten Drosseln (Krammetsvögel) nur dann in den Handel gebracht werden dürfen, ivenn mittelst festgeknoteter Schnur immer eine gewisse Anzahl, 3, 5 oder 10 Stück, verbunden und wie ein anderes Wild, mit einem UrsprungszeugniK (Wild- schein) versehen sind, dantit sich leicht feststellen laßt, wo und wann die Vögel getötet wurden. Die>es ist notwendig, weil heute die Wildhändler erklären, die Krammetsvögel seien aus dem Ausland, wenn man ihnen nachweist, daß die Tiere, entgegen dein .Gesetz, in Schlingen gefangen ivorden sind. var jung verheiratet, als er das Alterspensionsgesetz vor Bem Hause verteidigte. „Es ist verhältnismäßig billiger, wenn zivei Perjonen zusammen leben, als eine allein", äußerte er dabei. „Das müssen Sie ja jetzt ganz genau wissen!" rief darauf der witzige Will Crooks von der Arbeiterpartei. Mc Kenna errötete und antivortete dann lächelnd: „Gewiß, ich hoffe, bei mir wirds jetzt auch billiger sein," worüber man mit Beifall quittierte. Will Crooks erzählte eine lustige Gesilncbte davon, ivie stolz sich die Abgeordneten füllten, wenn sie zum ersten Male die Ihrigen im Abgeordnetenhaus herumführen. „Aber als ich zuerst gewählt ivurde und meine Tochter mit in den Sitzungssaal nahm, da meinte sie nachdenklich: „Bei uns in der Küche bist du doch ein ganz stattlicher Mann, Papa. Aber hier ist nicht viel mit dir los." Großes Gelächter rufen sprachliche Entgleisungen hervor, so wenn z. B. Sir William Hart Dyke sagte: Mr. Lowther „hat einen großen Fisch in sein Netz gefangen und ist deswegen bis auf die Spitze des Baumes geklettert." Ein Finanzminister versicherte: „Die Schritte der Regierung gehen Hand in Hand mit den Interessen der Fabrikanten." Und ein anderer warnte davor, daß „die konstitutionellen Rechte des Volkes nicht von gepanzerten Fäusten niedergetranwelt würden". Zahlreich sind die komischen Wabl- geschichten. So erzählt der Hauptredner der Tarifreformpartei, Sic George Dougbty, wie er eines Tages in Hüll auf offener Straße eine Ansprache hielt, der Tisch, auf dem er stand, nmkippte und er sich gerade noch an einen Laternenpfahl klammern konnie Er bemerkte nun, daß Laternenpfähle sehr nützlich wären, um etwas daran zu hängen, und erhielt die Antwort eines Gegner? aus der Menge: „Ja, und Sie sind nicht der einzige, der das beraus- gefnnbeit hat!" Mehr tragikomisch ist auch das Wahlgespräch, das der Abgeordnete Hörne belauschte. Ein Wähler studierte die Gesichter der beiden Kandidaien, und als er gefragt ivurde, wen er wählen würde, meinte er achselzuckend: „Ich weiß von keinem ivas. Aber nach dem, ivas ich von ihnen sehe, danke ich dem Himmel, daß nur einer von ihnen gewählt iverden kann." vermischter. — Einpompeja irische r M a rnro rb ru nn e n — eiika Kopie nach Dürer. Einen recht erweiternden Fall von Kn* tikensälschung führte Dr. Harry David, der Berliner KunMstorirek, in der letzten Sitzung der Berliner Kunstgeschichtlichen Gesellschaft vor. Es 'handelt sich da nicht etwa um eine der längst bekannten mittelbaren Anregungen, die Dürer von der Antike empfangen Hat, sondern um eine Kopie nach Dürer, die ein angeblich antiker, aus Kompeji starnniender Marmorbrunnen zeigt. Im Nationalmuseum zu Neapel, das bekanntlich die kostbarsten Ausgrabungen aus Pompeji stammender Marmorbrunnen zeigt. .Im National- sam'mengehörige weiße Marmorreliefs, von denen inan anninnnt, daß sie dereinst in Pompeji einen der zierlichen Brunnen umkleidet haben, wie sie dort vor 2000 Jahren das Atrium der vornehmen Häuser schmückten. Auf den Seitenwänden sieht man je eilt Dromedar und die synibolische Darstellung einer Quelle oder eines Flusses. Besonders interessant ist aber die Mittel- platte, das Profilbild eines Nashorns. In der Darstellung dieses absonderlichen Tieres wollte man schon eine Illustration zu den Erzählungen der alten Schriftsteller sehen, daß die rgnnschcn Kaiser sogar diese äußerst schwer zu erlangenden Dickhäuter zu ihren blutigen Tierhetzen verwendeten. _ Da das Relief überdies nicht das gewöhnliche, afrikanische, zweihörnige Rhinozeros, sondern das einhörnige, indische zeigt, hatte mut auch einen interessanten Hinweis auf die Beziehungen znnschen Indien und Rom. Merkwürdigerweise stimmt nun dieses Relief genau mit dem bekannten Holzschnitt eines Rhinozeros überem, den Dürer im Jahre 1515 nach einer ihm aus Lissabon zugesandten kleinen Skizze geschaffen hat. Dürers Zeichnung nach dieser Skizze wird heute im Britischen Museum bewahrt und tragt von seiner eigenen Hand die Notiz, daß das dargestellte Tier am 8. Mai 1513 für den König von Portugal in Lissabon ans Land gebracht worden sei. Die Ucberemstimmung mit dem Marmorrelief ist uni so einwandfreier festzustellen, weil es sich keineswegs um eine naturalistische Darstellung, sondern um eine ziemlich phantastische Stilisierung des Tieres handelt. Sie ist aiich tn den Einzelheiten beide Male die gleiche. Da uns nun Durer bet seinem Holzschnitt ausnahmsweise eine genaue Quellenangabe, macht, bleibt für die Marmorreliefs nur der Schluß übrig, daß sie gefälscht sind. Wahrscheinlich hatte der Fälscher felbst keine Ahnung, daß er Dürer kopiere uD benutzte als Vorlage die tlbbip duna irgend eines naturwissenschaftlichen Werkes. Daber wußte er nicht, daß diese Illustration des Rhinozeros nach Vorgang der berühmten Geßnerschen Naturbuches bis weit ins 18. Jahrhundert hinein fast stets Nachbildungen von Dürers oeruhmtem Holzschnitt sind. Eine „Ausgrabung" mögen die Reliefs demwch sein, es fragt sich nur, wer sie vorher eiugegraben hat. * Getrennte Behandlung. Arzt: „Ihr Fieber muß Ihnen ja einen schrecklichen Durst machen; ich iverde dem ab- Helfen" Patient: „Bringen Sie mir nur mein Fieber fort, lieber Doktor: was den Durst anbetrifft, dem' werde ich schon ganz allein abhelfen." Schachaufgabe. Schwarz. a b c d e t g h abcdefgh 8 8 6 6 5 6 3 3 2 ■ ; VÄ. \ % i Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Imttid), Orleans, Hmmu, Krmrt, Nmimburg, Grnubcnä, Rrtti6or, Ingolüadt, Ä'euroteö; Lobengri n. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Briihl'schen Universitäts-Buch» und Stemdruckerei, R. Lauge, Gießen,