Donnerstag, den 4. Dezcmder iy» W Sßaös l?l b *1 „ ßaurrnblut taoman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ich tue alles, ivas Du wünschest, Papa," sagte der Staatsanwalt; „beunruhige Dich doch nicht! Ich weiß, Du wirst nichts Unerfüllbares von mir verlangen." Herr Wilhelm schaute die Gattin an und wiederholte hartnäckig und unverkennbar schon ungeduldig: „So sag es ihm doch!" „Nun wohlan, mein Sohn," nahni Frau Julie das Wort, „wenn es der Baler diirchaus will, so wisse denn, daß es sein Wunsch ist. Du mögest Doben übernehmen und verwal- len, für den Fall, daß ich ihn überlebe. Du sollst mir dann auf Doben ein Stückchen als mein Altenteil gönnen. Willst Du das tun?" „Gern, Papa, von Herzen gern! Dil kommst mit dieser Anordnung meinen eigenen Wünschen nur zuvor — ich bin des Staatsdienstes müde und sehne mich nach Freiheit und Selbständigkeit." „Aber William!" fiel Frau Julie vorivurfsvoll ein, „Du wirst doch Deine glänzende Laufbahn nicht aufgeben wollen? Denke doch nur, der Kronprinz kennt Dich und will Dir wohl! Wir müssen Dich noch einmal als Präsidenten oder Minister sehen!" Herr Lampert gab sich vergebliche Mühe, den kranken Kopf zu schütteln, grollend murmelte er: „So laß ihn doch! Er kann tun, ivas er will, die Mittel dazu werden ■■— ihm nicht fehlen. Sage ihm das andere!" „Der Vater hat über sein Vermögen derartig verfügt," fuhr nun Frau Julie gehorsam fort, „daß das Barvermögen, das er hinterläßt, für den Fall, daß ivir ihn überleben, zwi- schen mir und Dir und Adolf zu gleichen Teilen geteilt wer- den soll; Doben sollst Du außerdem bekommen und bewirtschaften unter der schon erwähnten Bedingung, daß mir dort ein Absteigestübchen verbleibt. Das Haus hier in Berlin, das der Vater besitzt, soll mir und Deinem Stiefbruder gehören; wenn ich aber sterbe, sollst Du meinen Anteil davon erben. So, nun weißt Du es; aber wozu wir das heute besprechen, sehe ich nicht ein. Wünschest Du noch etwas, Wilhelm?" Herr Wilhelm hatte mehrere Lippenbewegungen gemacht und wiederholte leise unbeholfen: „Frag ihn, ob er tauch will." „Freilich Null ich, mein guter Pflegevater," sagte Tell und bückte sich, um die Hand des Goldschmiedes zu küssen, „Du bist immer so gut und lieb gegen mich gewesen, abev Mama hat recht, wir können das wirklich ein andermal besprechen." Teil stockte und sah erschrocken nach dem Kranken, der aufs neue von Brechreiz angewandelt wurde und sich stöhnend und würgend znsammenkrümmte. Friedrich Just, der bisher stillschweigend ait der Tür gestanden hatte und von den anderen kaum beachtet worden war, sprang hinzu und unterstützte den von krampfhaften Zuckungen Erschütterten. Als der Anfall vorüber war, erschien der Gesichtsausdruck Herrn Lamperts noch stärker verändert: die Pupillen waren vollständig verglast, die Wangen bläulichfahl und eingefallen, kein Muskelspiel verriet, daß in diesem Wesen noch Sinne und Nerven tätig waren — es war ein hippokratisches Gesicht. Der erfahrene Friedrich Just hatte es sofort erkannt. Er zupfte den Staatsanwalt heimlich am Aermel, führte ihn vom Bette, wo Frau Julie allein sitzen blieb, nach einer Fensternische und flüsterte ihm ins Ohr: „Es geht mit ihm zu Ende, er erlebt den Morgen nicht mehr. Wollen wir's der Frau sagen?" „Um Gottes willen nicht! Lassen wir ihr noch die Hoff- nung! Sie wird es zeitig genug erfahren. Aber wollen Sie mir einen Gefallen tun? Gehen Sie zu Adolf und holen Sie ihn; wir sind ihm dies schuldig." , „Gern, sehr gern, Herr Staatsanwalt. Gott segne Sie? Sie haben ein gutes Herz und denken an alles!" Es war in der Morgenstunde an seinem Geburtstage, als der Goldschmied Wilhelm Lampert, umgeben von seinem treuen Weibe, seinen beiden Pflegesöhnen, Herrn Friedrich Just und den Dienstboten des Hauses, seinen letzten Seufzer, anshauchte. „Er hat ausgerungen," verkündete Tell mit ernster, feierliche rStimme. Frau Julie fing laut zu weinen an, es war ein unbändi- der, wild tobender Schmerzensausbruch, dem sie sich überließ. ‘ „ Als der Arzt da gewesen war und Tod und Todesursache bestätigt hatte, stieg Frau Lampert, die sich in aller Eile schwarz gekleidet hatte, und nunmehr, wo es die Besorgung des Begräbnisses in einer des Toten würdigen Weise galt, keine Träne mehr vergoß, in eine Droschke, um die Besorgungen zu erledigen, die sie sich selber aufgebürdet hatte, Adolf Dechner war nach seiner Fabrik zurückgekehrt. Tell begab sich, von Just begleitet, nach dem Standesamt, um von dem Ableben seines Pflegevaters pflichtgemäße Anzeige zu machen. „Eine merkwürdige Frau, Ihre Pflegemutter," sagte Just unterwegs und sah dabei seinen Begleiter von der Seite an. „Nennen Sie sie nicht meine Pflegemutter, sie ist nur meine Pflegemama." „Den Unterschied verstehe ich nicht recht." „Und doch liegt er auf der Hand. Mama ist niehr ein Kosename, den man, wenigstens meiner Ansicht nach, jeder beliebigen älteren Frau geben könnte; aber Mutter, das ist für mich ein heiliger Name, den man nur einem einzigen Wesen auf dieser Erde geben kann — ach, ich habe niemals dieses Wort bewußt aüssvrechen dürfen!" Just nidte schmerzlich zustimmend uud ergriff des anderen Hand in stummer Teilnahme; er hatte sich soweit vor- gebeugt, daß die Hutkrempe sein Antlitz beschattete und fern Gesichtsansdruck unerkennbar blieb. , „Wir sind am Ziele," sagte Dell, da die Droschke anhielt. „Gott sei Dank! Bon hier fahre ich direkt nach Hause uud lege mich zu Bett." . „Der gestrige anstrengende Tag und die am Kranten,- bett dnrchgewachte Nacht — ich bin todmüde und bewundere Sie, mein alter Freund, daß Sie noch immer frisch aur den Beinen sind." „Ich stamme vom Lande", sagte Just, der hinter den, Staatsanwalt ausstieg; „Bauernblut ermüdet nicht so leicht, und für Sie würde ich so wie sso- dse letzte Faser meiner' Kraft mit Freuden hergeben." „Bauernblut!" wiederholte Tell nachdenklich — er war stehen geblieben uud schaute den anderen mit warmem Blick an . „dann sind Sie vornehmer Abstammung und mir doppelt wert."---- '■ ' Bier Wochen später trat der Staatsanwalt Tell seinen Urlaub an, der ihm bis zur Erledigung seines Abschiedsgesuches bewilligt worden war; er zog hinaus nach Doben, um die Bewirtschaftung eines kleinen Gütchens zu übernehmen, uud Friedrich Just, der sich dringend als Inspektor angeboten hatte, durfte ihn begleiten. Tie Witwe Lampert wollte erst im Sommer auf ein paar Wochen hinanstomrnen, vorerst könnte sie sich von Berlin Noch nicht trennen, denn sie müßte doch täglich den Watthäi-Kirchhof besuchen um sich zu überzeugen, daß die Anlagen aus der Grabstätte ihres Seligen auch gehörig gepflegt würden. Als Tell mit Just seinen Einzug in Toben hielt, zog er das Taschentuch und klopfte den Staub der Residenz von seinen Stiefeln, dann faßte er seinen Genossen an der Hand Und sagte feierlich: „Vergessen sei, was hinter uns liegt! Helsen Sie mir, das zu werden, was ich von Geburt an; war und was ich nie aufgeben soll: ein deutscher Bauer, der nur vor Gott und seinem Könige den Racken beugt." „Wenn Sie hier in der Einsamkeit glücklich zu werden gedenken, Herr Staatsanwalt--" „Nennen Sie mich nicht mehr so, nennen Sie mich kurzweg Tell, ich bedarf keines Titels, der mir Würde gibt, ich denke, ich gebe sie mir selber." „Wohl, Herr Tell, wenn Sie hier in der Einsamkeit glücklich zu werden vermögen, so lassen Sie mich den Zeugen Ihres Glückes sein; es heißt ja, die beste Einsamkeit sei die zu zweien." । Tell nickte und drückte dem treuen Gefährten die Hand. Sie standen beide vor der Tür des Wohnhauses, und Just warf einen Blick aus das winterliche Landschaftsbild, das sie umgab, mau war noch im Anfänge des März. Seine -Augen schweiften über den See und blieben drüben am Giesdorfer Schlosse haften. „Ja, Herr Tell," hob er endlich sinnend an, Sie könnten sich in der Tat hier eine recht schöne und herzliche Weihnachtsstube einrichten, wenn Sie sich -eine Dobener Herrin von da drüben aus dem Schlosse holen wollten." „Das ist begraben und vergessen — und Stolz gegen Stolz! Bon jetzt äb bin ich; ein Bauer und will denen da drüben zeigen, daß der Bauer den Kopf ebenso hoch und steif tragen kann wie der Junker!" * i „Herr Justiz rat! Herr JUstizrat! Frau Lampert läßt bitten, Sie möchten doch nach Hause kommen —. es ist Besuch da." Ein mittelgroßes, gemütlich; dreinschauendes Männchen in schlichtem Arbeitsanzuge, das ziemlich hastig über die glattgemähte Wiese gehumpelt war, rief es einem hochgewachsenen Manne zu, der in Hemdsärmeln, leinener Hose und hohen Stiefeln, mit einem breitkrempigen Strohhut auf dem Kopfe, neben einem Heuwagen stand und mit langgestielter Forke das letzte Bündel Grummet kräftig auf das schon hochgepackte Fuder hinauf beförderte. Der Angeredete sah den krummbeinigen, aber diensteifrigen Boten gutmütig lächelnd an und strich sich dabei mit der Hand über den blonden, welligen Vollbart, der ihm fast bis auf die halbnackte Brust herniederfloß. „Können Sie sich denn nicht daran gewöhnen, mich kurzweg Herr Tell anzureden, wie?" „Aber, Herr Justizrat, das würde sich für mich doch nicht schicken. Seine Majestät der König haben Ihnen bei Ihrer Verabschiedung nun einmal den „Juftizrat" aller- gnädigst zu verleihen geruht . . . und Ehre, dem; Ehre ge>» bührt. Ich glaube, ich würde mir lieber die Zunge abreißen, als daß ich Sie, Herr Justizrat, kurzweg nur beim Namen nennen sollte — der Herr Justizrat wolkeüs mir gütigst verzeihen!" c « „Sie sind ein Narr," sagte Tell, gutmütig lachend, „und wenn Sie trotzdem nicht eine so ehrliche Haut wären, so würde ich Sie° jetzt zur Straße da oben hinaufschicken (er deutete ans das Heufuder) und freit Wagen durch Sie nach Hause kutschieren lassen. Aber nun sagen Sie, wer ist denn! gekommen?" nl „Der Herr Hoflieferant Adolf Dechner nut Frau Gemahlin — ich sage Ihnen, Herr Justizrat, Sie werden die junge Frau kaum wieder erkennen, sie lvird stark, wahrhaftig sehr stark, aber immer noch so hübsch und frisch, tote sie als Bräutchen war." „Und wer ist benn sonst noch da?" „Der Herr Maurermeister Knoblauch iinb bic olle Mieseke, die Hoffouriers-Witwe." , „Das fehlte noch!" dachte Dell im stillen; „das wird ja ein allerliebster Abend tverden." Dann sagte er läut: „Ich danke Ihnen, Gebauer, melden Sie nur, daß-, ich mich vorläufig zu entschuldigen bitte." „Zu Befehl, Herr Justizrat!" Der Invalide hatte die Kappe gezogen und militärisch Kehrt gemacht. Jetzt humpelte -er wie eine an geschossene Krähe über die Wiese nach dem Fahrwege', der nach bem Dobener Gehöft führte. Tell schaute ihm eine Weile nach und lächelte: „’ne alte treue Seele! Sucht sich auf seine Weise immer noch nützlich zu machen, obgleich er weder ordentlich gehen, noch ordentlich zugreifen 'kann. Aber ich habe ein gutes Werk getan, ihn hier herauszunehmen, er hat den unglücklichen Peter kurz vor dessen Tode noch beherbergt, so soll er auch frei mir ein Obdach finden, bis ihm die Parze den Levensfaden durch-, schneidet." Er schob sich den Strohhut aus der feuchten Stirn, warf die Forke auf die Heulast, ergriff Zügel und Peitsche ujlH ermunterte die Brannen durch einen Zungenschlag zum Anziehen. Die wohlgenährten Pferde -gehorchten begierig, bald schwankte der Wagen über den tUrzgeschorenen Wiesenteppich nach bei- Straße, und Tell schritt leitend nebenher itnbl zügelte die lebhaften Tiere zu ruhigem Tempo. Der zum Bauer gewandelte Justizrat ivar eine stattliche Erscheinung; die wettergebräunten Wangen strotzten ihm vör Gesundheit, seine großen, blauen Augen leuchteten wie Ede-k- steine. Sein Aussehen verriet, daß er kein gewöhnlicher Bauer war; er führte das Gespann aber mit so viel lässiger Sicherheit, daß ihm die Arbeiter, die- auf der Wiese jenseits der Straße noch mit dem Umwenden des Grummets beschäftigt waren, anerkennend nachschauten und Fine einzige spöttische Bemerkung über den feinen Stadtherrn wagten, der freiwillig zum Bauern geworden war. Freilich-, Klarheit und Friede war Delk noch nicht geworden, wenn er sich auch bei seinen bäuerlichen Verrichtungen unendlich freier und wohler fühlte^ als einst am Schreibtische vor dem aufgeschlagenen Strafgesetzfruche. Auch heute wurde er sich des Fehlens des von ihm so heißersehnten inneren Friedens wieder bewußt und, einen ungeduldigen Seufzer ausstoßend, geleitete er den Wagen in den Wrrtschaftshof, wo er vor einer Scheune still hält, in die er abladen will, i (Fortsetzung folgt.) Im Vogelsberg. Bon Th. C c llari » s. (Fortsetzung.) Mein Kiuderland. In meutern Gedächtnis berge ich wohlbehütet meine irülüten Kindheitserinnerungen, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts! an beginnen, aus dem dämmernden Bewußtsein meiner selbst ber- einzelt aufznlcnchten, als die großen Momente im Leben eines kleinen Menschen. Mein Herz hat davor Wache gehalten, sonst wären sie längst von den dunkelen Wogen des Schicksals, von den kleinen Wellen täglichen Erlebens eine nach der anderen himoeg- gespütt worden. Druck und Not des Lebens, die in und nach den Brausejahren; von 1848—49 nicht weniger als sonst auf der Menschheit lasteten, haben mich damals nicht bekümmert, nnd die Stürme der Zeit 759 find liber uteinem Kops verbraiist und haben meinen Frieden so wenig gestört als der Kanonendonner den der Ameise, denn ich lebte ja noch im Kinderland, das inmitten der Welt eine wohlumhegte Welt für sich ist. Wohl empfinden auch seine Bewohner Schmerzen ■— würden sie sonst so ost schmerzlich schreien und so dicke Tränen weinen? — aber ihre Leiden werden durch keine Reflexion verschärft! Mit beut Schmerzgefühl versiegen auch die Tränen, und wie der April Regen und Sonnenschein, so haben die kleinen Menschen Lachen und Weinen in einem Sack. Bald, ach nur zu bald, wachsen sie aus diesenr glücklichen Lande heraus! Manche mit dem Kopf voran während ihre Füße noch tief drinnen stecken oder auch umgekehrt. Aber wenn sich seine Pforten geschlossen haben, ist es für immer geschehen. Dann naht nur noch zuweilen — in stillen Stunden — die blasse Frau Erinnerung und läßt uns zurückblicken; und von ihrer Hand geführt, schaue auch ich noch heute tief in mein verlassenes Kinderland. Erst seitdem ich das Stückchen Welt und Leben, das sich aM Beginn meines Daseins in meiner Seele gespiegelt hat, aus weiter Ferne ansehe: ihm gleichsam objektiv gegenüberstehe, habe ich den Gesichtspunkt gewonnen, der es mir in seiner Schlichtheit, in seiner Gebundenheit an ursprüngliche Verhältnisse und an eine ebenso ursprüngliche Gebirgsnatur rührend und reizvoll erscheinen läßt; und wie der Maler zum! Pinsel greift, um darzustellen, was zu seiner Seele gesprochen hat, so zwingt mir die Erinnerung an mein Kinderland die Feder in die Hand. Zudem: die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts war eine von der heutigen so verschiedene, als ob nicht eine stattliche Anzahl von Jahrzehnten sondern mindestens hundert Jahre dazwischen lägen. Wie aus grauen Fernen taucht ein Bild, vor mir auf, und von deut Gewesenen erzählt man gerne. * Die Heimat meiner Kindheit und Jugend war der Vogelsberg, der erst spät durch Eisenbahnen erschlossen wurde. Weit ab vom Fuße des Gebirges, da wo die Main-Weserbahn durch die Wet- teran zieht, liegen die Bahnstationen, die in den fünfziger und sechziger Jahren die bem Vogelsberg zunächstgelegenen waren, aber die meisten seiner Bewohner, besonbers die Frauen, lebten und starben, ohne je eine Eisenbahn benutzt zu haben. Nur zweimal wöchentlich kam der Postbote vom nächsten Städtchen in die Dörfer, um Briefe und bett Geistlichen unb Bürgermeistern die „Darmstädter Zeitung" und das Kreisblatt zu bringen. Damit war die regelmäßige Verbindung mit der Außenwelt her gestellt. Bon den Hilfsmitteln, die jetzt mit Blitzesschnelle Nachrichten von Ort zu Ort bringen, stand dem Vogelsberg noch keines zu Gebot, und wichtige Nachrichten wurden vielfach durch Extraboten befördert. In einfachen Familienkreisen waren es meistens Trauernachrichten, die derart ankainen. lind ich erinnere mich noch gut des Seplembertages und der Stunde, wo ich, die Elfjährige, nachdem meinen Eltern eine solche überbracht worden Ivar, vom kindlichen' Spiel auf der Wiese abgerufen und unvermittelt vor das tiefe Rätsel vom Leben und Sterben gestellt wurde, wodurch ich derart erschüttert wurde, daß ich tagelang traurig und in vergeblichem Grübeln einsame Wege aufsuchte. Wenn heute ein zu jener Zeit verstorbener Gebirgsbewohner seine Augen in einer modernen Großstadt noch einmal aufschlagen könnte, würde er sich auf einen anderen Stern versetzt wähnen; und nur inmitten der ursprünglichsten Natur wäre es ihm ntöglich, die Züge der alten Mutter Erde wieder zu erkennen. Doch nein, auch in der entlegensten Gegend, sobald sie nur von einer Straße durchzogen wird, könnte ihn ein ungewohnter Anblick daran zwei- seln lassen, ob er sich aus Erden befindet; es dürfte nur ein Automobil an ihm vorübersausen! und ein Luftschiff, das auch ferne von den Verkehrsstraßen über seinem Haupt dahinziehen könnte, müßte ihm erst recht unirdisch erscheinen. Und wie mühte es ihm am Fernsprechapparat zumute sein, bei der Bemerkung, daß derselbe wie durch ZauVer räumliche Schwierigkeiten überwindet, indem er Menschen in ganz versön- licher Weise mit fernen Menschen in Verbindung .und in ihre Umgebung mit hinein versetzt, deren Geräusche er nebst den Stim- ineit der Sprechenden dem Gehör vermittelt! Wir alle haben uns nach und nach viel zu sehr an die neuzeitlichen Einrichtungen gewöhnt, als daß wir das Erstaunen eines Naturmenschen über dies alles ermessen könnten. 1 l Die großen Erstndungen des 19. Jahrhunderts aus technischem Gebiet haben die äußere Lebensführung der Kulturmenschen mit» gestaltet, und neue Erkenntnisse ihrem' Streben weite Ziele gesteckt. Nur das Menschenherz mit seinem Sehnen, Hoffen unb Bangen ist baSselbe geblieben. , Stille und Ursprünglichkeit lagerten wahrend meiner Kindheit noch über dem ganzen Gebirge uitb aut meisten über dem seine höchsten Erhebungen meilenweit deckenden Oberwald. Seit 1908 versucht der Pfiff zweier Lokomotiven, die eine Kleinbahn über die Höhe und durch einen Teil dieses Waldes schleppen, den letzteren aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Vergeblich! Der Pfiff verhallt, und wie die durch einen Steinwurf entstandenen: Kreise int stillen Wasserspiegel verlaufen, dehnt sich das Waldes- schweigen aufs neue aus, nur unterbrochen durch Naturlaute, hier und da vom Büchsenknall eines Jägers und zuweilen voit frischen Stimmen wandernder Touristen. Dicht am Oberwald unb, zehn Minuten von ber Bahnstation Ilbeshausen hat bie Sommerfrische Hochwaldhansen ihre Pforten aufgetan. Nie aber wird der Vogelsberg eilt Anziehungspunkt für den großen Strom der Reisenden. werden, die nur sinnfällige Schönheit und starke Kontraste in der Natur suchen. Dazu ist er in seinen Hauptzügcn zu ernst und zn schlicht. i Aus den lieblichen, von Bächen durchzogenen Wald- , und Wiesentälern, in welchen fein Fuß wurzelt, erhebt er sich allmählich von Westen nach Osten — einen Reiz des Daseins nach dem andern hinter sich lassend — als ein Bild des Lebens — um zerklüftet oder mit Oedland bedeckt zn seiner letzten Vollendung aufzusteigen. Schwermut und'Ernst breitet sich über diesen, nur von grasenden Herden belebten Oedlandstrichen aus, aber daneben liegen grüne Täler, durch welche die Quellen ihren Weg suchen, an bereit Hängen! sich die mit bunten Blumen überwucherten Bergwiesen ansbreiteit; unb bicht hinter ben kahlen, aussichtsreichen Höhen des Hoherods- kopfs, ber Hercheithainer Höhe, und ber Burgruine über Ulrichstein öffnet sich dem Wanderer das weite Waldgebiet des Oberwaldes mit seinen Märchengründen. Ich gebe gerne zu, daß ich dem Vogelsberg mit zn subjektivent Empfinden gegenüberstehe, um bei der Beurteilung seiner landschaftlichen Seite maßgebend sein zu können, Allein ich finde, daß auch die unparteiisch an ihn Heraittretenden, ihn alsbald durchaus subjektiv, b. h. so verschieden wie möglich beurteilen; und zwar in so hohem Grad wie es nur solchen Land» schäften gegenüber der Fall ist, bereit Reiz nicht nur in sinnfälliger Schönheit, fonbern vielleicht noch mehr im Stimmungsgehalt: in der Art wie sie zur Seele zu sprechen vermögen, liegt. Ich brauche nur an bas Meer zu erinnern, das gleich einem1 stolzen, großen Menschen feine besondere Art auch nicht jedermann offenbart: dessen Macht bie Einen hinreißt, unb Andere kalt läßt oder schreckt. Wer aber zu den Ersteren gehört, wird nicht ach! üppigen Gestade am tiefsten von des! Meeres Größe ergriffen werden/ sondern auf ber weltverlorenen Insel, die allen Glanz von dem' großen Elemeitt empfängt, dem sie mit dürstigem Reiz als demütige Magd zugesellt ist. Ein Zug von Weltferne und stimmungsvoller Dürftigkeit an den mit Oedland bedeckten, weiten Strecken des Bogelsberges erwecken mir ähnliche Stimmungen, als ob ich mich auf einer Insel int Meer befände: Verklungen sind die Stimmen des vielgefchäs- tigen, vielgestaltigen und, ach, so nitruhevollen Lebens; unb bie Berge, bie ernst und in ruhigen Linien zu ihrem letzten Höhepunkt emporsteigen, lenken die Blicke znM Himmel, der sich darüber aus- spannt, und die Seele vom Nichtigen zum Bleibenden; so wie das Meer — in seiner scheinbaren UnerMeßlichkeit der Empfindung Dinge nahe bringt, die menschlicher Verstand nie ergründen kann. Das Gebirge würde monoton wirken, wenn es nur solche Partien hätte, doch wie Tut Menschenleben die Empfindungen, so wechseln auch hier die ernsten und lieblichen Bilder miteinander ab. Uni) wenn ich durch die Täler des Vogelsbergs gehe, zur Zeit, wo dt