of b \<)\3 — lir, $58 Donnerstag, den 4. September ö^ren. Allerdings saß nicht er im Wagen, sondern der kleine, einjährige Sprößling seines Lehrherrn, der nunmehr eine stunde lang im Kinderwagen Erichs Schutz anvertraut wurde. Frau Wenzel hatte entdeckt, daß ihr Kleiner sehr gern bei Erich war, er spielte bei ihm immer viel ruhiger und artiger als sonst, daher wurden Minna die täglichen Äus- sahrten abgenommen und dieses Ehrenamt Erich übertragen. Um halb zwölf Uhr mußte Erich mit seinem Schützling wieder tnt Hotel, sein, denn nun galt es, allerlei Vorbereitungen für die Mittagstafel zu treffen. Unter anderem << lange Tafel für die Abonnenten zu decken, denn im „Goldenen Schwan" speisten die Honoratioren unter den jungen Leuten, welche das böse Geschick in dieses Nest verschla- gen hatte. Es waren dies zwei Herren von der Post und die höheren ledigen Beamten der Stadt. Ein Gericht gab es in Frohwinkel noch nicht, die Leute, welche sich oder andere ver- urteilen lassen wollten, mußten dazu in die nahe Kreisstadt fahren. Dann aßen ein paar junge Kaufleute im „Schwan", Angestellte der wenigen kaufmännischen Geschäfte des Städtchens, sowie ein paar gutsituierte Handwerker, die Gott Hh-- nicht in seine Fesseln geschlagen hatte, trotzdem fast sämtliche Mütter mit heiratsfähigen Töchtern ihnen auf der Fährte waren. Von diesen Tischgästen hatte jeder seinen festen, angestammten Platz, den Erich genau kennen mußte. Denn ein falsches Auflegen der von dem eigenen Serviettenring gehaltenen Serviette hätte für den Pikkolo die fürchterlichsten Folgen gehabt. Wenigstens bei den cholerischen Naturen, und von diesen gab es einige Exemplare unter den Mittagsgästen. Der Herr Postsekretär, der bereits in das Hagestol- zenalter rangierte, und sogar von den Müttern aufgegeben war, wurde dem armen Pikkolo sicher „Eine gewinkt" haben, wie der Fachausdruck in Frohwinkel lautete, wenn er seine Serviette nicht auf seinem Eckplatz vorgefunden hätte. Das wäre ja schließlich nicht so schlimm gewesen, wenn die Backpfeifen im „Goldenen Schwan" nicht ein so wunderbares Echo gehabt hätten. Denn, wenn der Pikkolo von einem gereizten Stamnigast vorn im Gastzimmer eine Ohrfeige erhielt, so schallte der klatschende Schlag selbst nach Minuten noch am Buffet oder in der Küche wieder. Lästermäuler behaupteten allerdings, das seltsame Echo sei in persona in dem, nervösen, groben Hotelier zu finden, der dem Pikkolo für jede, ihm von einem Gast applizierte Ohrfeige noch ein heilsames Senfpflaster in Form einer zweiten Backpfeife gab. Das war aber nur ein Gerücht, dessen Wahrheit unbewiesen blieb, da der Einzige, der es hätte aufklären können, wie das Grab schwieg. Erich ließ die Leute bei dem frommen Glauben an das Echo, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß dies seiner Reputation nur nütze. Uebrigens hatte der Glaube an das Echo nichts so unnatürliches, an sich, denn der „Goldene Schwan" war ein altes Patrizierhaus, mit kolossal dicken Mauern, großen aber dunklen Zimmern und vielen Gängen und wirklichen Korridoren. Da war es nicht unmöglich, daß sich aus früheren Vom Pikkolo zum Millionär. Heitere Erzählung von Harry Nitsch. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) dauerte einige Wochen, bis Erich sich in seine neue Umgebung und Tätigkeit eingewöhnt hatte. Der Unterschied war aber auch gar zu groß. Zu Hause die sanfte Mutter, welche ihrem braven und folgsamen Sohn selten ein böses Wort wurde er dagegen von allen Seiten als Ablage- rungsstatte für Kraftworte gebraucht, die im Komplimentier- buch nicht enthalten sind. Und dabei konnte er nicht einmal wie früher Erholung von den Schattenseiten seines Daseins im traumreichen Schlaf suchen und finden. Früher mußte er zwar auch um sechs Uhr früh aufstehen, dafür wurde die weiche Schlummerstatte aber um neun Uhr abends aufge- Mcht. Da konnte man bis um sechs prächtig ausgcschlafen Jetzt hieß es auch schon früh morgens um sechs Uhr heraus; dagegen wurde es abends zwölf, ia oft sogar ein und zwei Uhr nachts, bis der müde Pikkolo sich in Morpheus Arme betten konnte. Dann war der arme kleine Kerl immer so übermüdet, daß ihn statt der früheren sonnigen, fröhlichen Traume finstere und drohende Schreckgespenster verfolgten, so daß Erich gar oft in Schweiß gebadet erwachte. Das war sehr, sehr bitter, und die hellen, brauneil Augen Erich s wollten sich frühmorgeiis gewöhnlich gar nicht öffnen, wenn der alte Friedrich, das Faktotum des Hauses, der schon unter drei Besitzern seine Funktionen als Hausknecht ausgeübt, weckte. Wenn sich Erich auch an alles Neue Mit der Zeit gewöhnte, an die kurze Schlafenszeit konnte er sich doch nicht gewöhnen. Der kleine Pikkolo war fast immer müde, und spät abends, wenn nur noch die alten Stammgäste un Lokal waren, die lange Zeit bei ihrem Glas Bier oder Schoppen Wein saßen, schlief er gern in einenl Winkel auf hartem Stuhl ein. Erichs Lehre war nicht gerade schlecht, sie war auch nicht gerade gut; vor allem aber war sie sehr „gründlich"! Im ersten Jahr war der kleine Schelm so eine Art Mädchen für alles. Ein älterer Lehrkollege, der bald ausgelernt hatte, betrachtete den Eintritt des neuen Pikkolos als genügen- den Grund, nunmehr so wenig wie möglich zu arbeiten. Es ruhte fast alles auf Erich. Am frühen Morgen half er Friedrich beim Ausfegen. Dann beteiligte er sich beim Staubwischen, wobei er Minna, dem etwas faulen Dienstmädchen, die Hauptarbeit ab nah m. Dann gab es Gläser zu putzen, Untersetzer und Aschenbecher zu reinigen, sowie die vier Zeitungen in die dafür bestimmten Halter einzuspannen. Zwischendurch hatte er den Hotelgästen — es gab nicht viele davon, — das Frühstück zu servieren. Waren diese Arbeiten erledigt, dann trat er seinen Dienst bei der Frau des Hauses an. Jetzt fuhr er stolz spa- 550 romantischen Zeiten noch ein freundliches Echo eingenistet hatte. . War der Mittagstisch beendet, dann setzten sich dre Zungen Leute gewöhnlich zu einem Kaffeeskat zusammen oder spielten eine Partie Billard. Jetzt hatte der Pikkolo seichten Dienst, denn Herr Wenzel suchte seine Privatgemächer auf, um ein Schläfchen zu machen. Erich war dann der lästigen Aufsicht enthoben. Er benützte diese goldenen Minuten gewöhnlich dazu, um auch seinerseits ein kleines „Nickerchen" im Stehen zu machen, denn setzen durfte es sich in Anwesenheit der vornehmen Stammgäste nicht, das wäre ihm schlecht bekommen. Der ewig nörgelnde, grämliche, sich um alles kümmernde Postsekretär wäre bald mit einem Donnerwetter dazwischengefahren. Ueberhaupt der Herr Sekretär. Der war des armen Pikkolos geschworener Feind. Nichts konnte er ihm recht machen. Daß sich jeden Mittag ein Unwetter über des Schuldlosen Haupt entlud, weil der Teller angeblich die Weißheit ves frisch gefallenen Schnees vermissen ließ, war noch zu ertragen. Daß der Sekretär aber auch dem Pikkolo die Schuld beimaß, wenu die dicke Köchin in ihrer ewig wechselnden Verliebtheit die Suppe oder den Braten versalzen Hütte, das war entschieden ungerecht. Auch für abgestandenes Bier hätte er allein Herrn Wenzel verantwortlich machen müssen, denn der Pikkolo hatte auf den Wechsel des Fasses nicht den mindesten Einfluß. Aber der cholerische Postsekretär fluchte auch für diese Verbrechen alle zeitlichen und ewigen Höllenstrafen auf das schuldlose Haupt des Pikkolos hernieder. Es war ein Glück, daß die gütige Vorsehung in ihrer allesumsassenden Weisheit diesen Fall vorgesehen und für ein entsprechendes Aequivalent gesorgt hatte. Sonst wäre der arme Pikkolo sicher vor Kummer und Gram eines frühen Todes gestorben. Zu diesem Ausgleich im Leben des kleinen, mageren, kaum achtzig Pfund schweren Pikkolos — Erich hatte ohne Zweifel vergessen, daß seine Hauptbestimmung Vorerst im Wachsen bestand, vielleicht ließen ihm aber auch seine vielen anderen Pflichten hierzu keine Zeit — bediente sich die Vorsehung der dicken Köchin, welche unter Schwestern ihre zweihundert Pfund oder sogar noch mehr wog. Die Vorsehung liebt solche Scherze, als ob sie damit über das viele Bittere, das sie den Menschen in den Weg legen muß, ein wenig hinweghelfen will. Trotz ihrer zweihundert Pfund hatte die Köchin ein schwaches Herz. Sie konnte das ewig Männliche zu gut leiden. Da sie nie Gegenliebe fand — wer hätte wohl auch den Mut gehabt, diesem Koloß eine Liebeserklärung zu machen? — so wechselte Fräulein Maus auch ständig den Gegenstand ihrer einseitigen Neigung. Als Erich in den „Goldenen Schwan" eintrat, war Fräulein Maus mit sämtlichen Gästen und Freunden des Hotels zerfallen. Sie hatte alle der Reihe nach geliebt, selbst den griesgrämigen Postsekretär, doch ohne die erwärmende Gegenliebe zu fmden. Gerade als sich eine gähnende Leere im Herzen der noch gar nicht so alten Köchin breit machen wollte, trat der kleine Pikkolo als rettender Engel in das Dasein der bisher immer nur einseitig verliebt gewesenen guten Seele. Maus war zwar nicht der wirkliche Name der Küchenfee, aber seitdem vor etlichen Jahren ein schlanker, kecker lunger Kaufmann, ein Berliner, die Zweihundertpfunddame immer schmachtend: „Meine kleine Maus!" gerufen hatte, war der Köchin dieser Name geblieben. Ihr Familienname war vergessen, selbst Herr und Frau Menzel nannte sie Maus. Fräulein Maus war die einzige im ganzen Haus, welche Erich nicht schimpfte und knuffte; war es da ein Wunder, wenn sich Erich zu dem dicken Fräulein hingezogen fühlte? Ihr wiederum tat der arme kleine Schelm leid, der sich sy ängstlich bemühte, es allen recht zu machen und der dafür doch nichts weiter als Schelte und Püffe erntete. Dann erinnerten seine klugen braunen Augen sie auch noch an eine alte, nie vergessene Jugendliebe aus der Zeit, wo sie noch nrcht zweihundert Pfund wog, sondern ein hübsches und stattliches Fräulein war. So entwickelte sich denn ganz von selbst zwischen diesen beiden, vom Schicksal nicht übermäßig Begünstigten ein zartes Verhältnis, das sich bei der Köchin in realer Weise zeigte, wofür der Pikkolo aber durchaus nicht unempfänglich blieb. Fräulein Maus steckte dem kleinen Kerl, so oft es nur gehen wollte, kleine, besonders gut geratene Produkte ihrer schönen Kunst zu. Erich revanchierte sich wiederum, indem er dem dicken Fräulein Dienste und Gefälligkeiten erwies, die er ihr an den Augen abzulesen suchte. Beide standen sich gut dabei; die Köchin hatte etwas, an dem sie ihren Trieb zur Liebe und Güte nutzbringend verwerten konnte, Erich dagegen fing unter den kulinarischen Liebesbeweisen der Köchin langsam an, sich zu entfalten und zu entwickeln. Der Köchin hatte Erich es auch zu dauken, daß ihm nachmittags ein Stündchen für sich blieb, zum Ausruhen oder Lernen; wie er diese freie Stunde verwandte, stand in seinem Belieben. Für gewöhnlich vertrieb er sich die Zeit damit, in dem großen, ausgedehnten Garten des Hotels, in den selten ein Mensch kam, da die Frohwinkler lieber in der düstern Gaststube saßen, herumzutollen, sich mit Friedrich im Pferdestall zu necken, oder den Hühnern einen schüchternen Besuch zu machen, um zu sehen, ob sich unter den gelegten Eiern vielleicht ein solches befand, welches seiner Kleinheit zufolge schon äußerlich bewies, daß es die Henne für ihn bestimmt hatte. Um drei Uhr mußte Erich wieder antreten. Bei schönem Wetter veranstaltete er noch eine kleine Wagenpartie mit seinem Freund und Gönner, dem einjährigen Hotelierspröß- ling, war das Wetter zu Ausfahrten nicht geeignet, so machte sich Erich in der Wohnung nützlich, da Herr Wenzel jetzt den Dienst im Hotel ohne Anstrengung allein besorgen konnte. Nach fünf Uhr stellten sich die Honoratioren langsam ein, die den runden Stammtisch in der Ecke des größeren der beiden Gastzimmer als ihr Eigentum betrachteten, an den sich kein anderer Gast niederlassen durfte. Wagte dies ein mit den Verhältnissen Unbekannter doch einmal, so wurde er so lange mit dolchscharfen Blicken, giftigen Sticheleien, boshaften Wortspielen und wohl gar auch mit allgemeinen, aber sichtlich an feine Adresse gerichteten guten Lehren über Sitte und Anstand in fremden Lokalen, verfolgt, daß er das Feld gewöhnlich nach kurzer Zeit räumte. Mit der Ankunft der Honoratioren begann wieder ein schwerer Dienst für dest Pikkolo. Nun hieß es genau aufpassen, denn die Herren hattest alle ihre besonderen Eigenheiten, denen ohne vieles Fragen Rechnung getragen werden mußte. Zuerst hatte der Pikkolo darauf zu achten, daß jeder der Herren sein richtiges Glas erhielt. Das war schließlich nicht so schwer, denn Erich brauchte sich nur die Namen der Herren zu merken, da der einschcnkende Hotelier ihm bei Nennung des Namens schon das richtige Glas gab. Dann kamen aber die anderen wichtigen Dinge. Herrn Müller, dem dürren Schneidermeister, mußte stets der Bierwärmer mitgebracht werden. Mußte der Meister dieses in Sachsen so heimische Möbel erst verlangen, dann schmeckte ihm gleich das Bier nicht, und er trank statt der gewohnten sechs Schnitt nur einen oder höchstens zwei, was dem Wirt natürlich nicht gleichgültig war. Pikkolo mußte den Ausfall büßen. Der dicke Schmiedemeister dagegen brauchte für jedes Glas Bier ein Stückchen Eis. Er schimpfte fortwährend über das warme Bier, nannte den Schneidermeister grob ein Ferkel, weil er das Bier nach seiner Ansicht kochend trank, mtb angelte mit seiner riesigen Hand in nie versagender Geschick-, lichkeit nach Erichs Ohr, wenn dieser das Eis einmal vergaß. Der Barbier konnte keinen Schaum leiden. „Davon habe ich genug in meutern Beruf", zeterte er mit seiner schrillen Stimme, wenn auf seinem Seidel ein hübsches, weißes Häubchen stand. „Bier will ich haben, Pikkolo, verstehst du mich! Deinen Schaum kannst du dir selbst um den Bart schmieren. Ich mag die Matzerei nicht, als ob man in der Varbierstube sitzt und eingeseist werden soll. Wenn ich Schaum will, kann ich auch zu Hause bleiben, du schaumgeborener Einfaltspinsel." Der Stammtisch brach stets in ein wieherndes Gelächter aus, wenn der wohlhabende Barbier den unschuldigen Pikkolo in dieser Weise apostrophierte. Herr Rose, der Kaufmann und Erichs Pate, verachtete wieder das Bier. „Bier macht plebejisch und bringt auf gewöhnliche Gedanken", sagte Rose einst in seiner gezierten Art. „Habt ihr schon mal gehört, daß ein Weintrinker Verbrecher geworden ist? Die trinken alle Bier oder Schnaps. Ich ziehe den Wein vor. Nur im Wein liegen die guten, edlen Gedanken, und unsere großen, berühmten Dichter und Geistesheroen habest alle lieber Wein als Bier getrunken." „Und Bismarck?" fiel der etwas händelsüchtige Schmiedemeister ein. „Ich habe gehört, daß der Alte eist 551 besonderer Freund des Bieres war. Ihm hat es nichts geschadet." „Ausnahmen bestätigen die Regel, lieber Schmolling", warf Herr Rose mit vornehmer Nonchalance ein. „Ich bin überzeugt, haß Bismarck noch größeres geleistet hätte, wenn er nur Weintrinker gewesen wäre und sich meine Grundsätze zu eigen gemacht hätte." „ Herr Rose diesen Trumpf ausgespielt hatte, strich kr nch überlegen den in der Mitte gespaltenen Backenbart und sah einen nach hem anderen triumphierend an, als wollte er sagen: „Was seid ihr gegen mich doch für traurige Kerle. Ihr habt ja nicht halb so viel Geld wie ich!" Dann nahm er einen gedankenvollen, verständnistiefen Zug aus seinem Weinglas. Herr Rose trank stets eine halbe Flasche Graacher, welche er selbst lieferte, und für die ihm der Wirt daher nur eilte Mark abnahm, während andere Gäste eine Mark und fünfundzwanzig Pfennig dafür bezahlen mußten. Diese Herren saßen bis gegen acht Uhr, dann stellten sich andere, weniger illustre, dafür aber auch anspruchslosere .Gaste em. Auch dem Pikkolo waren diese lieber. Denn während er von den Stammgästen nie, oder wenigstens nur sehr sel- ten, em Trinkgeld erhielt, fiel für ihn abends doch öfter etwas ab. Da blieb ein, „Zweier", zuweilen sogar ein „Fünfer" für ihn bei der Addition der Zeche übrig, was den Pikkolo mit grenzenlosem Stolz erfüllte. Es war ja sein erstes, selbstverdientes Geld. Erich freute sich um so mehr über diesen Goldreden, als er nun in der Lage war, seinem Mütterlein helfend beizuspringen. Der größere Teil seines Trinkgeldereinkommens wanderte zu der Mutter, die noch in der alten, gewohnten Weise ihrer Tätigkeit nachging, und womöglich noch ver- hozelter, vertrockneter erschien, seit ihr Erich nicht mehr um sie war. (Fortsetzung folgt.) Der Odenwald. Von Hans Otto Becker. y Der Odenioald darf sich seit einigen Jahren in einem recht erheblichen Maße der Sympathie der Tauristenwelt erfreuen Gehört er auch nur M den Mittelgebirgen und erreichen seine höchsten Erhebungen nicht viel mehr als 600 Meter, bietet er auch keine Gelegenheit "zu kühnen Klettertouren, so weist doch biefe§' Gebirge eine solche Fülle von Vorzügen und Schönheiten auf, daß es jeden der einmal in seinen Bann getreten, darin festhält und selbst seinen treuen Freunden stets neue Wunder erschließt. Das Wilde, Großartige gebt dem Odenwald fast völlig ab, vielmehr ist sein Charakter auf das Anmutige, Liebliche gestimmt. Große Wasserfälle, Wasserläufe, Seen wird man vergeblich suchen; abgesehen von dem das Gebirge im Osten begrenzenden Marn und bem den südlichsten Teil des Odenwalds durchfließenden Neckar finden wir keine schiff- Nnd flößbaren Flüsse, dagegen eine sehr große Anzahl kleinerer Gewässer: Mümting, Gersprenz und Weschnitz, Modau und Lauter, Ulfenbach, Fmkenbäch und Steinach, die kleinen Forellenbäche, und dazu eine unzählige Menge lustig von den Bergen herabeilender, murmelnder Wässerchen, die alle sind es, die der Landschaft den lebendigen, frohen Eindruck aufprägen und uns den Mängel größerer Flüsse gar nicht empfinden lassen. Ihr kühler Hauch erfrischt uns, wenn wir zu den Höhen hinaiisteigen. Und sie erfreuen ünser Auge, das voll Wohlgefallen den flinken Wässerchen folgt die unter Felsen und über Steine, unter nickendem Farnkraüt ünd blühenden Blumen, durch saftige Wiesen zu Tal eilen. Den Hauptreiz der landschaftlichen Schönheit beS Odenwäldes bildet die Vielgestaltigkeit tn den Erscheinungsformen des Gebirges seine außergewöhnliche .Fülle von hervorragenden Aussichten und Rundblicken und sein herrlicher Wald. Darin ist der Odenwald einzig schön zu nennen. Der nördliche uNd westliche Teil des Odenwalds' gchört geologisch zu den kristallinischen Gebirgen, Hier findet sich in gewaltigen Mengen Granit, Diorit, Diabas, Gabbro itfo. Diese Gesteine bilden meist schroffe Hänge, stark betonte Kuppen und zwischen den Hängen tiefe enge Täler. Dieser westliche Und nördliche Tefl des Odenwalds zeichnet sich zugleich durch reichen Hochwald, hauptsächlich Buchen aus, und gewährt Unter seinem hlohen grünen Laubdach Gelegenheit zu erquickenden Wanderungen. Um nur einige Namen zu nennen, führe ich hier an die Bergwälder-es Frankenstein, Melibokus, Neunkircher und Seidenbucher Höhle, der Tromm. Im Gegensatz dazu besteht das östliche und südliche Gebirge aus Buntsandstein. Dieser bildet aber meistens sanft geneigte .Abhänge, langgestreckte Höhlenzüge, weite flache Täler und zeigt ruhige große Flächen und einfache Linien. Es besteht also ein merklicher Unterschied zwischen beiden Teilen des' Gebirges. Der Osten, der einen gewöhnlich fremd an- mutet, Weil er so viel ernster, rauher und stiller erscheint, als der Mhast bewegte wesWche Teil, hat doch auch seine intimen Schönheiten und er gewinnt, hat man ihn einmal kennen gelernt, den Wanderer so sehr für sich, daß man ihn gar nicht mehr missen mag. Der einzige Grund, weshalb der östliche Odenwald leicht den Eiu- druck der Gebe erweckt, ist sein Mangel an Laubwald: hier herrscht fast ausschließlich die Kiefer und drückt allerdings manchen Partien des Gebirges den Stempel des Trostlosen auf, gewahrt auch in der Hitze dem Wanderer keinen Genuß, so daß der weniger widerstandsfähige Tourist solchen Gegenden vielleicht lieber fernbleibt, Wenn er sich nicht allein durch die herbe Schönheit dieser Landschaft entschädigt fühlt; das darf und muß gesagt werden, gerade im Interesse des Verkehrs und des Gebirges selbst, damit niemand ihm Mit falschen Vorstellungen entgegenkommt. Dann finden sich im mdlichen Odenwald weite Strecken von Eichenschälwald, von deul in landschaftlicher Hinsicht dasselbe gilt wie von beit Kiefernwäldern ; interessant ist übrigens der Schälwaldbetrieb, wenn im Frühmhr die Eichenstöcke geschlagen und durch Klopsen entrindet werden, worauf die Rinde, die zum Gerben dient, hoch aufgetürmt auf Wagen durch hie Täler abgefahren wird, ©er ab geholztes Malo wird dann abgebrannt und man läßt die Eichen aus den Wurzelstöcken wieder neu ausschlagen. Mitunter wird auch auf solch einem Stück abgeholzten Waldes Getreide gebaut, mitten im Wald, und die roten Sandsteinbrocken liegen zwischen dem Aehren- feld — ein ganz seltsamer Anblick ünd eine sehr eigenartige Wirtschaftsmethode! ^. Zene ünvergleichliche Fülle von landschaftlich schönen Aüs- blicken ist eben, dem ganzen, großen Gebiet zwischen Main- und Neckartal, Rhein- und Mainebene, einerlei, welcher geologischenj Formation es angehört, gemeinsam. Es darf 'dreist gesagt werden, daß es kaum ein Gebirge gibt, das so viele und so überwältigende Aussichten enthält, jwie gerade der Odenwald. Bon den ^zahlreichen Berggipfeln und Höhenwegen schweift der Blick weithin über die Lande, über Bergwälder und Täler, Wiesen und Kornfelder, Dörfer und Bürgen. Und weit über die Ränder des! OdeNlvaldes hinaus ruht das Auge auf der Main- und Rheinebene mit ihren Städten, bem silbernen Rhein mit seinen Domkirchen von Worms iunb Speyer und auf den Nachbargebirgcn Spessart, Taunus, Hardgebirge und Donnersberg. Eine einzige Wanderung von Norden nach Süden oder von Westen nach Osten entrollt uns eine überraschend große Zahl immer neuer und reizvoller Bilder. Wesentlich unterstützt wird dabei der Wanderer durch die Aussichts- türme, die der Odenwaldklub auf den hervorragenden Bergen erstehen „ließ als ragende Warten; sie erschließen erst manche sonst von Bäumen Verwachsene Aussicht und ermöglichen den Genüße herrlicher Panoramen. Ein höchst interessantes Naturschauspiel bietet das weitbekannte Felsenmeer am Südabhiang des Ftisbergs, einige 'Gruppen von anscheinend wirr durcheinandergtivürfelten Felsblöcken von oft riesigen Dimensionen, die ihre seltsame Gestalt und Anordnung dem Einfluß der Verwitterung verdanken, die jene festen Kerne von den minder widerstandsfähigen Teilen des Gesteins losgeschält hat. Zu diesen von der Natur gebotenen Reizen gesellen sich zahlreiche Schönheiten, die Menschenhand geschaffen hat, die Burgen Und Schlösser, die auf den Bergen thronen, jetzt freilich oft nur noch Ruinen, aber immer noch Wahrzeichen wehrhafter Vergangenheit, und die trauten alten Städtchen in den Tälern mit ihren Erinnerungen an bürgerliche Künst und Arbeit. Der Freund der Kultur- und Kunstgeschichte wird im Odenwald gar manche wertvolle Anregung gewinnen, denn der architektonisch interessanten Bauten sind im Odenwald gar viele. Die Feste Breuberg bei Neustadt, deren Architektur die Stile des 12. bis 16. Jahrhunderts aufweist, aus der .Ferne gesehen auf ihrem steilen Bergkegek heute noch wie ein Bild von Merian anmuteni), enthält einen! prächtigen Rittersaal mit mythologischen Darstellungen in weißem Stuck in Reuaissancemanier. Schloß Lichtenberg ist ein echter edler Renaissancebau, die Mildenburg zwischen Amorbach und Wäld-Leiningen eine wundervvlle Ruine aus romanischer Zeit. Aus der fränkisch-karolingischen Zeit stammt die berühmte Ein- hardsbasilika bei Steinbach und die Torhalle des Klosters Lorsch. Reiche, für den Freund der Külturgeschichte ungemein wertvolle Schätze birgt das Schloß der Grafen zu Erbach, das mit den größten Müssen mit Erfolg konkurrieren kann; im Rittersaal find namentlich prachtvolle Rüstungen historischer Persönlichk keiten (Kaiser Friedrichs III., Kaiser Maximilians, Gustav Adolfs/ Wallensteins n. a.) zu sehen. Manche geschichtliche Erinnerung rufen die zahlreichen Burgen und Schlösser wach. An die glanzvollste Zeit des Mittelalters werden wir erinnert, wenn wir Schloß Lichtenberg besuchen, wo der sangesfreundliche Graf Diethcr II. die ritterlichen Minnesänger, Herrn Walther von der Vogelweide und Heinrich Tannhäuser, bei sich hu Gast sah. Auch an die Kreuzzüge erinnert uns Diether von Lichtenberg, der Damietie belagerte. Bon den Fehden des Mittelalters ünd den Kämpfen des Bürgertums gegen die adligen Raubgesellen erzählen die Ruinen der Schlösser Tannenberg und Bickenbach, von Sickingens Fehde gegen den Landgrafen Philipp von Hessen die Manern von Darmstadt und Zwingenberg ; auf dem Alsbacher Schloß saß Philipps Freund, Herzog Ulrich von Württemberg, solange er aus seinem Lande vertrieben war, als Gast, bis ihn der Landgras mit Waffengewalt wieder in sein Land einsetzte. Am Bauernkrieg hauste in dem Städtchen Miltenberg und dem Kloster Amorbach der helle christliche Haufe Odenwalds und Neckartals unter Götz von Ber- 552 licknnaen mnb Jörg Metzler von Ballenberg. An die fürchterlichen «eiten des dreißigjährigen Krieges gemahnt uns ernst der Düs- berg bei Neckargemünd und der Otzberg, Lindenfels und Bense- heim und an die Raubkriege Ludwigs XIV. gar manches zerstörte Schloß. . „ , „ , Auch aus der ältesten Zeit finden sich mteressante Ueber- reste. Bon der Herrschaft der Römer und der hohen fAiltur dieses weltbezwingenden Volkes kündet der weltberühmte Bfahl- qraben und die sogenannte innere oder Mumlingslrme mit ihren Kastellen Der Pfahlgraben berührt den Odenwald auf der Strecke Walldüren—Miltenberg, die beide Kastelle warm. Von Miltenberg bildet der Main die nasse Grenze bis GroA-Crotzenburg und nur an den Mündungen der aus dem Odenwald oder Spessart kommenden Gebirgsbäche smden sich hier Kastelle bei Trenn- furt, Wörth, Obernburg, Niedernberg/ Stockstadt und Seligenstadt. Die Mümlingslinie zieht sich innerhalb des vom Pfahlgraben abgegrenzten Gebiets auf den Hochflächen auf dem rechten Ufer der Mümling hin und stellt eine Signallime dar. Bei Neckarburken beginnt diese innere Linie, dann folgen die Kastelle von Schlossau, Hesselbach, Würzberg, Eulbach, Vielbrunn Lützelbach Nicht zu vergessen sind die römischen Steinmetzarbelten auf dem Felsberg, vor allem die bekannte Riesensäule, die auf der Flucht vor den einbrechenden Germanen verlassen wurden. Es find staunenswerte Werke der antiken Technik. Die nahe dem Felsberg von Darmstadt nach Heidelberg führende Bergstraße ist eine alte Römerstraße. Aus vvrrömischer Zeit endlich sind die Ringwälle des Odenwalds zu erwähnen, die germanischen oder keltischen Ursprungs sind, so die Hainenburg ber Lichtenberg und die Wälle auf dem Heiligenberg bei Heidelberg und auf dem Eichelberg. Ansiedlungen und Gräber aus der Hollstadtzeit finden sich im Wald vor Traisa bei Darmstadt. Nicht nur der Sinn für Wissenschaft und Kilnst erfährt im Odenwald Anregung, sondern auch das Gemüt durch die Romantik des Gebirges. Der Odenwald ist eine, uralte Kultus- stätte des germanischen Gottes Wotan. Auf diesen Kultus ist zweifellos die schönste aller romantischen Sagen zurückzusühren, die Rodensteinsage und die Mär vom Schnellertsgeist. lieber Fränkisch-Crumbach erheben sich im düsteren Fichtenwald die letzten Reste der Burg Rodenstein, ein Bild von landschaftlich hervorragender Schönheit. Wenig zu sehen ist noch von der Ruine Schnel- lerts bei Böllstein. Beide sind der Schauplatz der Sage vom wilden Jäger, vom Ritter Rodenstein, der, wenn dem deutschen Reiche Kriegsgefahr droht, nächtlich hinauszieht mit Lärm und Hundegebell und Peitschenknall, um seinem. Volke die Gefahr zu künden und seinem Kaiser zu Hilfe zu eilen. Dann ist des großen Nationalepos, des Nibelungenliedes, zu gedenken, das den Tod seines Helden Siegfried in den Odenwald verlegt. Jene Jagd, auf der Siegfried an einem Brunnen erschlagen ward, führte nach dem Lied in den Odenwald; nun streiten sich freilich zwei Stellen im Odenwald, der Schauplatz des Todes des hehrsten Helden der deutschen Sage zu sein, es gibt einen Siegfrieds- brunnen bei Hüttental im Tal der Marbach, südlich des Lärmfeuers, und einen andern bei Grasellenbach am Spessartskopf. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Dichter des Nibelungenlieds die Gegend von Hüttental gekannt und geschildert hat, ist nicht von der Hand tzn weisen. An Ruinen und Schlösser knüpfen sich dann noch manche Lokalsagen, vom Ritter Georg von Frankenstein, vom Auerbacher Schloß, Ann-Else von Tannenberg usw. Aus der kurzen Skizze ist wohl zu ersehen, daß es doch mancherlei Sehenswertes im Odenwald gibt und daß sich der Besuch des Gebirges schon lohnt. Nur noch wenige Worte seien mir über die Geschichte des Gebiets vergönnt. Der Name Odenwald ist sehr alt, hat aber, was im Anschluß an die oben berührte Wotansverehrung bemerkt fei, mit dem Namen Odin nicht das geringste zu tun, da dies die nordische, in Deutschland ganz unbekannte Bezeichnung des Gottes ist. Was Odenwald eigentlich bedeutet, darüber ist sich die Wissenschaft noch nicht einig. Die Bezeichf- nung Odenwald findet sich im Mittelalter vor allem für den südöstlichen Teil des Gebirges, die dem Main und Neckar benachbarten Landstrecken; das geht aus dem Bund der „Neun Städte auf dem Odenwald" hervor, zu denen Amorbach, Miltenberg, Mosbach und andere gehörten. Im Laufe der Zeit hat die Benennung Odenwald sich immer mehr nach Norden und Westen ausgedehnt, so daß auch jetzt die Bergstraße, der westliche Rand, mit dem das Gebirge steil zur Rheinebene abfällt, zum Odenwald zählt. Das Gebiet gehörte früher vielen Landesherren, den Grafen von Katzenellenbogen, die auf Lichtenberg saßen und deren Nachfolger die Landgrafen von Hessen wurden, den Grafen von_ Erbach und Wertheim, dem Kurfürsten von der Pfalz, dem Erzbistum Mainz und dem Bischof von Worms, daneben noch zahlreichen kleinen Herren war das Gebiet untertan, das zum Segen für jedermann von Napoleon I. an Hessen, Baden und Bayern gegeben wurde, um der Viel- und Kleinstaaterei ein Ende zu machen. Der weitaus größte Teil des Odenwalds ist hessisch, er gehört zur Provinz Starkenburg. Im ganzen umfaßt er ein Gebiet von 2400 Quadratkilometern, indem er sich etwa 65 Kilometer in die Länge und 45 Kilometer in die Breite erstreckt. Das ganze Gebiet ist leicht zu bereisen und zu durchwandern. Mehrere Eisenbahnlinien vermitteln den Verkehr: Frankfurt— Darmstadt—Heidelberg, Heidelberg—Würzburg, Heidelberg—Herl«! bronn, Hanau—bezw. Darmstadt—Eberbach, sowie einige Nebenbahnen, Postomnibus und Automobillinien bieten reichliche Gelegenheit, das Gebirge nach allen Richtungen zu besuchen. Zum Wandern bietet sich die große Annehmlichkeit einer vom Odenwaldklub geschaffenen vorbildlichen und vortrefflich imstande gehaltenen Farbenmarkierung. Sie durchzieht in zahlreichen Linien das ganze Gebirge von Norden nach Süden tote von Osten nach Westen, und ermöglicht jedem, der noch so unbekannt in der Gegend ist, sich sicher Mrechtzufinden; keine Sehenswürdigkeit, kein landschaftlich hervorragender Punkt, der nicht auf markiertem Wege zu erreichen wäre! Die Verpflegung im Odenwald ist gut und billig, jeher kann 'feinen Ansprüchen je nach seinen Mitteln Rechnung tragen; vor allem kann, wer mit bescheidenen Mitteln auskommen muß, angemessene Unterkunft finden. Das Klima des Gebirges ist je nach der Lage verschieden; weist die Bergstraße, an der ein feuriger Wein wächst, Mandeln und Edelkastanien reifen, ein weiches, fast südliches Klima auf, zeichnen sich die höheren Lagen durch kräftige reine Lust aus, so daß jeder nach feinem individuellen Bedürfnis Befriedigung finden kann. Das gilt eben ganz allgemein: es wird jeder im Odenwald schon Genuß, Anregung und Erholung in hohem Maße finden! Vernn Letztes. "Eine Vendetta nach 38 Jahren. Einen neuen Beweis dafür, ivie tief das grausame Gesetz der Vendetta in der Volksseele des Sizilianers veranlert liegt und wie schwer es dem süditalienischen Volkstemperament wird, ein Verlangen nach Rache zu überwinden, liefert eine Tragödie, die sich in der Nacht vom letzten Samstag zum Sonntag in Palermo abfvielte. Am 18. Oktober 1873 war Salvatore Amoroso mit einigen feiner Brüder von dem Schwurgericht in Palernto zum Tode verurleilt ivorden. Seiner ausgezeichneten Führung während der Halt verdankte es der Veriirlellte, daß die Vollstreckung hinansgeschoben wurde, und als bald darauf das neue Strafgesetzbuch, das die Todesstrafe aufhob, zur Einführung kam, wandelte man die Strafe Amorosos in lebenslängliches Zuchthaus um. Durch einen weiteren Gnadenakt des Königs wurde später das Urteil auf 39 Jahre Zuchthaus und 3 Jahre Polizeiaufiicht ermäßigt und da sich Amo- roso in den folgenden 20 Jahren ein ausgezeichnetes Führungsattest erwarb, wurde er am 10. April 1911 unter Erlassung einer Abbüßung der letzten 5 Jahre auf freien Fuß gesetzt. Als gebrochener 66jähriger Mann, als stiller müder Greis, kehrte er zu seinen Angehörigen zurück, zwei Schlaganfälle traken den von feinem herben Schicksal Entkräftete». Er wohnte bei feinen Schwestern, die feit der Nerurteilcmg ihrer Brüder ein zurückgezogenes Leben geführt halten und sich durch ihr bescheidenes und ordentliches Wesen die Zuneigung ihrer Nachbarn zu erwerben gewußt hatten. Tie Polizeiaufsicht Amorosos ergab immer wieder, daß er sich einwandfrei führte; die Polizeiberichte betonten dabei, daß auch abgesehen hiervon der erschütterte Gesundheitszustand und die Schwächlichkeit des alten Mannes alle Bedenken der Aufsichtsbehörden ausfchließen müsse. Allnächtlich erfchien die mit der Ueberwachung der unter Polizeiaufsicht stehenden Personen beauftragte Polizeipatrouille vor deut Hause Amorosos, klopfte leise, worauf der Alte die Tür öffnete und damit zeigte, daß er zu Hause war. Am letzten SamStag ertönte in der Nacht das Klopfen lauter und gröber als sonst. „Wer da ?" „Die Runde". „Hier bin ich", antwortete der alte Amoroso, öffnete, ein brennendes Licht in der Hand, die Tür, fah etivas aufblitzen, hörte Schüsse und sank dann, von 4 Kugeln in Herz und Lunge getroffen, tot zu Boden. Die beiden Mörder, die doppelläufige Gewehre getragen hatten, verschwanden in der Nacht. Nach allen Einzelheiten handelte es sich um eine alte Vendetta aus den Jugendtagen Amorosos: die 38 im Zuchthaus verbrachten Jahre und das traurige Schicksal des gebrochenen alten Mannes hatten nicht genügt, das Racheverlangen der Feinde zu versöhnen. * sDie kleine Schiebung. Johnnys Mama hat festgesetzt, daß für jeden Fleck auf dem Tischtuch 10 Cents Straf« gezahlt werden müssen. Eines Tages beobachtet sie, wie Johnny längere Zeit mit dem Finger auf dem Tisch Herumreibt. „SM tust du denn da?" fragt sie. „Ach, nichts," entgegnet er harmlos. ,„Fch hab' nur aus zwei Flecken einen gemacht." palindrom. Bald unbequem, bald sehr erwünscht Komm' ich den Menschen, vorwärts gelesen. Liest du mich aber umgekehrt, Bezeichnet mein Name ein menschliches Wesen. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Grog — Eger - Ober — Rebe — Georg — Eber — Beere - Ero3 — Eosegger — Sego; Georg Ebers. Redaktion: I. V.: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Nniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-