Samstag, den 3. Mai -2D W a Klffi Sheb&a g-W l£8flk M! ^WMZ ®E '•tor. c<■.' ,,Das wollen wir nachher schon sehen!" schrie Bern- Hobler. „Der soll mich kennen lernen, der Lump, der wortbrüchige !" „Ihr sollt nicht so über meinen Bater sprechen!" Wie ein leidenschaftliches Schluchzen kaM's über die jungen Lippen, syis ein Heiserer, qualvoller Schrei. „So, dir willst uns vielleicht das' Reden verbieten? Da schau her,." „Ich will es jedenfalls nicht mit anhören!" stietz Hildegard bebend hervor. „'Ich kann es nicht ertragen. Mein Vater ist arm gewesen und unglücklich. Das Schicksal hatte ihn ganz zermürbt. Aber weil er sich damals in seiner per- zweifelten Stimmung von dem kleinen Kind trennte, das er ja doch nicht mitnehmen konnte auf die weite Reise, darum ist er doch kein herzloser Mensch, kein Lump! Und es ist ja natürlich, -bja'tz es ihn HÜnzieht zu der erwachsenen Tochter, daß er sich nicht ganz stunrm beiseite drücken kann. Er hat mich trotz allem so tim Er war so unbeschreiblich glücklich, datz ich mich nicht von ihm ab-gewendet h!abe." -„So, 11 nd du meinst vielleicht, datz wir das zugehen, datz du jetzt mit dem Maler herumziehst, wo dich die Leut' d-och -alle für unser Kind halten, datz wir am End' den Vater auch noch mit in's Haus nehmen.sollten?" warf Adolf hin mit z-ornheiserer -Stimme. „Ganz recht hast," hetzte [bie Großmutter. „Das mutzt ihr gleich von Anfang an ausblasen. Was da die Leut' sagen täten! Keinen Schritt darf sie mehr mit dem Menschen gehen und überhaupt verbiet'st i^r, Satz sie noch einmal mit ihm redt. So einen Anhang können wir »et brauchen i" „Ja, das bist uns schuldig," mischte sich Malt ein, sanfter, aber doch auch sehr bestimmt. „Das haben wir Wohl an dir verdient, Hildegard. Du heißt Bernhobler, Und der Herr Holst geht dich gar nichts an!" „Aber Mama! "flehte Hildegard in heißer Herzensangst. „Ich bin doch trotz allem sein Kind!" ' Der warme zärtliche Ton der Worte reizte Adolf nur zu stärkerer Empörung: i -„Was! Wir haben dich an Kindesstatt ang'nommen, wir haben dich grotzg'zogen, zu uns g'hörst!" brauste er auf. „Vor einer W-och' hast von deinem Vater noch nix g'wutzt. Also wirst dir ihn wohl ivieder aus dem Kopf schlagen können! Der Mensch darf einfach net für dich da sein! Du hast dich nix UM ihn zu kümmern, so wenig er sich um dich' Mmmert hat. Versprich mir's, datz es' heut' das letzte Mal g'wesen ist, ivo du mit ihm g'redt hust und dann sind wir ivieder gut miteinander und es bleibt beim alten." Er streckte Hildegard seine breite Hand entgegen und wartete mit drohender Ungeduld auf ihre Antwort. Aber vor dem jungen Mädchen stand das liebevolle, herzensivarme, von Leid durchfurchte Gesicht, das Heute bei ihrem Anblick wie verklärt ausgeleuchtet hatte, sie hörte die flehenden Abschiedsworte: „Verlaß mich nicht ganz, 'mein Kind!" und sie schüttelte mit den Tränen kämpfend, die ihr nach den heftigen Gemütsbewegungen der letzten Stunden in die Augen traten, verneinend das Haupt. sZch kann das nicht versprechen! Es tut mir ja so lerh! Bei aller Dankbarkeit für euch — mein Herz zieht mich aber auch zu ihm. Er ist doch mein Vater! Seid doch- nicht grausam!" - Die Großmutter stieß ein kurzes, höhnisches Lachen aus. Ihre kleinen scharfen Augxn in dem von tausend Fältchen gezeichnete» HefM ivaxen fest auf den .Sohn seri.ch- — 270 — Ueb erwacht, mit blassen: Gesicht trat sie an: Morgen in das- Wohng-immer. Mit hem Tageslicht war eine leise Hoffnung in ihr er« wacht, haß ihr Papa dsteses furchtbare „entweder, oder" gilt? bÜcknehMeu, daß sie setzt, ohne ote Gegenwart der feindseligen, alten Frau Verstäuldüts finden könnte Mr den unlösbaren Zwiespalt in ihrer Seels. - Papa dsteses furchtbgre „entweder, oder" gilt? aß sie setzt, ohne die Gegenwart der feind- F'rau Verstäuldüts finden könnte Mr den viespalt in ihrer Seels. - Adolf und Mali sahen schon beim Frühstück. Mali war nipch in ibrem Morgenrock und! sah alt und 'großmütterlich aus mit dem aufgedrehten Haar unter dem weißen Kairo nenhänbcheit. tet, als tvollte sie ihn aufstcicheln aus seinem Phlegma, ihn zu eittem energischen Dazwischen fahren anregen. Zustimmend, antreibend nickte sie ihm gut, als er dann schweratmend mit finsterem Gesicht das junge Mädchen an« schrie: ,,, . ,, : .Ich will dir was sagen: da braucht s gar nicht viele Wort'. Entweder Äst sdn hei uns daheim' oder bei ihM! Entweder bin ich dein Pater oder er! Wenn dich den« Herz zu dem Menschen hinzieyt, den du kaum kennst, der dich einfach z'rücklafsen hat, wie ein armes, heimatloses tzundel — ja, nachher geh nur, nachher lauf nur hin Kl ihm! Aber dann sind wir auch geschiedene Lent'. Das gibt's uet, daß ich mich von die Lent' auslachen lass', lind wenn du dem notigen Maler seine Tochter sein willst, statt die nieinige, dann tu dir nur keinen Zivang an. In 'mein Haus kommst mir aber nachher uet mehr herein, da heißt's einfach: entweder, oder! Ich meine, die Wahl wirst du dir überlegen, wenn deinen Verstand nicht ganz verloren hast!" Mali schaute mit ihren nassen, rotgeränderten Augen angstvoll bald auf ihren Mann, bald auf das junge Mädchen, 7,Ja, gelt, Hildegard," suchte sie gilt begütigen und streichelte sauft das braune Haar der Tochter. „Du überlegst dir heut' Nacht, was der Papa g'sagt hat und morgen bist wieder g'scheit und siehst ein, daß er recht hat und daß es am besten ist, wenn du deinen Vater gar uet mehr siehst. Es geht ja uet anders. Du mußt dich, schon zu uns halten, wir drei, wir g'hvren ja doch z'sammen'!" Hildegard konnte die Tränen nicht Mehr gurückhälten. Diese sanfte, gute Stimme rauhte ihr den Rest von Fassung. Es war zuviel, was auf ihr junges Herz einstürmte. Meinend, keines klaren Gedankens mehr fähig!, küßte sie Mali mit einem leisen „Gute Nacht" und wollte gehen. Mer als die Großmutter ihr mit schrillem Ton nachrief: ■ ! „Ich mein' halt auch, du wirft dich riet lang' b'sinnen Müssen," dä hob' sie mit einer trotzigen Bewegung das Haupt. . „G'sund wär dir's, meine Liebe, wenn du's einmal eilt paar Tag' lang verschmecken müßt, wie's anderswo gugeht. Kein'Geld hint' und vorn, so eine notige Maler- Wirtschaft! Da tätst aber bald mürb!' werden und gute Seiten aufziehn bei uns!" Diese letzten Worte hörte sie noch. Dann floh sie in ihr Zimmer und einen Moment lang spar es ihr, als müsse sie fort, gleich jetzt, ohne weiteres Besinnen, nur, um der alten hämischen Frau zu zeigen, daß sie sich nicht halten ließ von dem Bernhoblerschen Reichtum, daß sie sich nicht fürchtete, mit ihrem Vater die Armut gut teilen. Aber ein Blick auf den NachthimMel, auf die einsame Straße, Machte sie doch wieder wankend in diesem letden- fchaftlichen Entschluß. Ihr schauderte namenlos vor diesem ersten Schritt hinaus in das Dunkel, in die unbekannte Zukunft. Kit einem Male fühlte sie doch, wie schwer es ihr wurde, sich von diesem Heim loszulösen, in dem sie geborgen gewesen seit ihren Kindertagen, wie unmöglich, wie unfaßlich es ihr doch war, daß sie fort sollte von ihrer MaMa . Wie ein Sprung ins Leere, ins Uferlose, schien es ihr. Und dann dachte sie wieder an . den einsamen Mann Mit den warmen traurigen Augen und sah ihn verlassen, krank, hilflos, und es war ihr, als strecke er voll Sehn- K'bie Arme nach ihr ans, und sie nannte sich feig, erstich feig!, weil sie noch überlegen und' zweifeln konnte, weil ihr solche .Ängstschauer über den Rücken rieselten. Wer Papa Bernhobler war sichtlich schon zum Ausgehen augeziogen und machte eine finstere Miene. „Mo, bist heut Nacht gin einem' vernünftigen Entschluß kommen?" fragte er barsch. Seine Mutter hatte ihm noch aus's wärmste befohlen« nicht weich zu werden, um keinen Preis nachgugeben. . Da Hildegard schwieg, fuhr er fort: „Weißt, ich red jetzt vor allem mit dem Herrn Holst, Ich werde ihm' auf gut Bayrisch meine Meinung sagen. — Da, da ist die Schrift, unter der sein Namen steht, die werd ich ihm unter die Nasen reiben. Und wenn er ein bißl Ehr im Sei& hat, und' wenn er es ein bisst gut meint mit seinem eigenen Kind, nachher muß er ja einsehen, _ daß er dir dein Leben nicht verpatzen darf, daß er ni.t Gescheiteres tun kann, als sich sobald wie möglich aus' dem Staub' z' Machen. Er tat mir leid, wenn ich grob Werden müßt. Aber er hält sich's nur selber zuz'schreiben, wenn er nicht gutwillig nachgibt. — No also, ich geh! Wo ist das Atelier? In der Neureutherstraß'! Ist schon recht!" Er nahm den Hut, stülpte ihn auf den Kopf, nickte seiner Frau zu, die mit wehmütigem Gesicht dafaßi, und wollte fort. Hildegard hatte geschwiegen in einem letzten schweren Kampf, i Nun sprang sie auf, legte ihre Hand auf den Arm des Vaters und rief in heftiger Erregung: „Nein, nein! Du sollst ihm nicht weh tun! Du sollst ihn nicht fortschicken in die Fremde! Ich muß zu ihm! Ich fühle, daß es Meine Pflicht ist! Davon löst mich keine Unterschrift, kein Versprechen! Da drinnen fühle ich's in meinem Herzen. Ich weiß ja, daß ich undankbar bin gegen Euch. Aber Ihr zwingt mich! ja zu der furchtbaren, Wahl! Vielleicht vergebt ihr mir, wenn ich fort bin! Vielleicht denkt ihr milder in einiger Zeit!" „So mach, sdäß du fortkommst, du undankbares Geschöpf!" unterbrach Adolf sie mit wutentstellter Stimme. „Aber das sag ich dir, wenn du mich uet mit aufg'hobne Händ' um Verzeihung bitt'st, wenn ich dich', net auf die Knie seh vor deiner guten Mutter, die dir so viel Gut's 'tau hat, nachher kommst mir net mehr in mein Haus! Wir zwei sind fertig miteinander! Und dich wird's noch reiten, blutig wird's dich reiten. Aber du hast dir dein Unglück selber zuzuschreiben!" Auch Mali wendete sich ab, als Hildegaro sich noch einmal nähern wollte. Wie in einem dumpfen Traum packte sie das Aller- nötigste in ei» Köfferchen zusammen, bat schüchtern, daß man ihr einen Wagen hole, und fuhr dann fort, in jenem gewissen Stumpfsinn, der sich zuweilen in den entschei? dendsten Stunden des Lebens über die Seele breitet, als sollte eilt barmherziger Schleier sie umhüllen, während das Schicksal den Menschen sorireiM aus neue, dunkle Wege. Dann klopfte sie an der Ateliertür, stammelte mit blassen Lippen: „Vater! Ich komme zu dir! Für immer! Sie haben mir die Wahl gelassen zwischen dir und ihnen. Ich konnte nicht anders!" Sie hörte 'einen Jubelschrei, fühlte sich nntsch'lungen von starken Armen, zärtliche Worte klangen an ihr Ohr. Run wüßte sie, dgß sie das Rechte getan hätte, trotz allem. 1 (Fortsetzung folgt )! Marga betätigt sich sozial. Skizze von M. Lüning (Hannover). -„Na, und was macht Marga?" „Die betätigt sich sozial," entgegnete die stolze Mutter, nickte mit dem Riesenhut und sah mit überlegenem Lächeln auf ihre beiden Neffen herab. „Famoses Mädchen!" sagte der kleine Kadett keck, indem er feilte zu großen weißen Handschuhe recht fest anzustreifen versuchte. Der Unterprimaner aber bewährte wieder, wie leider so oft schon, seine erschreckende Unfähigkeit, sich durch Tante Leonie imponieren zu lassen, und fragte ganz impertinent sachlich: „Was verstehst du unter, betätigt sich sozial".?" „£), das saun ich dir sticht so int einzelnen sagen, mein Junge, Es ist so vielerlei. Erft hatte sie einen Kursus in Kinderpflege^ und ttun hört sie Vorträge über Arbeiterversichernng und must auch Aufsätze darüber machen. Und dann ist sie Schriftführerin 271 in dem herein für intellektuelle Hebung der Fragen der ärbeitenben Klassen. Ja, sie ist wirklich recht tüchtig." „Und wie geht es Onkel Georg?" „O danke, wie immer. Das Wetter ist freilich gerade ungünstig. Allerdings, jetzt, da bit mich danach fragst, fällt mir ein, ,er klagt letzte Zeit etwas. Das geht aber vorüber. — Herrgott, da schlägt cs eins. Adieu, Jungens. Kommt doch mal zum Abend gemütlich zu. uns." — — — Da Fritz, der Kadett, eine stille Verehrung für die einige Jahre ältere Marga hegte, der er ohnehin nur während des kurzen Urlaubs frönen konnte, hatte. Ludwig, der Unterprimaner, natürlich aus brüderlicher Liebe nachgeben und bereits am folgenden Wend ein brennendes Verlangen bekunden müssen, Tante Leonie und Onkel Georg zu besuchen. Zunächst trafen sie weder Tante Leonie noch Marga zu Hause, und so wurden sie erst in Onkel Georgs Zimmer geführt. Ein stilles kleines Zimmer. Eine Lampe mit grünem Schirm land auf dem Tisch, und neben dein Tisch im tiefen Klubsessel atz der alte Oberst und hatte eine Zeitung in der Hand, die er edoch nicht zu lesen schien. „Das ist recht, Jungens," rief er mit unerwartet lebhafter Stimme, als Ludwig und Fritz in den Lichtkreis traten. „Tante Leonie hat uns eingeladen," sagte Fritz, der immer eines Vorwandes zu benötigen glaubte, wenn er Margas Elternhaus besuchte. „Ich hoffe, ihr wäret auch ohne das 'mal rangckommen!" „Marga ist noch aus?" fragte Ludwig als der Unbefangenere. Der Oberst lachte: „Das braucht inan kaum zu sagen. Fort- sein ist ihr normales Verhältnis zum Hause." Er sprach ohne eine Spur von Bitterkeit. Aber wie er so da saß, von seinen rheumatischen Schmerzen geplagt, die noch ein Kriegsandenken waren, kam er Lndwig mit einem Mal entsetzlich einsam vor. „Fritz, sei doch so gut, imb reich mir mal die Rangliste herüber," bat der Oberst. „Ich wollte bloß mal einen Namen nachschlagen. Aber das Ausstehen wird mir heute sauer. Ich hab' mich den ganzen Nachmittag dazu nicht überwinden können. Da trifft sich's ja gut, daß ich eure gesunden jungen Beine in Bewegung setzen kann." „Wenn wir nun nicht gekommen wären!" mußte Ludwig denken. Fritz fand währenddessen den ihm wohlbekannten Band mit schnellem Griff auf dem Schreibtisch heraus und brachte ihn. „Nun will ich euch gleich noch weiter ausnutzen," fuhr der Oberst fort, nachdem er den gesuchten Namen entdeckt hatte. „Bitte, Fritz, stell das Buch wieder weg. So, danke schön! Und Ludwig ist wohl so gut, mir von dem Neuguineavortrag von gestern abend zu berichten." „Aber da hat Marga natürlich schon das Wichtigste erzählt. Ich sah sie gestern von weitem." „Rein, sie kam danach so müde nach Hause, daß ich sie gleich zu Bett geschickt habe." „Und heute —" „Heute habe ich sie noch nicht gesehen. Montags ißt sie immer im Frauenklub mit ein paar Freundinnen, weil sie gleich nach Tisch wieder ins Geschirr muß; da ist ihr der Weg hierher zu zeitraubend." Ludwig berichtete über den Neuguineavortrag „Uebrigens steht schon ein Referat in der Zeitung," schloß er. „So? Ich habe es noch nicht gelesen. Die Augen, weißt du, die werden nicht besser mit den Jahren. Marga sagt, ich muß unbedingt ein Glas tragen." „Versteht sie denn nun auch noch etwas von Medizin?" fragte Fritz begeistert. „Das nicht gerade. Aber sie sagt, es wäre ganz dasselbe Mit dem invaliden Dienstmann Noltemeyer gewesen, den sie neulich zu einem Kassenarzt begleitet hat. ®er hätte auch die Zeitung nicht mehr deutlich lesen können. Aber fürs erste scheue Ich den Gang zum Äugendoktor, bis Meine verdammten Schmerzen etwas Ruhe geben." „Da ließe ich mir solange von Marga vorlesen," meinte Ludwig. „Von der," lachte der Oberst. „Die schliefe beim ersten Absatz ein, so schachmatt ist sie immer, wenn sie nach Hause kommt, müde, matt, marode. Und ich bringe nicht übers Herz, sie auch noch in Anspruchs zu nehmen nach all der Arbeit. Irgendwo muß das Kind doch Ruhe haben. Wenn sie bloß nicht so dünn würde bei der ganzen Geschichte!" „Will sie eigentlich einen Beruf daraus machen?" fragte Ludwig nachdenklich. „Keine Rede!" r,Warum tut sie es dann?" >,Um sich nützlich zu machen." Da flog die Tür auf, und zusammen mit der Zugluft, die gerade den Obersten traf, kamen Tante Leonie und Marga herein. Ludwig konnte es nicht lassen, die Tür ostentativ wieder zu schließen. Doch sie bemerkten es nicht einmal. . „Nun, wie war es denn heute, mein Kind?" begrüßte der Oberst feine Tochter, und seine guten Augen leuchteten sie an. >,War dein Tag schön?" „Natürlich, Papa. Am Vormittag hatte ich beim Verein Schreibarbeit. Und nach dem Essen im Klub — übrigens da war Ellen Schultz, und ihr Vater laßt dich grüßen." ' „Wie geht es ihm?" „Sie haben eine Pflegerin für ihn." „So schlimm?" „Ra, Ellen sagt allerdings selber, halb und halb ist die Pflegerin auch zur Gesellschaft für jhn da. Er meint, er lang- went sich immer so die langen Nachmittage. Ellen ist doch nun ein großartiger Mensch. Jetzt will sie sich auch noch an den Fortbildungskursen für schulentlassene Mädchen beteiligen, wo sie doch schon mit der Versicherung so viel zu tun hat." „Und was tatest du nach dem Essen?" „Da war ich in dem Heiligengeisthospital für alte Männer." „Sie bringt überall Sonne hin," sagte die Mutter zärtlich. Fritz strahlte. -„Und was hast du bei den alten Männern getan?" fragte Ludwig schnell. „Ich habe ein halbes Dutzend nm mich versammelt und rhnen aus dem Volkskalender vorgelesen. Zwei Stunden lang. Der alte Milchmann Schmidt war auch da." „Ter, den sie zweimal wegen Milchpanschens bestraft haben?" fragte Ludwig härmlos. „Na ja doch!" entgegnete Marga etwas ungeduldig. „Der ist auf beiden Ohren taub." „So? Aber die andern können hören. Sie waren so rührend dankbar." Sie lächelte wieder in der Erinnerung daran. Mit ruhiger Zärtlichkeit lagen die gütigen Blicke ihres Vaters auf ihr. Aber sie bemerkte es nicht. Die Wche im Mai. Der Mai bringt eine ganze Reihe willkommener Gaben für die Küche. Zum Beispiel den Waldmeister, das echt deutsche Würzkraut für das bevorzugte Maigetränk und die beliebteste Psingstbowle. Ter Fisch- und Schaltiermarkt bringt zunächst Krebse. Teichkrabben gibt es ja auch im Winter, aber mit einem Flußkrebs (Oderkrcbs) halten sie doch keinen Vergleich aus, besonders wenn es sich uni das Verspeisen gekochter Krebse handelt. Zu Suppen und anderen mit Krebsfleisch oder mit Krebsbutter bereiteten Speisen sind die Teichkrebse ja sehr will- komMen. Ein vorzügliches SoMmergericht, das man vorteilhaft als Abendessen in kleinerem Güstekreis, oder als Zwischengang eines Mittagessens geben kann, ist eine Reisspeise mit Krebsen. Reis paßt außerordentlich gut zu Krebsen. 30 Krebse, ^oder nach! Gefallen mehr, werden nach dem Kochen aus den Schalen gelöst, Schwänze und Schieren beiseite gestellt, während man aus den zerstoßenen Schalen mit etwas frischer Butter Krebsbutter herstellt. 200—250 Gramm gut gespülter, gebrühter und dann abgetropfter Reis werden mit einem halben Liter Wasser, etwas Brühe, einem halben Eßlöffel Butter und Salz gar und weich gekocht aber so, daß er noch körnig bleibt. Eine feuerfeste AuflaufforM oder Tonfchüssel streicht Man mit Butter aus, gibt eine Schicht Reis hinein, beträufelt sie mit etwas flüssig gemachter Krebs- butter, legt die Hälfte des Krebsfleisches darüber, läßt Reis, etwas Krebsbutter, Krebsfleisch und wieder Reisfolgen, der dann die oberste Sicht bildet. Man streut geriebene SemMel und träufelt Krebsbuttcr darüber, stellt die Form' in den Ofen und läßt die Speise in Mäßiger Hitze, 45 bis 50 Minuten backen. Sie wird sofort in der Form aufgetragen. Als ein feines Saifongericht gilt auch Rührei mit nein» geschnittenem Krebsfleisch, ebenso wird mit weißer Gemüsesauce gekochter Brnchspargcl vielfach mit Krebssleisch gemischt. Daß die sehr gut gereinigten Krebse sofort in siedendes Wasser fcu werfen find, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es, nur frische lebende Krebse zu verwenden. Zeigt ein Krebs vor oder nach dem' Kochen einen gestreckten Körper,, d. h. ist der Schwanz nicht nach innen gekrllMmt, so war er schon vor dsm Kochen tot und ist fortzuwerfen, da der Genuß eines toten Krebses gesundheitsschädlich! ist. Der Mai bringt die Hochsaison des Spargels. Bekanntlich ist neben dem am höchsten bewerteten Braunschweiger Spargel auch der Märkische vielfach bekannt. Tie Preise für Spargel sind ganz verschieden, je nach der Ernte und beit Vorräten; sie pflegen aber dann immer auf einer ungefähr festen Höhe zu bleiben, da ungeheure Quantitäten für die Konserveufabrikation notwendig sind. Während der seine und mit reichen Mitteln beschickte Tisch int allgemeinen Stangenspargel Porzieht, .wird die bürgerliche Hausfrau es vielfach lieber mit Gemüsespargel halten, d. h., mit dünnerem, in fingerlange Stücke geschnittenem, in Sälzwasser gekochtem', der Mit -einer gelben Holländischen, ober einer weißen, Mit Petersilie gewürzten Gemusesauce vermischt wird. Diese Spargelgerichte kann Man mit Zwieback- oder Griesklößchen „verlängern". Man gibt zu Griesklößen in dreiviertel Liter heiße Milch 200 GraMm groben Gries' und eine Spur Salz, läßt Unter fleißigem! Rühren den Gries gar und steif kochen und dann die Masse aus- kühlen. Rach vollständigem Erkalten gibt man 1—2 ganze Eier und soviel geriebene Semmel dazu, daß ein haltbarer Teig entsteht. Von diesem sticht man mit einem in heißes Wasser getauchten Löffel längliche Klöße ab, gibt sie in siedendes .Salz? wasser und läßt sie aarkochen. Die Kochdauer stellt man durch 272 Kochen eines Probekloßes fest. Tie mittels des Schaumlöffels aus bent Kochwasser genommene« Klöße tvcrden mit den heißen, äbg«- tropften Spargekn vermischt und mit der sertiggeftelltcn Sauce überfüllt. Daß män von Spargelwasser, welches, aber sehr kühl aufbewahrt 1 verbeit Wust Spargelsuppe kochen und gewaschene, auf weißen Papierbogen gedörrte Spargelschalen in gut verschlossenen Glasdäsen aüfbewahren kann, um! sie im Winter M Spargelsuppe zu verwenden, ist bekannt. Da Nkanchen Hausfrauen die nur mit Mchleiitbrenue gebundene Suppe von Spargelwässer nicht kräftig genug ist, so kann man sie auf niedersächsische Art — d. h- mit Semmeln — bereiten. Man reibt einige allüackime SamIMeln ab, tveicht sie in dem Spargelwasser ein, gibt etwas Weißen Pfeffer, geriebene Muskatnuß Und ein Wenig Zucker däzN, und läßt alles über schwachem' Neuer durchkochen. Dann rührt Man den Brei durch ein Sieb, verdünnt ihn mit kochender leichter, Heller Brühe, oder mit kochendem Wasser, oder auch mit kochender Milch, gibt noch eilt Stückchen gute Butter däzU, läßt alles aufkochen und ziem die Suppe mit 1—2 in etwas Milch verrührten Eidottern ab. Inzwischen hat man kleine SemMelschjnitten in etwas Butter, auf der Pfanne gelb geröstet, bestreut sie mit geriebenem Schweizerkäse und reicht sie neben der Suppe. — Spinat pflegt im Mai wohlfeil zu werden, ebenso der Kopfsalat und die Radieschen. Neben dem nun schon dunkler gefärbten Rhabarber treten als erste frische Kompottfrüchte des Jahves die unreifen Stachelbeeren auf. Der intensiven Säure der Beevön, die ihnen in unreifem Zustande selbstverständlich eigen ist, begegnet inan nicht allein Mit der Zugabe von Zucker, sondern man rocht vorteilhaft die Beeren nach deut Säubern und Waschen zimächst mit Wasser, döM man eine Messerspitze doppelkohlensaures Natron znfügt, 10—12 Minuten, gießt das Wässer durch ein Sieb ab und gibt Neues heißes Wässer (nicht zuviel) dazu. Bitt etwas Zimt, einem Stückchen Zitronenschale und Zucker wird das Kompott abgeschmeckt. Biele Leute mögen die Stachelbeeren mit den Schalen nicht, und für Kinder und Genesende dürfte sich auf jeden Fall die Breiform Mehr empfehlen; die recht weich gekochten Früchte werden dann durch ein Sieb gerührt und erst danach init Zucker vermischt. Der englischen Küche verdanken wir eine ganze Reihe empsehlens- werter Vorschriften zu Stachelbeerspeisen neben der Stachelbeer- Pastete. Tenn Während leider die Stachelbeerkultur bis vor wenigen Jahren in Deutschland arg vernachlässigt wurde, steht sie in einigen Grafschaften Englands auf staunenswerter Höhe. An heißen VorsomMertagen serviert man drüben oft ein durch ein Sieb gerührtes, gut gesüßtes Stachelbeernkns, das mit dicker süßer SahNe, die nach und nach dazugüfügt wird, verrührt wird. Auf den Brei von 600 bis 750 Gramm Stachelbeeren rechnet man 3/s—Va Liter süße SahNe. Die Mischung m!uß auf Eis erkalten und wird mit kleinen leichten Biskuits gereich!t. Einen warmen Stachelbeer-Auftauf stellt man her, indem man die Beeren zu Mus kocht, durch ein Sieb streicht und süßt. Dann bereitet Man über kleinem Feuer einen abgebrannten Teig von 1/2 Liter siedender Milch, in die man etwas gute Butter und 180 bis 200 Gramm Mehl rührt, so lange, bis die Masse sich vom Gefäß ablöst. Sie wird zums Erkalten in eine Schüssel getan, nach vollständigem Auskühlen mit 4—6 Eidottern, 175—225 Gramm Zucker, dem StachelbeermNs und dem steifgeschlagenen Schnee der Eiweiße vermischt, dann in einer mit Butter ausge- strichenen, mit geriebener Semmel bestreuten Auflaufform im Ofen eine Stunde gebacken. Der Auftauf mNß sofort serviert werden. Erdbeeren in Sahne oder Schlagsahne, oder in Sahne und Baiserhülle finb in dieser Zeit der Triumph zahlreicher Haus- fraueii gelegentlich ihrer Nachmittags-Empfänge. Ferner gelten W solchen Zwecken Kirschiörtchen auf Mürbeteig mit oder ohiie Süstagfahnenbelag für sehr fein. Diese Kirschenfüllung besteht im' letzten SomMer dick eingekochten Sauerkirschen (Kirichftepch), die bekanntlich! außerordentlich schmackhaft und deshalb allgemein belicht sind. Pi an kann erfrischende kalte Speisen auch mit Hilfe von MavMeladen bereiten, welche gerade in dieser Jahreszeit oft zu Mäßigen Preisen angeboten werden; denn die neue Obst-Einkoch- Periode zieht jetzt heran, und Man will Mit den noch vorhandenen Vorräten räumen. Tie „wildlose, die schreckliche Zeit", ist Mit Beginn des Monats beendet; Rehböcke dürfen erlegt werden, aber ihr Wildbret pflegt urt M(g Wernen in dieser Zeit noch recht hoch im Preise zu stehen. Sparsamere Hausfrauen geben oft an Stelle einer echten Rehkeule gebeizte Hammelkeule, die durch die Beize einen dem Wildbret ähnlichen Geschmack erhält. Man legt die von allem Fett befreite Keule entweder in milden, mit Gewürzen an'fgo kochten, wieder erkalteten Essig, oder in saure Milcht wendet sie wahrend der zwei bis drei Tage, die sie darin liegt, täglich einmal urm.wäscht sie,, trocknet sie ab und brüt sie in Bütter untep fleißigem Begießen und Zugabe von saurer Sahne, mit der der Braten auch bestrichen wird. Tie Hammelkeule oder der Rücken' MNß aber recht gut sein und von einem jungen, gilt gemästeten Tier stammen. . Während Man in denjenigen Gegenden, die schnelle nnd ytee teilhafte Barbindungen mit der Küste haben, als Sqisonfisch dr« gebratene -obey gekochte Maischolle (Flunder) sindet, hat Man ist anderen Provinzen die Men, eine Hertngsart, die int! Mai und' Jüni ans dem Meer in die Flüsse geht und auch besonders chst Rhein gefangen wird. Die Alfen sind klein, selten größer als 60 Zentimeter, werden meist gebäckest oder gebraten und mit' irgend einer pikanten Sauce, SabdelleN-, Senf-, Kapernsauce oder dergleichen, serviert. Bor vierzig Jähren und früher galt hie „junge Gans" für einen stühsommerlichen Pfingstbraten, sie erschMÄ jetzt aber, dank erhöhten Interesses für künstliche Geflügelzucht und -mast, meist schon zu Ostern. VermWhteK. * D i e Maikäserzeit ist wieder gekommen und zu Huudert- tausenden werden diese Tiere in enge Botanisiertrommeln gesperrt, wenn es nicht gar noch kleinere Behälter sind; wir sahen schon als Gefängnis Streichholzschachteln verwendet. Der Maikäfer ist ein für die Menschen schädliches Wesen und kamt nicht die Erhaltung seines Lebens erwarten; aber er ist doch nicht Schuld, daß er als Maikäfer auf die Welt kam, und ein lebendiges, fühlendes Wesen ist er auch. Wenn man möchte, daß unsere Kinder sich ein mitleidiges Gemüt in die spätere Lebenszeit hinüberretten, so mache man sie darauf aufmerksam, daß auch der Maikäfer Freude und Leid und Schmerz empfindet. Daß es ein Unrecht ist, wenn Kinder aus,bloßer Spielerei die Maikäfer in enge, stinkende, überfüllte Gefängnisse sperren und sie so zum qualvollen Tode verurteilen, — daß es vollends ein schweres Unrecht ist, den armen Käfern die Flügel oder die Beine anszureißeit oder sie lebendig verhimgern zu lassen, dies muß von den Eltern ebenfalls betont iverdeu. Wer in dieser Beziehung auf seine Kinder hält, wird ihr Gemüt davor bewahren, in noch andere, größere Tierquälereien zu verfallen, wozu in der Jugendzeit ja oft die Gelegenheit ist. * Wahrsagerin (zu aufgeputzter Maid): „Ihr Gatte wird in Armut geraten, außer wenn —." — Die Maid (lebhaft): „Außer wenn was?" — Wahrsagerin: „Außer wenn Sie sich in der Ehe sparsamer kleiden als jetzt." Sprachecke de; Allgemeinen Deutschen Sprachverein;. Ein Brief, der ihn beinahe nicht erreichte. Bor kurzem ging in einem größeren Orte mit fünf Predigern ein Brief mit der Aufschrift „An Herrn Pastor Primarius“ ein. Da aber den dortigen Briefträgern ein Herr des Namens „Primarius" unbekannt war — sie dachten dabei wohl an Familiennamen wie Crusius, Avenarius — so wurde der Bries zur weiteren Behandlung der Postbeamtin übergeben, die derartige Eingänge zu erledigen hat, die aber freilich nicht akademisch gebildet ist. Auch sie hielt natürlich „Primarius“ für einen Familiennamen; nicht minder geschah dies auf dem Polizeiamte, das nun das Stück mit dem Vermerk „In N. u n b e k a n 11 t, polizeilich nicht gemeldet — zurück" dem Postamte wieder zugehen ließ. Da aber fiel im Amtszimmer — ganz zufällig — der Blick eines lateinkuudigeu Stevhansjüngers auf das verstoßene, geängstete Brieflein. Er vermerkte darauf mit Rotstift: Oberpsarre r". Selbstverständlich erreichte nunmehr der Brief den Herrn Oberpfarrer sofort. Was aber wäre wohl schuld gewesen, wenn die vielleicht wichtige Mitteilung im Pfarrhause nicht angekommen wäre? Einzig und allein die Fremdwörtersucht des Schreibers! Vramanträtsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a, b, e c, d d, e e e e, i i i, 1 1, n, r, s s s s s, u u, y derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. ej 2. Türkischen Titel. —J 3. Schwedischen Dichter. 4. Einen Astronomen. 5. Kostbaren Stoff. 6, Hafenort. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummerr Weiß. Schwarz. 1. D d 8 — a 5 T a 6 n. e 6 ob, A.) 2. Da5 — b 4 f Kd4-e5. 3. 8 g 1 — k 3 j- Beliebig. 4. Db4 —I8ob.Sh2 —g4f und Matt. A) 1........ T a 6 n. a 5. 2. Sgl —e2f Kd4 —e5ob.c4 3. T e 6 - 0 6 f K c 5 n. b 5. 4. S e 2 — c 3 f und Matt. Redaktion: K Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Siebe»