Montag, den 30. September MU ZW rttM K» Die Dame im Pelz. .Roman von G. W. App le ton. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Sie haben volle Offenheit von mir verlangt. Nun, wenn ich offen sein soll, muß ich leider mit nein antworten. Es geht nämlich das Gerücht, daß die junge Dame einen großen Geldbetrag bei sich gehabt und es mit ihrem Krankheitsanfall eine eigentümliche Bewandtnis haben soll. Selbstverständlich wußte ich nichts von irgend welchem Gelds und war daher nicht in der Lage, dieses Gerede als einfache Luge zu bezeichuen — was mir sehr peinlich war.. Ich mußte mich also darauf beschränken, den Leuten zu erklären, daß, falls die Dame eine mehr oder weniger hohe Summe bei sich gehabt haben sollte, sie sich bei Ihnen in den besten Händen befände, und daß sie von großem Glück sagen könne, daß sie ihr nicht vorher auf der Straße in ihrer Bewußtlosigkeit weggenommen sei. Wie ich mir schmeichle, beruhigten sich die Leute bei diesen Ausführungen. Auf alle Fälle sagten sie nichts weiter und machten den Eindruck, als ob sie zu der Einsicht gelangt wären, daß man die Mache doch von zwei Seiten betrachten könne. Gut! rief ich. Ausgezeichnet! Da diese Frage nun mal angeschnitten ist, will ich Ihnen auch sagen, daß sie eine bedeutende Summe Geldes in ihrem Besitz hatte — groß genug, um mir allerhand Unannehmlichkeiten zu bereiten, denn sie ersuchte mich, für die Sicherheit des.Geldes Sorge zu tragen. Deshalb war ich heute in London, .wo 'ich die Sache notariell gemacht und das Geld an einem absolut sicheren Orte deponiert habe, wo es liegen bleibt, bis sie ihr Erinnerungsvermögen wiedererlangt hat und es zurück wünscht. In dem Augenblick, wo das eintritt, wird mir ein großer Stein vom Herzen gefallen sein, das kann ich Ihnen versichern. Was ich Ihnen eben mitgeteilt habe, können Sie aller Welt wieder erzählen; ja, ich will Ihnen sogar die Adresse des Notars geben, mit dem.ich verhandelt habe. Ich schrieb sie aus und gab sie .ihm. So, fuhr ich fort, die können Sie allen zeigen, die nach der Sache fragen, und sie zwecks näherer Erkundigungen ruhig an diese Firma selbst verweisen. Das wird hoffentlich nun genügen, den Leuten den Münd zu stopfen; nicht wahr, Gregory? Man sollte 's meinen, antwortete er, und ich bin froh, daß Sie mir das gesagt haben. Ich möchte, ich.hätte 's heute nachmittag schon gewußt. Ich wünschte es auch, aber viel kann der kleine.Zeitunterschied immerhin nicht ausmachen. Damit war unsere Unterredung zu Ende. Als ich ins Empfangszimmer zurückkehrte, war, Helen bereits von allem unterrichtet, aber bei alledem schien sie ziemlich vergnügt zu sein, wozu zweifellos die Anwesenheit Mortimers viel beitrug. Habt ihr beide heute einen Tag hinter euch! sagte sie gleich bei meinem Eintritt und klingelte nach dem Tee. Charley (man beachte, daß sie ihn beim Vornamen nannte), Charley meint, wir hätten noch viel Aufregung vor uns, ehe die Sache vorüber sei, aber er glaubt sicher, daß am Ende noch alles gut werden wird. 'Ich bin froh, daß. das Geld wenigstens gut aufgehoben ist, und ganz besonders freue ich mich, daß er uns beisteh!en und, wie er sich aus-^ drückt, nicht eher locker lassen will, bis die Geschichte voll und ganz aufgeklärt ist. Er müßte nicht Charley Mortimer sein, versetzte ich, wenn er anders handeln wollte. Nun ..laßts aber gut sein, sagte er darauf, ich habe nun genug davon. Wir tragen jetzt alle Wasser an einer Stange und damit fertig! In diesem Moment brachte das Mädchen den Tee. Als sie wieder hinaus war, sagte Helen, während sie ein- schenkte: Nebenbei bemerkt, es ist ziemlich auffallend, Eliza —t so hieß sie — will nämlich morgen den Dienst verlassen. Sie meint, ihre Schwester könne gleich an ihrer Stelle eintreten. Ich habe ihr geantwortet, ich wollte erst mit dir darüber sprechen. Etwas plötzlich ist es allerdings, antwortete ich. Was gibt sie denn für 'nen Grund an? . Daß ihr Vater sehr krank sei und wünsche, daß sie heim käme; sie sei die älteste Tochter und habe keine Mutter mehr. । Gut, sagte ich. Machs, wie du 's für am besten hältst. Damit war die Sache für mich abgetan. Und Mortimer war zu sehr mit Helen beschäftigt, tot der Sache überhaupt irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. । Nach dem Tee war es schon bald Zeit zum Abendessen. Um meine Schwester in der Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten nicht zu stören, machten mein Freund und ich noch einen kleinen Spaziergang, auf dem ich ihm auch die Fußspuren unter dem Fenster und die Stelle zeigte, wo. unsere geheimnisvolle Dame gelegen hatte. Als wir von unseren! Rundgange zurückkehrten und wieder ins Empfangszimmer traten, konnte ich sofort bemerken, daß Mortimer — natürlich ohne Helen im geringsten zu verletzen — denn Anblick unseres Gastes wie bezaubert war, und ich muß selbst gestehen, daß sie reizender und entzückender aussah als je zuvor. Der ängstliche Ausdruck war vollständig verschwunden, sie war heiterer und lebhafter und schien sich ganz wohl und zufrieden ber uns zu fühlen. Was mir aber besonders auffiel und emen ganz eigenen Schauer verursachte, war, daß mich gleich beim Eintreten ein Blick der Freude aus ihren herrlichen Augen traf, ein Blick, der mich alle Unruhen und Sorgen ver^ gessen ließ. Nach wenigen Minuten befand sich Mortimer 610 Rbeuteuer der Brigadier Gerard. Kon C. Doyle. straße 10." Marcella schlief noch, und ich wollte ihre Ruhe in .VV>1. — Eine junge Amerikanerin, die kürzlich im Hotel Cecil abgestiegen war, wird seit dem 18. b. M. der-; mißt. Sie ist ungefähr zwanzig Jahre alt, von ausfallender Schönheit Und spanischen! Typus, eie tragt einen Pelzmantel und ein Barett und Dia m antohrrmge. Mau glaubt, daß sie eine große Summe Geld bei sich hat — was ihrem Manne gehört. Sie leidet au geistigem Schwachsinn, Hauptsächlich tzaluzinationen und Gedächtnisschwund. Die obige Belohnung erhalt jeder, der solche Mitteilungen zu machen weiß, oaß ihr Aufenrhalt ermittelt werden kann. — 'Angaben sind zu.richten au die Herren Ioskins und Jorkins, London W. C., Obere »zohn- (Fortsetzung.) ....... — ~~ ------,-v—o V , . OT , Die sonderbare Unterhaltung mit dem Manne hatte dürchM genehm sein, aber sie war eben nicht zu umgehen. Run I p^zu beigetragen, mich zu beruhigen, auch sein eigentum- Wollte allerdings Mortimer wieder hieranskommen, und HcfcS Benehmen war mir aufgefallen. Während der mit leiser» auch meine Patienten mußte ich heute wieder mal selbst zitternder Stimme herausgestoßenen Erklärung hatte MG« besuchen. Immerhin mußte ich mich auf ein paar Stuw- 1 sicht krampfhaft gezuckt, hatte er ängstlich nach, allen RiMmgey misch an. Würdest du was? , . , Für sie kämpfen. Ja, wahrhaftig, Ted, das wurde ich Weißt du, Helen, antwortete ich ihr darauf, du biss । wirklich ein's der liebsten und vernünftigsten Mädchen^ t'«Ä Ä M , * «ch der — W und ihn dir^ herausbringen. Mau muß mit den Leuten, I Ganze Extrazuge voll werden nach London sahrem Halb („£*g S'ÄÄS “blc,c -ÄL wÄ&e» w«. wjj g» schlftf in dieser Nacht den Schlaf des Gerechten, I in ernsterem Tone, daß die ^osklns-und Jorkinsleute hier und "als ich aui Morgen erwachte, fühlte ich mich außer-i | herauskommen werden, um sie wegzunehmen. ordentlich gestärkt und frisch. Doch merkwürdigerweise I (Fortsetzung folgt.), waren meine ersten Gedanken an meine Tante Maria. Ich 1 --- mußte mir gestehen, daß ich ihr die Veränderung in meinem kleinen Haushalt nicht gut länger verbergen konnte, ohne mir ihren Unwillen zuzuziehen, was ich schon, von allem anderen abgesehen, aus materiellen Gründen vermeiden wollte. Die Auseinandersetzung würde zwar nicht an- ZMMAWLWW ZM-MM'L-- « sich besonders lebhaft unterhielt. . Nach einiger Zeit kam Helen, die kurz nach unserer Rückkehr hinausgegangen war, wieder herein und teilte uns mit, daß der Tisch gedeckt sei. Wir waren tatsachlicy, eine vergnügte Gesellschaft an jedem Abend und werden, glaube ich, alle stets gerne daran zurückbenken. Graue! Sorgen umschwebten uns zwar, aber wir sahen sie nicht oder redeten es uns wenigstens ein, was ja auf dasselbe hinausläuft — denn die Liebe beherrschte uns bei diesem kleinen Mahle. Aus das Essen folgte ein Musikstundchen, und jetzt staunte Mortimer von neuem, und zwar über die außerordentliche Fertigkeit unserer Besucherin aus dem Kla- >"5 Äöto i 8 . Abend, für; M Morlim« -nstwech-n *» »,*$*» W» m->« ««Her, Mm st- “’^'STer.Ärtele stch und r-W- i,r di- M Ohne all- Anleitung wandte et sich 'plötzlich undetnnttelt nehm-», meine Liebe. »ahiha,tlg. cm verw-gen-S Cpul. an unseren Besuch und st-gt-i n'serma di« Linnen zu einem spöttische» Lächeln. Sind Sie nicht mit Marcella Garcia bekannt? I ^Geistigen Schwachsinn!" sagte sie. Geistigen Schwach- Sie blickte ihn zuerst ganz perplex an, dann kam ein I » <^h^em Manne gehört!" Die hat ebensowenig 'nen freudiges Lachen von ihren Lippen und sie ries: I 1 • Immerhin, Ted, das verkündet neue Auf- Ei, Marcella Garcia bin ich selbst. regungen. 6. Kapitel. | Das glaube ich leider auch, antwortete ich; aber wir Dos war ein Meisterstück meines Freundes Mortimer. I können schon eine Portion vertragen. Jetzt, nachdem das Aber ick lab an d m ängstlichen, mir bereits bekannten Unheimliche an der Sache vorbei ist, sangt, sie an ganz Ge^stlit^usbruck"Marcellas ganz deutlich, daß. sie sich vor- interessant zu werden Anfangs war. Mir ja Nicht ganz kö w on wetter nick konnte und es seht wohl dabei zumute. Aber nun, wo ich nicht mehr ganz uÄL !iu Ld" Kr feSS« noch «>>-- in s!e sm Tuul-l» >pp- u>» auch Mu« ***1 ÄÄ 1 - ->» und E T°uu ßemaH, und das übbige ivird sich schon zur rechten Zeit | Mann Ware, wurde ich auch - und sie M mich Ich ei auch einstellen. „ , , r Helen umfaßte sie gleich vor lauter Freude und sagte ihr liebevoll: Mein Bruder hat ganz recht, Fraulein Garcia, und Sie müssen versprechen, seine Anordnungen zu be- 611 hmgespäht, und sp oft ein Zweig im Gebüsch geknackt, hatten sich seine Augen vor Entsetzen weit geöffnet. Er mußte furchtbare Angst ausgestanden haben und möglicherweise hatte er allen Grund dazu gehabt, denn kurze Zeit darauf hörte ich, in der Ferne einen Schuß, und hinter mir lautes Rufen. Vielleicht war's ein Jäger gewesen, welcher seine Hunde abrief — von jenem Manne indes habe ich nie wieder etwas gehört. Ich ließ mir , die Warnung gesagt sein und ritt von nun an nur noch in offenem Lande schnell dahin, während ich überall da, wo jemand im Hinterhalt liegen konnte, äußerst vorsichtig war. Ich verhehlte mir das Gefährliche meiner Lage durchaus nicht — hatte ich doch noch Hunderte von Meilen in diesem Lande zu durchreisen. Aber trotzdem wollte kein Gefühl der Furcht in mir aufkommen, denn ich hatte die Deutschen stets als freundliche, gutherzige Leutchen kennen gelernt, deren Finger sich lieber um die Pfeife als um ein Schwert schlossen — nicht etwa, weil es ihnen an Mut gebrach, o nein, sondern weil diese treuherzige, friedfertige Nation mit jedermann in Ruhe leben wollte. Woher hätte ich auch wissen sollen, daß! unter dieser anheimelnden, ruhigen Oberfläche ein Feuer glühte, das ebenso mächtig auflodern, aber noch anhaltender brennen würde, wie bei den Italienern oder Spaniern? Bald sollte ich noch mit schlimmeren Dingen als mit rauhen .Worten und bösen Gesichtern Bekanntschaft machen. Ich hatte eben ein gut Stück Heideland durchquert und näherte mich einem kleinen Gehölz, als ich einen Mann zwischen den Stämmen erblickte, dessen Erscheinung mich in nicht geringes Staunen versetzte. Sein Rock war so reich mit Gold geziert, daß er im Licht der Sonne wie Feuer strahlte; um den Nacken hatte er ein rotes Tuch geschlungen, welches er mit der einen Hand zu halten schien. Aber der Bursche schien schwer betrunken zu sein, denn er wankte unsicher hin und her. '' Als er so auf mich zukam, hielt ich mein Pferd an und schaute voll Abscheu auf die Gestalt da vor mir. Wie kounte jemand, der eine so kostbare Uniform trug, sich am hellen Tage in solcher Verfassung sehen lassen? Aber auch er betrachtete mich mit prüfender Miene und schritt nur zögerud vorwärts. Plötzlich schien er aber doch seiner Sache sicher zu sein, denn er rief mit lauter Stimme: „Gott sei Dank!", tat noch einige Schritte, vorwärts und fiel dayn auf der staubigen Landstraße nieder. Jetzt bemerkte ich, daß das, was ich für ein rotes Tuch gehalten hatte, eine ungeheure, klaffende Wunde war, aus welcher das Blut strömte. Blitzschnell war ich aus dem Sattel und eilte, ihm beizusteheu. „Guter Gott!" rief ich aus, „und ich meinte. Sie seien betrunken!" „Ich sterbe," stöhnte er, „dem Himmel sei Dank, daß ich einen französischen Offizier gefunden habe, so lange ich noch sprechen kann!" Ich bettete ihn zwischen das Heidekraut und flößte ihm etwas Branntwein ein. Auf der sonnbeschienenen Halde ringsum lag tiefer Friede; kein lebendes Wesen war weit und breit zu sehen, als der sterbende Mann an meiner Seite. Ich bog mich zu ihm nieder. „Wer hat Ihnen das getan, und wer seid Ihr? Was ist das für eine Uniform, die Sie da tragen?" „Die der neuen Ehrenlegion Napoleons. Ich bin der Marquis St. Arnaud, der neunte meines Stammes, der sein Blut im Dienste Frankreichs vergießt. Lützows wilde Jäger sind hinter mir her gewesen und haben mich verwundet. In jenem Gebüsch dort habe ich mich vor ihnen geborgen und nach einem Frair- zösen ausgespäht. Da kamen Sie; freilich wußte ich nicht, oh Sie Freund oder Feind wären, aber der Tod saß mir im Rücken, und ich durfte keine Zeit mehr verlieren." „Mut, Mut, lieber Kamerad! Ich habe schon mehr als einen gesehen, der schlimmer daran war als Sie, und später noch seiner Wunden gelacht hat." „Nein, nein, mit mir geht's zu Ende." Dabei legte er seine Hand auf meinen Arm, und nun sah ich allerdings, daß seine Nägel schon blau waren. „Hier tn meinem Rock befinden sich wichtige Papiere, bringen Sie sie sofort dem König von Sachsen in Hof. Er hält noch zu Uns, wenn auch die Königin uns feindlich gesinnt ist. Sie bemüht sich, ihn uns abtrünnig zu machen, und wenn ihr das gelingt, so werden die übrigen deutschen Fürsten seinem Beispiel folgen, denn der König von Preußen ist sein Onkel und der König von Bayern sein Vetter. Die Papiere werden ihn bestimmen, auf unserer Seite zu bleiben; aber sie müssen ihn erreichen, ehe er sich anoers entschließt. Versuchen Sie, sie ihm beute noch zu übergeben und Sie werden ganz Deutschland für den Kaiser gewinnen. Das Pferd ist mir unter dem Leibe erschossen worden, sonst hätte ich vielleicht trotz meiner Wunden —" er verstummte; die erkaltende Hand umklammerte die meinige, ein tiefer Seufzer — und es war vorüber mit ihm., , Das war ja eine schöne Geschichte! Hatte ich da auf einmal einen Auftrag bekommen, über den ich mir durchaus nicht ilar war, und der mir einen guten Teil meiner so wichtigen Zeit raubte. Anderenteils schien er wieder so wichtig zu sein, daß jch ihn keinesfalls unberücksichtigt lassen durfte. Ich öffnete die Uniform des Verschiedenen, die der Kaiser deshalb so prächtig ausgestattet hatte, um die jungen Aristokraten geneigter zu machen- in jene neuorganisierten Regimenter einzutreten. Das kleine Paket Papier wurde durch ein seidenes Band zusammeugehalten; es trug die Adresse des Königs von Sachsen und in der einen Ecke den Vermerk „Höchst wichtig! Eilt!", den der Kaiser selbst in seiner mir wohlbekannten, unregelmäßigen, gespreizten Handschrift hinzugefügt hatte. Und diese drei Worte, sie redeten eine so deutliche Sprache, als ob mein Herr selbst zu mir gesprochen und mich mit seinen kalten, grauen Augen angeblickt hätte. Mochten meine Truppen auf ihre Pferde warten, und der Marquis inmitten der Heide schlafen — der König sollte seine Papiere heute noch haben und wenn es mir und meiner Mähre ans Leben ging! Nun hätte ich zwar gar kein Bedenken gehabt, auf der Landstraße im Walde weiter zu reiten, denn es ist ja Tatsache, daß man nie sicherer durch eine gefährliche Gegend reist, als unmittelbar nach einem Ueberfall, und daß die Zeit anscheinender Ruhe die größte Gefahr in sich birgt. Als ich jedoch meine Karte her- vorzog, sah ich, daß Hof mehr nach dem Süden zu lag, und daß es zweckmäßiger sein würde, meinen Weg längs der Heide hin zu nehmen. Nun gut, also über die Heide! Kaum hatte ich hundert Schritte vorwärts getan, so knallten zwei Flintenschüsse aus dem Gebüsch, und eine Kugel sauste an meinem Ohr vorbei. Augenscheinlich waren die Lützower kühner als die spanischen Briganten- und ich wünschte mir Glück, nicht auf der Landstraße geblieben zu sein. Alle Wetter, eine tolle Jagd! Knietief in Heidekraut und Ginster, quer durch verwachsenes Gesträuch, bergauf, bergab, immer mit verhängtem Zügel! Aber meine liebe, kleine Violetta strauchelte nie; sicher und schnell, tote immer, trug sie mich dahin,- meinem Ziele zu, als hätte.sie gewußt, was auf dem Spiel« stand. Und ich? Nun, ich galt ja schon längst für den bestes Reiter in den sechs Brigaden der leichten Reiterei, aber so wie damals hatte ich wohl noch nie geritten. Mein Freund, der Bart, hatte mir von den Fuchsjagden in Englands erzählt — nun, ich bin fest überzeugt, der schnellste Fuchs hätte mir an jenem Tage nicht entrinnen können. Immer gradeaus, querfeldein stürmten wir dahin, gleich der wilden Taube über unfern Köpfen! Als Offizier bin ich stets bereit gewesen, das Leben für meine Leute in die Schanze zu schlagen, wenn auch der Kaiser mir nie dafür Dank gewußt hat. Nun ja — er hatte der Männer mehr- und doch nur einen einzigen — doch still davon! Tie Dämmerung begann, sich herabzusenken, als ich wieder auf die Landstraße kam und bald darauf gelangte ich in den Ort Lobenstein. Kaum hatte ich das harte Pflaster berührt, so verlor mein Werd eines seiner Eisen, und ich sah mich genötigt, die Schmiede aufzusuchen. Nun hatte der Mann schon Feierabend gewacht und das Feuer niedergehen lassen, so daß ich nicht daran denken konnte, meinen Weg vor einer Stunde fortzusetzen. Meiner Verstimmung über den unfreiwilligen Aufenthalt kräftig Ausdruck gebend, schritt ich nach dem kleinen Wirtshaus des Ortes und bestellte mir ein kaltes Huhu und ein Glas Wein. Hof war nun nicht mehr weit entfernt, so daß ich hoffen konnte, meine Papiere noch heute abend loszuwerden und morgen früh mit Antwort für den Kaiser Weiterreisen zu können. Doch, lassen Sie sich jetzt meine Erlebnisse im .Wirtshaus zu Lobenstein erzahlen- meinc Herren! (Fortsetzung folgt.) Eine hexenzunst. Man wird mit einigem Staunen gelesen haben, daß in England scharfe polizeiliche Maßregeln gegen die Wahrsager getroffen worden sind. Es ist ihnen das Annoncieren in Zew tungen, an Anschlagsäulen und allen öffentlichen Platzen verboten worden, und man beabsichtigt, gegen den Unfug der Wahrsagerei in England scharf vorzugehen. Ein vernünftiger Mensch wird ich kauui eine Vorstellung davon machen können, daß es nötig ist, sich diesen Leuten gegenüber auf etwas anderes als den gesunden Menschenverstand der Bevölkerung zu vertanen. Aber die Ausdehnung, welche die Magie gerade in der modernen Gesellschaft gewonnen hat, ist enorm. Die schwarze Kunst wird in weitestem Maße bei allen geschäftlichen und privaten Angelegenheiten in Anspruch genommen. Leute tue alle andeien Fornien des Glaubens überivunden haben und das Christentum als Aberglauben von sich weisen, behalten sie als letzten Trost. Es ist kein Mangel au Schwarzkünstlern in London ^n Scharen bevölkern sie die Hintergebäude von. Bondstreet und Mayfair. In einer spiritistischen Zeitung kann man an eurem Tage allein nicht weniger als 300 Anzeigen profesttonsinatzlger Zukunstsdeuter lesen. Und dabei annoncieren noch sehr viele gar nicht, sondern versenden eigene Zirkulare, und die meisten vermehren ihre Kundschaft nur durch Weiterempfehlung. Einige dieser Leute haben große Vermögen verdient, indem sie andern Vermögen vorausgesagt haben. Ihre Sprechzimmer sind voller als die der Modeärzte. Natürlich gehören auch viele Frauen zur Zunft. Eine dieser Wahrsagerinnen ist eine Dame von eleganter Erscheinung, reizenden Manieren und trägt den Ausdruck vollkommenen Glaubens an ihre eigenen Prophezeiungen zur Schau, 612 Ihr werden die vertrautesten Dinge mitgeterlt, selbst int miste Familiengeheimnisse. Ob sie irgendeine übernatürliche Kraft, irgendeinen hypnotischen Einflust besitzt, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls übt sie eine so groste Anziehungskraft auf die Kundschaft aus, dast viele Damen und Herren ihrer Klientel gar nicht daran denken würden, irgendeine ernste Sache vorzunehmen, ohne dies Orakel, dessen schwarze Augen hinter die Dinge zu blicken scheinen, zu konsultieren. , ., All diese professionsmäßigen Wahrsager, teils Selbstbetruger, teils Halbbetrüger, teils wirkliche Betrüger, erzählen aus Karten und Kristallen, aus dem Handteller oder der Handschrift, durch spiritistische Tricks oder durch die verschiedenen Formen Mittelalterlicher Magie solchen Leuten die Zukunft, die in kindlichem Aberglauben befangen sind. Ihnen etwas vorzureden, ist leicht. Und leicht machen es sich die Herrschaften auch mit ihrer Kund- schaft. Sehr beguem folgen sie den Spuren ihrer großen Vorgängerin, der Pythia in Delphi, deren Aussprüche so vieldeutig waren, daß sie, was auch immer eintrat, recht behielt. Großen Schaden aber richten diejenigen an, die gewissenlos genug sind, den Fragenden bestimmte Versprechungen zu machen und Antworten zu geben, die oft das Glück ganzer Familien zu zerstören geeignet sind. Ist es doch leider in London bekannt,. dast Mitglieder der besten Gesellschaft diese Schwindler aufsuchen, um über die Treue ihrer Frauen, ihr Glück am Spieltisch oder auf der Rennbahn, über ihre persönlichen Feinde oder über die Nähe und Art ihres Todes Auskunft zu erlangen. Mit Recht wird darauf hingewiesen, dast das Ueberhand- nehmen dieses Wahnsinns ein betrübendes Zeichen von Dekadenz ist und an die ganz ähnlichen englischen Zustände im Zeitalter Jacobs I. erinnert. Einen schwachen Trost für die Engländer bedeutet es, wenn man ihnen zugestehen muß, daß es in anderen Großstädten kaum viel anders ist. Ist es doch noch gar nicht so lange her, dast in Berlin das Unwesen des Gesundbetens in den höchsten Gesellschaftskreisen Mode war; und die Nachrichten, die ab und zu von dem Einfluß „vorgezogener Geister/' an gewissen europäischen Höfen durchsickern, reden auch eine beredte Sprache. Ucberhaupt ist tzu allen Zeiten die sogenannte Gesellschaft und der Hof am empfänglichsten für die Swedenborg, Cagliostro e tutti quanti gewesen, und schon Bismarck hat darüber geklagt, dast die Großen dieser Erde, sonst so unnahbar, doch so leicht zugänglich sind für zweifelhafte Elemente, die er mit Horaz verächtlich nannte: Ambubaiarum collegia, pharmacopolae Mendici, mimae, balatrones, hoc genus ornna. Vermischtes. * Eine merkwürdige Herbstbluine. Im Herbst sieht man in den Blumenhandlungen häufig eine braune, runde Zwiebel ans Gestell oder Tisch liegen, die ohne Erde und ohne Wasser kräftige Ällltenstengel treibt, an denen sich hübsche violette oder fliederfarbige Blüten entfalten. Diese merkwürdige Treibzwiebel ist eine kultivierte Form unserer Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), deren charakteristische Blüte zur Herbstzeit als letzte Blumengabe des Jahres auf den schon fahl gewordenen Wiesen erscheint. Weil die Blume so zur Unzeit blüht, hat sie den Namen Zeitlose bekommen; sie ist noch besonders dadurch bemerkenswert, daß sie im Herbst nur die Blüte treibt, während die Blätter Und Früchte erst sin nächsten Frühjahr erscheinen. Die alten Botaniker, die das Leben dieser Pflanze noch nicht genau kannten, glaubten, die Früchte erschienen im Frühjahr zuerst, und dann im Herbst erst die Blüte, und sie nannten die sonderbare Pflanze daher „Filius ante patrem" („Der Sohn vor dem Vater"). Die Pflanze soll aus Kolchis am Schwarzen Meer stammen, weshalb sie den botanischen Namen Colchicum erhielt. Nach einer alten griechischen Sage bereitete Medea nach der Rückkehr der Argonauten einen Zaubertrank, um dadurch den alten Jason, den König von Jolkus, zu verjüngen. Von diesem Zaubertrank fielen einige Tropfen zur Erde, und aus ihnen entsproß die Herbstzeitlose. In späteren Zeiten wurde die Herbstzeitlose noch häufig zu Gift- und Zaubertränken benutzt, denn die Knolle birgt ein sehr heftiges Gift, das Colchicin. Durch die Kunst des.Gärtners ist nun die Herbstzeitlose in so hohem Grade kultiviert worden, daß sie trocken, ohne Topf, ohne Erde und ohne Wasser blüht, man braucht die Zwiebel nur irgend wohin zu legen, wo sie Licht Hat, dann entwickelt sie ihre Blüte ganz von selbst. Ja sogar ohne Licht bilden sich die Blüten vollkommen an der trocken liegenden Zwiebel, in diesem Falle allerdings farblos. Es dürfte launt ein zweites Gewächs bekannt sein, das ohne irgendwelche Pflege so kräftige, zahlreiche und schönsarbige Blüten hervorbringt, wie dieses Colchicum. Im Freien wie im Zimmer hat die merkwürdige Blume daher eine große Zahl von Verehrern gefunden; ihre Entwicklung überrascht um so mehr, als die braune Zwiebel in der ersten Zeit einen gänzlich leblosen Eindruck macht. Die Blütezeit des Colchicum fällt in die Monate September und Oktober. Kurz nach dem Abblnhen kann man die noch völlig wurzellose Pflanze in einen nicht zu kleinen Blumentopf mit nahrhafter, am besten mit Torfmull vermengter Erde setzen. Man erhält dann bei anfänglich schwächerem, später starkem Gießen im Winter eine kräftige Blattpflanze mit großen, glänzend grünen, unregelmäßig eiförmigen Blättern, die dem winterlichen Blumentisch zum Schmucke dient. * „Fleck, hör er uf!" In dem soeben erschienenen „Land-Kalender für das Großherzogtum Hessen, Ausgabe 1913"- (Großh. Staatsverlag, Darmstadt) teilt Generalarzt a. D. Dr. Otto Kappesser einige hessische Anekdoten aus alter Zeit mit,- darunter auch die folgende: Unter den Persönlichkeiten der nächsten Umgebung des leutseligen Großherzogs Ludwig III. war keineswegs der Geringsten einer der brave, alte Kammerdiener Fleck, der sich der Gunst seines Herrn in besonderem Grad ex* freute, denn er war nicht nur verschwiegen und treu wie Gold,- er besaß auch einen reichen Schatz von Schnurren und lustigen Geschichten, womit er jenem wohl über manche trübe Stund« hinaus geholfen haben mag, die ja auch den Hohen und Höchsten nicht erspart bleiben und von denen schon die Bibel sagt: sre gefallen uns nicht. Fleck hatte schon ein bewegtes Däfern hmter sich, bevor er in den ruhigen Hafen des Hofdienstes ernzog. Noch sehr jung war er als Trompeter in das GroßherzoglrchH Garde-Regiment Chevaulegers eingetreten und mit diesem über manches Schlachtfeld geritten, auf dem die tapferen Hessen gestritten und gelitten haben, allezeit getreu dem Eide, den st« ihrem Landesherrn und der Fahne zugeschworen, wenn auch leider lange der fremden Gewalt untergeben. War es doch unter anderen an dem fürchterlichen ersten Pfingsttag 1809, als die hessische Infanterie, Kavallerie und Artillerie, nur noch unterstützt von ein oder zwei anderen Bataillonen süddeutscher Kontingente, den Kampf um den Friedhof zu Aspern bestand, der siebenmal erstürmt und siebenmal verloren wurde und zuletzt doch unter schwersten Verlusten behauptet worden war, wodurch hauptsächlich der napoleonischen Armee die Möglichkeit gegeben wurde, sich wieder aus den Krallen des Doppeladlers herauszuwinden. Auch 1813 erschien wieder die hessische Streitmacht auf dem Plan, unter schwerster Anstrengung des so hart geprüften Landes aus den Trümmern der russischen Katastrophe neu aufgerichtet, und dieses Mal geführt von dem eigenen Sohne des Landesherrn, dem Prinzen Emil, dem unser Fleck als Ordonnanz- trompeter beigegeben war. Auch bei Leipzig waren sie dabei, AlltzN voran der tapfere Prinz und gleich hinter ihm sein Stabstrompeter, und der erzählte dann: „Drei Tage haben die Hessen dem übermächtigen Feind widerstandest, immer der Prinz an der Spitze und hinter ihm her der Trompeter Fleck, der immer wieder aufs neue sein „Vorwärts" und „Zum Angriff" blies. Wie aber der dritte Tag sich neigte und der Prinz einmal im Umschauen wahrnahm, daß fast niemand mehr hinter ihm war, als eben mir sein Trompeter, der gerade wieder sein Instrument zum Munde führte, da habe er ihm zugerufen: „Fleck, hört nor uf jetzt, mir zwee(n) allaans packen's doch nimmer!" — Das „Fleck, hör er uf!" ist dann zum geflügelten Wort im hessischen Lande geworden, und weil es auch jetzt noch mancher im Munde führt, der dessen Entstehung nicht mehr tenrtt>v so sei das hier zum bleibenden Gedächtnis in die Erinnerung zurückgerufen. vücherüsch. — Wiederum sind drei neue Bünde von Lelhngen & KlasingS Volksbüchern ans dem Markt erschienen und erregen die Ausinerk- samkeit aller, die sich dieses junge, aber rüstig vorfchreitende Unternehmen geivorben hat. Zwei der neuen Bücher widmen sich den Naturwissenschaften und zwar recht spröden Gegenständen: Dem Mond und den Tierriesen der Vorzeit. Trotzdem ist es den Verfassern Tr. Joses Plassmann und Tr. Walther Schoenichen gelungen, anregend und verständlich zu schreiben, wobei sie durch treffliche Abbildungen unterstützt werden. Der Band über das Nibelungenlied von dem Rostocker Germanisten Pros. Tr. Wolfgang Golther gibt eine fesselnde Darstellung vom Inhalt und von der Textgeschichte unseres größten Volksepos und wird sicherlich in Laien- wie in Gelehrtenkreisen dankbare und ausmerksame Leser die Fülle finden. _____________ Arithmogriph. 1 2 3 4 2 3 ein spiel 2 3 9 10 4 asiatisches Reich. 3 8 9 10 8 deutscher Dichter. 4 6 8 9 1 8 ein Insekt. 5 10 10 4 Stadt in Westfalen. 6 4 9 10 ein Fluß. 7 4 3 10 1 9 10 10 eine Krankheit. 8 9 1 8 10 nützliches Al et all. 9 1 2 3 4 italienische Insel. 10 8 2 3 8 10 ein Fahrzeug. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter bezeichnen der Reihe nach, von oben nach unten gelesen, ein berauschendes Getränk. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer r Keine Rose ohne Dornen. Redaktion: K. N e u r a t h. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen,