Donnerstag den 50. Mai yggäiy ,W ill B MftÄ Die von Gründingen. Wsman von Freiherr von Schlicht. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Als sie nach etwa anderthalb Stunden zurückkehrten, wurden sie voller Ungeduld erwartet. Von dem Nachbargut war Fräulein Wetdemann gekommen, ein nicht mehr ganz junges Mädchen von etwa dreißig Jahren, groß und derb- knochig, ohne dabei stark oder üppig zu sein. Sie muhte in ihrer Jugend einmal sehr hübsch gewesen sein, ihre lebhaften Augen waren immer noch schön, ebenso ihr dichtes, braunes Haar, das ihr, wie sie mit der ihr eigenen Offenherzigkeit jedermann erzählte, wenn sie es auflöste, bis Mm Knie ging. Vor einer Viertelstunde war sie ganz allein, ohne jede Begleitung, wie sie stets zu tun pflegte, angeritten gekoinmen, um sich den neuen Reitlehrer an- zusehen, und ging nun, während ein Knecht ihr Pferd am Zügel hielt, mit dem Grafen vor dem. Schlosse plauderns aus und ab. Die Gräfin hatte sich für einen Augenblick! noch entschuldigen lassen, da sie beschäftigt sei. Aber als die Reiter nun in leichtem Trabe sich näherten, konnte Fräulein Weidemann es kaum erwarten, bis dex Baron die Damen aus dein Sattel gehoben hatte, dann schloß sie jede der Komtessen in die 'Arme und begrüßte sie mit einem schallenden Kuß: „Ich sagte schon zu eurem1 Vater: ich konnte es vor Neugierde nicht mehr aushalten — ich mußte mir den Baron ansehen! Jawohl, Herr Baron," fuhr sie unbeirrt fort, als dieser wegen ihrer Lebhaftigkeit Und Ungeniertheit zu lachen anfing, „Sie brauchen gar nicht zu lachen, ich bitte Sie: Bei der Einsamkeit, in der wir hier leben, ist doch die Ankunft eines lebendigen Menschen ein Ereignis, an dem die ganze Nachbarschaft in einem Umkreis von mindestens zehn Meilen das lebhafteste Interesse nimmt." „Gnädiges Fräulein sind wirklich sehr liebenswürdig," Ker, auf ihren Ton eingehend, „hoffentlich entspreche ich gstens einigermaßen Ihren Erwartungen." Sie sah ihn mit freier Offenheit vom Scheitel bis zur Sohle an. „Soll ich auch .kehrt' machen, wie beim Militär?" fragte er belustigt. Sie mußte selbst lachen: „Sie dürfen mir das nicht Übelnehmen, Herr Baron — ich bin Nun einmal so, wie ich bin, und wenn wir uns näher kennen gelernt haben, dann werden Sie sehen, daß ich zwar ein ganz klein wenig verrückt bin, aber sonst ein guter, treuer Kamerad." „Von dem letzteren bin ich schon jetzt überzeugt, gnädiges Fräulein. Aber was das erstere betrifft „So können Sie mir ganz ruhig glauben, denn ich kenne mich selbst sehr genau. Und es ist mir viel lieber, daß ich selbst meine Sonderlichkeiten zugebe, als daß man hinterher, wenn ich fort bin, von mir sagt: verrückt s verrückt!" Der Graf amüsierte sich stets köstlich über Fräulein Weidemann, und so sagte er denn auch jetzt lachend: „Sie sind und bleiben doch ein Original." „Gott sei Dank!" stimmte sie ihm bei. Und zu dem Baron gewandt, fuhr sie fort: „Sie müssen nämlich wissen, Herr Baron, daß mein Vater sehr unglücklich war, als ich auf die Welt kam. Er hatte sich leidenschaftlich einen Sohn gewünscht, schon damit unser Gut später nicht in andere Hände übergeht, — und trotz alledem wurde es ein Mädel. Aber wenn ich auch kein Junge war, so bin ich doch wenigstens als solcher großgezogen. Früher habe ich auch wie ein Junge geritten — jetzt darf ich das nicht mehr." Alle lachten, und der Graf ries: „Schade, schade, Fräulein Marianne, in Pumphosen müßten Sie sich gewiß auch heute noch sehr hübsch zu Pferde ausnehmen." Fräulein Weidemann nahm nie eine Neckerei oder einen Scherz übel, so sagte sie denn auch jetzt nur: „Zwischen! einer Pumphose und diesem entsetzlichen, langen Reitkleid gibt's doch aber auch noch ein Mittelding. Ich will ja auch so gerne im Herrensattel reiten, aber Papa erlaubt es nicht. Wenigstens bis heute noch nicht, und da — — Herr Baron, rechne ich auf Sie! Sie müssen mir helfen." Aber der Baron zuckte bedauernd die Achseln: „Mein gnädiges Fräulein i— so leid es mir tut — ich kann nicht. Wenn' ich Ihre Bitte unterstützen wollte, dann müßte ich völlig gegen meine Ueberzengung sprechen." Sie sah ihn gespannt an: „Und das wollen Sie nicht?" „Ich kann es nicht, denn da müßte ich mir selbst untreu werden. Und was würden Sie von mir denken, gnädiges! Fräulein, wenn ich, einer Dame zuliebe, heute so, morgen so spräche, — dann wäre doch eine Kameradschaft, die Sie vorhin in so liebenswürdiger Weise erwähnten, zwischen uns ganz unmöglich." Sie reichte ihm die Hand und schüttelte die seine kräftig : „Wissen Sie, Herr Baron, was Sie da sagen, gefällt mir, gefällt mir sogar riesig, wenn Sie auch alle darüber lachen — aber das schadet nichts. Passen Sie aus, Baron, wir werden gute Freunde werden. Ich bin gerade so, wie Sie: ich sage auch nur das, was ich wirklich meine. Aber das sage ich auch immer. Oft könnte man hinzusetzeni leider. Aber ich kann mich nun einmal nicht ändern; wer mich nicht mag, der läßt es bleiben." Ein Diener erschien, um zu melden, daß die Gräfin! Fräulein Weidemann bitten lasse. Alle gingen nach dem Schloß. „Und wie wird es mit unserer ersten Tennisstunde, Herr Baron?" fragte Alexa. „Kontrattlich sollte sie jetzt eigentlich gleich sein." „Sie werden gut tun, Komtesse, sich nach dem Mit einen Augenblick auszuruhen ober wenigstens eine Stunde still im Stuhl zu sitzen, wozu Ihnen ja der Besuch Ihrer Freundin die beste Gelegenheit bietet. Außerdem ist mein 330 U-nzug immer noch nicht angenommen — und ohne den geht es ja leider nicht." „ Sie stimmte ihm zu: „Dann hoffentlich morgen. Natürlich war die Ausrede des Barons eine fromme Lüge: vor feiner Abreise hierher hatte er sich fast ganz neu eauipiert, sich auch einen neuen Tennisanzug machen lassen, aber wenn er gleich in diesem erschien, dann konnte Alexa auf den Gedanken kommen, daß er früher doch schon einmal gespielt habe, und das wollte er vermeiden, «re zeigte, so oft das Gespräch darauf kam, eine so lebhaft^ Freude, auch ihrerseits Lehrerin seiii zu dürfen, daß er es für mehr als grausain gehalten hätte, ihr die Wahrheit zn gestehen. , , Der Graf begleitete den Baron in sein Ziinmer, 11m sich von ihm erzählen zu lassen, wie er mit dem Reifes seiner Töchter zufrieden sei und was er in dieser Hinsicht beschlossen habe, während die Damen die Gräfin aufsuchten. Man plauderte eine kleine halbe Stunde zusammen, dann erhoben sich die Komtessen, unt sich umzukleiden, und Fraulein Weidemann benutzte die Gelegenheit, um sich bei der Gräfin zu verabschieden. Aber sie dachte nochJncht daran, zugehen, erst mußte sie ihr Herz ausschütten., So begleitete sie" denn die Freundinnen, deren Schlafzimmer neben- einander lagen, und leistete ihnen Gesellschaft, während diese sich umzogen. Nm von beiden Schwestern verstanden zu werden, wäh- reiid sie sprach, hatte sie den hohen, englischen Korbstuhl auf die Schwelle der beiden Zimmer gestellt, und von dort aus machte sie nun ihrem Herzen Luft: „Ein reizender Mensch, dieser Baron! Diese elegante Erscheinung! Eine prachtvolle Figur und das kluge Gesicht! Und die schönen Hände, die er hat — ich sah sie gleich, als er die Handschuhs auszog. Und die langen, schmalen Füße in den tadellosen Stiefeln! Und wie schick, in englischen Gamaschen zu reiten und nicht in den hohen, entsetzlich engen Angströhren, die nur den wenigsten Herren gut stehen, weil die wenigsten ganz gerade Beine haben, und weil es so wenig gute Schuster gibt. Und dann sein Wesen — sein ganzes Auftreten — die Offenherzigkeit, mit der er meine Bitte abschlug, so ruhig und so sicher — der weiß, was er will! Alles in allem: ich kann mir nicht helfen, der Baron gefällt mir, er gefällt mir sogar riesig." Der Mann, der Fräulein Weidemann bei der ersten Begegnung nicht gefiel, sollte noch geboren werden. Sie war von jedem Herrn sofort entzückt, obwohl, oder vielleicht gerade, weil sie längst jeden Gedanken an eine Heirat aufgegeben hatte. Zum Teil lag es auch wohl an ihrem etwas knabenhaften Wesen, denn wirklich mädchenhaft anmutig war sie selbst in ihrer Jugend nicht gewesen, da sie die Mutter sehr früh-verloren und auf dem Gute groß geworden war. Und sie war auch nie ernstlich umworben worden. Sie hatte nie eine unglückliche Liebe gehabt, auch nie den Wunsch nach einer Heirat verspürt. Sie lebte C ftir ihren Vater, ritt mit ihm über die Felder, half bei der Buchführung, hatte an der Ernte genau dasselbe Interesse wie -er, und wurde, wie dieser, den Hofgängern grob, wenn sie die bummeln sah. Sie hatte auch nicht allzuviel Gelegenheit gehabt, Herren kennen zu lernen. Nach Berlin kam sie selten oder höchstens nur für wenige Tage, um Einkäufe zu machen, und auch auf den Reisen, die sie im Winter meist an die Riviera führten, hatte sie nie einen Herrn kennen gelernt, dem sie irgendwie ein wärmeres Interesse entgegenbrachte. Sie war von jedem Manu entzückt, lediglich weil er ein Mann war, und weil sie ihn -deswegen bewunderte und beneidete. Je männlicher er in seinem ganzen Auftreten war, desto mehr war sie von ihm begeistert. Junge Leutnants waren ihr in der Regel ein -Greuel, und wenn Haus mit seinen Kameraden da war, kam es zwischen ihr und den Offizieren ost zu halb ernsthaften, halb scherzhaften Reibereien, bei denen sie sich „grün und gelb" ärgerte, während sich die Leutnants über sie totlachen wollten. So rief ihre Begeisterung nicht die Zustimmung hervor, die sie erwartet hatte, und verwundert sah sie von einer Schwester zur anderen: „Gefällt er euch etwa nicht?" „Gewiß, ja, er ist ja sehr nett," erklang es aus Alexas Zimmer. „Und was sagst du, Dagmar?" „Ich muß offen und ehrlich -gestehen, daß ich noch nicht über ihn nachgedacht habe. Warum auch? Er ist doch nur unser Reitlehrer. Daß er außerdem mit uns zusammen speist, mit dem Vater Ecarto spielt oder sich mit Mninä über den Adel unterhält — das ändert doch nichts daran." Fräulein Weidemann war.starr, und mit entsetzten Augen sah sie die Freundin groß an: „Dagmar — 'das ist doch nicht dein Ernst, was du da sagst!" Die wandte sich vor dem Spiegel, vor dem sie ihre Haare ordnete, ruhig um: „Gewiß! Welche Veranlassung hätte ich sonst, so zu sprechen, wenn ich anders dächte?" Fräulein Weidemann saß noch immer ganz versteinert da. Diese harten Worte aus Dagmars Münd wollten ihr absolut nicht in den Sinn. Gewiß, Dagmar war sich ihres Namens, ihrer gesellschaftlichen Stellung -ebenso wie ihrer Schönheit voll bewußt; sie war anders geartet, als Alexa, die sich in ihrer frischen Natürlichkeit stets allen so zeigte, wie sie wirklich war, aber trotzdem — da stimmte etwas nicht! Und- plötzlich stand sie auf, schob den Stuhl, auf dem -sie gesessen, beiseite und schloß 'die Tür nach dem Neben-, zimmer leise, ohne daß Alexa, die gerade in ihren Schubladen kramte, etwas davon merkte. Dann trat sie auf Dagmar zu, und ihr fest in die Augen sehend, sagte sie: „Für deine Worte von vorhin gibt es nur eine Erklärung —" „Und die wäre?" fragte Dagmar gelassen. „Du bist in den Baron verliebt." Jeder Blutstropfen wich aus Dagmars Gesicht: „Dst weißt wirklich nicht, was du redest! Ich — verliebt —t und dazu in den Baron — der nichts ist und nichts besitzt — und froh -sein kann, daß er bei uns für den Soinmer freien Aufenthalt hat;— und außerdem noch bar Geld bekommt.- Jch verliebt in den Baron! Den ich noch gar nicht kenne,- der erst -ein paar Tage bei. uns ist! Nein, Marianne —; manchmal bist du wirklich köstlich, da hat Papa ganz recht." Sie lachte hell auf, aber es klang gesucht und gex zwungen, und Marianne ließ sich auch nicht beirren. „Mich täuscht du nicht. Du belügst dich selbst mit dem, was dst sagst. Und ich wette mit dir, was du willst: In einem! Vierteljahr, wenn nicht noch viel eher, bist du die Braut des Barons." „Die Wette gilt." Dagmar hielt ihr die Hand hin, „Was du da sagst, wird Nie der Fall sein, niemals, dennj ich könnte mich gar nicht in einen Mann verlieben, dek gesellschaftlich so unter 'mir steht. Und zu wetten ist eigentlich ein Unsinn, denn du verlierst sicher." Aber Marianne gab nicht nach: „Was gilt die Wette?" Dagmar dachte einen Augenblick nach. Dann sagte sie: „Schon um dir zu zeigen, daß ich auch nicht das allergeringste Interesse für den Baron empfinde, setze ich das Liebste aufs Spiel, das ich besitze, — meinen „Old Fellow". Du hast ihn mir ja schon oft äbkaufen wollen — wenn du gewinnst, gehört er dir!" Nun wurde Marianne doch stutzig. Sie wußte, wie Dagmar an dem edlen Tier hing, wie sie es zärtlich liebte. Kein Tag verging, an dem sie nicht ein paarmal die Box aufsuchte, in der der schöne Rappe mit den schlanken Gliederst und dem weichen, zarten Fell stand. Für kein Geld war er ihr verkäuflich, und sie hatte einmal erklärt: lieber! selbst sterben zu wollen, als es zu erleben, daß ihr „Oldj Fellow" einginge. Wenn sie den aufs Spiel setzte, muhte sie ihrer Sache doch sehr sicher sein! (Fortsetzung folgt.) Herrn Molfingers Ehe. Von Max Karl Böttcher -Chemnitz'. Herr Molfinger stand- am Jungfernstieg -und betrachtete sich die hochrädrigen, vierrossig bespannten Wagen der Käseschen Hafenrundfahrt. . Dabei stieg ihm der Gedanke auf: Seit 26 Jahren lnst DN nun in Hamburg und bist noch nie in solch einem Wagen gefahren. .— Heute könntest Du es doch einmal tun. — Schon rM Begriff zUm Kondukteur zu treten, erblickte er auf einem- der Vordersitze Moses Ehrental, einen alten Widersacher und Geschäftskonkurrenten von ihm. , Er wandte sich ab und schritt mm Alsterpavillon, und er murmelte leise vor sich! hin: „Nein, Molfinger, mit diesem alten Fuchs kutschierst Du nicht durch Hamburg. Morgen ist auch noch ein Tag." . , !Er ließ sich auf einem der roten, bepuemen Rohrfäutmus nieder, die -zu Hunderten an den Minen Tischen vor dem Alsterpavillon stehen — und bestellte sich eine Tasse Kaffee. 331 — Der Kellner brachte Kaffee uitb Zeitungen. — Herr Molfinger WrchWtterte achtlos einige der Journale und langweilte sich redliche Da sand er in einer der illustrierten Zeitungen, der „Ham- bürger Woche", ein Bild: Singhalesen im Hagenbeckschen Tierpark. — Die photographische Ausnahme war ausgezeichnet gelungen Und man konnte sogar die einzelnen Zuge der getypten Männer Und Frauen recht gut erkennen. Herr Molfinger legte die Zigarre beiseite, griff nach seinem Klemmer und beäugte nun genau das Bild, genau und lange. Eine eigentümliche Unruhe war üVer ihn gekommen. Er rief den Kellner und zahlte, eilte dann zum nächsten Zeitungskiosk, Und kaufte sich die letzte Nummer der „Hamburger Woche". Dann schritt er zUr Dampserhaltestelle, fuhr über das Alsterbassin bis Station .Lombardbrücke und dort bestieg er die elektrische Bahn, die durch Altona hinaussü'hrt nach Stellingen. Während der Fahrt zog er die „Hamburger Woche" hervor Und betrachtete sich das Singhalesenbild. Dabei glitt ein boshaftes .Lächeln über sein wohlgenährtes Antlitz. An dem prachtvollem von treffender Synrblolir gezierten Eingang von Hagenbecks Tierpark traf Herr Molfinger seinen Freund Dr. Naumann, einen gewiegten und in Hamburg wohlbekannten Rechtsanwalt. Mit ihm zusammen durchschritt er den Tierpark. In der gigantischen .Löwenschlucht dehnten sich die gelbge- mähnten Tiere in der prallen Nachmittagssonne, während an der Eisbargrotte die nordischen Weiß.zottel den kühlenden Schatten UUffuchten. Auf dem Wege nach dem Raubiierhause blieb Molfinger plötzlich stehen und packte Dr. Naumanns Arm. „Erlaube mir eine Frage, Freund: Mas denkst Du? Ob mir die Polizei erlauben würde, daß ich! mir in meiner Villa eine Kollektion wilder Tiere, vielleicht etliche Löwen und Tiger Unb1 dazu einige Bären, halte?" Dr. Naumann blickte seinen Freund erschrocken an, dann sagte er besorgt: „Setze doch! Deinen Hut auf, Paul, die Sonne brennt wirklich ganz verteufelt heiß und, einem alten Freund gestattest Du wohl ein offenes Wort, und gerade sehr viele Haare zeigt Dein sonst recht wohl geformter Schädel nicht mehr." Molfinger lächelte. — „Keine Sorge, Doktorcheu, ich bin ganz normal. — Ich wiederhole meine Frage betr. die Menagerie und Nach Deiner Antwort will ich Dir Aufklärung geben." Da sagte der Rechtsanwalt: „Meiner Meinung nach wird die Polizei gegen Errichtung einer Privatmenagerie nichts einzuwenden haben, wenn für ausreichende Sicherheit gesorgt ist." „So, — das wäre ja famos. — Und nun höre meine Gründe. DU weißt, daß'mein Vermögen nach Millionen zählt, Du weißt 'aber auch, daß ich nur lachende Erben besitze, die nichts sehnlicher wünschen, als daß ich mich baldmöglichst aus dieser schnöden Welt Verdufte. Da das aber bei meinen 55 Jähren und bei meiner gesunden Konstitution nicht gleich Ku erwarten ist, so bemühen sich meine über alles geliebten Cousins und Cousinen und Neffen unb Nichten, mich wenigstens zu recht sparsamem Lebenswandel an- zuhalten, damit dereinst die Gelder ihnen ungeschmälert zurollen. Und da will ich mir doch den Spaß, machen, die liebenswürdige Verwandtschaft etwas in Aufregung zu bringen, wenn das auch uicht gerade christlich ist. — Nun stelle Dir den Kummer dieser Herrschaften vor, wenn sie eines Tages in jeden: meiner Salons einen großen Käfig erblicken, in dem so ein gefräßiges Ungeheuer ockt, das alltäglich! ein halbes Pferd verspeist." Er lachte vergnügt vor sich hin. Der Notar aber stellte ihm die Unannehmlichkeiten vor, die ihm dieser Spaß verursachen würde; vor allem der liebliche Raub- . erdnst und das anheimelnde Gebrüll der Tierchen Kur Nachtzeit. Das leuchtete Herrn Molfinger ein und er heft vorläufig diesen Plan fallen. Unterdessen waren sie niin Web die gewölbte Brücke in das Smghalesendorf gekommen. Das fleißige CeyKmvöWen hatte sich ein liebliches Hüttendorf gebaut und nun Hockten die braunen Gestalten vor ihren Hütten. — Die einen bemalten kunstvolle Vasen, andere flochten Teppiche oder schnitzten zierliche Elefanten und wieder andere saßen am Amboß und schmiedeten kunstvolle SchMucksachen. Singhalesenjungen und Mädels bjuMMelten durch! die Gassen und bettelten, und hinter einem Zaune stand ein Singhalese und wahrsagte aus den Linien der dargebötenen Hand. Es waren schlanke, zum Teil schöne Menschen, diese Ur- bewohner Ceylons, mit ihren prachtvollen Zähnen, der bronze- sarbenen Haut und den großen, schwarzen Augen. Herr Molfinger rntt mit dem Rechtsanwalt durch das Singhalesendorf. Sie ; en hier und da stehen und betrachteten sich die fremdländischen Hünenbewohuer. Plötzlich' zuckte Herr Molfinger zusammen. Auf einem kleinen, freien Platz, der von einem niedrigen saune umfriedigt war, hockte ein junges Singhalesenmädchen von bestrickender Schönheit. Links und rechts von ihr saß auf eine; Kissen ein kleiner, niedlicher Affe. Das Mädchen hatte auf dem Schoße eine eigentümlich geformte Trommel, und sobald sie den Schlegel rührte und die Trommel ergingen ließ, begannen die Affen in tollen Sprüngen zu tanzen. Des Mädchens Augen funkelten dann vor Vergnügen und hinter ihren roten, etwas aufgetoorfenen Lippen schimmerten zwei Reihen kleiner, elfenbdiuweißer Zähne hervor. Herr Molfinger war entzückt. — Er griff nach seiner „Hamburger Woche", verglich dcG, Singhalesenmädchen mit einem der Bilder, und dann warf er der Singhalesin ein Goldstück in den Schoß. „Nanu, Molfinger," rief per Notar, —• „du beschenkst ja diese braune Hexe geradezufürstlich." Nesku, so hieß die Singhalesin, ließ das Goldstück schnell in das kleine Ledertäschchen gleiten, das sie an der Hüfte hängen fyatte, dann stand sie auf, zog das weiße Obergewand, das sie, trug, fest an sich, so daß man ihre schlanke Gestalt und die prächtigen' Konturen ihres Körpers sehen konnte, und- trat an den Zaun. Sie bedankte sich bei Molfinger in fließendem englisch und reichte ihm ihre kleine, braune Hand-, Molsinger fragte sie urach allem Möglichen, vor allem, ob es ihr in DeutsMaird gefiele und ob sie für immer hier bleiben möchte? Und das kleine Ceylonfräulein.erzählte von seiner Heimat und von seinen beiden Aeffcheu Mny und Müll, und es sprach begeistert von Deutschland, besonders Won Hamburg. — Aber hier bleiben möchte es nur im Sommer, im Winter sei es viel kält. Molfinger streichelte immerfort seine Hand, und dann zog er von seinem fetten, 'kleinen Finger einen prachtvollen Brillantring, bett er Fräulein Nesku an den Mittelfinger schob. Das war Ar ’ben Notar zu viel. — Er zog seinen Freund hinweg und machte «ihm heftige Vorwürfe ob seiner Verschwendung. „Bitte beruhige dich,, r— Du wirst noch ganz andere Dinge erleben. In mir fist ein herrlicher Plan gediehen, meine Verwandten in Aufregung >zU bringen und mir dabei eine Freude zu' machen." Dr. Näumann schüttelte *'0(1)16 sich das kranzösi che Wesen überall geltend und behielt diese Geltung noch 100 Jahre lang, bis der erste Napoleon Bonaparte von den Engländern im Jahre 1815 nach St. Helena verbracht worden war. Vor 200 Jahren wurde Hessen-Darmstadt von dem Landgrasen Ernst Ludwig regiert, und zwar 60 Jahre lang, von 1678 bis 1738. So lange der junge Herr noch uninündig war, regierte seine Blutter Elisabeth Dorothea als Vormünderin bis 1788. Die Landgrafschaft hatte schwer unter den Kriegen zu leiden, die der Kaiser mit Frankreich iührte. Darmstadt wurde zweimal erobert und gebrandschatzt und die landgräfliche Familie mußte nach Ober- e fliehen. Der junge Landgras war ein Freund der schönen e und des Theaters, er ließ Baute» aufführen und liebte das Waidiverk. Das alles kostete Geld — das war rar. Anleihen, wie man sie jetzt mit Leichtigkeit ausnehmen kann, waren damals nicht zu machen, man wandte sich an reiche reute, die Darlehn gegen hohe Zinsen gaben. Frankfurt a. 9Ji. ro ar schon vor 200 Jahren als Geld- und Handelsstadt berühmt; dort hatte der Landgraf im Jahre 1728 6000 fl. bei Rat Fend zu 6 Prozent geliehen. ‘ Einige Jahre später war wieder Geldbedürsms vorhanden, weshalb bei dem Hof- und Kammeragent Beer Löw Isaac in Frankfurt a. M. »weitere 6u00 fl zu 6 Prozent geliehen wurden. Interessant ist die Sicherheit, die dem Hof- imb Kammeragenten — heutzutage würde er vielleicht Geheimer Hosrat tituliert werden — gegeben wurde, nämlich: Der landaräfliche Amtsverweser zu Nidda, Friedrich Ludwig Krug (es muß ein tüchtiger Mann gewesen sein), mußte an Eidesstatt versprechen, die Ueberschubgelder seines Amtes nach Zahlung aller vorhandenen sonstigen Lasten, auf herrschaftliche Kosten an den Gläubiger Beer Löw Isaac in Frankfurt a. M. abzulieiern. Daran dürfe sich der Amtsverweser durch keinen konträren Beiehl, weder von Sr. Durchlaucht selber, Dero Fürstlichen Successoribus noch sonst jemand, wer er auch seye, nicht abhalten oder verhindern lassen. „Jit Urkund dessen hab' ich mich eigenhändig unterschrieben und mein gewöhnlich Pettschast auigedrstckt. So geschehen zn Nidda den 17. Aug. 1735” — heißt es in jenem Schriftstück. Das Geld muß Damals sehr rar gewesen sein, wie aus einem Briefe des Oificianten Ostheimb von Darmstadt an den Amtmann Krug in Nidda hervor geht. Ostheimb machte ein Gratulations- gedicht zum neuen Jahr und bittet um 25 Gulden, weil er noch keinen Kreuzer auf Besoldung gesehen habe. Ferner erhielt Krug Weisung, der Weißzeugverroalieritl Jungfer Kreuselmeyerin 100 fl. auf bereit ausstehende Besoldung zu zahlen und^zu verrechnen. Tie Kirchenzucht war damals sehr streng. Pfarrer Soldan von Wingershausen quittiert untenn 21. März 1736 den Betrag von 7 Gulden 15 Albus für Erlassung der öffentlichen Kirchenbuß von wegen Conrad Möllers und 'Unna Elisabethen Weyl nach- gebliebenen Wittib. Mit der Rückzahlung der Anlehen in Frankfurt ging es sehr langsam, iveil die Besoldungen und Löhne der Beamten und Diener, die Unterhaltungskosten der herrschaftlichen Gebäuoe und sonstige öffentliche Lasten vorgingen. Beer Löw Isaac beschwerte sich in Darmstadt, worauf die fürstliche Regierung deut Amts- verroeser in kräftiger Weise anbefahl, Zahlungen zn leisten und mit den Worten schloß „auch in Zukunft Euch darnach achtet, oder der gebührenden Ahndung Euch gewärtiget. Versehens Uns und sind Euch frdl. wohlgeneigt ” — Darauf erstattete der Amtsverweser eineu Bericht, dessen Adresse lautet: Denen Hochwohlgebohrn- Hochedelgebohrn- Gestrengen- Best- und Hochgelehrten, zur Hoch- fürstl. Hessischen Renthkammer Hochverordneten Herrn Herrn Praesident, Cammermeister und Räthen, Meinen gnädig Hoch» geehrtisten Herren.... Darmstatt. In diesem Schreiben setzte der Amtsverweser auseinander, daß au eine Kapitalabtragung vorerst nicht zu denken sei, weil nicht einmal alle Besoldungen und sonstigen Lauen hätten gedeckt werden können, so daß sich der Gläubiger zunächst mit seinen Zinsen begnügen müsse. Im Jahre 1736 machte sich in Mitteldetttschland eine Münz» Devalvation in unangenehmer Weise fühlbar, b. h. der Nenn» und Metallgehalt der Münzen wichen bedeutend von einander ab, besonders bei Scheidemünzen. Wir Kinder des 20. Jahrhunderts haben keine Ahnung davon, welche Masse von Münzen damals im lieben deutschen Vaterlande umliefen. Kaiserliche, Churfürstliche, Herzogliche, Fürstliche, Erzbischöfliche, Reichsgräfliche, ReichS- freiherrliche und Reichsstädtische 'Münzen liefen um. Reichsfreiherr Philipp von Ehreniels besaß das Münzrecht; um es nicht zu verlieren, ließ er von Zett zu Zeit für einen Gulden kleine Kreuzer schlagen, womit er sein Münzrecht aufrecht erhielt. Man sollten nicht nur die Scheidemünzen, sondern auch die Gold- und Silbermünzen zum vollen Werte nur bis Ende 1736 eingezogen werden, aber in aller Stille, damit nicht zu großer Ver lüft entstehen möchte. Vom 1. Januar 1737 an sollte der niedriger, Kurs gelten. Die Geschichte wurde aber doch ruchbar. Der Einnehmer Johann Reinhard Rühl berichtete darüber an Amtsverwe!er Krug: Die Bauern haben das Versängnuß schon über 8 tag lang gemerket, und, aller Wiederlegungen ungeachtet, unter sich davon gesprochen, dahero es dann gekommen sein mag, daß man in so kurzer Zeit und gegen sonstige Gewohnheit auf einmahl so Viele Gelder hat einzunehmen gehabt. Jnmittelst ist es mir insoweit lieb, daß solchergestalt besser als sonsten mit dem effectuiren, Einnahmen habe avanciren können." Dieser Johann Reinhard Rühl scheint für seine Verhältniff, ei» gewiegter Mann gewesen zu sein; er schrieb eine leserliche Hand und adressierte seine Berichte folgendermaßen: a Monsieur, Monsieur Kroug, Baillif de Son Alt. SerN? Monsgr le Landgrave regnant de Hesse Darmstadt pp. ä Nidda. Der KurSverlust im Amte Nibba war — wenn man bie damaligen Geldverhältnisse in Betracht zieht — recht empfindlich. E- gingen an Münzen ein zum Nennwert . 6133 fl. 22 AlbuS 4 H Dieser Betrag wurde an Kammer-Agent Seer Löb Isaac in Frankfurt gesandt, der dafür gutschrieb..... . 5530 „28 „ 4 , Folglich DevalvationS-Verlust 602 fl. 24 Albus 0 H Landgraf Ernst Ludwig starb im Jahre 1738. Die beiden Darlehen von 6000 fl. wurden erst später zurückgezahlt. Auf Ernst Ludwig folgte sein Sohn Landgraf Ludwig VIII., der schon als Erbprinz eine gute Heirat machte: er vermählte sich mit der Erbtochter des Grafen von Hanau-Lichtenberg, die ihm reiche Besitzungen, Gilten, Renten und Zinsen mitbrachte. Ludwig war, wie sein Vater, ein Freund des Theaters, der Musik und der Jagd. Die Parforcejagden, die er veranstaltete, waren weit und breit berühmt, kosteten aber viel Geld. In Nr. 58 und 54 der „Gießener Familienblätter" vom 6. und 7. April 1910 wurden einige Proben von der Leutseligkeit und dem Humor beS Lanbgrafen Ludwig VIII. gebracht. humoristisches. * Feinschmecker. Weinhcindler: „Mein erster Reisende» hat eine so feine Zunge, daß er Ihnen jede Marke und sogar beit Jahrgang allein nach dem Geschmack genau angeben tarnt." —< Wurstfabrikant: „Mein Reisender kann aus dem Wiener Würstchen sogar noch die Droschkennummer herausschmecken." * Verraten. „Emil, es ist schauderhaft, was ich von dir hab' hören müssen — du seiest gestern abend total betrunken gewesen!" — „Ha, Verleumdung! Wer verbreitet eine solche Lüge?" — „Herr Müller hat's seiner Frau erzählt!" =- „Was, betl Der lag ia bei mir unter'm Tisch!" Nönigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — rote der König aus dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergetzt. un nie sein magb heit weis deine sein in roan gesagt laß willst stets lei dir du ge nie zweier laß plagt bei glück das sein und dein tor nie Auflösung in nächster Nummer. von heit Auflösung des Geographischem Verschiebrätsels in voriger NumMkl Hannover Abruzzsu ©aronne Kairo Florenz 9Igram Lausitz ■Mailand Lissabon Ungarn Loloten ledaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag h»r Brübl'schen UniversttätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lang«, Gieße»