’* #1 M ÄW I I M Der König von Thule. Boman von Paul Grab ein. (Nachdruck verboten.)! (Fortsetzung.) Gr hielt ihren Wunsch nur für eine exzentrische Laune. Eben noch in tändelndem Geschwätz mit diesen Lassen, reizte es sie nun einmal, neugierig einen Blick in diese Stätte des Elends zu tun. Mer sie irrte sich in ihm; er war für solche Anwandlungen nicht zu haben. „Ich bedaure sehr," lehnte er daher ihren Wunsch kurz ab. „Der Eintritt ist nicht möglich." „Wieso?" staunte sie. „Sie sagten doch eben —" „Ganz recht! Für Besucher mit ernstem Interesse, Aerzte und Behörden steht die Besichtigung offen. Aber das Unglück dieser Armen ist kein Schaustück für die Neugier." In Frau Söllnitz' Antlitz schoß eine tiefe Röte. Ihr das zu sagen! Daß ihre gutherzige Rührung so gelohnt wurde! Und mit kaltem Ton antwortete sie, ihr Pferd an den Zügel nehmend: „Sie irren sich völlig in meinem Motiv, Herr Doktor. Ihre Belehrung war also am falschen Platze. — Besten Dank im übrigen für Ihre Führung!" Etwas betroffen sah er zu ihr auf. Mer mit einer stolzen Neigung des Kopfes verabschiedete sie sich schnell und galoppierte zu den beioen Herren hin, die eben herankamen. IV. Im kleinen Saal mit der Bühne, dem einzigen seiner Art in Reykjavik und ganz Island, saß dichtgedrängt die Schiffsgesellschaft in freundnachbarlichem Durcheinander mit Einwohnern der Hauptstadt und lauschte dem Gesangskonzert, das die Bürgerschaft Reykjaviks den Gästen aus dem fernen Deutschland veranstaltete, Hn der ersten Reihe des Sängerchors droben auf dem Podium standen die jungen Isländerinnen, blond und blauäugig, in ihrer kleidsamen Nationaltracht, dem prunkvollen, lang herabfalkenden Mantel aus rotem oder blauem Samt, mit Hermelin verbrämt, schönen alten Silberschmuck im Haar und am Gürtel. Im Chor sangen sie, mit den Herren hinter ihnen, die alten, schwermütigen Lieder ihrer Heimat, von versunkenem Glanze und einstiger Heldenherrlichkeit. Still lauschten die deutschen Gäste, in deren letzter Reihe auch Frau Söllnitz mit ihren näheren Bekannten. Während der melancholischen Weisen gingen ihr ernste Gedanken durch den Kopf. Das war nun ein Festsaal hier, dieser schmucklose, nüchterne Raum — ein rechtes Abbild auch dieser weltentlegenen Insel. Auch die Gefichtszüge der Mädchen und Männer da oben auf der dürftigen Bühne, die an einen deutschen Dorfwirtshaussaal erinnerte, spiegelten tu ihrem Ernst die Natur ihrer Heimat wieder. Etwas. Schweres, Trauriges lastete hier auf Land und Menschen — wahrlich, so empfand Frau Söllnitz, nicht umsonst hat sich die düstre Sage um die nebelgraue Insel Thule gewoben — und plötzlich tauchte aus dem Gedämmer ihrer Vorstellungen das Bild des fremden Doktors von gestern auf. Trotz des Aergers über ihn, hatte er ihre Gedanken doch häufig beschäftigt; vielleicht gerade, weil er sie wie eine launige, exzentrische Frau ernst zurückgewiesen hatte. Durch die Nachgiebigkeit und schmeichelnde Bewunderung der Herren allenthalben verioöhnt, war es ihr selbstverständlich geworden, daß man ihre Wünsche als Befehl auffaßte. Seine rauhe Offenheit nun hatte sie zwar lebhaft verletzt aber doch zugleich einen starken Eindruck auf sie gemacht. Es war überhaupt etwas in der ruhigen, ernsten Art des Fremden gewesen, was ihr gefallen und gut getan hatte. Sie war der ewig witzelnden und spöttelnden Art der Unterhaltung ihrer Gesellschaftskreise herzlich müde, obwohl es ja noch die beste Art war, hinter dieser skeptisch lächelnden Maske das wunde, zerstörte Innere zu verbergen. Sie sehnte sich insgeheim ja so unsagbar wieder nach einem festen Halt in ihrem Leben, an den sie isich klammern könnte, damit sie der beängstigende Strom des Lebens nicht hinwegriß, sie, die wurzellos Gewordene. Sie sehnte sich nach einer in sich selbst gefesteten, klaren Menschenseele, bei der sie sich Trost und Rat, neuen Mut und frisches «Hoffen holen tonnte. Mer wo solche Seele finden in dieser innerlich zerfressenen Gesellschaft, in der sie lebte? Wo alles hinjagte nach oberflächlichen Genüssen, wo keiner sein wahres Gesicht zeigte oder, toeuu er's tat, nur abstoßende Züge enthüllte. Besser schon, da lieber einsam zu bleiben inmitten all des glänzenden Gewühls. Wer wie schwer doch — wie hoffnungslos traurig I In das schwermütige Sinnen der jungen Frau klangen die weichen dunkeln Akkorde eines neuen Liedes der Sänger da vorn, des letzten der ersten Programmhälfte: Vith hafith jeg sat fram a saevarbergs stall," eines Sanges voll der ganzen trübschweren Stimmung der isländischen Landschaft. Das Programm gab den Text auch in deutscher Uebersetzung wieder: „Ich saß an der Küste an felsigem Rand Von düsteren Nebeln umgeben — Die reißende Brandung umtoste den Strand — Ich sah sie erbeben. Das Meer ward so finster, der Hagelsturm droht Mit Dröhnen und Sausen; Die Nacht brach dann ein, wie der schweigende Tod —. Erfüllt mich mit Grausen." Leis verhallten die letzten, schwermütigen Akkorde im Saal. Dann brach stürmischer Beifall unter den deutschen Gästen los; das Lied ward noch einmal verlangt. „Um Gottes willen!" Mit halb komischem, halb ernstem Entsetzen wehrte Kapitän New Hardt ab. 202 „Sie sind weniger entzückt?" wandte sich seine Nachbarin, Fran Söllnitz, an hin. Sie war ganz froh, daß Ihr Begleiter sie ihrem Trübsinn entriß. „Ich bitt' Sie, gnädige Fran! Einmal so was läßt man sich ja schließlich noch gefallen. Aber bloß nicht zum zweitenmal. Ich finde diese isländische Musik so saft- und kraftlos — alles, was die Leute da singen. Sehen Src, gerade eben dies Lied, von Brandung und Sturmbransen — Herrgott nicht noch wat, da müßte doch 'ne grandiose Leidenschaft daraus klingen, eine Wildheit, die einen packt und schüttelt! Statt dessen wimmern die guten Leutchen da wehleidig immer im Moll 'rum. Doch einfach nicht zum Aushalten, gnädige Frau! — Nee, nee, Island kann mir gestohlen bleiben. Kein Muck in der ganzen Geschichte! Auch die Mädels da oben, doch lauter junge Dinger, auch ganz hübsch manche — geb' ich gern zu — aber stehn da wie die Oelgötzen, kein Funken Temperament in der ganzen Gesellschaft! — Nee, danke ergebenst!" Frau Söllnitz lachte belustigt über den Entrüstungs- ausbruch des so jugendlich, empfindenden alten Seemanns. „Sie kokettieren wohl bloß nicht genug mit Ihnen, Herr Kapitän!" neckte sie ihn. „Soll mich Gott bewahren! Solche Mondkälber, und auch noch kokettieren? Das wäre ja tödlich! — Aber sie singen wahrhaftig noch mal. Da mach' ich mich dünn!" Und eiligst machte sich der Kapitän davon, draußen seine Zigarette zu rauchen. Das Lied wurde in der Tat wiederholt und abermals lebhaft beklatscht. Dann trat die Pause ein, während der die Mitglieder der Reisegesellschaft sich nach der Bühne zu drängten, um sich mit den isländischen Sängern, so gut es ging, persönlich bekannt zu machen. Frau Söllnitz benutzte die Gelegenheit, den Saal zu verlassen. Die lastende" Schwüle in dem Raum und die ihr Inneres bedrückende Schwermut des Gesanges trieben sie hinaus an die frische Luft, sich Kopf rind Herz wieder freier zu machen. Als sie hinaustrat, empfing sie, wiewohl in der zehnten Wendstunde, das noch helle Licht. Die Sonne war hinter der weiß-grau durchleuchteten Wolkenwand nicht sichtbar; aber die Kraft ihrer Strahlen bekundete sich in den metallisch gleißenden Reflexen der das Auge blendenden Luft und des schwerflüssigen Wasserspiegels auf der Meeresbucht draußen. Die Luft war sommerlich Warrn, ohne jede nächtliche Abkühlung und völlig still. Eine fremdartige Stimmung tönte leise aus dieser nordischen Abcndlandschaft; es war fast Nacht und doch heller Tag. Wie verzaubert erschien das Land, Himmel und See; der' Tag war durch eine dämonische Gewalt festgehalten — unnatürlich, geheimnisvoll mutete sein Anblick zu nächtlicher Stunde an. Gedankenverloren schritt die junge Frau durch die stille Gasse dahin, die zum Hafen führte. Auch, hier die Grenzen der Natur verrückt! Kein traulich blinkendes Licht aus dunkelm Stübchen, keine geschlossenen Läden, die friedlichen Schlummer der Bewohner kündeten. Die Fenster und Türen waren vielfach noch offen; die Helle der Polarnacht ließ noch keine Müdigkeit über die Menschen kommen. Man hörte sie noch sprechen und hantieren. Etwas Ruheloses, trotz der lautlosen Stille in der Natur die Nerven Aufreizendes, lag in diesem ewig scheinenden Tageslicht; es war, als wenn die Ueberanspannung des schlummerlosen Gestirns sich auch den Menschen mitteilte. Plötzlich wandte sich grau Söllnitz auf ihrem stillen Gange unwillkürlich um. Ihr war, als ob Schritte hinter ihr herkämen, und sie hatte sich nicht getäuscht. Ein Mann kam ihr nachgegangen —• der Doktor von gestern! Sie erkannte ihn gleich wieder, trotzdem er heute einen Gehrockanzug trug. Sie wandte das Gesicht wieder nach vorn und ging in unverändertem Tempo weiter. War es Zufall oder Wsicht, daß er hier denselben Weg ging? Er war offenbar auch im Konzert gewesen. Nun hatte er sie eingeholt. Neben sie tretend, zog er den Hut zum Gruß: „Guten Abend, gnädige Frau." Mit bent Kulturgewand hatte er offenbar heute auch die in der deutschen Heimat übliche formelle Anrede hervorgeholt. „Sie waren auch im Konzert. Ich habe Sie gesehen. Nun, wie gefällt Ihnen der isländische Gesang?" Seine ruhige Art. als ob gestern gar nichts zwischen ihnen gewesen wäre, weckte von neuem ihre verletzte Empfindlichkeit, die sich, inzwischen bereits beschwichtigt hatte. In kühlem, ziemlich ablehnendem Ton erwiderte sie daher: „Er ist melancholisch und freudlos, wie das ganze Leben hier." „Also nicht Ihr Fall?" Das leise, wie ihr schien, ironische Lächeln bei diesen seinen Worten reizte sie noch stärker; aber sie zwang die scharfe Erwiderung nieder, die ihr auf den Lippen schwebte. Statt dessen sagte sie, mit einem festen Blick in seine Augen, offen zu ihm: „Sie gaben mir schon gestern — sogar in recht unzweideutiger Weise — zu verstehen, daß Sie mich für oberflächlich halten. Glauben Sie wirklich, nach so flüchtiger Bekanntschaft, ein Recht dazu zu haben?" lleberrascht sah er auf sie, als ob er da plötzlich etwas ganz Neues, Unerwartetes bei ihr entdeckte. Sic hielt seinen in sie dringenden Blick ruhig aus. Langsam 'erwiderte er dann: „Ich gestehe unnmwünden: Ich glaubte dies Recht allerdings zu haben — nach der Gesellschaft zu urteilen, in der ich Sie antraf." „Ah so! Sag' mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist!" entfuhr es ihr bitter. „Wer auch Sprichwörterweisheit wird miluuter zu schänden! — Können Sie sich wirtlich nicht vorstellen, daß einem auch eine Gesellschaft aufgezwungen werden kann? Namentlich im engen Raum eines Schiffes?" „Ohne Zweifel. Aber es schien mir so, als ob Sie sich in dieser Gesellschaft in Ihrer Lebenslust fühlteu." Die junge Frau lachte bitter auf. „So? Machte ich deu Eindruck?" Er blickte eine Weile schweigend auf sie, wie es in ihrem feinen Gesicht, trotz aller Beherrschung, insgeheim zuckte. (Fortsetzung folgt.) Eine Heldin. Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Kathinka besuchte am Abend vor ihrer Abreise noch einmal die alte Fürstin und mütterliche Freundin. Ihre Durchlaucht war in den letzten Monaten merklich gealtert. Die stete Plage der Gicht und nicht zum mindesten das Unglück Kathrnkas, die sie wie ihre Tochter liebte, hatten mächtig an ihr gezehrt. Die beiden Frauen plauderten lange im stillen Boudoir der Fürstin. Kathinka saß, nach ihrer alten Gewohnheit, auf einem Polsterbänkchen zu der Fürstin und kraulte Jockels Fell, der ihr im Schoße saß. „Willst Du noch immer, daß ich vor dem Herzog das Geheimnis wahre, Käthi?" fragte die Fürstin. Die Dämmerung flatterte draußen durch die Büsche und wob Schleier der Nacht. Der Lakai, der die Lichter anzünden wollte, ward von Ihrer Durchlaucht wieder entlassen. Sie liebte diese trauten Dämmerstunden. Die Gedanken werden dann tiefer und die Worte lösen sich leichter. Sie legte ihre Hand auf Kathinkas Scheitel und fragte wieder: „Soll er nicht alles wissen?" Kathinka aber beugte ihr Haupt tiefer und seufzte, und sie sagte: „Er wird schlecht von mir denken, ich ahne es< Doch erfährt er, wie es um ntein Herz steht, so wird er; noch mehr leiden und alles daran setzen, meine Fesseln zu sprengen," und leise setzte sie hinzu: „Denn er liebt mich noch." Sie schwiegen lange Zeit. Dann sagte die Fürstin mit müder, trauriger Stimme: „Meine Tage sind gezählt, mein Kind. Du gehst jetzt auf drei Monate fort, — wer weiß, ob wir uns Wiedersehen. Aber das weiß ich) ehe ich noch von hinnen gehe, soll Hans Jochen wissen, daß Du eine Heldin bist," Zwölftes Kapitel. Kathinka und Clarissa wären noch nie in Freiburg! gewesen. Die Equipage führte die Damen, in deren Begleitung sich nur zwei Kammerzofen befanden, durch die Straßen der alten Universitätsstccht. Die kleinen, sauberen Bächlein, die durch die Stadt rieseln, die mit bunten 208 Sommerblumen berankten Häuser, und vor allem die geschmückten Brunnen gefielen den Damen' außerordentlrch. „Wie herrlich hier, — viel schöner als Heidelberg," jubelte die Herzogin, und Kathinka stimmte ihr bei. Dies seltsame Gemisch von Großstadtleben und Getriebe einer alten Universitätsstadt gibt Freiburg einen eigenen Reiz. In der Kaiserstraße herrschte ungeheurer Verkehr. Studen- ten im forschen Couleur, dazwischen Schwarzwälderinnen in ihrer kleidsamen Tracht, erregten besonders der Herzogin Aufmerksamkeit, und das mächtige, bunte Martinstor bildet einen so prachtvollen Abschluß der Kaiserstraße, daß sie sagte: „Mir kommt dies ganze Bild vor, wie der Prospelt aus einem mittelalterlichen Stück auf unserer Hofbühne. Der Wagen rollte über die Kaiserbrücke. Die Dreisam war .ausgetrocknet und gewährte ein tristes Bild. Doch dies vergaß man bald über dem Anblick der wundervollen Güntherstaler Allee. An der Villa Mitscherlich, dort, w>o das eigentliche Tal beginnt, erwartete der Haushofmeister den herzoglichen Wagen. Er begrüßte die Herrschaften ehrfurchtsvoll und erstattete Rapport. In der fürstlichen Villa sei alles bereit. Der Herzog habe ihm befohlen, sie schon hier zu empfangen, um die Damen den reizenden Waldweg zu führen, der sie in einer Viertelstunde zum Landhaus bringen werde. Clarissa und Kathinka stiegen aus und betraten den Waldpfad. Nur matt schimmerten die Sonnenstrahlen durch die dichten Zweige. Rechts unten schlängelte sich die staub- graue Landstraße durch die sattgrünen Wiesen. Die elektrische Straßenbahn ließ ihr Schnurren und Läuten ertönen, Nur verworren klangen diese Geräusche nach dem friedlichen Saumpfade herauf. Im Hintergründe tauchten schon die mächtigen Schwarzwaldrücken aus, die ihre waldigen Ausläufer bis an Güntherstal heranschieben, und von Westen grüßte der Gipfel des Lorettoberges, um dessen Fuß sich die Bahnlinie nach Basel windet. Und in diesem Grün, das das Auge ordentlich trunken macht, liegt Güntherstal. Wie ein liebliches Mädchen im Grase liegt und mit Hellem Auge in den Blauhimmel träumt, so lehnt das Dörfchen zwischen den Höhenrücken. Die kleinen Häuschen mit den roten Dächern, umweht von der reinen, würzigen Bergesluft, sind eine Stätte des Friedens. Mn der Mündung des Waldweges in die Landstraße liegt in einem Naturpark stolzer Schwärzwaldtannen die herzogliche Villa. Sie war klein, für einen Privatmann! gebaut. Im Erdgeschoß lägen die beiden Salons, das Musikzimmer und die Bibliothek, im ersten Stock die Boudoirs und in den Giebeln die Fremdenzimmer. Ain der Vorderseite schmückte ein geräumiger Altan, dessen Säulen von wildem Wein dicht umrankt waren, das Landhaus. Hier auf dem Altan hielten sich die beiden Damen den größten Teil des Tages auf. Kathinka malte oder musizierte, die .Herzogin dagegen arbeitete an kostbaren Stickereien. Schon nach wenigen Tagen war wohltuende Ruhe über Kathinka gekommen. Ber Clarissas heiterem Geplauder vergaß sie die schweren Herzensnöte. Wenn sie rn früher Morgenstunde auf ihrem Zelter so ganz allein durch die dunklen Wälder streifte, oder nach! dem stillen Waldsee ritt, fühlte sie sich fast glücklich und zufrieden. Die hohen Damen mochten etwa drei Wochen in Güntherstal sein, da kündigte der Herzog seinen Besuch an: Kathinka zitterten vor Schreck die Hände, als ihr die Herzogin den Bries reichte. „Was hast Du, Käthi? Ist Dir das nicht recht?" fragte Clärrssa, der der Freundin Bestürzung nicht entgangen wär. Aber Kathinka faßte sich schnell: „Wie kannst Du so fragen, Cläre? Ich freue mich mit Dir." Doch als später Kathinka allein in ihrem Zimmer war, packte sie furchtbare Angst. Eine innere Stimme sagte ihr, daß sie hier unterliegen müsse, hier — wo kein Ausweichen möglich war. Tage — vielleicht Wochen allein mit dem Geliebten, unbeobachtet von Hofschranzen und Spionen! Woher sollte sie Kraft nehmen, zu widerstehen? Und in ihrer Angst kniete sie nieder und rang im Gebet aber nur imwer sand sie dieselben Worte: „Vater droben, !— mache mich stark." Und der Herzog kam. Aber was Kathinka befürchtet hätte, trat nicht ein. Hans Jochen begegnete ihr mit gleichmäßiger, aber kühler Höflichkeit. Er trug Zivil und Lebte ganz als Privatmann. In seiner Begleitung befand sich nur Born der Treue. Mittwochs und Sonnabends kam auf zwei Stunden Geheimrat Brian, dem Herrscher einige Regierungsgeschäfte zu unterbreiten. In der Hausordnung war nichts geändert worden. Kathinka unternahm ihren allmorgendlichen Spazierritt allein wie erst. Der Herzogin war das Reiten vom Leibarzt untersagt worden. Mährend Gräfin Hollen mit ihrem Zelter durch den Dann streifte, saß das herzogliche Paar auf dem Altan beim Frühstück. So mochten etwa drei Wochen vergangen sein. Hans Jochen hatte noch durch kein Wort und durch keine Miene sich Kathinka wieder zu nähern gesucht. Da, eines Morgens, als Kathinka int Reitkleid bte Veranda betrat und sich verabschieden wollte, erhob sich der Herzog und sagte: „Ich hätte eigentlich nicht übel Lust, Sie zu begleiten, Exzellenz, natürlich nur, wenn Sie auch nicht im mindesten etwas dagegen haben." Kathinka fühlte, wie sie erbleichte — und sie verbeugte sich tief. Die Herzogin aber war begeistert von ihres Gatten Idee. „Aber natürlich, Jochen, Käthi wird sich freuen, wenn sie endlich einmal nicht mehr allein zu reiten braucht. Warum wir nur nicht eher auf diese superbe Idee gekommen sind?" Und zwanzig Minuten später ritten Herzog und Marschallin zum Tor hinaus. An der Landstraße stand ein kleines Mädchen und starrte mit seinen blauen Guckaugen die herrschaftlichen Reiter an. In seinem braunen Händchen hielt es an einem langen Stil eine glutrote Rose. Hans Jochen hielt und beugte sich zu der Kleinen nieder: „Willst Du mir wohl die schöne Rose schenken?" „Da," sagte das Mädchen kurz und hielt dem Fürsten die Blume hin. Der Herzog warf ihr ein Geldstück zu und nach diesem Intermezzo ritten sie weiter. Am Sternwaldeck bogen sie in den Wald ein. Hier zügelte Hans Jochen sein Roß. „Wissen Sie, für wen ich mir die Rose schenken ließ?" fragte er weich. Sie schwieg. „Darf ich Sie Ihnen anstecken?" Tiefer Ernst lag auf Kathinkas Zügen, als sie sagte: „Würde ich Sie kränken, Hoheit, wenn ich es nicht erlaubte?" „Ja — sehr." Und sie flüsterte: „Das will ich nicht, niemals." Ta drängte er fein Pferd an ihre Seite und heftete die Blüte an ihrem Busen fest — und sie sahen sich tief n die Augen. Kathinka fühlte seinen brennenden Blick; ie sah, wie die verhaltene Leidenschaft darin glühte, und ie erbebte. Sie trieb ihr Tier an und schnell ritten sie )ie verschlungenen Pfade empor. Am Franzosenweg ver- ielen die Pferde wieder in Schritt, und Hans Jochen begann von neuem das Gespräch. „Wir sind schon einmal so eng, Seite ent Seite geritten, auch durch dunklen Dann. Wissen Sie noch, Kathinka?" Sie blickte ihn flehend an: „Lassen Sie doch diese Erinnerungen, Hoheit, — sie schmerzen." Er griff nach ihrer Hand. „Weichen Sie mir nicht aus, Kathinka, sagen Sie mir, — sind das nicht selige Erinnerungen?" Er merkte, wie sie litt unter seinen Fragen, doch er ließ nicht ab. „Warum verschließen Sie Ihre Liebe, Kathinka? Das ist törichtes Beginnen. Liebe läßt sich nicht knebeln." Da war sie wieder, die fürchterliche Angst, die ihr fast die Besinnung raubte. Und jetzt beugte sich der Herzog hinüber zu ihr und sagte leidenschaftlich: „Du mußt noch mein werden, Kathinka, — und du wirst es werden, denn Du liebst mich noch, — die Fürstin hat mir alles gesagt." Da schrie sie auf und ließ die Zügel fahren und lag an seinem Halse, — aber nur einen Augenblick, dann riß sie sich los und peitschte ihr Pferd, daß es mächtig vorwärts sprang und in rasenden Sätzen den Franzosenweg emporstürmte, und der Herzog folgte ihr, und sie wußte, daß es eine Jagd um das Schicksal sei. — Die Weißen Schaumflocken des gehetzten Tieres flatterten wie frischer Schnee durch die Luft, und Kathinka saß mit vorgebeugtem Leib im Sattel und schrie immer fort: „Mache mich stark, Vater droben, mache mich stark." Da war ein freier Platz und der Weg zu Ende, und 204 altes Gemäuer, von knorrigen Fichte,r durchwachsen, hemmte die Bahn — die Franzosenschanze. Der Zelter stutzte und bäumte sich auf, sie aber gcch mcht nach; sie riß im Zügel und peitschte seine Flanken, — da streg er hoch, und mit einem furchtbaren Satze sprang er über die Kniemauer. Kathinka schrie auf, kurz und gellend, dann ertönte ein polterndes Rollen und Prasseln von Steinen und Aesten und dumpfe Aufschläge, — bann war alles still. . m Der Herzog hielt auf seinem Tier wie eine Marmorstatue. Alles Blut war aus seinem Antlitz entwichen. Er starrte nach der Kniemauer. Das Geschehene konnte er nicht fassen. Mit fremder, kalter Stimme sagte er endlich: „Kathinka — ist — tot." Ihn schauerte selbst vor seinen eigenen Worten. Mechanisch stieg er aus dem Sattel und kletterte den steilen Abhang hinunter. Etwa hundert Fuß tief lag Kathinka. Vom Pferd war nichts zu sehen. Er kniete nieder und bettete ihr zerschmettertes Haupt in seinen Schoß, lind ganz leise sagte er: „Sie floh vor der Liebe, — sie war eine Heldin." Die Zimmerpflanzen und ihre pflege, in. Die Bouvardia wird, wenn sie neu treibt, verpflanzt, nachdem der Ballen ausgeschüttelt: Laub- und Mistbeeterde mit Sand, gleichzeitig wird sie zurückgeschnitten und lauwarm gestellt. — Die Knollen der gefleckten Calla pflanzt man jetzt neu in die Töpfe und stellt sie kühl: begossen wird erst allmählich mehr. — Die Camellia (Kamelie) liebt keine schroffen Gegensätze in der Tamperatur; man sorgt wie bei der Azalea für feuchte Luft (durch bespritzen), für gleich,näßige Ballenfeuchtigkeit und nicht zu warmen Stand: guter Wasserabzug und keine Störung des Ballens beim etwaigen Verpflanzen! Im Sommer halbschattig, am besten im gut gelüfteten Zimmer. — Wenn der Trieb der Clivia erscheint, so wird die Pflanze wärmer, feuchter und hell gehalten. — Korallen st rauch wird jährlich um diese Zeit verpflauzt: man hält sie in geräumigen Gefäßen mit guter Scherbeneinlage, in Mist-, Lehm-, Laub- erdc und Sand mit reichlicher Wasserzufuhr und häufiger Düngung; sie soll warm stehen, aber sobald sie treibt, kühler, luftig und sonnig: Ende Mai ins Freie. — Die schönen, leuchtenden und graziösen Esch sch oltzien werden ausgesät; sie lieben viel Sand, doch kräftige Erde ohne Misterde und werden ziemlich trocken und recht sonnig gehalten. Fuchsien und Geranien werden geschnitten (wobei man recht brutal verfahren darf — um so schöner treiben sie aus —) und neu eingepflanzt, nachdem mau den Ballen locker gekratzt und etwas gereinigt hat: für Fuchsien in Mistbeeterde mit Lauberde und etivas Lehm vorteilhaft: Geranien sollen kein« Mistbeeterde erhalten; für beide empfehlen wir zunächst kleine Töpfe; mit dem Trieb werden sie hergestellt; schöne Fuchsiensorten sind außer den bekannten: „Schneewittchen" und „Emma Töpfer". — Goldlack (Chei- ranthus) und Winterlevkojen läßt man im mäßig warmen Zimmer blühen und hält sie gleichmäßig feucht. — Den Jasmin (wir empfehlen „nudi florum") setzt man nach einigen Tagen Abhärtung ins Freie; seine Zweige stutzt man ein, wobei man die Spitzen mit 3—4 Knospen als Stecklingsholz benutzen kann. — Von der Justitia, wenn sie schon hinreichend entwickelt ist, macht man Stecklinge; der Rückschnitt ist ihrer volleren Gestalt und reichlichen Blüte sehr bekömmlich. — Einen Kasten Portulack für den Balkon zu ziehen, empfehlen wir sehr: Aussaat Ende März; Saat gleich in den Kasten, warm halten; Sämlinge nicht verstopfen, sondern auslichten; im Sommer trocken und sehr sonnig! Erde jeder Art, ohne Misterde, dazu viel Sand; Pflege: keine; entzückende Blumen und Farben! — Tie vorjährigen August-Stecklinge des roten Salbei (Salvia splendens), die im kommenden Sommer blühen sollen, werden letzt hell und etwas wärmer und feuchter gehalten. Der Rück- schnitt und Form-Schnitt der Kalthauspflanzen: Oleander, Aukuba, Lorbeer, Kir sch l o rb e er, Goldmyrten ufa)., aber nicht Hortensien muß jetzt durchgeführt werden; kranke Pflanzen werden besonders stark zugeschnitten und in kleine Töpfe verpflanzt. Alle abgeblühten Winterblüher, die man! zn erhalten wünscht, (z. B. Tulpen) werden kühler als vorher und trockener gehalten, um eine Ruhezeit für sie herbeizuführen. — Zeit ist es jetzt, wenn die Erde frostfrei, Heide- und Lauberde rinzusammeln, die sich leicht im Rdicksack nach Hause tragen laßt. Tas Verpflanzen, das so vielen Zimmerpflanzen ein Bedürfnis ist, muß nun energisch durchgeführt und bald beendet werden: sonst schadet es dem neuen Trieb, der sich schon überall einstellen wird. — Die Glocke n-blu men: Campa nula Mayi, isophylla, fragilis usw., die mit ihren schönen großen blauen oder weißen Blumen unter unfern ausdauernden Ampelpflanzen mit die erste Stelle einnehmen, werden jetzt umgepflanzt in lehmige Misterde und Sand: auch verwendet man btc fingerlangen Sprosse zu Stecklingen, die man dann warm und unter Glas hält bis Mr Bewurzelung. — Umgepflanzt wird auch die Russelia, wenn sich am Wurzelhals frische Triebe, die sehr geschont werden müssen, bilden; kleine Töpfe oder Ampeln; Lauberde mit etwas Lehm und Sand. — Ebenfalls wird der bl a u e S al bei '(Salvia patens) neueingepflanzt (lockere lehmige Lauberde mit Sand und etwas Kalk), wobei man ältere Pflanzen durch Zerteilen der Knollwurzel-Büschel teilen kann, man stellt ihn frühzeitig hell und luftig. — Aussaaten bewerkstelligen wir von der Mimose (Sinnpflanze); Saatschalen wavm halten; nach etwa zwei Wochen die Sämlinge einzeln in allmählich größere Töpfe; Laub-, Mist- und Rasenerde, sonniger Stand, und viel frische Luft.,— Für die größeren Balkonkästen empfehlen wir den Tabak (Ricotiana affinis), der mit großen üppigen Blättern den starken Wohlgeruch seiner Blüten vereinigt; Aussaat jetzt, sehr dünn; Saatschalen warm, später die Pflanzen einzeln in Töpfe. — Die Tropäolum (Kapuzinerkresse) für den Sommerslor werden jetzt gelegt: zu mehreren in die Töpfe oder Kästen, die später auf den Balkon gesetzt werden. Die jungen Pflanzen werden möglichst früh abgehärtet, doch vor Frost geschützt, sonnig gestellt und mit zunehmendem Wachstum immer reichlicher gegossen, auch hie und da gedüngt. Die gewöhnlichen Sorten (majus) sät man, wie gesagt, von jetzt bis in den April hin aus; außer dem allebekannten rankenden Tropäolum majus möchten wir aber auch das buschig-niedrig bleibende TroP. Majus nanunt empfehlen, das in fast noch schöneren Farben leuchtet: auch Trvp. minus sollte wieder zu Ehren kommen! — Dem Verstopfen der Sämlinge aus den Februar-März-Aussaaten muß recht viel Sorgfalt zugewendet werden; wenn man die Pflänzchen zu lange stehen läßt, wachsen sie leicht, besonders wo zu dick gesät wurde, lang und schlaff in die Höhe — ein Fehler, der nicht wieder Mit zu machen ist. — Azaleen, Zierspargel, Camelien, Zehrwurz, Dracänen, Palme und Farne sollen nicht jedes Jahr, sondern nur alle zwei bis drei Jahre verpflanzt werden. Vermisstes. kf. Japanische Siegel. Während bei uns bei Privat» feuten der Gebrauch von Siegeln eine Ausnahme ist, ist es iw Japan, wie die „Revue" mitteilt, gesetzliche Bestimmung, daß jeder Privatmann sein Siegel hat und einen Abdruck dieses Siegels (jitsu-in) in den amtlichen Archiven niederlegt, der als Kontrolle benutzt werden kann, falls einmal Streitigkeiten über die Echtheit eines Siegelabdruckes vorfallen solltem' Das Siegel eines Privatmannes hat nur dann amtliche Gültigkeit, wenn vorher der Siegelabdruek amtlich niedergelegt war. Tie Siegel, berat sich die Japaner bedienen, sind kleine, zierliche Werkzeuge aus Holz, Stein oder Metall. Die gewöhnlichsten japanischen Siegel sind außerordentlich wohlfeil und kosten etwa 20 Psg. Sie sind aus Buchsbaum oder Kautschuk hergestellt, Kostbarere bestehen au# Marmor, Schildplatt, Büffel- oder Rhinozeroshorn, Elfenbein oder Achat, und die kostbarsten werden aus Edelmetallen geschnitten!. Ter Form nach sind die Siegel quadratisch, eliptisch oder kreisförmig. Ter .Durchmesser überschreitet selten 2 Zeittimeter. * Beim Untersuchungsrichter. Richter (zunt Zeugen, der während des Verhörs den Hut aufseht: „Nehmen S' doch den Hut ab!" — Ungar: „Dank' schön, mich geniert er nicht." —■ Richter (streng): „Aber mich geniert es." — Ungar: „Ihnen geniert es? Aber Herr Richter, wie kann das Ihne» »enterett^ Hut ist doch auf main Kopf!" Rösselsprung. wert durchs den fanden eins Todes- ist men Wun- ge- als hat ein stritt da» mit Weg mehr wilde mit der mals stur- mir Meer seinen den litt wer Herz nie nie» Auflösung in nächster Nummer, Auflösung des Tiamantrfasels in voriger Nummer r Don Falke Holbein Freie 0 1 a n Redaktion: K. N« » rath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Mieten.