II! M WÄR MÄKiW MDW ^Eresa ffii F-T Sommerleutnants Roman von Walter Bloem. Copryght 1910 by Orethlein & Co. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „'Morgen, meine Herren!" „Guten Morgen, Herr Hauptmann!" Die beiden Offiziere verneigten sich. „Ah, Herr Hauptnnann schenken uns die Ehre heute," sagte der Kasinovorstand, „ist ja Wohl das erstemal, seitdem Herr Hauptmann der Tischgesellschaft aus so überaus angenehme Weise entfremdet worden sind!?" „Tja," meinte Hauptmann von Brandeis, „alles den Herren Zameraden von der Reserve zu Ehren! — Da ist nämlich der Maler Flamberg dabei, den hab td) seinerzeit als Rekruten ausgebildet. — Ich habe bei Herrn von Schoenawa durchgesetzt, daß er in meine Kompagnie kommt." „So," meinte Menshausen, „also der ist Herrn Haupt- manns Fall?" „Warum nicht?" entgegnete Hauptmann von Brandeis, „und übrigens — wissen Sie, wir gehen doch nächstens ins Manöver, und da weist ich aus Erfahrung. — Flamberg hat nämlich schon einmal bei meiner Kompagnie während des Manövers geübt — der ist unschätzbar als Menagenchef. Wenn ich die Manöververpflegung dem Windhund, meinem kleinen Carstanjen, überlasse, dann bekomm ich während der drei Manövertvochen nichts Vernünftiges zn essen und zu trinken — La halt' ich mich schon lieber an Flamberg — das ist. ein Genießer vor dem Herrn! — Außerdem hab' (icEy auch noch andere Absichten mit ih-M: er soll meine Frau malen!" „So," meinte der Oberleutnant gedehnt, „wissen Sie denn auch, Herr Hauptmann, daß Flamberg in dem Ruf steht, von den Damen sehr — hm, hm! — verwöhnt zu werden?" „Na, wennschon," sagte Brandeis phlegmatisch, „er ist Verlobt! — llebrigens war das eine ziemlich geschmacklose .Bemerkung von Ihnen, lieber Menshausen." Der Hauptmann machte kurz kehrt und ging ohne Gruß in das Rauchzimmer zurück. „Kennen Sie Frau von Brandeis, lieber Blowitz?" fragte Menshausen leise. „Wenigstens Par renommse," erwiderte der andere, x,soll 'ne Schönheit sein, wie?" „Schönheit —? viel zu wenig! Die Frau, wissen Sie, das ist — einfach 'ne Sache, verstehen Sie. — — Wie die an dieses schlafmützige Dusseltier, den Brandeis geraten ist, das wissen die Götter! — Stammt aus 'ner schwerreichen Düsseldorfer Fabrikantenfamilie — fabelhaft musikalisch — und ein Temp erament —! Wenn ich Brand eis wäre, die liest ich nicht fünf Minuten ans den Fingern! Nä, schließlich so'n Reserveonkel — davor wird sie hoffentlich ihr guter Geschmack bewahren. — Wenn schon — dann soll's wenigstens in der Familie bleiben —!" In diesem Augenblick trat der Stabshoboist, der Königliche Obermusikmeister Herr Biesicke ein, schritt stramm aus den Kasinovorstand zu und meldete: „Regimentsmusik zur Stelle!" „Danke, lieber Biesicke! Na, nun können die Herren Kameraden der Reserve und Landwehr meinetwegen anrücken !" — (— * ' Draußen auf dem Kasernenhof lag die Augustsonne in breiten goldenen Flächen ausgegossen — immerfort tauchten in diese gelbe Fläche glitzernde, flimmernde Punkte hinein. Jetzt kam bei lustigem Pfeifen- und Trommelklang eine Kompagnie mit Staub und Schweiß bedeckt von der Feld- dienstübnng zurück. Der Hauptmann an der Spitze setzte seinen Gaul in Galopp, sprengte bis auf die Mitte des Kasernenhofes vor und kommandierte, daß es schallend an den langer: Fronten der Kasernengebüude widerhallte: „Augen — rechts!" Hei! Da richteten sich all die marschmüden Gestalten noch einmal stramm äuf — mit einem Ruck flogen die Köpfe rechts herum, und in flottem Parademarsch zog die gleißende, waffenrasselnde Schar an ihrem Häuptling vorüber. „Kompagnie — halt! — Mit Gruppen links schwenkt —7 marsch! Halt! Gewehr . ab! — Rührt euch" Schon erschien, aus seiner behaglichen, kühlen Kompagniestube hervorgekrochen, der behäbige Feldwebel, erschienen Mannschaften vom Arbeitsdienst in Drillichzeug, Feldmützen und blauen Schürzen, um die von: Gefecht übrig gebliebenen Platzpatronen und Patronenhülsen abzunehmen '—: einige Befehle wurden noch ausgegeben — dann hieß es: „Stillgestanden! — Weggetreten!" Und nach strammer Kehrtwendung ergoß sich die Schar der jungen Krieger wie eine heiße Flutwelle schweißdunstiger, wangcnbrauner Jugend in der Richtung auf die Kaserneneingänge uird-verlor sich schwatzend, lachend, stiefelpolternd in die hallenden Korridore. Der Hauptmann warf seinem Burschen die Zügel seines Kleppers zu, voltigierte so elastisch, als ihm seine zweiundvierzig Jähre Lies gestatteten, vom Pferde herunter und wandte sich zu seinen Offizieren. Die standen, Hand am Helm, Säbel angefaßt, seiner Befehle gewärtig: „Ich danke Ihnen, meine Herren — wie wär's mit einem Schoppen im Kasino?" „Selbstverständlich, Herr Hauptmann!" Da standen in der geräumigen Eingangshalle des Ka- fernengebäudes die sechs eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes: „Ah, sieh da — die Herren von der Reserve und Landwehr!" 466 Der Hauptmann und die beiden jungen, schmucken aktiven Leutnants traten ans die eingezogenen Herren zu und begrüßten die alten Bekannten. Von bett sechs Mn- gekommenen gehörten fünf zur Reserve des Regiments und waren den aktiven Herren von frühern Hebung en her bereits bekannt. So war die Begrüßung sehr herzlich und kameradschaftlich. Etwas hilflos stand der Leutnant der Landwehr Frobe- nius im Hintergründe, aber Wamberg, eittgedenk seines Versprechens, sich des Kameraden anzunehmen, winkte ihit heran: „Gestatten Herr Hauptmann, Herr Leutnant der Landwehr Frobenins — Herr Hauptmann Haller, Chef der dritten Kompagnie — die Herren Leutnants von Finette und Krummacher." Herr Frobenins faßte den Säbel in die Linke Und legte die weißbehandschuhte Rechte wie eine große Flosse an den Heln: mit einer so altväterlich unbeholfenen Hauebewegung, daß der lustige, hellblonde Leutnant von Finette es sich nicht vcrsagetr konnte, gleich loszuulien: „Sagen Sie, Herr Fro- benius, Sie haben wohl schon unter Albrecht dem Bären gedient, wie?" „Warum meinen Sie, Herr Kamerad?" fragte Frobe- nius errötend. „Das schließe ich aus dem Schnitt Ihres Kollers und aus dem Modell Ihres Turnierhelms." „So — sind die Sachen so auffallend unmodern?" stammelte Frobenins. „Ja," .entgegnete Finette, „wenn Ihre Kentttnis des Exerzierreglements im selben Maße mit der Reuzeit fortgeschritten ist, dann werden ja die Herren Füsiliere viel Vergnügen an Ihnen erleben!" Flamberg kam ihm wiederum zit Hilfe: „Lieber Fiitette, wenn Sie mal ein so altes Patent haben werden wie der Herr Kamerad Frobenins, dann haben Sie längst wegen unheilbarer Revolverschnauze den Abschied — und ko mm eil also gar nicht in die Verlegenheit, sich von einem jungen Dachs wegen Auftragens älterer Garnituren anulken lassen zu müssen," sagte er mit liebenswürdigem Lächeln, doch scharf genug, daß Finette verstand. Der aber war nicht aus der Fassung zu bringen. Im echtesten Tonfall seiner Heimatstadt Köln erwiderte er: „Js ja halb so schlimm gemeint, nit wahr, Herr Frobenins? lohß mer uns Widder verdrage, nit?" Er streckte dem Privatdozenten die schlanke Hand hin, die dieser krampfhaft schüttelte. Immer mehr Kompagnien kamen jetzt von ter Morg n- arbeit zurück. Die Offiztere, von ihren Hauptleuten verabschiedet, traten einer nach dem andern heran und begrüß- ren die eingezogenen Herren. Frobenins beobachtete mit Genugtuung, daß das kcnnc- radschaftliche Verhältnis zwischen bett aktiven Herren und denen der Reserve ein sehr gutes zu sein schien — nur er, der allein nicht die Regimentschiffre trug, das Monogramm des Chefs, des Prittzen Heinrich der Niederlande, mir er allein wurde mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt, zu der allerdings, tote er sich selbst nicht verhehlte, sein verbotenes Exterieur einigermaßen beitragen mochte. Auch die Stabsoffiziere fanden sich ein: der martialisch kurzangebundene Oberstleutnant Rautz — dann der Kommandeur des ersten Bataillons, Major vott Sassenbach, ein alter Troupier mit ausgewettertem Gesicht und langflat- ternden grauen Schnurrbartzipfeln — Major Blasberg, i)-er das zweite Bataillon führte, ein hagerer reservierter Diplomat — und endlich kam gar mit klingendem Sviel der Regtmentsmusik das ganze dritte Bataillon von der Feld- dienstübung zurück, voran der Kommandeur: der kleine rauhbeinige Major von Czigorski, der mit hellkrähender Stimme den Parademarsch befahl, auf seinem riesigen Schtmmel, den seine dicken Beinchen kaum umspannen konnten, und mit behaglichem Stolz den Vorübermarsch sämt- ltcher Kompagnien ansah, bis hinunter zur zioölften, der Kompagnie der ganz kleinen Kerle, die aber als die strammste rm ganzen Regiment galt. So rollte sich vor den Augen der eingerückten Herren das ganze, vertraute, farbenfrohe Schauspiel des militäri- schen Lebens ab, und mit Freude sogen Martin Flambergs Malerstnne den glitzernden Schmelz, die schmetternden Geräusche, den herben Duft des kriegerischen Bildes eilt . s. Aom Kasino her kam der Hauptmann von Brandeis, des Maler» alter Freund uüd Gönner, und schritt geradenwegs auf ihn zu. Wamberg hatte bereits auf dem Reghq mentsbureau in Erfahrung gebracht, daß er wieder bei der Ersten üben würde, und freute sich dessen; denn er hatte sich während jener ersten acht Wochen unter Brandeis vorzüglich mit ihm vertragen. In dienstlicher Haltung trat er dem Kapitän entgegen: „Melde mich ganz gehorsamst zur achtwöchigen Uebung eingezogen und der ersten Kompagnie zugeteilt." „Danke Ihnen, lieber Wamberg," lächelte Brandeis und streckte ihm freundschaftlich die Hand entgegen, „seien Sie mir wieder einmal willkommen bei der Königlichen Ersten! Na, wir werden ja hoffentlich ein schönes Manöver haben — der Hunsrück ist nicht das Schlimtnste — erinnern Sie sich, was wir vor vier Jahren haben in der Eifel aus- stehen müssen?" „Jawohl, Herr Hauptmann — Köttelbach — Katzwinkel — Beinhausen — und Gefell — schöne Gegend!" „Stimmt! — wenn Ihre Kochkunst und Ihre wohlassortierte Weitt- und Menageitste nicht gewesen wäre, wär's uns dreckig gegangen — habe später oft Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Flambergs gehabt." „Herr Hauptmann wissen, daß ich ein Feldsoldat bin und auch mal das Koppel enger schnallen kann, ohne gleich die Nase in den Dreck hängen zu lassen, wenn's sein muß — aber wenn's nicht sein muß, dann bin ich allerdings mehr für Luxus und Wohlleben, offen gestanden." „Ganz Ihrer Meinung, lieber Wamberg, und um gleich einen guten Anfang zu machen, bitte ich Sie, heute mittag bei der Begrüßungstafel mein Gast zu sein." „Ich danke gehorsamst, Herr Hauptmann!" „Und int übrigen: nochmals willkommen und auf gute Freundschaft! — Aber da kommt unser neuer Herr Regimentskommandeur — die Herren werden sich melden müssen. Auf Wiedersehn also hernach, int Kasino!" Mit rascher Prüfung, nicht ohne einige Spannung, schauten die sechs Augenpaare der eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes der Ankunft des neuen Regimentskommandeurs entgegen. Von bett aktiven Herren hatten sie bereits genug über ihn gehört, um zu wissen, daß er keinen Spaß verstehe. Der Oberst Freiherr von Weizsäcker war aus der heffi- schen Armee hervorgegangen nnb trug zwischen seinen Rippen noch zwei Preußische Kugeln, die er am 13. Juli 1866 als hessischer Leutnant im Gefecht bei Frohnhofen und Lauffach erhalten hatte. Dazu schmückte ihn das Eiserne Kreuz erster Klasse, das er als Führer einer preußischen Kompagnie bei Gravelotte erworben. So verkörperte er in seiner Person ein ganzes Stück der Geschichte deut-, scher Einigungskämpfe. Als Wamberg ihm ins Auge sah, war sein erster Gedanke der Wunsch: „Den möchtest du malen!" Auf der noch jugendlich elastischen, gertenschlanken Retterfigur ein bronzener Kopf mit scharfgezogener Nase, darunter zwei graue Schnurrbartflämmchen; der Kopf, die ganAe Gestalt beherrscht von tiefliegenden, doch hell und groß gezeichneten grauen Augen; die hatten die Gewohn- heit, mit zwei raschen Blicken die Gestalt dessen, der vor ihnen erschien, gleichsam /ibzustreifen; dann bohrten sie sich mit bannender Gewalt in die Augen des Gegenübers ein, drängen mit unwiderstehlichem Leuchten bis in die Tiefe. Die Reserveoffiziere hatten sich in einer Reihe auf- gestellt. Oberleutnant der Reserve Brassert, der behäbige Gymnasialprofesfor, war dem Dienstgrad nach der älteste, und so war es denn an ihm, dem Obersten entgegenzntreten und ihm die sechs eingezogenen Herren zu melden. Der Oberst überflog mit zwei raschen Blicken die Ge, statt des Vertreters der Herren des Beurlaubtenstandes; dabei zuckten die beiden Schnurrbartflämmchen und der herrische Mund darunter einen Augenblick,' aber eisern blieb das Gesicht, nur die Augen lachten, als er mit leichtem Dank der weißbehaitdschuhten Hand erwiderte: „Ihren Namen, Herr Oberleutnant, wenn ich bitten darf!" Als Brassert sich genannt, ließ er sich dessen Stand angeben, und seine Antwort: „Ah so!" schien darzutun, daß er nun bett Duft der Studierstube, welcher der Erschei- uuug des Angeredeten auzuhasten schien,, begreife. J Fortsetzung folgt.) 467 Erinnerungen aus -em Krieg zwischen Hessen und Preußen (866. Von Justizrat Fr. K r a f t f (Büdingen). Durch Dekret vom 26. April 1866 war ich in die Zahl der Großherzoglichen Hofgerichtsadvokaten ausgenommen worden, nachdem ich sieben Jahre nach überstandenem Staatsexamen gewartet hatte. Mit mir warteten noch sechs andere Kollegen ■ auf die ersehnte Anstellung, wir hatten aber noch viel länger warten müssen, wenn nicht zwei Kollegen aus einem späteren Examen die gleiche Würde erstrebt hätten, von denen der eine der damaligen Regierung durch seine publizistische Richtung nahe stand, während der andere der Sohn eines hohen Beamten in Darmstadt war. Es bestand damals bezüglich der Hofgerichtsadvokaten ein Numerus clausus, es sollte für die Provinz Starkenburg die Zahl von 50 und für Oberhessen von 30 nicht überschritten werden. Da erkannte plötzlich die Regierung, daß die Zahl der Hofgerichtsadvokaten viel zu gering sei und erhöhte sie auf 70 für Starkenburgs und auf 40 für Ober Hessen. Tie Anwärter erhielten einen Wink, daß sie sich melden sollten, und so bekamen wir Sieben plötzlich das sehnlichst erwartete Dekret. Daß das Bedürfnis in Wirklichkeit nicht so groß war, erhellte daraus, daß für Oberhessen sich nur zwei und für Starkenburg nur fünf gemeldet Hütten, und daß bis zur Einführung der deutschen Justizgesetze niemals die erhöhte Zahl auch nur annähernd erreicht worden ist. Wir hatten aber keine Veranlassung, über die plötzliche Erleuchtung der hohen Regierung böse zu sein, wir konnten nur mit unserem schwachen Untertanenverstande nicht begreifen, warum das große Bedürfnis nach Advokaten erst eintrat, als der Re- datieur der hessischen Volksblätter gern Hofgerichtsadvokat werden ivollte und nachdem wir sieben Jahre gewartet. Wohl konnte ich dagegen begreifen, warum es mir abgeschlagen wurde, nteincit Wohnsitz an einem Landgericht in der Provinz zu nehmen,. während ein anderer ohne Anstand die Erlaubnis erhielt. Denn mein Vater hatte als Landtagsabgeordneter nicht lange vorher das Unglück gehabt, sich das persönliche Mißfallen des Großherzogs zuzuziehen, weil er, mein Vater, als Referent in der Angelegenheit der Güter des am 17. April 1856 verstorbenen Prinzen Georg, des zweitältesten Sohnes des Großherzogs Ludwigs I., seine Ueberzeugung nicht dran geben wollte. Vorher hieß es mein Lieber hier und mein Lieber dort und der Großherzog hatte seinem Lieben sogar eine Zigarre aus seinem Etui augeboten, entließ ihn aber, als er trotz allem auf seiner Ueberzeugung beharrte, sehr ungnädig. Tie Ungnade hat nicht nur mein Vater, sondern auch dessen Sohn verspüren müssen und ich verstand sehr wohl bei der Audienz, die ich und zwei Kollegen bei dem Großherzog hatten; die Betonung als dieser mich fragte: „Sind Sie rin Sohn von dem Hofgerichtsrat?" Rach Feststellung der Personalien und des Wohnsitzes sagte der Großherzog: „Ich hab Euch zu Hofgerichtsadvokaten gemacht, habt Ihr Euch denn auch schau was ordentliches zusammengeschrappt?" Damit wurden wir gnädig entlassen. Wir Gießer waren wenige Tage nach dieser Audienz sehr überrascht, als am 15. Juni 1866, vormittags gegen neun Uhr und unter klingendem Spiele von Wetzlar aus vier Regimenter Infanterie, drei Batterien Artillerie und ein Regiment Kavallerie durch Gießen zogen. Tas Ungewitter brach los. Nachts um 12 Uhr war das Ultimatum an Kurhessen und Hannover abgclaufen. Es war die Division Bayer, die prompt in Kurhessen einrückte. Gießen wurde' noch nicht als Feindesland betrachtet, da der Bundesbeschluß, durch welchen Preußen der Krieg verkündet wurde, noch nicht gefaßt war. Ter Durchmarsch dauerte beinahe zwei Stunden. Er brachte gort den Ernst der Situation den Bewohnern der Stadt zum wußtsein. Tie politischen Gegensätze, die bis dahin bei uns in Gießen mehr latent vorhanden waren, machten sich nunmehr auch äußerlich, ü. h. meist im Wirtshaus, geltend. Hier Oesterreich, hier Preußen. Ter Ruf ..hier Preußen" erscholl nur spärlich. Die Bürgerschaft war entschieden auf Seiten Oesterreichs, weniger aus Vorliebe für Oesterreich als aus Abneigung gegen Preußen und Bismarck. Aber auch in freit Kreisen der Beamten wollte mau meist vou der preußischen Politik nichts wissen. Tie im Herzen den Preußen den Sieg wünschten, weil sie österreichische Vorherrschaft als ein Unglück für die Entwicklung Deutschlands betrachteten, hielten sich reserviert. Am nteisten gab sich die Sympathie für Preußen in akademischen Kreisen, bei 'Professoren und Studierenden kund. Ich kam jeden Abend beim' Anderes mit einem jüngeren Freunde (der später mein Schwager wurde), zusammen. Ich selbst hatte bereits als Student die Einigung Deutschlands unter preußischer Führung als das einzig Richtige erkennen zu müssen geglaubt (allerdings etwas anders als es in späteren Jahren gekommen). Mein junger Freund stimmte mir bei. Mein Vater, Mat am Gießener Hofgericht, dagegen, bei dem ich damals noch wohnte, erklärte! als strenger Jurist den Krieg für einen Rechts- bruch Preußens gegen Oesterreich, als ein Glied des deutschen Bundes. (Tu lieber Gott, wenn es sich um entscheidende Mach^- fragen zwischen Großstaaten handelt, wird doch keine Rücksicht auf ein Stück Papier genommen, zumal wenn dasselbe die' deutsche Bundesakte war. Oesterreich hatte ja auch weder Recht noch Gesetz geachtet, als es sich auf die Seite des kurhessischen Verfassungsbruchs stellte.) Beim Anderes, der damals nur das selbstgebraute Mer vom Fasse verzapfte und für sein Lokal nur zwei Fenster Froüt hatte, befanden wir, mein junger Freund und ich, uns in der absoluten Minderheit, d. h. wir zwei waren die einzigen preußisch Gesinnten, vielleicht noch der damals junge Goldarbeiter Loos. Als über Wien die. Nachricht eintraf, die Preußen seien am 26. Juni bei St. Pirlitz geschlagen worden, hätten 2000 Mann Gefangene und 6 Kanonen verloren, gab es ein allgemeines Frohlocken. Als wir bescheidene Zweifel über die Richttgkeit der Nachricht, die über Wien kam, auszusprechen wagten, wurden wir mit Schlägen bedroht, und nur das energische Dazwischentreten des alten Andres vermochte uns vor einer Tracht Prügel zu retten. Natürlich mußten wir einen schleunigen Rüchzug antreten. Mittlerweile hatte der Deutsche Bund mobil gemacht. Ter Kriegsplan war sehr gut: Prinz Karl von Bayern war zum Oberbefehlshaber ernannt worden. — Tas VIII. Bundes-Armeekorps, verstärkt durch -die Oesterreicher Division oder Brigade Hahn unter Prinz Alexander von Hessen, sollte die Division Baier in Kurhessen vernichten, sich mit dem Hannoverschen Korps am linken Flügel und mit dem Baierschen 7. Armeekorps am rechten Flügel vereinigen und das Ganze den Preußen in die Flanke und den Rucken fallen. Es war gut ausgedacht, und wenn der Bundesarmee die affenartige Geschwindigkeit der Preußen innegewohnt und sie sich der preußischen Ausbildung und der Moltkeschen Führung erfreut hätte, konnte für Preußen eine wirkliche Gefahr entstehen. Man kannte aber im preußischen Heerlager seine Leute ganz gut. Bis die Truppen des Bundes einigermaßen mobil waren, war der Krieg in der Hauptsache entschieden. Ich erzähle nun, was sich in den Tagen vom 3. Juli bis 5. Juli mit dem VIII. Bundesarmeekorps begab, soweit ich es als Zeuge erlebt, oder von zuverlässigen Augenzeugen mitgeteilt erhalten habe. Tas Zentrum des Korps bildete das Hauptquartier mit der hessischen Division und zwei Regimentern Württemberger, den linken Flügel bildete die badische Division mit entsprechender Artillerie und 2 Regimentern Kavallerie (Württemberger Dragoner und hessische Cheveauleger), letztere als Vorhut. Ter rechte Flügel wurde gebildet durch die anderen württem- b'ergischeu Regimenter, die Nassauer und die Brigade Hahn, auch württembergische und kurhessische Dragoner. Ich hatte am 4. Juli am Landgericht Schotten einen Termin. Nach der damaligen Postverbindung mußte ich am Abend des 3. Juli in Gießen wegfahren, kam um 12V2 Uhr nachts in Schotten an und fuhr in der anderen Nacht um r/z2 Uhr wieder ab, kam dann am Vormittag des 5. Juli um 8 Uhr in Gießen an. Als ich von Gießen wegfuhr, war dort noch alles still. In Hungen und Nidda lagen Truppen. Ter Kaufmann Eißner von Gießen (Kreuz), der sich durch einen sehr laugen grauen Bart auszeichnete und damals in Salzhausen zur Badekur weilte, war auf dem Weg nach Nidda von einer Patrouille angehalten, und da er keine Legitimationspapiere bei sich hatte, als der Spionage verdächtig verhaftet worden. Herr Eißner hat mir die Richtigkeit selbst bestätigt und weiter erzählt, daß der Patrouille auf dem Marsch nach Nidda der Großh. Landgerichts-Assessor Wegelin, damals am Landgericht Nidda, begegnete. Wegelin hatte als Akzessist in Gießen in der Nähe Eißners gewohnt und kannte diesen ganz genau. Eißner bat Herrn Wegelin, er möge den Leuten doch sagen, daß er ein friedlicher Bürger Gießens sei. Herr Wegelin aber hatte sich ablehnend verhalten; er könne sich da nicht einmischen. Eißner wurde daher dem Landrichter tBuff) in Nidda vorgeführt, der ihn dann natürlich alsbald rekognoszierte und der Haft entließ. In Schotten war keine Einquartierung. Aber anderen Morgens, am 4. Juli, zogen unter klingendem Spiel 2 Regimenter Württemberger ein, und zwar kamen sie merkwürdiger Weise von Laubach her, also in der Richtung von Westen nach Osten, während doch der Vormarsch nach Norden gehen sollte. Nun gabs ein reges Leben in Schotten. Von Abhaltung eines Termins war keine Rede mehr. Dm Truppen hatten einen Ruhetag und man hatte am Gericht andere Tinge zu tun. Es wurden verschiedene ehrsame Bauersleute als Spione dem Gericht vorgeführt. Der Großh.. Landgerichts- Assefsor Fresenius, der in Verhinderung des Landrichters zu Gericht saß, kannte die Leute zufällig persönlich und entließ sie nach kurzer Vernehmung. In der Post, wo ich wohnte, waren verschiedene Offiziere einquartiert, prächtige Leute. Es bildete sich bald eine feuchtfröhliche Tafelrunde. Es war hauptsächlich ein Leutnant Baur, Neffe des württembergischen Generals gleichen Namens, ein schöner stattlicher Mensch, frei ein famoser Gesellschafter war. Er hatte einen prachtvollen Tenor, der ihm jedenfalls mehr eingetragen haben würde, als seines Onkels Gage, wenn er ihn, den Tenor, in die Dienste der Oper gestellt hätte. Ob er mittlerweile auch Wneral geworden, weiß ich nicht. Ich habe niemals 468 Redaktion : I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»- Wieder etwas von ihm gehört. (Soviel aber ist gewiß, daß ich niemals einen so fröhlichen Tag verlebt habe, als mit ihm und anderen an jenem 4. Juli.) , Tie Offiziere teilten mit, daß man int Hauptquartier Nachricht von der Schlacht von Langensalza (am 29. Juni) und der Kapitulation des Hannoverschen Korps erhalten und Prinz Alexander sein Hauptquartier von Ulrichstein ostwärts in die Nahe von Rixfeld verlegt habe (nämlich, wie ich später erfuhr, nach Schloß Eisenbach). ..... , Obwohl die Nachricht von der Schlacht voii Koniggratz noch nicht eingetroffen war, verhielten sich die Offiziere sehr skeptisch. Von Kriegslast habe ich nichts bemerkt. Andern Dags, am 5. Juli, marschierten die Truppen weiter; am 6. ^ult trafen die Nassauer und die Tivision Hahn aus dem Durchmarsch in Schotten eilt. Tausende und abertau>ende weggeworfener Patronen bezeichneten nach den Mitteilungen von Quartiergebern auf der Route Nidda—Schotten den Weg, den die Truppen genommen. (Fortsetzung folgt.) VersteckrätseS. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Andernach — Regenbogen — Bethanien — Pferdebahnschaffner — Marburg — Feldarbeiten — Listenwahl — Rittergut — Ruhrort — Hohenstauien. Auflösung in nächster Nummer. j Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer! Das Gebet ist die stärkende Arznei Für den hilflosen Kranken; Es hebt ihn, als ob er geflügelt sei, Ueber die Welt mit seinen legten Gedanken. J Krumniacher. Vermischtes. * Der Glockenguß von P e l i n g In der außerordentlich reichen, bis jetzt aber fast gar nicht gesammelten Märchen- und Sngenliteratnr der Chinesen befindet sich auch eine Erzählung, die eine gewisse Aehnlichkeit mit Wilhelm Müllers aus alten Lesebüchern der Schulzeit bekanntem Gedicht „Ter Glockenguß zu Breslau" hat. Sie lautet: In Peking wurde während der Regierung des Kaisers Pung Lo, der von 1403—1424 n. Ehr. herrschte, eilt gewaltiger Turm errichtet, in dem eine Glocke angebracht werden sollte, deren Schall man über die ganze Riesenstadt hin hören sollte. Knau Pu, ein bewährter Glockengießer, sollte sie liefern, aber trotz aller angewandten Kunst mißglückte der Gnß zweimal. Der zornige Kaiser gab Kuan Uu eine dritte, aber auch letzte Gelegenheit: sollte auch diesmal der Guß nicht besriedigend ausfallen, so ,war des Meisters Leben verwirkt. Ter mm hatte ein einziges Kind, ein Mädchen von sechzehn Sommern, das er über alles liebte. Es verdiente in der Tat diese Liebe. Ko Ai. so hieß die Tochter, hatte mandel- sörmige Augen, die wie im Sonnenschein glitzernde Wellen strahlten; die Wangen waren weiß wie Schnee, durch den ein zartes Rosenrot schimmert; bu Zähne glichen Perlen, umgeben von Korallenlippen; das Haar war schwarz wie Gagat und weich wie Seide. Auch schrieb sie sinnvolle Gedichte» war sehr gewandt im Sticken und im Hause das Muster eines dienstbeflissenen Mädchens — kurz, Ko Ai schien ein Wesen aus einer höheren Welt zu sein... Seit einiger Zeit glaubte sie im Gesichte ihres Vaters tiefe Trauer zu leien. Sie fragte ihn nach dem Grunde. Als sie diesen vernahm, war sie über die Drohung des Kaisers sehr aufgebracht und rief aus: „Teurer Vater, tröste Dich! Der Himmel wird nicht uu- barmherzig fein. Deine beiden Mißerfolge werden nur noch mehr gum Ruhme Deines schließlichen Gelingens beitragen. Ich bin ein Mädchen und kann Dir nur mit meinen Gebeten betsteheu ; täglich und stündlich will ich sie gen Himmel senden und die Bitten für meinen geliebten Vater müssen erhört werden." Ko's Worte flößten dem alten Manne neuen Mut ein und er machte sich mit erneuten Kräften aus Werk. Eines Tages nun kam Ko Ai auf den Gedanken, einen berühmten Sterndeuter aufzusuchen, um ihn über die Fehlschläge ihres Vaters zu befragen. Der Wahrsager erklärte, der dritte Guß würde ebenfalls mißlingen, wenn nicht die Glockenspeise mit dem Blute einer Jungfrau vermischt würde. Ko Ai kehrte niedergeschlagen nach Hause zurück, aber mit dem festen Entschluß, sich lieber selbst zu opfern, als daß der letzte Versuch ihres Vaters wiederum fehlschlagen sollte .... Endlich war der Tag für den Guß herangekommen. Von Freundinnen begleitet, stellte Ko Ai sich in der Nähe der Form auf. Totenstille herrschte in der versammelten Menge, als die Metallspeise in die Form strömte. Plötzlich wurde die Stille durch einen lauten Schrei „Um meinen Vater zu retten" unterbrochen. Ko Ai stürzte sich in das siedende und zischende Metall. Eine ihrer Begleiterinnen versuchte sie zurückzuhalten, doch vergebens; nur ein Schuh Ko Ais blieb in ihrer Hand zurück, Kuan Pu wollte in Verzweiflung seinem Kinde folgen. Nur mit Mühe hielten die Umstehenden ihn ab. Als einen irsinuig Rasenden führte man ihn nach Hause. Die Prophezeiung des Sterndeuters aber erfüllte sich: nach Beseitigung der Form fand man, daß der Guß herrlich gelungen war. Kurze Zeit daraus wurde die Glocke aus Befehl des Kaisers in den Glockeuturm gehängt. Der „Sohn des Himmels" wohnte dem ersten Geläute bei. Meilenweit tönte der tiefe, silberreine Klang über Peking und weit, weit hinaus, aber — Schaudern ergriff die vieltausendköpfige Menge — ihn begleitete ein leise klagender Ton, der au den Weh- lant einer Frauenstimme im Todeskampfe erinnerte. Deutlich konnte man dah Wort „Hsieh" (Schuh) hören . . . Und bis auf den heutigen Tag wimmert die Glocke bei jedem Schlage „Hsieh". Das Volk aber weiß, daß es die Stimme der armen Ko Ai ist, die bittet, man solle ihr den zurückgelassenen Schuh wiederge.ben. Fallende G eb urts z isf e r n in England. Die soeben erschienene amtliche englische Statistik über die Bevölkerungsbewegung int Jahre 1910 erregt in Großbritannien besonderes Aussehen, weil sie seit längerer Zeit zum ersten Mal einen bemerkenSwerten Rückgang der Geburtsziffern zeigt. Schon die Zahl der Eheschließungen weist einen Rückgang gegen frühere Jahre auf und erreicht int Jahre 1910 nur 15 v. T., dagegen scheinen jedoch die ersten Monate des laufenden Jahres wieder eine kleinere Steigerung zu bringen. Die Zahl der Scheidungen ist seit 1906 ständig zurückgegaugeu. Während aber 1909 noch die Geburtsziffer 25,8 v. T. erreichte, ist sie 1910 aus 25,1 gesunken und steht damit um 2,5 v. T. tiefer als die Durchschnittszahl für die Jahre 1900 bis 1909, die bereits ohnehin eine erheblich verminderte Geburts^ zisfer zeigten. Im Jahre 1910 wurden in England insgesamt 457 266 Knaben und 439 696 Mädchen geboren; es zeigt sich also, daß das Verhältnis der Knaben zu den Mädchen in England mid Wales niedriger ist, als in allen anderen europäischen Ländern. Zieht man die Todesziffern von den Geburtsziffern ab, so ergibt sich ein Geburtenüberschuß von rund 11,56 v. T.; noch in der Zeit von 1876 bis 1880 betrug der entsprechende Geburtenüberschuß 14,56; der Ueberschuß ist also um beinahe 25 Proz. gesunken. — Vom luftigen John Bu l 1. Im Seebad. Rah: „Das ist aber wirklich traurig, was der Maud passiert ist." May: „Um Gottes Willen, was ist denn geschehen?" Ray: „Ja, denke nur, gestern kam ein fürchterlicher Regenguß, als die Aermste in ihrem Badekostüm spazieren ging." .— Das Schlim m st e. „Das war wohl ein schlimmer Moment, als Sie die Entdeckung machten, daß Ihre Brant mit einem anderen flirtete?" i „Ach nein, das Schlimmste, was mir begegnet ist, war, als sie entdeckte, daß ich desgleichen tat." — Ein Pessimist. „Warum so düster?" wurde ein Manu gefragt, der mit finsterer Miene herumging. „Wissen Sie, das ist eine schöne Geschichte," antwortete er. „Eben erzählt mir einer, daß in 60 Millionen Jahren das Sonnenlicht verlöschen wird. Wenn das mein Krämer erfahrt, so ist der Mann imstande, schon jetzt einen Penny mehr für ein Quart Paraffin zu verlangen!" — Zn viel verlangt. Fahrgast (zum Chauffeur): „Unter keinen Umständen dürfen Sie aber mehr als 30 Kilometer in der Stunde fahren!" Chauffeur (entrüstet): „Hören Sie, guter Alaun, Sie wollten wohl gar kein Automobil. Sie müssen sich einen Mann suchen, der Sie im Kinderwagen spazieren fährt!" — Wozu die Mücken gut sind. „Jedes Geschöpf ist für eine bestimmte. Sache von Nutzen. Was können wir also von den Mücken lernen, Tom?" fragte der Lehrer, der darauf hinaus wollte, den Begriff „Geduld" zu erklären. „Wir können von den Mücken lernten," antwortete Tom nach tiefem Sinnen, „wie leicht es ist, gestochen zu werden . . ." Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. — Chemisch zielen. Chemisch zielen hat Ehrlich das von ihm erfundene SS erfahren benannt, Stoffe anzuwenden, die auf bestimmte Stellen des Körpers wirken, ohne auf die übrigen Teile einen Einfluß auszuüben. Ein so ungewöhnliches Vorgehen muß unbedingt hervorgehoben iverden. Die Nachricht schien erst nicht recht glaubhaft, daß ein hervorragender Forscher eine wichtige Neuerung deutsch und nicht griechisch benannt haben sollte, und dennoch ist sie wahr. Eben erst hat ein anderer Gelehrter die Leute, die wenig oder keinen Durst haben, als krank erkannt und Oligodipsen getauft. Woher das Leiden rührt, weiß er zwar noch nicht; das ist aber auch weniger wichtig. Die Hauptsache: es hat nun seinen kunstgerechten Namen. Der alte, schalkhafte Seemannsspruch, der frentdartigen Erscheinungen gegenüber gern angewendet wird: „gif bat Ding en Namen un lat et lohen", gilt ihm offenbar auch in der Heilkunde. Mit einer gewissen Sorge nur, schreibt Dr. Z. in der Zeitschrift des Sprachvereins, habe ich dies anders geartete Vorgehen von Ehrlich hier gemeldet, weil ich nicht ganz sicher bin, daß sich itun nicht sofort ein sauberer Gelehrter auf bie Lücke stürzt, um sie mit einem regelrechten griechischen Worte aus'znfüllen. Mag ers tun. „An gehonten Königen soll man jede Tugend, an Soldaten das Zartgefühl für Leidende, an Advokaten die Gerechtigkeit, an Priestern die Ehrfurcht vor fremder Meinung rühmen" sagt Zschokkes Ala- moutade, — „und an Gelehrten eine verständliche Sprache" möchte ich hinzusügen. Natürlich hat das nur Bedeutung für die Deutschen. Ein Franzose z. B. verschleiert nicht, was er klarmacheu will. Also rühmen wir Ehrlich und hoffen tvir, daß er uns noch recht oft durch gute deutsche Kunstausdrücke erfreue!