Donnerstag den 28. März Ml Der König von Thule. Roman von Paul Gr ab ein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mochte es sie noch nie berührt — mochte es sie schon betrogen haben? Er hatte sie erst für unverheiratet gehalten; Nun aber glaubte er, eine Iran in ihr sehen zu sollen, eine Frau, die in ihrer Ehe vielleicht schwer enttäuscht worden bar. „Sie haben Wohl recht," ging er leiser auf ihre Worte ein; sie mochten ein 'Echo des Empfindens auch bei ihm wachgerufen haben. „Das Herz schreit nach seinem Glück; aber es lernt still werden — und es ist besser so. Denn das Glück trägt." „Ich weiß es nur zu Wohl." Eine tiefe Bitterkeit klang aus ihrer Stimme. „Aber trotzdem —, wer das Hoffen verlernt hat, ist ein Verlorener!" „Ein Verlorener." Langsam und schwer wiederholte er die Morte, wie zu sich selbst, und versank dann wieder in ein ernstes, fast düsteres Schweigen. Dann senkte sich das Gelände zu einer flachen Talmulde hinab, und vor ihnen tauchten, dort unten auf hem »Grunde, einige flache Schuppen auf, vor denen sich Menschen zu schaffen machten. Dichte, Weiße Wolken, wie aus einer Waschküche, stiegen bei ihnen aus dem Erdboden auf. Der fremde wies darauf hin und wandte sich an Frau Söllnitz: „Ihr Ziel — die heißen Quellen." „Ah, wirklich!" Interessiert trieb die junge Frau ihr Tier schneller an, näher an den Ort zu kommen. Das aus dem vulkanischen Erdinnern hier horvorbrechende heiße Wasser, das oie heißen Dämpfe in die Luft sandte, floß als ein kleiner Bach am Tageslicht weiter, nun so weit abgekühlt, daß die Frauen da vor ihnen darin waschen konnten. „Eine Naturwaschküche!" lachte Fran Söllnitz, sich zu den Herren wendend. „Island ist uns in der Beziehung also voraus." „Ganze Insel mit WarmwasserheMng versehen — einfach tadellos!" trieb der Leutnant den Scherz noch weiter und ritt dicht an die waschenden Frauen und Mädchen heran, die kichernd ans den monokeltragenden Fremdling sahnen. „Also, das wären die berühmten Warmen Quellen," sagte der Regierungsrat, sein Pferd an das der jungen Frau treibend. „Oer wo ist unsere Reisegesellschaft geblieben? Offenbar schon über alle Berge!" und er schickte seinen Blick suchend am Horizont hierum. „Ihre Schiffsgefährten sind schon vor einer halben Stunde etwa hier gewesen und in jener Richtung weiter- geritten, wie ich eben von den Frauen höre," ging der Fremde auf des Regierungsrats Worte ein und wies nach links hinüber. „Vermutlich zu dem Keinen Wasserfall da drüben," Frau Söllnitz folgte mit den Augen seiner Hand. Keine Spur eines Weges war zu sehen. „Ja — wie finden wir aber dahin?" Fragend blickte sie ihren Gefährten an. Der Fremde aber zog überlegend seine Uhr; dann wandte er sich wieder den unschlüssig dastehenden drei zu. „Wenn Sie meine Führung noch weiter annehmen wollen — ich stehe gern zu Diensten." Die Herren zögerten mit der Antwort. Sie wären viel lieber allein mit der jungen Frau gewesen; aber diese erwiderte schon statt ihrer: „O, Sie sind wirklich zu liebenswürdig. Wenn wir wirklich noch länger Ihre Zeit in Anspruch nehmen dürfen!" „Ich versäume nichts," erklärte ihr Führer, und schon begann er die Richtung zum Wasserfall hin einzuschlagen. „Uebernräßige Höflichkeit drückt diesen edlen Isländer, ober was er sonst ist, auch gerade nicht!" meinte Kreßmann, ziemlich mißvergnügt mit seinem Freunde Görtz den beiden anderen nachreitend. Es ging steil bergan, daher im Schritt. „Uebrigens spricht der Kerl für einen Ausländer ein ganz phänomenales Deutsch." „Das ist mir auch schon aufgefallen. Er scheint aber doch hier zu Haus zu sein. Er redet ja isländisch wie Wasser und kennt jeden Winkel hier. Für was taxieren Sie den Menschen?" ■ ■ Der Leutnant zuckte geringschätzig die Schultern. „Tran en gros ober Hering! Was anberg jibt's ja hier oben nicht." < „Wahrhaftig, eine gottverlassene Gegenb!" bestätigte ber Regierungsrat und ließ den Blick über die Steinfelder rechts und links schweifen. „Die reine Wüste Sahara! Ich verstehe nicht, wie die Leute von Island immer für 'nen Summs machen. Von Poesie — Stimmung doch keine Spur!" Die Gegend blieb lange unverändert eintönig, dann belebte sie sich etwas für das Auge durch einen kleinen Flußlaus, der sich durch den steinigen Boden gefressen urib' so steile, wild zerrissene Ufer geschaffen hatte. An einer flacheren Stelle kam ein Furt, wo sie durch den Fluß hindurchreiten mußten. Das Wasser spritzte unter den Hufen der hindurchstampfenden Tiere bis an die Gurten, zum Vergnügen der drei Neulinge. „Brücken gibt es in Island nicht," bemerkte der Fremde zu Frau Söllnitz. „So durchqueren wir hier alle Ströme, die tieferen int Schwimmen der Pferde." „Nun, der Bach hier ist ja harmlos genug," lächelte Frau Söllnitz, aufs Trockene reitend. „Nicht immer! Ein Wolkenbruch droben auf den Bergen, wie er hier keine Seltenheit ist, und Sie ernennen eine Stunde darauf dieses zahme Wasser nicht wieder. Ein donnernder, tosender Fluß braust dann hier dahin, alles überflutend und schweres Geröll mit sich wälzend. An einen Uebergang ist dann gar nicht zu denken. Mitunter, bei unfere.n großen Regenperioden sogar recht häufig^ hält das 198 Hochwasser wochenlang an. Dann ist man eben drüben vonr Verkehr völlig abgeschnitten. — Da haben Sie so eine kleine Vorstellung vom wahren Charakter ber Natur hier. Ihre phlegmatische Physiognomie, wie Sie sie heut sehen, trügt. Es steckt ein innerlich lobernbes Wesen in oiesem feuergeborenen Laube." „Eine Natur also, bie man lieben lernen kann," entgegnete Frau Söllnitz. „Ich wenigstens habe eine Vorliebe für verhaltene Temperamente." „Lieben und fürchten zugleich," ergänzte ihr Begleiter ihre Worte. „Denn bie Natur hier ist schrecklich in den Ausbrüchen ihrer Leibeuschaft. Wenn ber Leib bieser alten Insel, von vulkanischen Wehen zerrissen, zuckt, wenn bie Feuerströme aus Bergschlünbeu ihre Lohe, Verberben und Tob bringenb, weithin ins Land wälzen, wenn furchtbare Orkane, rasende Sandstürme den einsamen Wanderer in der Einöde niederwerfen ober in heulenber Gier bas Schiff brausten an ben Klippen zerschmettern — bann gehört ein starker Mut bazu, dieser Natur ruhig ins Antlitz zu sehen!" Frau Söllnitz blickte in sein ernstes, männliches Gesicht. Sie hatte in biesem Moment das Empfinden: Er war.einer, der es konnte. Er war in seiner Seele bieser Natur ber» wanbt. Sie konnte ihn sich vorstelleu, wie er mit seiner hohen, kraftvollen Gestalt unerschüttert gegen bas Toben des Wirbelsturmes ankämpfte, immer den gleichen, unveränderten Ausdruck selbstsicherer Ruhe und Stärke in seinen Zügen — kein Ermatten, kein Verzagen kennend. „Sie sprechen schön von diesem rätselhaften Lande," erwiderte sie ihm. „Seine Schrecken haben Ihre Liebe zu ihm nicht beeinträchtigt." „Ja, ich liebe es!" Seine Stimme nahm einen wärmeren Klang an. „Wie man eben jemand unter Schmerzen lieb gewinnt — doppelt lieb! Sie als Frau werden es ja am ersten verstehen: Schmerzenskinder sind uns die liebsten." Ein Schatten flog, ihm unbemerkt, über ihre Züge, und sie antwortete nicht. Dann waren sie zu dem Wasserfall gekommen, ein paar breiten, doch niedrigen Kaskaden des Flußlanfs; aber die Schiffsgesellschaft war auch hier schon wieder verschwunden. So beschloß man denn, nach Reykjavik umzukehren. Der Ritt brachte den kleinen Ttupp wieder der Meeresbucht nahe. Allmählich gelangte man auf gebahntere Wege zurück, und die beiden, bis dahin zurückgebliebenen Herren, setzten sich neben Frau Söllnitz und ihren Begleiter. Die Unterhaltung wurde allgemein und geriet bald auf den üblichen scherzhaft-leichten Ton; nur der Fremde verstummte, ihm lag offenbar die spielend dahingleitende, weltmännische Konversation nicht. Die beiden Herren kümmerten sich indessen wenig darum; im Gegenteil, es kam ihnen-das Jo ganz in der Ordnung vor. Sie waren ja lange genug urchihn in das Hintertreffen gedrückt worden; nun geschah ihm mit Recht das Gleiche. Das Gespräch drehte sich um die Reisegesellschaft. „Na, ich möchte ja bloß den teuren Gottesmann den Gaul klemmen sehen!" witzelte der Leutnant zu dem Regierungsrat. Er meinte den Superintendenten Morhäas, der mit seiner Frau auch die Reise mitmachte. „Erlaubt ihm denn überhaupt die bessere Hälfte, das Streitroß zu besteigen?" „Sie wird ihm schon ein frommes Rößlein ausgesucht haben, das nicht wider den Stachel löckt." „Gleich ihm selber! Die Gestrenge führt über den Seelenhirten ja ein christlich Regiment." „Beschreien Sies nur nicht!" scherzte Frau Söllnitz. t,Wer weiß, wie bald Sie den Pantoffel küssen!" „Wenns ein süßes Seidenpantöffelchen ist — gar nicht abgeneigt!" warf keck der Leutnant ein und sah nach dem kleinen Fuß der jungen Frau im Bügel, der unterm Saum ihres Kostümrocks hervorlugte. „Sie waren gar nicht gefragt!" verwies sie ihn, anscheinend scherzhaft; aber eine kleine Falte zwischen den Brauen wurde sichtbar, während sie den Fuß anzog und zugleich mit der Gerte seinem Pferd unversehens einen leichten Hieb versetzte, daß es erschreckt zur Seite sprang. Vor ihnen tauchte dann aus einer kleinen Talsenkung efn Gehöft auf; Frau Söllnitz' Blick fiel zufällig daraus. Es war ein im Viereck gebauter größerer Hof, und sie hätte ihn für einen Gutshof gehalten, wenn nicht die kahlen, hohen Mauern ringsum diesen Eindruck wieder zerstört hätten. Das sah ja eher nach einem Gefängnis aus. Merkwürdig! Der Weg, den sie eingeschlagen hatten, führte gerade auf diese Baulichkeit zu. „Was ist das da vorn für ein sonderbares Gebäude?" wanbte sie sich fragend an ihren Begleiter zur Rechten. „Ein Haus der Trübsal," kam sehr ernst seine Antwort. „Dort wohnen lebendig Begrabene." Mit großen Augen sah sie ihn an. Sie verstand den Sinn seiner dunklen Worte nicht; aber doch kroch sie in diesem Augenblick ein geheimes Grauen an. Dann flog ihr Blick wieder zu dem Haus nach vorn, dem sie immer näher kämen. „Sie meinen ein Gefängnis — Zuchthaus?" Er schüttelte schweigend den Kopf. „Was dann aber?" Immer größer ward ihre unheimliche Spannung. „Forschen Sie nicht," bat er. „Die sich des Lebens in Freiheit freuen, tun besser, nicht danach zu fragen. Zudem —i es könnte sie reuen, in meiner Gesellschaft gewesen zu sein," Ein finsteres Lächeln spielte um seinen Mund. „Sie und das Haus gehören zusammen?" Wieder nur ein stummes Bejahen. „So lüften sie nur ruhig Ihre Maske!" bat sie scherzend mit einem Lächeln. „Mit dem Tod in Person werde ich ja wohl nicht spazieren geritten sein." „So ungefähr doch!" ging er mit etwas grimmigem Scherz auf ihren Ton ein. „Sie werden meine Gesellschaft kaum noch schätzen, wenn Sie wissen, wer ich bin." Eine tiefe Bitterkeit klang aus seiner Stimme. „Sie verkennen mich ganz," antwortete sie fest. „Und nun reizen Sie meine Neugier nicht länger — bitte!"! Da wandte er sich zu ihr, und ein durchdringender, tiefernster Blick traf sie: „Dies Hans da ist dcks Lepraheim, und ich bin sein Arzt." Er sah, wie sie unwillkürlich zusammenzuckte, als wolld sie von ihm wegweichen. „Lepra? — Pfui Deibel!" schüttelte sich der Leutnant. „Angenehme Sache das!" Das grimmige Lächeln trat wieder aus die Züge des Fremden. „Sagte ich's JhNen nicht?" wanbte er sich zu Frau Söllnitz. „Es wäre besser gewesen, wenn Sie nicht gefragt hätten." Schneller trieb er sein Pferd vorwärts. „Nun, ich werde Sie ja gleich von meiner Gesellschaft befreien." Aber auch Frau Söllnitz beschleunigte nun ihr Tempo; sie war wieder an seiner Seite. Sie schämte sich ihrer momentanen Anwandlung von Schwäche. „Pardon, Herr Doktor," bat sie. „Sie tun mir unrecht. Ich bitte, bleiben Sie noch bei uns!" Doch sie waren nun schon vor dem Haus angelangt. Starr und hoffnungslos blickte die junge Frau die hohen, kahlen Mauern an, die die Welt abschlossen von jenen Unglückseligen, die dahinter hausten als Verlorene — Todgeweihte. Sie besann sich jetzt, ja auch in einem Reisebuch gelesen zu haben, daß auf Island noch der Aussatz herrscht — jene düstere Hinterlassenschaft des Mittelalters, die alle europäischen Länder sonst glücklich ausgerottet haben. Ihr Begleiter war inzwischen schon vom Pferd gesprungen. „Es ist besser, ich verabschiede mich," beharrte er auf seinem Entschluß. „Sie können nun auch nicht mehr fehlgehen. Dort sehen Sie schon die Häuser von Reykjavik vor sich." Er wies An die Ferne, wo in der Tat am Strand der Bucht kleine Baulichkeiten sichthar wurden. „Also hier hausen Sie!" Der Blick der jungen Frau schweifte über das Gehöft hin und dann zu ihm; ein warmes Mitleid überkam sie plötzlich mit dem ernsten, vereinsamten Mann. Was mochte er erfahren haben in seinem Leben, daß er hierhin geflüchtet war, um unter den lebendig Begrabenen zu weilen, selbst fast wie einer von ihnen? Und plötzlich durchfuhr sie ein Gedanke. Sie wollte das gut machen von vorhin. „Ist Fremden der Zutritt zu diesem Heim gestattet?" „Gewiß, unter meiner Führung. Aber es begehrt niemand danach — außer bisweilen einer von den Angehörigen." „So möchte ich die Anstalt sehen!" Ueberrascht sah er zu ihr auf. Dann aber würde seine Miene ernst und streng. (Fortsetzung folgt.) 199 — Eine Heldin. EfObelle von Wax Karl Böttcher-Chemnitz.: (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Elftes Kapitel. Ein Jahr Ivar verflossen. Die Prunkhochzeit des Herzogs hatte die Residenz wochenlang in Aufregung gehalten. Auch Hollens Vermählung mit Kathinka war vorbei. Der Zufall, wie die Residenzler meinten, hatte es gewollt, daß der Herzog während dieser Hochzeit gerade beim Kaiser aus Schloß Wilhelmshöhe weilte. Hofmarschalls bewohnten einen mächtigen alten Bau am Kanal. Dort lebten die Jungvermählten wie zwei sich völlig fremde Menschen. Nach außen hin korrekt, — waren sie allein, so suchte Kathinka ihren Haß nicht zu verbergen. Am Tage nach der Hochzeit war Hollen in Kathinkäs Boudoir gekommen und hatte gesagt: „Du hast mich bisher, ich muß es zu meinem Bedauern gestehen, nur als harten Egoisten und rücksichtslosen Streber kennen gelernt. Dies mußte ich aber sein, um meine Pläne durchzuführen. Jetzt sollst du mich aber auch als Edelmann kennen lernen. Ich weiß, wie du mich haßt. Ich verspreche dir, daß ich dir in nichts zu nahe treten werde. Nach außen hin sollst du meine Frau sein, sind wir für uns, dann bist du mir nur die Edeldame, und ich werde verstehen, das zu respektieren." Kathinka hatte ihren Gatten befremdet angesehen und gesagt: „Ich hätte nie soviel edlen Sinn in dir gesucht, ich danke dir." Damit waren die Grenzen fest gezogen und nie wurde davon gesprochen. Kathinka weilte fast immer im herzoglichen Schlosse. Sie ritt mit der Herzogin Clarissa aus, oder besuchte die Fürstin, mit der sie dann im Parke spazieren ging. Ja, selbst die Hauptmahlzeiten nahm sie selten in ihrem Heim ein. Die Freundschaft zwischen der jungen Herzogin und Kathinka hatte sich immer inniger gestaltet. Die blühende, lebensdurstige Fürstin ahnte nicht, wie es um das Herz Kathinkas bestellt war. Sie wähnte sie glücklich, wie sie selbst in ihrem jungen Glücke schwelgte. Die spitze Zunge des Hofklatsches hatte sich bisher noch gehütet, der Herzogin das Geheimnis zu lüften, welches die Ehe Kathinkas umhüllte. Der Herzog selbst begegnete seiner Gattin mit liebenswürdigster Höflichkeit. Freilich, viel Zeit widmete er .ihr nicht. Und klagte sie darüber, so entschuldigte er sich mit Regierungsgeschäften — und damit war Clarissa befriedigt. In Wirklichkeit führte aber der Herzog ein einsames, freudloses Leben. Die Regierung überließ er fast allein dem Staatsminister' Löwe. Er säß oft stundenlang tatenlos in seinem Arbeitszimmer und grübelte nach über sein Schicksal und Leben. Er konnte noch immer nicht fassen, wie in' Kathinka Liebe zu Hollen entstehen könnte, und dazu noch solch große Liebe, die sie ihn zum Manne begehren ließ, Immer und immer wieder tauchten Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieser Liebe in ihm auf, aber wenn er bei Hoffestlichkeiten öder intimen Einladungen sah, wie zart besorgt sich Exzellenz Hollen um die junge Gattin bemühte, schwanden wieder die Zweifel. Er beobachtete Kathinka immer und stetig, und es entging ihm nicht der lebensmüde Zug, der sich! manchmal, allerdings nur auf Momente, auf ihrem Gesicht zeigte. Viele Male hatte er die Fürstin bestürmt, ihm die Wahrheit zu sagen, aber Ihre Durchlaucht beteuerte immer wieder, daß Kathinka glücklich sei und bat den Fürsten, sich keine Gedanken zu machen. Kathinka vermied! absichtlich, mit dem' Herzog allein zu sein. Jeden Morgen gegen 10 Uhr besuchte Hans Jochen seine Gattin in ihren Gemächern, und fast immer traf er dann auch Kathinka an, die Clarissa zu einer Ausfahrt öder zu einem Spazierritt abholte. Die Unterhaltung betraf immer gleichgültige Dinge, etwa den bevorstehenden Ausflug oder eine Hofangelegenheit. Wollte der Zufall/daß die Herzogin noch nicht mit ihrer Toilette fertig war und sich nod) in ihrem Ankleidezimmer befand, so bat Kathinka um die Erlaubnis, Ihrer Hoheit der Herzogin die Morgengrüße des Herzogs überbringen zu dürfen, und dann zog sie sich schnell zurück. Eines Morgens jedoch, als sic eben wieder mit tiefer, vorschriftsmäßiger Höfverbeugung hinter den Portieren verschwinden wollte, hielt sie der Herzog zurück. „Bleiben Sie doch noch einen Augenblick, liebste Exzellenz," „Wie Ew. Hoheit befehlen," antwortete Kathinka ruhig und gleichmäßig und nahm vor dem kleinen Schachtisch Platz. „Nein, meine kleine Marschallin, mir liegt fern, Ihnen zu befehlen, ich hoffte, Sie plauderten gern ein Weilchen mit mir." Kathinka fand nicht gleich Antwort. Mit nervöser Zerstreutheit schob sie einige Figuren auf dem Schachfelde hin und her, dabei siel der König um. Hans Jochen sah das und sagte: „Was hat Ihnen der arme König getan, daß Sie ihn so maltraitieren?" Die junge Gräfin erkannte sofort die Anspielung des Herzogs und sagte kühl: „Es war ein Zufall, daß der König fiel, ich wollte ihm nicht wehe tun." Se. Hoheit erhob sich und trat dicht vor Kathinka hin, und mit verhaltener, leidenschaftlicher Stimme sagte er: „Und haben Sie eine Ahnung, was Sie dem König durch diesen Zufall angetan? Ihren Schachkönig heben Sie einfach wieder auf, dann ist der Schaden geheilt, aber den anderen, den haben Sie vernichtet für sein ganzes Leben." „Ew. Hoheit, ich flehe Sie an —. kein Wort mehr. Wenn Clarissa. . . Er machte eine zornige, abwehrende Handbewegung: „Ach was, ich habe das Puppenspiel satt. Ich lechze nach Klarheit — ich ersticke unter diesem Leben hier. Oder glauben Sie, ein Mann wie ich könnte es ertragen, daß er um eines solchen Menschen willen, wie dieser Hollen ist, vergessen wird? Ich beschwöre sie, Kathinka, sagen Sie mir, ob Sie diesen Mann lieben?" Kathinka hatte sich zurückgelehnt und preßte die Hände an ihren Kopf. Sie stöhnte unter des Herzogs Worten.: Ihre heiße, tiefe Liebe trieb sie an, alles zu gestehen.! Hinausschreien wollte sie es: „Ich hasse ihn — ich liebe nur Dick)." Aber da sah sie Clarissas Bild vor sich: Das uiw schuldige Antlitz mit den ewig lachenden Augen, — und sie wußte, verriet sie jetzt nur mit einem Worte den wehen Zustand ihres Herzens, so war der Herzogin Glück ein Trümmerhaufen. So stand sie auf und trat zurück, und! kalt und scharf sagte sie: „Ich bitte Ew. Hoheit ehrfiirchts- vollst, nie wieder solche Worte zu mir zu sprechen." Und hochgehobenen Hauptes schritt sie an ihm vorbei in der Herzogin Boudoir. Doch der Herzog ließ sich nicht abschrecken. Wo er nur Gelegenheit fand, einen Augenblick mit Kathinka unbelauscht zu sein, bestürmte er sie, ihm' die Wahrheit zu sagen. Bei Hofbällen befahl er Ihre Exzellenz die Fran Gräfin zu Hollen auffällig viel zum Tanze. Dann flüsterte er ihr süße, berauschende Worte zu. Sie bat ihn leise, zu schweigen, er aber beteuerte ihr, daß er nie aufhören iwerde, sie anzuflehen, ihm doch! den wahren Zustand ihres Herzens zu verraten. Dann schwieg sie ganz. Kathinkas Widerstandskraft war fast erschöpft. Mit aller Gewalt mußte sie die Bilder vor ihre Seele zerren', wie es werden würde, wenn sie des Herzogs Werben nach!- gäbe: Der Herzogin Unglück, ihres Gatten Rachsucht — und die furchtbare Schmach. Ihre Liebe raunte ihr zu: Nur einmal noch gönne mir eine selige Stunde, — aber sie wüßte zu gut, daß — einmal der Anfang gemacht — kein! Halten mehr sei. In dieser Zeit machte die Herzogin den Vorschlag, etliche Wochen des Sommers in Güntherstal, der lieblichen Perle des Schwarzwaldes', wo der Herzog ein einfaches Landhaus besaß, zu verleben. Hans Jochen war damit einverstanden, da aber wichtige Beratungen int Landtage bevorstanden, wollte er in der Residenz verbleiben. Die Herzogin bat selbst den Hofmarschall um' die Erlaubnis, seine Gattin mit nach Freibuvg-Güntherstal nehmen zu dürfen. Hollen willigte natürlich mit großer Freude ein. So ward im Juli das Hoflager der Herzogin nach Güntherstal verlegt. (Schluß folgt.) Vie Zimmerpflanzen und ihre pflege. ii. Die Aussaat. Für den, der sich seine Blumen aus Samen heranzieheN will, richtet hierzu Töpfe oder besser kleine handliche Saat-- 4UÜ schalen aus Holz oder Thon von etwa 6—10 cm Hohe auf folgende Weise her: über die unbedingt notwendigen großen Wasserabzugs-Löcher legt man Scherben in reichlicher Menge: darauf kommt eine dicke Lage grobe, faserige Laub- oder Heideerde mit Sand gemischt, und auf diese eine etwa Vs bis 1 cm dicke Schicht feingesiebter, ebenfalls kräftig mit Sand vermischter Laubund Heideerde: diese wird ganz glatt und eben gestrichen — sie soll in lockerem Zustand bis an den Rand des Gefäßes reichen —, dann wird sie mit einem Brettcheü oder dergl. sanft angedruckt, so daß die Oberfläche um 1 cm sinkt; das ganze muß indessen immer noch so locker und nachgiebig bleiben wre ein Polster. Tann wird mit ganz feinem Strahl vorsichtig, aber durchdringend ge- g-offeit — die grobe Heideerde wird am besten schon vorher durchdringend eingeweicht — und man kann mit der Aussaat beginnen. Ter feine Samen wird ganz dünn ausgestreut, mit einem sauberen glatten Brettchen sanft angedrückt und nicht mit Erde oder Sand bedeckt! Eine über das Gefäß passende Glasscheibe wird zum Zwecke düs Luftabschlusses aufgelegt, das SchwiKwasser, das sich an ihrer Unterseits bildet, bei Gelegenheit abgeputzt, auch durch Zwischensteckeu eines Hölzchens für etwas Luft-Zirkulation gesorgt, das ganze dauernd in die warme Stube gestellt und bei Bedarf, der sich aber bei vorheriger gehöriger Befeuchtung erst nach mehreren Tagen einstellen wird, ganz vorsichtig mit einer Bürste oder Haarwisch besprengt, so daß die ganze Masse, vorzüglich aber die Oberfläche mit dem keimenden Samen immer gleichmäßig feucht bleibt. Nach ein paar Wochen werden dann die winzigen Sämlinge! in Menge erscheinen. —■ Statt der erwähnten Lauberde kann auch als Ersatz Torfmüll verwendet werden. — Der Sonne darf man die Saatschalen vor Entwicklung der Sämlinge keinesfalls ohne Schutz aussetzen. Bei allen Aussaaten spielt das „Verstopfen" (Pikieren) der Sämlinge eine sehr wichtige Rolle; wir werden es zur Zeit genau beschreiben und wir empfehlen, schon jetzt sich eine Anzahl kleiner Töpfe (sog. SteMngstöpfe) bereit zu stellen und sich einen genügenden Vorrat von Laub-Erde, Heideerde, Mistbeet- und Lehmerde sowie Sand tzu beschaffen. Tie Balsaminen (Jmpatiens Sultani uitb Holstii) werden ausgesät und im Laufe ihres Wachstums mehrmals in jedesmal nur wenig größere Töpfe ohne Ballenstörung umwgepslanzt; auch durch Stecklinge lassen sie sich leicht vermehren. — Tie ausdauernden Tropäolum-Ärten (Kapuzinerkresse) werden für die Blüte im kommenden Winter jetzt ausgesät, und zwar werden mehrere Körner in einen Topf (kräftige Erde mit Misterde!) gelegt; den Sommer über werden die Pflanzen draußen aufgestellt, doch wird ihnen nicht allzu viel Wasser gegeben; im Gegensatz zu den einjährigen gewöhnlichen Tropäolum-Arten, die auf dem Balkon ein solches Wasserbedürfnis zeigen, daß man nur durch ständiges ausgiebiges Gießen das häßliche Gilben und Abfallen der unteren Blätter bekämpfen kann. — Die Tydäa, eine der schönsten Gesneriaceen, zieht nicht, ganz ein, muß also auch im Winter hie und da ein wenig Wasser haben; man verstopft die winzigen Sämlinge der Februar-Saat möglichst bald tn lockere Lauberde und Sand. — Den reizenden Knollen- Steinbrech (Saxifraga granulata) zieht man sich letzt aus den von der Mutterpflanze abgetrennten oder neugekauften Brutknöllchen heran, indem man diese Knöllchen in 12 ern-Töpfe pflanzt (kräftige Erde ohne Misterde), sie kühl, sonnig und luftig hält und sie anfangs wenig, später mehr gießt. — Die Aussaat des Tetranema (Vierfaden) empfehlen wir sehr: es ist ein entzückendes kleines Pflänzchen mit blauen Blüten; jetzt ausgesät, ergibt sich Sommer-Herbst-Blüte mit darauf folgender Ruhezeit im Winter; doch läßt sich auch durch spätere Aussaat Winterblüte erreichen. Die Sämlinge werden bald verstopft in Lauberde mit etwas Lehm und Sand. Man hält siü praktisch während des Sommers ich Zimmer, wo sie ununterbrochen blühen werden. ; Die Frühjahrsarbeit. Beim V e r p f l a n z e n der Topfblumdn, das jetzt, wenn nötig, überall durchgeführt werden muß, herrscht meist die irrtümliche Ansicht, daß man unter allen Umständen bedeutend größere Töpfe !»erweichen müsse, als die, in welchen die Pflanzen bis dahin landen. Dieses Verfahren ist immer falsch. Wo viel Bedürfnis? nach neuer Nahrung herrscht, nämlich bei allen krautigen und schnellwachsenden Blumen, engt. Pelargonien, Geranien, Fuchsien, Begonien, Balsaminen usw. erfüllt man diese Lebensbedingung viel besser dadurch, daß man oft verpflanzt, aber jedesmal in nur wenig größere Töpfe, wobei man mit einem Stäbchen den kleinen Raum zwischen dem bisherigen Ballen (der Ballen darf bei diesen Pflanzen nicht gestört werden!) und der neuen Topfwandung voll frischer Erde stopft; denn die Saugwurzeiln wachsen sofort an den Topfrand und verzweigen sich erst hier. Kränkelnde und zurückzuschneidende Pflanzen müssen aber immer in einen kleineren oder höchstens gleich großen Topf gesetzt werden. Auch Muß man bei ihnen reichlich Sand 'zusetzün Und unbedingt für ganz zuverlässigen Wasserabzug sorgen (so z. B. Evonhmus, Myrten usw.).. — Mit dem Pikieren (Verstopfen) der Sämlinge aus den bislang gemachten Aussaaten wird fortgefahren; man rechne bei der Bestimmung der Anzahl auf mindestens die Hälfte Bep« lust. — Von den überwinterten niedrigen Lobelien schneidet man zur Vermehrung Stecklinge (wobei es auf kunstgerechtes Abschneiden nicht ankommt), steckt sie ziemlich tief in sandige Erde und hält sie warm; später werden sie entspitzt. — Auch von den Chrysanthemum (Herbst- und Winter-Ästern) schneidet man die Wurzelschößlinge zu Stecklingen ab, steckt sie in sandige Erde, hält sie warm und unter Glas, entspitzt sie nach der Bewurzelung, wenn man die Pflanzen buschig wünscht, härtet man sie allmählich ab und läßt sie an luftigem, hellem, kühlem Platze wachsen; im Laufe des Sommers mehrmals ohne Ballenstörung verpflanzen. — Von den Calceolarien (Pantoffelblumen), deren Sämlinge und Stecklinge jetzt einzeln in 12 ern-Töpfe gepflanzt werden (Mistbeet- und Laub- oder Heideerde) stellt matt die krautigen Arten (Hybrida) schattig, die strauchigen (rugofa) sonnig, alle aber luftig und gleichmäßig feucht (sonst Läuse!) —- Die Cinerarien (Senecio, Greiskraut) pflanzt man, wenn eben möglich, noch einmal um (12—15 ern-Töpfe), hält sie vor und während der Blüte gleichmäßig feucht, hell, doch nicht zu soni- nig, und sehr luftig (sonst Läuse!) und entspitzt, sie. — Dre Nrerembergia wird zur Sommerblüte ausgesät, warnt gehalten, dann einzeln in kleine Töpfe gesetzt (Heide- und Lehmerde, dazu Sand). — Die Petunien für die Sommerblute werden ausgesät, und zwar praktisch gleich in dis Töpfe uni> Kästen, mit denen sie im Freien aufgestellt werden sollen (Mlstbe^-. Laub- und Lehmerde) sie werden lauwarm gehalten und möglichst früh ausgelichtet bis auf wenige starke Pflänzchen: sonniger, auch halbschattiger Stand '. — Reseda (Sorten für Topfkultur!): Aussaat von März bis Mai; wo Erdflöhe hausen, möglichst früh! Dünn und gleich an Ort und Stelle; später auslichten (3—4 Stück in einem 12crn-Topf); guter Wasserabzug, kräftige, lehmige Mistbeeterde mit Hornspänen vermischt. — Die Usambaraveilchen erhalten nach der Haüptblüte eine kurze Ruhezeit von 2—3 Monaten durch kühleren Stand und gerrngevq Wassergaben. — Huflattich, Pestilenzwurz, nach der Blüte hell und kalt; nach 14 Tagen ins Freie, auch wenn es noch friert. ________________ Vüchertlsch. — Das Favorit-Moden-Album für das Frühjahr und den Sommer 1912 ist diesmal als 25. Jubiläums-Ausgabe erschienen. Das vorzüglich ausgestattete Album, das un Verlag der Internationalen Schnittmanufaktur in Dresden erscheint, ist diesmal besonders reichhaltig und als Jubiläumsgabe widmet der rührige Verlag den Verbrauchern von Favorit-Schnittmustertt als besondere Vergünstigung eine Anzahl von Prämien, die t» 10 Serien eingeteilt sind. Alles Nähere darüber enthalt das Album. — Osterpostkarten-Malbuch von Arpad Schmidham- mer. 16 zum Abtrennen hergerichtete Postkarten mit Äasen- und anderen Osterbildern (achtfarbige Vorlagen und 8 Karten mit vorgedruckten Konturzeichmmgen zum Ausmalem zu einem Heft vereinigt. Verlag Jos. Scholz. Etwas Wunderhübsches füjr Knaben und Mädchen. Für dis Osterzeit besonders reizvoll Jedermann ist mit Hilfe dieser beliebten, leicht nachzumalenden entzückenden Künstlev-Borlagen sein eigner Postkartenmaler. viamantrStsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a, b, c, d, e e s, f f, h h, i i i, k, 1 1, n n n, o o, r, 6 derart einzutragen, daß die ivagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Fluß in Rußland. 3. Einen Raubvogel. 4. Bekannte Malersamilie. 5. Germanische Gottheit. 6. Musikalische Bezeichnung. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittel» reihe ergeben das Gleiche. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr — Treff, p — Pique, c — Coeur, car — Carreau trB — Treff-Bube, pA — Pique-Aß, cD Coeur-Dame uff. Im Skat lagen c7 und car8. Mittelhand erhielt: cB, oarB, trD, tr7, pK, p9, cZ, cK, carZ, carK, Hinterhand die übrigen. Spielgang: M. tr7 H. trK = 15. M. p9 H. pD = 14. M. cK H. cD. = 18. M. carK H. car7 — 15. Sa. — 62 Augen. 1. V. trA 2. V. pA 3. P. cA 4. D, carA Redaktion: K. Neuratw — «MationJbtuÄ und Verlag der Brühl'schen UntversttätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lava«, Gie-e»