Samstag, den 21. Juli t-M - Nr. M iJM gO W 81 ffl AMS-LM MiW^M v Ä ■ i Lommerleulnsnts. Roman von Walter B l o e m. Copyright 1910 bei Orethlein & Co. Flachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ratternd und fauchend hielt der Zug auf einer Kreuzungsstation. Martin fuhr auf, steckte den Kopf zum Fenster hinaus in der Absicht, die Einsamkeit seiner Fahrt gegen jeden Eindringling mit einem wahren Menschenfressergesicht zu verteidigen. Da sah er in der Menge der andrängenden Fahrgäste eine abenteuerliche Gestalt. Seine erste Empfindung war: Aha, ein Kamerad ■-— aber was für einer. Ein lang und dürr aufgeschossener Herr mit goldgefaßter, funkelnder Brille und einem langen, struppigen roten Bart, die Hagern Glieder umschlossen von einem Offizierüberrock, der, bei völlig unmodernem Schnitt, noch immer die schwarze Farbe zeigte, wahrend Blau seit einigen Jahren Vorschrift war, auf dem Kopfe eine Mütze, wie er selber sie in seiner einjährig-freiwilligen Dienstzeit vor zehn Jahren getragen. Die Linke fuhrwerkte unbeholfen mit dem Säbel umher, der ihm jeden Augenblick zwischen die stelzengleichen, unruhig trippelnden Beine zu geraten drohte. Reben dem Uniformierten stand mit kaum verhohlenem 'Grinsen ein rotbemützter Dienstmann, der einen Ungeheuern, stark verschlissenen Handkoffer und eine Helmschachtel trug. Run hatten die hilflos hinter den Brillengläsern flackernden grauen Augen des Uniformierten den Maler erspäht. Die Rechte im Uniformhandschuh legte sich grüßend ian den Schirm der vorsintflutlichen Mütze, und wie schutzsuchend steuerte die lange Gestalt auf den Wagen zu, an dessen Fenster Martin stand. Der Dienstmann riß die Wagentür auf, stieg zuerst hinein und verstaute das Gepäck in den Netzen. Mühsam kletterte der Ofsizier hinterher, jeden Augenblick in Gefahr, über seinen Säbel zu stolpern. Nun suchte die ungelenke Linke des Herrn nach dem Portemonnaie, fand aber die Tasche nicht gleich, weil die langen Schöße des Rocks und der Riemen des Säbelkoppels den Zugang hemmten; aber endlich war die Börse doch erwischt, der Dienstmann bekam seine Vergütung, die nicht allzu reichlich ausgefallen zu sein schien; denn ohne Gruß mit einem knurrenden Laut verließ der Träger das Abteil. Und nun wollte sich der Ankömmling dem Kameraden vorstellen; in demselben Augenblick aber zog der Zug an — und mit einem Ruck flog der schwarze Ueberrock gegen den hellblauen, so daß beide Herren auf die Polster plumpten. In hilfloser Verlegenheit stotterte der Ankömmling eine Entschuldigung, und nachdem beide Herren ihre Säbel und Beine wieder aufgesammelt hatten, stellte er sich nun endlich vor, selbstverständlich ohne daß Martin den Namen des. Kameraden verstand. Tiefaufatmend lehnte sich der fremde Herr auf seinen Sitz zurück, nahm die Mütze ab, unter der ein nur noch von einem dürftigen braunen Haarkranz Umsäumter kahler Schädel zum Vorschein kam, und tupfte mit einem gelbseidenen Taschentuch die quellenden Schweißtröpfchen von Stirn und Platte. „Schauerliche Hitze .—•!" mente er und fächelte sich mit dem Taschentuch. Rasch kam das Gespräch in Gang. Es stellte sich heraus, daß der Ankömmling Privatdozent der Literaturgeschichte an der Universität Bonn sei, und als Flamberg ihm feinen Namen deutlicher wiederholte, wußte der andere sofort Bescheid. Respektvoll fragte er: „Flamberg? etwa gar der Schöpfer der beiden Porträts in der Berliner Sezession?" „Ich kann's Nicht länger verheimlichen," lächelte Martin. „Alle Wetter," sagte der andere, „das nenn' ich et» glückliches Omen ... da ich doch nun wieder einmal sehr gegen meinen Geschmack aus meiner stillen Studierklause unter das Kriegsvolk verschlagen werde. Ich bin entzückt, gleich beim ersten Eintritt in diese langentsremdete Welt einem Vertreter sanfterer Regionen der Menschlichkeit zu begegnen . . . Uebrigens werden Sie meinen Namen auch nicht verstanden haben. Ich heiße Frobenius." Martin dachte einen Augenblick nach und sagte: „Frobenius, Wilhelm Frobenius . . . ich habe vor kurzer Zeit eine Sammlung von Studien über Goethes Faust von einem Wilhelm Frobenius gelesen — wären das gar Sie?" „Ich kann's nicht länger verheimlichen," schmunzelte Frobenius. , Martin streckte ihm die Hand hin: „Ich freue mich," sagte er, „Ihre Analyse der Gretchengestalt hat auf mich so stark gewirkt, daß ich kurz vor meiner Abreise ein Gretchen gemalt habe." , y a „Schau — schau," sagte Frobenius, „wo haben Sie das Modell aufgetrieben?" „Da hab' ich nicht lang zu suchen brauchen," lachte Martin, „meine Braut!" . „Ei der Tausend, dann freilich! — gratuliere, Herr Kamerad!" r . ' f „Sagen Sie, Herr Frobentus," fragte der Maler, „Sie scheinen von der Aussicht, wieder mal acht Wochen im bunten Rock zubringen zu müssen, nicht so erbaut zu sein wie ich?" „Ja," sagte Frobenius, ,chas ist eine sehr berechtigte Frage. Ich kann mir wohl twistellen, daß Sie mir es an der Nase anschen, daß meine Liebe zum Kommiß eine einigermaßen unglückliche ist. — Sehen Sie, ich. bin von Natur so etwas wie ein Pechvogel, fühle mich eigentlich nur hinter meinen Büchern so recht behaglich — „Dann verstehe ich. nicht recht — Sie müssen doch schon — 462 — bekommt doch Nräl was anderes' zn hören, als' einig Kommiß-- und Avancementsgeschichten. Uebrigens sind die Herren nun einmal doch ein notwendiges Nebel." „Ob sie notwendige sind, weiß ich nicht übel sind sie jedenfalls." Leutnant Blowitz ftänd gerade jan der Wand juint'er einem mächtigen Rahmen, der eine große Anzahl einzelner Photographien von Offizieren umschloß. Es waren die Toten des Offizierkorps des Regiments aus dem "Feldzüge von 1870/71. „Ja, sehen Sie mal, lieber Menshausen," meinte er, „schau’n Sie sich doch mal hier die Regimentstafel der Gefallenen von Siebzig an — da ist ein Hauptmann der Reserve und drei Leutnants der Reserve drunter." „Na ja," lenkte der Aeltere ein, „im Kriege möge-n die Herren ja an ihrem Platze sein, und daß sie brav gefochten haben und als ehrenhafte Soldaten gestorben sind, will ich ja nicht bezweifeln — aber im Frieden tun sie nichts weiter, als den Betrieb stören. Wir find doch hier wahrhaftig nicht zusammen, Um ein bißchen Räuber und Gendarm miteinander zu spielen — wir haben hart git arbeiten — wir haben die verdammte Pflicht unb Schuldigkeit, binnen' zwei Iahten die Hänakenbande, die uns jeden Oktober hierher geschickt wird, zu halbwegs brauchbaren Soldaten zu erziehen — und dabei sind die Herren von der Reserve und Landwehr höchstens hinderlich!" Blowitz lachte still in sich hinein. Er hatte den Charakter des neuen Regimentskameraden schon einigermaßen durchschaut uud wußte, daß es nicht leicht war, ihm irgend etwas recht zu machen. „Wie viel Herren kommen denn?" fragte Blowitz. „Ganze sechs!" „Na, was sür Geisteskinder sind es denn?" „Geben Sie Mal acht," sagte der Oberleutnant und zog den Jüngern ans Fenster, „da hinten unterm Torbogen da versammeln sie sich gerade. Wissen Sie, ich teile die Herren Sommerleutnants in zwei Kategorien ein: die einen sind die, die wenigstens von weitem wie Offiziere aus-, sehen — die andern sind glattweg wandelnde Karikaturen. Nun sehen Sie mal die Gesellschaft da hinten an. Ich werde Ihnen zunächst die Karikaturen vorstcllen. Also betrachten Sie mal diese Tonne da hinten: das ist der Oberleutnant der Reserve, Herr Brassert, im Zivilverhältnis Gymnasialoberlöhrer. Wenn Sie dem einen Stich ins Herz versetzen wollen, dann müssen Sie ihn „Herr Professor" anreden." „Warum soll ich ihin denn einen Stich ins Herz versetzen?" erwiderte Blowitz, „er hat mir ja gar nichts getan — aber weiter! Wer ist denn dieser merkwürdig dünne Herr mit dem zapfeuartig herunterhängenden Schnurrbart?" „Ja," sagte Menshausen, „das ist die Obervogelscheuche' unter den Herren — das ist der Forstassessor Troisdorf, ein Rauhbein im Quadrat; ich behaupte, er kanu überhaupt kein Wort Hochdeutsch sprechen." „Nanu," meinte Blowitz, „wie ist denn das möglich? Ein Forstassesfor . . ." „Na, Sie werden ja hören," entgegnete Menshausen, „mag sein, daß er im Verkehr mit seinen Waldwärteru und Treibern völlig verbauert ist, jedenfalls spricht er das fürchterlichste Kölnisch, das ich jemals gehört habe." „Uebrigens wimmelt da ja noch eine dritte Karikatur 'rum." „Den Herrn kenn' ich nicht — das ist also jedenfalls der Landwehronkel, der uns angekündigt worden ist — irgend! so'n gelehrtes Haus von der Universität — Gehirnfatzke, wie der Simplizissimus sagt!" „Ra, und nun also die Halbwegs vernünftig Mus- sehenden!" . "$?. W« Sie — da ist zunächst der einzige, der für mrch mitzählt, der blonde Herr im Dienstanzug —i er macht seine erste Offizierübung — er ist aus dem Regiment hervorgegangen :— ein Referendar namens Dormagen — em einigermaßen tadelloser Herr!" , „So, also das ist Ihr Genre," sagte Blowitz, „für meinen Geschmack hat er eine ziemliche Ohrfeigenvisage ; und der andere daneben, mit dem riesigen, hochauf- gedrehten Schnurrbart?" „Hm ;— das ist wieder 'ne andere Nummer ;— das ist der Leutnant Klocke — seines Zeichens das, was ein aktiver Offizier in der Regel erst später zu Werden pflegt — närw "ch Versicherungsagent! — Na — er macht wenigstens 'ne in höheren Semestern sein und haben doch keinesfalls mehr die Pflicht zu üben —. warum tun Sie's also?" „Sie haben ganz recht zu fragen," erwiderte der Privatdozent, „ich könnte längst außer Dienst sein. — Ich habe mich überhaupt erst in der Landwehr zum Offizier wählen lassen und mit Zittern und Zähnellappen vor sechs Jahren meine einzige achtwöchige Pflichtübung gemacht. Damals aber habe ich gefunden, daß mir diese Uebung vorzüglich bekam, nicht nur körperlich, auch — ich möchte sagen — was meinen Charakter anbetrifft — Wissen Sie, ein so fürchterlich ungewandter Mensch, wie ich nun leider Gottes einmal einer bin, für den sind solche acht Wochen beim Kommiß eine wahre Dressur. Wenn ich auch im bunten Rock eine ganz miserable Figur mache ich weiß das leider nur zu gut — so hab' ich entdeckt: als ich damals nach Hanse i'ant/ da war für einige Zeit, etwa für zwei bis drei Jahre, jene lächerliche Scheu vor öffentlichem Auftreten und gesellschaftlichem Umgang von mir gewichen, die mich sonst zu einem wahren Einsiedlerdasein zwingt." „Aha, und darum sind Sie also in der Landwehr I geblieben — und wollen jetzt mal wieder acht Wochen 'ran, um sich sozusagen wieder mal ein bissel zurechtstutzen zu lassen!" „Ja, allerdings, das war die Absicht," meinte der Privatdozent. „Eigentlich ist die Uebung für mich ein Martyrium, dem ich nur mit Grauen und Entsetzen entgegensehe — und ich weiß schon, daß ich während der ganzen Zeit aus einer Katastrophe in die andere taumeln werde — aber was hilft's — es muß nun einmal sein." „Ja," lachte der Maler, „dann sind Sie allerdings zu bedauern — ich für meine Person freue mich, offen gestanden, ganz kolossal auf die Uebung." „Das glaube ich," sagte Frobenius, „Sie sehen auch so aus, als ob Sie Grund dazu hatten. Wenn mich der Schein nicht trügt, so sind Sie ein gerade so netter Kerl, wie Sie ein großer Künstler sind, und ich werde Ihnen etwas sagen: Sie werden mir einen Gefallen tun. Sie werden sich gelegentlich meiner ein bißchen erbarmen, wenn es mir gar zn jämmerlich geht, nicht wahr, Herr Kamerad?!" Er streckte dem Maler die haarige Rechte hin. Von der er den weißen Uniformhandschuh abgezogen hatte, und schallend schlug Martin ein. „Das soll ein Wort sein, Herr Frobenius, — ich denke, es soll recht nett werden, die acht Wochen hindurch — ich sehe gar nicht ein, was uns hindern könnte, uns die zwei Monate, die Vor uns liegen, zu einem rechten Fest zu machen." 2. Kapitel. In dem Hellen, luftigen Speisesaal des Offizierkasinos des Füsilier-Regiments Prinz Heinrich der Niederlande (14. Rheinischen) Nr. 186 wär der Kasinovorstand, Oberleutnant Menshausen, damit beschäftigt, die Anordnungen für die Mittagstafel einer letzten Prüfung zu unterziehen. Er legte an der Hand eines Zettels, auf dem er die Tisch-! ordnung entworfen hatte, persönlich die Tischkarten, instruierte die Ordonnanzen und warf ab und -zu einen Blick auf den Kasernenhof hinaus, wo im Schatten der Kasernengebäude die Bataillonsadjutanten die Befehlsempfänger der Kompagnien um sich versammelt hatten, um die Tagesbefehle auszugeben. Drüben aber, im prallen Sonnenschein, trat die Wache an, und der Offizier vom Ortsdienst nahm die Meldungen der Wachhabenden entgegen. Säbelklirrend kam Leutnant Blowitz herein, der neue Adjutant des ersten Bataillons, erst seit kurzem aus dem fernen Osten in das rheinische Regiment versetzt: „Morgen, Menshausen — nanu, gibt’S denn heute mittag ein größeres Zauberfest?" „Allerdings," erwiderte Menshausen kurz, „Reqiments- musik!" „Was ist denn los?" „Die Herren Kameraden der Reserve und Landwehr werden in unserer Mitte begrüßt." „Ah — richtig, richtig — aber warum machen Sie denn dazu so'n saures Gesicht, Menshausen?" „Ich weiß nicht," brummte der Kasinovorstand, „kann dre Herren nun mal nicht verknusen —. verderben den ganzen Eindruck des Offizierkorps — Untergraben die Disziplin." , „dfv, hören Sie mal," lächelte Blowitz, „ich habe mich „ v..t5etne*n früheren Regiment mit den Herren ganz vor- zugüch gestanden. Ist ’ne ganz nette Abwechslung — man 463 leidlich militärische Figur Wer seine sonstige Perförp lichkeit müssen Sie sich selbst ein Urteil bilden! „Wer aber", fragte Blowitz, „ist der blonde Herr, der da eben so strahlend heran fegt?" Menshäusen zögerte einen Augenblick mit der Antwort. ),Tja — — das ist sozusagen Unser Renommierreserveleuö- nant — ein sogenanntes berühmtes Tier — das ist der Maler Flamberg —" „Flamberg?" sagte Blowitz nachsinnend, „woher kenn' ich denn den Namen? :— Richtig, jetzt fällt mir's ja ein: ■auf der Durchreise war ich doch in Berlin und hab' da in einer Ausstellung ein paar 'gemalte Weibdr gesehen'—> aber — deliziös, sag' ich Ihnen — eine stramme Germanin — Und daneben eine fabelhaft pikante Jüdin mit Schultern — Schultern — sag' ich Ihnen! Teufel, die Bilder machen ja ein kolossales Aufsehen! ti Und das ist also dieser Flamberg?" „Weiß ich nicht," sagte Menshäusen; „ich verstehe nichts von Kunst —, Und ob er eine Germanin und eine Jüdin in Berlin ausgehLngt hat, ist mir höchst wurscht. Für meine ■Person kann ich! nur behaupten, daß dieser Herr Flamberg mir unter all den Herren von der Reserve der fatalste ist. ; Was der Bruder sich schon einbildet aus sein bißchen Pinselei! und dann, wissen Sie: Ansichten! Ich begreife nicht, was so'n sogenannter Künstler überhaupt im preußischen Offizierkorps zu suchen hat. — Der sollte doch ruhig mit seinen Uebermenschen imb Ueberweibern zusammenhocken und uns hier in Frieden lassen — na, Sie werden ihn ja kennen lernen." „Ich weiß nicht r— ich finde, er sieht ausgezeichnet aus!" In diesem Augenblick standen die Ordonnanzen stramm; denn ein neuer blauer Ueberrock erschien in der Tür zum Rauchzimmer, (Fortsetzung folgt.) Abenddämmerung. Skizze von Fritz Sänger (München). „Mutter, soll ich die Lampe holen?" „Nein, noch nicht." „Aber du siehst nicht mehr genug." Während das Mädchen zur Mutter sprach, hielt es den 'Kopf ein wenig auf die Seite geneigt, und hatte dabei so eine eigene Zärtlichkeit in der Stimine — fast, als wenn es selbst die Mutter wäre und hätte es mit einem kranken Kinde zu tun. Die alte Frau legte die Brille hin und die Arbeit daneben auf den Tisch: „Weißt du, es gibt wohl etwas, das Man besser sehen kann, wenn es dunkel ist." Das Mädchen beugte den Kopf weiter vor, und daß es rot wurde im Gesrcht, das war nicht von dem Duft der Blumen, die ringsum im Gärten in allen Beeten zwischen nützlicheren Pflanzen zerstreut standen. Die Mutter fühlte dieses Rotwerden sehr wohl, wenn sie es auch nicht sehen konnte. Es lag in der Stille, die jetzt eintrat, ein herzliches Jneinanderspielen der Empfindungen zweier Menschen, die Nicht nur Mutter und Tochter, sondern auch gute Freunde find. Langsam' würde es dunkler; Sekunden in solchen Lagen, werden zu Minuten, und Viertelstunden zu halben Ewigkeiten. — Auf einmal hielt das Mädchen nicht länger an sich: Ganz unvermittelt legte es plötzlich beide Hände auf den Arm der Mutter und oen glühenden Kopf aus beide Hände: „Mutter, du weißt ja doch! alles, sag mir, was ich tun soll." Die Frau streichelte mit der freien Hand über das Haar ihrer Tochter und sagte ruhig Und langsam: „Ja, ja, einmal kommt das so; in jedem. Leben kommt das einmal so." Das Mädchen sah nicht auf. -„Mutter, was soll ich aber tun?" „Das weiß ich auch nicht." „So sag mir doch, wenn du das auch einmal erlebt hast, was hast denn du getan?" Es zuckte leise durch den Körper der Frau: „Was ich getan habe — aber das war ja doch nicht das Rechte." „Nicht das Rechte?" , Das Mädchen sah auf und suchte das Auge der Mutter. '"b noH gerade so wie zuvor und fuhr langsam mrt dem .Kopfe hin und her: • nein, das war nicht das Rechte, es war auch mcht gerade so wie bei dir. Es ist ja jedesmal ein bißchen fsschers, aber es wird jedesmal dabei üb'er ein Leben ent» manchmal ohne daß. man es weiß, und doch will ich dir sagen, eine Liebe, wie sie dir Albert entgegenbringt, rst immer etwas Großes." „Aber Mutter, du wärst doch dagegen." „Ja, schäu: du hast mich ja auch sonst nie um Rat ?o als Mutter war ich dagegen, weil du erst 18 ^ahre alt bist. Und wenn ich dir als Freundin sagen soll, was ich meine, welches das Gute und Richtige ist: ich weih es nicht." - „Wie wär's denn bei dir?" „Ja, das will ich dir schon erzählen, wie es bei mir war." Sie macht den Arm los, das Mädchen setzte sich aufrecht und lehnte sich an ihre Schulter. Leise begann die Frau und mit einer solchen Zärtlichkeit, als wollte sie jedes Wort ihrer eigenen Erinnerungen liebkosen. „Ich war in meiner ersten Stellung; in einer kleinen Stadt war's, in bayerisch Schwaben. Ich kann wohl sagen, ich hatte es gut getroffen, die Frau war neidisch auf mich und der Mann stolz, und die Kinder, über die ich zu wachen hatte, hatten mich recht lieb. Wenn ich über die Straße ging, blieben nicht nur die jungen Burschen stehen — ja, wenn man so 18 Jahre zählt und schön ist, da ist man reich — das weiß ich jetzt erst so richtig, nun ich 58 bin." still eine kleine Pause, das Mädchen blieb ganz „Wir arbeiteten damals recht viel; da ist das, was du in deinem Bureau zu tun hast, doch gar nichts dagegen. Wir saßen manchmal bis nach Mitternacht, wir, die Frau, eine liebe Mutter, und ich; wir arbeiteten an einer Aussteuer von einem Sohn jener Mutter, die ich nannte. Dieser Sohn war ein Bruder des Mannes der Frau, bei der ich diente. Er hieß Emil Neubauer und' hätte eine Braut, die nicht einmal die Aussteuer hatte; er war Lehrer draußen in einem Dorf und kam öfter herein, um nachzusehen, wie weit wir mit der Aussteuer wären, und wir beide sprachen auch öfter allein zusammen, Emil Neubauer und ich. Und einmal am Abend war sein Bruder und seinej Schwägerin fort, da sagte er zu mir: ob ich denn auch recht fleißig gewesen sei bei seinen Sachen? Das will ich schon meinen, gab ich stolz zurück. Dann faßte er mich bei der Hand und sah mir so seltsam' in die Augen, daß ich seinen Blick nicht ertragen konnte. Dann -ging er und schloß die Türe und dann faßte er mich mit beiden Händen um den Kopf und sagte ganz leise: Marie, das ist schön, daß du so mitgeholfen hast . . . Vorher hatte er nie du zu mir gesagt, aber ich hatte nicht die Kraft, etwäs dagegen einzuwenden, und er sicht fort: Marie, gieb nur Obacht, daß alles gut und recht wird, denn es kommt bei so etwas' so viel auf Kleinigkeiten an, und du darfst schon fein aufpassen, denn das ist deine Aussteuer — — Und als ich das gar nicht verstand, da faßte er fester Mit beiden Händen in meine Haare, die so blond waren,! wie die deinen jetzt und er bog meinen Kopf zurück — und küßte mich. — Und dann sprach er es ganz leise: das ist dein Brautkuß gewesen. Nur ganz langsam verstand ich das alles, aber dann habe ich ihn gut zurückgegeben, den Brautkuß." Die Frau schwieg, aus weiter Ferne klang ein helles Abendglöcklein. Sie horchte und bog den weißen Kops zurück, bis es ganz zu End-e wär. Als das Glöcklein verklungen und sie imMer noch lange Nicht wieder sprechen wollte, sagte die Tochter leise: „Mutter." Die blieb stille. „Mutter, du bist ja noch nicht fertig." Die Mutter Wandte sich nach dem Mädchen um: „Die Geschichte meinst du. . . ja was schön war daran, das ist schon zu Ende.--Man wollte es nicht — sie alle wollten es nicht, und Emil war nicht da. Djiej Briefe, die er mir täglich schrieb, bekam ich nicht, so waren sie alle gegen mich und ich allein hatte nfcht die Kraft 464 oder nicht genug den Willen zur Kraft —- rch unterlag. Ich meinte auch, weil das Glück einmal so ganz unver-i hofft und ganz ungerusen zu mir gekommen war, es> stunde immer an meiner Türe. Aas war der große Irrtum rn meinem Leben. Man muh reich fern, wenn das Gluck kommen soll, es sei an Schönheit oderan Geld, oder an onst etivas — — immerhin die Aussteuer, von der l.ch 'prach, war jedenfalls für eine dritte. , Ich habe erst mit dreißig Jahren geheiratet, und schau, wenn ich jetzt so gebückt gehe, das Glück war es nicht, was mich gedrückt hat, und meine weißen Haare, das ist auch nicht der echte Winter. _ Aber ich hab's getragen die vielen Jahre. Du solltest mir auch nicht helfen, ich sagte es nur darum, weil ich so gern, gar so gern wollte, daß du von der Freuds em klein Teil abbekämst — — von der Freude, um die ich in meinem Leben zu kurz gekommen bin. Deswegen habe ich mich über dich immer so gefreut, das war immer meine wärmste Hoffnung und mein tiefstes Gib mir keine Antwort, ich kann dir auch keinen Rat geben — und niemand kann es , . . Geh! Geh, und sprich heute mit niemand mehr — — und erinnere mich nie im Leben an diese Abendstunde : • gar nie — aber denke daran,' du, denke daran." Der lachende Erdball. Eine lustige Reise im Witzzug durch aller Herren.Länder. Arrangiert von Felix Schloemp. Mit Geleitbrief von Hanns Heinz Emers und zahlreichen drolligen Zeichnungen von Walter Trier Verlag von Georg Müller, München 1912. Wir bringen nachstehend aus dem „lachenden Erdball" einige Proben amerikanischen Humors: Elektrokution. „Benutzen Sie im wilden Westen bei der Hinrichtung von Uebeltätern ebenfalls Elektrizität?" fragte der Reisende aus New Port — „Und wie!" erwiderte der Friedensrichter in Arizona. „Wir hängen sie seit undenklichen Zeiten an Telegraphenpfosten auf " (New Bork Sketch.) * Dilemma. In jenen alten Tagen, als noch Büffelherden am Rande der westlichen Berge Amerikas grasten, gerieten zwei kühne Prospektoren einem Bisonbullen in die Quere, der sich von seiner Herde abgesondert zu haben und Amok zu laufen schien. Der eine der Prospektoren erkletterte einen Baum und der andere tauchte in eine Höhle. Der Büffel brüllte vor dem Höhleneingang und wandte sich dann dem Baume zu. Da kam der Mann aus der Höhle heraus und der Büffel drang wieder auf ihn ein. Der Mann tauchte von neuem in das Loch. Nachdem sich dies verschiedene Male wiederholt hatte, rief der Mann auf dem Baume seinem Kameraden, der zitternd am Höhleneingang stand, zu: „Bleiben Sie doch in der Höhle, Sie Hansnarr!" — „Was wissen Sie von dieser Höhle," schrie der andere zurück. „Da ist ein Bär drin!" (The Argonaut.) * Sie weiß es sicher. In einer Stadt der Südstaaten der nordamerikanischen Union kam die schwarze Dienstmagd eines Tages zu ihrer Herrin. „Nun, Jonny," fragte diese, die schon sah, daß sie etwas auf dem Herzen habe. „Ach, bitte, gnä' Frau- kann ich wohl Mittwoch in drei Wochen den Nachmittag frei kriegen?" — und als sie die unentschlossene Miene ihrer Herrin sah, fügte sie schnell hinzu: „Ich möchte gern zur Beerdigung von meinem Bräutigam." — „Himmel!" antwortete die Herrin. „Zur Beerdigung Ihres Bräutigams? Aber Sie wissen doch noch gar nicht, ob er bis dahin sterben wird, ganz abgesehen von dem genauen Datum. Das ist etwas, das wir nie sicher Voraussagen können — wann wir sterben werden." — „Ja, gnä' Frau," sagte des Mädchen zögernd, dann aber mit triumphierender Stimme: „aber bei ihm bin ich sicher, gnä' Frau, weil er gehängt werden soll!" (The Argonaut.) Eine lustige Anekdote Dort Mark Twain. Eines schönen Sonntagsmorgens besuchte Mark Twain einen reichen Baumwollmakler, der über alle anderen Dinge seine fahrbare Badewanne lobte. „Das Ding läuft elektrisch auf kleinen Gummirüdern lautlos und glatt. Wenn ich gerade keine Lust habe, das Zimmer zu verlassen, so kommt sie hereingefahren, angefüllt mit veritablem Seewasser. Ich brauche nur aus einen Knopf zu drücken." „Drücken Sie mal," sagte der neugierige Mark Twain. Der Makler drückte auf den Knopf, die Türen gingen lautlos auseinander und herein kam in feierlichem Schweigen die große, prächtige Onyrwanne und in ihr, höchst erstaunt, sag des Millionärs kleine Tochter. * (Yankees Atatesman.) Mißglücktes Kompliment. Szene: Ein New Yorker Salon. — Personen: Er Und Sie, — Sie: >,Wissen Sie, daß die Hand der Freiheit-Statue 16 Fuß mißt?" — Er: ,^Jch habe davon gelesen." — Sie: „Die Dicke des Kopfes, von einem Ohr zuM andern Ohr betragt 10 Fuß." — Er: ,^Ja." — Sie: „Die Nase ist 4 Fuß lang." — Erl „Allerdings!" — Sie: „Und die Taille 35 Fuß!" — Er; „Ja!" — Sie (sich aufrichtend): „Wenn Sie das alles wissen. Sie unverschämter Mensch, dann erklären Sie mir, wie Sie sich unterstehen können, mich in Ihrem Gedicht als Göttin der Freiheit zu besingen?" e (Tits-Bits.) , Die Ursache. „Was ist Eurer Meinung nach die Ursache der augenscheinlichen Unruhe unter den Indianern?" forschte der von der Regierung ausgesandte Beamte. — Der. Comanchen-Häuptling „Diel große Schlange" blies eine gewaltige Rauchwolke in die Luft. Dann nahm er die Pfeife aus dem Munde. '—• „Flöhe", antwortete er. (Washington Star.) Der Blinde" und der Kientopp. Ein bekannter amerikanischer Schauspieler, Mr. Howard Rüssel/ warf eines Abends, als er das Theater verließ, einem anscheinend blinden Bettler an der Straßenecke eine kleine Münze zu. Tas Geldstück wäre jedoch beinahe aufs Pflaster gerollt/ wenn es der „Blinde" nicht im letzten Augenblick geschickt mit der Mütze aufgefangen hätte. „Ach . . . ich glaubte. Sie wären blind . . .," meinte der Schauspieler entrüstet. — „No, Sir," gestand der Bettler ein, „ich vertrete nur meinen Freund, der sich ein bißchen ausruht. Aber der ist wirklich blind, Sir/ wahrhaftig — von Geburt an!" — „Na, und wo ruht sich denn der aus?" fragte der menschenfreundliche Schauspieler. „Ja/ sehen Sie, Sir," erwiderte etwas stockend der Bettler, „die Sache ilä nämlich die, er hat so viel über den Kientopp erzählen Ijßrenj und da hat er denn heute nacht Urlaub' genommen, um sich das Ding auch einmal anzusehen." Das Echo. Ein Yankee, der zur Bewunderung eines englischen Echos aufgefordert wurde, sagte: „Ihr scheint mir von Echos in diesem Lande überhaupt nichts zu verstehen. In meiner SomMerresidenzi in den Roay Mountains dauert es acht Stunden, bis ihr das Echo !