1 MZ üin2aBECTiL— das wäre möglich !" Lebhaft plaudernde Gruppen in allen Ecken, um die Spieltische gedrängt erhitzte Leutnantsgesichter, junge Mädchen und Frauen, die sich eifrig fächelten. . . hastende Ordonnanzen rnit Servierbrettern voller Selters- und Bter- gläser . . . von Molly keine Spur! — Also nochmals zurück in den Saal! — Auch hier keine Molly! — „Vielleicht weiß der Einjährige Bescheid?" meinte Leutnant Blowitz, „den muß man ja leicht herausfinden an seinen schauerlichen weißen Hosen!" Jawoll —! die weißen Hosen waren ebensowenig zu finden wie . das Majorsmädel . . . „Da bleibt nur noch eine Möglichkeit, Herr Major --- das gnädige Fräulein muß int Garten fein!" „Js ja ausgeschlossen!" Aber der bekümmerte Vater stürzte doch sogleich zur Veranda . . . spähte in den Garten hinaus, dessen Laubengänge, vom Mondlicht angesilbert, dunkel träumten, nur von den mattleuchtenden Kugeln einiger Lampions belebt . . . „Molly!" rief der Vater gedämpft, „Molly — last du hier?!" ■--- Ein paar Minuten bangen Schweigens . . . Darm tauchte ein weißer Schatten aus der Dämmerung, und ... ein harmloses Lächeln auf dem glatten Engelsgesichtchen hüpfte Molly die Veranda hinauf: „Hast du mich gerufen, Papachen?" „Allerdings — Mama bricht auf!" „Oh, wie schade ... ich hatte mich so auf den Kotillon gefreut!" „Tut mir leid! — Wie kommst du denn in den Garten?" „Es war so heiß — — ich wollte mich ettt wenig abkühlen!" „So — abkühlen! — Na, komm!" Lächelnd und schlank wie eine Fee schwebte Molly vorauf. Der Major folgte. Unablässig zwirbelten seine Finger die lang herabhängenden grauen Schnurrbartspitzen. . . Er hatte sehr wohl bemerkt, daß hinter dem weißen Schatten, der sich aus dem Dunkel entwickelte, noch ein anderer weißer Schatten int Garten gespukt hatte . . . aber der war nicht ans Licht gekommen. . . Er hatte eine heillose Aehrtlichkeit gehabt mit einem Paar weißen Manuschafts-Paradehosen, auch „Porzellanbuchsen" geheißen-- Ja, das hatte der Vater gesehen, aber... er wollte nichts gesehen haben. . . Nur künftighin besser auf das Mädel passen —! „Na, gut' Nacht, lieber Blowitz! Ich danke Ihnen! Noch viel Vergnügen!" „Danke gehorsamst, Herr Major! — Empfehle mich, mein gnädiges Fräulein!" f Wenn der nur nichts gemerkt hatte — —! Blowitz verzog keine Miene beim Abschied. Aber er hatte doch gesehen. Na, wenn die Kleine sich partout einen Flirt mit dem Einjährigen in ihr blondes Köpfchen gesetzt hatte . . . 'Hermann Blowitz fühlte weder zum Denunzianten noch zum Klatschweibe Beruf in sich . . . Er wollte seine Entdeckung für sich behalten . . . bei ihm wär das Geheimnis dep Kleinen gut aufgehoben — . m Und Hans Friesen, der erst wie ein Verbrecher gegittert hatte, lachte nun selig in sich hinein in seinem dunkeln Versteck... er tappte sich zu der Bank zurück, auf der ssv eben mit Molly gesessen — auf der er kühnen Muts einen scheuen, seligen Kuß erbeutet hatte. . . Der machte das Poetenherz schwer und warm . . . Er fühlte das Schicksal feines jungen Lebens über feinem* Haupte... Es hieß Molly ■— Molly Sassenbach-- * 1 Um vier Uhr morgens waren die letzten Damen ge> gangen. Nun rotteten sich die Leutnants int Billardzimmer um die Siphons zusammen. Teufel auch... die Nacht war doch mal angebrochen . . . die vorletzte Nacht in der Garnison. . . Morgen nur Jnstruktionsstnnden und Appell . . Appell... , . .. Stiefelappell . . . Gewehrappell. . . Appell- mit eisernen Portionen und Appell mit Fußbekleidung . . . Appell mit Sachen, die auf Kammer abgegeben werden mußten . . . Stubenrevision und zuletzt Appell im Manöveranzug. Das schaffte man auch mit unausgeruhten Knochen . . mit einem noch so wüsten Brummschädel. Erhitzt vom Tanz goß man einen Schoppen nach- dem' andern in die glühende Kehle. Bald waren die Leutnants Klocke und von Finette wie die Staubfäulen betrunken. Energischer Zuspruch älterer Kameraden mußte sie zum H-eimschwanken bewegen. — Die Tanzlust war noch- nicht gestillt. Da die Regiments^ musik verschwunden war, fetzte sich der kleine Carstanjen ans Klavier und hieb eine wilde Walzermelodie in die Tasten hinein... , , All die unruhvollen jungen Männerherzen, in denen die Erregungen des Festes nachzitterten, lechzten unbewußt nach einem letzten äußersten Anstoben . . . Einer umfaßte den andern. . . und bis zum Umfallen wurde gewalzt. Verschlafen lungerten die Ordonnanzen in den Ecken herum und starrten mit blöden, verwunderten Augen auf das wilde Treiben ihrer jungen Herren. . . Schließlich wurden sie hinausgeschickt. , Und auf den hohen gotischen Stühlen, die sonst feierlich die Regimentstafel umstanden, wurde nun ein toller Ritt ausgeführt. . . dann nach dem krähenden Kom-i mando des Keinen Carstanjen ein großes -Lchwadrons- Ein "jeder hatte sich dazu bewaffnet ... Eine große Trophäe von -alten Ritterschw erlern, Hellebarden und Morgensternen, welche die Wand des Rauchzimmers zierte, war zu diesem Zweck geplündert worden... Ein abenteuerliches Bild, die jungen Herren nut aufgeknöpften Waffenröcken. . . rittlings auf den hochlehm- gen Stühlen. . . ausgerüstet mit phantastischem Gewafsen aus alter Ritterzeit. . . „Eskadron — Galopp —!" Keiner aber glühte höher . . . ferner johlte lauter..? feiner schwang die Waffe wilder als Martin, Flamberg, (Fortsetzung folgt/ Dar Ohrläppchen. Bon A. Fendrich, In den Sommerferien meiner Volksschuljahre habe ich mich immer die ganzen W> Wochen auf die Herbstferien gefreut, die ich immer in dem Heimatdorf meiner Mutter verleben durste. Dort führte ich die paar Tage ein wahres Herrenleben in den Rebenhügeln mit den roten Sandsteinbrüchen. Die Lust erzitterte unter Pistolenschüssen und Jauchzen, und am Abend ging die köstliche Arbeit an bem mostdustenden Trotten bis tief in die Nacht hinein. Mit der Arbeit wurde es allerdings meinerseits nicht sehr ernst genommen, was beim Traubenschnelden insbesondere die Großmutter mit ihrem hageren, ledernen Gesicht sehr Übel vermerkte. Selten gelang es mir, mich ihrer scharfen Beobachtung zu entziehen und dem Auszupfen und Essen der schönsten Beeren an noch nicht ab geherbsteten Weinstöcken obzuliegen. Allen Warnungen der Großmutter vor den furchtbaren Lelbschmerzery welche gerade die goldigen Beeren zur Folge hätten, die ich 10 gerne aß, blieben ohne Wirkung auf mich. Wenn sie mich aber endlich bei meiner verbotenen Tätigkeit entdeckte, und mtr mit einem" Stecken nachlief, dann rettete ich mich gewöhnlich tn das 631 daneben liegende Rebstück des Onkel Scheck,*) tob ich' iminer sehr freundlich ausgenommen wurde und vom Onkel selbst noch die schönsten Stöcke gezeigt bekam'. Besonders empfahl' er mir die Wit den durchsichtigen, hellgrünen Trauben, deren Beeren einen rostigen Fleck hatten. Da sei der Fuchs dran vorbei gesprungen, meinte tr dann lachend. Deswegen seien sie so gut. Es war fast ein Ereignis', wenn der Onkel Schack, ein untersetzter Bauer mit glattrasiertem Gesicht und struppigen dunklen Haaren, einmal lachte. So selten geschah das. Er hatte immer etwas Grimiuiges in feinem: Gesicht. Wenn er aber lachte, dann zog sich sein Mund so schmerzhaft in die 'Höhe und seine buschigen Brauen senkten sich so traurig Wer die kleinen Augen, daß ich immer ein wenig Angst bei diesem Gesicht bekam'. Mer er war sehr freigebig gegen mich und /eine Trauben' schmeckten mir immer vorzüglich. Nur einmal wurde er sehr böse, nämlich als ich ihn fragte, warum er am linken Ohr kein Läppchen mehr habe.' Ganz Angst hatte ich damals vor ihm 'bekommen, so bös sah er mich an und sagte, ein kleiner Bub brauche nicht alles zu wissen. Als ich alter war unb schon ins Gymüasium ging, fragte er Mich, wenn ich bei ihm in seinem kleinen sauberen Hause aM Dorfback) vor der Heimreise Abschied nahm, fast jedesmal, ob ich auch Soldat werden und in den Krieg ziehen wolle, wenn's losgehe. Ich sagte jedesmal: „Nein!" Denn erstens wollte ich es wirklich nicht, zweitens wußte ich, daß Onkel Schack sehr böse geworden wäre, wenn ich ja 'gesagt hätte, und dritteiis bekam ich jedesmal eine Mckrk, die er Mir sorgsam in den Zipfel meines Taschentuches band. Und jedesmal war sein letztes Wort: „Gelt Büble, nur nicht Soldat werden und in den Krieg ziehen Müssen! Geh du lieber nüber in die Schweiz!" , Bei diesem Abschied sah ich auch, daß es in dem! kleinen Haus vom Onkel Schack viel sauberer aussah, als bei der Großmutter. Alles war schön geputzt, die Messinggriffe an der Tür blinkten und der Fußboden war mit feinem roten Sand bestreut. Unb als die Großmutter gestorben war und mir andere Dinge köstlicher blinkten, als im Heimatdorf meiner Mütter herbsten, da war der Onkel Schack der einzige Mensch unter den 'Verwandten, an den ich in der Ferne noch manchmal dachte Er mußte irgend etwas Furchtbares erlebt haben, daß er so verschlossen und so bitter war. Viele Leute im Dorfe hielten ihn für verrückt. Die älteren Männer Wer sagten, er' sei erst nach seiner Rückkehtz aus dem' ,70er Kriege so geworden. Sie haben recht gehabt. , , r.. .. m < Vor einigen Jahren hat es Mich: Meder einmal in die Gegend gezogen, wo ich als Kind so viele frohe Tage verlebt. , Der Onkel Schack lebte noch. Als alten Weißkopf sand ich ihn wieder, im Grunde immer noch der gleiche. Auch im! Häuschen hatte sich nichts verändert. Die Türklinken blinkten und auf dem Fußboden knirrschte der rote Sand. Bei einem Krüglein Wein erzählte ich ihm mancherlei von meinen Fahrten. Nach und nach wurde er warm. Schließlich käm! auch das alte Thema voM Krieg tzur Sprache. Während ich redete, sann er nkit eingezogenen Lippen über etwas nach. Auf einmal sagte er: Du weißt, daß die Simpel hier im Dorf mich für nicht ganz gescheit halten. Das konimt hauptsächlich daher, daß ich nicht eine von ihren Töchtern geheiratet habe. Kein Mensch weiß, warum sch nicht geheiratet habe. Aber dir will ich's jetzt erzählen. Er nahm einen Schluck, fuhr sich über die Bartstoppeln uit Gesicht und sagte: , Schau, im Krieg wird jetrer Mensch entweder ein Feigling oder zu einem Vieh, zu einem wilden Tier. Du kannst es dir vorstellen. Eine Metzgerei ist nichts dagegen Diejenigen, die nicht darüber nachdenken, finb ja noch dre Glücklich,ten. Aber ich, ich bin so einer von den Gestraften gewesen, die immer haben über alles nachdenken müssen und nichts haben vergessen können. Jetzt, wo ich alt bin, ist es ja besser, aber schau," — und er klopfte mit der Faust vor die Stirne — „da drinn sitzt es, es zwingt einen, man muß darüber Nachdenken, und deswegen haben sie Mich närrisch geheißen, die Narren. Viehmenschen sind es, die kern Gemüt haben und kein Hirn." ■— ;~ . L, ,, Mach einer kleinen Panse fuhr er weiter : „Ich war vielleicht auch nicht so menschenscheu, wenn ntir nicht üüch noch das passiert wär int Krieg." „ „ , . Y. Er nahm noch einen tiefen Schluck und erzählte bann ohne Unterbrechung: „Nach der Schlacht von Nuits war es. Gun Dorf musste noch gesäubert werden. Die Hauptarbeit war schon gemacht, aber der Feind schoß intmer wieder aus dem! Hinterhalt auf uns. Da wurde meine Kompagnie gegen Abend hinein- geschickt, um' es ihnen gründlich zu verleiden. Mit einem Hagel von Steinen von den Dächern herab und Flintenschüssen hinter den Jalousien hervor wurden wir empfangen. Da seh ich, wie gerade eine Frau'aus einem Manfardensenster heraus aus mich schießt. Ich denke, es ist eine Frau, und weh getan hat mir ihre Kügel nicht, und stürze weiter, um in ein Haus einzudringen, aus dem sie heißes Wasser schütteten. Wie ich hinein will, fahrt Mir eine" Kugel von hinten durch! den Helm. Ich dreh mich üm, da schlägt gerade ein Weibsbild mit einerFlinte in der Hand die Läden zu. Ich denke, na, es war hur ein Helm ünd auf Frauen " *) „Schack", alemamiisches Französisch für Jacques-- Jakob. schieße ich nicht. Im gleichen Augenblick pfeift mir wieder eine Kugel am Kopf vorbei und schlagt in die Haustür, die die andere» immer noch nicht aufgebracht haben. Am Hals spüre ich was warmes. Die Kügel hatte mir ein Stück vom linken Ohr gerissen. Meistens spürt maus ja gar nicht, wenn man verwundet ist. Aber wenn man es spürt und noch das Gewehr oder den Säbel halten kann, dann wird man unsinnig, blutdürstig, eben einfach wie ein wildes Tier. Ich renne in das gegenüberliegende Haus, aus dem der Schuß kam, und stoße mit einem1 Tritt die leichte Türe ein. Mit einem Kolbenschlag ist im ersten Stock die Türe auf. Da steht mir gerade gegenüber in der Ecke eine junge Frau, oder ein Mädchen, ich weiß es nicht, und legt auf mich an. Schön war sie und groß, das weiß ich noch, und nicht schwarz, wie gewöhnlich die Franzosenweiber sind, sondern blond. Eine Sekunde lang steht sie mir gegenüber. Ich war wie gelähmt. Und bann hat sie geschossen. Die Spitter von einem Bilderrahmen, den sie traf, fuhren mir um den Kopf, unb im nächsten "Moment hatte ich ihr mit dem Gewehr den .Schadet eingeschlagen. Von dem! Augenblick an habe ich den ganzen Abend wie ein Wilder gewütet. Und als endlich alles still war, unb das Mückzugssignal geblasen wurde, hat es mich langsam wie ein Schrecken überfallen. Ich Biwak bin ich eingefchlafen so wie ein Stück Vieh. Vierundzwanzig Stunden habe ich so geschlafen unb war nicht aufzuwecken. In diesen vieruudzwanzig Stunden, da ist aber etwas mit mir vorgegangen. Leer ist es in mir geworden, ganz leer. Ueberall bin ich teilnahmslos mitgegangen und hab immer nur an das Mädchen denken müssen, dem ich den Schädel eingeschlagen. Schau, ich kann mir's jetzt noch: vorstellen, wie sie mich mit entsetzten Augen angesehen hat, den Mund weit aufgerissen hat und dann in der Ecke zusammengesunken ist." Der Onkel Schack hatte während der Erzählung em ganz anderes Gesicht bekommen. Es lag wie ein Schicksal .auf seinen Zügen. Und ganz still fügte er zum Schluß dazu: „Deswegen hab ich nicht heiraten können, weil ich ein junges Weibsbild mit dem Gewehrkolben totgeschlagen habe. Es ist üiir immer gewesen, als ob die aus dem Krieg einmal über den Rhein kommen könnte, wenn ich heirate, unb meiner Fran sagen: „Der Mensch hat mich totgeschlagen: wie kannst du so einen heiraten?" --So, jetzt weißt du es." , • . Es sind jetzt zehn Jahre her, daß mir der Onkel Schack das erzählte. Vor sechs Wochen hab ich von ihm eine Einladung erhalten — zu seiner Hochzeit. Er hatte sich im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen zusammengespart und war so für bte Verwandten int Dorf ein kleiner Erbonkel geworden. Um ihn ganz sicher in Händen zu haben, richteten die Verwandten dem' alternden, kränkelnden Manne einen kleinen Anbau an ihrem Anwesen her. Dort sollte er aus seinem kleinen Hause hiuziehen, damit er auch Hilfe habe, wenns ihn etwas passiere. Die Menschen werden so lieb', wenns bei einem’ zu Ende geht, der was Hatz Der Onkel Schack hatte ihnen aber einen Strich durch chre Gefühle gemacht. Er heiratete eine blutarme Waise, unb sie wirb zu leben haben, wenn einmal ber Alte die Augen geschlossen Hatz Das wird nicht mehr sehr lange gehen. Das hat mir der Onkel Schack bei der einfachen Hochzeit, bei der ich nicht fehlen wollte, gesagt. Und daß die vom Rhein drüben noch kommen könnte, davor hat er letzt keine Angst mehr. Die „Uastenlosen". In Europa hält man die Parias für die niederste Dollsklasse Indiens; es existiert jedoch dort noch eine andere, die unter der Verachtung aller anderen Kasten und sogar noch unter den Parias steht. Es sickd dies die „Kastenlosen", die Korgars. ^hre Vorfahren waren einst, vor Tausenden von Jahren, Herrscher rn dem Lande, in dem sie selbst aus der untersten Stufe stehen: sie stammen nämlich von de» Ureinwohnern Indiens. Seit dem ^.age, da ihre Vor fahren von den Eroberern nnterivorsen wurden, stehen sie außerhalb der menschlichen Gesellschaft und Sitte. Die »katholischen Missionen" erzählen Interessantes über diese Parias der ^Keiu Dorf dürfen sie ohne Erlaubnis ber Bewohner betreten; nachts ist ihnen überhaupt der Zutritt ganz versagt.. Eigene Dorier dürfen sie auch nicht bauen, nicht einmal Hauser, ber denen Mauern und Steine verwandt werden. In irgend einem Gebüsch abseits von der Landstraße sollen sie aus Zweigen sich ihre Hutten er- richten. Verboten ist es den Frauen, -tud) am ^elbe zu trage», ei» Streifen von Palmblätter» muv ihnen genügen. Tie Wimmer dürfen eine» Lappen benütze», freilich niemals einen neuenI uie solle» nur das rauhe Zeug gebrauchen, wie '»anesui I dien zur Einhüllung von Leiche» benötigt. Auch neue Gefäße sind ihnen niclrt acstattet, — auf den Abfallstatte» könne» sie sich die besten Scherbe» zusammenlese». Fleisch dürfen sie genießen — doch nur voii Hunden und gefallenen Kühen. All diese Bestimmungensind aber noch erträglich /gen das'Verbot, die Brunnen zu benutzen. Bei dem heißen Klima Indiens i|t das eme wahre fortgesetzte Quälerei. So muffe» die Korgars aus Pfütze» und Sumpfen ihr Wasser schöpfen; hat die Sommerglut auch diesi ausgetrocknet, dann Men sie ihr zerbrochenes Gefäß a» eure Hecke nahe bei dem Brunnen und kehren ins Gebüsch zurück, denn sie dürfen nicht zugleich mit Kastenleuten einen Weg betreten, weil ihr Haiich ia dle Luit verpeste» würde. Am Straßenrand warten sie — vielleicht 532 stundenlang — bt§ einer Mitleid hat und ihre Krüge füllt. ~od) denke man nur nicht, daß die gute Seele, die sich des armen Korgars erbarmt, das Gesäß des ^lnsgestoßenen zum Brunnen trage! Damit wurde sie sich ja mitsamt dem Brunnen verunreinigen; nein, vorsichtig gießt sie von oben aus oem eigenen ue- schirr das Wasser in den Krng des Fremden. Als man einige KorgarS in die Mission ausgenommen ha.te, verlangten die Christen, daß die Neuangekommenen vom Brunnen ausgeschlossen würden. Aber dessen bedurfte es gar nicht; denn die armen Leute wagten es nicht eimncil, zum Schöpsen zu gefeit, als man einen eigenen Brunnen für sie allein gegraben halte, bedurfte strenger Befehle und ivirklicher Drohungen der Missionare, sie dazu anzutreiben; sie fürchteteir nämlich, außerhalb der Mauern der Mission von Kastenleuten geschlagen und gestraft zu werden, wenn sie die alten Verbote übertreten. Aus demselben Grunde wollten sie die Kleider, ivelche die Glaubensboten ihnen geschenkt hatten, draußen nicht tragen. So lange ist das arme Volk zer- treteir imb gepeinigt worden, daß es nicht mehr wagt, die Rechte, die man keinem Sklaven abspricht, 311 beanspruchen. Dabei sind die Korgars sympathische, intelligente unb zuverlässige Menschen. Selbst in sittlicher Beziehung ist ihr Beben weit besser als das der übrigen Heiden. Nur einen Fehler haben sie: eine allzu große Eanstmut und Güte. K> Vermischtes. * Mailands künftiger Bahnhof. Seit Jahren schon wird im Weichbild der lombardischen Hauptstadt an der Verlegung der zahlreichen Schienenstränge gearbeitet, die Mailand wie ein ehernes Netz einschnüre>i imb der Ausdehnung der Ltabt, deren Bevölkerung immer noch stark anwächst, Hiiibernisse bereiten. Die Anlegung der neuen Dämme und Linien macht nunmehr auch eine Erweiterung des Bahnhofes ober vielmehr einen Neubau notwenbig. Der fast jedem Jtalienreisenden ivohlbekaimte, schon etwas altertümliche Mailänder Bahiihof mürbe vor etwa einem halben Jahrhundert angelegt unb hat sich schoii längst als zu eng unb unpraktisch für beit Riesenverkehr ber großen in Mailand zusammentreffenden Linien unb ber vielen kleinen für bis Provinz erwiesen. So ist beim in diesem Jahre von der Verwaltung der italienischen Staatsbahnen ein Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen ausgeschrieben worden, bei dem Hüffe Staechini, ein junger Mailänder Architekt, als Sieger hervorging. Die Haupt- fassäde wird 200 Meter lang sein; hinter ihr werden sich zivei große Hallen erheben, deren eilte die Eisenbahnlinien aufuehmen wird; die andere ist für die von und nach ber City fahrenden Tranis bestimmt, bie ber Reisende also noch im Bahnhofsgebäude besteigen kann, was bei schlechtem Wetter eine große Annehmlichkeit bedeutet. * Bisweilen schläft auch der gute öomer. Seine umfangreiche Sammlung von Entgleisungen und unfreiwilligen Witzen der Dichter und Schriftsteller setzt Albert Cim in der Revue fort, und zwar kreidet er diesmal den Romanschriftstellern allerlei Gedankenlosigkeiten an. Der ältere Alexander Dumas hat mit feiner fixen Feder so unendlich vielen.Ausstellungen Anlaß gegeben; aber Noch sind Stellen selten wie die aus dem „Halsband der Königin", wo ein geheimnisvoller, Fremder in einer aufregenden Situation sich folgendermaßen äußert: „Oh! Oh! murmelte Don Manuel portugiesisch". Balzac schreibt in „Cousine Bette": Der Polizeikommissär antwortete schweigend: „Sie ist nicht wahnsinnig". Ein andermal läßt er einer Person, der dre Augen fest verbunden sind, so daß sie nicht sehen kann, folgenden seltsamen Rat erteilen: „Passen Sie gut auf, verlieren Sie keins meiner Zeichen aus dem Auge". Noch unmöglicher sind Sätze wie die folgenden: „Der blinde König von Hannover mußte mitansehen, wie sein Königreich Preußen einverleibt wurde" (aus einer Erzählung von John Lemoine) und: „Ginibre, ein ehrlicher Blinder . . . wirft einen melancholischen Mick auf die leere Flasche" (aus „Pscäire" von Pouvillonj. „Der Großrabbiner von Frankreich, Isidor, obwohl durch einen Anfall von Paralyse zur Stummheit verdammt, wollte doch nicht unterlassen, seine Stimme int Gebet zu Gott zu erheben", heißt es in einem anderen Roman. Sehr zahlreich sind die Entgleisungen in Würgers ^Zigeunerleben"". „Die schönste Stellung eines menschlichen Wesens", heißt es da z. B„ „ist die des Mannes, der sich über gilt Werk beugt, um vor sich selbst aufrecht zu stehen". Bei einer illardszene erzählt Alfred Ässollant: „Sie traten zusammen und hielten die Queues in der Hand, um besser zu hören". Trotz seines unermüdlichen Feilens sind auch Fl ändert eine große Menge solcher Faux-Pas passiert. Den .Anzug eines Priesters in „Bou- pard und Pscuchet" schildert er folgendermaßen: „©ein Meßgewand, von apselgrüner Farbe, mit Lilien reich bestickt, war himmelblau"". In „Madame Bovarh"" toerben einmal 75 Franks in lauter 40-Sous-Stücken ausgezahlt; aber die Erklärung dafür ist uns der Dichter schuldig geblieben, wie man 75 Franks in 2-Franks-Stücken bezahlen kann. Daudet schreibt im „Tar- tarin de Tarascon"" den Arabern phänomenale Kinnbacken zu: •,-,'4000 Araber liefen hinterher, mit nackten Beinen, heftig gestikulierend, sinnlos lachend, und ließen in der Sonne ihre 600 000 weißen Zähne leuchten"". Dabei kämen auf jeden Araber gerade Vie SimmerpflanM und ihre Pflege. Vom 27. August bis zum 9. September. Wir fahren fort mit dem Eintöpfen ausgepflanzter Gewächse (Primula 0b evniea, Aspidistra, ZiersPargcl, Nelken usw.). Auch Winterlevkojen und Goldlack werden in Töpfe gepflanzt. Die bewurzelten Stecklinge der letzten Anzucht pflanzt man zur Ueberwinterung in verhältnismäßig kleine Töpfe (N e l k e n, -F n ch s i e n usw.). Die Clivien werden Mitte bis Ende August sonnig gestellt, damit sie ihre Blüten bester vorbilden; ebenso die Azaleen. , Ebenso wie Lorbeer werden auch andere Orangerie-Baume und -Sträucher in Form geschnitten (Evonymns, Ankuba usw.). Der Apaganthus (Schmucklilie, Liebesblume) kann nach der Blüte verpflanzt (nicht zu häufig!) und geteilt roerben. Erdmischung : nahrhafte Lehm- und Mistbeeterde, guter Wasserabzug, starke Holzkübel; Wurzeln möglichst wenig verletzen. Zum Einpflanzen der Winterlevkoien und Goldlack verwenden wir fette lehmige Mistbeeterde, dazu getrockneten Kuhdünger; auch kann man die Wurzeln zuvor m einen Brei aus Lehm und Kuhdünger tauchen. — Zum Wtederemptlanzen des Kleestrauches .(Cytisus, Geißklee): nahrhafte Lauberde mit Mist-, Lehmerde und Sand. _ „ Mit dem Einräumen der empfindlicheren Gewächse wird ernstlich begonnen, besonders auch mit der Einteilung dev für die Ueberwinterung zur Verfügung stehendeii Raumes! (Praktische Ausnutzung durch Börte und Stellagen.) Die Russellra wird eingeräumt; sie überwintert bei 10—20 Grad Cesiius ziemlich trocken und hell. Ebenso der R 0 s e n e r b l s ch (Hibiscus); zuerst hält man ihn bei 10—15 Grad Celsius ziemlich feucht (spritzen),- nach der Blüte trockener und kühler (5—10 Grad Celsius). ~ Wir erinnern an die Folgepflanzungen ttt der Blumenzwiebel- Treiberei. (Frühe Hyazinthen, frühe Tulpen.) Durch rechtzeitiges. Bestellen sorge man für ständigen Vorrat. Das Philodendron (Baumsieb, Zehrwurzel) stellt man schattig bei 10—20 Grad Celsius' auf und bespritzt häufig ferne Blätter und Lustwurzeln. Wir empfehlen die Sorten: Bifnnnati- sidunft gloriosum und inrperiale. Geräumige Topfe; kräftige Wst- und Lauberde, dazu Lehm und Sand, 150 Zähne. Kühn ist es, wenn Ferdinand Fabre in „Barnabs" schreibt: „Der Stoff, zu lebhaft gespannt, stieß einen Schrei aus"", Franyois Coppöe erzählt: „Sie saß zwischen ihren Töchterii, zwei Zwillingen, von denen der eine wie der andere 18 Jahre alt waren"". Im „Mannequin d'osier" entschlüpft Anatole France folgender hinkender Vergleich: „Tu siehst die Republik zwischen den Mächten schwimmen, wie ein Perlhuhn zwischen einer Schar Möwen"", wobei der Dichter augenscheinlich das Perlhuhn für einen Seevogel hält. Zu ergötzlichen Mißverständnissen hat die Venus v 0 n Mil 0 den Dichtern Anlaß gegeben. Nicht nur, daß einer den Fundort Milo für „einen Künstler, dessen Ruhm die Jahrhunderte überdauert"", erklärt, auch die Hände und Arme der armlosen Statue habcii oft zu schönen Vergleichen herhalten müssen. So schreibt Amsdse de Bast: . „Er drückte auf ihre Hand, weiß und weich toic die der Venus von Milo, den ehrerbietigsten der Küsse"". Und Jules de Gastyne:. „Sie hob ihren weißen Arm, geformt wie der Arm der Venus von Milo, leuchtend wie der Marmor"". Derselbe Autor läßt „einen Neger erblassen"". Tie Schlankheit der Taille seiner Heldin schildert Charles Morouvel: „Eine Männerhand hätte sie mit ihren zehn Fingern umspannen können"". Andere solcher Stilblüten sind: „Daniel antwortete nicht; es !var das erstemal, daß er so zu seinem Vater sprach". „Sie schnarchten, wie nur die reinen Herzen schnarchen'. „Er war 70 Jahre und sah doppelt so alt aus."" * Hyperbe l. Sergeant (der int Tornister eines Einjährigen einen Zahnstocher entdeckt): „Was soll der Feldherrnstah im Tornister?"" . * Boshaft. Fräulein: „Als neulich bet uns eingebrochen wurde, sind mir auch meine sämtlichen Klaviernoten gestohlen wordeii."" — Herr: „Da hat der Dietz jedenfalls in der Nachbarschaft gewohnt."" Logogriph. Mit einem „0" aus der Erde Schoß, Von beißenber Schärfe, an Heilkräflen groß, Mit boppeltem „a" bnrchquert es bie Auen Des Thüringer Laubes, romantisch zu schauen. Mit doppeltem „e" erhofft es aus Schwingen Den Engeln vergleichbar empor zu bringen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Dreiecks in voriger Numntdrr DEGEN EGER GES E R N Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.