jpJ2 - Nr. 98 Mittwoch, den 26. Juni EBB wir heute eine Vetriebsvergräßerung der Druckerei des Gießener Anzeigers besprechen, so leitet uns dabei öer Gedanke, daß unsere Leser an der ständigen Entwickelung ihres Anzeigers und dessen redaktionellem Ausbau lebhaft Anteil genommen haben. Es ist etwa vierzehn Jahre her, seit diese Entwickelung ihren Anfang nahm. Damals wurde der Gießener Anzeiger auf einer Flachdruckmaschine hergestellt, die im günstigsten Falle 2400 vierseitige Zeitungen in der Stunde liefern konnte. Diese Herstellungsweise war auch zulänglich, denn die Gesamt- Auflage des Gießener Anzeigers belief sich zu jener Zeit aus 4100. Davon entfielen 3000 Stück auf die Leser der Stadt Gießen selbst. Der sorgfältige Ausbau des Textteiles begünstigte die andauernde Steigerung der Auflage so, daß der Gießener Anzeiger schon im Jahre 1901 etwa 6000 Leser zählen konnte. Die Aufnahme einer zeitgemäßen Lokal- und Provinzialberichterstattung, sowie die Ausgestaltung des Nachrichtendienstes stellten nun an den Umfang der einzelnen Zeitungsnummern erhöhte Anforderungen. Schon damals wurde der Gießener Anzeiger in einem Umfang von mindestens acht Seiten herausgebracht. Der Uebergang vom Flachdruckverfahren zum Rotationsdruck (Nunddruckverfahren) war die notwendige Folge. Ende 1901 wurde eine achtseitige König <8c Bauer'sche Zeitungsrotationsmaschine in Betrieb genommen. Diese Maschinenanlage führten wir seinerzeit unseren Lesern in Wort und Bild vor. Ihre Leistungsfähigkeit mußte im Laufe der Jahre bis an die äußerste Grenze ausgenutzt werden. Nachdem wir schon im November 1910 die Auflage des Gießener Anzeigers mit 17 400 Leiern notariell beglaubigen lassen konnten, reichte die achtseitige Notationsmaschine nur noch bei einem Zeitungs-Umfang bis zu 16 Seiten aus. Bei stärkeren Nummern machten sich erhebliche Verspätungen in der Zustellung unangenehm bemerkbar, heute sind diese Schwierigkeiten überwunden. Die vorliegende Nummer ist aus einer sechszehnseitigen Koenig & Bauer'schen Zwillingsrotationsmaschine hergestellt. Wurde seither nur von einer Papierrolle gedruckt, so arbeitet die neue Maschine gleichzeitig mit zwei Papier- 390 rollen und vier Druckwerken. Ls wirken eben zwei voppelmafchinen zusammen, die sich nach der Mitte zu vereinigen dort ihre Erzeugnisse Zusammentragen und ineinander gesalzt abgeben. (Eine Zeitung bis zum Umsange von 16 Seiten wird nunmehr durch die neue Maschine völlig versandsähig hergestellt. Sie liefert in der Stunde 24000 Zeitungen zu 8 Seiten oder je 12000 Zeitungen zu 10, 12 und 16 Seiten. Diese gewaltige Leistungsfähigkeit dürfte die pünktliche Herstellung des Gießener Unzeigers auf Jahre hinaus auch dann sichern, wenn sich Auflage und Umfang der Zeitung weiterhin erheblich ausdehnen. Daß die Ueu-Linrichtung eine wesentliche Erweiterung auch in allen jenen Betriebs- Abteilungen mit sich brachte, die mit der Herstellung des Gießener Anzeigers Zusammenhängen, sei noch nebenbei erwähnt. Die umstehend abgebildete Zwillingsrotationsmaschine nimmt eine höhe von 2l/2 Meter ein und ist 4V2 Meter breit. Die gesamte Länge beträgt 5V2 Meter. Zur Inbetriebsetzung ist ein Elektromotor von 20 Pferdestärken erforderlich. Gießen, den 26. Ium W2. Verlag des Gießener Anzeigerz. Die von Griindingrn. Roman von Freiherr von Schlicht. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Graf war für die neue Idee Feuer und Flamme, obgleich er dem Stoff gar kein Interesse entgegenbrachte. Nicht, weil er adelsstolz war, sondern lediglich, weil er es überhaupt nicht liebte, sich geistig allzuviel zu beschäftigen. Er las die Kreuzzeitung, die er jeden Tag zehnmal verwünschte und trotzdem zwölfmal zur Hand nahm, er las die neuesten Romane, die „man gelesen haben mußte," um mit sprech en zu können. Aber mehr zu lesen erlaubte ihm nach seiner gewissenhaften Ueberzeugung seine Zeit nicht. Auch er hatte natürlich, keine Ahnung, warum der Baron sich plötzlich so für den Bürgerstand begeisterte, für ihn gab es da nur eine Erklärung, und die erfüllte ihn mit Dankbarkeit gegen seinen Gast: der konnte es nicht länger mit ansehen, wie er bei den ewigen Adelsgeschichten seiner Frau litt, und um seinen Qualen ein Ende zu machen, war er auf die Idee verfallen. Der Graf war gerührt, und er fand es äußerst taktvoll von dem Baron, daß er nicht gewartet hatte, bis er um Hilfe gebeten wurde, sondern daß er aus eigener Initiative damit anfing, die Gräfin zu heilen und zu kurieren. Die Gräfin brachte das Gespräch sehr bald wieder auf den Landrat, ihr fiel erst jetzt etwas auf, was sie in der ersten Erregung über die große Neuigkeit ganz vergessen hatte: der Landrat war — obgleich Junggeselle — in den erblichen Adelsstand erhoben worden, und das deutete untrüglich darauf hin, daß er entweder schon verlobt war oder sich wenigstens sehr ernsthaft mit' diesem Gedanken trug! „Verlobt ist er noch nicht," widersprach der Graf, „denn welche Veranlassung hätte er wohl, das jetzt noch zu verschweigen? Vielleicht bot bis dahin sein bürgerlicher Name in der Hinsicht ein Hindernis — nun, da er geadelt, könnte er ja die Verlobung proklamieren, wenn er die Braut schon hätte. Ich glaube: er sucht sie erst. Wen wird er wohl nehmen?" lind lachend setzte er hinzu: „Schade, daß Marianne nicht hier ist, sie würde ihn gewiß zum Kaffee einladen und ihm bas Bild seiner Zukünftigen zeigen." Aber die Gräfin behandelte das Thema völlig ernsthaft: jetzt war der Landrat eine sehr gute Partie! Mochte man über die neue Nobilitierung denken, wie man wollte, er war nun adelig. Dazu kam sein R.ichtum, die G.wiß- heit, daß er voraussichtlich später eine glänzende Karriere I machen würde, und noch so manches andere. Er sah sehr gut aus, war liebenswürdig und amüsant, — kurz: in den Augen der jungen Mädchen ein Freier, wie es deren nicht viele gibt. Die ganze aMige Nachbarschaft wurde durchgesprochen, auch die in Frage kommenden Familien der Stadt. „Du bist doch eigentlich eine gayz komische Mutter," rief Alexa da plötzlich übermütig. „Fede andere denkt bei solchen Gesprächen immer in erster Linie daran, ihre eigenen Kinder an den Mann zu bringen, — aber du willst die Herren immer mit anderen Mädchen verheiraten!" „Aber Alexa," rief die Gräfin entsetzt, „was soll denn der Herr.Baron von solchen Reden denken!" Alexa lachte duftig auf: „Nicht wahr, Herr Baron, wir sind doch gute Freunde, und vor Ihnen brauche ich mich nicht zu (g entern. Und schließlich ist es doch keine Schande, wenn ein junges Mädchen sagt, daß es später auch einmal heiraten möchte. Ich weiß ja zivar, daß ich, ebenso wie Dagmar, in einem adeligen Stift eingetauft bin — - aber daß es nun gerade mein Herzenswunsch ist, meinen Lebensabend, um mich poetisch auszudrücken, dort zu beschließen, das kann ich nicht behaupten." Die Gräfin wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Alexa hatte ja mit ihren Worten recht, aber in Gegenwart des Barons fand sie das Thema doch sehr heikel. Schließlich war der doch auch- ein Mann, der vielen jungen Mädchen als Gatte sehr willkommen war, und wenn er ja auch für ihre Töchter in keiner Weise in Frage kam, so blieb das Thema trotzdem doch immer heikel. Die Eitelkeit der Man- ner ist oft größer als die der Frauen, und sich gewinn- maßen als hors de concurrence betrachten zu lassen, ist für keinen Herrn angenehm. „Ich stimme dir ganz bei," rief der Graf seiner Tochter zu. „Na, warte es nur ab, Alexa, ich besorge dir schon einen netten Mann, und wenn du den Landrat haben willst — .—" „Aber Papa!" rief sie da ganz verlegen. „Aber Eduard!" rief die Gräfin, „ich verstehe dich nicht." _ Der wurde ganz kleinlaut: „Ich habe mir doch nichts Böses dabei gedacht, wenn ich sagte: den Landrat, so meine ich natürlich nicht den Landrat, sondern ich wollte damit nur sagen, wenn Alexa mal einen Mann liebt, ganz einerlei wer es ist, bann soll sie ihn auch haben, dafür ist sie mein kleiner Liebling, was, Alexa? Und er zog sie an sich, küßte sie zärtlich und hielt ihre Hände in den seinen. Vergebens versuchte die Gräfin ein anderes Gespräch anzufangen: die Unterhaltung wollte aus irgend einem Grunde nicht wieder in Fluß kommen. Gewiß war es nur ein Zufall gewesen, daß der Graf den Namen Alexas mit dem des Landrats zusammen genannt hatte, aber das Peinliche blieb trotzdem bestehen, besonders da. der Landrat sich für bett nächsten Abend angemeldet hatte. „Vielleicht spielst du mit dem Herrn Baron noch eine Partie Eearts, lieber Eduard?" Wenn seine Frau ihn „lieber Eduard" nannte, dann war das für ihn stets ein .Beweis dafür, daß. sein Gewissen lange nicht so rein und fleckenlos war, wie er es sich einbildete. Dann stimmte irgendwo etwas nicht. Und so war auch in diesem Augenblick sein erster Gedanke: was habe ich denn nun schon wieder nicht richtig gemacht? , Da fiel ihm der Bindestrich wieder ein, den er vorhin zwischen dem Landrat und Alexa gezogen hatte. „Den können wir. doch ganz einfach! wieder aus- radieren," rief er seiner Frau zu. 391 Aber die Gräfin hatte keine Ahnung, was ihr Mann meinte: „Du hast es dir in der letzten Zeit angewöhnt, hi Sätzen zu sprechen, die dunkel und unverständlich sind, wie vor Jahrtausenden die Prophezeihungen der alten Pythia. Was soll denn das heißen: -den können wir wieder ausradieren?" „Den Landrat natürlich — das ist doch ganz klar, Konstanze. Aber wenn ich sage, wie ich schon vorhin sagte: der Landrat, dann meine ich natürlich nicht den Landrat selbst, sondern den Bindestrich zwischen ihm und Alexa. Das heißt —", verbesserte er sich, als -er jetzt seine Fraü ansah, die ihm einen strafenden und vernichtenden Blick zuwarf, weil er die beiden schon wieder zusammen nannte, — „da fällt mir plötzlich eine Geschichte aus meiner Dienstzeit ein, da hatte ich einen Rekruten, der war so lang und so dünn, daß er nie anders genannt wurde, als der ^»Gedankenstrich". Der brachte den Unteroffizier durch seine Ungeschicklichkeit oft zur Verzweiflung, und wenn dessen Wut seinen Höhepunkt erreicht hatte, dann schrie er den Rekruten an: „Das sage ich Ihnen, Sie elender Wurm, wenn das nicht gleich anders wird, da lasse ich mir aus dem Bureau ein Stück Gummi holen und radiere Sie einfach weg! Und dann ist es aus mit Ihnen, dann sind Sie spurlos von -der Erdoberfläche verschwunden." Und der „Gedankenstrich" schwur stets aufs neue Besserung, denn in seiner Dummheit hatte er selbst -vor der Arrestzelle nicht halb so viel Angst, wie vor dem Gummi. — Dabei fällt mir übrigens noch eine Anekdote ein." „Quäl' doch den Baron nicht mit deinen alten Soldatengeschichten, die kennt er ja doch schon alle." „Meinst du etwa, er kennt deine Geschichten noch nicht?" wollte der Graf fragen. Aber er schwieg. Er war ja sein sre-er Herr und konnte tun und lassen, was er wollte. Und da er sprechen konnte, wenn er wollte, machte es ihm keinen Spaß. So schluckte er denn die Worte im letzten Augenblick noch herunter. Dagmar und Alexa waren mit ihren Handarbeiten beschäftigt, und irgendetwas mußte bei Dagmars Stickerei nicht in Ordnung sein, denn sie hatten die Köpfe dicht zusammengesteckt und suchten gemeinsam den Fehler. So hatten sie wenig oder gar nicht auf das Gespräch -der anderen geachtet. „Die Herren sollten noch eine Partie Ecarts spielen," mahnte die Gräfin abermals, „es ist ja noch früh." Der Graf brannte vor Begierde, diesem Vorschlag zu folgen, aber irgendetwas hielt ihn davon zurück. Ihm war so, als müsse er seiner Frau eine Art Entschädigung dafür geben, daß er versehentlich Alexa und den Landrat nicht nur ein-, sondern sogar zweimal zusammen genannt hatte. Das war er ihr nach seiner Meinung als Kavalier und als Gatte schuldig. Und- so sagte er denn: „Du bist sehr liebenswürdig, Konstanze, uns zu dispensieren, — aber ich möchte heute doch lieber mit dir plaudern." Und der Graf blieb standhaft, er rührte keine Karte an. Dafür tröstete er sich mit dem „morgen!". Auch der Landrat spielte -gern. Morgen wollte er sich für die Entbehrungen des heutigen Abends -entschädigen. Aber es kam ganz anders. Der Landrat war am nächsten Abend nicht zu bewegen, mitzuspielen. „Heute nicht, Herr Graf — ein andermal sehr gerne. Wir sehen uns ja jetzt wieder häufiger. Mein Stellvertreter ist -so wahnsinnig fleißig gewesen, daß es mir vorkommt, als hätte er auch alle kommenden Arbeiten bereits erledigt. Ich habe viel Zeit und werde mich dafür schadlos halten, daß ich Ihr Haus so lange entbehren mußte! Da werden wir schon Gelegenheit zu einem Spielabend finden. Aber heute müssen Sie mir schon das Vergnügen gönnen, mich in erster Linie Ihren Damen zu widmen." Der Graf knurrte irgendetwas in sich hinein, was ebenso gut ein „ja" wie ein „nein" bedeuten konnte, aber er knurrte so leise, daß niemand es hörte. Er hätte ja auch laut knurren können, denn er war ja sein freier Herr, — aber gerade deshalb tat er so oft das Gegenteil von dem, was er wollte, um dadurch zu beweisen, daß er es auch- anders konnte. Der Landrat hatte viel zu erzählen, er hatte mit einem Hamburger Freund, der eine eigene Dampfjacht besaß, eine Fahrt nach Schweden und Norwegen gemacht, auch sonst war er noch ziemlich weit 'herumgekommen und hatte jetzt viel zu berichten. Nach Meinung der Gräfin -etwas zu viel. Aber sie schob das auf eine gewisse Nervosität und Erregung, die der Landrat um so deutlicher verriet, je mehr er sie zu verbergen suchte. Und diese Erregung schob die Gräfin auf seine neuerdings erfolgte Nobilitierung. (Fortsetzung folgt.) Der Mützenkrieg von Eibenstock. Eine -wahre Geschichte aus der guten alten Zeit. Von Wilhelm I d e l e r. Es war an einem Wintersonntage anno domi 1786 zu Eibenstock, dem im ganzen Sachsenland wegen seiner Spitzen und Stickereien bekannten Städtchen. In der Kirche hatte der Organist mit einer anmutigen Fuge nach dem Gesang geschlossen, und die andächtig versammelte Gemeinde harrte der Predigt ihres alten Pfarrers, Ehrn Magister Breith-aupt. In der vordersten Reihe, auf den, angestammten Ehrenplatz, saß der Stadtrichter Christoph Albert Stölzel, ein rundlicher Mann mit rosigem Gesicht, neben seiner Ehehälfte, der Stadtrichterin, die eckig, Holzgrade und hochmütig ihre spitze Nase in die Luft streckte und starr geradeaus sah. Tie pfiffigen kleinen Aeuglein des Stadtrichters aber spazierten neugierig herum und blieben schließlich so häufig und andauernd in der einen Ecke haften, daß auch sein strenges Gesponst aufmerksam wurde. Ihre kalten scharfen Blicke folgten dem lustigen Gezwinker des Gemahls, und sogleich- ging ein böser Zug über ihr Gesicht und- schnitt noch tiefere Runzeln als vorher in Stirn und Mundwinkel: Da stand die Tochter des Stadtpseifers Meiich- ner, Rosine, ein hübsches frisches Mädchen, im Sonntagsstaat und siehe da! eine funkelnagelneue Pelzmütze hatte sie auf, die gar trefflich zu ihren blühenden Wangen stand, aber — welche Vermessenheit! — eine unverkennbare Aehnlichkeit mit der Kopfbedeckung zeigte, die die Fran Stadtrichterin trug. Um die Andacht der Madame Stölzelin und um die Sonntagsruhe ihres Mannes war es geschehen. Wie die Stadtrichterin getobt und lamentiert, sie, die im Toben und Lamentieren den Preis davontrug unter allen eibenstockischen Honoratiorenfrauen, davon melden die Akten nichts, denen wir diese höchst wichtige und höchst wahre Geschichte entnehmen. Genug: des andern Tages erließ der Stadtrichter den gemessenen Beseht an den Stad-tpseifer, „seiner Tochter Rosine die fernere Tragung der Mütze, bei sonst zn gemärten habender öffentlicher Wegnahme, nicht weiter zu Der« statten". Die gute Sache hatte gesiegt. Die Fran Stadtrichterin hatte triumphiert und klapperte höchst selbst aus ihren spitzesten Schuhen und in ihrem pompösesten Reifrock zu allen Freundinnen, um von der rettenden Tat des guten Christoph-Albert zu berichten. Doch der Stadtpfeifer, vom Geist der Auflehnung befallen und verblendet in seinem Stolz auf die hübsche Tochter und ihre schöne Mütze, beruhigte sich nicht bei dieser hochobrigkeitlichen Verordnung, sondern wandte sich an das Kteisämt Schwarzenberg mit der geziemenden Anfrage und devoten Bitte „um Belehrung und Erlaubnis, daß seine Tochter die Mütze ferner tragen dürfe". Am nächsten Morgen sahen ihn die guten Einwohner von Eibenstock, die erregt beisammen standen und den großen Vorfall eingehend- besprachen, zu Tore hinauswandern: das gesiegelte Schriftstück, so er mit Hilfe eines Verehrers von Rosinchen, des Studiosus Hartiztsch, verfaßt, in der Brusttasche, die besagte Mütze unter dem Arm. Der Amtmann besah sich das corpus delicti von allen Seiten, fand es aber, tote er in dem hernach ausgenommenen Protokoll vermerkte, „von keiner Beträchtlichkeit und weder mit Zobel, schwartzen Füchsen noch sonstigen kostbaren Sorten von Rauchwerk" besetzt, also in nichts gegen eine gestrenge kurfürstlich- sächsische Kleiderordnung verstoßend. Ordnete also an, daß der Meischnerin fürderhin erlaubt sei, sotane Mütze öffentlich zu tragen, und ließ seine Beschließung dem Stadtrichter Stölzel durch 'ben Aktuarius Müller, der in Geschäften nach Eibenstock ging, fertigen Tages mündlich eröffnen. Wie ein Gewitter, das am Horizont gewetterleuchtet und einen leichten Regenschauer niedergesandt hat, von einem plötzlich aufbrausenden Sturm rasch heraufgejagd wird und nun sich in Blitz und Donner schrecklich entlädt, also wirkte die Künde von des Herrn Kreisamtmann Resolution. Die Frau Stadtrichterin bekam ihre „Vapeurs" und- der völlig gedeppte Christoph-Älbert wagte sich nicht auf die Straße. Die Gattinnen der Magistratsherren und Beamten aber erhoben ein Zetergeschrei, daß nun dem neuen Hochmutsgeist, der feine durch Gesetz und Recht verordneten Stände und Unterschiede mehr gelten lassen wolle, Tür und 392 Tor geöffnet sei, daß die Anmaßung des Volkes vor nichts mehr Halt mache und daß die Stadtherren von ihren Sesseln unsanft heruntergerissen werden würden, zumal man seit einiger Zeit munkle, daß selbst die Throne wacklig zu werden anfingen. Ihr Schreien und Klagen scheuchte die Männer auf, die sich augstvoll an die Kopfe griffen und wohl oder übel glauben mußten, daß das Wohl und die Existenz der Stadt Eibenstock auf dem Spiel stünde. Bald eilte der Ratsdiener durch die Straßen und lud zu einer außerordentlichen Magistratssitzung. In dieser. Sitzung, in der man sich alle Sorgen über die Pelzmütze und über die dadurch hervorgerufenen häuslichen Aufregungen von der Leber sprach, herrschte eine erhebende nnd beruhigende Einmütigkeit: alle stellten sich auf die Seite des Stadtrichters mit Ausnahme des einzigen Vize-Stadtrichters Michel, eines Junggesellen und Freigeistes, der die Stirn hatte, die ganze Angelegenheit für eine Bagatelle zu erklären, derentwegen man sich nicht mit dem Amt anlegen solle, lieber solch frivole Auffassung eines die ganze Stadt unterwühleuden Streitfalles, bei dem die höchsten Güter der Stadtregierung ans dem Spiel standen, ging man mit schweigender Verachtung hinweg: es wurde beschlossen, die mündliche Anordnung des Kreisamtes nicht zu respektieren. Dem Meischner ließ man durch den Staatsdiener bedeuten, der hohe Rat nehme auch nicht ein Tipfelchen vom Verbot des Stadtrichters zurück; die Meischnerin solle nur nicht wagen, sich in der Mütze öffentlich zu zeigen. Die Mützenpartei zu Eibenstock, die nicht weniger eifrig für. Recht und Freiheit entbrannt war, als dereinst die denkwürdige Mützenpartei in Schweden, war in Heller Wut; dem Bürgermeister und dem Stadtrichter wurden wenig erbauliche nächtliche Katzenmusiken gebracht, und hinter der Madame Stölzelin flog sogar ein Stein her, als sie zum Siegeskaffeekränzchen bei der Frau Rektorin ging. Meischner aber wandte sich wieder an das Kreisamt, und nun erging von diesem an den Rat zu Cibenstock eine geharnischte schriftliche Verordnung, die kund und zu wissen tat, daß dem Rat „alles weitere ungebührliche Verfahren wider die Meischnerin" strengstens untersagt und die Bezahlung aller entstandenen Kosten auferlegt werde. Da hatten es nun die Frau Stadtrichterin und ihr Christoph-Albert und alle ihre Kafeeschwestern und deren Männer! Aber wer etwa glaubt, sie hätten sich nun zu gute gegeben und die niedliche Rosine im Schmuck ihrer Pelzmütze ruhig am Sonntag paradieren lassen, der unterschätzt Stolz, Würde und Selbstachtung des Eibenstöcker Magistrats. Am nächsten Sonntag geschah etwas Furchtbares, eine Tat, die einen einzigen Wutschrei bei der Mützenpartei und einen Triumphgesang im Kränzchen der Honoratioren- frauen entfesselte. Die Geschichte umhüllt die Einzelheiten dieses Vorganges mit gnädiger Nacht, aber man ahnt das Schreckliche aus dem Bericht, den das Kreisamt Schwarzenberg am 24. Apri- lis 1786 an die Oberbehörde erstattete. Danach tyatte der Rat von Eibenstock dem Amt die Nichtachtung des Befehles in einem offiziellen Schreiben zu erkennen gegeben, „und waren der Stadtrichter Stölzel und übrige Ratsafsessoren, den einzigen Vize- Sradtrichter Michel ausgenommen, zu sehr von ihren Leidenschaften verblendet, als daß sie an Pflicht und Gehorsam hätten denken sollen; sie opferten solche ihrer Animosität auf und ließen der Meischnerischen Tochter, Sonntags, den 19. Februar, uach der Kirche vor der ganzeu .Kirchfahrt auf öffentlicher Straße die Mütze durch den Ratsdiener öffentlich ab- und vom Haupte nehmen." Wie mag der hübschen Rosine zu Mute gewesen sein, wie ihrem Vater und tote der ganzen Mützenpartei, als der Scherge des Magistrats ihr vor allem Volke mit roher Hand die so stolz getragene Bier vom blonden Scheitel riß? Zwar behauptete später der Rat, den Dtener ausdrücklich mtgetoiefen zu haben, die Mütze behutsam abzunehmen, und wir wollen es wohl glauben daß der Manu des Gesetzes die prächtige Mütze schonte, die er als konpsztertes Gut sich aneignen zu können hoffte. Aber schonte er auch die Ehre des Mädchens, den Stolz des Vaters, die Würde der Mützenpartet? Nein und abermals nein! Die niedliche Rosine weinte bittere Tränen, der Stadtpfeifer sparte nicht mit derben Verwünschungen und ihre Anhänger sannen auf grimmige, auf fuße Rache. Wahrend die. Mütze auf das Rathaus in gerichtliche Verwahrung gebracht und bei den Stadtinsignien sorgfältig eingeschlossen wurde, während die Stadtrichterin im stolzen Hochgefühl des spät errungenen Sieges und im Pfauenhaft geblähten Sonntagskleide neben ihrem viel kleinlauteren, vom Höfen Ge- wisseil niedergedrückten Mann nach Hause schritt und das arme Rosinchen sich die Augen ausweinen wollte vor großem Schmerz — holten die Führer der Mützenpartei zum letzten entscheidenden Schlage aus: der Bergmeister Gläßer und der Zehnter Böhmer, die dem Magistrat Krieg bis aufs Messer geschworen hatten, begaben sich zu dem Kaufmann Henßel, der die Eibenstöckerinnen nicht nur mit den köstlichen überseeischen Waren, wie Kaffee Zucker und Schokolade, fonberm auch mit den neuesten Errungenschaften der Eleganz versorgte und stets einen sehnsüchtig begehrten Vorrat an teuren Putzwaren bereit hielt, und kauften ihm seine allerschönste Pelzmütze ab, die viel schöner war als bie schönste der Frau Stadtrichterin. Nun ging es mit Jubel zur Stadtpfeiferwohnung, wo Rosiuchci, in Tränen saß. Wie versteinert war sie, blickte zuerst erstaunt und verständnislos, als ihr die Deputation das kostbare Geschenk überreichte, aber dann huschte ein glückliches Lächeln über ihr rosiges Gesicht, rasch versiegten ihre Tränen. Nicht lange danach erschien sie wieder in der Kirche, umringt von der Mützen- partei, in dem neuen Prachtstück, und wohnte ungefährdet, wc« auch nicht gerade andächtig, bem Nachmittagsgottesdienste bei während der Rat und seine. Getreuen, die auf den Lorbeeren des Vormittags ausruhten und daher die Kirche versäumten, nichts von dem Attentate ahnten. Ungeheuer war aber nachher bet Grimm, als man von dein neuen Tort erfuhr. Trotzig erklärte der Rat, „er würde, wenn er zeitig genug davon Wissenschaft erhalten hätte, auch diese geschenkte Mütze haben wegnehmen lassen." Aber bis zu diesem Aeußersten sollte es nicht kommen, denn nun griff die hohe Hand der Landesregierung selbst in das „schwebende Verfahren" ein. Bis nach Dresden gelangte die Pelzmütze, ward von hohen und höchsten Herren beaugenscheinigt und kam dann auf bem« .selben Instanzenwege, von einer Unmenge Reskripten begleitet, wieder zum Kreisamt zurück, von dem sie — ein wenig rann paniert, aber immer noch sehr stattlich — direkt der Meischnerin ansgehändigt wurde. Der Rat kam mit einem blauen Auge davon: er wurde nur in die beträchtlich aufgeschwollenen Kosten verurteilt, obwohl der rachedurstige Stadtpfeifer in immer neuen Eingaben auf exemplarische Bestrafung des Stadtrichters uni des Ratsdieners drang. Rosine Meischner aber konnte im kommenden Winter, der mittlerweile ins Land gezogen war, beim Kirchgang mit zwei Pelzmützen abwechseln, von denen die eint schöner war und ihr besser stand als die andere. . . Vermischtes. kf. D i e R e k l a in e a n g l e r. Am Ufer der Seine, in der Nähe der Brücke „Pont-Nenf" in Paris erregten vor einigen Tagen 15 vom Kops bis zu den Füßen völlig gleich geUeibete Angler die Neugierde der Passanten. In bestimmten Äbstmideii faßen sie mit den Angelruten in der Hand am Ufer, ihr Augenmerk einzig und allein auf die Wasserfläche gerichtet. Ab vmb zu zog der eine oder der andere feine Nute aus dem Wasser, HM fest, daß kein Fisch angebissen hatte, und ivarf sie dann wieder hinein. Menschen sammelien sich an, Witze wurden gemacht: die Angler ließen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Da enthüllten sie plötzlich aus ihrem Rücken und an ihren Hüten grosse Buchstaben, die in der sortlaufenden Reihe den Namen eines bekannten Pariser Hauses für deu Angelsport gaben. kf. Eine 3 8 0 Kilometer lange Wasserleitung. Eine 380 Kilometer lange Wasserleitung stellt zweifellos einen Rekord dar. Und da Amerika alle Rekorde besitzt, so liegt es auf der Hand, daß man diese Riesenwasserleitung in den Vereinigten Staaten zu suchen hat. Fertiggestellt ist sie allerdings noch nicht; sie wird erst im nächsten Jahre vollendet sein. Los Angeles wird durch sie getränkt werden und wahre Wassermassen wird sie dieser Stadt zuführen. Nicht allein wegen ihrer Länge ist die Wasserleitung bemerkenswert, sondern auch wegen ihrer Bauart. Zur Hälfte besteht sie nämlich aus Eisenröhren, zur Hälfte aus Röhren aus armiertem Beton. Da die Leitmigsrohre am Boden entlang lausen und den Bodenunebenheiten nicht Rechnung getragen worden tst, so sind 22 Pumpwerke nötig, um einen geregelten Wasserlauf herbeizuführen. An einer Stelle von 2,5 Kilometer Länge beträgt der Bodemmterschied nicht weniger als 255 Meter. Wenn die Wasserleitung fertiggestellt ist, wird sie die Kleinigkeit von 100 Millionen Mark verschlungen haben. Logogriph. Ein Fluß in Böhmen wird sofort zum Schwein, Tauscht ihr sein „g" euch gegen „b" nur ein. Doch setzt dem Flusse ihr ein „91" voran, So feht ihr einen fremden, wilden Alaun. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Von Hanse ans dich keiner hier Für wacker oder niedrig hält; Nur deine Taten machen dich Geehrt, verachtet in der Welt. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lang«, Gielen