Das Amethyst-Fläschlein. Eine Erzählung von A. K. Green. (Nachdruck verboten.^ (Fortsetzung.) Jawohl, ich kann es nicht, so wahr ein Gott lebt, es ist mir unmöglich! Ich war zu verdutzt, zu verwirrt durch den unerwarteten Umstand, um mich sogleich umzuwenden. Und als ich es tat, blitzten nrich zwei Äugenpaare an, und zwei Gesichter glänzten vor wirklicher oiwr vorgetäuschter Fröhlichkeit. Wenn dies alles genresen wäre, hätte auch ich mich für das Opfer einer ungeheuerlichen Täuschung gehalten. Aber als ich vor einer halben Stunde das Herzchen in der Schublade vermißte, in die ich es warf, als unsere Gastgeberin unvermutet früh nach uns verlangte, — da wußte ich, daß ich mich in der Bedeutung des gehörten Ausrufs nicht getäuscht hatte, daß er wirklich eine geheime Begierde ausvrückte, und daß einfach die Hand das weggenommen, was das Herz verlangte. Wenn heute nacht in diesem Hause ein Todesfall — Sinclair, du bist verrückt! unterbrach ich ihn mit großer Heftigkeit. Ich mußte das sagen; es entsprach am besten dem Sturm meiner Gefühle und der Verwirrung meines Verstandes. — Ein Todesfall hier im Hause! Wir sind doch alle so glücklich! Denk doch, wie deine Braut harmlos in die Welt schaut! Erinnere dich an die aufrichtigen Augen Dorotheas, an ihr Lächeln, ihr edles Benehmen! Du übertreibst den Ernst der Lage! Du hast sowohl den einfachen Ausdruck harmloser Ueberraschung, den du vernahmst, mißdeutet, wie das echt weibliche Gefühl, das die Mädchen bewog, dieses romantische Erzeugnis italienischer Teufelei an sich zu nehmen. Mit solchen Phrasen vergeuden wir nur die kostbare Zeit, antwortete er unerschütterlich. — Jede Minute, die wir verstreichen lassen ohne zu handeln, bringt die Gefahr nur näher. Was! Du bildest dir ein — Ich bilde mir gar nichts ein! Ich weiß ganz einfach, daß eines der Mädchen ein Mittel in ihrem Besitze hat, sich in einem einzigen Augenblick das Leben zu nehmen; daß dieses Mädchen nicht glücklich ist; und daß, wenn sich irgend etwas heute nacht ereignet, dies unsere Schuld wäre, weil wir angesichts einer tatsächlich bestehenden oder möglichen Gefahr die Hände im Schoße ruhen ließen. Da nun Gikbertine mir nie Anlaß gegeben hat, weder an ihrer Zuneigung noch an ihrer Befriedigung über unsere baldige Vereinigung Zweifel zu hegen, erlaube ich mir — Zu glauben, daß der Gegenstand deiner Befürchtungen Dorothea ist, schloß ich mit einem Lachen, das ich vergebens sarkastisch erscheinen zu lassen versuchte. Er gab keine Antwort, und ich machte den vergeblichen Versuch, mich einer Furcht zu erwehren, die ich weder ®gg t# MMUM IlWW Fui WM zu verheimlichen noch zuzugeben vermochte. Denn so kühn sein Gedanke war, die Vernunft flüsterte mir zu, daß er Gründe für seine Annahme haben mußte. Dorothea, im Gegensätze zu Gikbertine Murray, besaß nicht den Charakter, der sich dem ersten forschenden Blicke erschließt. Ihr Kummer — denn sicher hatte sie einen solchen — war nicht derart beschaffen, daß sie ihn irgend jemand, selbst mir, anvertraut hätte. In verflossenen Tagen hatte ich mir eingebildet, ihn sehr wohl zu verstehen. Ich hatte geglaubt, daß jeder Mangel an Aufrichtigkeit von ihrer Seite leicht durch ihre abhängige Stellung der jähzornigen Tante gegenüber sich erklären ließe. Aber nun, da ich mich zwang, die Sache sorgfältig zu überlegen, sah ich mich vor die Frage gestellt, ob ihre wechselhafte, oft launische Stiinmuug, die mir insgeheim manche Sorge bereitet hatte, nicht einer ganz anderen Ursache entsprang, einer Ursache, an der meine hartnäckige Liebe mehr Schuld hatte, als das Temperament ihrer Verwandten. Die Abneigung, die sie einst meinen Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, waren allerdings schon seit längerer Zeit einer zwar noch scheuen, aber offenbar ehrlich gemeinten Würdigung derselben gewichen; dann und wann hatte sie mir Zeichen von — ich war versucht, es so zu nennen — wirklicher Sympathie gegeben, und gleichzeitig war ihr Benehmen mir gegenüber weniger schroff geworden; den Höhepunkt ihrer Gunstbezeigungen erblickte ich in jenem sanften Händedruck heute mittag, der meine Hoffnungen vollends geweckt hatte und mich alle Zweifel und Launen einer ereignisreichen Werbungszeit vergessen ließ. Aber hatte ich jenen nervösen Druck auch richtig ausgelegt? Mußte er notwenoig als Zeichen ihrer Gegenliebe betrachtet werden? Konnte er nicht einem plötzlichen verzweifelten Entschluß entsprungen sein, meine Liebe an- zunchnien, um dadurch einen Ausweg aus den Schwierigkeiten zu finden, die ihren liebenswürdigen, aber wechselhaften nnd leidenschaftlichen Charakter ganz besonders kränken mußten? Ihr Gesichtsausdruck war, als sie meinen freudigen Blick erhaschte, nicht der zaghaft zärtliche eines Mädchens gewesen, das über sein erstes unfreiwilliges Ge- ständnis errötet. Es lag eine gewisse Unsicherheit darin, aber nicht die Unsicherheit eines verlegenen Mädchens, sondern die eines erschreckten Weibes. Und als ich ihr folgen wollte, hatte ihre Handbewegung, mit der sie mich zurück- blciben hieß, ein unbestimmtes Etwas au sich, das einen weniger geduldigen Liebhaber, als ich einer war, beunruhigt haben würde. Hatte ich die Gefühle des lieben Mädchens falsch verstanden? War ihr Herz immer noch kalt, ihre Sympathie noch nicht erobert? Oder — unerträglicher Gedanke! ..... hatte sie sich insgeheim einem anderen zugewandt, ohne daß ich es bemerken konnte, und —? Aha! fiel Sinclair bei dieser Wendung meines Gedankengangs ein, jetzt habe ich dich endlich aus deinem Phlegma aufgerüttelt. — Und unbewußt sprach er mit 738 erleichterter Stimme, und fein Auge verlor beit gequälten Ausdruck, der ihm ftir gewöhnlich so fremd war. — Endlich siehst du ein, daß eine Frage von ernstester Tragweite vor uns liegt, und daß diese Frage erledigt werden muß, ehe wir uns für heute nacht trennen. Gewiß, war meine einzige Antwort. Seine Befriedigung war nunmehr offenkundig. Gut, soviel wäre also gewonnen! Der nächste Punkt wäre der: wie lösen wir unsere Zweifel? Wir dürfen und können keiner der Damen mit Fragen unter die Angen treten. Ein Mädchen, das so verzweifelt wäre, an Selbstmord nur zu denken, würde ihr Elend und dessen Ursache mit aller Sorgfalt verheimlichen. Auch können wir keine Untersuchung über den Verbleib eines so kleinen Gegenstands anstellen lassen, da dieser leicht in der Tasche verborgen werden kann. Und doch muß dieses Juwel wieder gefunden werden. Höre, Sinclair! Ich werde mit Dorothea reden, du mit Gilbertine. Ein freundliches Gespräch, verstehst du, das besänftigen, nicht erschrecken soll! Wenn eine von ihnen ein Geheimnis in ihrer Brust birgt, wird es unsere Zärtlichkeit schon heraussinden. Nur eines mache ich zur Bedingung: Du mußt mir gegenüber ebenso offenherzig sein, wie ich es zu sein verspreche. Bei meiner Liebe zu Dorothea schwöre ich, dir das Ergebnis meiner Unterhaltung mit ihr in vollem Umfange mitzuteilen, was es mich und selbst sie auch kosten möge ! Ich werde ebenso in Hinsicht auf Gilbertine verfahren. Aber bevor wir zu diesen äußersten Maßregeln schreiten, wollen wir uns erst versichern, ob es keinen kürzeren W g gibt, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Vielleicht hat jemand eines unserer Mädchen aus der Bibliothek zurückkommen sehen, nachdem wir anderen sie verließen. Dies würde unsere Untersuchung vereinfachen und wenigstens das eine der Mädchen vor nutzloser Beunruhigung schützen. Dies war ein glücklicher Gedanke. Ich sagte es zu Sinclair, aber gleichzeitig veranlaßte ich ihn, in den Spiegel zu blicken und zu sehen, wie unmöglich es für ihn sein würde, sich unten zu zeigen, ohne ein Aufsehen zu erregen, das vielleicht die von uns beiden befürchtete Schreckenstat beschleunigen könnte. Als Antwort zog er mich an seine Seite vor den Spiegel und deutete auf mein eigenes Gesicht. Es war ebenso blaß wie das feinige. Höchst unangenehm berührt von diesem Verrat meiner innersten Gedanken, errötete ich tief vor Sinclairs Blick; und es war mir nur eine sehr geringe Erleichterung, als ich bemerkte, daß auch er vor dem meinigen errötete. Denn seine Gefühle waren mir kein Geheimnis. Natürlich war er zufrieden mit seiner Entdeckung, daß ich seine üblen Vorahnungen teilte, da dies ihm zu hoffen gestattete, daß der Schicksalsschlag, den er so befürchtete, nicht notwendig gegen sein eigenes Glück gerichtet sein mußte. Da er jedoch ein edelmütiger Mensch war, errötete er, weil er in seinem Egoismus ertappt worden war, während ich — nun, ich gestehe, daß ich in jedem Augenblick eine ungemischte Freude empfunden haben würde, hätte ich die Gewißheit erlangt, daß die Fundamente meiner Liebe sicher standen, und daß jenes kleine Fläschchen, das Sinclair vermißte, nicht von derjenigen weggenommen worden sei, die für mich das Glück auf Erden bedeutete. Und meine Hochzeit war noch ein unbestimmter und ferner Traum, während die feinige morgen stattfinden sollte! . Wir müssen mit ganz anderen Gesichtern unten erscheinen, bemerkte er, sonst würden wir ungehalten, ehe wir noch die Bibliothek erreichen. Ich gab mir alle Mühe, mich wieder zu sammeln; er tat desgleichen, und da wir beide entschlossene Männer waren, hatten wir bald wieder unser Gleichgewicht soweit erlangt, daß wir uns zu unseren Freunden hinabbegeben konnten, ohne mehr Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, wie ihm als Bräutigam, mir als seinem besten Freunde gebührte. 2. Kapitel. Frau Armstrong, unsere Wirtiu, liebte den Frohsinn, und an Belustigungen und guter Unterhaltung fehlte es nie in ihrem Hause. Als wir die große Diele unten betraten, hörten wir Musik im Salon und bemerken, daß getanzt wurde Das ist günstig, meinte Sinclair. So riskieren wir weniger, daß sich jemand in der Bibliothek besindet. Soll ich nicht Nachsehen, wo die Mädchen sind? Es wäre uns eine große Erleichterung, sie im Salon zu wissen. Gewiß, pflichtete er mir bei, aber laß dich nicht verführen, zu ihnen hineinzugehen. Ich könnte den Vorschub nicht aushalten. Ich nickte und wandte mich dem Salon zu. Er bliest in der Nische zurück, von wo er -einen Ueberblick über die Terrasse hatte. Eine Schar von jungen Leuten begrüßte mich, sobald sie meiner ansichtig wurden. Aber es gelang mir, mich ihnen zu entziehen und den beabsichtigten Blick in den großen Saal zu werfen. Es war ein prachtvoller Raum, so glänzend beleuchtet, daß kein einziger Winkel im Dunkel lag. Auf einem Diwan in der Mitte saß eine Dame und unterhielt sich mit zwei Herren. Sie wandte mir zwar den Rücken zu, aber ohne Schwierigkeit erkannte ich in ihr Fräulein Murray. In einiger Entfernung von ihr, ebenfalls mit abgewandtem Gesicht, stand Dorothea. Sie plauderte mit einem unverheirateten Freund und war augenscheinlich in bester Laune und sogar liebenswürdiger als gewöhnlich. (Fortsetzung folgt.) An dcr Beresina. (25. bis 29. November 1812.) Von Hauptmann Greevcn (Düsseldorf). Ein eisiger Nordwind saust über die schnecbeoeckten Steppen Mischen dem Dnjepr und der Beresina. In stummer Ergebung schwanken die Trümmer der mit so stolzen Hoffnungen ansmar- schierten großen Armee in seltsamem Aufzuge auf der von Smolensk nach Wilna führenden Straße einher. Weiberpelze, Priesterröcke oder Pferdedecken ersetzen den Mantel und der ,größere Teil der hohläugigen, bejammernswerten Gestalten marschiert in Fußbekleidungen, die aus Baumrinde, Bast, Stroh-,, Tiersellen oder Lumpen bestehen und durch Riemen oder Bindfaden zusammengehalten werden. Eine fast ununterbrochene weißbedeckte Hügelreihe erfrorener Soldaten und erstarrter Pferde, nmgestülpter Wagen und stehengebliebener Geschütze kennzeichnet die Todesstraße des schrecklichsten aller Feldzüge. Fast scheint der wohldurchdachte Plan der russischen Heeresleitung, die seit Juni von weit über 300000 Mann auf etwa 45 OOÖ zusammengeschrumpste Armee des großen Napoleon noch vor dem rettenden Uebergang über die Beresina zu erdrücken, dem Gelingen nahe. Von Südw-esten her hat Admiral Tfchüschagow mit seiner 30 000 Mann starken HeereSabtcilung durch schleunigen Vormarsch über Minsk sich dem bei Borisow- über die Berestna führenden Wege vorgelegt und den Fluß mit einem Teil seiner Truppen bereits überschritten. Von Norden her drängt General Wittgenstein mit etwa 40 000 Mann die beiden gleichstarken Korps der Marschälle Oudinot und Viktor stetig in Richtung auf die Brückenstelle zurück. Endlich int Südwesten sucht der allerdings zaghaste Kutusow- mit der 60 000 Mann starken russischen Hauptarmee durch parallelen Verfolgungsmarsch den Uebergang-zu bedrohen. Nach rein menschlichem Ermessen ist hier kein Entrinnen anehr denkbar. Doch gerade jetzt sm Augenblick der höchsten Gefahr feiert der geniale Feldherrnblick des- großen Korsen einen glänzenden Triumph. Marschall Oudinot soll die Vortruppen Tschitschagows über die Beresina zurückwerfen nnb durch kräftigen Nachstoß den Uebergang bei Borisow für die große Armee, freihalten. Viktor erhält die verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen, nunmehr mit seinem fast nur ans Deutschen bestehenden Korps und den Bayern allein den übermächtigen Druck Wittgensteins aus- znhalten. Derweil nähert sich von Orscha her Napoleon mit den aus feinen ehemaligen Korps zusammengestellten Bataillonen der Brücke von Borisow. Zunächst das westfälische unter Junot, dann die Garden, Vizekönig Engen mit den Italienern, Fürst Poniatowski mit den Polen, bann Marschall Ney und als Nachhut das Korps Davout. Zwar hat Oudinot mit Hilfe polnischer Verstärkungen die vorgeschobenen Truppen des Admirals Tschitscha- gow- auf das westliche Ufer zurückgeworfen, jedoch ist es den Russen gelungen, die Brücke hinter sich in Flammen aufgeben zu lassen. Noch einmal eine verzweifelte Lage. Doch, auch jetzt weiß Napoleon das Richtige zu treffen. -Oudinot läßt eine Division bei Borisow stehen, als sei dort in der Nähe ein Uebergang geplant, und sein Generalstabschef läßt dem Hauptquartier Tschitschagows das Gerücht zugehen, daß einige Stunden südlich Borisow- zwei Brücken geschlagen werden sollen. Derweil trifft der Ingenieur- general Eble etwa 16 Kilometer nördlich Borisow bei dem am -Ostuser gelegenen Dörfchen Studiankä am- Abend des 25. November unter dem Schutze Oudinots die Vorbereitungen zur Herstellung zweier Bockbrücken. Mit genauer Not hatte er dazu einige Tage vorher bei der Vernichtung nicht unumgänglich notwendiger — 739 Fahrzeuge zwei Feldschmieden, zwei Fuhren mit Kohlen und sechs Wagen mit Handwerkszeug gerettet. Da in der Nackt die Wachtfeuer einiger Kosakenpulks VE jenseitigen Ufer herüberleuchtcn, läßt Napoleon in der mögliche dreimal versucht. Vergebens will bte Reservekolonue bte vorbere Linie wieder vorreißen, die Trümmer der bergischen Brigade müssen zähneknirschend in ihre alte Stellung ziirucksluten. Nun erfolgt an diesem schwachen Punkte ein energischer Gegenstoß ber russischen Infanterie unb einiger Kosakenpulks. Noch sticht haben bie Angreifer ben Fuß der Höhe erreicht, ba bestehlt Marschall Viktor dem General Fournier, bie badischen «usaren unb hessen- barmstübtischen Chevaulegers zur Attacke anzusetzen. In unwiber- stehlichem Anrennen werden zunächst bie Kosaken über den Haufen geworfen, bann brechen bte braven süddeutschen Reiter in dm 740 russischen Jnfanterievierecke ein und treiben den Angreifer vor sich §er, bis die Reserven des Gegners ihrem Ungestüm ein Ziel setzen. Da auch die Division Girard nur schrittweise gegen Studianka zurückweicht, muß Wittgenstein von weiteren ernstlichen Angriffen gegen das Korps Viktor absehen. Inzwischen haben sich an den Brücken seit dem ersten Kanonendonner jene bekannten .Schreckensszenen abgespielt. Erst nach Einbruch der Dunkelheit gelingt es der Artillerie Viktors und! später der Division Girard, sich mit Gewalt durch den wirren Knäuel durchzuwinden, während die Badenser mit Hilfe von 12 Geschützen ihren Abzug decken. Die Mitternacht ist schon vorüber, da räumen auch diese Helden unverfolgt ihren mit Ehren gehaltenen Posten und bahnen sich einen Weg über die Brüchen. Während ich nun am Morgen des 29. November das tapfere Korps Viktor auf dem Westufer der Beresina dem Vormarsch der auf der Wllnaer Straße bereits vorausmarschierten Armee anschließt, läßt General Ebls erst dann, als die russischen Truppen sich auf beiden Ufern dem Uebergange schon bedenklich nähern, unter dem Schutze der Nachhut des Marschalls Ney die Brücken in Flammen aufgehen. Wieder jene schauderhaften Vorgänge, als die rechtzeitig gewarnten Nachzügler — noch weit über zehntausend — erst jetzt den Ernst ihrer Lage begreifen. Den Hauptzweck dieser ruhmvollen Kämpfe jedoch, den gesicherten Abmarsch von noch etwa 50 000 Mann, hat Napoleon erreicht. Und ein besonders großer Anteil an dieser Rettung der französischen Waffenehre ist den heldenmütigen deutschen Hilfstruppen zuzusprechen. Ballon- und Lustfchjfführung. Ter Gießener Luftfahrerverein veranstaltete am 21. d. M. in der großen Aula seinen ersten Vortragsabend. Als Redner war der in weiten Kreisen bekannte Luftfahrer Major Dr. h. c. von Abercron gewonnen worden. Im ersten Teile seines Vortrags behandelte der Redner die technisch-physikalischen und meteorologischen Grundlagen der Bal- lonführurrg, während der zweite Teil den Zuhörern die hohen sportlichen und landschaftlichen Genüsse einer Fahrt durch zahlreiche, vorzügliche Lichtbilder vor Augen führte. Tie Tragkraft eines Ballons ist gleich dem Gewicht der verdrängten Luft loeniger dem Gewicht des zur Füllung benutzten Gases. Ein Kubiknreter Luft wiegt bei 760 mm Luftdruck (also in 0 in Seehöhe) und einer Temperatur von 0° 1,293 kg, Leuchtgas 0,5—0,7 kg, Wasserstoffgas sogar nur 0,089 kg. Darnach hat der Kubikmeter eines Leuchtgasballons eine Tragkraft von 1,293 bis 0,5 bezw. 0,7 kg — 0,79 bis 0,59 kg, der Kubikmeter eines Wasserstoffballons dagegen eine Tragkraft von 1,204 kg. Ter Wasserstoff ballon ist demnach in seiner Tragfähigkeit dem Leuchtgasballon überlegen. Ta der normale Ballontyp 1680 Kubikmeter beträgt, stellt sich seine Tragkraft bei Leuchtgasfüllung auf rund 1176 kg, bei Wasserstoffüllung auf 2073 kg. Ta jede Gasmasse sich a u s d e h n t, sobald sie unter geringen Truck kommt, hat jede Erhebung in die Atmosphäre, da ja der Luftdruck wirkt, eine Volumvergrößerung im Gefolge. Je höher der Ort liegt, von dem aus eine Ballonfahrt stattfindet, eine um so geringere Gasmenge ist infolgedessen zur Füllung des Ballons erforderlich. Wird beispielsweise ein 1000-Kubik- meter-Ballon in einer Seehöhe von 900 m statt im Meeresniveau von 0 m gefüllt, dann sind bei gleichen Temperaturverhältnisseni zur Füllung nur rund 900 Kubikmeter Gas erforderlich, denn 900 Kubikmeter dehnen sich bei Erhebung um 800 m auf 1000 Kubikmeter aus. Dieses Gesetz muß, um unnütze Gasverschwendung zu vermeiden, bei Fahrten von höheren Orten (wie St. Moritz, München) beachtet werden. In ähnlicher Weise ruft aber auch eine Temperatur st eigerung eines Gases eine A u s d e h - nnug und Volumvergrößerung hervor. Da man bei der Füllung eines Ballons auf dem Startplatz, um Gasverlust zu vermeiden, den Füllansatz, das einzige Sicherheitsventil des Ballons, zuzubmden pflegt, muß bei heißer Sonne und prall gefülltem Ballon öfter das Ventil gezogen werden, denn die starke Erhitzung des Gases kann ein Platzen im Gefolge haben Bei einem 1440-Kubikmeter-Ballon tritt dieses Ereignis dann em wenn sich das Gas um 13—14° über die Lufttemperatur erwäruck hat. Ta die Ballonhülle sehr viel Wärme absorbiert, steigt bei Sonnenschein die Gastemperatur leicht um diesen Betrag ja man hat in der Höhe bei starker Sonne schon Gastemperaturen von 40 bis 50 Grad Celsius beobachtet. Bei der Abfahrt eines Ballons ist unter allen Umstanden darauf zu achten, daß der Füllansatz im Moment der Auffahrt aufgezogen, also geöffnet wird. Tenn das Gas des steigenden Ballons gerat rasch unter, geringeren Truck, dehnt sich daher aus und bringt den Ballon, wenn es durch den Füllansatz nickt entweichen kann, in die Gefahr des Platzens. Ein Ballon von 600 Kubikmeter platzt bereits (bei Wasserstoffülluiig) nach 300 m Aufstieg, die in 2—3 Minuten erreicht sein können, bei 1000 Kubikmeter Inhalt bereits in 250 m. Je größer der Ballon, desto rascher wachst beim Aufstieg mit geschlossenem Füllansatz der rnnere Ueberdruck und um so rascher tritt der Moment des Platzens ein. Auch der Vortragende erlebte in 2000 m, als er eine neue Ballonetvorrichtung ausprobieren wollte, die das beim Aufsteigen des Ballons durch den Füllansatz entweichende Gas aufnehmen sollte, daß der Ueberdruck so stark wurde, daß die Hülle platzte. Durch rasches Durchschneiden der den Ballon unten zusammen-- haltenden Seinen gelang es, der Hülle eine solche Form zu geben, daß tzallschrrmwirkung eintrat uiü) der Absturz gemildert wurde. Gelingt es den Insassen nicht, diese Wirkung durch das Zerschneiden der Taue hervorzurufen, dann zieht sich die Hülle birnenförmig aus und stürzt mit Fallgeschwindigkeit zur Erde. Bei offenem Füllansatz ist ein Platzen unmöglich. Weiter gab der Redner wichtige Hinweise auf die Technik der Ballon- führung. Wasserstoff- und Leuchtgasballon erfordern eine ganz verschiedene Führung. Ersterer besitzt wohl eine größere Tragkraft, reagiert aber kaum auf die Strahlung der Sonne. Kommt ein Leuchtgasballon in Sonnenschein, dann erwärmt sich sofort sein Gas und er beginnt zu steigen. Gerät er in eineftt Wolkenschatten, dann sinkt er fast augenblicklich. Ter Wasserstoffballon ist für Strahlungseinflüsse viel unempfindlicher, was bei der Führung zu beachten ist. Vermehrte Einstrahlung wirkt beint Leuchtgasballon elfmal stärker bezüglich seiner Tragkraft (und Höhe) als beim Wasserstoffballon. In dieser Hinsicht ist also der Leuchtgasballon vorzuziehen. Andererseits aber ist zu beachten, daß der W a s s e r st o f f ballon auf gleiches Ueberwerfen um 70% weniger reagiert, so daß sich dieFahrkurve langsamer hebt und die Fahrtdauer g e st e i g e r t wird. Für Tauer- und Weit führten sollte nur Wasserstoff zur Füllung verwandt werden, zumal der Preis derselbe ist (9—10 Pf. pro Kubikmeter). Auch für Ventilzug sind die beiden Arten von Gasballons verschieden geartet. Leuchtgas strömt bei Bentilzug mit 20, Wasserstoff mit 60 Sekuudenmeter aus, also dreimal so rasch. Daher ist bei einem Wasserstoffballon mit Vorsicht Ventil zu ziehen. Bei gleicher Tauer des Ventilzuges erfordert der Wasserstoffballon die fünffache Menge Bremsballast wie der Leuchtgasballon. Auch die meteorologischen Verhältnisse hat der Führer wohl zu beachten. Am günstigsten für Weitfahrten sind die kalten Strahlungsschichten, die sich nachts und besonders im Herbst md Winter in der Nähe her Erde bilden. Auf diesen Schichten schwimmt der Ballon ruhig, ohne daß nennenswerte Ballastmengen abgegeben zu werden brauchten. Der Vortragende hat auf einer derartigen «tabilitätsschicht bei der nordamerilä- nischen Gordon-Bennetfahrt in rund 40 m Höhe einen der großen amerikanischen Seen überflogen. Er landete damals im dichten Urwald, von menschlichen Siedelungen weit entfernt. Die größte Gefahr bilden für die Luftfahrt die Gewitter, weniger wegen der Gefahr eines Blitzschlags als wegen der V c r t i k a l b ö e n, die den Ballon auf der.Front der Gewittergn große Hohen hinauf reißen, um ihn im Rücken der Gewitter auf die Erde herab- zu!fchle!udernj Dxr erchhocne Ballonsführer wird rechtzeitig die: Gewitterbildung an der eigenartigen Gestalt der sich hock über 4000 m austürmenden Wolken erkennen und zur Landung schreiten. Meteorologische Kenntnisse sind für jeden Ballonführer unentbehrlich. Im» zweiten Teil des Vortrags fesselte der Redner die Zuhörer durch zahlreiche Ballonphotographien. Besonders die Plastik, mit der aus dem Ballon Städtebilder und Bauwerke uns vor Augen treten, ist von wundervoller Schönheit. Gerade hierin besteht die große Bedeutung der Luftfahrt für topographische Landesaufnahmen. Außer deutschen Städte- und Landschaftsbildern zeigte der Redner Lichtbilder seiner Fahrten in Ungarn, Italien und Nordamerika. Eine sehr zahlreiche Zuhörerschaft war der Einladung des Gießener Luftfahrervereins gefolgt und spendete dem Redner begeisterten Beifall. Zahlreiche Freunde werden wieder dem herrlichen Freiballonsport gewonnen worden sein. versteckrstsel. Alan suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Jena — Biedermann — Angstschweiß — Stammbaum — Zucker- rüben — Fastenzeit — Hauptwort — Ihn« — Dnderstadt — Tanzschuhe — unterdrückt. Auflösung iit nucyucr Nummern Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummert 61 Angen. 2. V. carZ 3. P. trZ M. carD M. earK M. trA £>. carS — — 14. H. eZ — — 24. H. carB — — 23. Abkürzungen: tr — Treff, p — Vigne, c — Coeur, ear — Carreau trB — Treff-Bube, pA — Pjgue-Aß, cD — Coenr-Tame uff. Vorband hat ein unverlierbares Null ouvert: tr7, tr8, tr9, trZ, trD, trK, car7, car9, carZ, earA, im Skat liegen c7 und p3, Hinterhand bekommt den Rest. Sprelgang: 1. V. carA ' ~ Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.