A M M M Sommerirutnants. Roman von Walter Bloem. Copyright 1910 bei Grethlein & Co. (Nachdruck verboten.) 1. Kapitel. Unter der weiten Halle des Zentralbahnhofs der rheini- sa)en Garten-- und Küustlerstadt schritt in früher Spät- sommermorgenstunde ein junges Paar den Bahnsteig auf uud ab. Reisefreude leuchtete in den Augen des Mannes — doch er dämpfte sie um der Abschiedswehmut willen, die durch des Mädchens Worte zitterte und immer wieder von Zeit zu Zeit in raschen Perlen aus den Hellen Augen auf das Spitzengewoge des lichten Sommergewandes niedertropfte. Zwei schlanke Gestalten, so recht für einander gewachsen! Sie im Glanz ihres Sommerschmucks, in der zierlichen Grazie ihrer zwanzig Jahre das gehütete, gepflegte Kind einer von den Schranken der Satzung umhegten Welt. Er — nun ja, er . . . Die Uniform stammte aus dem ersten Schueider- atelrer, die Lackschuhe blitzten. Die Mütze, keck auf das rechte Ohr gesetzt, war neuesten Modells, die Haltung soldatisch straff. Und dennoch: selbst ein nicht gerade militärisch geschultes Auge erkannte von weitem schon, daß. der Träger dieser blinkenden Herrlichkeiten doch — kein so ganz richtiger Leutnant war. Es war nicht das helle Kolorit der Gesichtsfarbe allein — denn zu Anfang August weisen die berufsmäßigen Träger der Leutnantsuniform allesamt schon ein tiefes Braun auf — es war nicht allein eine gewisse Gezwungenheit der Haltung, die verriet, daß diese elegante Gestalt des Uniformtragens seit tätigertn entwöhnt sein mußte. Es waren nicht allein die lebhaften Bewegungen der vielfach mitredenden, energisch gestikulierenden Hände, es war auch iu dem feurigen Gesicht mit dem militärisch verschnittenen Schnurrbart und dem vorschriftsmäßig durchgescheitelten Blondhaar ein Ausdruck vou Selbstäudigkeit und kühnem Lebensdrang — all das miteinander verriet dem feiner beobachtenden Auge, daß dieser Leutnant eben ein Leutnant der Reserve war. Das blieb auch den Soldaten nicht verborgen, die in dieser Morgenfrühe auf dem Bahnhof der Garnisonstadt zu schaffen hatten. Da waren Burschen, Ordonnanzen, Vizefeldwebel, die zu den Schießständen hinaus wollten. Alle diese Uuiformträger erwiesen dem Offizier pflicht- schnldigst die Ehrenbezeugung, und' zwar stramm; denn der in der Leutnantsuniform sah nicht aus, als ob er mit sich spaßen ließe. .Wer wenn sie an dem Vorgesetzten vorüber waren und in ihren Schlendertrott zurückfielen, dann spielte doch um eines jeden Lippen ein gewisses Schmunzeln, das die Erkenntnis andeutete, man nähme diesen Offizier eigentlich nicht so ganz ernst. Und auch das junge Weib an der Seite des Mannes schien die Uniformherrlichkeit ihres Erkorenen nicht allzu tragisch zu nehmen; denn jedesmal, wenn ein Unteroffizier oder Soldat in die maskenhaft erstarrte Haltung der Ehrenbezeugung von ihrem Gefährten zusammenfuhr, konnte sie nur mit Mühe ein Lächeln verbergen, das plötzlich ihr tränenzuckendes Gesichtchen überzog ; und diesem Gefühl gab sie Ausdruck: „Weißt jdu, Martin, ich will ja nicht behaupten, daß dir die Uniform nicht stände, aber — sei mir nicht böse — in Zivil gefällst du mir zehnmal besser!" „Das glaub' ich", lachte ihr Verlobter. „Ich hab' den Nock Seiner Majestät fünf Jahre lang nur mal gelegentlich M Offizier- und Kontrollversammlungen getragen! — aber laß mich nur erst mal ein paar Wochen wieder drin stecken! Gib acht, wenn ich nächstens auf Urlaub zu dir komme, dann sollst du dich deines Reservemannes nicht zu schämen brauchen." „Ach ja," sagte das Mädchen, „komm recht bald, sonst halt' ich's nicht aus... du gehst ja fort, Liebster, du gehst fort . . . ach, ich darf gar nicht dran denken, sonst —" „Aber Mädel," sagte Martin, „aber Mädel —" Wieder blitzten Tränen aus den leuchtenden Augen der Braut. „Weißt du denn nicht," fuhr er fort, „was morgen in acht Wochen ist?!" Da schlug Agathe die Augen nieder unter dem hoffenden, verlangenden Blick, der sie getroffen, und konnte nicht wehren, daß ein feines Rot immer tiefer ihre flaumigen Bäckchen überzog. „Ach, Martin, ich glaub's ja nicht eher, als bis wir endlich so weit sind . . . eher glaub' ich's nicht . . ." „Ra freilich, lang genug hat's gedauert, bis die Herren Eltern eingesehen haben, daß ein Maler nicht notwendig der Antichrist in Person ist ■—!" Eine Wolke finstern Unmuts lag auf einmal unter dem blitzenden Lackschirm der Offiziermütze. Sie sprach vou kaum Verwundenen Bitterkeiten. . . von harten Kämpfen um ein endlich doch ertrotztes Glück. . . Die lachenden Lippen hatten sich jählings fest geschlossen, und unwillkürlich stieß die Linke die Säbelscheide klirrend auf die Fliesen des Bahnsteigs. „Laß, Liebster," mahnte die Braut erschrocken, „jetzt nicht daran denken . . . ist ja nun alles überstanden!" „Ach, Mädel," sagte der Maler, „das alles vergess' ich erst, wenn ich dich! hab' . . . wenn ich dich ganz hab'.. „In acht Wochen," hauchte die Braut, „morgen iu acht Wochen!" Sie richtete rasch das glühende Köpfchen auf, sah dem Geliebten tief ins Auge und sagte voll eindringlichen Ernstes: „Martin, ich weiß, was für ein toller Bursch du bist! — Versprich mir eines: Berspar dich für mich . . . nicht zu wilde Sachen machen, verstehst du mich? . . . keine zu unruhigen Pferde reiten . . . nicht wieder durch jeden See schwimmen, der am Ruhetage gerade zu erreichen ist, und" - 458 nut fjicilb' mütterlich besorgtem, halb- schwesterlich schwärmerischem Lächeln — „nicht zu viel trinken, verstehst du? . . . Jedesmal, wenn du eine Flasche Sekt bestellen willst, denk: ich werd' sie- mir sparen, um sie hernach mit meiner kleinen Frau auf der Hochzeitsreise zu trinken! Willst du mir das versprechen, Schlingel du. . .?" Martin hätte in diesem Augenblick weit mehr versprochen, -wenn es hätte sein müssen . . . Ach, wie rasch war dies Aufflackern schelmischer Mädchenlnft von -dem zierlichen Gesichtchen verflogen, als nun eine Bewegung unter der harrenden Menge der Fahrgäste, als ein hurtiges Rollen von Gepäckkarren und ein fernes Brausen die Ankunft des Zuges verkündete, der ihr den Ersehnten auf acht Wochen entführen sollte! Fest schmiegte sich das liebe Kind an den blauen Ueber- rock ihres Referveleutnants. Wieder standen Tränen in ihren Augen, als sie mit dem Ausdruck rücksichtsloser Sehnsucht ihr Antlitz zu ihm cmporhob: „Behalt mich lieb, du. , . hörst du. . . behalt mich lieb Da faßte er ihre beiden Hände und- g-a6! ihr den Ab- schiedskuß. „Morgen in acht Wochen, du, morgen in acht Wochen!" * Als eine Wendung des Zuges den Bahnhof und den weißen, winkenden Fleck inmitten wimmelnder Menschenmenge dem Blick entrückt hatte, ließ der Reisende sich mit einem tiefen Aufatmen in die graus-ammetnen Polster fallen. Er war zum Glück allein — dehnte sich und streckte alle Glieder in einem Gefühl unbeschreiblichen Behagens. Herrgott, war er glückliche. . .! Endlich überstanden, dieser zweijährige Kampf um dies Mädchen, das er, er, der Verwöhnte, der vielgefeierte junge Künstler, aus den hundert Gestalten, -die ihn werbend um- drüngten, sich ersehen hatte zur Gesellin seines ruhelosen Daseins. Nach einer harten Jugend voller Kampf, die ihn aus der behaglichen Enge des evangelischen Pfarrhauses einer kleinen bergischen Stadt hinausgeführt hatte in das wogende Dasein eines werdenden, machtvoll sich aufwärts ringenden Künstlers, war er seit kurzem an einem ersten Ziel. . . Im Hauptsa-al der Sezession in Berlin hingen seit dem Frühjahr allbest-aunt nebeneinander zwei große Damenporträts von seiner Hand, die er mit weisem Bedacht als verblüffende Pendants für -die Ausstellung in gleichem Format und Stil geschaffen hatte, obwohl sie bestimmt waren, an ganz verschiedene Plätze zu gelangen. Zur Linken die blonde Brünhildengestalt der Gräfin Amalie von der Schulenburg, einer Vollolutgermanin, eines Sterns der niederrheinischen Aristokratie, und neben ihr: die tiefbrünette und ebenso tief dekolletierte Rasseschönheit der Frau Kommerzienrat Mannheimer, der elegantesten und interessantesten Frau der Börfenkreise in Frankfurt am Main . . . Die Kritik hätte beide Bilder schlechthin als meisterlich gefeiert. Das Publikum wurde nicht satt, die Werke zu bestaunen, die ihren Schöpfer zum berufensten Verkünder des modernen weiblichen Schönheitstypus stempelten und in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Porträtmalerei geführt hatten. Den ganzen Sommer über war Martin Flamberg von einem Hochsitz des Kapitals zum andern gezogen und hatte die erlesensten Exemplare glänzender Weiblichkeit mit einer Kunst fest-gehalten, die, weit entfernt von weichlicher Schmeichelei und Schönfärberei, doch ihre Gegenstände über die Sphäre gemeiner Wirklichkeit in eine Region idealer Kultur hineinzuheben verstand. Und »erst Hieser junge Ruhm Und seine notwendige Folge, das elementare Anschwellen seines Bankkontos, hatten den langjährigen Widerstand des Oberlandesgerichtspräsidenten, Geheimen Oberiustizrats Doktor van den Bergt) und seiner freiherrlichen Gattin gebrochen und so dem trotzigen Zueinänderwollen Meier Menschen den Sieg gebracht, .deren .Verbindung ein Schlag ins" Gesicht des Schicksals zu sein schien. , Der alte Präsident wär der Typus eines starren ostelbischen Bureaurraten, und ihm wie seiner Frau war der Gedanke, ihre Einzige an der Seite eines Künstlers zu sehen, fast gleichbedeutend geworden mit dem völligen Verzicht auf die Liebe ihres Kindes. Sie hatten es mit ansehen müssen, wie ihr Mädchen sich gn-gesichts ihrer Weigerung schrittweise völlig von ihnen loslöste und in eine andere Welt hinüb-erwüchs, für deren Lebensgesetze ihnen auch der Schatten des Verständnisses abging. Sie hatten sich bis zur Verzweiflung gegen diese Schickung gewehrt und sich erst besiegt gegeben, als der Erwählte ihrer Tochter ihnen ziffermäßig beweisen konnte, daß seine Kunst wenigstens nicht eine brotlose sei, und -daß, sie für die materielle Zukunft ihres Kindes nichts zn be- fürchten haben würden, wenn sie schon seiner Seelen Seligkeit und das beglückende Bewußtsein innerer Zusammen-, gehörigkeit in den Kauf hatten geben müssen. Wie oft hatte sich Märtin Flamb-erg- in diesen Jähren der Kämpfe gefragt, -ob -es nicht richtiger sei, von dem raschen Bündnis, bas eine Ballnacht besiegelte, zurückz-u- treten und sich den entsetzlich kraftvergeudenden Kämpfen nicht länger auszusetzen, die ihm jahrelang die Ruhe seines Lebens -geraubt hatten — diese Ruhe, die er doch für seine Kunst so nötig brauchte. Aber schließlich war es der gleiche zähe Künstlertrotz,, der ihn in raschem Ausstieg zu der heute erklommenen Höhe geführt hatte — dieser selbe unbeugsame Trotz war es gewesen, der ihn an der -einmal getroffenen Wahl hatte festhalten lassen, so -oft auch in lockendster Gestalt von rechts und links die Versuchung an ihn herangetret-en war, das Ziel seines Lebens auf mühelosere Weise zu erreichen. Ach — das alles lag ja nun hinter ihm — das alles war verwunden — mußte und durste vergessen werden. Der Termin seiner Hochzeit war festgesetzt. Auch hier hatte er den Sieg erzwungen, im Leben, wie in der Kunst. Nun wollte er noch einer lange aufgeschobenen Pflicht genügen und seine vierte Reserveofsizierübung machen, um dann am Arme der Liebe die zweite Hälfte seines Lebens zu beginnen. Ja, diese achtwöchige Uebung —! Er war ein begeisterter Soldat gewesen. Es hatte ihm Vergnügen gemacht, sich durch Luft und Sonne im Waffendienst herumzutummeln — es war ihm -eine Wonne gewesen, von Zeit zu Zeit in die bunte Schlangenhäut des Kriegers zu schlüpfen und auch hier seinen Mann zu stellen. Aber als nun langsam der Erfolg — als endlich jählings der Ruhm gekommen war — als er sich ganz durchdrungen hatte mit Künstlertum, da hatte er geglaubt, die militärische Phase seiner Jugend endgültig überwunden zu haben, und es war ihm schier -ein unerträglicher Gedanke gewesen, sich nochmals für acht Wochen in den Zwang einer so ganz und gar anders gerichteten Lebensführung fügen zu sollen. Oftmals hatte er vor dem Schritte gestanden, sich aus der Reserve des Regiments, dem er angehörte, gleich in die Landwehr zweiten Aufgebots überschreiben zu lassen und damit ein für allemal sich seinen militärischen Verpflichtungen zu -entziehen. . . und dann hätte er's doch nicht übers Herz gebracht; denn das Monogramm seines Regiments bedeutete für ihn zugleich die Erinnerung an fast zwei Jahre seines Lebens, denen er, das wußte er gar wohl, als Künstler sehr viel verdankte. Verdankte vor allen Dingen seine genaue Bekanntschaft mit dem Wesen des Volkes, das sich ihm int erzwungenen Verkehr mit den Mannschaften und Unteroffizieren seines Regiments spielend erschlossen hatte. Aber noch mehr verdankte er seinem Soldatentum: Die sich, dem Kulturmenschen sonst nur auf Reisen zu „kalt staunendem Besuch" erschließt... die Natur. . . zu ihr hatte er just als Soldat ein persönliches Verhältnis gewonnen, das feiner Kunst die reichsten Früchte getragen hatte. Er war ja nicht Landschafts-, sondern Porträtmaler, und die Richtung seines Strebens bannte ihn an den Salon, bannte ihn -an eine Menschensphäre hoher Kultur, äußerster Verfeinerung Und Näturentfremdung des gesamten Daseinsbetriebes — und so war es ihm geradezu ein Glück geworden, daß sein Di-enstjahr und die Pflichtübungen in der Reserve ihn durch- Jahre hindurch- immer wieder in Zusammenhang mit dem Leben des Volkes und- mit dem geheimnisvollen Wirken der Natur gebracht hatten. Er hatte fünf Manöver mitgemacht, und diese kriegerischen U-ebungen hätten ihm -zahllose Bilder in fcie Seele -geprägt, Bilder von taufrischen Sonnenaufgängen -auf grüner Heide, in den Gebirgen der Eifel und 5>en Hunsrücks — brütende Sonnen- schwüle Wer flimmernden Ackerbreiten < traumstille Mondnächte — nebelverhangene, reg-entriefende Waldeinsamkeiten. Und nun — da er wieder den bünten Rock an gezogen — fühlte er ^wieder jene seltsame Wirkung, der er schoü 4W — t früher immer so gern sich hingegeben hatte — er fühlte sich plötzlich verwandelt werden :— fühlte, wie er auf einmal ein anderer Mensch wurde — fühlte, wie das Gewand, das die Zugehörigkeit zu einer andern Kaste bedeutete, in ihm plötzlich Möglichkeiten seiner Seele freimachte, die unentwickelt geblieben wären in dem Lebdn seines eigentlichen iund wahren Berufs. Ach, wie schön, dachte Wamberg, nun einmal für acht .Wochen nicht mehr ber berühmte und umstrittene Künstler zu sein, sondern ganz wer anders! Ein kleiner Leutnant — eine Nummer — ein Rad int großen Betrieb eines ungeheuren, wuchtig »ndi sicher arbeitenden Mechanismus. Untersinken in einer Menge —, nicht Mehr wollen dürfen, sondern einfach müssen — sich korrigieren und an- schnauzen lassen müssen — hinter sich ein Fähnlein grobknochiger Söhne des Volkes — um sich herum die Bilder eines bunten und fremden Lebens. Wieder im Gefecht sprungweise über den Stoppelacker Und durch Waldesdickicht vorgehen müssen — umbrüllt vom rollenden Hurra und knatternden Schnellfeuer, umschrillt vom vorwärtsdrängenden Kreischen der Signalhörner, vom dumpfen Sturmmarsch der Tambours, um dann am Ziel, Auge in Auge mit dem friedlichen Feind, sich lachend und keuchend an die Erde zu werfen und in rasch gefundenem Schlummer zwischen braunen Schollen und gelbblühenden Ginsterstauden auszuruhen — und dann gestärkt und ge-> Uesen heimzukehren — ein erneuter, verjüngter Mensch, wie Autäus aus der Umarmung seiner Mutter, um wieder zum Pinsel zu greifen und aufs neue .Schönheitswelten aus dem Nichts zu schaffen. Ach, und dann galt es ja bei dieser Heimkehr, den Einzug in das Land des Menschenglücks — galt es die Vereinigung mit ihr, die er sich zur Gesellin seines Daseins erlesen — mit ihr, die er trotzig herausgerifsen aus einer fremden, starren Welt, um sie mit sich hineinzuführen in die glückselige, heitere Region, in der sein eigenes Dasein sich sonnig entfaltete. Mit ihr, von der seine Gefühle ihm beim ersten Anblick gesagt hatten, daß sie die Kameradin sei, die er brauche, sie der Mensch, der seinem wilden Kerzen den Frieden schenken würde, die große Ruhe, üt' der allein das große Werk zur Reife gedeihen kann. Wie schön das alles —■ wie reich und schön! Wie reich und schön dies selbstgeschaffene Leben mit all seinen wechselnden Gestaltungen^. Wie hell um ihn die Hosfnungsfülle — wie golden vor ihm die Zukunft in Nähe und Weite! Welches Glück, ein Künstler zu sein! Welches Glück aber auch, Soldat zu sein — von Zeit zu Zeit einmal untertauchen zu können von der flimmernden Oberfläche der Menschheit her in die ruhig treibende Tiefe hinab, dorthin, wo im Waffendienst ein Kolk geschult wurde zur Wehrhaftigkeit in Krieg und Frieden, zu geschlossen starkem Jneinanderwirken, zu elementari- scher Zusammenballung eines ungeheuren Kräftevorrats! Und endlich, zu lieben und geliebt zu werden — welch ein Glück — welch eine Schönheit — welch überschwengliche Hoffnung und Gnade! Ihm war's, als sitze sein Mädchen ihm gegenüber, als seien die tränenschweren, güteschweren braunen Augen auf ihn gerichtet mit der innigen Mahnung: Komm wieder —■ komm bald wieder — du weißt ja, ich harre dein! Der reisende Mann legte den Kopf tief in die Kissen zurück, schloß die Augen und sprach leise vor sich hin: ^Agathe — Agathe!" --- (Fortsetzung folgt.) Der grobe Girgl. Skizze von Th. Ebner (Ulm). „Alleweil schier wcichmütig wird mir's," sagte der Herr Kooperator, als wir nach Jahr und Tag wieder einmal vor einem Schoppen im Herrgottswinkel saßen, „wenn ich an den groben Girgl denk' — Sie haben ihn doch auch gekannt, droben den Wirt am Schloßberg?" Als ich verneinend den Kopf schüttelte, konnte sich der gcist- lrche Herr kaum fassen. „Xaverl," rief er dem Forstwart zu, der sich eben auch zum Abendtrunk eingefunden hatte. „Hast schon so was g'hört — der Herr Doktor hat den Girgl net kennt." „Na, na," brummte der alte Jäger in seinen Schnauzbart, „so was — nöt zum glauben. Den Girgl net kennen?" Ich muß meine beiden alten Freunde nicht gerade sehr erleuchtet angesehen habm. .Denn beide konnten geschlagene fünf U-tinuten lang nur den Kopf schütteln und immer wieder nach dem Maßkrug greifen. , Girgl, ja," seufzte endlich der Forst-Xaverl, und wahrhaftig, er fuhr sich dabei ganz gerührt über die Augen. „Im vorigen ^ahr, wissen's noch, geistlicher Herr, wie wir —" Der geistliche Herr nickte nur und sah trüb vor sich hin. „Und grob hat er sein köiina," fuhr der Laverl fort, „grob sag i Jhna, so was gibt's sonst net." „Wahr ist's," bestätigte der Kooperator, „das hat ihm keiner nachgemacht. Wenn ich so dran denk, wie er so dagestanden ist vor seiner Tür, breit und behäbig, mit den braunen Augen Und dem schwarzen Barterl, und wenn er hat anfangen schimpfen — krputtirken laudon noch a mol —, wir haben uns nur ang'schaut und sttll sind wir gewesen, wie die Kinder in der Kirchen." i°' unb wissen's no, die G'schicht mit dem Herrn do aus Berlin?" meinte der Xaverl, und pfiff der Mirl nach einer „Frischen". Der geistliche Herr lachte hell auf. „Tas hätten's sehen sollen, Herr Doktor," meinte er. „Wir sitzen grad so friedsam am Abend am Tischerl vorm Haus, da kommt einer daher — ich stg. Ihnen, zum Totschießen. Salontiroler sagen's draußen int Reich, vom Kopf zu Fuß, 's ganze Dorf ist z'sammg'rennt. Ter Girgl, wie er das sonderbare G'stell sieht, brummt etwas vor sich hin, schiebt das Hüterl ins G'nack und die Hand' in d' Hosentaschen und bleibt im übrigen ruhig sitzen." . . „Eine gute Witterung hat der Berliner g'habt, das muß man ihin lassen, er hat gleich g'wußt, wer von uns der Herr ist. „Guten Tag," hat er gesagt, und an seinem grünen Hütchen gerückt. „Grüaß Gott," brummte der Girgl und muckst sich nicht. „Sie sind der Herr Gastgeber," sagt der Fremdling weiter. „Na," sagt unser Freunder!, „der Girgl bin i." — „Ah so," meint der neue Gast. „Der Herr Girgl? Freut mich sehr." — ,,J sag, der Girgl bin i — koa Herr, Sie — Sie — überhaupt —". Aha, denken wir, da schlagt's ein, denn wenn der Girgl den Namen „Gastgeber" hört — da steigt er. —- „Aeh — gestatten Sie —", schnurrt der Berliner, „ich wollte mal — ich möchte — einen Schwcinskopf oder Kalbshäxen, haben Sie vielleicht?" — „I," schreit der Girgl und springt auf, „i, na, Herr Nachbar, aber Sie — Sie, damischer Ochsenrüssel mit frikassierter Gänsleber — Sie." Ja, wenn ich all die Schimpfworte aufzählen wollt, die der Girgl dem fremden Herrn an den Kopf g'schmissen hat. „G'scherter Hammel" war noch eine Liebeserklärung darunter. Der Herr aus Berlin steht da, sperrt Müntz und Augen auf, schnappt nach Luft, wie ein Fisch auf 'm Sand, und wie nun der Girgl die Hemdsärmel hinaufstülpt, Herr Doktor, wie der Berliner aus dem Girgl sein' Hof und aus dem Dorf kommen ist — ich weiß nimmer." Der Forstwart, der Xaverl, hat gestrampelt vor Vergnügen in der Erinnerung an diese Heldentat des groben Girgl. „Ja, ja," hat er endlich gemeint, „die faden Mannsleut, auf die hat er's g'habt. Aber die Weibslcut —" „Xaverl," mahnt der geistliche Herr, „tu' dem Girgl kein Unrecht im Grab! Kannst ihm auch da nix Unrechtes nachsagen. Denkst nimmer an die G'schicht mit dem Malwcib da aus München? Wie die mal des Abends dahergestiegen kommen ist? Schritt hat's g'macht wie ein Riese — und Bratschen hat's g'habt und a Nasen im G'sicht. Wie der Girgl die sieht, hat's ihn g'schüttelt, und er hat ganz ängstlich aus'schaut, wohin er sich drücken könnt. Aber grad breit ist's vor ihn hing'standen, das Malweib und hat ihn nur so ang'schaut von oben bis unten. „Also," sagt's, „du bist der grobe Girgl?" Was sagt's — du, sagt's zum Girgl, denk ich, na da kannst was erleben. Der Girgl guckt das Frauenzimmer an, als traut er seinen Augen und Ohren net. — „Was willst," sagt er endlich trotzig/ und doch als ob's ihm nicht ganz wohl wär'. „A Quartier will i bei dir," sagt das Malweib. „Geh nüber zum Nachbar," schreit er, „der hat grad en Kuhstall frei." Und dreht sich herum und will gehn. „He, Girgl," sagt sie und packt ihn resolut am Hoscnband) „höflich bist net, aber g'fallen tust mer do.ch." Der Girgl guckt die Frau ganz erstaunt an. „Aber du mir net," sagt er endlich. „Wird schon kommä," meint sie ganz ruhig. „Also, wo ist mei' Stub?" Der Girgl kriegt einen Kopf so rot wie ein Bibergockell „Na, wenn schon," meint er ingrimmig, „do geh mit der Stallmagd, der Stasi, dia kann der's zeig'n." Und dreht sich kurz um und geht davon. „Jo, und denken's, Herr Dottor," sagt der Forstwart, dieweil der geistliche Herr sich mit einem schluck stärkt, „doblieben Ms den ganzen Sommer lang, und der Girgl, der ist erst um's rum gange, wie en bissiger Hund, g'schimpft hat er, daß die Balken im Haus haben kracht und alles ihm aus 'm Weg gangeN is. Aber, gehn's, Herr Doktor, mit beite Weibslcut. Verstanden hat's die mit dem Girgl, klein kriegt hat's den, daß a Freud wax, g'schimpft hat sc, daß der Girgl starr g'wesen ist, untz an Zug 460 yol's im Hals g'habt — kruzitürken —, wir wenn die ang'fangen Kat, tote d' Warsenkriwer hat er gar „;r n'faat — sogar [et braves Werb, die Zenz, yai rai KaMt^- ka nngnats Wörtl Kat er g'wagt, wenn das Malweih lU^oi ja " sagte der Kooperator, „nachher, wie sie fort war, v- , ". °rfp3 Jeher reina'bvv. 's war grad, tote wenn er sich in der Zeit auf nix als lauter neue Grobheiten besonnen hatt^ Vom Morgen bis in d' Nacht ging's fort, ^eder, der ihm ttt L Weg kam, hat sein Teil g'kriagt. Und die Zenz, s^n Metb, aut allermeisten G'schafft hat die sich krumM und bucklig, und umg'schlichen ist's alleweil, wie ein Hund, der Prügel kriegt hat. Kein Wort hat's g'sagt, mir manchmal, wenn, er's halt gar so toll hat 'trieben, do hot's ihn ang'schant mit einem Blick voll Jammer und voll Lieb, und dann hat der Girgl mit einemMal stillg'halten. und 's ist für em paar Stund Ruh g wesen tm Haus. Aber auch nur so lang. Wenn er bann wieder ansg holt hat und hat anfangen zu wettern^ — man M schlag nieder, und er ift mitten dring standen und Kt g schrien, das; die Fenster zittert hob n. Und doch — gelt Laven, alles loos recht ist —, g'flucht hat er nie und z vieltrunfen Hal er auch nie, und so wüste '9Wn, wie d' Mannsleut als an d Weibs- leut hintun, hat er nie g'habt, und gar wenn so a klein s mindert kommen ist, und hat ihn an'guckt mit seine großen Augen, und UHb Uub lassen. Zucht uns» Ordnung M er rsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang», Gietzem