m SS. :|||! JOWXB rHdöjOT£Ji|ii»kfeffi «J i «Knra^^Ä« ^^MWL »' rütinäE Der König von Thule. Roman von Paul Grabern. ' (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Sagen Sie mal, Görtz, glauben Sie eigentlich, daß sie wirklich eine geschiedene Frau ist?" „Frau Söllnitz?" „Na natürlich! Wer denn sonst?! Sie haben doch gewiß auch schon von gehört. Es wird doch hier auf dem Schiff erzählt." „Das erste, was ich höre!" staunte der Regierungsrat und trat dichter zu dem guten Bekannten. „Wer sagt's denn?" „Mein Gott, so allgemeines Gemunkel. Mir hats, glaub ich, Thümmler erzählt." — Er meinte einen Reisegefährten. — „Ihr geschiedener Mann soll ein bekannter Künstler sein, Sänger, Geiger oder irgend sonst so'n Musikathlet." „Was? Etwa der berühmte Geiger? Professor Gregor Söllnitz?" „Möglich, ja," zuckte von Kreßmann die Achseln. „Kenne die Herrschaften nicht persönlich. 9ia, gleichviel, wer — können Sie sich eigentlich, vorstellen, daß sie geschieden ist?" „Hur — ja —" Auch Görtz rauchte nun nachdenklich weiter. „Eigentlich macht sie ja gar nicht den Eindruck, eher hätt ich sie für 'ne Witwe gehalten. — Aber, hören Sie, das ist ja kolossal interessant! Geschieden also!" Das Faktum — denn das war ... für den Regierungsrat bereits — ließ ihm plötzlich die junge Frau in einem' K anderen Lichte erscheinen. Die Bekanntschaft mit ihr n mit einemmal einen netten, kleinen prickelnden Beigeschmack. Es war, als ob plötzlich einige Schranken einstürzten, die ihre Person bisher abwehrend und schützend Umgeben hatten: unwillkürlich tauchten leise Hoffnungen und Wünsche aus, die sich bisher nicht an sie gewagt hatten. „Eigentlich begreife ich da nicht, wie sie sich so furchtbar haben kann," bemerkte Görtz aus diesem Gedankengang heraus. „Auch vorhin erst — mit Ihnen." „Na, das ist doch ganz klar — gerade darum!" belehrte ihn der Jüngere, in diesem Punkte sich als besserer Menschenkenner fühlend. „Wenn eine Frau selber 'ne bißchen wacklige Position in der Gesellschaft hat, ist sie um so krampfhafter bemüht, sich als unnahbar aufzuspielen. Dach sehr plausibel, — nicht?" „Da haben Sie recht," stimmte der Regierungsrat bei, gedankenverloren. Seine Blicke suchten Frau Söllnitz, die hinten an der Treppe zum unteren Promenadendeck mit einem Ehepaar stand, und musterten nun noch einmal ihre ganze Erscheinung, skeptisch, neugierig und taxierend zu- Aeich. Donnerwetter, jetzt hatte dre Sache ein ganz anderes Gesicht; nun sollte man doch wirklich mal sehen, ob denn Me kalte Unnahbarkeit faktisch so stichhaltig wär. Entschlossen richtete er sich aus und warf den Zigarettenrest über Bord. „Ich will doch auch mal wieder nach der Küste aus- schaun," verabschiedete er sich von dem Bekannten und begann, sich der kleinen Gruppe da hinten zu nähern. II. Den ganzen Tag war das schnell segelnde Schiff angesichts der isländischen Küste gefahren. Endlos streckte sich nach rechts und links, den Horizont entlang, die riesige Kette der Randgebirge, die unmittelbar aus dem grauen Meer auftauchten. In ihrem oberen Teil, durch den weißgrauen schweren Wolkenvorhang in einer ebenmäßigen gewaltigen Linie abgeschnitten, glichen die schwarzen Berge in ihrer abgestumpften Gestalt gigantischen, düsteren Särgen, einer hinter dem anderen aufgebahrt, in Unabsehbarer ReiW — wie bei einem Titanenbegräbnis. Keine Spur von Leben, von menschlichen Ansiedlungen zeigte sich von Bord aus dem Auge. So näherte man sich dem sagengrauen unwirtlichen Eilande der Edda, dem Tummelplatz ungefüger Reif- und Nebelriesen, allerhand finsterer Naturgewalten. Erst als die „Hamburg" Kap Reyjanes umfahren, wurde das Bild ein wenig minder starr in seiner wuchtigen Größe. Die Berge sielen in gewaltigen, dunkeln Stufen zur Ebene ab, und hier und da nahm ein aufschimmernder grünet1 Uferstreifen der Landschaft das Grausige und Tote. Einmal zog ein Geysir aller Augen auf sich, dessen silberweiße Wasserdampffontaine, bald steigend, bald fallend, hinter einer Bodenfalte aufschoß; dann wieder ein Vogelberg. Vom Böllerschuß des Schiffes aufgeschreckt, erhob sich plötzlich eine dichte Wolke, Millionen von aufslatternden Möwen, vom grauschwarzen Felsen, und lvie ein weißer Schleier zog es minutenlang Nor der Bergwand auf und meder. Wieder eine lange Fahrt — der Lunch, der Tee wär genommen, es ging schon der Dinerzeit entgegen — da endlich fuhr das Schiff in die Bucht von Reykjavik ein. Auf grünem Wiesenplan erschienen plötzlich über der See weiße, rote, gelbe, grüne Flecke, die Häuser der alten Hauptstadt der Insel. Um den bunten Teppich herum dehnte sich das öde Sandbraun der Lavafelder, und drüberhin, die Schu-eehäupter des graublauen Bergrings um die Stadt verhüllend, lagerte schwer eine weiße, wrasige Wolkenschicht, soweit das Auge reichte. „Die alte Rauchbucht — das bedeutet Reykjavik auf deutsch — macht ihrem Namen wirklich Ehre," bemerkte Kapitän Neidhardt, zu Frau Söllnitz und dem kleinen Kreis ihrer Bekannten tretend, die erwartungsvoll aus die nun schon so nahe Küste schauten. Em krachender Schüße machte plötzlich die (Damen zu- sammensahren. „Waren wir das?" erschrocken fragte es die junge Frau. „Gewiß, gnädige Frau," lachte der alte Seemann. „Wir müssen doch der dänischen Flagge die Honneurs machen." Und weiter hallte der donnernde Salut. Dann stieg langsam am Vormast der Danebrog, das weiße Kreuz i,m 190 den iro- plötzlich weniger ab?" ■ auf, tote in dem Jäger, der merkt, das; er auf richtige« Fährte ist. „Ihr Herr Gemahl konzertiert also auch im Sommer? Gönnt er sich denn gar keine Erholung? Da pausieren die Herrschaften von der Kunst ja doch sonst alle?" Es zuckte leise in Frau Söllnitz' Gesicht auf. . Der Abscheuliche, tote er sie quälte! Sie wußte natürlich längst, worauf das hinaus sollte: Der Klatsch über sie war also auch hier wieder im Gang, war ihr aufs Schiff gefolgt. Nun hatte die Meute Wind bekommen und hetzte wieder hinter ihr her. Ah! Sie hätte aufschreien können bor Zorn und Qual: Was hab ich euch denn getan? Kann ich mich denn nirgends hinflüchten, wo ich Ruhe habe? Ihr ganzer Körper flog vor geheimer Erregung; aber sie wahrte ihre Fassung. „Mein Mann hat sich für eine Konzerttournee in ainert- kanischen Seebädern verpflichtet. Daher kann er sich dies Jahr einmal nickst ausruhen." , Dann aber brach sie die Unterhaltung ab. Das Nteder- rasseln der Ankerkette bot ihr den willkommenen Anlaß dazu. Sie wies nach vorn. „Aber sehen Sie — wir gehen vor Anker." Und fiel wandte sich nach dem Vorderschiff zu, mit etwas hastigen Schritten. ihre Antwort: „Allerdings — mein Mann ist nicht abkömmlich." Völlig gelassen sprach sie es und sah dann wieder auf den Hafen hin. Die „Hamburg" hatte inzwischen ihre Fahrt ganz verlangsamt und stand nun still, um vor Anker zu gehen. Görtz merkte sehr wohl, wie sie seiner Unterhaltung ausweichen wollte; aber er blieb beim Thema. „Ah — das ist ja sehr bedauerlich. Sie würden gewiß Nvch viel mehr Freude an der Reise haben, wenn Ihr ^err Gemahl sie mit Ihnen teilen könnte." „Ohne Zweifel — aber man muß sich, eben in, die Ver- MltÄsse fchicken." Mit ruhiger Miene erwiderte sie es; doch an der Art, tote ihre Finger etwas nervös die kostbare Blaufuchsboa Eber dem Kostüm zurechtzupften, merkte er ihre innere Erregung. Eine geheime, prickelnde Freude stieg in ihm roten Felde, und die feierlichen Klänge der dänischen W , tionalhymne ertönten vom unteren Promenadendeck, wo die Schissskapelle der „Hamburg" sich aufgestellt hatte. So ' segelte langsam und majestätisch das stolze Schaff, die endlose weiße Schleppe kräuselnden Krelwassers hinter suh, in den Hafen von Reykjavik ein. Eine kleine Pinaß schoß dann von der Küste her dem riesigen Gast entgegen; nun war sie heran sre beherbergte 6en deutschen Konsul — und ließ zum Gruß dte deutsche Nationalhymne ertönen. Wie ein Ruck ging es durch die Reihen der Passagiere. Die Hererm zogen die Mützen vom Kopf, und heller leucht teten die Augen aus: „Heil dir im Siegerkranz!" Man sühlte sich stolz als Angehöriger der machtvollen Natron, die hier ihre Flagge mit so herrlichem Schiff zeigen durfte. Gottlob, daß die Zeit armseliger Krähwinkelei vorüber war ! Deutschland stand nun in erster Reihe des Weltverkehrs. Mit freudig gehobener Brust fühlte es jeder in diesem Augenblick. Inzwischen war der Danebrog wieder niedergegangeu, und das geliebte Schwarz-Weiß-Rot grüßte schlicht und doch stolz vom Mast. Zugleich setzte die Kapelle der „Hamburg "wieder ein, mit machtvoll anschwellenden Akkorden. „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!" — Die Wacht am Rhein! Sturmgewaltig rollten die wuchtigen Tonwellen über das Meer hin bis zur Küste. Im fernen Norden, an der Grenze des Polarkreises, tönte so zu dem weltentlegenen Gestade das prachtvolle, schmetternde Lied, das jedem Deut- scheti das Herz höher schlagen macht. Mit dem Kapitän, desseit Augen erinnerungssroh auf- reuchieten, standen die anderen Reisegefährten, ganz dem erhebenden Schauspiel hingegeben. Diese Situation benutzte der Regieruugsrat Görtz, sich Frau Söllnitz zu nähern. Er wollte doch einmal bei ihr vorsichtig das Terrain sondieren; den ganzen Nachmittag hatte er schon auf eine solche Gelegenheit gewartet. „Famvser Moment — so was! Nicht, meine Gnädigste?" wandte er sich an die junge Frau, die interessiert auf das belebte Hafenbild schaute. „Das Reisen bleibt doch entschieden der vornehmste aller Genüsse, besonders so an Bord eines Schiffes, wo man, sozusagen, das Welttheater aus der ersten Rang-Loge betrachten kann." „Gewiß." Frati Söllnitz sagte es, ohne ihn anzusehen. Dre einsilbige Antwort, die nicht gerade zur Konversation aufmunterte, entmutigte aber Görtz nicht. „Und doch gibt es Leute, die dem Reisen sonderbarer- toeife keinen Geschmack abgewinnen können." III. „Nun, gnädigste Frau, gute Nachrichten?" Leutnant von Kreßmann fragte es Frau Söllnitz, dte aus dem Postamt in Reykjavik herauskam. Er hatte sie, nach vielem Herumfragen, mit dem Regieruugsrat glücknch hierher geführt. „Gar keine." Enttäuscht und ein wenig besorgt kam die Antwort von ihren Lippen. „O!" bedauerten die Herren. „Mein Junge war nicht ganz wohl, als ich sbrtfuhr," erklärte Frau Söllnitz ihre Besorgnis. „Es hätte mich daher sehr beruhigt, wenn ich ein Telegramm bekommen! hätte. Sein Lehrer hatte mir auch fest versprochen, hierher zu depeschieren." „Sein Lehrer?" staunte der Leutnant im Weitergehen,, und starrte die jugendliche, schlanke Frau ganz ungläubig an. „Haben gnädigste Frau denn schon einen schulpflichtigen Sohn?" Frau Söllnitz mußte über feilt verdutztes Gesicht lachen, „Sogar einen, der bald in die Sexta kommt." „Wa—as?" Dem Regieruugsrat entfiel vor Entsetzen das Augenglas. Ja, nicht denkbar! Er hätte sie höchstens aus drei- oder vieruudzwanzig taxiert. „Daun müssen Sie ja aber unglaublich früh geheiratet haben, Gnädigste!" „Wahrscheinlich," erwiderte sie nur ironisch. Gedankenversunken gingen beide Herren schweigend neben ihr her. Sie hatte schon ein Kind, und dazu einen ganz großen Jungen! An den Gedanken mußten sie sich erst gewöhnen. Sie aber war wieder mit ihrem Sinnen daheim. „Ich meine immer, es müßte hier doch noch irgendwo eine Nachricht für mich sein," entfuhr es ihr unwillkürlich. „Auf dem Schiff, beim Briefsteward haben Sie schon nachgefragt?" erkundigte sich Herr von Kreßmann, auf ihren Gedankengang eingehend. „Natürlich, gleich heute morgen — aber nichts!" „Hm!" Auch der Regierungsrat sann nun nach. „Hören Sie — ein Gedanke!" durchfuhr es ihn. „Wenn wir mal beim deutschen Konsul uachfragten?" wandte er sich an seine Begleiterin. « „Ja, das ist wahr! Bielen Dank. — Wenn sich die Herren noch mit mir dahin bemühen wollten —?" „Aber mit Vergnügen!" versicherten beide eifrig, und so machte man sich von neuem auf die Suche. Endlich war es gelungen, deutsch, englisch, dänisch radebrechend — was Anlaß zu viel Heiterkeit bot, sich auf den Straßen und in Kaufläden zurecht zu fragen. Der „tyske Konsul" war aufgefuuden in Gestalt eines Kohlen-, Eisenwaren- und Tranhändlers en gros, namens Thorsten Gud- brandson; aber auch hier kerne Depesche! Statt dessen die überraschende Mitteilung, daß eine solche auch noch gar nicht hier fein konnte, da nach Island kein Kabel führt, und Telegramme vom letzten schottischen Hafen aus wefter mit dem Postschiff befördert werden. Dieses war aber erst in vierzehn Tagen in Reykjavik zu erwarten. | ^Donnerwetter, ja tadellose Verkehrsverhältnisse hier!" „Ein wahrer Segen! Es liefen einem sonst nur noch mehr überflüssige Menschen über den Weg." Es war dem Regieruugsrat fast, als ob das so eine kleine Anspielung sein sollte; aber er zog es vor, .....' Nischen Unterton zu überhören. „Sie reisen immer allein, gnädige Frau?" „Wieso?" Stutzig geworden, wandte sie ihm das Gesicht zu, mit einem forschenden Blick. „Ich meine, Ihr Herr Gemahl findet wohl Geschmack am Reisen, ober hält ihn sein Beruf .... Der Regierungsrat bemühte sich, eine recht gleichgültige Miene während dieser im leichten Konversationston geäußerten Worte zu zeigeu. Ein leises Fältchen erschien einen Augenblick zwischen den feinen Augenbrauen der jungen Frau, und ihr Blick drang scharf in den seinen. Dann kam nach kurzer Pause 191 vacht» Kreßmann, nfö sie wieder draußen waren. „Und das im zwanzigsten Jahrhundert! Einfach unjlaublich!" Die Heiterkeit und die Zusprache der Herren hals Frau Söllnitz schließlich über ihre Besorgnis hinweg. Ihre Begleiter hatten gewiß recht: Es würde zu Hause schon alles in bester Ordnung sein. (Fortsetzung folgt.) Eine Heldin. Mvelle von Wax Karl Böttcher- Chemnitz« (Nachdruck Verbotes (Fortsetzung.) Kathinka zuckte zusaminen und Ward aschfahl. Bor Entrüstung fand sie nicht gleich Worte, Endlich stieß sie hervor: „Sie Unverschämter, == Sie --i Im Augenblick verlassen Sie mich." Aber der Graf trat näher und griff nach ihrer Hand. Da schleuderte sie ihn im höchsten Zorn zurück, daß er taumelte, und rief: „Sie Elender — ich verachte Sie." Sein Gesicht war entstellt, aus dem glatten Höflings- antlitz war eine verzerrte Fratze geworden. „Erhören Sie mich, —S werden Sie meine Frau," keuchte er. Kathinka wällte fliehen, aber er verstellte ihr den Weg und packte sie hart am Arm. „Werden Sie meine Frau." „Nie — nie — tausendmal nie." Da wurde er plötzlrch ganz ruhig. „Ha — Sie wollen nicht? — Sie müssen. — Jetzt fort Mit dem falschen Visier. — Nicht aus Liebe begehre rch sie, sondern sie sollen mich rächen und meine Stellung bei Hofe ewig befestigen." Durch Kathinras Herz zog ein Ahnen des Kommenden. Sie war von Schwäche übermannt und lehnte sich an den Stamm eines Straßenbaumes und blickte hilflos zu Hollen. Dieser fuhr fort: „Oder glauben Sie, ich wüßte nicht um Ihre Liebe zum Herzog, — dieser verbrecherischen Liebe, — ich wüßte nicht von Ihren heißen Küssen am Garnisongehölz am Tage Ihres ersten Ausrittes mit dem Erbvrinzen, — von Ihrem Flirten in Berlin und Luzern? — Nichts weiter s—i diese Proben genügen. Sie und der Herzog sind ganz in meiner Hand, ein Wort von mir, und der Fürst und das ganze Land und Sie sind blamiert und dem Skandal preisgegeben. — Und ich werde es sprechen, dieses Wort,- oas schwöre ich, — nur Sie können die Sache ungeschehen machen, indem Sie mein Weib werden. Ihre Liebe zum Herzog ist groß, ich weiß es, — und diese Liebe soll mich! rehabilitieren am Hose.1— Das ist mein Plan. ’ 24 Stunden haben Sie Bedenkzeit, — ist dann noch kein zustimmender Bries in meinen Händen, steht morgen abend Ihr ganzer Liebesskandal in einer Zeitung der Reichshauptstadt. Ich habe nichts zu verlieren hier. — Und nun — adieu." Er wandte sich ab, — nach zehn Schnitten jedoch blieb er stehen und sagte noch: „Hoffen Sie aber nicht, daß der Herzog die Heirat nicht genehmigen wird, — denn Ihre Aufgabe ist es noch, die Heirat zwischen uns! von Sr. «Hoheit zu fordern, weil Sie mich — lieben." Er lachte teuflisch aus und schritt dann schnell davon. Kathinka erwachte wie aus einem schrecklichen Traum. Sie stellte das Körbchen nieder und preßte beide Hände an die Schläfe. So verharrte sie lange Zeit. Plötzlich schreckte sie in die Höhe, faßte den Korb und lief hastig davon. Sie mied die belebten Straßen, und erst, als sie in den herzoglichen Park einbog, schöpfte sie Atem. Sie kam sich vor wie geschändet, — sie glaubte, die ihr'angetane Schmach müsse ihr jeder vom Gesicht ablesen. Durch das Hinterpförtchen schlich sie in das Gartenvalais, und ohne erst die Fürstin zu begrüßen, schlüpfte sie in ihr ZimMer. Sie schloß sich ein una warf stich dann auf ihr Bett und in lautem Schluchzen löste sich! der Schmerz. Jedes Wort, jede Miene des Grasen trat ihr wieder vor die Seele. Sie fühlte ihre Ohnmacht, fühlte, daß sie dem Willen dieses Elenden machtlos preisgegeben sei. Allerhand Pläne durchkreuzten rhr Hirn. Sre wollte fliehen, H sie wollte im Tode Rettung such!en, aber nur zu gut erkannte sie, daß dadurch nichts gebessert sei. Graf Hollen; würde dann erst recht den Skandal provozieren und des Herzogs Ehre in den Staub ziehen. Bei diesem Gedanken wällten ihr die Sinne schwinden. Ihre Liebe wurde mit ganzer Kraft wieder wach' — und dieser Liebe entrang sich auch der heroische Entschluß, auf das Verlangen des Grafen einzugehen. Sie sprang auf, eilte an den Schreibtisch und warf etliche Worte aus einen ihrer Briefbogen. „Ich bin die Ihre. Kathinka von Hämmerling." Sie schrieb hastig und schnell, in heißer Furcht, wieder wankend zu werben in ihrem Entschluß. Dann kühlte sie sich Augen und Wangen mit einem feuchten Tuch, ordnete ihr Haar und trat dann in das Empfangszimmer. Dem diensthabenden Lakai überreichte! sie den Bries mit der Weisung, ihn sofort her Postau geben,- und nun trat sie gefaßt und ruhig an der Fürstin Bett« „So — da bin ich wieder, Durchlaucht," sagte sie. „Schpn, mein Kind. Komm, setz Dich zu mir und erzähle vän unseren Kranken. Erst jetzt kam es Kathinka zum Bewußtsein, daß sie ja gar kerne Kranken besucht hatte. Sie suchte nach einer Ausrede, doch die bläugrauen Augen der Fürstin schauten sie so gütig fragend an, — sie vermochte nicht zu lügen. Das ganze Weh stieg wieder in ihr auf, die Selbstbeherrschung verließ fie und laut weinend sank sie am Bett der Fürstin nieder. „Um Gottes Willen, Käthi, was ist geschehen?" rief Ihre Durchlaucht und zog das schluchzende Mädchen an sich!. Aber lange, lange mußte sie ihr zureden, ehe sie Kathinka zum Sprechen brachte. Stoßweise, in abgerissenen Sätzen erzählte sie dann ihr Leid. Wie die Liebe zum Erb- prinzen entstanden sei, wie sie gekämpft und gelitten habe, wie sie sich endlich durch! ihre Freundschafts liebe zu Prinzeß Clarissa zur Entsagung durchgerungen habe und nun durch des Grafen niedriges Verlangen so hart gestraft werde. Die Fürstin hatte schweigend der Beichte des Mädchens zugehört. Und als Kathinka geendet hatte, sprach sie mitleidsvoll: „Du armes, armes Kind." Und nach geraumer Zeit: „Um Deine Liebe habe ich wähl gewußt auch daß Du sie überwinden würdest. Aber daß das Schicksal so hart sein könnte, — wer hätte das geahnt." Leise weinend sagte Kathinka: „Ich nehme die Buße auf mich, so schwer mir es wird." Die Fürstin richtete sich auf. „Wie — Du wolltest des Schurken Weib werden? — Nie — nie gebe ich das zu — mag da werden, was will. Noch heute spreche ich mit dem Serzog. Ich weih, wie sehr er Dich liebt, mag er diese iebe vor der Welt bekennen. Das Land kann froh sein, daß es ein solches Weib, wie Du, zur Fürstin bekommt. Nicht Ahnen- und Fürsten'blNt machen den Herrscher, nein« die Gesinnung und das Herz." Erschöpft sank die alte Dame in die Kissen zurück. Kathinka war aufgesprungen und deckte mit der Hand ihre Augen. Berauschend prächtige Bilder stiegen vor ihr auf. Sie sah sich an des Herzogs Seite im Krönungssaale stehen, von den höchsten Würdenträgern gehuldigt, vom Volke umjubelt, — aber dazwischen grinste die höhnische Fratze Graf Hollens, und dann sah sre ein Mädchen aus dem Thronsaal schleichen, ^weinend und ihr drohend, und wie ein gellender Höllenschrei klang es ihr in den Ohren: „Die hat mir meinen Bräutigam gestohlen — Eure Fürstin ist eine Diebin." Sie schrie selbst auf, gellend und! verstört, und dann lachte sie in wahnsinniger Lust und wankte zum Bett: „Ich foll Herzogin werden, ich — ich —? Und was wird aus Clarissa? — Und was wird aus Graf Hollen? — Zu meiner verbotenen Liebe noch dieser Verrat. — Nein, Fürstin,- — mein Entschluß steht fest: Graf Hollen wird mein Mann, — er hat mein Jawort." „Unglückselige, diese Uebereilung wirst Du bereuen ein ganzes Leben hindurch. Doch es ist ja noch nichts verloren. Ich werde den Herzog zu nur bitten, er soll selbst entfcheiden." Aber Kathinka bat und flehte, davon abzustehen. Sie könne den von der Fürstin gebotenen Ausweg keinesfalls! beschreiten. Denn wie könne ein Glück bestehen, das auf den Trümmern eines anderen aufgebaut sei, — und Prinzessin Clarissa liebe den Herzog aus vollem Herzen. Da schwieg die Fürstin. Sie zog Kathinka zu sich nieder und küßte sie auf Stirn und Münd, und sagte: „Diü edles Mädchen. Du sollst von heute ab sein wie mein eigenes Kino«" (Fortsetzung folgt.) 192 wiener Mrstlererlmierungen. Subttng Ritter von Przibrams „Erinnerungen eines alten Oesterreichers", die vor einiger Zeit erschienen sind, stehen noch in angenehmer Erinnerung. Jetzt läßt der „alte Oesterrercher einen zweiten Band folgen, der noch prächtiger ist, als der erste und namentlich wegen der zahlreichen Erinnerungen an bedeutende Künstler dem Buche viele Freunde werben wird. In Wien wurde Przibram Mitglied der „grünen Insel", eines Bundes lustiger Künstler, der m dem Htnterstubcheu ernes Bierlokales auf dem Kohlmarkte, „zum Lothringer" geheißen, allwöchentlich einmal zusammen kam. An der Spitze dieses Bundes, der mit seinen lustigen Sitzungen immer recht geheimnisvoll tat, stand ein „Großmeister". Zu der Zeit, wo Przibram der grünen Insel angehörte, war „Siegwart, der Babylonische", tut bürgerlichen Leben Swoboda, der Maler, Großmeister. Dieser Großmeister hatte nach Przibrams launiger Schilderung die eigentümliche Gabe, in beinahe allen lebenden Sprachen Reden zu halten, die kern der Sprache Kundiger sonst verstand, weil er die Laute, den Akzent, kurz die ganze Vortragsweise der fremden Sprache tn so merkwürdiger Art vortäuschte, daß selbst Sprachverständige ihm lange ernsthaft folgten, bis sie des Betruges inne wurden. Einest Abends erschien Alexandre Dumas, der Aeltere, als „Pilgrim" wie es im Jnseljargon hieß. Dem Großmeister fiel ine Aufgabe zu, den Fremdling mit einer Rede in französischer Sprache zu begrüßen. Das' tat er denn auch mit entsprechender Feierlichkeit in Haltung und Ton. Dumas strengte seine Hörkraft! aufs Aeußerste an und hing mit den Augen an den Lippen des Festredners, der sein süßestes Lächeln aufgesteckt hatte, bis er im Tone der Verzweiflung seinem Nachbar zuries: „Mais, ie ne compremends Pas un mot." („Aber ich verstehe kein Wort!') Es brach ein Sturm der Heiterkeit los, in den Dumus einstimmte, als man ihn aufgeklärt hatte. Bei den Mitgliedern der grünen Insel war es Sitte, daß jeder zur Weihnachtsbescherung einen Gegenstand liefern mußte, der den Wert eines Guldens nicht übersteigen durste, wenn es nicht ein Erzeugnis seiner eigenen Kunstfertigkeit war. Rudolf Alt, der Aquarellist, brachte zu einer solchen Weihnachtsvescherung nun einmal ein wohleingehülltes Blatt, auf das sich- 6et der Verlosung alle Blicke begehrlich richteten. Es war ein stilleben, dem folgende Zeilen beilagen: „Der Gegenstand dieses Bildes — nämlich ein Krügel Bier, ein Rettich, ein Käse und ein Brot — repräsentiert einen Wert von höchstens I5 Kreuzern, weshalb ich zur Ergänzung noch den auf einen Gulden fehlenden Betrag beilege. Auch im Kreise der Musiker, die sich in Wien nach den Philharmonischen Konzerten um die Mittagsstunde zum gemeinsamen Essen oder sonst in einem bescheidenen Lokale versammelten, hat Przibram hübsche Proben von Künstlergeist sammeln können. Joseph Hellmesberger, der Geiger, spielte auch bet den launigen Unterhaltungen die erste Geige. Wegen seines schlagfertigen Witzes, nicht von der stechenden Sorte, sondern von der harmlosen, war er sehr beliebt. Immer hatte er eine treffende! Bemerkung, manchmal auch einen Kalauer in Vorrat. Als Direktor des Konservatoriums, hatte er eine Orgel, ein Geschenk eines Gönners der Anstalt zu prüfen. Einige Beisitzer des Prüfungsausschusses bemängelten das Qietschen der Pfeifen. Aber Hellmesberger beschwichtigte sie mit den Worten: „Meine Herren, einer geschenkten Orgel sieht man nicht in die Gorgel." Als in Wien zum ersten Mal eine Serenade Robert Vollmanns im Beisein des Komponisten aufgeführt worden war, sollte Hellmesberger den Tondichter in einer Rede feiern. Nun war Volkmann der schweigsamste Mensch, dem man sich überhaupt denken kann, und so hielt Hellmesberger die folgende Rede: „Wenn Schweigen! Gold und Reden Silber ist, welchen Schatz müß sich Unser Freund zusammengeschwiegen haben." Mit dem russischen Klaviervirtuosen Pachmann, der gerne däs verkannte Genie Markierte, kam Przibram in einem Wiener Salon zusammen. Der Russe wurde der Gemahlin des Obersthofmeisters, Fürstin Hohelohe, einer Tochter der Freundin Liszts, der Fürstin Wittgenstein, vorgestellt. Die Fürstin machte ein paar schmeichelhafte Bemerkungen über Pachmanns Spiel, darauf sagt dieser nach langer Pause: „Fürstin sind musikalisch?" —< „Jawohl, eben genug, um meinen Kindern Unterricht geb^eu zu können." Neue Pause, während welcher der Russe vor sich hinstarrte. Endlich die Frage: „Fürstin haben auch Kinder?" „Jawohl." Abermalige Pause. „Fürstin sind verheiratet?" Die geistreiche Konversation wurde bei dieser Wendung durch die los-' brechende Heiterkeit der Umstehenden unterbrochen. Zum Schlüsse sei noch ein schönes Wort Böcklins über Joachim mitgeteilt. Joachim hatte in Zürich ein Konzert gegeben, und danach wurde Joachim mit Böcklin bekannt gemacht. Die beiden gerieten bald in ein lebhaftes Gespräch, aber als Przibram nachher mit Joachim allein war, bemerkte dieser mit einer gewissen Niedergeschlagenheit: „Mer mein Spiel muß ihm doch nichts gesagt haben, wenigstens äußerte er sich mit keinem Worte darüber." Tags draus hörte von Przibram aus Böcklins eigenem Munde die Begründung dieses Schweigens über JoachimZ Spiel: „Ich werde mir doch nicht erlauben, einem Manne wie Joachim Komplimente ins Gesicht zu sagen." Vermischte». Aus Heines Leidens zeit erzählt Jules Clä« retie in den Annales eine melancholische Geschichte. Es war zu jener Zeit, da Heine dem Tode bereits nahe und kaum noch imstande war, zU sehen, da seine Augenlider gelähmt "waren und er sie nur mit Hilfe der Hände zu öffnen ^vermochte. Der berühmte! französische Historiker Augustin Thierry war damals schon völlig erblindet und mußte sich, wie Heine, eines Sekretärs bedielten. Wer Thierry konnte seinem Sekretär nur eilten sehr bescheidenen Lohn gewähren, er war nicht vermögend. Verschiedene seiner ftüheren Gehilfen hatten die Stellung nach einiger Zeit aufgegeben und errangen sich ausnahmslos einen guten literarischen Namen; bei seinen bescheidenen Verhältnissen mutzte Thierry einen Trost darin sehen, daß seinen schlecht bezahlten Mitarbeitern wenigstens gute Zukunftsmöglichkeiten winsten: die Tatsache, bet dem berühmten Geschichtsforscher Sekretär gewesen zu sein, war ein gutes Sprungbrett für den künftigen Aufstieg. Thierry engagierte damals als Sekretär einen gewissen Eduard Siebecker, den er ebenfalls mit diesen Zukunftshoffnungen vertrösten mußte; der Gelehrte bemühte sich aber, seinem Gehilfen wenigstens noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, und schickte Siebecker zu dem schwer- kranken Heine, der einen Sekretär suchte. „Er braucht jemand, der auch Deutsch spricht; aber sagen Sie ihm nicht, daß Sie mit mir arbeiten: er ist sehr eifersüchtig und würde Sie nicht engagieren. Er will einen Sekretär, der sich ausschließlich ihm widmet." Der junge Siebecker ging zu Heine. Es war ein trauriges Bild, das sich ihm bot. Im kahlen Zimmer lag auf dem kahlen Fußboden eine Matratze und auf ihr ruhte der Dichter; nur noch ein Schatten seiner selbst, abgezehrt wie eine Leiche, ein Anblick, der erschütternd wirkte. Als Heine das Geräusch der ausgehenden Mr hörte, führte er mühsam die Hand zum Auge und hob das Lid empor, um den unbekannten Besucher sehen zu können. Und er fragte dann den jungen Mann sofort, ob er nicht Sekretärs bei Thierry sei. Der empfangenen Weisung getreu erwidertes Siebecker: „O nein, aber Thierrys Sekretär hat mir ein Empfehlungsschreiben verschafft: wenn Sie es sehen werden Heine, dem das Augenlid bereits wieder herabgesunken war, und der seine Sehkraft fast ganz eingebüßt hatte, verzog bitter daq Gesicht. Der Sekretär unterbrach sich mitten im Satze: er begriff, daß er mit dem Worte „sehen" einen wunden Punkt 'getroffen hatte. Er wurde auch von Heine ziemlich taj verabschiedet. Siebecker kehrte zu dem blinden Thierry zurück und erzählte ihm deprimiert: „Es ist gescheitert: Heine hat sich Bedenkest ausbedungen, aber wenn Ste ihn sehen. . ." Zum zweitenmal unterbrach sich der junge Sekretär und biß sich auf die Lippen, während der greife blinde Gelehrte melancholisch den Kopf schüttelte und rief: „Sehen! Welch ein grausames" Wort . * Schöner Traum. Alte Jungfer: „Welch' herrlichen Traum hatte ich die letzte Nacht! Ein Herr wäre mit mir durchgegangen und dafür wegen Entführung einer Minderjährigen bestraft worden," Schachaufgabe. 8 7 6 5 4 8 2 1 b b d d 7 6 5 8 3 2 1 g h Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummert Gabel, Gabriel. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang»,