Dienstag, Len 24. Dezember M2 ■ Nr. 202 MAM ■Äst ITQeTü »>ÄKhij MjJ j Us e-K iS! M W Eine Weihnachtsreise. Von M arie Silling. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Nach einer langen, bangen Stunde in dem dunklen, durchkälteten Abteil" war Riesa erreicht. Beim Aussteigen fragte der Schaffner: „Gehört Ihnen der Koffer, Madame? Ich sand' ihn hier außen auf dem Trittbrett stehen." Es war der verloren geglaubte und glücklich wivdergefundene. „Nun, Alte, lache einmal," sagte Papa Caroc, „mich und den Koffer hast du wohlbehalten hier gelandet, und wir befinden uns in einem anständig warmen Lorcu, haben wieder Gasbeleuchtung, einen gedeckten Tisch, Aussicht auf eine Mahlzeit, und meine Ahnung täuscht mrch nicht, auf eine Flasche Sekt. Wenn ich in meinem Leben nicht lustig war, heute abend will ich's sein!" Obwohl die Bahnhofsraume überfüllt waren, wollte doch niemand sie verlassen, um einen Gasthof aufznfuchen, weil man hoffte, dann eher befördert zu werden. Es fand sich auch noch Platz in einem kleineren Nebensaal für die in Weißig bekannt gewordene Gesellschaft, zu der sich ein alter Amerikaner mit langem weißen Volwart und spärlichem Haarwuchs gesellt hatte. Was noch von eßbaren Resten vorhanden war, wurde aufgetragen-, es fand sich auch wirklich. Champagner vor, und bald hatte eine ausgelassene Lustigkeit sich aller bemächtigt. Für die Damen und die alten Herren wurden dann Matratzen auf dem Fußboden arrangiert, während dre jungen Männer sich mit Lagerstätten auf zusammengestellten Stühlen begnügen mußten, welche die Damen ihnen durch überflüssige Tücher bequemer zu machen suchten. Herr Caroc junior hatte den Fußsack und die Muffe der jungen Frau als Kopfkissen erobert und erklärte seiner besorgt fragenden Mutter, er würde so schön wie noch me rn seinem Leben schlafeii. Der alte Amerikaner, der kem Wort Deiitsch verstand, begann inzwischen sich umständlich für die Nachtruhe vorzubereiteü und vollständig Toilette zu machen, zur Empörung der jungen Herren und Belusti- aung der Dmnen. Dennoch war bei allen die Erschöpfung so groß, daß es endlich still wurde in dem weiten Saal, der wohl noch nie zu einem solchen Nachtlager gedient hatte. Um vier Uhr früh weckte ein Beamter, der den Berlinern ihre Erlösung verkündete. - , r ■ , , „Und wann werden wir befördert?" rief der junge Caroc aus seiner Ecke. . . r „Für die Dresdener Herrschaften ist ein Dampfer telegraphiert. Um zwölf Uhr mittags wird er hier abgehen „Um im Grundeis wieder stecken zu bleiben, b'uszte Frau Caroc leise vor sich hin, legte sich aber, nachdem sie sich überzeugt, daß der Gatte friedlich fort schnarchte, auf ihre Matratze nieder, um ihre müden Glieder weiter zu ruyen. Am andern Tage sich man, kurz vor der gefürchteten Wasserreise, nochmals bei einer Mahlzeit beisammen, und Frau Caroc packte ein großes Paket Butterbrote em für alle Fälle, unt wenigstens sicher vor dem,Hungertode zu sein, als der Bahnhofs-Inspektor lächelnd m den Saal trat und mit weithin tönender Stimme erklärte: ,,^n einer halben Stunde wird der erste Zug nach Dresden abgelassen!" - Hatten deutsche Truppen noch einmal den französischen Kaiser bei Sedan gefangen?! Nur diesem Rausch vergleichbar war der Jubeh welcher die weiten Räume des -ostlwMss durchbrauste. Da gab es -ein Hochrufen, ein Bravoklatschen, ein Umarmen und Küssen, weinende, lachende, -auch ohn- mächti-ge Damen. Auch Frau Caroc siel ihrem Gatten um den Hals und rief unter Tränen lachend: „Nun werden wir doch noch mit den Kindern und Enkelkindern das schone Fest Verleben." „Ja," meinte der alte Herr, „nach einer Reise von fünfundsiebzig Stunden, wie vor fünfzig Jahren!" „Und wo werden Sie den Weihnachtsabend verleben, gnädige Frau?" sargte leise Herr Caroc junior. Ernst, fast traurig, sah die junge Frau zu ihm auf: „Da, wo ich intmer bin, unter Fremden." Auf dem Bahnhof in Dresden sahen Kops an Kopf gedrängt Hunderte von Menschen, als dort der erste Zug unter nicht endenwollenden Hochrufen eintraf. Aber keine Droschke, kein Schlitten war zu sehen, welche die Anlommen- deu hätten weiterbefördern können. Nach vieler Mühe erst gelang es Herrn Ferdinand Caroc, zwei Schlitten aufzn- treiben und darin seine Eltern und die junge Fraunnterzu- bringen. '„Wohin darf ich dem Kutscher sagen, daß er Sie fahren soll?" frag er und erteilte ihm Bescheid. Dann, sick nochmals an sie wendend und feine Hand zum Abschied ausstreckend, sagte er: „Sic erlauben mir wohl, mich nach Ihrem Befinden erkundigen zu dürfen, gnädige Frau, nicht Sie nickte Gewähr; dann, indem purpurne Glut ihr ganzes Gesicht übergoß, bemerkte sie schnell und lächelnd: „Ich widerspreche nieHwenn ich „gnädige Frau" angeredet werde. Sie empfinden ja selbst, daß einer Frau der Ver- kehr erleichtert ist; doch bin ich weder verheiratet, noch, wie Sie nach den Trauringen meiner verstorbenen Eltern, welche ich zur Erinnerung trage, anzunehmeu scheinen, eine. Witwe. Auch lebe ich nicht bei meinem Schwager, sondern bin die Erzieherin der Baronesse Meineck. Dort, muß ich Sie bitten, mich aufzusuchen!" Die Pferde zogen an. Halt," bornierte Herr Caroc junior. „Ich muß Sie heute noch sprechen — bald — ich. finde Sie bei Ihrem Herrn Schwager? Sagen Sie, daß ich darf!" Sie dürfen, aber nun lassen Sie mich fahren; denken Sie an die Ungeduld Ihrer Eltern!" Er trat zurück und lüftete den Hut, aber ein strahlen- des glückliches Lächeln -lag siegesgewih auf dem Gesicht des 806 1 i < •I } heilige Kacht. Von Ernst Georg h. (Schluß.) Mit väterlicher • Fürsorge umhegte er das Mädchen. Me mußte tüchtig essen und trinken, dann drang er darauf, daß sie srch im Coups sofort zum Schlafen nieder- logte. Er hüllte sie warm ein und nahm ihr gegenüber Platz. Jetzt waren sie noch fast allein im Zuge. — Wie ein müdes 'Kind ließ sich Emma alles gefallen und lächelte ihm nur dankbar zu. Zum Sprechen war sie zu abgespannt. — Plessen betrachtete im Halbdunkel, wenn er aus dem Schlaf auffuhr, immer wieder das blasse Gesichtchen der Schlummernden, auf das silberblonde Locken fielen. Er fühlte einen tiefen Frieden in sich und rückte ihr Kissen und Decke zurecht oder strich die weichen Haare aus der Stirn. — Am Morgen erwachte Emma recht gestärkt. Sie wusch und lammte sich in der bequemen Toilette des prachtvollen russischen Zuges und kehrte erfrischt zu Plessen zurück, der sich auch- zurecht gemacht hatte. — Ein Kellner brachte ihnen heißen Tee und gutes Gebäck, und sie frühstückten gemütlich und in bester Laune. Der Tag verstrich ungemein rasch; anders als die vorhergehenden. Der Gutsbesitzer und die junge Erzieherin plauderten von Ba- lianowka. Emma konnte nicht genug erzählen von ben prächtigen Menschen. Gar manche heiße Träne rollte über ihre Wangen bei diesen Rückerinnerungen. Er lauschte ergriffen, und seine Sympathie für sie stieg. — Dann bat sie ihn, von seinen Kindern zu sprechen. Er zeigte ihr die Photographien, die er bei sich hatte. Durch ,kluge Fragen erfuhr Emma bald, wie es aus Landwitz, seinem Besitz, stand. Sie hatte einen scharfen, praktischen Verstand. Jeder Ratschlag, den sie gab, jedes Mittel, das sie zur Abhilfe der Uebelstände vorschlug, leuchtete ihm ein. „Sie haben in den fünf Jahren genug vom Landleben und wollen jetzt wieder Berlin, Ihre Geschwister und Großstadtsreuden gemeßen," sagte er traurig. „Ich kann das begreifen! Aber — bei mir ist es so traurig und einsam im Hause. Die Kinder verwildern, die Wirtschaft nicht minder! Wir konnten alle eine verständige, liebende Frau — eine Leiterin des Hauswesens," fügte er schnell hinzu, „gebrauchen"! — „Sie haben doch eine Verwandte auf Landwitz?" fragte Emma. „Ach, sie ist alt und unlustig, am liebsten kehrte sie uns morgen schon den Rücken. Ich kann auch das verstehen!" Emma schaute mitleidig in Plessens hübsches, so resigniertes Gesicht, das von braunem Vollbart umrahmt war. Seine würdige, gütige Art gefiel ihr stündlich mehr. Schon hatte sie Lust, sich ihm als Erzieherin anzubieten; aber da fielen ihr Berlin und ihre Geschwister ein. Sie freute sich doch zu sehr auf das Stadtleben, auf die langentbehrten Theater- und Konzertgenüsse. — So schwieg sie. — Er seufzte und lenkte das Gespräch auf allgemeine Dinge. Wieder waren beide innerlich erstaunt, wie sehr sie in ihren Geschmacksrichtungen und Lebensauffassungen übereinstimmten. — Wieder war es Nacht geworden. Ein Schaffner passierte den Wagen, in dem die beiden Reisenden gerade von den mitgenommenen Eßvorräten speisten. Plessen zog die Uhr. „So spät bereits!" rief er überrascht. „Nicht wahr, Kondukteur, wir müssen bald in Werjballowo (Wirballen) an der Grenze sein?" — Der Mann schüttelte lachend und verneinend den Kopf. „An der Grenze? O nein, Bärin (Herr), bei dem Wetter? Wir haben sicher acht Stunden Verspätung, wenn es nicht mehr werdep. Wir stecken schon wieder in einer Schneewehe fest!" /-Damit ver- schlvand er, und.die Zurückbleibenden schauten sich betroffen an. In Emmas Augen braten Tränen. „Wie schade," sagte sie seufzend, „aus dem Heiligen Abend im Kreise der Meinen wird nun doch nichts! Und ich hatte mich so namenlos darauf gefreut!" Sie biß sich auf die Lippen und kämpfte die Enttäuschung tapfer hinunter. Dann streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte bittend : „Wie egoistisch ich bin, verzeihen Sie mir, Herr Plessen! Ich habe ganz vergessen, daß Sie um meinetwillen nun auch uicht mehr zur Zeit ankommen können!" — Er lachte bitter: „Nehmen Sie das nicht tragisch, Fräulein Emmchen! Bei mir in Landwitz ist erst dann Weihnachten, wenn ich ankomme. Meine Cousine hat wenig Sinn dafür. Sie gibt den Leuten das für sie Bestimmte an Geld und Geschenken. Die Kinder bekommen ihr Bäumchen doch erst, wenn ich es ausgesucht, habe fällen lassen und es ihnen geschmückt habe. Die kleinen Wesen rechuen noch nicht mit dem Datum. Sie haben eben länger ihre Vorfreude!" —- Er drückte ihre Hand und ließ sie sanft fallen. Wieder legten sich beide zum Schlaf nieder. Sie hatten auch reichlich Zeit dazu, denn mit größten Pausen und unter gewaltigsten Anstrengungen erreichte der Zug erst gegen elf Uhr vormittags die russische Grenzstation Wirballen. Emma und ihr Beschützer benutzten die zweistündige Aufenthaltszeit zux Toilette und leiblichen Stärkung. Dann verließen sie Rußland und trafen zehn Minuten Mannes, und ein Abglanz leuchtete auf in den ernsten Augen der jungen Dame. , Der letzte und kleinste Teil der fünfundscebzrgstundigen Reise wollte allen sehr lang erscheinen. An den Serien der Straßen lagen mächtige Schneewälle aufgeschüttet, aber auf den Pferdebahngeleisen war doch schlechte Schlrtten- bahn. Endlich angelangt, läutete der Sohn Sturm an der Hausglocke. Der Gärtuer, die Köchin steckten die Kopfe zum Fenster heraus. „Herr Gott, die alten Herrschaften srnd's, und heil und gesund!" Der Ruf mußte sich wohl wie em Lauffeuer weiter verbreitet haben, denn noch ehe der alte Herr sich aus seinen Einwickelungen herausschälen konnte, hob ihn der Schwiegersohn aus dem Schlitten heraus, während die Tochter weinend intb lachend der Mutter in den Armen lag und sechs allerliebste Sprößlinge, im bloßen Kopf und Kleidchen, tanzend, jubelnd und schreiend bte enb- lich angekommenen Großeltern umsprangen. Im Hinter- grunbe aber, in ber Haustür, staub ein Mädchen mit Pantoffeln und Schlafröcken und die Köchin mit einem Paar mächtigen Wärmkruken, den Utensilien, die sie seit Tagen im Hause herumgetragen hatten für die armen Eingeschneiten. „Wo ist denn der Ferdinand?" fragte die Schwester. „Ja, wo ist er denn? Dort, eben im Begriff, wieder sortzufahren!" . „Wo willst du schon wieder hin?" riefen alle zugleich. „Ich habe etwas vergessen," klang die fast jubelnde Antwort zurück, während der Schlitten davon flog. „Gewiß ist der graue Koffer nicht mitgekommen," argwöhnte die Mutter; doch da am- Tor lagen ja friedlich nebeneinander alle fünf Stück Handgepäck. „Mir ist es dunkel, was. er will," lachte der alte Herr, „aber mich soll's nicht weiter kümmern. Hurra, Alte, wir sind da, und, Kinderchen, wir haben etwas zu erzählen! Fetzt aber, meine Else>, laß einen Draten vorfahren; ich hoffe, sie sind nicht alle verbrannt, und dann sollst du einen dank-, baren Esser haben!" Milliarden Sterne blitzten auf die weite, weiße Schneedecke hernieder, mit welcher Mutter Natur schützend ihre schlafenden Lieblinge zugedeckt hatte. Von den Türmen der Stadt erschollen die ehernen Grüße bis in die entlegensten Straßen, klopften an jede Tür und an jedes Herz mit ber alten, überall ersehnten Friebensbotschaft. Und dasWohl- gefallen unter ben Menschen, bas leuchtete aus jedem dankerfüllten Auge unter den brennenden Weihnachtsbäumen. Auch die Großeltern saßen inmitten ihrer jubelnden Enkelschar unter den Kerzen des Taimenbaumes und freuten sich des behaglichen Beisammenseins und des Glückes der ihrigen. Da trat ber Sohn herein, ber bisher gefehlt hatte, und sagte, indem er jeden Vorwurf abschnitt: „Scheltet nicht, ich bin heute ber Glücklichste von euch allen unb habe euch auch noch ein Geschenk mitgebracht, das euch hoffentlich alles Leib verschmerzen läßt, welches dis Schneereise uns bereitet hat." Einen Augenblick trat er dann in das Nebengemach zurück, um gleich darauf mit ber Reisegefährtin am Arme wieder zu erscheinen. „Erlaubt, daß ich euch meine liebe Braut, Fräulein ' Margarethe Werner, vorstelle. Die Schwiegertochter ist dir doch recht, Papa?" meinte er neckend, „war's mir doch, als wenn sie dir zuerst gefallen hätte!" Die Braut lag indes der Mutter im Arm nnd flüsterte: „Werden Sie mich ein wenig lieb haben, beste Mama?" „Höre, kleine Hexe," rief der alte Herr, nachdem auch er die neue Tochter herzlich geküßt hatte, „hätte ich gewußt, daß du meine Schwiegertochter würdest, dann hätte ich dich in ber ersten Nacht, als bu dich so unnahbar in deine Frauenwürde hülltest, gleich noch! besser an das Rauchen gewöhnt! Dem Geheimrat aber, meinem alten Freunde, werde ich raten, wenn er wieder einmal in seiner Praxis einen unverbesserlich scheinenden Junggesellen hat, ihn auf eine Weihnachtsreise zu schicken." 807 später in der preußischen Grenzstadt Eydtkuhnen ein. — Beim Anblick des ersten blauen Briefkastens, beim Erklingen der deutschen Sprache ringsum bemächtigte sich Emmas ein wahres Fieber. Sie lachte und weinte, sie jubelte vor Wonne. „Ach, bin ich undankbar," rief sie, „ich hatte es so gut in Balianowka! Ich liebe Wonsakins wie meine nächsten Verwandten! Aber ich bin ja so selig, wieder in Deutschland, in meinem Vaterlande zu sein!! Seien Sie bloß nicht böse, lieber Herr Plessen!" — — „Ich begreife Sie vollkommen!" beteuerte er herzlich und freute sich Wer ihr strahlendes, glühendes Gesicht. Dann ermahnte er sie, an ihren Bruder zu telegraphieren. Es war ja der vierundzwanzigste Dezember, und sie konnte beim besten Willen nicht mehr zurecht kommen, um den Heiligabend mit den Ihren jn feiern. — Emma sandte ihr Telegramm mit geheimem Seufzen fort. Dann beherrschte sie sich und bestieg mit Plessen den ausgezeichneten Zug. — Jedoch im Osten Deutschlands herrschte.seit Wochen das gleiche Schneewetter wie in Rußland. Auch hier waren die hinderndsten Schneeverwehungen. Auch hier kam der Zug nicht vorwärts, sondern blieb alle Minuten einfach stecken. Da nützte kein Fluchen und Wettern der Reisenden, der Bahnbeamten! Jn Dirschau saß man einfach fest. Es ging nicht weiter! Alle Versprechungen, daß die Strecke bis zum nächsten Morgen frei sein sollte, wurden kaum angehört/ Es gab eine wahre Revolution unter den Passagieren, die sich auf Weihnachten daheim gefreut hatten und nun nicht weiter konnten. — Je mehr alle Leute ringsum schalten, um so ruhiger wurde Emma. Sie fand sich in das Unabänderliche mit guter Laune. Leise tippte sie Plessen auf den Arm. „Wissen Sie, Herr Plessen, wir müssen nicht den Kopf sinken lassen," meinte sie frisch. „Mitgefangen — mitgehangen ! Um meinetwillen sollen Sie nicht um ein Weihnachtsfest kommen. Ich pjane eine kleine Ueberraschung. Bitte, gehen Sie immer in das Hotel da drüben, und belegen Sie für uns zwei warme, nette Zimmer. Ich komme gleich nach. Es ist ja erst fünf Uhr, da kann ich mir noch zusammenholen, was ich brauche!"--- Ihre Augen leuch- teten vor innerer Freüde und Erwartung, daher gehorchte er ihren Wünschen nach kurzem Hinundher. — Das Hotel war zu dieser Zeit, wo jeder seinen Familienkreis aufsucht, fast leer. Herr Plessen fand daher sogleich zwei saubere, freie Zimmer. Er ließ noch tüchtig nachheizen und entfernte sich dann auch, um Einkäufe zu machen. Galt es doch, das liebenswürdige Mädchen, welches ihm anvertrant war, zu erfreuen. Emnm hatte inzwischen alles das gesunden, was sie für ihren Zweck gebrauchte. Sie kam, mit Paketen beladen, in das Hotel. Ein Knabe trug ihr ein niedliches Tannenbäumchen nach. — Der Portier klopfte ihr den Schnee ab. Der Oberkellner geleitete sie auf ihr Zimmer. „Herr Plessen hat zu sieben 'Uhr zwei Soupers bestellt. Er wird bis dahin aus der Stadt zurück sein. Gnädiges Fräulein möchten sich nicht ängstigen!" — >— „I bewahre," erwiderte sie fröhlich, „wir sind nun einmal eingeschneit, doch wollen wir unser Christfest nicht entbehren. Ich schmücke uns ein Bäumchen!" Der Oberkellner blickte das junge Mädchen prüfend an. Dann half er ihr freundlich bei den Vorbereitungen. Sie rückten den Tisch vor den Spiegel, bedeckten ihn mit einem reinen weißen Tuch. Daun stellten sie die Tanne herauf, behängten sie mit Goldketten, Watte und Lamettafäden und befestigten mit großer Mühe die kleinen Wachslichtchen in den Zweigen. In eine Schüssel kamen Aepfel, Nüsse und Pfefferkuchen. Daneben legte Emma ein Reisekissen, das sie noch glücklich in einem Handarbeitsk- geschäft aufgetrieben hatte. „Ist es nicht reizend und gemütlich so?" rief sie, selig in die Hände klatschend. „Der arme Herr Plessen vermißt um meinetwillen seine Kinder. Eine Fran.hat er nicht mehr, so will ich ihm doch zeigen, .daß Weihnachten ist!" Vertrauensvoll erzählte sie dem älteren Manne ihre Beziehungen zu Herrn Plessen, ivoher sie kam und wohin sie ging. Er lauschte wohlwollend und freundlich. „Ich bin'in Deutschland!" sagte sie dann überwältigt. „Deutsche Weihnachten!" — — „Wollen Sie nicht in die Kirche?" fragte er. „Sie ist nicht weit; aber nein, es ist schon zu spät! Der Gottesdienst ist schon vorbei!" — — „Wie schade!" entgegnete Emma sinnend. „In Balianowka fuhren wir nachts um zwölf ins Gotteshaus. Das war so feierlich!" — „Das können Sie hier auch haben. Bestellen Sie doch einen Schlitten, und fahren Sie mit dem Herrn ins nächste Dorf. Unser Kutscher ist Junggeselle. Der tut es gern, wenn Sie ihm ein Trinkgeld geben!" ---, „Das muß^ich erst mit Herrn Plessen besprechen," sagte sie kleinlaut. Gerade klopfte dieser an die Tür. „Nicht herein, noch nicht!" rief sie und eilte auf den Korridor, wo er wie ein Schneemann stand. Er lachte: „Dann stellen Sie wenigstens den Kasten hinein. Ich ahne etwas!" sagte er. „Wollen wir erst essen und dann bescheren oder umgekehrt?" --„Erst essen, ich habe Hunger!" erwiderte sie vergnügt. — In dem Speisesaal saß eine Menge der eingeschneiten Reisenden widerwillig und verstimmt. Emma blickte Herrn Plessen, dieser sie prüfend an. Dann lächelten beide, wurden rot und wandten sich ab. Sie fühlten sich beide nebeneinander merkwürdig geborgen und gemütlich. Ja, ihre Fröhlichkeit steigerte sich von Gang zu Gang. Emma schlug ihm bie nächtliche Kirchfahrt vor, und trotz seiner Reisemüdigkeit wollte er ihr heute nichts abschlagen. Sie sah gar zu begeistert und glückselig ans. So bestellte er denn den Schlitten. „Den Kaffee servieren Sie uns oben in meinem Zimmer," sagte das junge Mädchen und erhob sich. „Sie können immer mitkommen, Herr Plessen," meinte sie dann, „aber Sie müssen vor der. Tür warten, bis ich herein rufe!"--Er folgte ihr und schritt int Korridor auf und ab, bis das Herein ertönte. Da stand das brennende, glitzernde Weihnachtsbäumchen, dustete und machte das kahle Hotelzimmer traulich und heimatlich. Neben dem Tisch aber stand fassungslos weinend Emma Bellos. „Ich bin dumm und albern," schalt sie, „aber ich weiß nicht, wie mir ist! Deutsche Weihnachten und doch in der Fremde ohne meine Geschwister, ohne meine Wonsakins! Hätten wir doch alle hier, alle! Meine Lieben und Ihre Kleinen, Ihr Hänschen und Gretel!" — — Plessen starrte mit feuchtglänzendcu Augen in die Kerzen, bann waubte er sich zu ihr und strich über ihre Haare: „Weinen Sie sich ruhig aus, Fräulein Emmchen! ich begreife Ihre Sehnsucht und Ihr Gefühl bet Einsamkeit. Sie haben Heimweh!" — — Da hob sie erstaunt ben Kopf unb schüttelte ihn verneinend: „Ich? O nein! Ich habe ja kein Heim mehr! Das meines Bruders kenne ich noch nicht, und in Balianowka war ich angestellt. Mir ist hier- sehr wohl. Nur am Heiligabend, vor dem Baum, will es mich immer überkommen, daß ich so allein in der Welt stehe!"--Er ging wie in schwerem Kampfe im Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen, nahm ihre Hände unb sagte in tiefer Erregung: „Emma, ob es wirklich nur ein blinder Zufall war, baß wir beide hier so allein hergeweht ftnb? Ich möchte Sie etwas fragen, Sie etwas bitten — aber ich wage es nicht!" Ein heißes Erröten färbte ihr Gesicht'. Betroffen, fassungslos starrte sie ihn an. So maßen sie sich schwei- geub. Plötzlich stieg eine Seligkeit, ein Glücksgefühl ohne- «leichen in ihr empor. „So fragen .Sie doch!" stieß sie erbat. Da zog! er sie in seine Arme, unb sie barg ben Kopf an seiner Schulter. „Hier ist fortan, dein Heim, Emma," rief er erschüttert. — Unb bann fuhren sie, in warme Decken gehüllt, Hand! in Hcmb durch die frostglitzernde Schneelandschaft. Es hatte zu schneien aufgehört. Am Himmel glänzten die Sterne. Der Mond übergoß die schweigende Winternacht mit grüngoldenem Licht. Nur die Schlittenglocken läuteten leise aneinanderklingelnb. Dann tauchte das Dorf hinter dem Walde auf. Die hell erleuchtete Kirche hob sich Vom Dunkel ab, und die Gläubigen pilgerten' in das offene Portal, die Geburt des Herrn mit ihren Verheißungen zu feiern. Nun hoben auch die ehernen Glocken an, dröhnend zu klingen. Die beiden Glücklichen schmiegten sich aneinander und! schauten sich an. „Denn uns ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr!" sagte Emma feierlich-. Der Schlitten hielt vor dem 'Eingangstot des Gotteshauses. Jubelnd erbtaufte die Orgel. — — Plessen sprang ab und! hob die Braut aus dem Gefährt. Eine Sekunde preßte er sie an sein Herz: „Stille Nacht, heilige Nacht," flüsterte er leise und innig. „Nacht der unendlichen Siebe!" — — „Heilige Christnacht, Weihe-Nacht!" entgegnete sie leise erschauernd. Dann traten sie Hand in Hand in das fremde kleine Kirchlein in dem ihnen fremden, kleinen, eingeschneiten! Dorf. Und die Orgel klang und fang. — —- 808 Das Mihnachtseffen der vollarkönige. Nicht umsonst ist Weihnachten früher im Volke der „Voll- buks-Abend", denn der „volle Bauch" hat von jeher eine große Rolle bei fr er Feier gespielt und Essen und Trinken stastden, obenan. Daher durste man wohl annehmen.-fraß die Tollarkönige Anierrras sich zum Weihnachtsmahle alle Köstlichkeiten der Welt oerichreiben, aber dies ist nicht der Fall. Ein Küchenchef, der ,m Dienste mehrerer bekannter Millionäre im Yankeelande gestanden hat, plaudert von den so verschiedenartigen Essen, mit denen diese modernen Krösuse das Christfest begehen. ' Rockefellers Weihnachtsessen besteht jahraus jahrein, aus einem Stück auf dem Grill bereiteter Seezunge, einem Bratapfel, etwas Eis und einem Glas Champagner. Der Champagner stammt freilich aus einer Flasche, die 60 Mark kostet; aber das ist auch der einzige Luxus, den sich der reichste Mann der Welt gestattet. Pier Pont Morgan nimmt am ersten Weihnachtsferertag gewöhnlich ein Diner ein, das nur aus Früchten bereitet ist. Der erste Gang ist eine Äpfelsuppe, allerdings nach einem, besonderen, höchst komplizierten Rezept bereitet, die so eine; besondere Delikatesse darstellt, dann folgt ein Fruchtsalat, dessen Hanpt-- bestandteil Edelpfirsiche, das Stück zu 42 Mark, sind. Daran schließen sich noch einige andere Fruchtgänge, deren Bereitung ein streng gehütetes Geheimnis des berühmten Kochs des Mn- lionärs ist. Der Direktor eines großen New Yorker Restaurants bot dem Küchenchef Morgans mehrere lausend Pfund, wenn er ihm das Geheimnis dieser Fruchtspeisen verraten würde, aber dieser lehnte das lockere Angebot ab, und Morgan kann weiter ein Weih- nachtSdiner geniesten, wie es auf der Welt kein zweites gibt. Weit entfernt von diesem diskreten Luxus ist das Weihnachtsmenu eines anderen bekannten Dollarkünigs, der sich aus kleinen Anfängen zum Besitz eines Riesenvermögens emporgeschwungen hat. Setzt sich dieser Millionär mit seiner Frau unter dem Lichterbaum zum Essen nieder, dann wird unabänderlich aufgetragen: eine einfache Suppe, gebackene Kartoffeln und ein Reispudding. Diese Gerichte bildeten vor etwa 60 Jahren an einem Weihnachtsabend das selige Entzücken eines kleinen hungrigen Straßenjungen in London, den die mildtätige Frau eines Droschkenkutschers halb erfroren und weinend von der Straste auflas und dem sie diese Leckerbissen vorsetzte. Dtt arme Junge, der damals in gebackenen Kartoffeln und Reispudding schwelgte, ist heute der große New Yorker Millionär, und zur Erinnerung an dieses herrlichste Weihnachten, das er in seiner entbehrungsreichen Kindheit gefeiert, läßt er sich jedes Jahr inmitten des üppigen Prunks seiner Einrichtung diese einfache Gerichte auftischen. Andere Dollarkönige sind zu Weihnachten weniger zurückhaltend. Berühmt sind die Christtagsdiners eines New Yorker Grostbankiers,. der Junggeselle ist und zu Weihnachten stets seine Freunde um sich versammelt. Der erste Gang, den er ihnen vorsetzt, besteht in dem feinsten russischen Kaviar und kostet mehrere hundert Mark; dann kommt eine Schildkrötensuppe, dann Ortolanen und dann eine Menge anderer Gerichte, von denen jedes eine besondere Finesse enthält. Zu einer Bratensauce wird z. B. eine Flasche alten Portwein verwendet, die wenigstens 100 Mark wert ist, und der Champagnerpunsch, der das Essen krönt, ist nach dem berühmten Rezept eines Londoner Diplomaten bereitet, der als einer der feinsten Epikuräer der Gegenwart gilt. Eina eigenartige Ueberraschung bereitete jüngst ihren Weihnachtsgästen die wegen ihrer Extravaganz bekannte Millionärin Mrs. Fish. Als Dessert tourt)e eine große silberne Schüssel von vier Dienern hereingetragen, auf der sich eine riesige Weihnachtspastete befand. Als man sie aber anschneiden wollte, fiel sie plötzlich zusammen und ein Weih- Nachtsbaum kam zum Vorschein, an dessen Zweigen für jeden der Gäste die kostbarsten Geschenke im Werte von 2000 und mehr Mark das Stück hingen. Vüchertisch. — Bilderbücher. Bei dem vielen Minderwertigen, was in Jugendbüchern alljährlich auf den Markt kommt, ist es aber nicht leicht, das Richtige zu treffen. Am besten hält man sich deshalb an ein bewährtes Verlagshaus. Man wird dann nicht fehl greifen. So darf den hier angezeigten Büchern unbedingtes Vertrauen entgegengebracht werden. Der Verlag Jos. Scholz hat vor Jähren als erster mit der Herausgabe volkstümlicher, wohlfeiler Künstler-Bilderbücher begonnen und mit bedeutenden und für diese Aufgabe berufenen Künstlern und Dichtern bahnbrechend gewirkt. Derr uns vorliegenden diesjährigen. Weihnachts- ueuheiten wurde seitens des Verlags wieder besondere Sorgfalt zugewendet. — Dornröschen nndHünsel und Gretel lvon Fr. Müller-Münster). Rat' einmal! (von M. Langhein). Fröhlicher Reigen- (von Hans Schvoedter). Diese drei Bücher, auf Papier gedruckt mit 8 großen farbigclr Mldsetten und zahlreichen Text- zeichmingen, kostet 50 Pfg. Die sieben Raben. Ein Märchenbuch mit Text von den Brüdern Grimm. Mit 8 großen farbigen Vollbildern und zahlreichen Tcxtz-eichnungen von Franz Stassen, gebunden 1 Mark. Mein Spielzeug. Anschaubilder von Eugen Ostwald. Mlerlei Spielzeug und liebe Dinge int Reiche des Kindes- 9 farbige Bildseiten. Unzerreißbar 1 Mark. Frohes Spiel. Ein Bilderbuch von Arpad Schmidhammer mit lustigen Versen. IQ farbige Bildseiten 23 x 28 Zentimeter. Unzerreißbar, gebunden 1,60 Mark. Komm! Bilder lieber Tiere aus Haus, Feld und Wald, von Engen Ostwald, mit lustigen Versen. 22 farbige Bildseiten 21’x 26 Zentimeter. Unzerreißbar, gebunden 3 Mark. Ringsumher. Ein Bilderbuch von Eugen Ostwald. Lustige Erlebnisse ans aller Welt mit Kindern, lieben Tieren und allerlei komischen Gestalten. Verse von Adolf iHolst. 31 farbige Bildseiten 23x32 Zentimeter. Ladenpreis 3 Mark. Weihnachts-Preisrätsel für die Jugend- Wie in früheren Jahren haben wir unseren jungen Lesern auch diesmal eine besondere Freude für die Weihnachtstage Vorbehalten, indem wir wiederum ein Preisrätsel ausschroiben^ an dessen Lösung sich alle unsere junge Freunde beteiligen können. Da das Christbaumrätsel auch im vorigen Jahre soviel Freude gemacht hat, wollen wir auch diesmal ein ähnliches zu erraten geben, und wir hoffen, daß recht viele von euch die richtige "Auflösung einsenden. Als Preise haben wir wieder eine Anzahl hübscher Geschenke ausgewählt, die euch sicher viel Vergnügen bereiten werden.- Die Lösungen sind mit genauer Wohnung zu versehen und bis zum 2. Januar abendr 6 Uhr an die Schriftleitung der Gießener. Familienblätter einzusenden. Die nachstehenden Buchstaben a a b.c ceeeeeeeeeefgh hh.innop rrrssss t w w sind so in die Christbamnfigur einzutragen, dan die einzelnen Astreihen, von oben angeiangeit, folgendes bedeuten: 1. Märchengestalt. 2. Weiser Mann. 3. AuSdrnckslnitkei. 4. Bewohner unserer Provinz. 5. Teil des Gesichts. Der Stännn des 'Baumes bedeutet ein frohes Fest. ttönigspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — wie der König atis dem Schachbrett — stets von einem Feld au? mif ein benachbartes übergeht. trübsal eut täusch schlag verluft UNg .Auflösung in nächster Nummer. werben schlag aus er deines bens die test ster den zieh und teil .sagen andern der ent ten süstt den tag tag auf er Auflönnin le-* '"ätw's r- nnroer Nummer: Das Tannenbäumchen ein Kind des Waldes. Redaktion: K.- N e u r a t h. — Rotationsdruck und Verlag der Briihl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»