LL Montag, den 25. De-rmber »i n 'S I I W W Eine Weihnachtsreise. Von Marie Silling. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mit zerzausten Haaren intb buitM roten Gesichtern langten alle endlich in dem Gasthause der Station an, dessen drei kleine Räume mit Menschen der verschiedensten Stände bereits angefüllt waren, und dessen überheizte, eiserne Schüttöfen eine sengende Glut verbreiteten, während der Wind zu den Fensteru hereinpfiff. Frau Caroc hatte kaum ihren Atem wiedergefunden, als sie auch schon rief: „Alterchen, Ferdinand, Ihr müßt trockene Kleidung haben; ich werde von der Wirtin alles borgen; wir haben ja leider nichts in den Handtaschen" — und ehe noch die Männer dagegen protestieren konnten, war sie aus und davon und schnell wieder zurück. „Ich mache nur Gebrauch von den Sachen, wenn du es auch tust, Mutter," sagte ärgerlich und ziemlich bestimmt der Sohn; doch auch dieser Ton hätte die alte Dame wohl kaum dazu bewogen, wenn nicht ein Arm sich leise in den ihrigen geschoben und eine sanfte Stimme gesagt hätte: „Kommen Sie, verehrte Frau, wir wollen beide hier in der Fensterecke unsere Toilette machen, denn sie ist wirklich nötig, und den Herren den Ofenplatz gönnen." Ein dankbarer, fast bewundernder Blick flog aus den Augen des Sohnes zu der Fremden hinüber, die nach so kurzer Bekanntschaft schon sso viel mehr über seine Mutter vermochte, als er nach langen Jahren des Studiums erreichen konnte. Und während er gehorsam in die rosa Socken des Schwanenwirtes schlüpfte, rief es laut in seinem Herzen: „Die ist's, die mußt du dir erringen, und wenn sie mit Ketten an einen Lebenden oder Toten gefesselt wäre. Alle Geheimräte der Welt, mit ihrem ironischen Lächeln, sollen dich nicht verhindern, sie zu gewinnen." Nachdem sich die Reisenden, so gut es die Küche der Wirtin gestattete, gelabt hatten, suchten sie sich über die Aussichten zur Fortsetzung der Reise aufzuklären; doch die Beamten der kleinen Haltestation wußten gar keine Auskunft zu geben. Draußen stürmte und schneite es fort, und was die wenigen angestellten Arbeiter in_ einer Stunde fortschaufelten, das wehte in einer halben Stunde wieder zu. Wohl war nach allen Richtungen um Hilfe telegraphiert worden, aber ^es fehlte bisher jede Antwort. Jedem vernünftig Denkenden mußte es klar werden, daß, solange dies Wetter andauere, an eine Befreiung nicht zu denken fei. „Das wird ein trübes Weihnachtsfest für meinen Schwager," meinte die junge Frau. „Vor zwei Jahren verlor"er in diesen Tagen seine Frau, meine Schwester, im vergangenen Jahr starb ihm sein kleines Mädchen. Er wollte während der Festtage nicht ehtjant sein, deshalb versprach ich ihm, den Knaben aus der Pension mitzubringen, wohin er ihn, der bessern Aufsicht halber, gegeben." „Wir müssen vor allen Dingen den Unsrigen telegraphieren," bemerkte der alte Herr Caroc, „damit sie nicht in Sorge um uns sind. Der Beamte hat mir versprochen, in dieser Notlage Privatdepeschen zu befördern, obgleich er eigentlich nur dienstliche Telegramme annehmen dürfe; hoffentlich sind die Beamten in Dresden intelligenter und wissen "bereits, wo die Passagiere der steckengebliebenen Züge sich befinden. Hier weiß keiner Rede und Antwort zu geben. Während der eine sagt, unser Zug liege, gänzlich eürgeschneit, bei Pristewitz fest, behauptet ein anderer, et* sei bereits in Dresden angekommen." „Wir werden große pelüniäre Verluste haben, Vater, wenn ich morgen nicht in Leipzig sein kann," meinte der Sohn. „Force majeure, lieber Junge," brummte der Alte, indem er seine Depeschen aufschrieb. Inzwischen hatte sich das bunte Durcheinander der Gesellschaft ein tnenig geordnet. Während der größere Mittelraum von dem Brauutwein und Bier trinkenden, Tabak rauchenden Publikum eingenommen war, saß in der kleinen Nebenstube die Hautevolee: außer den bereits bekannten noch ein junges Ehepaar mit einem kleinen vierjährigen Mädchen und ein älterer, imponierend dreinschauender amerikanischer Großkaufmann. Die Herren waren viel gereist, hatten^Abenteuer in aller Herren Länder erlebt, aber ein solches Schneewetter, im Herzen Deutschlands, das war auch ihnen neu. Jeder gab den Zweck seiner Reise zum besten und zählte die Unannehmlichkeiten auf, welche für ihn und andere aus diesem unfreiwilligen Aufenthalt erwachsen möchten. Auch die Möglichkeit der nächtlichen Ruhe wurde vielfach erörtert, und man fand sich darein, einmal auf einem gemeinsamen Strohlager die müden Glieder ausstrecken zu müssen. Und es wurde Abend, ohne daß ein Telegramm Antwort auf die vielen abgesandten Depeschen gebracht, ohne daß ein Signal auf der verödeten Station ertönt hätte, und ohne daß die geringste Aenderung des Wetters eingetreten wäre. Auf dem Fußboden wurden die Strohlager aufgeschüttet, in der Mitte des Zimmers Stühle uuD $i)iue aufeinandergestellt, und während aus der Nebenstube der bekannte Rundgesang: „Wir sitzen so fröhlich beisammen Und haben einander so lieb" ertönte, den ein Witzbold angestimmt hatte, als man auch dort die gemeinsame Lagerstätte bereitete, blieb es jedem überlassen, es sich auf der Streu so bequem als möglich zu machen. ' Frau Caroc hatte mittels einiger Zeitungsbogen gesucht, das Licht der Hängelampe zu dämpfen, und such neben ihrem grauen Köfferchen, in der Nähe des Ofens auf einen Stuhl gesetzt. Sie erklärte, die Nacht lieber nochmals sitzend »erbringen zu wollen, als sich auf dies Lager 802 Auf diese Weise ist an -ein Freiwerden pl denken, und ich konstatiere hiermit. drohte! Einer ries: „Der Herr hat recht, an den Beamten liegt's." , . Ein anderer: „Es sind nicht Ar beeter genug; warum gewahrte man nicht den heute früh wieder sortgegangenen Seuffli eine Mehrforderung?" „Wo steckt das Militär?" rief eine neue stimme. „Hohe »n legen, von dein sie mit ihren inlteu Knochen sich unmöglich | je wieder erheben könne. Nachdem sie, trotz deren Proteste^, I Mann und Sohn zu-gedeckt hatte, trat sie auch zu der mngen Frau, uni ihr den gleichen Dienst zu erweisen. Schnell richtete sich diese jedoch auf, drückt^ einen Kuß auf die Hand der alten Frau und flüsterte: „Wie danke ich Ihnen, es sind viele Jahre vergangen, seitdem zuletzt jemand so freundlich für mich gesorgt h . Der Sohn hatte die Worte vernommen, und ihm schwott das Herz. Welch Ungeheuer vou Mann mußte das pinge Weib gehabt haben! Der Trauni malte ihm den Unhold aus, und es wäre sicher zu einem Duell zwischen ihnen gekommen, wenn nicht ein neuer Tag die Traume vergagt hätte. Air irgend welche Toilette war unter den o-bwal- tenderi Verhältnissen nicht zu denken. Das stroh wurde in I einer Ecke aufgeschichtet, Tische und Stuhle wieder an ihre I früheren Plätze gestellt, und das Schlafgemach war nochmals zum Salon umgewandelt, in dem nun der Kaffee eingenom- I . „Ich gratuliere Euch zu meinem heutigen Geburtstage," sagte lächelnd der Sohn Caroc zu seinen Eltern während des Frühstücks. . . .. , . „Wahrhaftig!" rief der Vater, „wir haben, schon den zweiundzwanzigsten Dezember, und am zwanzigsten sind wir ja wohl abgereist?! Unerhörte Angelegenheit! Und ich konnte deinen Geburtstag vergessen, Ferdinand!" setzte die Mutter schier vorwurfsvoll hinzu. „Daß 'sich der Wunsch des alten Geheimrats erfülle, leere ich diese Tasse Bliemchenmokka," nreiiite nun der alte Herr. „Zeit wird's, mein Junge," und, erhob ferne Tasse. „Auch ich wünsche Ihnen Glück," rief die junge Fran und reichte ihm ihre Hand. Die Hände der andern Fremdeii streckten sich ebenfalls aus; er aber ergriff mir die eine und hielt sie fest, indem er, zu seinem Vater gewendet, sagte: „Ich hoffe, unser alter Freund behält recht, und die Witwe stimmt zu; denn es sind doch nun einmal immer die verheirateten Frauen, welche mir gefallen," dabei beugte er sich auf die Hand und küßte sie. Die junge Fran errötete bis an das Ohrläppchen unter dem wirren, bloii- beit Haar und fragte: „Was haben Ihnen denn die armen Mädchen getan, daß sie Ihnen nicht gefallen? Gehören sie etwa auch zu den Männern, die in jeder unverheirateten jungen Dame eine Angreiferin auf ihre köstliche, persönliche Freiheit sehen? Und zogen Sie deshalb den Verkehr mit den Frauen vor?" — „Gewiß," setzte sie triumphiereiid hinzu, „eine mit dieser Furcht gemischte Eitelkeck ist's, welche Sie die Mädchen meiden ließ!" Doch ehe er antworten konnte, drängten sich nun auch andere an ihn heran, und die Unterhaltung wurde eine allgemeinere. Steuern müssen wir dafür zahlen und in solcher Notlage läßt es uns im Stich!" , „Sie haben keine Schaufeln, sie konnten nicht durch! schrie es durcheinander. Die Beamteir traten zusammen, um ihrerseits einen Vertrauensmann nach der bezeichneten Stelle zu schicken, der bezeugen könnte, daß jeder von ihnen seine Pflicht erfüllt habe. . In diesem Dilemma meldete gegen vier Uhr eut .Telegramm, daß Maschinen von Pristewitz und Riesa abgegangen wären, um die Passagiere abzuholen. Neue Hoffnung beruhigte die Gemüter. Die alte Frau Caroc konnte nicht schnell genug in ihren Mantel schlüpfen, und saß dann mit ihrem grauen Koffercheii auf dem Schoß, umgeben von sämtlichem Handgepäck, erwartungsvoll da. Aber es verging Stunde aus Stunde, keine Lowmotivs kam. Endlich, gegen sieben Uhr abends, rief der Beamte: „Die Lokomotive von Riesa hat sich durchg arbeitet sie muß gleich hier sein. Die Passagiere nach Berlin mögen ich bereit halten!" Als wenn es dessen iioch bedurft halte. Und wirklich, weithin ertönte der so sehr er'-ehnte und lange, entbehrte Pfiff der Maschine. Der Zugführer, int großen Pelz, Eiszapfen an Haar und Bart, trat ins Hans imb ruf: „Meine Herrschaften, ich bin mit Lebensgefahr hcran- aekomnien, aber ich rate Ihnen allen, ob Sie nach Berlin oder Dresden wollen, kommen Sie mit mir nach Riefa. Dort sind sie wenigstens in einer Stadt mit einem größeren Bahnhof. Freilich kann ich keine Garantie übernehmen, ob Sie vor dem Feste von da noch weiter kommen, aber die Möglichkeit ist dort eher vorhanden, als von hier." Wäre die junge Fran nicht gewesen, welche nut freundlichen, überzeugenden Worten der alten Dame znr. d te, dem Rat dieses ersten, gebildeten, anscheinend gut unterrichteten Beamten zu folgen, so würde es Vater und Sohn wohl nicht gelungen sein, die Mutter von der Richtig.c.t in so kurzer Zeit zu überzeugen. Das natürliche, ruhige Wefen der jüngern Frau gab der alten, durch die Sorge um die Ihrigen ganz verwirrten Dame den mangelnden Halt, und willig ließ sie sich von dem Sohne nach dem eiskalteii und dunklen Coupe geleiten. _ _ . t ., | Der flackernde Laternenschein ließ die Wagen wie w.ig übertüncht erscheinen von dem daran hastenden Schnee, und I die daran hängenden Eiszapfen bi.beten eilte seltsame, glitzernde Garnierung. , ' „Ist das graue Köfferchen auch da?" fragte die n.tc Dame, als alle im Coupe untergebracht waren. ,,^ch hatte es soeben noch in der Hand." Der Sohn zündete ein Wachskerzchen an, ein zweites, ein drittes, der Koffer war nicht zu finden. „Wir können ohne ihn nicht abreif eit, wir müssen hier bleiben," rief die geängstigte alte Dame. Doch das Signal ertönte, und der Zug bewegte sich schneckenhaft in die Nacht hinaus. Alle Trostgründe waren vergebens. Vollständig in ihr Schicksal ergeben, den Tod ihres Mannes vor Augen I sehend, lehnte die Mutter in ihrer Ecke und ließ sich sogar trott dem Sohne zudecken, ohne auch nur die Hand zu heben, | um das abznwehren. (Schluß folgt.» heilige Nacht. Von Er n st Georgy. , Haben Sie Dank, Emma Karlowna, heißen Dank für alles,' was Sie in diesen fünf Jahren an uns und unseren Kindern getan haben! Und merken Sie sich das eine, wenn es Ihnen in Deutschland nicht mehr beha-gt, wenn Sie kein gutes Engagement mehr finden, dann kommen Sie zu uns zurück! Wir werden Sie jederzeit mit offenen Armen wie eine liebe Tochter aufnehmen! Rußland sei Ihr zweites Vaterland, unser Balianowka Ihre zweite Heimat vergess n Sie das nie!" — — Sergius Nikolajewitsch Wonsakin hatte das Mädchen nach diesen Worten fest in die Arme geschlossen. Sie weinte herzzerreißend. Der Abschied von der gütigen kranken Frau Wonsakin, von den vier prächtigen Kindern, von dem behaglichen alten Gutshause mit seiner alten, treuen Dienerschaft hatte sie im tiefsten Innern aufgewühlt. Nur schwer, beinahe mit Gewalt, hatte der Hausherr die Scheidende von den weinenden, jammernden Seinen losgerissen, auf den Schlitten gehoben und war mit ihr davongesaust. Jetzt standen sie in der baufälligen, schmutzstgrrenden. Während des Vormittags schien das Schneewetter ein wenig nachzulassen; es gab sogar einige sangnimsche Leute, welche das Erscheinen der Sonne prophezeiten. Der Amerikaner hatte sich hinausgewagt, um das Fort schreiten her Arbeit an der verwehten Stelle zu kontrollieren. Erbrachte schlechten Bericht. „Mit den fünfzig Arbeitern, bei richtiger Verteilung und -Aufsicht, getraue ich mir die ganze, dreihundert Schritt ange, verwehte Strecke des Geleises in fünf Tagesstunden rei zu schaufeln. Aber die Leute arbeiten ohne Eintei- un-g, ohne Aufsicht; alle fünf Minuten heben sie die Schan- el, dann sprechen sie wieder der im Schnee steckenden Schnapsflasche zu. Auf diese Weise ist an ein Freiwerden des Geleises nicht zu denken, und ich konstatiere hiermit, meine Damen und Herren, daß es an den Beamten dieser Blockstation gelegen hat, welche ihrer Pflicht nicht gewachsen waren, wenn wir hier das Weihnachtsfest znbringen müssen, und die Bahn einen großen pekuniären Verlust erleidet. Ich aber werde die Sache anhängig machen, und sollte ich bis zu Seiner Majestät dem Kaiser gehen!" Diese kleine Rede, welche er mit volltönender Stimme ist bas gemischte Publikum hinein gerufen, erto trifte einen Sturm, der fast größer als der draußen tobende zu werden 803 kleinen Station der naheliegenden Kreisstadt und warteten auf den Schnellzug, der Emma Bellos nach Sankt Petersburg und von dort nach Berlin bringen sollte Es hatte seit Tagen unablässig geschneit. Auf die vom harte» Frost eisstarrende, in graues Schneelicht gehüllte Landschaft waren die weißen Schneemassen gefallen und festgefroren. Meterhoch umgaben sie den elenden Bahnhof. Ueberall standen Schnellfeuerroste, Schneeschmelzen, und überall arbeiteten »nb schaufelten Soldaten, Gefangene und Dwor- nicks, um wenigstens die hauptsächlichsten Bahnstrecken unter unglaublichen Anstrengungen sreizuhalten. — „Sie hätten wirklich noch das Weihnachtsfest bei uns verleben sollen!" meinte Wonsakin; aber sie schüttelte den Kopf, unfähig zu antworten. — Da ertönte ein Signal, der Vorsteher kam aus seiner Amtsstube, in seinem dicken Schafspelz mit Mütze und Baschlick wie eine unförmige Masse aussehend. Ein Beamter gab das Signal weiter. Ein zweiter läutete unablässig die große Glocke, und der Zug kam prustend, ächzend und schütterud, vom Schnee belastet, von Eiszapfen garniert, eingefahren. Der Aufenthalt war nur sehr kürz. Ehe das Mädchen zur Besinnung kam, saß sie mit ihrem vielen Handgepäck, den Schlafdecken und Eßvorräten in dem überheizten. Coup« und brauste davon. „Gute Reise, auf Wiedersehen, und grüßen Sie meinen Schwager!" — Das hörte sie noch von Wonsakins Stentorstinnne schreien, dann wurde es.still. Sie war allein und gab sich fassungslosem Weinen hin. Ganz allmählich erst "wurde sie ruhiger und richtete sich empor. Die Stille ringsum, die glcich- « mäßige Bewegung des Zuges mit ihren immer wiederkehrenden Geräuschen taten ihr förmlich wohl. Sie trocknete die Augen, machte es sich bequem uud schaute vor sich hin. War es Wirklichkeit oder nur ein Traum, daß sie endlich die Heimat Wiedersehen sollte? — Der Schmerz trat etwas zurück und machte Erwägungen Platz. Bor fünf Jahren war sie in tiefer Trauer um ihre Eltern nach Balianowka gekommen. Sie hatte dort eine Heimat gefunden. Frau Wonsakin war eine Deutsche, die Tochter eines Oberförsters aus Ostpreußen. Sie empfing die junge Lehrerin und Landsmännin wie eine freudig erwartete Verwandte. Sehr schnell lebte sich Emma stuf -dem einsamen Gute ein. Die Zeit verstrich, gut ausgefüllt durch ihre Pflichten. Sie liebte ihre Zöglinge und deren Eltern. Sie wurde wiedergeliebt. So verging friedlich ein Jahr nach dem andern. Der Briefwechsel mit den Berliner Freunden schlummerte beinahe ein. Nur die Knude, daß ihr einziger Bruder, ein junger Arzt, sich in einem Vororte von Berlin niederge- , lassen und geheiratet habe, erregte Emma lebhaft. Als daun die Nachricht von der Geburt eines Neffen und ein Jahr darauf die von dem Eintreffen einer Nichte kam, da be- . gann die Sehnsucht in der jungen Gouvernante aufzukeimen. lind langsam verstärkte sich ihr Heimweh, bis es zu einem wahren Schmerz ausartete. Sie wurde bleich und mager, sie verlor ihre Heiterkeit. Wonsakius sorgten sich um "sie, konnten ihr aber nicht helfen. Da kam eines schönen Morgens in das eingeschneite Guts haus von Balianowka ein Brief des Doktor Bellos, der Emmas Entschluß schnell reifte. Bruder und Schwägerin luden sie ein, das Weihnachtsfest bei ihnen zu verleben und baten sie, sich doch in ihrer Nähe eine Stellung zu suchen. — Nun gab es kein Halten mehr! — Man mußte sie ziehen lassen, ehe noch die neue Erzieherin der Kinder eintraf. Die beschleunigte Abreise hatte noch einen Grund. Frau Wonsakins Bruder, ein Gutsbesitzer aus Westpreußen, der große Mühlen besaß, war geschäftlich in Petersburg. Mau hatte sich brieflich verständigt. Herr Plessen wollte Emma an der Newa erwarten und mit ihr gemeinsam die Reise bis Königsberg, also über die Grenze , fort, machen. — Sie kannte den ernsten, gütigen Mann schon persönlich. Er war im ersten Jahre ihres Aufenthalts mit seiner schönen Gattin auf Balianowka gewesen. Frau Plessen war kurze Zeit danach gestorben. Ein Unfall mit dem Pferde hatte der kühnen Reiterin das Leben gekostet. Der tief unglückliche Witwer hinterblieb mit zwei kleinen Kindern und nahm eine alte unverheiratete Cousine zu sich, die ihm nun müde und unlustig den großen Haushalt führte. Seitdem war er nie wieder bei der Schwester gc- weseu, sondern hatte sich nur alljährlich! mit Wonsakins in Petersburg oder in Warschau getroffen. — Der Zug stampfte mühsam durch die Schneeberge. Von der Landschaft sah man nur durch- das Schneegeriesel schwarze Bauui- tvipfel ragen oder erblickte dicken schwarzen Rauch, der aus den Schornsteinen verschneiter Hütten drang. Ab und zu ächzten Windstöße, oder Schlittengeläut erklang von fern. Bisweilen hörte man dumpfes Geheul hungernder Wölfe, die aus ihren Schlupfwinkeln kamen. Vor jeder kleinen Station, gab es oft stundenlangen Aufenthalt, weil die Einfahrt erst freigemacht werden mußte. Manchmal blieb der ganze Zug trotz zweier Lokomotiven Vorspann im Schnee stecken, und die Beamten gruben die Schienen erst aus, wobei ihnen sogar die Passagiere halfen. — Emma schlief, speiste, las oder gab sich ihren Gedanken hin. Immer mehr versank Balianowka mit seinen Jüsassen, immer leuchtender tauchte das deutsche Vaterland vor ihr auf. Die Erinnerungen kamen verklärt und verklärend. Die Hoffnungen und Wünsche stiegen in dem noch so jungen Mädcheuherzeu empor. Selig flüsterte sie die Namen der Angehörigen, der früheren Freunde und besonders das Wort „Deutschland" vor sich hin. — Tiefe Nacht, nur von elender Kerzen Schein durchleuchtet, wechselte mit trübgrauem Schneedämmer. Der Zug stampfte langsam weiter; aber Emma verlor die Empfindung für Ort und,Si nnde. Sie vegetierte vor sich hin in einem Halbwachen' Schlaf, der mit tiefer, völliger Bewußtlosigkeit wechselte. — Endlich fuhr man schneller und ohne Unterbrechung. Man war vor der Hauptstadt, die Geleiswege waren^ frei. Und nach wenigen Stunden war Petersburg erreicht. Emma raffte sich abgespannt und tote trunken aus ihrem Dämmerzustände auf, packte ihre Sachen zusammen und ordnete ihre Toilette. Als sie in den Bahnhof eingefahren waren, wurden die Waggontüreu aufgerissen. Sie sah einen stattlichen Herrn in Nerzpelz und Nerzmütze, der suchend von Coup« zu Coup« eilte und zuletzt auch zu ihr trat. „Ah, endlich! Da sind Sie ja, Fräulein Bellos, willkommen! Ich fürchtete schon, Sie seien ganz im Schnee stecken geblieben! Solch ein Winter! Und dreißig Stunden Verspätung, das ist eine Wirtschaft!" ---„Herr Plessen, wie freundllch von Ihnen, Herzlichen Dank!" — Er hob sie hinaus und setzte sie zu Boden. Sie taumelte förmlich. „Nanana," lachte er gutmütig, „Sie schwanken wie ein Seebär! Das kommt von dem "Gehottete! Nassiltschik, Sie tragen die Sachen zu meinem Schlitten draußen, für deir Koffer ist ein Lamawoischlit- ten da. Schnell, die Gepäckquittung, Fräulein Bellos!" .— Sie reichte ihm den Schein, froh, daß ein anderer für sie dis- pouierte. — „Nun kommt -eine unangenehme Ueberraschuug, liebes Fräulein," fuhr er fort, während sie zu ihrem Gefährt schritten, „meine Schwester backte es sich so schön, daß Sie hier im Hotel eine Nacht ausruhen sollten. Heute ist aber schon ber zweiuubzwcmzigst-e; wenn wir am Heiligabend daheim sein wollen, müssen wir sofort zum Warschauer Bahnhof. Es ist gerade noch Zeit zu einem tüchtigen Essen, dann aber müssen wir schleunigst einsteigen und weiter!" — „Und da haben Sie meinetwegen so lange gewartet?" fragte sie entsetzt. — „Natürlich, erstens hatte ich es meiner Schwester versprochen, für ihren Liebling Sorge zu tragen, und bann freue ich mich- selbst auf meine Reisegefährtin. Sie müssen mir viel von Balianowka erzählen, Fräulein Bellos!" — „Von Herzen gern, Herr Plessen, ich bin Ihnen ja sc» dankbar! Aber — bitte, sagen Sie mir, kann ich denn schon morgen abend in Berlin sein? Meine Geschwister —" Ihre Stimme brach. Auf ihrem blassen Antlitz lagen deutlich die Zeichen von Angst und Enttäuschung. Der Schlitten trug sie durch die Stadt zum andern Bahnhofe. Ununterbrochen rieselte der Schnee. — Er klopfte unter der Pelzdecke ihre Hand. „Nur Mut!" tröstete er. „Wenn alles glatt geht, können Sie es schon erreichen. Am ersten Feiertag sind Sie sicher bei Ihren Lieben! Wenn es nur zu schneien aufhörte, sonst bleiben wir womöglich auch noch stecken!" — „Um Gottes willen!" — „Scheußlich wäre es, mein Hans und meine Grete freuen sich so auf das Christfest und die russischen Gaben, die mir das Christkindchen für sie mitgeben sollte!" — „Aber, lieber Herr Plessen, daun wäre ich ja schuld, wenu auch Sie um Ihr Weihuachtsfest kämen, das wäre ja schrecklich!" rief sie. — „Was können Sie dafür, wenn die Wege unpassierbar sind!" sagte er. „Regen Sie sich nicht unnütz auf, Fräulein Emmchen! Oder darf ich so nicht sagen?" „Bitte, nennen Sie mich nur so!" bat sie errötend. „Das freut mich!" rief er und schaute das hübsche, sympathische Mädchen von der Seite an. „Sie sind meinen Sieben so nahe getreten. In jedem Brief fangen Wonsakins Ihr Loblied!" — „Meine Wonsakins, meine kleinen Sieb» linge!" murmelte sie erschüttert. Er störte sie jetzt nicht. — s 804 mehr! — (Schluß folgt.) O wohl Dir Seele, daß der Heiland einst kam! Er kam auf Erden. Wunderbare Liebs Trieb Ihn vom hohen Himmelszelt, Trieb Ihn ein Mensch uns gleich zu werden. Lächelnd blickte er auf den belebten Prospektund» gedachte der diplomatisch anzüglichen Briefe ferner Schwester. Mcht umsonst hatte sie ihn zum Ritter der Zungen Gouvernante erwählt und ihm eine zweite Ehe mit einem ernsten, braven, tüchtigen Mädchen anempfohlen, um gleich daraus Emma wieder anzupreisen. Er durchschaute den Wunsch der Frau Wonsakin und sah sinnend auf ferne Nachbarin. Noch immer hing sein Herz an fernem verstorbenen Werbe! Aber — seine Kinder entbehrten eine Mutter, fern Haus verkam. Er fühlte sich in den vereinsamten Räumen unglücklich und öde. Der Gedanke, daß -eine Zweite bei ihm schalten und walten sollte, war ihm kein Schmerz, kern Entsetzen Vermachtes. kf Wie baut mau die Christgeschenke auf? Es dürste nicht allgemein bekannt fern, daß «»ch dre Anmckmrng dw Kestaaben unterm Weihnachtsbaume rn den verschiedenen Zeiten und bei dm Ächiedenen Völkern allerlei Wandlungen unterworfen gewesen ist. Bei seinem Leipziger Wethnachtsfeste hat Goethe wie in Dichtung ruid Wahrheit zu lesen steht, nt nber- mütiger Laune für den Hund ein Würstchen.als Festgabe an den Baunr gebunden. Noch heute aber herrscht uu germanlsccMr Norden, besonders in Norwegen, ganz allgemein dre Sitte, dre Christgaben, soweit dies rrgerrd möglich ist, rn dieZwergn. de» Baumes selbst zu binden. Dort verwendet ncan weniger von dem Flitterschmucke, der bei uns so beliebt ist, und den Putz des Baumes bildeir dafür vielmehr die vielen und vielversprechenden, so zier- lich umschnürten kleinen Päckchen, dre au- dem dunkeln Tannen- grün winken. Umfangreichere Geschenke können dann nun freilich nicht an den Baum selbst gehängt werden, sondern werden unten an den Stamnr gelehnt. Bei uns zu Lande ist heute wohl dre verbreitetste Sitte, die Weihnachtsgaben alle mit den Chrrstbaum herum aufzubaueir. Doch gibt es auch davon Ausnahmen. In manchen Häusern, besonders solchen, die mit eurer reichen Kmder-- schar gesegnet sind, wird jedenc Familtenmitgltede ein eigener Gabentisch aufgebaut. Während aber tn solchen Fallen das Zimmer, wo die frohe Feier begangen wird, nur von entern großen Christbaume erhellt wird, herrscht im deutschen Kaiserhanse der Brauch, jedem Mitgliede des Kaiserhauses einen eigenen Barnn anzuzünden, rim den seine Gaben aufgebaut werden. * Ein weißer Delphin. In der Welt der Säugetiere und der Vögel sind Fälle von Albinismus verhältnismäßig häufig, weiße Hasen, Katzenalbinos und weiße Drosseln Und schon mehrfach beobachtet lvorden. Aber ein Albino unter den Delphinen ist der Zoologie bisher wohl kauin bekannt geworden.. yrt den Mitteilungen des Gatry Marine-Laboratormms berichtet nun Prof. W McJntosh von dem Fund eines wetß.M Delphins rn der St'. Andrews-Bai. Es handelt sich unr em Delphtnweibchen von etwa 90 Zentimeter Länge. Der Fisch wies eine gelbltch-wetM Färbung auf; die einzigen Spuren der gewöhnlichen Farbe des Delphins fanden sich in zwei etwas dunkleren schmalen Langsstreifen und in zwei dunklen Fleckxn, die unterhalb der Mgen sichtbar waren. Die Augen dagegen zeigten im Gegensatz zu den Beobachtungen, die man sonst bei Albinos macht, völlig norntale Farbenpigmente. — Der Individuelle und sein Erfolg. Freund Listig hielt mir einen langen Vortrag. Ja, die Geschenke, besonder^ das Spielzeug, das müsse man ganz tiidivrduell machen; nicht plump fragen, o nein, vorsichtig müsse man sondieren und dann sei man sicher, daß es Freude macht und Nicht am zweiten Tag in eine Ecke wandert. Er, zum Beispiel; seinem Jüngsten, der noch in die Volksschule ging, habe er einen Steinbaukasten und ein Schaukelpferd gekauft, deut Gymnasiasten eine ganze Jndtaner- bücherei, und seinem Aeltesteit, dem Mediziner, eine seine Pfeife, einen anatomischen Atlas und ein famoses Kommersliedcrbuch . . . Am ersten Weihnachtsseiertag sprach ich bei Listig vor, öffnete aber die falsche Tür: Da lag der Volksschüler auf dem Boden und sang nach selbstgemachten Melodien Lieder aus dein Kommersbuch, die Nicht für Neunjährige geschrieben waren; der Gymnasiast saß auf dem Schreibtisch, qualmte aus der „feinen" Pfeife und schnitt Figuren aus dem anatomischen Atlas; der Mediziner aber saß oer- kechct auf dem Schaukelpferd, rauchte aus einer schmierigen Stummelpfeife und las den Ücderstrumpf, den er in der Jugend versäumt hatte. (Nus der „Muskete".) In dieser argen, bösen Welt Zu leben, leiden, sterben endlich. O diese Lieb' ist unergründlich! Ja „Wunderbar" so heißt Sein Nam'. O Heil Dir Seele, daß Er kaml Er kam aus Erden. Engel kündens heute, Daß Er erschienen, unsers Gottes Heil. O daß doch heut es alle Herzen hörten, Und Ihn erwählten als ihr bestes Teil. Ihn, den zll haben ewges Leben heißet, Ten einst mit Jubel noch das Weltall preiset. Ja, dessen Name: Wuitderbar, Der nun int Fleisch ist offenbar. Er kant aui Erden. Seliges Geheimnis, Das mm der Vater beiten offenbart, Tie auf des heiligen Geistes Stimme hörten, In denen Christus so geboren ward. Tie Er zum selgen Eigentum erkoren, Für die Er etitit in Niedrigkeit geboren. Glaub an den Namen: Wunderbar, So wirst du Gottes Kind fürwahr! Er kam atü Erden. O, welch große Freude Bringt diese Bolsckait in das Herz feinem. Tas Ihn erklärt zum bleibenden Gefährten. Fürwahr, bett ganzen Himmel schließt es ein Das Wort vom fleischgewordnen Gottesiohne, Ter kam, auk baß Er unter uns hier wohne. Ja teuer wert ists Wort und wahr Von Ihm, bes Name: Wunderbar. Er kam auf Erden Niedrig und in Schwachheit. So liegt Er dort im Krippelein. O das; doch nie wir solchem Herren wehrten, Der unsertwillen wurde arm und klein. Ja „Brüder" schämt Er sich nicht uns zu neunen, — Wem muß da nicht das Herz vor Scham und Liebe brennen? — Er, dessen Name: Wunderbar. O nein, 's ist nicht zu fassen klar! Er kam auf Erden. Er wird nnebcriommett. In Herrlichkeit und großer Kraft. Tann werden, die Ihm angehörten, In denen Er Sein Werk geschafft, Voll Jubel grüßen Sein Erscheine». Er kommt, sich ihnen zu vereinen. Dann zeial sicbs, ob dein Heiland tvar Ter, dessen Name „Wunderbar". Klein-Linden. Elisabeth I u n g. Ratsei. Hört, Kinder, was ich Euch will sagen, Es hat sich etivaS zugetragen: Es war ein Kmd, wem's lat gehören, Wird Euch des Rätsels Lösung lehren. Es ivohnt nn einem schönen Ott, Ihr selber weitet gerne dort. Ta kam des Wegs ein Mann daher, Dem unser Kind gefiel gar sehr.. Faßt fest es on und nahm es mit, Es mochte wollen oder uit. Darob beim Kinde großer Schmerz, Er trai es bis iu's pinne Herz. — Doch böse war die Absicht nicht, O nein, seht nur in ivelchem Licht Ihr findet uusern Liebling wieder. Man singt sogar ihm schöne Lieder. Wie es nun sieht die Herrlichkeit In die man es verseht hat heut. Ist es zufrieden, hent sich sehr, Nun sagt, wie heitzl's, wo war es her? — Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Weihitachts-KönigSzuges in voriger Nummer: Heiter strahlt die WeihnachtSsoune, Heiter strahlet sek er Blick, Jedes Herz ist voller Wonne, Jede Brust ist voller Glück. Prächtig schmücket jetzt aus's Neue Chrisikiudlein seine Bäume aus. Daß sich jeder Mensch ecireue, Zieht es beut' von Haus zu Haus. Redaktion: K. Neu rätst. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schsn Universitäts-Buch» und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.