Montag den 22. Januar «SU MZW g MjäOiyy SgggBpl N louiüii Glückslasten. No man von Hanns von Zobelti & (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Er hatte ihr sehr gehuldigt. Vielleicht zu auffallend. Die Fürstin hatte einige Male eine ihrer malitiösen Be- merkunczen darüber gemacht. Nun ja. Aber dieser Flirt hatte mchts auf sich. War — herüber und hinüber — im Grunde doch nur ein Mittel gewesen, pour Passer le temps. Dann war er ihr nachgereist. Richtiger, hatte sich im gleichen Zuge verborgen, und war erst in Mailand wie zufällig, daun in Frankfurt a. M. wieder aufgetaucht. Hatte mit hundert, ziemlich törichten Entschuldigungen um einen Platz in ihrem Kupee gebeten. Hatte sich für seine Verhältnisse redlich angestrengt, sie angenehm zu unterhalte». Nun ja. Daß er in allen Schranken blieb, dafür hatte sie schon gesorgt. Uebrigens. . . unbescheiden oder gar zudringlich war er nie gewesen. Wäre ihm auch übet bekommen/ Und das war alles. Eine Reisebekanntschaft ■— ein Reiseflirt. Mait lernt sich kennen, man freundet sich sozusagen an — saute de mieux —, man macht die Kur oder läßt sich das gefallen. Und inan trennt sich wieder. Das hatte nichts auf sich. Höchstens war da eine leichte Neugier: ob er wohl koininen uud dich begrüßen wird... Daun rauschte der Vorhang auf, und selbst die leichte Neugier taiichte unter, so völlig fesselte Signe das Bühnenwerk. Im nüchsteit Zwischenakt sah sie doch wieder nach der Proszeniumsloge hinüber: der Prinz war verschwunden. „Vielleicht ist er auf dem Wege zu uns?" dachte Signe. >,Vielleicht sucht er im Hause nach einem gemeinsamen Bekannten, der ihn den Eltern vorstellen könnte?" — Sie wartete, und das Warten machte sie ein wenig nervös, denn es verdroß sie, daß sie wartete. Dieser dumme, kleine Prinz! Bloß gerade, daß er ein Prinz war. Mit halbem Ohr nur hörte sie, daß Vater und die Brüder eine Verabredung für nachher trafen. Auch Mama tourde befragt. Kons, Adlon oder Kontinental? Mama fragte, wo dre beste Gesellschaft wäre? Eberhard meinte: „Ueberall und nirgend!" Friedel lachte ironisch, Vater schlug Borchardt vor; da wüßte man wenigstens, daß der Wein gut und das Essen vorzüglich wäre. Aber Hardi erklärte, es sei bei Borchardt zum Sterben langweilig. „Dafür bin ich nicht — weder fürs Sterben noch für dre Langeweile," warf Dodv dazwischen. Der Prinz kam wirklich nicht. „Dann also nrcht! „Er hat's also grad so aufgefaßt, wie du: eine Reisebekanntschaft, ein Reiseflirt. Was wunderst du drch denn?" Uber sie wundert« sich doch, Und es, verdarb ihr dre Stimmung. Als Mutter plötzlich sagte: „Da drüben sitzt ja auch Frau von Elsterburg —" und sich ausführlich über das bevorstehende Wvhltätigkeitsfest bei Kroll zu verbreiten begann, das die gute Dame patrouisierte, wurde sie ungeduldig, gab ganz knappe Antwort. Mutter war erstaunt: was fiel denn der Signe ein? Dieses Fest. . . äußerst wichtig konnte dieses Fest werden! Mit ihm hatte man vielleicht das, was man brauchte: das Sprungbrett, um leichter und schneller in die Geselligkeit hineinzu-j kommen. Dann war endlich, endlich die Aufführung zu Ende. Für den letzten Akt hatte auch Signe nur halbe Aufmerksamkeit gehabt. Sie wollte es sich nicht gestehen, aber ihre Eitelkeit war schwer verletzt. Und wenn der dumme Prinz meinte: eine Reisebekanntschaft, die zu nichts herpflichtet — zu einer gewissen Höflichkeit verpflichtete sie dennoch! Er hätte kommen müssen!--- Bei Kons war es drückend voll. Mit Mühe und Not hatte Eberhard, der vorausgecilt war, einen kleinen Ecktisch erobert, um den man ziemlich gedrängt saß. Vater hatte recht: bei Borchardt wäre es behaglicher gewesen. Ein süßer Duft von Zigarettenrauch lag über dem Saal. „Ist das nun vornehm?" fragte Dodo naiv. Nein, vornehm war es nicht, wenn man ehrlich sein wollte. Die beste Gesellschaft und eine recht schlechte, bunt durcheinander. „Riesig elegant" freilich, wie Mama fand. Die Damen in großer Toilette, die Herren im Frack; sehr vereinzelte Uniformen dazwischen. Mama wollte ein bissel orientiert sein, und die Brüder hielten flüsternd, sich abwechselnd, Vortrag. Den, die kannte Hardi; den, die kannte Friedel. Gräfin So und so und so mit ihren Männern; ein paar hübsche junge Frauen aus der Hautefinance; ein paar Gutsbesitzerfamilien; ein paar Tische mit Offizieren. Dazwischen übersprangen die Brüder bald die eine, bald die andere kleine Gruppe mit vielsagendem Lächeln: immer die elegantesten Damen mit den schicksten Hüten und den meisten Brillanten. Signe fühlte es instinktiv: kleine Schauspielerinnen, Tänzerinnen aus der zweiten Quadrille und tutti quanti. Wie man ihnen überall begegnet, in Paris, in Rom, ein der Riviera. Nur verhielten sie sich hier vielleicht ein wenig reservierter. Nein, vornehm war es nicht. Selbst Mutter empfand das schließlich: „Ist das jetzt überall so, in diesen Restaurants?" fragte sie und ließ das Lorgnon sinken. „So ziemlich — mit Nuancen," gab Eberhard zurück. Mama kam sich wirklich etwas deplaciert vor. Scho» der Töchter wegen. Aber sie machte gute Miene zum bösen Spiel. Und dann war das Gesamtspiel doch sehr hübsch, und die Musik fand Mama bezaubernd. Diese leichte, einschmeichelnde Zigeunermusik, die gerade Signes empfind- lickes Gehör so unmittelbar nach Wagner verletzte, beleidigte. Beleidigte, wie ihr Auge beleidigt wurde durch das Unstarren, dem sie ausgesetzt war. Schon in der Garderobe, 46 als sie beit Abendmantel ablegte, Hatten einige Herren ostentativ Front gemacht; beim Durchqueren des vorderen Saales fühlte sie, wie sich die Augen auf sie richteten? jetzt begegnete sie, wenn sie nur aufsah, neugierigen Blicken. Weniger noch bewundernd, als neugierig: wer ist denn nur diese neue auffallende Erscheinung? Man wird sie zu registrieren haben! Und man stieß sich an, tuschelte, fragte, lachte. Sigue war es ja gewohnt, aufzufallen. Nicht selten schmeichelte es ihr. Aber die Art, Ivie das hier zum Ausdruck kam, empfand sie als eine besondere Berliner Ungezogenheit, die sie verletzte und ihre Stimmung noch um einige Grade herabdrückte. Dann sah sie plötzlich den Prinzen. Er mußte soeben erst gekommen sein, stand an einem kleinen Tisch am Fenster zwischen einem jungen Herrn ■— augenscheinlich Offizier in Zivil — und einer pikanten Brünetten, anscheinend grad im Begriff, sich zu den beiden zu setzen. Da., schien es, fragte die Dame ihn noch irgend etwas. Er wandte sich um, mit dem Einglas im Auge, gab eine hastige Antwort zurück, schob, wie unsicher, ob er Platz nehmen sollte oder nicht, an seinem Stuhl herum, sprach dann noch ein paar Worte — und kam quer durch den Saal auf Signe zu. Oder doch auf den Tisch, an dem sie saß. Dann wandte er sich, nach einer Verbeugung, die wohl nur ihr galt, gleich au den Vater. Ganz korrekt, nur mit allzu sichtbarer Anstrengung, liebenswürdig zu erscheinen: „Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern, Herr von Gudarcza? Ich- hatte den Vorzug, Ihnen durch das gnädige Fräulein vorgestellt zu werden — auf dem Bahnhof . . . Hoburg . . ." „Wenn Vater ihn doch nur ordentlich abfallen lassen wollte. . Aber der gute Gudarcza war viel zu sehr überrascht und auch nicht Weltmann genug, um dafür sofort eine mögliche Form zu finden. Er erhob sich, murmelte etwas von „Sehr erfreut, Durchlaucht," nahm die dargeboteuo Hand. Und als der Prinz bat, ihn der gnädigen Fran vorzustellen, tat er das mit schmerzhafter Umständlichkeit. Mama wurde ein wenig rot — lieber Himmel, der erste Prinz ihres Lebens •—, benahm sich aber durchaus würdig. Weniger würdig fand Sigue, daß Eberhard sofort einen Stuhl besorgte, nachdem Hoburg etwas wie einen suchenden Blick hatte umherwandern lassen. Auch Friedel hatte sich eilfertig erhoben. Die Brüder mußten doch wissen, was solch ein kleiner Prinz bedeutete. . . So kam Hoburg zwischen die Schwestern zu sitzen. Und Signe dachte: „Du sollst es gut haben, Prinzlein!" Sie legte die Maske von Stein vor und sah über ihn ! weg, als wäre er nicht vorhanden. Auf seine Fragen antwortete sie grad so viel, wie es die unbedingteste Höflichkeit gegen einen Gast erforderte, der an ihrer Eltern Tifche saß — oder noch, weniger. „Ich hatte bereits das Glück, Sie int Opernhaus zu sehen, gnädiges Fräulein." Eilt unmerkliches Neigen des Kopfes. „Wagner — beim großen Zeus, ich konnte es nicht mehr aushalten und bin nach dem zweiten Akt in den Klub geflüchtet." „Wagner ist nicht jedermanns Sache." „Hatten Sie einmal Nachricht von meiner chöre tanke?" „Einige flüchtige Zeilen." „Sie haben sich in Berlin gut eingelebt, gnädiges Fräulein?" „Es geht." Und dann: „Denken Sie noch bisweilen an Florenz, Alt unsere Abendstunden am Kamin?" Da glitt ein ganz spitziges Lächeln um ihre Lippen, aus einen Augenblick nur: „Ich fand wirklich noch keine Gelegenheit dazu. . Eigentlich, fand sie selber im gleichen Moment, war das zu grobkörnig. Eigentlich bewies es gerade das Ge- I genteil. Für den Prinzen aber tat es feine Wirkung. Er kniff den Mund zusammen, nestelte ein wenig! an den Knöpfen feiner Weste und wandte sich an Dodo, um mit ihr ein paar gleichgültige Worte zu wechseln, sprach zur Mutter hinüber, sprach mit den Brüdern. Sichtlich erleichtert, denn nun fand er schnell einige Anknüpfungspunkte; er war Reserveoffizier in Eberhards Regiment und Alter Herr in Friedels Korps, Es wurde eine leidlich angeregte Unterhaltung. Nur Signe nahm nicht teil daran. Und wenn Hoburg, wieder und wieder, den Versuch einer Anknüpfung wagte, hatte sie immer nur die knappsten Antworten. Er wurde ganz nervös darüber, spielte mit seinem Sektglase, strich mit seiner schmalen gelblichen Hand über die Frackklappe, drehte den Brillanten im Stahlring, den er am kleinen Finger trug, nach innen und wieder nach außen. Schließlich sagte er: „Gnädiges Fräulein sind aber wirklich bei schlechtem! Humor . . ." und sie gab scharf zurück: „O nein. Ich amüsiere mich sogar ausgezeichnet." — „Und worüber, wenn ich fragen darf?" — „lieber das, worüber man sich immer am besten amüsiert über Menschen." — „O . . machte er und schwieg. Und dann stand er auf, sprach korrekt ein paar Worte des Dankes, verbeugte sich sehr korrekt und ging an den anderen Tisch zurück. . Vater zahlte gerade. Muter und Friedel fragten fast gleichzeitig, wo und wie Signe den Prinzen kennen gelernt hätte . . . „Du hast ja noch gar nichts davon erzählt" . . „Wer Mama, wenn ich von allen Leuten, die ich bei der Fürstin kennen lernte, erzählen wollte! Sie wollte hinzu- setzen: „Und der hier ist wirklich nur einer von vielen," aber sie brach gb. Wozu solch ein Urteil — das behielt man besser für sich. Als sie zum Ausgang schritten, schob der Zufall Eberhard an Signes Seite. Sie sah, daß der nach dem andern Tisch hinübergrüßte und daß nicht nur Hoburg und nicht nur der Offizier in Zivil wiedergrüßten, sondern auch die Dame mit dem koketten Federstutz im blau-schwarzen Haar. „Wer ist das?" fragte sie möglichst beiläufig. „Graf Syburg vou meinem Regiment und Fräulein Atting vom Residenztheater." Draußen stand Dodo schon, die immer am schnellsten in ihren Mantel kam, schöpfte tief Atem und erklärter „Geliebtes Elternpaar, die Luft da drin . . . einfach zum Ersticken. Was?" Und während sie als letzte in den Wagen schlüpfte: „Aber es lohnte doch . . . man hat endlich einmal einen veritablen Prinzen kennen gelernt, Na, solchen hab ich mir auch anders vorgestellt. Mit gebührendem Respekt zu vermelden." (Fortsetzung folgt.) Der ölte §ritz und die gute alte Zeit. Bilder aus König Friedrichs Friedensarbeit. Bon Dr. Karl M i f ch k c. Friedrich der Große — der alte Fritz. In unseren Köpfen lebt der große König als der Held, der zuerst in dumpfer, fauler Zeit zu frischer Tat ausholte: nach der Katastrophe des dreißigjährigen Krieges und der Demütigung durch die französischen Ludwige der erste deutsche Mann, der wieder die Hoffnungen des ganzen Volkes auf sich vereinigte und den ersten Schritt zu einer stolzen Entwicklung tat, die heute noch nicht zu Ende ist, der kühne Kriegsheld, der sich- gegen Europa behauptete und vier Großmächte niederzwang: Friedrich der Große. Tie Zeitgenossen aber sahen ihn in den Zwischenzeiten zwischen dem zweiten Schlesischen Kriege und dem Siebenjährigen, sowie in der Periode nach dem Siebenjährigen Kriege in rastloser Kleinarbeit die Wunden heilen, die das große Unternehmen dem flehten Lande geschlagen hatte, sie sahen ihn Moore austrocknen, Kanäle graben, Maulbeerbäume pflanzen, französische Gedichte schreiben, Einwanderer ins Land ziehen, sie sahen ihn eigensinnig verhaßte Steuern eintreiben, Beamte und Richter despotisch koramiereu, seine Truppe exerzieren, und in abgetragener Uniform, über und über mit Schnupftabak bestreut, daherreiten, grimmig und verbissen, fast ein Menschenfeind: der alte Fritz. Welcher von beiden war größer? Der Kriegsheld- oder der Friedensfürst, der Vater des Volkes? Ueberall hatte er sein Auge, er sah alles, wußte alles, ordnete- alles an, kontrollierte alles. Das ging damals noch; es war eine andere Zeit, das Land war noch klein, und man wußte itoch nichts von Eisenbahnen, von Dampfschiffen, v-on Telegraphen und Ueberseepolitik. Ein Oberamtmann Fromm hat uns eine recht lebhafte Schilderung von einer Reise hinterlassen, die der König im Juli 1779. als hoher Sechziger in die Ruppiner Gegend unternahm. ®r hatte dort, in der Dosse, einen öden Bruch urbar machen lassen und wollte das Gebiet, auf dem nun dreihundert Familien wohnten, inspizieren. Bei dieser Gelegenheit kümmerte er sich aber auch um alles andere, und die Beamten, die ihn stlhrten, hatten manch-' mal einen schweren Stand; freilich wären die guten Märker auch nicht auf den Mund gefallen und verstanden den Alten zu, behandeln. ■■ —> 47 r>Fät Ihr auch Weizen?" fragte er den Oberamtmauu Fromm ^-7 „Ja, Elm Maiestat." — „Wieviel habt Ihr ausgesät?" — "^el.WisPel, zwölf Scheffel" — „Wieviel hat Euer Borfahr LAsgesat? — „Vier Scheffel." — „Wie geht das zu, hast Ihr K viel mehr sat als Euer Vorfahr?" — „Wie ich schou die gehabt (!) Ew. Majestät zu sagen, daß ich siebzig Stück Muhe mehr halte tote mein Vorfahr, mithin meinen Acker durch jungen beffer instand setzen und Weizen säen kann." — „Aber warum baut >zhr feinen Hans?" — „Er gerät hier nicht. Im mlten Klima gerat er besser. Unsere Seiler können den russischen Hanseln Lübeck wohlfeiler kaufen und besser, als ich ihn bauen S&r denn dahin, ton Ihr sonst Hanf hin- , "Hetzern — „Warum baut Ihr aber kein Färbe- rraut, keinen Krapp? — „Er will nicht fort, der Boden ist nicht gut genug — „Das sagt Ihr nur so: Ihr hätett sollen die Probe machenff — „Das habe ich getan, allein, sie ist mir fehl- geichlagen, und als Beamter kann ich nicht viele Proben macken: dem: wenn sie fehlschlageii, must doch die Pacht bezahlt fein." — „Was sät Ihr denn dahin, wo Ihr würdet Färbekraut hiu- briugen? — „Weizen!" — „Na, so bleibt bei dem Weizen." -djt diesem Tone geht es weiter, stundenlang. Ter König will alles wissen. Wohin verkauft Ihr Eure Butter, Kapaunen und Puten? Macht Ihr Proben mit ausländischem Getreide? Ob es vorteilhafter, wäre, Pferde zu ziehen oder lieber mehr Kühe M halten? Ob man das Luch nach Havelberg zu austrocknen soll? Warum der Kleist auf Protzen, der Offizier war, seinen Abschied genommen hat? Wie das Wintergetreide und das Sommergetreide steht ? , Wie es diesem und jenem, den der König persönlich kennt, jet;t wirtschaftlich geht? Und tausend anderer Fragen. . ' ®01t kiner Witwe ist die Rede, die in Armut geraten sein toll,, ber Manu war Beamter gewesen. „Frauenwirtschaft!" sagt der König wegwerfend. — „Majestät verzeihen, sie wirtschaftet gut/ antwortet Fromm, „aber die vielen Unglücksfälle haben sie ito Grunde gerichtet, die tonnen den besten Wirt zurückfetzen. Ich selbst habe vor zwei Jahren das Viehsterbeu gehabt und keine Remission (Entschädigung) erhalten, ich kann auch nicht wieder vorwärts kommen." — „Mein Sohn," erwidert Friedrich, „heute hab ich «chaden am linken Ohr, ich kamt nicht gut hören . . T7 "',~a3n|t schon eben ein Unglück," brummt Fromm, „dast der Geheime Rat Michaelis (von den Finanzen) den Schaden auch hat!" Ueberhaupt benutzt Fromm die Gelegenheit, dem König seine Schmerzen nnb Sorgen vorzutragen. Der König freut sich, daß cs den Bauern in der Gegend gut geht. „Bor drei Jahren," berichtet Fromm, „starb ein Bauer, der hatte 11000 Taler in der Bank." — „Wieviel?" fragt der König. „11000 Taler." — „So mögt Ihr sie auch immer erhalten!" sagt Friedrich zu- frtoben — „Ja, es ist recht gut, Ew. Majestät, dast der Uirter- lan Geld hat, aber er wird auch recht übermütig." — Und nun spricht sich der Oberamtmann ärgerlich, darüber aus, dast die Bauern ihn schou siebenmal beim König verklagt haben, um vom Hofdienst freizukommen. „Ew. Majestät gaben denselben immer recht, und der arme Beamte must unrecht haben!" — Aber der König lacht: „Ja, daß Ihr recht bekommt, mein Sohn, das glaub ich wohl, Ihr werdet Euren Departementsrat brav Butter, Kapaunen und Puten schicken!" Er kannte seine Leute. Aus derselben Zeit, etwa eilt Monat später, datiert ein interessanter Erlast des Königs an die Hinterpommerscheu Landstände. Er betrifft beit Kaffee. __ Bekanntlich legte der König in seiner letzten Zeit auf den Kaffee große Steuern, und es entstand eine böse Schnüffelei int Lande, die ihn äußerst unbeliebt machte. Der Adel aber, für den Friedrich stets etwas übrig hatte, durfte jo viel Kaffee, als für die eigenen Familien gebraucht wurde, steuerfrei einführen. Natürlich bezogen die Herrschaften mehr und verkauften davon. Das. kam heraus, und der König war wütend über diesen „contrabanden Handel", der durchaus nicht gestattet werden konnte. „Höchstdieselben," läßt er schreiben, „haben die Absicht,- die „gräuliche Comsumtion" etwas einzuschränken. Es ist abscheulich," meint er, „wie weit es mit der Consumtion des Kaffees geht, und es reichen feine 600 000 Taler, die dafür jährlich aus dem Lande gehen, ohne was die anbern Sachen sind: das macht, ein jeder Bauer und gemeiner Mensch gewöhnt sich jetzt zum Kaffee, weil solcher auf dem Lande so leicht zu haben ist. Wird das ein bißchen eingeschränkt, so müssen die Leute sich luiebet an das Bier gewöhnen, und das ist ja zum Besten ihrer eigenen Brauereien. Das ist doch mit die Absicht, daß nicht,so viel Geld für Kaffee aus dem Lande gehe, und wenn es auch nur 60 000 Taler sind, so ist es immer schon genug. Uebrigens sind seine königliche Majestät höchstselbst in dero Jugend mit Biersuppe erzogen, mithin können die Leute dortselbst gut mit Biersuppe erzogen werden, das ist viel gesünder als Kaffee. . ." Daß freilich Friedrich selbst nicht nur Kaffee, sondern auch andere exotische Genüsse sehr liebte und ein Wses Beispiel gab, daran dachte er weniger. Fünf Tage später kommt ein Schreiben an den Oberpräsident von Domhardt, das heute ein besonderes Interesse beanspruchen kann. Der König lobt, daß jener sich bemühe, mecklenburgische Familien nach dem neuerwvrbenen Westpreußen zu ziehen, „und müsset Ihr suchen, noch mehr dergleichen und auch aus Sachsen, So viel es nur angeht, zu kriegen und da anzusetzeu, damit dis ieute untereinander ein bisgen melieret werden und nicht lauter Wohlnisches Zeug allein dort ist, sondern auch mitunter gute da wohnen: welches Ihr also besorgen werdet !" Dreser Wunsch ist allerdings ein Wunsch geblieben. Originell und ein Knlturmoment int kleinen sind die Rand- bemerkungen, die der KöniF auf die Eingaben zu setzen pflegte, die ihm vorgelegt wurden. Hier tritt fein galliger Humor, fein billiger Sarkasmus, feine prompte Entschiedenheit in der gedrängtesten Form hervor. Die Sammlung dieser Glossen zeigt auch, mit wieviel Kleinigkeiten zu jener Zeit ein Landesvater sich abzugebeii hatte, um die er sich heute nicht mehr kümmert, auch nicht kümmern kann. Da meldet sich ein gewisser Pierre Chalis, ein Fmnzosch l“n Hebamme gerne!en, und hat als solche eine staat- ffche Vergütung bezogen, nun ist sie tot, aber Monsieur möchte naiv die Pension weiter erhalten. Der König resolviert kurz: Er kann ja nicht accouchieren. Ein Maurergeselle, Mnens Eichel, will sich in Berlin als Laster mederlaisen. 7vie Sache, die wohl der Zunft nicht in den Kram paßte, kommt vor den König, der entscheidet: „Wor (b. h. fall») nicht Meister genug sind, kann man ihm annehmen, wor er nicht faul, wie bie Berliner sind, ist." Friedrich war den Berlinern mcht >ehr grün. Im Siebenjährigen Kriege beklagte er sich einmal, daß es immer hapert, wenn er von dort etwas verlangt: „Die Leute sind dorten so dumm und einfältig, daß, wenn man sie nicht füttert, sie kapabel sein, Hungers zu sterben." Ein Oberailditeur ist bei ber Beförderung übergangen worden, man hat ihm einen anderen vorgezogen. Auf die Beschwerde bc- merkt der König: „Ich habe einen Saufen alte Maulesel im Stalle, die lange den Dienst machen, aber nicht, daß sie Stallmeister werden." Frau von Zake ist um die Genehmigung zu einer Lotterie eingekommen, sie will Seilten und Taft ausspielen lassen: „Ob sie meint, daß ich so einfältig bin, nicht zu merken, daß sieh Kaufleute mnterJIjr gestochen haben, um mit Taft die Konterbande ztr machen? eie möchte mir mit solchen unbesonnenen Bitten verschonen oder ich würde sehr üble Opinion von ihr haben!" Ein Dominikaner-Vicarius kommt ein, daß ein paar Kandidaten zur Seelsorge Bei der Garnison von Neiße zugelassen werden. Friedrich, in Religionssachen stets tolerant, schreibt: „Bei der Garnison können sie gebraucht werden, aber verführen sie die Soldaten zur Desertation, must sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden!" Fürst Anton Sullowski in Tschirna hatte eine Schuld an einen preußischen Untertan nicht bezahlen wollen, und die Ober- amtsregierung in Glogau hatte ihn dazu gezwungen. Das war dem Fürsten in die Krone gefahren, und er bittet um „Satisfaktion",, weil sein hoher Rang nicht berücksichtigt wäre. Der König hat dafür kein Verständnis: „In diesem Lande sind Gesetze, und darnach wird alles regiert; es ist das Uiigelücke von Polen, daß solche allda nicht bekannt sind." Zwei preußische Minister, Gras von Finkenstein und von Hertzberg, teilen mit, daß ihnen die württembergischen Stände eine Gratifikation von je 1500 Dukaten bewilligt haben; der König sollte wohl seine Erlaubnis zur Annahme des Geschenkes geben. Er schreibt recht pfeffrig: „Ich kann mir bett starken: Widerwillen denken, meine Herren, den Sie gegen Annahme dieses Geschenkes empfinden, setze jedoch voraus, daß Sie sch eine fünfte Gewalt antun werden." Ter Akademiker Bitoubö ersucht um Urlaub. Er will eine Geschichte von Holland schreiben und dazu an Ort und Stelle Stiidieii machen. Der König sieht die Notwendigkeit nicht ein: „Er kann hier die Historie schreiben; was braucht'er deshalb herumzulau sen?" Gegen Ansprüche aus ber Kriegszeit zeigte er sich meist zugeknöpft. Es trat wohl viel an ihn heran, unb die Gelder waren knapp. Dein Weinhändler Kiehn in Berlin haben die Russen zweiundachtzig Fässer Landwein weggeführt, er bittet um Entschädigung. „Warum nicht auch," schreibt Friedrich, „was eti bei bet Sündflut gelitten, wo seine Keller auch unter Wasser geftnnben!" Einen andern, beut es in Landsberg ähnlich ergangen ist, tröstet er: „Am jüngsten Tage kriegt eilt jeher alles wieder, was er in diesem Leben verloren hat." Eine Firma Klüger u. Co. bittet um königliche ober staatliche Unterstützung, um in Berlin eine Rum- unb Arrakfabrik an- zu legen. Ter König winkt energisch ab: „Ich will's ben Teufel tun! Ich wünsche, baß das giftig, garstigs Zeng gar nicht da wäre und getrunken würde!" Professor Sulzer, ber sich gesundheitshalber einen Winter nach Italien begeben will, erhält ben Bescheid: „Wenn Er nach Italien gehen will, kann er tun. Ich habe aber auch nicht gehört, baß einer in Italien gesund worden, ber in Deutschland krank gewesen." Ter ehemalige neumärkische Kriegsrat Wiiickelmanit bittet mit Erlaubnis, sich nach Fran!reich zu begeben; ber dortige Finanzminister Necker sei ein Onkel von ihm und wolle ihn anstellen. Er erhalt die beste Antwort, die tief blicken läßt: „Hat er hier gestohlen, so kann er immer dahin gehen und auch stehlen." Mit wie seltsameu Anliegen man dem König kam, dafür ist ein Beispiel der Brief eines höheren Staatsbeamten, dessen Bruder in Bordeaux wohnt; dieser Bruder treibt Sklavenhandel unb will dazu seine Schiffe unter preußischer Flagge fahren lassen! Friedrich schreibt: „Der Handel mit Negern tft mir stets als eine 48 M Er’^TeiÄ^^ g few AchMWL » 8*5 1777: »‘tfa/ÄK?**. W I»d--. **• Aster ist dem König die wunderbare, kristallklare scharfe des Mikes die stets den Nagel auf den Kopf traf, treu geblieben Un- ermüd'lich tätig bis zuletzt hatte er sich redlich Um alles bemüht, was in feinem Lande vorging. Freilich, und das kann man ihm Nicht übelnehmem wurde es ihm auch manchmal zu viel, was uber- eiiriae Beamte ihm alles zu berichten für nötig fanden, und em Geheimrat der eine ganz gleichgültige Neuigkeit mitteilte, bekam das Papier zurück mit der Note: „Er schreibet dem lTeufel em Ohr ab! Er soll nicht schreiben, als wenn es der Mühe wert ist. Eine Vortragswoche. Eine lustige Skizze von Fritz Müller-Zürich. In unserer Gesellschaft wurde von allerhand Dingen gesprochen, die unmöglich seien. Möglich sei alles, meinte em angehender Doktor der Philosophie, mit Ausnahme einer einzigen Sache. Und die sei: Alle Borträge, die tn Zurich wahrend einer Winterwoche gehalten werden, anzuhoren. Mein Freund opponierte. Ein hitziges Gefecht ward daraus. Und am Ende kam eine Wette zustande. Mein Freund verpflichtete sich, m der kommenden Woche alle durch das Tagblatt angezeigten Bor- träge zu besuchen. Ich sollte ihn kontrollieren und begleiten. Mutig nahmen wir am Sonntag unser Unternehmen in Angriff. Da war zunächst am Bormittag von zehn bis zwölf ein Vortrag des „Genossen" Schweizer in der Eintracht: die Parteiprogramme der bürgerlichen Parteien. Wir ^ernten manches, was traut sonst nicht hört. Mein Freund pnes fernen guten Stern. Ohne den gelinden Zwang der Wette hatte er sicher zwei Drittel des Sonntagmorgens verschlafen „ Am Nachmittage gab es m der Großmunsterkirche eine Swft- rezitation. Das war schon der Mühe wert. Und die Wette kam U”ä Der MenEführte'"nns zu Professor Forel, der im großen Saal des Schwurgerichtes dem Alkohol zu Letbe ging,. Es ist ja richtig: der dritte Vortrag an dem Sonntag war em wenig viel. Es gab da und dort eine blinde Stelle m unserem Kopf, wo die Aufnahmefveudigkeit ein wenig zu versagen schien. Den- noch hielten wir uns wacker. . „ Am Montag mußten wir unsere Zeit gut eiiiteilen Um acht Uhr gab es im Saale des Seidenhofes: „Die drei hauptsächlichsten Verfahrungen der Kneipp'schen Hydrotherapie . So hatten wir in der Zeitung angezeigt gelesen. Wir konnten nur bis zur zweiten „Verfahrung" bleiben, selbst wenn uns am Schlüsse einige unentgeltliche Wassergüsse verabfolgt worden waren. Daim gings in die Sihlstraße zum Vereinshaus. 8 Uhr jOMi- uuten- Dort wurde über die Getreideversorgung der Schwerz gesprochen. Wie uns schien, ein außerordentlich wichtiges und zeitgemäßes Thema. Der Redner führte soeben aus, wie die Schweiz ein Land sei, das unbedingt auf die Einfuhr von Getreide angewiesen wäre. Daß es gelte, dieses Getreide ourch den Staat ankaufen und verteilen zu lassen. Lange konnten wir auch hier nicht derweilen, denn auf uns wartete noch der „5. Vortrag des 49. Zyklus" der Akademischen Rathauvvortrage. Der Ausdruck der Persönlichkeit in der modernen Frauenlyrik. Ich sank erschöpft in einen Stuhl in der Ecke und bewunderte meinen Freund, der mit heroischem Mute der Frauenstimme lauschte, die uns mit dem Ausdruck der Persönlichkeit in der ^raueiilyrik bekannt zu machen versuchte. Was -half das alles? Vor meiner Seele stand nichts als die drei Themen für heute abend: Pro . Bredig: Einwirkung von Oxymtrilen auf Alkaleide. Privatdozent Grün: Zur Synthese der Fette. Dr. Jantsch: Ucber die Doppelnitrate der seltenen Erden. , . , Mit diesen Themen hatte mich ment Freund eben beim Eintritt in den Saal bekannt gemacht. Hmterlistigerweiie, muß ich sagen, denn da ich Chemiker bin, fürchtete er, ich wurde ihm zugunsten dieser Stoffe den ganzen Wend untreu geworden Jem. Aber auch dies wurde noch überwunden, und nach einem Stärkungsschoppen suchte ich mein friedliches Zimmer auf. Im Traume verfolgte mich das Problem, wie die moderne Frauenlyrik durch den Anbau von Getreide in der Schweiz befördert werden könnte. Von Zeit zur Zeit erwachte ich schweißgebadet und besann mich mühsam darauf, daß das alles i-etzt nicht so nötig sei, wenigstens nicht für mich, wie ein ruhiger Schlaf, der mzr neue Kräfte gab für den Dienstag. . Am Morgen traf ich meinen Freund in der Hochschule. Ich forderte kategorisch ein genaues Verzeichnis der Unternehmungen für heute abend. Er zog ganz vergnügt einen Zettel ans der Tasche und sagte, es sei dieses Mäl nicht so viel und gut tut* ^E'uhr: Die Melodien des Troubadours in Tronvöres" itrt Saale des Konservatoriums. 7 Uhr: --Pause zum Abendessen. 8,30: „Weltnaturschutz von Dr. Sarasin, Basel- 8,al) in der Thalysia: „Die Küche als Urheberin der Krankheiten -9,15 tron einem psychologischen Schriftsteller: „Das Leben der seele nach *3eTtl „D^siehst also, daß du schon um zehn Uhr zu Hause feilt und noch bis 12 Uhr arbeiten kannst." z . „ Beim Tageslicht kam mir alles nicht mehr o fd)fanni tior; und so sah mich der Wend wieder an der Arbeit. Es wurde dieses Mal wirklich mir 11 Uhr, und ich vermochte am Schlüsse auch noch ohne Mühe zusamnienhangende «atze ziu sp,cechen Auf dem Tische sand ich einen Bne meiner Mutter vor „Da ich Dich persönlich nicht mehr zu sehen bekomme,, so, lade 'ck Dich hiermit schriftlich zu Deiner Geburtstagsfeier mn. Richtig, drei' Tage lang hatte ich die Meinigen kaum fluchtig gefeh-en. Morgen konnte ich mein Wort nicht halten, denn bei^uns- wurde streng an alten Familiensitten festgehalten Clgentttch spurte ich eine kleine Erleichterung und schlief, trotz des Konglomerate - "SÄ” LV to* ** •* tia0G8O^a6nDnur noch Hier Nummern zn orlodigen, und MMN Freund sagte am Donnerstag triumphierend, „Siehst du, dl° Wette ist fast schon gewonnen. Ich habe zwar heute noch reine Tagesordnung aufgestellt, aber ich werde es wahrend des Mittag- b^^Am^Abend holte er mich ab, anscheinend etwas mißgestimmt. Jm^KasinoEttingeti:^ „Referat gegen den Gotthardvertrag^