Donnerstag, den 2\. November S»2wfe Hl «.tf&HWWSrfMK3 st^^^AMisususWW ^Slsääi hii »]•_ iMJi 'TTiirMiffililfl' K !Z ;v r ■ MS ? y 1 Auch ein Verbrecher. Erzählung von Reinhold Orlniftttit. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) An der Wand der Vorhalle, in der er steht, ist eine Waffen- trophäc bescstigt. Mit einem Sprunge ist der junge Hausherr davor und hat den ersten besten Gegenstand heruntergerissen, der ihm zu Angriff oder Abwehr tauglich scheint. Es ist ein gekrümmter ungarischer Sabel mit reich damaszierter srhngc. Dann stürmt er vorwärts durch ein paar dunkle Gemächer bis m das erleuchtete Toilettenzimmer, an dessen Sckpvclle ihm sein Weib entgegenwankt, geisterbleich und jetzt kaum eines Wortes mehr fähig. Mit ausgestreckten Armen deutet sie auf den Fußboden, über den in wilder Unordnung hundert Dinge verstreut sipd, die sie vorher wohl verwahrt in Fächern und Schubladen zurück- gelassen. Brutale Hände müssen während ihrer kurzen Abweseu- hcit alles durchwühlt n>ld durcheinander geworfen haben. Auch das eiscnbeschlagene Schmnckschränkchen in der Ecke ist erbrochen: die Tür steht weit offen, und eine Anzahl lederner und samtener Etuis liegt geöffnet und des kostbaren Inhaltes beraubt auf dem „Meine Juwelen — mein Schmuck!" das ist alles, toas sie über die zitternden Lippen zu bringen vermag. Ihr Gatte aber hat kaum einen Blick für all die Verwüstung, beinahe heftig stößt er das junge Weib, das sich angstvoll an ihn geklammert, zur Seite und stürzt tociter durch das Schlafgemach in das Zimmer, dessen Wände für ihn das köstlichste aller Kleinodien umschließen. Als er die Tür anfstößt, sieht er einen fremden Menschen neben dem Bettchen seines Kindes kauern, mit) er sieht das Kind halb ausgerichtet in den Kissen, mit gnalentstelltem, dunkelrot verfärbtem Gesicht und weit aufgerissencn hervorgnellenden Angen. Pfeifend und röchelnd geht der Atem der armen kleinen Brust, und ganz deutlich glaubt er im Moment seines Eintritts wahrzunehmen, wie der fremde Eindringling seine Hand von dem HalS des Kindes zurückzieht. ___ ' .. Nun will der Verbrecher natürlich die flucht ergreifen. Mit einigen raschen Sätzen ist er am offenen Fenster. Aber der bis zum Wahnsinn erregte Vater ist schneller als er. Ein schwirrendes Geräusch, ein halbkreisförmiges Aufblitzen in der Luft und bann ein schwerer dumpfer Schlag. Der Verbrecher, dessen fahles, schmächtiges Gesicht sofort mit Blut überströmt ist, greift mit den Armen ins Leere. < Dann stürzt er wie ein gefällter Baum vornüber zu Boden. * Im Seitenflügel eines großen, von vielen Partien bewohnten Hauses im Arbeiterviertel, hoch oben im dritten Stock, rüstet sich drei Monate später eine blasse junge Frau für den schwersten Gang 'ihres Lebens. Unter der Anklage des Einbruchsdiebstahls und der schweren Körperverletzung soll ihr Mann heute vor seinen Richtern erscheinen, und fie ist als Zeugin geladen. Was sie eigentlich bezeugen soll, sie weiß es nicht. Seit jenem Nachmittag, da er entmutigt und verzweifelt zum hundertsten Male auSge» gangen war, sich nach Arbeit umzutun, hat fie ihren Mann nicht wiedcrgeseheit. Denn weder während seines langen Krankenlagers noch später während der Untersuchungshaft hat man ihr gestattet, ihn zu besuchen. Unzählige Male ist sie beim Staatsanwalt und hei dem Untersuchungsrichter gewesen, um die Erlaubnis zu solchem Besuche zu erwirken. Aber immer hat man sie auf die Zeit nach der Hauptverhandlung vertröstet, wo sie ihren Mann, dessen Verurteilung ja außer allem Zweifel ist, in gewissen Zwischenräumest würde sehen können. Daß sie über diese entsetzlichen Mrmate überhaupt hat Hinwegkommen können, ohne vor Gram zu sterben ober 'beit Verstand zu verlieren, ist ihr unbegreiflich. Und wäre nicht das Kind gewesen/ dies zarte, schmächtige Geschöpfchen, das beständig der sorgfältigsten Wartung unb Pflege bedurfte, so würde sie wohl auch kaum btej Kraft gefunden haben, ihr zerstörtes Dasein wetterzuschleppen. Nur um des Kindes Willen hat sie gelebt, nur für ihr Kind hak sie gearbeitet, unb in biefer Arbeit sogar manchmal für eine kurze Zeit vergessen können, was bas grausame Schicksal über fie verhängt hat. Freilich ist es ihr nicht immer leicht gemacht worben, Arbeit zu finben. Nur solche Leute, die nichts von der schweren Schuld ihres Mannes wußten, haben sich dazu verstanden, ihr Beschäftigung zu gewähren. In dem Augenblick, wo man erfuhr, daß sie die Frau des Einbrechers Paul Reiuicke fei, hat man ihr die Arbeit immer wieder entzogen. Und die Not würde aufs neue in ihrer furchtbaren Gestalt auf der Schwelle des kleinen Heims erschienen sein, wenn nicht ein Freund dagewesen wäre, der großmütig immer wieder über die Stunden schwerer Bedrängnis hinweggeholfen. Frau Marie erschauert bei der Borstellung, was aus ihr und ihrem Hänschen wohl hatte werden sollen ohne Herrn Robert Jrmisch, diesen edlen unb hochherzigen Menschen, den einzigen, der sich nicht gleich allen anderen Bekannten eilig von ihr zurückgezogen, als das Schreckliche geschehen war. . Er hat nicht nur das Zimmerchen behalten, das er nun schon seit fiebert Monaten als ein ruhiger und anspruchsloser Mieter bewohnt, sondern »er haf sogar ans freien Stücken seinen Mietzins erhöht. Unb mit einem Zartgefühl, für das sie ihm fast noch inniger dankbar ist als für die Wohltaten selbst, hat er immer zur rechten Zeit ausgeholfen, wenn die Not gerade am höchsten gestiegen war. Heute erhält sie einen neuen Beweis für die Aufrichtigkeit seiner Freundschaft. Denn als sie eben von der Nachbarin zurück- fommt, bei der sie Häuschen für die Dauer ihrer Abwesenheit untergebracht hat, findet sie Herrn Robert Jrmisch, fertig zum' Ausgehen angekleidet, in ihrem Zimmer. Er ist ein großer, kräftiger Mann zwischen dreißig unb vierzig Jahren, eine stattlichst Erscheinung, die einer Frau wohl gefallen kann. Freundlich rctfyt er dem totenbleichen jungen Weib die Hand. „Guten Morgen, Frau Reiuicke! Sie haben doch nichts dagegen, daß ich mit Ihnen gehe'? Ich bin ja nicht vorgeladeii, aber ich meine, es kann nichts schaden, wenn Sie einen Bekannten bet sich haben, auf den Sie sich unter allen Umständen verlassen können." Bon Herzen gern nimmt sie fein Anerbieten an. Hat fie doch zu keinem Menschen auf der Welt so uneingefchränktes Vertrauen wie zu ihm. Sie willigt auch ein, daß Herr Jrmisch eine Droschke nimmt, statt die so viel billigere Straßenbahn zu benutzen. Es wäre ihr heute unerträglich erschienen, die Gesichter von gleichgültigen oder von fröhlichen Menschen zu sehen, sie möchte ihrem Begleiter die Hände küssen vor Dankbarkeit, daß er so viel Rücksicht nimmt auf ihr unausgesprochenes Empfinden. Es wird unterwegs nicht viel zwischen ihnen gesprochen. Aber als sie ihrem Ziel schon ziemlich nahe gekommen sind, fragte Herr Jrmisch ganz unvermittelt: „Wenn Ihr Mann verurteilt werden sollte, werden Sie sich doch wohl von ihm scheiden lassen?' 730 Frau Marie starrt ihn erschrocken an. „Ich — ich sollte —" stammelt sie. Die Frage kommt ihr so überraschend, daß, sie sie gar nicht sogleich erfaßt. Aber Herr Jrmisch fährt mit eindringlicher Freundlichkeit fort: „Es ist doch ganz sicher, daß er Zuchthaus kriegt. Unter zwei Jahren wirds wohl nicht abgehen. Das ist ohne weiteres ein Scheidungsgrund. Haben Sie denn das nicht gewußt?" „Nein. Ich — ich habe noch gar nicht daran gedacht." „Aber es leuchtet Ihnen jetzt ein — nicht wahr? Sie sind das nicht bloß Ihrem Kinde schuldig, sondern auch sich selbst. Ein so junges und hübsches Weibchen wie Sie braucht sich nicht an einen Verbrecher zu hängen. Ich wüßte schon jemand, der Ihnen was Besseres zu bieten hätte." Dabei ist er ihr etwas näher gerückt. Frau Marie aber weicht vor ihm zurück, soweit es die Enge der Droschke gestattet. „Nein, Herr Jrmisch. Sv sollen Sie nicht reden. Was mein Mann auch Schreckliches getan hat, er hat es doch bloß getan, damit wir nicht hungern sollten. Und ich werde ihn ganz gewiß nicht verlassen. Wenn er wieder frei ist, wird er notwendig jemand brauchen, der ihn Pflegt' und tröstet." Herrn Jrmischs freundliches Gesicht hat einen sehr verdrieße lichen Ausdruck angenommen. Man kann es' ihm deutlich ansehen, wie unangenehm er enttäuscht ist. „Na, ich hoffe, Frau Reinicke, Sie werden sich das noch überlegen." „Da ist nichts zu überlegen. Ob er int Zuchthaus gewesen! ist oder nicht, er bleibt darum doch mein Mann und der Vater meines Kindes." Der andere brummt etwas Unverständliches, dann hüllt er sich in mürrisches Schweigen. Der Wagen hält vor dem Gebäude des Kriminalgerichts. Frau Marie fühlt sich einer Ohnmacht nahe beim Anblick der Mauern, hinter welchen sich innerhalb der nächsten Stunden das Schicksal ihres unglücklichen Mannes entscheiden soll. , Ihr Begleiter steigt mit ihr die steinernen Stufen empor. Vor der Tür des Sitzungssaales müssen sie warten. Dem armen, jungen Weib flimmert es vor den Augen. Sie sieht alles nur in einem dicken Nebel. Aber als sie in der Nähe jemand halblaut sagen hört: „Das ist der Herr Leuenberg mit seiner Frau, in deren Billa er ein- gebrochen ist. Und sie haben auch das Kinb mitgebracht, das er ermorden wollte," da nimmt sie ihre ganze Kraft zusammen, um die Leute anzusehen, denen ihr Mann so Gräßliches hatte zufügen wollen. Das kluge, energische Gesicht des Herrn Leuenberg, der kaum zehn Schritte von ihr entfernt am Fenster steht, und die kalte, hochmütige Miene seiner schönen Frau flößen ihr Furcht ein. Als ledoch ihr Blick auf dem blonden Kraustöpfchen des ahnungslosen und von der neuartigen Umgebung sichtlich sehr interessiertest Knäbleins. ruhen bleibt, da steigt es aus ihrem Herzen auf wie eine tröstliche Zuversicht, daß man ihrem Manne wenigstens in diesem einen Punkte ganz gewiß unrecht tut. Denn nach dem Leben dieses holden Kindes hat er sicherlich niemals getrachtet. Dazu kennt sie ihn doch zu gut. Sie ist mit einem Male viel ruhiger geworden, und wie beglückende Hoffnung beginnt es sich leise in ihr zu regen. Wenn man ihn in diesem einen zu Unrecht beschuldigt, kamt sich dann nicht auch vielleicht für alles andere eine Erklärung finden, die sein Vergehen in einem milderen Lichte erscheinen läßt. Sie ahnt selbst nicht, welcher Art eine solche Erklärung sein könnte, aber sie klammert stich mit aller Kraft ihres verzweifelten Herzens an die schwache Hoffnung, und ihr Gang ist sicherer, ihre Haltung aufrechter als vorhin, da sie nun bei dem Zeugenaufruf gleich den anderen den Saal betritt, sobald der Gerichtsdiener ihren Namen genannt. Es ist gut gewesen, baß ihr noch im letzten Augenblick wie dura) ein Wunder solche Ermutigung gekommen, denn der Anblick, der drinnen ihrer wartet, »würde sie sonst wahrscheinlich überwältigt haben. In dem von hohen Schranken umgebenen kleinen Verschlage seitlich vor dem grünen Richtertisch steht ihr Mann, abgezehrt und bleich, die Stirn und das linke Auge mit einer schmalen schwarzen Binde umwunden. So erbarmungswürdig krank und hinfällig sieht er aus, daß bei seinem Anblick in ihrem Herzen Wt einem Male alles ausgelöscht ist, was sie vielleicht zuweilen gn Groll und Verachtung.gegen ihn empfunden, und daß darin Air nichts anderes mehr Raum ist als für die große, heilige mitleidsvolle Liebe, flir die Liebe, die nicht fragt, was hast du gefehlt, weil sie ja bereit äst, alles zu verzeihen. Er sieht nicht zu ähr hinüber, sondern schaut starr vor sich hin; sie aber kann ihren Blick nicht eine Sekunde lang von ihm wenden, und alles, was um sie her geschieht, geht an ihr vorüber, !als hätte sie nicht das mindeste damit zu schaffeii. Ihr Name wird aufgerusen; man stößt.sie an, um ihr bemerklich zu machen, daß sie sich melden müsse. Wieder nach einer kleinen Weile erfaßt der Gerichtsdiener ihren Arm. „Sie sollen Einstweilen mit den anderen Zeugen abtreten, Frau Reinicke. Wenn chie Reihe an Ihnen ist, werden Sie wieder aufgerusen werden." . iinb bann sitzt sie beinahe eine Stunde lang draußen auf £?rr Bank m her Fensternische. Herr Jrmisch leistet ihr nicht mehr Gesellschaft, denn er ist drinnen im Zuhvrerraum des Gerichts- Krales. Wer sie hat letzt auch kein Verlangen nach irgend jemandes. Gesellschaft. Sie denkt an ihren armen, unglücklichen Mann) und sie wird nicht müde, sich auszumalen, Ivie sie ihn hegen und pflegm und trösten wird, wenn man ihn ihr wieder gegeben. Sie hat Mühe, sich darauf zu besinnen, wo sie sich befindet, als sle ihren Namen Aufrufen hört. Erst als sie vor dem Zeugentische steht, hat sie ihre Gedanken wieder beisammen. Und mit FincLS^IultS'- bie alles in Erstaunen setzt, gibt sie Antwort auf die üblichen erfteit Fragen, die zur Feststelluiig ihrer Persönlichkeit dienen sollen. Der Vorsitzende, der einen sehr milden imo gütigen Ton gegen sie anschlägt, macht sie darauf aufmerksam, daß sie berechtigt sei, ihr Zeugnis zu verweigern. Aber sie schüttelt den Kopf. Es gibt für sie keinen Grund, etwas zu verschweigen „Dann aber müssen Sie die reine Wahrheit sagen, Fräst Reinicke. . Ob Sie nun vereidigt werden ober nicht. Sie dürfest Ihr Gewissen mit keiner Lüge belasten, weil Sie etwa Ihrem! Mann daiiiit zu nützen hoffen." „Ich werde nur die reine Wahrheit sagen, Herr Präsident." „Sie wissen, wessen Ihr Mami angeklagt ist. Er hat ist Gemeinschaft mit einem bis jetzt leider nicht ermittelten Genossen einen Einbruch in der Villa des Herrn Leuenberg verübt, zu einer Zeil, als, wie er ohne Zweifel wußte, sowohl Herr Leuenberg und seine Gemahlin, als auch die beiden männlichen Dienstboten, der Kutscher und der Diener, abwesend waren. Bon dem weit abse>is wohnenden Gärtner hatten die Diebe nichts zu fürchten, und die Entdeckung drohte ihueii nur von der Gouvernante, die eigentlich Bei dem kranken Leuenbergschen Kinde hatte wachen sollen. Sie arbeiteten nun offenbar mit verteilten Rollen insofern, als die Ausführung des Diebstahls dem unbekannten Genossen zufalten sollte, während der Angeklagte es auf sich genommen hatte, die Gouvernante und das Kind unschädlich zu machen. Die junge Dame hatte sich nach ihrer hier abgegebenen Erklärung von der Müdigkeit überwältigen lassen, und zwar ohne allen Zweifel zu ihrem Glück, denn wenn er sie nicht schlafend gesunden hätte, würde Ihr Mann sich wahrscheinlich eines noch gefährlicheren Mittels als des Chloroforms bedient haben, um ihr edjtoeigen zu erzwingen. So aber begnügte er sich damit, sie zu betäuben, und er darf von Glück sagen, daß die Zeugin aus dieser Betäubung wieder erwacht ist. Aus ein Wiedererwachen des Kindes scheinen die beiden Verbrecher nicht gerechnet zu haben, oder Ihr Mann glaubte vielleicht auch, den Knaben durch ein drohendes Wort einschüchtern zu können. Das Ehepaar Leuenberg ist etwas früher, als beabsichtigt war, nach Hause zurückgekehrt, und der Genosse Ihres Mannes hat Zeit gefunden, sich durch den Garten in Sicherheit zu bringen. Das Bündel, in das er seine reiche Beute gepackt hatte, muß ihm dabei allerdings hinderlich gewesen fein; denn man hat es noch in derselben Nacht im Gebüsch am Gartengitter gefunden, so daß Herr Leuenberg und feine Frau einen Verlust nicht erlitten haben. Der Angeklagte äst hei feinem Fluchtversuch weniger glücklich gewesen als sein Spieß^- geselle. Er wurde, ehe er noch aus dem Fenster springen tonnte, von Herrn Leuenberg eingeholt und durch einen Säbelhieb über dm Kopf ziemlich schwer verletzt. Nach der Beftimmten Erklärung des Zeugen war Ihr Mann nur durch fein rechtzeitiges Eingreifen an der Begehung eines furchtbaren Verbrechens verhindert worden. Denn Herr SeueitBerg will deutlich gesehen haben, wie er den Versuch machte, den Knaben zu erwürgen. — Dies ist in Kürze der durch die Zeugenaussagen festgestellte Tatbestand. Der Angeklagte selbst hat bisher in unbegreiflichem Eigensinn jede nähere Erklärung verweigert. Auf alle Fragen und Vorstellungen hat er nur immer wiederholt, daß er schuldig .sei und «verurteilt tverden wolle. Einzig gegen die Beschuldigung, daß er sich an dem Kinde habe Oergreifen wollen, sucht er sich mit einer höchst unglaubwürdigen Geschichte zu verteidigen, auf die ich noch zurückkommest werde. Zunächst ersilche ich Sie nun um die Beantwortung 'einiger Fragen. Ihr Mann ist bis jetzt unbestraft; aber das ist natürlich kein Beweis dafür, daß er sich noch nie meiner (unredlichen Handlung schuldig gemacht. Ist Ihnen von einer solchen etwas bekannt?" „Nein. Mein Mann >var immer der rechtschaffenste und ehrlichste Mensch von der Welt." Es geht wie eine leichte Regung der Heiterkeit durch den Ziihörerranm. Da dreht die Zeugin sich nach den Lachenden um, und als sie in ihr Gesicht gesehen, sind sie mit einem Mal? alle ivjeder sehr ernst, (Schluß folgt.) Die hessischen Biographien. Ein Geleitwort zu ihrem Erscheinen von Dr, Karl Esselborn. ■ (Schluß.) Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu den „Hessischen Biographien" zurück. Ziehen diese sich auch örtlich Ustd zeitlich engere Grenzen als das Werk von Strieder, so gehen sie doch in gegenständlicher Beziehung sowohl über dieses Werk als auch über das Scribasche Lexikon hinaus, da sie nicht nur Gelehrte und Schriftsteller behandeln, sondern überhaupt Persönlichkeiten, Männer und Frauen, die sich in Kunst, Wissenschaft, Technik, Handel und Industrie, auf staatlichem, kirchlichem und sozialem Gebiet ober sonstwie hervorgetan haben. Ihre zeit-» 731 lich'e Grenze bildet das Jahr 1806, wo Hessen Großherzogtum ward, und das Jahr 1900, das letzte des 19. Jahrhunderts. Wessen Wirksamkeit im Großherzogtum oder Tod vor das Jahr 1806 fällt, bleibt von der Aufnahme ausgeschlossen, ebenso wer nach dem Jahre 1900 gestorben ist. Diese letzte Grenzbestimmung hat nur vorläufige Geltung, sie wird später hinausgeschoben werden, wenn eine unparteiische Schilderung der später Gestorbenen allgemein möglich sein wird. Wird die Aufnahme in ein biographisches Sammelwerk von der Eigenschaft als Schriftsteller abhängig gemacht, so ist die Entscheidung über die Frage der Ausnahme oder Ausschließung im einzelnen Fall sehr leicht, weil eben das entscheidende Merkmal rein äußerlicher Natur ist. Viel schwieriger gestaltet sich diese Frage bei Fürsten, Offizieren, Beamten, Geistlichen, Lehrern, Merzten, Technikern, Malern, Bildhauern, Bühnenkünstlern, Kaufleuten usw., die ja alle in den hessischen Biographien Berücksichtigung finden müssen. Wie schwer ist es ost, hier die Bedeutung der einzelnen Persönlichkeiten abzuwägen! Da mag es auch vorkommen, daß eine weniger bedeutende Persönlichkeit behandelt wird, während eine bedeutendere zunächst fehlt —• was auch darin liegen kann, daß sich noch kein Bearbeiter dafür gefunden oder der vorgesehene Bearbeiter diesen Aussatz noch nicht fertig gestellt hat. Dieser Umstand machte es unmöglich, alle der Aufnahme würdigen Personen schon jetzt endgültig zu bestimmen und die Artikel in alphabetischer Reihenfolge, wie sie z. B. die Werke von Strieder, Scriba und die Allgemeine deutsche Biographie aufweisen, anzuordnen. Der Reihenfolge der Artikel liegt darum kein bestimmtes System zugrunde. Da aber jeder Lieferung und jedem abgeschlossenen Bande ein alphabetisches Register beigefügt wird, so ist es jederzeit möglich, ohne langes Suchen einen bestimmten Namen in den verschiedenen Heften oder Bänden zu finden. Außerdem bietet diese Anordnung den Vorteil, daß jederzeit ein Artikel eingeschoben werden kann, daß ein rückständiger Artikel das Erscheinen eines Heftes oder Bandes nicht verzögern muß, und daß die berufenen Bearbeiter, von denen mancher vielleicht weg- gefallen sein könnte, bis nach alphabetischer Anordnung der Artikel die Reihe an ihn käme, gleich zu Wort kommen kann. Bei sämtlichen Artikeln war es das Bestreben der Verfasser und Herausgeber, daß aller bis jetzt zugängliche Quellenstoff bei der Abfassung der einzelnen Biographien benutzt wurde. Hierbei handelt es sich nicht nur um amtliches Material, das in staatlichen Archiven oder in den Registraturen der Behörden aufbewahrt wird, sondern auch um das in Privatbcsitz befindliche, das häufig lebensvollere Einblicke in den Werdegang eines Menschen gewährt als die oft knappen und trockenen Akten. Daß jedoch bei Persönlichkeiten, von denen noch nahe Verwandte vorhanden sind, auf diese Rücksicht genommen werden mußte, soweit es die geschichtliche Wahrheit zuläßt, liegt in der Natur Der Sache. Diese Rücksichtnahme stellt die Verfasser und Herausgeber manchmal vor gar heikle Fragen. Denn oft pflegen Nachkommen in übertriebener Weise empfindlich zu sein, wenn es sich um ein nicht ganz günstiges und vorteilhaftes Urteil über ihren Vorfahr handelt. Sie erwarten sich von den Aufsätzen der hessischen Biographien ein Elogium, eine Lobrede, während diese sich doch, als ein geschichtliches Quellenwerk, strenger Objektivität befleißigen müssen. Sind Nekrologe oft von dem ersten Schmerz über den kürzlich erlittenen Verlust diktiert, der sich häufig nur in Superlativen ausspricht, so darf doch keine Biographie auf diesen Ton gestimmt sein. Dem steht ja auch schon der verhältnismäßig enge Raum entgegen, der den einzelnen Artikeln zugebilligt ist; die größten Artikel sollen ohne die bibliographischen Angaben nicht mehr als sechs Seiten umfassen. Daher müssen die einzelnen Artikel mit lexikalischer Kürze und Knappheit abgefaßt sein. Der Philosoph Kuno Fischer sagt in dem Vorwort zu dem dritten Bande seiner philosophischen Schriften, der Ü. a. auch den von ihm für die Allgemeine deutsche Biographie verfaßten Artikel über Johann Gottlieb Fichte enthält: „W ahrhaft kompendiös läßt sich nur schreiben, was voluminös geschrieben worden ist." Dieser sehr richtige Satz zeigt deutlich, welche Schwierigkeit ein einzelner Artikel der Biographiensammlung, der nur ein paar Seiten umfaßt, machen kann und in der Regel auch macht. Ein solcher Artikel erfordert die Sichtung und Durchsicht alles Materials, das sich über einen Gegenstand auffinden läßt, während der vorgeschriebene geringe Umfang des Artikels den Verfasser dazu zwingt, vieles nur ganz kurz anzudenten, worüber ihm reicher Quellenstoff zur Verfügung steht, es sei denn, daß er sich von vorn herein dazu entschließt, dem kurzen Aufsatz in den hessischen Biographien eine ausführlichere Bearbeitung an irgend einer andern Stelle vorausgehen zu lassen. Das ist aber nur in den wenigsten Fällen möglich; regelmäßig werden sich die Verfasser mit der entsagungsvollen Arbeit an den kurzen Artikeln ab- zufinden haben. An dem einen oder andern Urteil, das in den Aufsätzen der hessischen Biographien gefällt ist, werden spätere Generationen, denen weitere Quellen vorliegen, manchmal etwas zu ändern haben. Aber auch den künftigen Arbeiten leisten die hessischen Biographien dadurch eine nicht unerhebliche Hilfe, daß jedem Artikel ein möglichst vollständiges Literaturverseichnis beigefügt ist; das gleiche gilt auch von den Schriftverzeichnissen bei Artikeln über solche Persönlichkeiten, die sich literarisch betätigt haben. Ein nekrologisches Nachschlagebuch für Deutschland für die Zett von 1854, wo der „N eue Nekrolog der De ut- f ch e n" mit seinem dreißigsten Jahrgang einging, bis zum Jahre 1896, wo, das „Biographische Jahrbuch" zu erscheinen beginnt, fehlt gänzlich. In dieser Beziehung haben die hessischen Biographien für das ihnen zugewiesene Gebiet eine lang empfundene Lücke auszufüllen. Die genannten beiden Nekrologen- sammlungen bieten für einige Artikel der hessischen Biographien wertvolles Material. Da dies aber doch nur bei einer sehr kleinen Anzahl der Fall ist, so fehlt feit dem Jahre 1843, wo der zweite Band von Scribas Schriftstellerlexikon erschien, int Grunde jede Vorarbeit für die hessischen Biographien. Bei dieser Sachlage ist es auch bis jetzt unmöglich, ihren Umfang schon letzt zu übersehen. Zunächst wird in den nächsten fünf Jahren alljährlich ein Heft zu je acht Bogen erscheinen, die zu einem Band vereinigt werden. Der Preis eines Heftes beträgt für Subskribenten 2,40 Mark, int Einzelverkauf dagegen 3 Mark, doch werden nach Abschluß eines Bandes die ihn bildenden Hefte nicht mehr einzeln abgegeben, sondern nur der abgeschlossene Band, der auf 15 Mark zu stehen kommen wird. Die Subskription ist also die bei weitem vorteilhaftere Art des Bezugs, die es auch .jedem ermöglicht, nach und nach das vollständige Werk zu erroer6ett. Eine hessische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts fehlt noch. Bis eine solche einmal geschrieben wird, müssen vorher manche andere Arbeiten vorausgehen, von denen eine, die Herausgabe der politischen Korrespondenz des Großherzogs Ludwig L> ebenfalls auf dem Arbeitsprogramm der historischen Kommission steht. Eine andere Vorarbeit hierzu sind die hessischen Biographien. Der Schwerpunkt dieser hessischen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts werden weniger große politische Aktionen Hilden, als eine Schilderung der inneren kulturellen Entwicklung des Großherzogtums. Das Drama, das hier der Geschichtsschreiber aufzurollen haben wird, dürfte personenreich werden. In der Kenntnis dieser Persönlichkeiten werden ihn die.hessischen Biographien wesentlich unterstützen und ihm manchen Fingerzeig geben, den er ohne sie vergeblich suchen würde, da vielleicht die eine ober andere Quelle, die dem Verfasser einer solchen Biographie zu Gebote stand, inzwischen versiegt ist. Ehe aber die hessischen Biographien dem künftigen Geschichtsschreiber als Hilfsmittel dienen, werden sie manchem Familienforscher willkommene Aufschlüsse gegeben und manchem Freunde der hessischen Geschichte die noch nicht geschriebene Geschichte des 19. Jahrhunderts ersetzt haben, insoweit nämlich, als der Inhalt gewisser; Zeitläufte das Werk einzelner kraftvoller Persönlichkeiten ist. Endlich können die „Hessischen Biographien" durch die Förderung des Interesses an Biographien und die einzelnen in der Sammlung enthaltenen Aufsätze eine nicht zu unterschätzende pädagogische Sendung erfüllen, eine Sendung, die der namhafte Pädagoge Adolf Diester weg einmal mit den Worten umschrieben hat: „Eine gelungene Biographie ist eine praktische Psychologie, eine Weltgeschichte int kleinen, ein Mikrokosmus. Pragmatisch zeigt sie, wie, wodurch und warum der Dargestellte so wurde, wie er geworden. Das Gute und Böse in der Erziehung erscheint in einem konkreten Bilde. Dadurch angeregt, steigt man in feine eigene Jugendzeit zurück; man lernt die Faktoren, die an uns selbst gearbeitet, nach ihren heilsamen oder schädlichen Folgen kennen; man gewinnt einen unbefangenen Blick zur Beurteilung der Jugend, deren Erziehung man sich widmet, was für die glückliche Wahl der Erziehungsmittel, wie für die _ eigene Gemütsruhe des Erziehers, welche oft in dem Grade in Gefahr ist, als der Erzieher die Gewissenhaftigkeit in sich ausgebildet hat, von der außerordentlichsten Wichtigkeit ist; man lernt manches bis dahin für gering Geachtete nach feiner oft entschiedenen Wichtigkeit betrachten." Im Saufe des Oktobers 1912 kann ans das Erscheinen des ersten Heftes der hessischen Biographien gerechnet werden. Möchte es ihm gelingen, viele von der Wahrheit des Satzes zu überzeugen, den Wilhelm R o t h e r t in der Vorrede zu dem ersten Bande der „Allgemeinen hannoverschen Biographien" ausspricht „D e r Mensch sel bst i st das hö chst e Ziel des Heimat- sch ntz es. A l l es an d er e i st Bei w er k." Erreicht das Werk dieses Ziel, dann wird es seinen Weg macheit. krankhafter im Seelenleben des Müder. Hebet dieses Tbema schreibt Tr. I. Sadger in der „Wissen- schacklicben Nundschau"*> unter anderem: Kaum minder wichtig als die Vererbung sind Umwelt und Erziehung. Tie Umgebung drückt der Kinderseele ihren Stempel ans. Häusliches Unglück, Kummer der Eltern gibt den Kindern gern etwas Sentimentales, Weltichmerzliches, Verbittertes; steter Umgang mit Erwachsenen Allklugheit ober frühreife Blasiertheit; *) Zeitschrift für die allgemein-wissenschaftliche Fortbildung. Verlag von Theodor Thomas in Leipzig. Preis vierteljährlich (6peste) 1,50 Mark. — 732 kränkelnde Erzeuger, bei denen das Thermometer und die Diät jahraus, jahrein eine Rolle spielen, machen ungewollt ihr Kind - wenn es das einzige ist, ganz sicher — zum Hypochonder. Die Erndrücke der „Kinderstube" sind von tieier Wirkiing a uf das Aeußere und die wedankemveit des Kindes. Tie „Ktnderiehler" des pädagogischen Alters treten erlahrungSaemäg bei neuropathisch (neruöS) Veranlagteil doppelt stark in Erscheinung. Bei falscher Erziehung kann man von Schritt zu Schritt verfolgen, ivie mif dein Nährboden der ererbten krankyaiten Veranlagung Kinderfehler sich z>i seelisch-krankhaiten Symptomen ausivachsen. Das macht der Unverstand der tilütter, Tanten und Großmütter unb mancher Väter, die in der Verteilung von Zucht und Liebe, Beachtung und Vernachlässigung nicht das rechte Mittel siiiden, sonderir zwischen einem Zuviel und Zuwenig schwankell. Tie schlinmiereu Kraukhciis- prodiikte sind weniger au? Rechnung erzieherischer Vernachlässigung, als vielmehr forlgeiegter, in bester Absicht ausgeübter, fürsorgeiider Tyrannisierung und Systemwechsel zu setzen. Was solchen Kindern vor allem not tut, ist, ihr Gemütsleben in Zucht zu halten. Sie müssen Unlust, Aerger, Zorn und Kummer derart beherrschen, lernen, das; keine der Geniütsbeivegungen nachhaltig imb übermächtig ivird. Lautes Weinen, Schreien, Toben, Strampeln müssen schon bei fteine» Kinderii unter die verricba t des Willeiis gestellt toerden. Ganz besoiiders zu enipfehlen ist die Abhärtung gegen Schmerz, seelischer eler Zollbeamten kommt auch in was Abteil des'Tenors. „Haben Sie zollpflichtige Gegenstände bei sich?" „Nein, gar nichts." „Wollen Sie bitte diese Schachtel hier öffnen." Tie Schachtel wird 'geöffnet und der Beamte sieht die Krone. Sofort richtet er sich stramm empor, die Hacken schlagen aneinander: und die Hand am Mützenrand, sagt der Zollbeamte ehrfurckstsvoll: „Geruhen Eure Hoheit die Störung allergnädigst zu entschuldigen." Sprachs und verließ schleunigst das Abteil des Tenors. Vüchertlsch. — V o n Nah und Fern. Unter diesem Namen ist eine reizende Neuheit erschienen, die sicherlich viel Beifall finden wird. Es sind 24 Chromoplastbilder nebst einem Apparat zum Durchsehen. Chromoplastbilder sind Stereoskopbilder in natürlichen Farben. Die Chromoplastbilder sind sarbeuphotographisch ausgenommen und durch Mehrfarbendruck vervielfältigt. Die Wirkung der Chromoplastbilder ist überraschend, wenn dieselben durch den nur wenig vergrößernden Stereoskopapparat betrachtet werden. In voller Naturtreue zieht Bild auf Bild an unserem Auge vorüber, die tvirklichen Farben der Landschaft, des Himmels, des Meeres, der dunklen Wälder, der Blumen und des ewigen Schnees zeigen sich in den wunderbaren Farben der Natur. Auch die volle Wirklichkeit des körperlichen Sehens, das Gefühl mitten in der Land- K zu stehen, jeden Grashalm, jede Blume, jedes bunte Blatt nndertfältigm Farben des Herbstes oder des grellen Sonnenscheins über Thäler unb Wiesen veranschaulichen diese Chromoplastbilder im Stereoskop. Die Chromoplastbilder sind ein bildendes Unterhaltungs- und Anschauungsmittel ersten Ranges und die beste Reiseerinnerung ml durchwanderte Gegenden. „Bon Nah unb Fern" ist eine treffliche Zusammenstellung von 24 Chromoplastbildern aus den bisher erschienenen 23 Serien zu 12 oder 6 Bildern. „Von Nah und Fern" nebst Apparat ist durch die einschlägigen Geschäfte, ober direkt durch die Farbenphotographische Gesellschaft m. b. H., Stuttgart, zu beziehen. ErgäNMMrWel. I . g >. d, . a . feb u.. . ie. e . in . G.e.ch .re. sch . n . n .. üh .i. g .. ag . . t. t. u . . hr. F .. cht . tt k.. g . n, H . > z, g ,. i. b . . i. g . sch . in,! Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer r Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet, Rauscht der Wahrheit tie' versteckter Born; Nur deS Meiseks fchiverem Schlag erweichet Sich des Marmors sprödes Korn. Schiller. Rebakt!on: K. N e u r a t h. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießet