Mittwoch den 2\. Februar TRi a iffl ajÄaJJiJ ÄB 5S^g3i M^W M^N« Ifflljj MCS7- [) ■arAi-TtaggHC» cADMuMtz !UWW WWO^ worden, das den Weg zum Hafen nicht mehr -fand, und Vater hatte jetzt so wenig das Zeug zum-Lotsen, am w nigsten für ihre Nöte. ,, „Es ist wohl nichts wie Uebermudung," gab fte matt entlief Aber er schüttelte den Kopf. „Das will ich gar nicht hören, das ist eine faule Ausrede. Mädel, sei mal ehrlich. Sei mal wieder meine alte Signe! Bist du verliebt?" Sie lachte auf. Kein fröhlich verneinendes Lachen. Zitternd klang es, schmerzlich und bitter. Und bitter klang ihre Antwort: „Verliebt — ich? Ich bitt dich, Papa!" Er brummte: „Na, ich weiß nicht. Manchmal kommt's mir doch so vor. Zugeben wollt ihr so was nie.. Und dann stand er langsam und schwer auf — er war lange nicht mehr so beweglich, wie noch vor einem ^ahre — und setzte sich dicht neben die Tochter, legte feinen Arm um sie, wie er es früher oft getan hatte, und sagte zärtlich: „Also, Signe, sei mal 'n bissel lieb zu deinem Vater! Gesteh mal, wo dich der Schuh drückt. Wie ist's denn da. . . mit deinem Herzen?" . , Ihr war das Weinen nahe. Aber sie versuchte doch noch, mit einem halben Scherz auszuweichen. „Am Ende hab ich gar kein Herz, Papa." Na — na! Aber nun mal Spaß beiseite, Signe . .» verändert bist du, seit du Viktor bei Neumanns wieder- gesehen hast. Rede nicht — es ist so. Eigentlich, nno das ist kurios, seid ihr beiden Mädels seit dem L.age anders. Na, Signe, laß uns mal ein deutsches Wort miteinander reden: "wenn du dir's überlegt hast, wenn du deine Aw- sichten geändert hast, mir kommt's nicht darauf an, mich i auf die Bahn zu setzen und nach Westfalmgen zu dampfen. Ich bin dem Viktor auch immer gut gewesen, und er hat auch was von mir gehalten — ich krieg die Sache wohl doch -noch in Dreh..." , „ , , „ . .,, Beide Hände streckte sie aus. „Nein! Nem. Vater sah sie scharf an, ein weiiig enttäuscht. „Kenn einer die Signe aus, dachte er wieder einmal. Eure Weile schwieg er. Dann sagte er langsam: „Bist du em wunderliches Mädel . . " und dann, wie mit emem Gedankensprung: „Und was ist denn mit unserer Dodo los? Die Ut so still und ernst geworden, und dabei lächelt sie manchmal wieder stillvergnügt. Kannst du nur da nichts ver- I cn?/z „Nein, Papa, du mußt Dodo schon selber fragen. „So! Damit gibst du halbwegs zu, daß ich nicht ganz auf dem Holzwege bin." Er schmunzelte „Die kleine I Kröt — seh mal einer an — die hat also schon ihr Herz I entdeckt." „Ich hab nichts gesagt. „Beileibe. Ist auch gar nicht notig Er sann eine Weile nach. Signe saß ganz still. Va- | fers Arm lag noch immer um ihre Schultern, und sie Glückslasten. Ronicyr von Hanns von ZovtzltiA (Nachdruck verbotkLl (Fortsetzung.) 11. Aschermittwoch — „ ! „Vorbei ist Spiel und Tanz," sagte der Vater, „Ge- I sungen sei's und gepfiffen." , , . I Er saß in dem tiefen Sessel vor dem Kamm und sah über das Zeitungsblatt weg auf Signe. Sie war allem I mit ihm im Zimmer, lehnte, durch ein paar Stuhle ge- I trennt, in dem anderen Klubsessel und sah, die Hande im 1 Schoß auf ihrem Buch, in das leise zuckende Feuer. „Ein Sogen, daß nun Ruhe einkehrt. Es war jarnaiich- I mal ganz nett — zugegeben. Manchmal hab ich mich wirk- I lich amüsiert. Na, und der Punsch im Schloß gestern abend, I allerhand Achtung. Das kriegt doch sonst keiner so raus. Die nehmen da freilich die alten Kabinettweine hinein, I weißt du, die sie im Keller haben, die edlen Herren vom | Rhein. Wenn sie so au der Altersgrenze stehen. Das gibt dann das köstliche Aroma. Daran hab ich muh schon tu I der Jugend erbaut, und das Rezept scheint ganz dasselbe gebliebeii zu sein. Auch Tradition, wie bei uns noch so I —u Er sprach und sprach, und eigentlich war's doch nur Vorwand. Sollte nur dazu dienen, daß Signe endlich einmal I Dann unterbrach er sich plötzlich und sagte in ganz verändertem Tonfall: „Mädel, was ist eigentlich mit dir los?" „Mit mir?" Sie sah noch immer nicht auf, mir die schmalen, durchsichtig weißen Hände schlossen sich fester um j das Buch. Wie Blutstropfen schimmerte der dunkelrote Einband zwischen den Fingern hindurch. „Ja, mit dir!" wiederholte er, ein wenig besorgt, ein wenig gereizt. „All die letzte Zeit. Hol Mich dieser und jener: du bist ganz anders geworden. Ich hab doci) auch meine Augen int Kopf. Erst hab ich gedacht: Ueber- anstrengintg. Ein Wunder wär's ja nicht. Atag ßU|iWllJF’ kommen. Aber solch miserable Nerven hattest du sonst nicht. Ne, Kind — diese matte Gleichgültigkeit, um nicht Dlaslert- heit zu sagen. . . ich meine, das muß doch noch feine besonderen Gründe haben." Früher hatte Signe gerade zu Vater immer Vertrauen gehabt. Er war ihr Vertrauter und ihr Berater gewesen. Nun war er das längst nicht mehr. - Er selbst war wohl auch anders geworden; es kam nur selten vor, daß er die alten lieben Töne anschlug, Seit Monaten war s zum ersten Male. Aber-wenn sie,ihm heut hatte Rede und Antwort stehen wollen tote einst, sie hätte nicht gewußt, ivas sie ihm sagen sollte. Sie toctr ja solch armes Schiffleui ge- 114 süWe das wie einen sanften, wohligen Schutz. Fest legte sie sich hinein, wie sie's als Kind getan. Die Lider sanken ntübe über die Augen. Und sie dachte: „Der gute alte Papa . . . wenn du ihm doch nein Herz ausschütten könntest . . . ja . . . aber er würde dich doch nicht verstehen . . ." Da begann -er wieder: „Hör mal, Signe, du hast mal, vor Weihnachten, den Wunsch ausgesprochen, zu reisen. Wie wär's jetzt? Wenn wir's ein bissel schlau ansangen, kriegen wir Mama herum." Sie schlug die Augen auf, sie richtete sich hoch. „Papa, wenn du das tätest!" Sie sagte es hastig, mit stockeudem Atem. Heraus- kommen! Ja. . . das war das Richtige. Ein anderes Land, andere Menschen, andere Eindrücke . . . „Warum sollte ich das nicht tun?" Vater lachte leise. „Weißt du, nicht bloß deinetwegen. Auch Dodos wegen. Wie das mit der auch sei ,sie muß mal erst was sehen! Und Mutters wegen. Der tut eine Ausspannung auch gut. Na, nicht zu vergessen . . . auch meinetwegen. Ich bin noch nie in Italien gewesen. Siehst du: Gründe wie die Brombeeren! Du, und dann ist's auch gut, wenn man Friedel und seinen verehrten Schwiegereltern ein wenig aus dem Wege geht. Das ganz unter uns gesagt, Mama Braunstein fällt mir auf die Nerven. Neulich hat sie mir höchstihren Stammbaum vorkonstruiert. . ." Das leise Lachen verstärkte sich. Er wischte sich rechts und links Den Schnurrbart und gab Signe einen herzhaften Kuß. „Wann reisen wir?" bat sie sehnsüchtig. „Na, das wollen wir erst mal mit Mutter überlegen. Und mit dem Sanitätsrat. Und der mnß im Notfall einen Spezialisten hinzuziehen, ein halbes Dutzend, wenn einer nicht reicht. Aber wir reisen ■— wir reisen! Darauf verlaß dich, Signe!" Sie reisten wirklich. Es war nicht ganz leicht gewesen, Frau Ida den Entschlich zur Reise abzuringen, und selbst der Nervenspezialist scheiterte. Wer die Hilfe kam ganz unerwartet von einer anderen Seite. Mutter hatte ein großes Bildungsbedürfnis in sich entdeckt. In allen Gesellschaften war im Laufe des Winters Kunst gesimpelt worden, und immer hatte sie schweigend dabeisitzen müssen. In allen Gesellschaften hatte man von Land und Leuten gesprochen, und ihre Kenntnisse erstreckten sich nicht über Allenstein im Osten und Hannover im Westen hinaus. Ein Paar- Male hatte sie unvorsichtigerweise doch mitgesprvchen, einmal die Uffizien nach Rom verlegt, ein andermal die Riviera Ponente mit der Riviera Levante verwechselt. Da traf sie, als sie mit Dodo wieder einnial im Kaiser-Friedrich,- Muscum umherpilgerte, Frau von Braunstein, die andächtig vor einem kleinen Palma Vecchio stand, den ihr Gatte kurz vor seiner Nobilitierung gestiftet hatte. Man kam in ein Gespräch, man sprach schließlich im Weiterschlendern wieder von Italien. Und es gab Mutter einen Stich tief ins Herz hinein, als sie hören mußte: „Aber liebste Frau von Gudarcza, Sie waren wirklich noch nicht irrt Wunderlande?" Man reiste also. Signe war mit der Ausarbeitung des Programms betraut worden; Mutter hatte in dieser Beziehung einen gewissen Respekt vor ihrer Erfahrung, und Vater erhoffte aus den Vorbereitungen eine Zerstreuung für sie. Aber schon bei den Vorkonferenzen traf sie es nicht gut: sie wollte zu vielfach vom üblichen Touristenwege abweichen, während Frau Ida auf den heiligen Bädeker und Vater vor allem auf dessen Hotelsterne schwur. Er hatte sich im Millionenklub noch einmal informiert, und seine Informationen deckten sich in erstaunlicher Weise mit jenen Sternen; vom Grand Hotel in Venedig bis zum Grand Hotel in Rom. Daran war nichts abzuhandeln. Und auch in der Ausführung ließen die Eltern nicht mit sich markten: Signes nervöse Ungeduld wollte am liebsten mit dem Expreßzug bis Rom durchfahren, sie bestanden auf der be- auemen Behaglichkeit des langsamen Reisens. Man kroch, mit reichlichen Erholungsaufenthalten in München und Bozen, südwärts und spähte vom Brenner ab vergeblich nach dem blauen Himmel nnb ber warmen Sonne Italiens aus. So begann bie Reise mit allerlei Enttäuschungen: rn Verona mußten bie wärmsten Sachen aus beit Koffern ausgegraben werben, in Venebig kränzte frühmorgens bie fernen Archttekturlinien bes Markusplatzes frischgefalleucr Schnee, nnb in Florenz sah man anstatt heller Blusen Pelzjäckchen und Pelzkragen. Mutter meinte fröstelnd: „Und dazu reist man nach Italien!" G lieber Rom, wo längerer Aufenthalt genommen werden sollte, leuchtete endlich die Sonne, und die Stimmung, hob sich. Anders freilich, als Signe es erhofft hatte. Vater und Mutter hatten für die stolze Schönheit der Ewigen Stadt nur ein minderes Verständnis. Der Major fand höchstens einige Erinnerungen an die „alten Römer" interessant, vor denen er aus der Schulzeit einen gewissen Respekt als vor dem gewaltigsten Kriegsvolk der alten Zeit hatte; bas „katholische" Rom, bas Rom ber Päpste, war seinem Protestantengemüt int Innersten unsympathisch; Frau Iba absolvierte gewissenhaft ihr tägliches Pensum' au Geschichte unb Kunstgeschichte, Ruinen, Kirchen und Galerien, war aber heimlich über die Strapazen entrüstet. Er fühlte sich am wohlsten int Rauchzimmer des Hotels; sie bei der Schokolade und den Dolces int Cafs Aragno ober auf einer Fahrt nach dem Pincio int bequemen Landauer. Und auch Dodo war keine Reisegefährtin, wie Signe sie sich gewünscht hätte. Dodo hatte etwas eigen Ver- träumtes. Ost leuchteten ihre Augen, wenn Natur und Kunst sie begeisterten. Aber sie jubelte ihre Freude nicht mehr hinaus, wie sie es früher bei weit geringeren Anlässen getan hatte. Sie nahm sie still in sich auf, als ob sie alles Gute und Schöne aufsparen wollte ■— für später. Sie war anders geworden; das Verhältnis zwischen den Schwestern war anders geworden. Signe fühlte es deutlich, Dodos kindliches Vertrauen zu ihr war tot. So war sie auch jetzt vereinsamt. Und sie empfand es schmerzlich: Rom wirkte auf sie nicht mehr wie in jenen Tagen, in denen sie sich mühsam bie Stunbeu vom Dienst bei ber Fürstin erobert hatte, um von einer Bank bes Palatin auf bas Forum hinabzuträumen, um in irgenb einem entlegenen Kirchlein vor irgend einer Madonna, die keinen Stern int Bädeker hatte und doch so himmlisch schön war, zu schwelgen, um irgend einem Bambino auf der Straße die braunen Bäckchen zn streicheln. (Fortsetzung folgt.) Kdegsereigniffe im Vogelsberg vor 150 Jahren. In der ersten Hälfte der 60. Jahre des vorigen Jahrhunderts lernte ich den eigentlichen Vogelsberg, den sog. „dicken" Vogelsberg, kennen. Eisenbahnen gab es damals noch nicht, höchstens Postwagen, oder Familienwagen, auch „Blamagen" genannt. Alan verließ sich auf seine „Untertanen", d. h. auf sein Beinwerk und machte Tagemärsche von 45, 50, ja 60 Kilometer. In neuester Zeit fängt die Jugend an, fiel) auch wieder für Fußwanderungen zu interessieren, wobei man mehr sieht, hört und erlebt, als wenn man mit dem Dampfroß durch die Welt rast.' Vor 45 Jahren war der Vogelsberg noch von keinerlei Kultur beleckt: alles war noch Natur, ungekünstelt, einfach. Wenn man verstand, das Mißtrauen der Leute zu verscheuchen und den Dialekt einigermaßen zu handhaben, konnte man interessante Erfahrungen machen. Selbst die sog. ältesten Leute gingen aus sich heraus, sie erzählten ihre eigenen Erlebnisse, sowie was sie von Eltern und Großeltern überkommen hatten. Vom 7 jährigen Krieg wurde. noch viel geredet; die Erinnerung daran ist noch heute lebendig. Major v. Riede sei und General Luckner waren noch nicht vergessen worden, sie sind es bis jetzt noch nicht. Da der „Gießener Anzeiger" seine Spalten gerne für oberhessische Angelegenheiten öffnet, der Vogelsberg aber verhältnismäßig wenig hervortritt, möchte ich einiges bringen, was vor 150 Jahren — auch ein Jubiläum — im Gebirge vor kam und was die Bevölkerung durchznmachen hatte. Zuerst ein paar Worte über Friedrich Adolf v. Riedesel. Er wurde 1738 in Lauterbach (Oberhessen) geboren. Sein Vater gab ihn und seinen Bruder zu dem Pfarrer in Frischborn „in Kost und Lehre". Mit 15 Jahren wurde er Student in Marburg, wo ein Hessen-Kasselisches Jnfanteriebataillon in Garnison lag. Ricdesel schaute dem Exerzieren des Militärs mit Vergnügen zu.^ Die Kollegien schwänzte er regelmäßig, so daß ihn die Professoren fortjagen wollten. Zufällig machte er die Bekanntschaft des Bataillonskommandeurs, der ihn einlud: bei seiner Kompagnie einzutreten und auf Avanzement zu dienen. Die Einwilligung von Riedesels Vater wolle er (der Major) bald erhalten, weil er ihn gut kenne. Daraufhin ließ sich der junge Riedesel anwerben. Mit der Kenntnis des Majors war es Lug und Trug. Alle Versuche, den jungen Mann vom Militär frei zu bekommen, schlugen fehl: er hatte zur Fahne geschworen und mußte Soldat werden. Dies wurde er mit Leib und Seele. Er avancierte schnell, war mit 22 Jahren Rittmeister, machte den 7 jährigen Krieg mit, ging 1761 in Braunschweigische Dienste, kommandierte int Jahre 1776 bte Braunschweigischen Truppen in Amerika, wurde hier gefangen. 116 1780 ausgewechselt, kam 1783 nach Braunschweig zurück ünd starb hier als General-Leutnant im Kahr« 1800. Ein noch bewegteres Leben hatte der General Nikolaus Luckner. Er war in dem Städtchen Cham in der Oberpfalz 1722 von bürgerlichen Eltern geboren. Das elterliche Haus konnte ihm nichts bieten, deshalb ließ er sich von bayerischen Werbern anwerben. Hier zeigte er großen Eifer und militärische Anlagen. Daß ein einfacher Soldat zum Offizier aufrückte, war damals eine Seltenheit. Luckner nahm bei den Holländern, später bei den Hannoveranern Dienste. Der siebenjährige Krieg (1756—1763) kam ihm sehr zu statten. Mit seinen Husaren saß er den Franzosen fortwährend im Nacken. Riedesel war mit ihm befreundet und führte gemeinschaftlich mit ihm kühne Reiterstücke aus. Nach dem siebenjährigen Kriege trat er als General-Leutnant in französische Dienste ,und wurde 1784 in den Grafenstand erhoben. Als die französische Revolution 1789 ausbrach, wandte er sich dieser zu. 1791 wurde er Marschall. Drei Jahre später, 1794, haben ihn die Franzosen guillionitiert, weil sie ihm — er war lässig geworden — nicht mehr trauten. Als der siebenjährige Krieg ausbrach!, hatte Friedrich der Große fast ganz Europa gegen sich: Oesterreich, das Deutsche Reich, Rußland, Frankreich und Schweden. Auf seiner Seite standen: England mit Hannover, Braunschweig, Hessen-Kassel und Sachsen-Gotha. Friedrich der Große schrieb an den König Von England: „Eine Armee kann ich nicht dazu (nämlich nach Westdeutschland) geben, aber einen Führer, der eine solche aufwiegt." Dieser Führer war Herzog Ferdinand von Braunschweig- Lüneburg. Unter diesem dienten Luckner und Riedesel. Der siebenjährige Krieg war anfangs für Friedrich den Großen in Westdeutschland verlustreich. Der französische General d'Estrees besiegte den Herzog von Cumberland bei Hastenbeck (26. Juli 1757) Und eroberte Hannover und Hessen, worauf die schimpfliche Konvention von Kloster-Zeven (8. September 1757Y folgte. Herzog Ferdinand von Braunschweig erhielt jetzt den Oberbefehl. Mit dem verbündeten preußisch-englisch-hessischen Heere ichlug er die Franzosen am 23. Juni 1758 bei Krefeld und jagte sie aus Hannover und Westfalen hinaus. Am 2. Januar 1759 besetzten die Franzosen in verräterischer Weise Frankfurt. Von da aus wollten sie weiter gegen Norddeutschland Vordringen. Herzog Ferdinand besiegte sie am 1. August 1759 bei Minden. 40 000 Mann verbündete Truppen schlugen 85 000 Mann Franzosen entscheidend. Ricdesel zeichnete sich hierbei als Adjutant des Herzogs aus. Die verbündete Armee rückte vor; Luckner mit seinen hannöverschen Husaren kam bis Homberg a. d. Ohm, wo er den Feind antraf, der in großer Stärke hier stand. Riedesel operierte im Reinhardswald mit seinen schwarzen Husaren. Im Frühjahr 1759 hatte Oberhessen schwer unter den Kriegszügen zu leiden. Die Franzosen besetzten Gedern, Ulrichstein, Lauterbach!, Herbstein, Birstein, Gelnhausen und andere Orte. Tie Besatzungen von Hanau und Gießen wurden verstärkt. Am 30. März wurden die Franzosen aus Lauterbach Vertrieben. Prinz Holstein quartierte sich in Stockhausen ein. In Freiensteinau lagen noch Franzosen, die verjagt wurden Die Dörfer Schlechtenwegen, Weidmoos, Bannevod und Niedermoos wurden vom Feind gesäubert und dann die starke Bergfeste Ulrichstein umzingelt, das in den Händen der Reichs truppen war. Oberstleutnant v. Ried war Festungskommandant; er hatte 150 Mann mit 30 Pferden zur Verfügung. Die Manern von Ulrichstein waren sehr stark; hinter allen Zugängen waren große Steinhaufen auf- gerichtet. In der Nacht vom 6. zum 7. April sammelten sich« um 2 Uhr die Preußisch-Hessischen Truppen unter Prinz Holstein, geführt von Major v. Bülow, befehligt von Oberst v. Ditfurth, bei Eichelhain. Ein dichter Nebel verhüllte den Anmarsch der Truppen. Die Infanterie traf unbehelligt im Dorfe Ulrichstein ein; die Kavallerie nahm 800 Schritte davon Stellung. Die Jäger uitbi Husaren standen jenseits des Berges, um der Besatzung den Rückzug zu verlegen. Tie Zimmerleute wurden vorgezogen, ,Um das Festungstor einzuhauen; das Bataillon Grenadiere und zwei Kanonen folgten nach, um die Zimmerleute zu unterstützen. Es entstand ein großartiger Kampf auf kleinem Raum. Hinter dem Festungstor war ein mächtiger Steinhaufen ausgeschüttet, der den Axthieben widerstand. Aus den Schießscharten und von den Dächern herab schossen die Verteidiger und schleuderten einen Hagel .von Steinen puf die Angreifer. Kiese erhielten Verstärkung durch zwei weitere Geschütze und Jäger; ihre Verluste wurden größer. Nach zweistündigem heißen Kampfe forderte Kapitän v. Weitershauscn die Verteidiger zur Uebcrgabe auf, wobei tu. Weitershauscn von einem Stein getroffen, fiel. Kurze Zeit darnach kapitulierte die Besatzung. Sie erhielt freien Abzug unter kriegerischen Ehren, behielt ihre Waffen und Gepäck, mußte sich aber verbindlich machen, ein Jahr lang nicht gegen Preußen und seine Verbündeten zu dienen. Tie Belagerer Ratten an Verlust: 2 Offiziere und 20 Soldaten tot und 100 Mann verwundet. Oberst v. Ditfurth und Kapitän V. Massenbach waren unter den Verwundeten. Herzog Ferdinand schrieb in seinem Brief aus Fulda vom 9. April 1759 an Friedrich II. über die Einnahme von Ulrichstein: Das Hess. Regiment Grenadiere habe Wunder der Tapferkeit vcrrick)tet. — In Ulrichstein wurden 200 Mann Besatzung gelassen. Es soll hier sogleich erwähnt werden, daß dies die erste Erstürmung der Feste Ulrichstein im siebenjährigen Kriege war und daß das Bollwerk durch diese Belagerung keinen großen Schaden litt. Im Vogelsberg herrscht noch vielfach die Ansicht: die Feste sei im April 1759 zerstört worden. Die Sache ist anders! lieber zwei Jahr« blieb Ulrichstein in den Händen der Verbündeten Preußen-Hessen-Hannoveraner usw. In der ersten Augustwoche 1761 marschierten die Franzosen unter dem Prinzen Eondo mit den Oestreichern und Reichstruppen von Stangenrod, Bernsfeld und Grünberg einerseits und General Wurmser von Freiensteinau andererseits gegen Ulrichstein vor. Dieses wurde von Kapitän v. Wurmb und Leutnant (Seife verteidigt. Der französische General Gras Afsry lieh vier schwere Kanonen ünd zwei Haubitzen aus dem Lager ton Stangenrod heranbringen und begann am 9. August, morgens 8 Uhr die Beschießung der Feste, Tie Oestreicher und Franzosen plänkelten mit den Verbündeten, um sie von Ulrichstein abzuhalten. Taß Kapitän v. Wurmb und Leutnant (Seife mit ihrer Hand voll Leuten nichts gegen die zwanzigfache feindliche Uebermacht ausrichten konnten, ist begreiflich.. Nach zweitägiger tapferer Gegenwehr ergab sich die Besatzung. Unverzüglich besetzte Wurmser die Festung mit leichten Truppen. Der Franzose Afsry aber trieb die Bauern mit ihren Fuhrwerken, Aexten, Hämmern, Beilen und Schaufeln aus der Umgegend zusammen, um das Bollwerk dem Erdboden gleich zu machen, ^ie Arbeit wurde gründlich besorgt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts ließ der „Vogelsberger Höhenklub" Räumungs- und Verschönerungsarbeiten vornehmen. Man hat vom „Ulrichsteiner Schloß" aus eine prachtvolle Aussicht. Bei einer Fußreise Mitte der 60. Jahre des 19. Jahrhunderts erzählte mir ein Bauer: sein Großvater sei dabei gewesen, als die Festung niedergerissen wurde. Di« Leute hätten die Arbeit nicht ungern verrichtet, weil sie von jetzt an keine Belagerungen und keine Verwüstungen mehr auszuhalten brauchten. — Ist auch möglich! würde Konststvrialrat P. wahrscheinlich geantwortet haben. Es wird also hiermit sestgcstellt: Bei der ersten Belagerung und Erstürmung von Ulrichstein im Jahre 1759 waren die Verbündeten: Preußen, Hannoveraner, Hessen usw. die Angreifer und Eroberer. Bei der zweiten im Jahre 1761 waren die Franzosen, Oestreicher und die Reichstruppen die Angreifer, Eroberer und Verwüster von Ulrichstein. Nun zu General tii Riedesel zurück! Infolge davon, daß Riedesel alle Wege und Stege in Oberhessen kannte und daß er als Adjutant des Herzogs von Braunschweig überall hingeschickt wurde, lernte er Kurhessen, Braunschweig und Hannover ebenso kennen. Achnlich war es mit Luckner. Was Ziethen und Seidlitz sür Friedrich den Großen waren, das waren Riedesel und Luckner für den Herzog von Braunschweig. Der Herzog leistete mit seinen bescheidenen Mitteln im Verhältnis ebenso großes einem übermächtigen Feinde gegenüber, wie Friedrich der Große. Das beweisen die Schlachten bei Krefeld, bei Minden, der großartige Rückzug nach der Schlacht bei Bergen, die Siege bei Vellingshausen und bei Wilhelmsthal. Nur waren diese Siege nicht so ausschlaggebend wie diejenigen Friedrichs des Großen. Es bleibt jetzt noch übrig, einige Erlebnisse der Männer vorzusühren. Riedesel hatte sich in Friederike v. Masfow verliebt; er besuchte die Familie öfters, besonders in der Winterszeit, wenn die Waffen ruhten. An einem trüben Dezembertag saß Ricdesel mit der Familie gemütlich bcisammeU, als eine der Tomen, die zum ^Fcnstcr hiuausschautc, plötzlich ausrief: Dort kommt ein Trupp Reiter! Riedesel erkaunte sofort, daß es Franzosen waren. Aus das Schlosse, das nur einen Ausgang hatte und von einem Wassergraben umgeben war, erschien eine heimliche Flucht unmöglich. In eilt Versteck zu schlüpfen, war dem schneidigen Offizier ein Greuel. Kurz entschlossen, schnallte er den Säbel um, wickelte sich in den weißen Mantel, den sein Reitknecht einem französischen Husaren abgenommen hatte und ritt langsam und im Schritt zum Schloßtor hinaus, den Franzosen entgegen. Es waren 3Ö Mann, die von einem (französischen) Wachtmeister geftihrt wurden. „Platz machen!" rief Riedesel sianzösisch. Der Wachtmeister gab das Kommando weiter und fügte hinzu: es ist einer unserer Offiziere. Tie Franzosen rückten zur Seite und salutierten. „Bon soir Messieurs!" brummte Riedesel und grüßte ebenfalls. Als er außer Schußweite war, ließ er feilt Roß traben; bald war er aus' den Augen der Franzosen verschwunden. Dem Mutigen hals fein Glück. Taß die Familie t>'. Massow, insbesondere Friederike (nach damaliger Hebung „Fritzchen" genannt) mit lebhafter Herzbeklemmung der Begegnung vom Fenster aus zusahen, läßt sich denken. Tic Franzosen ritten in das Schloß, beluden sich und ihre Pserdc mit Lebensmitteln und Fourage — die ganze Gegend war ausgesogen — und trappten von dannen. Ten Reitknecht Ricdesels und fein Pferd fanden sie nicht, weil beide gut besteckt waren. Als die Luft wieder rein war, schwang sich der Reitknecht auf den Gaul und kam glücklich zu seinem Herrn, ins Quartier. Ein merkwürdiger Fall passierte Riedesel bei Höxter an der Weser, wo er gemeinschaftlich mit Luckner die Sachsen 'unter Prinz Tavcr am Uebergang über die Wcscr hiitderteu und sie zurückschlagen sollte. Es war am 17. August 1761. Eine steinerne Brücke führt dort über die Weser. Tie Sachsen schossen herüber, Luckner hinüber. Er hatte aber nur 8 leichte Geschütze, mit denen er nichts ausrichtete. Nachdem die Kanonade zwei Stunden 118 wirkungslos gedauert hatte. Würde Prinz Hrver iirgerluN. Er sandte einen Adjutanten in die Batterie; dieser Walt dre Kanoniere wegen schlechten Zielens, richtete selbst ein Geschütz aus einen Offizier, der jenseits auf einem Schimmel hielt und lieh abfeuern. !Ter Schuß traf: Roß mid Reiter stürzten iens«ts nieder Prinz Xaver beobachtete die Wirkung des Schusses durch sein Fernglas; er bemerkte aber auch, daß sich der Offizier unter dem Schimmel heworarbeitete, daß er ein anderes Pferd bestieg jund gleich darauf wieder ruhig auf seinem Platze hielt, als wenn nichts vorgefallen w&te. Anr Abend erschien ein sächsischer Reiter vom Prinzen Xaver gesaiidt. 'Der Reiter führte, außer seinem Gaul, ein prachtvolles Pferd, das er demjenigen Offizier übergeben sollte, dem sein Schinimel heute totgeschossen worden war. Riedesel irahm das fürstliche Geschenk dankend an; dem Ueberbringer gab er einige Dukaten Trinkgeld und ein Dankschreiben an den Prinzen Xaver Mit. Das Merkwürdigste dabei war, daß der Adjutant des Prinzen, der die Kanone gerichtet hatte, ein leiblicher Bruder Riedesels war. Keiner ahnte, daß er seinem Bruder gegenübersdand, (Schluß folgt.) Vermischtes. — Badeanlagen im alten AethioPien. Die Ausgrabungen int Sudan an der Stätte der alten Hauptstadt Aethio- piens sind von Prof. G a r st a n d in den letzten Monaten fortgeführt worden und habett zu einer bedeutsamen Entdeckung geführt : es gelang dem Forscher, die ausgedehnten alten Badeanlagen von Meroö aufzufinden Und freizulegen. Diese räumlich ausgedehnten Badehäuser waren mit dem größten Luxus ausgestattet und bestätigen vollauf die alten abesinischen Aufzeichnungen, die schon früher aufgefunden worden waren und von diesen Badeanlagen ein interessantes Bild entwarfen. Die Bäder wurden durch Wasserströme genährt, die zuerst eine ganze Reihe von Leitungen durchliefen, um schließlich in prächtigen Kaskaden in die Baderäume zu laufen. Diese künstlichen Wasserfälle zeigten einen reichen, figürlichen Schmuck, hauptsächlich Tiergestalten, Löwen, Ochsen und andere Tierarten. Die Wände waren mit Reihen gefärbter Kacheln geschmückt, die als Ornamente Relief- muster und Medailkons zeigen. Der Wandschmuck befindet sich noch heute an seiner alten Stelle. Um die großen Badebassins ragen auch noch die Statuen von Musikern und..andere Gestalten aus. während andere Bildwerke beschädigt am Boden liegen. Zn dem .Hauptbassin führte eine breite Treppe von zwölf Stufen hinab. kf. Die Feuerprobe des Fakirs. Ein indischer Richter, Babu Prankumar Ghose, gibt in einer indischen Zeitschrift eine anschauliche Schilderung eines Fakirwunders. In den Boden wurde von den Schülern des ..Heiligen" .ein etwa 20 Zentimeter tiefes und 4 Meter langes Loch gegraben, dort Brennmaterial hineingetan und dieses angezündet. ^Nachdem das Feuer anderthalb Stunden gebrannt hatte, waren die Brennstoffe in voller Glnt; die Hitze war so stark, daß man sich dem Feuer kam bis auf ö Meter nähern konnte. Plötzlich erschien der Fakir auf der Bildfläche. Kurze Zeit stand er vor dem Feuer, den Blick unverwandt ans die Flammen gerichtet. Dann schritt er unter eigentümlichem Gesänge in den Scheiterhaufen hinein. Die Flammen schlugen sofort bis zur Hüfte an ihm empor. Die ganze Versammlung war von diesem gespenstischen Bilde tief ergriffen. Vier Mal kreuzte er das Feuer in jeder .Himmelsrichtung ; zuletzt schritt er würdevoll und unverletzt heraus, seine Schüler reinigten seine Füße, und dann vollführten sie dasselbe Schauspiel wie der Meister. Der Heilige lud dann alle Anwesenden ein, die Feuerprobe ebenfalls zu versuchen und Ghose und einige Freunde traten vor und erklärten sich dazu bereit; Der Fakir schritt auf sie zu, berührte das Haupt jedes einzelnen mit der Hand. „Wir fühlten," so berichtet Ghose, „wie ein Schaudern uns durchlief; ein Gefühl unaussprechlicher Freude drang in uns, und zwang Uns unbewußt in den Scheiterhaufen hinein zu schreiten. Wir kreuzten zwei oder drei Mal das Feuer. Es !var wunderbar. Es schien als ob das Feuer seine Kraft Verloren hätte. Wir standen mitten in derselben Glut, die in einer Entfernung von 5 Metern unerträglich für uns gewesen war. Und die Brennkraft des Feuers war keineswegs vernichtet? Mein Freund warf einen Papierfetzen in die Flammen, und im Nu war er verbrannt. kf. Rassenpolitik bei den Chamacocvs. Spartanische Sitten hat der Graf von Niemira bei den Chamacooos auf« gefunden, einem wilden Völkerstamme in Paraguay. Die Chama- ooeos lassen nämlich schwächliche Kinder nicht am Leben, sondern töten sie kurzerhand, damit die Rasse nicht verschlechtert werde. Und ebenso töten sie alle Männer, die Has 70. Jahr überschritten haben, wobei der Grund angeblich der gleiche ist. Der Graf von Niemira will, wie der „Standard" berichtet, die Zeremonie einer Greisentötung aus eigener Anschauung kennen und beschreibt sie etwa folgendermaßen: Wer wegen vorgeschrittenen Alters (oder wegen Krankheit und Schwächlichkeit auch schon vorm 70. Lebenswahre) getötet werden soll, wiedersetzt sich dem durchaus nicht, sondern nimmt es als Schicksalsfügung hin. In Gegenwart der gesamten Familie setzt sich dev Todeskandidat hin und beUgt den Kopf, dann tritt fein ältester Sohn hinter ihn, eine große, nur diesem Zweck dienende Keule in den Händen, richtet sich zu voller Hohe auf, erhebt die Keule mit beiden Händen über den Kopf und zerschmettert seinem Vater den Schädel; alles ist mit einem einzigen Schlage erledigt. Hochbetagte Frauen sollen bei den Chamacocos übrigens nicht nur am Leben gelassen, sondern mit höchster Achtung behandelt werden. kf. Lister u n d L i s p e r d o n. Eine hübsche Geschichte über den großen Chirurgen Lister hat Ernst v. Bergmann in seinen Tagebüchern ausgezeichnet. Im russisch-türkischen Kriege (1877) wurde der deutsche Chirurge in der rumänischen Stadt Plojeschti dem Führer der Donauarmee, dem Großsürsten Nikolai Niko- lajemitich, vorgestellt. Das Gespräch kam bald aus die Kriegschirurgie, und der Großsürst meinte, Bergmann würde mehr Arbeit finden, als ihm lieb sei. „Ich mochte nicht in Ihre Hände sollen", sagte er bann zu Bergmann. Hieraus sagte Dr. Obermüller, der Leibarzt des Großsürsten: „Wenn aber das Unglück es sordert, daß Kaiserliche Hoheit einen Arzt brauchen, so können Sie keinen besseren Chirurgen finden." — „Also dann flicken Sie mich rasch und ohne viel Schmerzen aus. Wie heißt denn Ihre Methode? Tie offene Wundbehandlung wird doch nach einem Engländer benannt ? Wie heißt er denn? Ich glaube Lisperdon?" — „Nein, Lister, Kaiserliche Hoheit I Blamieren Sie mich doch nicht, Kaiserliche Hoheit", setzte Obermüller hinzu, „ich habe Ihnen so ost schon von Lister gesprochen!" * Die kleine Betty und ihre Mutter faßen beim Frühstück. Einer der Leckerbissen waren Sardinen, und die Mutter hielt es für weise, einige nützliche Belehrungen daran zu knüpfen. „Diese kleinen Fische, mein Kind," begann sie mit freundlicher Stimme; „werden manchmal von größeren Fischen verfolgt." Betty blickte die Sardinen einen Augenblick in stummem Staunen an, und die Mutter dachte, sie verdaue diese Weisheit. Dann platzte die liebe Kleine los: „Aber Mutter, wie bekommen die größeren Fische die Dosen auf?" ----*-- Sprachecke der Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. * Spitzbuben. Der Ausdruck Spitzbube ist jung — erst seit dem 16. Jahrhundert ist er nachweisbar. Im Sinne von Dieb ist er noch jünger. Was bedeutete er zu Anfang, und wie hat sich daraus die spätere Bedeutung entwickelt ? Das Eigenschasts- wort „spitz" hatte in alter Zeit auch die Bedeutung „fein, spitzfindig, ausgeklügelt". So redet Hugo von Trimberg im Renner von spitzen künsten, die den alten, einfältigen Glauben verdrängt und allerhand spitzfindige Deuteleien an seine Stelle gesetzt haben. Von hier aus ging das Wort sehr bald in die naheliegenden Bedeutungen „verschmitzt, betrügerisch" über, und spitzen werden nunmehr bezeichnenderweise mit Falschheiten (valschen) zusammengestellt. Ein spitz buobe ist also nunmehr „ein verschmitzter, betrügerischer, schlechter Mensch", und ist es um so mehr, als auch der Bube schon in früher Zeit in dem schlimmen Sinne erscheint, den er heute vorwiegend nur noch im Norddeutschen hat. Und wenn es nun in einem alten Liede heißt: der würfel machet buoben vil, und wenn mit diesen Buben solche gemeint sind, die mit ihren spitzen (Betrügereien, Gaunereien) den Gegner im Spiele zu überlisten, zu Übervorteilen suchten, so stellen sich uns hier die Spitzbuben in der Bedeutung dar, in der sie in des Alberns „Diktio- narium" vom Jahre 1540 zum ersten Male gebucht sind: in der Bedeutung „falsche Spieler". An einen spitzbub verliert Klas Schellendaus im „Verspielten Reiter" des Haus Sachs sein Hab und Gut; Spielbrüder und Spitzbuben stehen von nun au treulich nebeneinander. Da vom Betrügen zutu Stehlen nur ein sehr kleiner Schritt ist, so konnte der Spitzbube aus einem Falschspieler ohne weiteres zum Diebe werden, der er uns heute zumeist ist. Zumeist, durchaus noch nicht immer. Wenn Schiller in „Kabale und Liebe" den alten Miller zu sich selbst sprechen läßt: „Du bist ein Spitzbube, der sein Kind ruiniert", wenn er in den „Räubern" von spitzbübischen Künsten redet, so tritt uns hier das Wort noch immer in der älteren, allgemeineren Bedeutung „schlechter Mensch" entgegen, die es vor seiner Begriffsverengung hatte. Wenn ferner der Vater jein Kind scherzend einen „kleinen Spitzbuben" nennt, klingt bann nicht immer noch etwas von ber alten Schlauheit und Verschmitztheit durch, wie sie der Grundbedeutung des Wortes eigen war? Und was spitz betrifft, hat nicht unser „etwas nicht spitz- triegen können" immer noch den Sinn: „etwas (durch Ausklügeltt) nicht erfassen können" ? Söhns (Hannover). versteckrätses. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgende» Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Schlesien — Schlachthaus — Bergmann — Erbschleicher — Räderwerk — Frühltngslied — Leberivurst — Schweizerei — Fahnenträger — Möckelwitz — Rattengift. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Schach-Aufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. De 7—g 7 f T g 1 n. g 5 2. T f 1—h 1 i T e 1 n. h 1. 3. T a 1 n h 1 f und Malt. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag ber Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, (Sieben.