MittGSch, den 20. November ♦f* W VW Auch ein Verbrecher. Erzählung von Reinhold Ortmann. (Nachdruck verboten.) Eine Herbstnacht ist es, aber lind und weich, als Wäre man noch im Sommer. Die Luft ist ganz unbewegt, und der Sternenhimmel entfaltet in überwältigender Herrlichkeit all seine funkelnde und glitzernde Pracht. Die Uhr vom Marienturm, die einzige, deren weithin tönenden, hellen Sckstag man hier draußen in deni abgelegenen Villenviertel vernimmt, hat soeben Mitternacht verkündet, und in den von wohlgepflcgten Gärten eingefaßten Straßen ist cs totenstill. Hallenden Schrittes wandert ein Schutzmann durch daS Revier, das ihm glücklicherweise so wenig zu tun gibt. Er braucht beinahe eine Stunde, tim eS abzupatrouillieren. Wessen Tun das Auge des Gesetzes zu scheuen hat, der hätte hinter seinem Rücken eine Stunde lang freies Spiel. Und es scheint in der Tat, als wäre es hier draußen im Villenviertel nicht ganz so sicher, als die Bewohner und mit ihnen der Hüter der öffentlichen Ordnung es anuehmen. Noch könnte ein scharfes Ohr den Klang seines Schrittes in der Ferne vernehmen, da lösen sich aus dem Dunkel einer ganz beschatteten schmalen Villenzufahrt zwei Gestalten. Sie müssen sehr leichte Hausschuhe an den Füßen tragen, denn mit einer unheimlichen, schattenhaften Lautlosigkeit huschen sic dahin. Der eine ist groß und breitschultrig, mit einem wilden schwarzen Bollbart, der beinahe nichts als die Augen sehen läßt, der andere schmal und schmächtig, mit einem verhärmten oder kränklichen Gesicht. Er geht mit gesenktem Kopse und hält sich immer dicht hinter seinem Gefährten, der ihm wiederholt etwas Ermutigendes oder Anfeuerndes zuzuraunen scheint. Einmal bleibt der junge Mann sogar stehen und hebt wie bittend seinen rechten Arm gegen den Begleiter. Der aber ruft ihm halblaut ein paar unwillige Worte zu. Und dann gehen sie wieder weiter, beinahe denselben Weg, den wenige Minuten vorher der Schutzmann cingeschlagen hatte, bis der Schwarzbärtige vor einem hohen eisernen Gartengitter Haltmacht. „Hier ist es! — Ich will zuerst hinüber." Und mit einer für seine Jahre erstaunlichen Gewandtheit denn er ist dem Aussehen nach sicherlich lein Jüngling mehr beginnt er das Gitter zu erklettern und schtvingt sich oben so geschickt über die lanzenscharfen Spitzen hinweg, daß sic weder seiner Haut noch seinen Kleidern -etwas anhaben. Ein rasches Hinabgleiten, ein leichter Sprung, und er steht drinnen im Garten wieder auf sicheren Füßen. „Vorwärts!" flüstert er. „Es ist kein Kunststück, wie du siehst. Nur vor den Spitzen da oben mußt du dich ein bißchen in acht nelMen." . Es sieht aus, als ob der andere noch unentschlossen ser. Wer sein Zögern ist nicht von langer Dauer, ein Zittern geht über seinen Leib, als er mit den Händen die kalten Eiseustäbe um- ilammcrt, um sich einporzuzichen. Wie er aber erst einmal mit dem Klettern begonnen hat, steht er an Behendigkeit nicht hinter seinem Gefährten zurück, und er hätte wohl der Hilfe kaum bedurft, die ihm jener mit starkem Arm beim Herabspringcn (eiltet. „Jetzt die Schuhe ans und in die Rocktasche damit!" klingt ein kurzes geflüstertes Kommando an sein Ohr. „Auf Strümpfen ists doch noch sicherer. Und kein Laut, was auch passiert! — Bleib immer dicht hinter mir, dann wirst du nichts riskieren. Zwischen den Büschen und Hecken des dichtbewachsenen parkartigen Gartens gehen sie vorwärts, deut über den Baumwipfcltt cmporragenden Hause zu. Plötzlich erfaßt der Schmächtige -mit angstvollem Griff den Arm des Voranschreitendcn. „Uni Gottes willen — nicht weiter! Da ist ja lioch Licht!" Aergerlich hat sich der andere losgemacht. „Um so besser," zischt er dem Zaghaften zu. „So zeigen sie uns den Weg." Und er nimmt seine Richtung in dec Tat gerade auf die beiden weitgeösfnetan Fenster im -Erdgeschoß zu, aus denen ein matter Lichtschein breit in das Dunkel des Gartens hinausfällt. Sic liegen unmittelbar neben der kleinen Terrasse, zu der man auf einigen Stufen emporsteigt, zu hoch über dem Badens als daß ein mittelgroßer Wann von draußen über die Fenster- brüstung ins Zimmer schauen könnte. Aber man braucht sich nur auf das steinerne Geländer der Terrasse zu schwingen, um mit einer kleinen Vorwärtsneigung des Oberkörpers bett Kopf -vor die Fensteröffnung zu bringen. Und der Schwarzbärtige zögert nicht. Er geht so vorsichtig zu Werke, daß auch nicht das leiseste Geräusch seine Bewegungen begleitet. Es ist nicht anders, als ob ein Schatten über die weiß schimmernde Hauswand hinglitte. Etwa zwei Minuten lang verharrt er regungslos auf dem Lauscherposten; dann huscht er die Stufen der Terrasse wieder hinab. „Alles in Ordnung," tuschelt er dem Gefährten ins Ohr. „Es kann losgehen mit der Arbeit. Du wirst mir vom Geländer ans beim Einsteigen ein bißchen behilflich sein. Je rascher ich hineinkomme, desto besser ist es." „Aber es sind doch nicht etwa Menschen in dem Zimmer?" „Gewiß — ein Mädchen und ein Kind. Aber es gibt keinen besseren Weg als den. Und sie wachen nicht ans — dafür will ich schon sorgen." Mit zitternden Fingern umklammert der Schmächtige das Handgelenk des Schwarzen. „Mensch, was hast du vor? — Hast du mir nicht gesagt, daß nichts passieren würde?" „Was soll denn passieren, du Dummkopf? Ich werde sie nicht umbriugen." Der Schwarzbärlige steigt wieder auf das Geländer, und der andere folgt seinem Beispiel. Noch ein Blick in daS Zimmer, dann schiebt der Große ebenso vorsichtig als gewandt den Oberkörper über die Fensterbrüstung. Eine geringe Nachhilfe nur, und er kann sich vollends hinemschwingen. Wäre es nicht so totenstill ringsumher, man würde nicht einmal das leise Knarren und Schnurren vernehmen, das er dabei trotz aller Behutsamkeit nicht vermeiden konnte. Dem anderen aber, der draußen geblieben ist, erscheint es wie ein Lärm, von dem die Schläfer im Zimmer notwendig erwachen Müssen. Er hat eine Empfindung, als ob fein Herz plötzlich zu schlagen aufhore, und er fühlt zugleich eine fast unwiderstehliche Versuchung, davonzulaufen. _ , Aber da neigt sich der schwarzbärtige Kops seines Genopen zum Fenster hinaus, und die tonlos flüsternde Stimme, die alle seine Handlungen beherrscht, zischelt ihm zu: „Gib mir dein Taschentuch! — So! — Und nun rühre dich nicht, von der Stelle. Wenn sich drinnen oder draußen was regt, gibst du das Signal." Damit ist er aus der Fensteröffnung verschwunden. Und als würde er von einer unsichtbaren Faust an den Haaren gezerrt, neigt sich nun auch der .andere vor, um in das Zimmer zu spähen. Er übersieht es mit einem einzigen Blick. Noch nie in seinem Leben hat -er mit so blitzartiger Schnelligkeit dass Innere eines ihm fremden Gemaches bis in die kleinsten Einzelheiten in sich ausgenommen. 726 Es ist die Kinderstube eines vsrnehmen Hauses, die da vor ihm liegt. Die schneeweissen zierlichen Möbel lassen es erkennen, die sorgsam auf Schränken und Regalen geordneten Spielsachen Und das weißlackierte englische Bettchen an der einen Längs- wand des Raumes. Ein von blondem Lockengewirr umrahmtes Köpfchen mit lieblichem, blassem Gesicht ruht auf dem spitzenbesetzten Kissen. Tie langen Wimpern der in friedlichem Schlummer geschlossenen Augen werfen seine Schatten auf die zarten, vielleicht etwas zu schmächtigen Wangen. Die kleinen Hände aber sind auf der seidenen Decke gefaltet, als wäre das Knäblein mitten aus seinem Abendgebet hinübergeglitten in das Wunder- reich der Träume. Auf dem Tisch, unweit des Fensters, brennt die mit einem grünen Lichtschirm bedeckte Lampe. Ihr Schein fällt voll auf das unmittelbar daneben stehende Sofa und auf die ausgestreckte Gestalt des jungen Mädchens, das vollständig angekleidet darauf schlummert. Der Beobachter sieht, daß sie fahlblonde, glatt über die Schläfen gestrichene Haare hat. Aber er hat nicht Zeit, weitere Beobachtungen anzustellen, denn er gewahrt etwas, das ihn mit namenlosem Entsetzen erfüllt und ihm wieder für einen Moment das Blut in den Adern stocken läßt. Der Schwarzbärtige hat sich hinter das Kopfende des Sofas geschlichen. Er hält ein Taschentuch in her Hand und in der anderen irgendeinen Gegenstand, den der Schmächtige nicht zu erkennen vermag. Aber es scheint ein Fläschchen zu sein, von dessen Inhalt er^ etwas auf das Tuch gießt. Und nun beugt er sich über die Schlafende herab. Er macht eine blitzschnelle Bewegung nach ihrem Halse, aber er ist doch nicht schnell genug gewesen, denn es geht wie ein Ruck durch den Körper des Mädchens, und sie macht tine heftig abwehrende Bewegung mit den Armen. Der Lauscher erwartet, daß sie schreien werde, aber sie schreit nicht — nur ein schwacher, halberstickter Laut dringt unter dem Tuche hervor, das der Schwarzbärtige ihr jetzt auf Mund und Nase gepreßt hat. Und nach wenig Sekunden schon sinken die halb erhobenen Arme kraftlos wieder herab. Sie leistet keinen Widerstand mehr. Der Schwarzbärtige verharrt noch eine kleine Weile in seiner Stellung, dann zieht er die Hand zurück, und nachdem er einen Blick auf das blasse, unbewegliche Gesicht des jungen Mädchens geworfen, atmet er tief auf, wie jemand, der eine schwierige oder gefährliche Verrichtung glücklich zu Ende gebracht hat. Aus dem Fläschchen in seiner Linken gießt er wieder etwas auf das Tuch, nur eilt paar Tropfen einer wasscrhellen Flüssigkeit, die einen angenehm süßen Geruch verbreitet. Und er will auf den Fußspitzen zu dem Bettchen des kleinen Knaben hinüber, als sich plötzlich ein Schatten zwischen ihn und die Lampe schiebt und er das angstverzerrte, fahle Gesicht seines jungen Gefährten dicht vor dem f einigen sieht. „Das Kind nicht!" keucht dieser. „Du sollst das Kind nicht anrühren — ich leide es nicht." Die Hand des Schwarzbärtigen hat sich zur Faust geballt. Für einen Augenblick hat es den Anschein, als ob er gesonnem sei, den anderen niederzuschlagen. Dann aber mag er sich wohl besinnen, daß dies nicht der rechte Moment ist für eine Rauferei, And er begnügt sich, ihm ingrimmig zuzuflüstern: „Narr du — es schadet ihm ja nichts — ich tue ihm doch nichts zuleide." „Aber ich leide es nicht," beharrte der Schmächtige. „Gib mir die Flasche, oder — —" Er spricht die Drohung nicht aus: aber der Schwarzbärtige mag es ihm Wohl in den Augen lesen, daß sie ernsthaft gemeint ist. Und er besinnt sich nicht lange, denn die Sekunden sind kostbar. Mit einer gemurmelten Verwünschung drückt er dem jtnbequemen Kameraden das Fläschchen und das Tuch in die Hand. „Jetzt aber hinaus auf deinen Posten. Und aufgepaßt — sage ich dir! Wenn sie uns fassen, bist du ebenso reif für das Zuchthaus wie ich." , Wenige Sekunden später steht der Schmächtige wieder draußen auf dem Geländer der Terrasse, den Körper dicht an die Hauswand gedrückt, bte Augen starr in das Zimmer gerichtet und alle Sinne auf das äußerste angespaunt. Er kaun den Schlag seines eigenen Herzens hören, so still ist es um ihn her. Von dem Gefährten, der durch die Tür des Kinderzimmers verschwunden ist, steht und hört er nichts mehr. Und es ist ihm, als ob schon Stunden vergangen sein müßten, seitdem er hier steht — eine endlose, grauenhaft qualvolle Ewigkeit, während deren ihm unablässig nur das Wort im Gehirn herumgegangen ist: „Wenn sie uns fassen, bist du ebenso reif für das Zuchthaus wie ich." * Von den Gästen des Baukdirektors Halbach, die gekommen sind, um den achtzehnten Geburtstag des Haustöchkercheus zu feiern, denkt noch keiner an den Aufbruch; die rauschende Fröhlich- kert hat ja erst eben ihren Höhepunkt erreicht. Die lang aust- gedehnte Abendmahlzeit mit ihren erlesenen Gerichten und ihren feurigen Weinen ist zu Ende, und in dem großen Gartensaak durch dessen weitgeöfstiete Fenster die würzige Luft der schönen Herbstnacht so erquickend hereiuströmt, dreht sich die Jugend im -^anz. Die Gesichter sind erhitzt, und die Augen leuchten, denn nach der langen Erholung des Sommers bringt man dieser ersten improvisiert en Ballfestlichkeit noch volle Frische und Genußfähiq- rett entgegen. b ®iiie_ der begehrtesten Tänzerinnen ist die junge Fralu des' reichen Fabrikanten Leuenberg, eine mädchenhaft schlanke, fünfundzwanzigjährige Blondine mit klassisch regelmäßigem, wenn auch etwas kaltem und hochmütigem Gesicht. Sie tanzt wie eine Elfe, uud man hat ihr darum noch kaum eine Minute lang Ruhe gelassen. Mit heftig atmender Brust hat sie sich eben von ihrem Teilten Kavalier zu einem Stühle führen lassen. Da tritt ihr Gatte an ihre Seite. Er ist ein hochgewachsener stattlicher Mann. Auf ieinem hübschen Gesicht liegt es in diesem Augenblick wie ein Schatten der Unzufriedenheit oder der Sorge. . „Ich kann es nicht länger aushalten, Sidonie," flüstert er seinem schönen Weibe zu. „Die Angst um unseren Kurt läßt mir keine Ruhe. Der Wagen wartet schon seit einer halben Stunde Und du hattest mir doch versprochen, daß wir nach dem zweiten Tanz umbrechen würden." Etwas unwillig zieht die junge Frau die Brauen zusammen. Aber sie weiß, daß jetzt jeder weitere Widerspruch nutzlos fein würde, und darum steht sie auf. „Wenn ich es einmal versprochen habe — meinetwegen! Aber deine übertriebene Aengstlichkeit ist ein wenig lächerlich. Kurt ist unter Fräulein Artuers Obhut sehr gut aufgehoben. Und du weißt doch, daß mir ihm auch nicht Helsen können, wenn er seinen Anfall hat." Ihr Gatte, der ihr bereits den Arm gereicht hat, um sie hinauszusühren, erwidert nichts. Er ist sichtlich froh, daß es ihm gelungen ist, sie fortzubringen. Hastig legt er „ihr draußen in der Garderobe den Abendiuantcl um die Schultern, und ohne daß sie die allgemeine Fröhlichkeit durch eine Verabschiedung gestört hätten, schreiten sie über den weichen Treppenläufer hinaus ziiin Wagen. „Fahren Sie so schnell wie möglich, Friedrich!" ruft Herr Leuenberg seinem Kutscher zu. Der Diener schließt hinter ihnen den Schlag nnd schwingt fiel), behend auf den Bock. Ein leichter Peitscheukuall, daun geht es im scharfen Trab vorwärts durch die schweigende Nacht. Seiten» berg versucht eine Unterhaltung mit seiner Gattin anzuknüpfen. Aber sie ist ersichtlich verstimmt und stellt sich darum todmüde. Ihre mütterlichen Instinkte sind offenbar nicht so stark entwickelt wie feilte väterliche Liebe. Und sie schmollt, iveil seine nach ihrer Meiuuug grunblofe Sorge sie vielleicht um den schönsten Teil des- Festes gebracht hat. Ohne sich seiner Unterstützung beim Aussteigen zu bedienen/ rauscht sie ins Haus, sobalb die Equipage in der Einfahrt der Villa hält. Eine ältere Dienerin, die offenbar erst durch den lauten1 Peitschenknall des vorfahrettden Kutschers aus tiefem Schlummer geweckt worden ist, hat ihr geöffnet, und mit einem kurzen, befehlenden Wort fordert Fraft.Leuenberg sie auf, ihr in das Toiletten- jimntcr zu folgen, damit sie.iHv dort beim Auskleiden behilflich sei. Ihr Gatte wechselt im Vestibül noch ein paar Worte mit beut Diener. Da schlägt ein zweifacher gellender Aufschrei an sein Ohr, ein Schrei, wie nur der furchtbarste Schrecken ihn zu er» presseu vermag. Uud unmittelbar darauf schrillt die Stimme seiner Frau durch das Haus: „Zu Hilfe! Diebe! Mörder! Zu Hilfe!" (Fortsetzuug folgt.) Die hessischen Biographien. Ein Geleitwort zu ihrem Erscheinen von Dr. Karl Esselborn. In der Verwirklichung des Gedankens der Denkmal-, pflege durch die Gesetzgebung schritt das Großherzogtum Hessen den deutscheit Staaten voran und war ihnen vorbildlich. Das hessische Gesetz vom 16. Juli 1902, beit Deukntasichutz betreffend, sucht bte Denkmäler ber Baukunst vor bem Untergang und der Zerstörung zu bewahren. Die Baudenkmäler sind aber nicht die einzigen, die Anspruch auf Schutz und Pflege machen. Die Erzeugnisse der Druckerpresse werden in Bibliotheken gesammelt, und die Einrichtung ber Pflichtexemplare zieht bie Verleger und Drucker zur Mithilfe an biesem Denkmalschutz auf literarischem Gebiet heran, indem sie ihnen die Verpflichtung auf erlegt, ihre Verlags ober Druckwerke unentgeltlich bett Landesbibliotheken zur Aufbewahrung für spätere Zeiten zu überlassen. Für bte Erhaltung geschriebener Urkunden ist eine Organisation in der Einrichtung ber Urkuudenpfleger geschaffen worden. Es gibt aber auch sozusagen immaterielle Denkmäler, bie Anspruch auf Erhaltung haben. Hierhin gehören vor allem die Nachrichten von dem , Leben solcher Männer und Frauen, bie durch ihr Wirken eilte gewisse über den Durchschnitt hiuausgeheude Bedeutung erlangt haben. Diesen Zweig der Denkmalpflege wollen die hessischen Biographien, die die im Jahre 1907 ins Leben gerufene Historische Kommission für das Großherzogtum Hessen in ihr Arbeitsprogramm aufgenommen hat, dadurch pflegen, daß ie das Leben solcher Persönlichkeiten, soweit sie durch ihre Geburt ober burdj ihre Wirksamkeit deut Großherzogtinit angehoren/ zu beschreiben unternehmen. Von Persönlichkeiten, bie einen all» gemein deutschen, europäischen ober gar Weltruf erlangt haben/ tote z. B. Justus Liebig, werden sich freilich die Unterlagen für eine Biographie erhalten; bei solchen aber, denen nur eine auf das Großherzogtum Hessen beschränkte Bedeutung zukommt — und diese bilden doch vielleicht den Hauptbestand der Hessischen Biographien — ist eine solche Pflege viel nötiger, als man denkt, 727 Denn tote schnell verschwinden die in Privatbesitz befindlichen Unterlagen zu einer Biographie! Wie viele Briefe, Notizen und sonstige Quellen werden bei jeder Erbteilung dem Untergang preisgegeben! Das ist in der raschlebenden Gegenwart viel häufiger der Fall, als in früheren Zeiten, wo Familienbriese oft Generationen hindurch aufgehoben wurden. Damals war auch ein Brief etwas ganz anderes, als bei den jetzigen hochentwickelten Verkehrsverhältnissen, wo die kurze Postkarte eine große Bedeutung erlangt hat und wo ein Besuch oft an die Stelle einer brieflichen Mitteilung tritt. Mit dieser Entwicklung des Verkehrs, und mit der damit notivendig verbundenen Ausdehnung des äußeren und der Eindämmung des inneren Lebens, mag auch die Sitte, Tagebücher zu führen, geschwunden sein. Kein Wunder! Wieviel neue Eindrücke bot noch vor 100 Jahren eine gar nicht allzu weite Reise; wieviel noch nie gesehene Bilder traten vor das Auge des Reisenden, der wirklich die Gegenden sah und kennen lernte, durch die er kam! Jetzt dagegen besteigt der Reisende in einer Gegend, wo es Winter ist, am Abend den Schlafwagen eines Expreßzuges und findet sich, ganz unvermittelt in seiner Vorstellung, am nächsten Morgen in Gefilden, die im Frühlingsschmucke prangen. Von der Gegend, die er nächtlicherweile durchflogen, hat er nichts gesehen; vielleicht hat ihm die neueste Nummer einer illustrierten Zeitschrift, wie etwa der „Woche", Bilder aus der ganzen Welt vor Augen geführt, und der reich illttstrierte Führer des Ortes, den er aufzusuchen gedenkt, hat ihn mit dieseim schon "so vertraut gemacht, daß er bei dem ersten Besuche gar nicht den Eindruck hat, daß er noch nie dort gewesen sei. Was sollte er sich unter solchen Umständen nock; viele Aufzeichnungen über seine Reise machen, was sollte er viel in Briesen schildern, da ja alles, was er sagen könnte, gedruckt und jm Bilde zu haben ist? Andere Papiere — von Tagebüchern abgesehen — wie Personalakten und dergleichen mehr mögen in ähnlicher Weise dem Untergange preisgegeben werden. Und dabei ist cs auffallend, wie wenig oft nahe Verwandte positive Ausknnft über, das Leben eines verstorbenen Angehörigen geben können. Oft ist das einzige, was sie tvissen, daß einmal Papiere, worauf niemand mehr Wert gelegt hätte und die vielleicht den gewünschten Aufschluß hätten geben können, vernichtet wordeit seien. Sicherlich ist, viel archivalisches Material erst im 19. Jahrhundert durch Unverstand und Nichtachtung der Zerstörung anheimgefallen; darunter auch manches, dessen Verlust man dem 30jährigen oder einem anderen Kriege oder irgend einem Brande im Jahre dazumal auf die Rechnung zu setzen gemeinhin geneigt ist. Wie bei den meisten Biographien-Sammlungen, z. B. der „A llgemeinen d e n t f dj e tt Biograp hi e", den „B a - dischen Biographien", der von der Historischen Gesellschaft des Künstlervereins herausgegebenen „Bremischen Biographie des 19. Jahrhunderts" (Bremen 1912) und — mit wenigen Ausnahmen — auch bei der kürzlich im ersten Bande erschienenen „Allgemeinen Hannoverschen Bio- g r a p h i e" (herausgegeben von Wilhelm R o t h e r t, Band 1: Hannoversche Männer und Frauen seit 1866; Hannover, 1912) gilt ebenfalls für die Aufnahme in die Hessischen Biographien der Grundsatz „non vitam, sed mortem", d. h. es finden nur die Lebensbeschreibungen bereits Verstorbener Aufnahme. Hierdurch unterscheiden sie sich von zwei älteren Werken, die sie in gewisser Beziehung fortsetzen, nämlich dem großen, auch das Kurfürstentum Hessen behandelnden Werke von Friedrich Wilhelm Strieder: „Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriststeller-Geschichte seit der Reformation bis auf gegenwärtige Zeiten" — das von 1781 bis 1819 in 18 Bänden erschien und 1831 einen Band (Bd. 19) Fortsetzungen und Nachträge von Karl Wilhelm Justi, dem Herausgeber der letzten Bände des Werkes, sowie zwei weitere Fortsetzungsbande, 21 und 22, von Otto Gerland (Kassel, 1863—68) erhielt — und dem „Biographisch-literarischen Lexikon der Schriftsteller des Großherzogtums Hessen im 19. - Jahrhundert" von H e i n r i ch Eduard Seriba, das in zwei Abteilungen in den Jahren .1831 und 1843 veröffentlicht wurde. Beide Werke enthalten eine große Zahl von Selbstbiographien. Das verleiht ihnen einen besonderen Reiz und Wert und schützt sie für alle Zeiten vor völligem Veralten. Denn selbst bei den häufigen Irrtümern in Selbstbiographien (vergl. Hans G lag au: Die moderne Selbstbiographie als historische Quelle, Marburg 1,903) wird doch auch der gründlichste Biograph keinen so tiefen Blick in die geheimsten Winkel des Lebens eines Dritten erhalten, wie der, der dieses Leben selbst gelebt hat. Deshalb wäre es wohl zu wünschen, wenn selbstbiographische Aufzeichnungen, gleichsam als Vorarbeiten zu den Hessischen Biographien, gesammelt werden könnten. Eine Zeitschrift für selbstbiographische Arbeiten hat Karl Philipp Moritz, der Verfasser der höchst interessanten Selbstbiographie, des „Psychologischen Romans" Anton Reiser, vom Jahre 1783 bis zu seinem Tode im Jahre 1793 unter dem Titel „rvwfh ceaurov Magazin für Erfahrungsseelenkunde" herausgegeben. Das Programm dieser Zeitschrift hat er in einer kleinen Schrift: „Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre" (Berlin 1782) entwickelt und daselbst (S. 15—18) die Wichtigkeit solcher eignen biographischen Aufzeichnungen und Beobachtungen mit folgenden Worten hervorgehoben: „Wer sich zum eigentlichen Beobachter des Menschen bilden wollte, der müßte von sich selber ausgehen: erstlich die Geschichte seines eignen Herzens von seiner frühesten Kindheit an sich so getreu wie möglich entwerfen; auf Erinnerungen aus den frühesten Jahren dec Kindheit aufmerksam sein und nichts für unwichtig halten, was jemals einen vorzüglich starken Eindruck auf ihn gemacht hat, so daß die Erinnerung daran sich noch immer zwischen seine übrigen Gedanken drängt. Dabei müßte er aber ja nicht etwa die Spuren seines Genies oder dasjenige, was schon in ihm steckte, in den frühesten Begebenheiten seines Lebens ober in seinen kindischen Handlungen suchen wollen. Er müßte auf sein gegenwärtiges wirkliches Leben aufmerksam fein; die Ebbe und Flut bemerken, welche den ganzen Tag über in seiner Seele herrscht und die Verschiedenheit eines Augenblickes von dem anderen; er müßte sich Zeit nehmen, die Geschichte seiner Gedanken zu beschreiben und sich selber zum Gegenstand seiner anhaltendsten Beobachtungen zu machen . . . Von dem Leben der Menschen, deren Geschichte beschrieben ist, kennen wir nur die Oberfläche. Wir sehen wohl, wie der Zeiger der Uhr sich dreht, aber wir kennen nicht das innere Triebwerk, das ihn bewegt. Wir sehen nicht, wie die ersten Keime von den Handlungen des Menschen sich im Innersten seiner Seele entwickeln. Dies bemerken wir so selten bei uns selber, geschweige denn bei anderen. Damit ist aber nicht ausgemacht, daß wir es nicht bemerken könnten., Dies ist eben noch das unbearbeitete Feld. Tausend Beobachtungen, die man schon gemacht hat, sind bloß von der Oberfläche genommen und nicht aus dem Innersten der Seele herausgehoben. So mancher, der über feine Seele nachdachte, tat es vielleicht erst in einem Alter, wo schon seine Leidenschaften ruhiger waren, und eine dunkle allgemeine Zurückerinnerung war die Grundlage seiner Beobachtungen. Wenige nahmen sich vielleicht nur die Zeit, ihre Seele zu beobachten, da sie noch gerade in der größten Wirksamkeit und Tätigkeit gegriffen war. Freilich scheint es mit einer widrigen Idee bei anderen Menschen verbunden zu sein, Beobachtungen über sich selber anzustellen; unb man kann den Gedanken nicht gut vermeiden, daß man seiner eigenen Person eine zu große Wichtigkeit beilegt, indem man gerade selber der Gegenstand dieser Beobachtungen fein will. — Aber kann es beim ein anderer sein? Können wir in die Seele eines anderen Blicken wie in die unserige?" Die Gründung einer solchen Zeitschrift für Selbstbiographie soll hier keineswegs vorgeschlagen oder angeregt werden. Es gibt genug Gelegenheiten, selbstbiographische Aufzeichnungen, seien sie nun vom psychologischen oder zeitgeschichtlichen Standpunkte ans interessant, zit verössentlichen. Bei solchen Auszeichnungen/ und namentlich den zeitgeschichtlich interessanten, die infolge amtlicher und persönlicher, vielleicht auch politischer Rücksichten, oft erst, geraume Zeit nach dem Tode ihres Verfassers der Allgemeinheit mitgeteilt werden können, handelt es sich vor allen Dingen darum, daß sie schriftlich fixiert werden. Wie viele in hohem Alter stehende Persönlichkeiten, mit einem wunderbaren Gedächtnis begabt, nehmen eilten Schatz wertvoller Erinnerungen, der mit ihrem Tode unwiderbringlich verloren ist, mit sich ins Grab! Und doch könnten derartige Erinnerungen, die unter Umständen den Historiker ebenso wie den Psychologen, den Pädagogen oder den Familiengeschichtsforscher in gleicher Weise interessieren, dadurch erhalten werden, daß solche Persönlichkeiten veranlaßt würden, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen oder sie ihnen nahestehenden Personen zu diktieren. Abschriften solcher Erinnerungen sollten Bibliotheken oder Archiven zur Verfügung gestellt werden, wo sie, wenn das wünschenswert erscheinen sollte, für eine längere Zeit geheim gehalten werden könnten. Am besten wurde noch für die Erhaltung militärischer Erinnerungen gesorgt. Eine ganze Anzahl von Aufzeichnungen hessischer Offiziere befindet sich, freilich leider meist, in gekürzten Abschriften, in dem Großh. Haus- und Staats-Archiv. Als Beispiel seien hier nur genannt die Erinnerungen der Brüder Friedrich Maurer (zuletzt Geh. Rechnungsrat und Georg Maurer (zuletzt Oberstleutnant), des späteren Oberstleutnants Ludwig Venator und des späteren Majors Karl Christoph Caspar y, die sämtlich von dem Krieg in Spanien und der darauffolgenden Gefangenschaft in England (1808—1814) handeln. Wie viele lebensvolle Bilder und Schilderungen in den genannten Erinnerungen enthalten sind, wird der im Herbst erscheinende 13. und 14. Band der von D. Dr. Milh elm Diehl heraus- gegebenen „Hessischen Volksbücher", der £ie Hessen in dem Feldzug schildern wird, deutlich erweisen. Erst neuerdings hat man Schritte getan zur Erhaltung von Kriegserinnerungen. So wurde int Sommer dieses Jahres von dem Präsidium der Krieger- kmneradschaft „Hassia", der Direktion des Großh. Hans- und Staatsarchivs unb der Direktion der Großh. Sofbibliotljc^ ein „Aufruf zur Sainmlnng von Briefen und Tagebüchern aus Kriegszeiten" erlassen. „In Preußen, Baden und anderen deutschen Ländern" — so heißt es darin — „bemüht man sich seit einigen Jahren mit Erfolg, die erhaltenen Briefe und Tagebücher aus Kriegszeiten zu sammeln, um sie an einer Stelle für die Zukunft zu erhalten. Mit vollem Recht, denn zu den geschichtlichen Quellen gehören nicht nur die amtlichen Aktenstücke und die 728 Aeußerungen und Niederschriften der führenden Penvulichkeiten, sondern auch bie Schriftstücke jeder Art, auS denen man dis Auffassungen und Empfindungen der verschiedenen Bolksklasien erkennen kann. Nirgends lernen wir ja den Geist, der die Heere beseelt, und die Stimmung, die das Volk erfüllt hat,^besfer kennen, als aus diesen Zeugnissen. Es erwächst daraus die Pflicht, diesen kostbareil Schatz für die Geschichte unseres Volkes, io lange es noch möglich ist, vor Verschleuderung und Vernichtung zu schützen." Zu diesem Zweck richtet der Aufruf „an alle Hessen, die an den Feldzügen teilqeuommeu haben, sowie nu deren An- aehörigen, die sich im Besitze von Feldzugsbriefen und Kriegstagebüchern befinden, die dringende Bitte, diese Schriftstücke der Groszh. HoWbliothck zu überlassen, sei es als Geschenk, sei es als Leihgabe unter Wahrung des Eigentumsrechtes". Daß aber nur militärische Erinnerungen eine solche Aufbewahrung und Erhaltung verdienen, wird niemand vernünftigerweise aus der besonderen Pflege, die diesen Erinnerungen zuteil wird, schließen dürfen und können. (Schluß folgt.) Aus der Schulzeit der Tiere. Es fällt kein Meister vom Himmel — der Satz gilt für die Tiertvelt genau so gut wie für die Menschen. Niedere Tiere komßnen zwar in größter Lebensbereitschaft zur Welt, die höheren müssen wdoch erst alles lernen, luic man frißt, wie man sich richtii, bewegt, usw., uiid je höher man die Stufenleiter der Tierwelt emporsteigt, desto länger dauert die „Schulzeit der Tiere". Tie ganze Kindheit der Tiere ist ein Gebiet, über das zahlreiche, hier und da verstreute Arbeiten vorhanden sind, allein ein zusammenfassendes Werk über das ganze Gebiet fehlte bisher. Diese Lücke füllt nun der Engländer P. Chalmers Mitchell in seinem neuen, soeben 'bei Heinemann in London erscheinenden Werke „The Childhood of Animals" aus, in dem er eigene und fremde Beobachtungen zu einer fesselnden, einheitlichen Darstellung verschmolzen hat. Als Probe seiner Beobachtungs- und Tarstellungs- art seien ein paar besonders anziehende Abschnitte aus dem Kapitel über die Erziehung der Tiere herausgegrisfen. Genau wie man es von dem jungen MeNschenkinde her kennt, sind junge Tiere häufig von einer wahren Zerstörungswut beseelt. Natürlich handelt es sich dabei für das junge Tier nicht um das Zerstören, sondern der Zweck ber Hebung ist die Unte r - suchung. Mitchell erzählt, wie junge Affen alle Spielzeuge, die man ihnen zur Beschäftigung gibt, zerbrechen, Decken zerreißen, ihr Lager zerpflücken unb eine unerschöpfliche Geduld darauf ver- wenden, die Gittermaschen ihres Käfigs aufzuzerren, bie Angeln der Käftigtüren zu zerbrechen usw., bis man ihnen beigebracht hat, alle' diese Dinge sorgsamer zu behandeln. Manche Tiere bilden sich in einem richtigen Selbstunterrichte ans, während andere sehr viele Tinge von ihren Eltern lernen. Mitchell erzählt z. B. von einem jungen Caracal (einer Luchsart), der sich zunächst mit einer Garnrolle und einem Wollknüuel genau so beschäftigte, wie man es bei jungen Katzen sehen kann. Allmählich jedoch ersann er besonders Uebuugsspiele. Mitchell hatte in seinem Hause einen langen Gang, in dem er einem Balle nachsagen konnte. Bald brachte er es dahin, .den (von Mitchell geworfenen) Ball zu fangen, ehe er das Ende des Flurs erreicht hatte, und nun entwarf er selbst eine schwierigere Form' des Spiels. Er verbarg sich nämlich in einer seitlichen Nische, von wo er den Ball nur in dem Augenblick sehen konnte, wo er an ihm vorbeirollte. Trotzdem lernte er es rasch, die kurze Zeitspanne auszunutzen, und schließlich erwischte er den rasch rollenden Ball regelmäßig. Ein anderes junges Tier, das Mitchell in seinem Hause hatte, erlernte die schwierige Kunst des Kletterns ganz planmäßig. Es war ein junger Klippdachs (Klippschliefer, Hhrcix), also ein richtiges Klettertier. Im Hause waren nun die schönsten Kletier- gelegenheiten vorhanden, und diese wurden, nach steigender Schwierigkeit angeordnet, bemeistert. Zunächst sing der Klippdachs an, eine Bettstelle versuchsweise zu erklettern. Sie hatte runde eiserne Füße mit nicht allzu glatter Oberfläche. Nach verschiedenen unbeholfenen vergeblichen Versuchen kam der Klippdachs ziemlich rasch darauf, das in der Ecke stehende Bein als Kletterstange zu benutzen, indem er sich mit dem Rücken gegen die Ecke des Zimmers, mit den Füßen gegen das eiserne Bein ftemmte. Erst als er hierin sicher war, ging er zu den anderen Beinen über, und allmählich lernte er, auch die freistehenden Beine des Möbels zu erklimmen. Dann kam das Bein eines Mahägonistuhls an bie Reihe, bas wieder etwas mehr Schwierigkeiten machte, und dann wagte sich, das Tier an ganz glatte Gegenstände. Es dauerte ziemlich lange, bis es gelernt hatte, an den polierten Stangen eines Handtuch- ständers in die Höhe zu klettern, aber das Tier legte die größte Ausdauer an bett Tag, bis es sich an den senkrechten Staben sicher bewegen konnte. Dann (ernte es, auf bett wagerechten Stäben entlang zu balancieren, und als es auch hierin sicher war, machte es Versuche, sich von einer der wagerechten Stangen zur anderen zu schwingen, was schließlich auch gelang. Eines Tages entdeckte das Tier, daß man auch an Türrahmen fietterit kann. Die Türrahmen halten eine Breite von 10 Zentimetern und ragten 3(4 Zentimeter über die Wand vor. Ler KltppdachS klammerte sich an den Kanten an und kletterte bann, in kleinen Sprüngen aufwärts. Das Abwärtsklettern an biefen breiten Holzleisten, den Kopf voran, erwies sich als schwieriger, und das Tierchen lernte diese Kunst nur mit Hilfe seines Herrn. , Beim ersten Versuche blieb es stecken, sing an zu schreien und ließ sich herunterheben. Dann jedoch machte eS sogleich einen neuen Versuch, und nach fünf weiteren Versuchen beherrschte es bie neue Bewegungsart. Was -es einmal gelernt hatte, behielt es dauernd.. Mitchells junger Caracal übte sich zusammen mit seinem Herrn auch int Zweikampf. Das Tier holte sich -einen Filzschuh unb forderte seinen Herrn dann auf, ihm diese Beute zu entreißen, wobei er sich mit Zähnen und Pranken verteidigte. Seine liebste Verteidigungsstellung war dabei (ganz nach Katzenart) die Rückenlage, in der er alle Viere frei hatte. „'Er lernte es rasch," sagt Mitchell, „bedeutend schneller zu sein als ich, und wenn er in seiner Lieblingslage war, konnte ich den Schuh nicht ohnü Gefahr bekommen." Vermischter. kf. Wenn Prinzen Treppengeländer [) e t u n t er rutschen . . . . In den „Erinnerungen einer Diplomatenfrau', die unlängst in englischer Sprache erschienen sind, findet sich auch eine hübsche Geschichte von unserem Kaiserhofe, die unseren Kaiser als sorgsamen „Pater familias“äeigt. Der Gatte ber Erzählerin — sie selbst verschweigt ihren Siamen und beutet nur an, daß sie Amerikanerin ist — würbe eines Tages zum Kaiser gebeten, ber mit ihm über eine gewisse Frage Rücksprache neunten wollte. „Als mein Gatte im kaiserlichen Paläste angekommen war unb gerade bie Treppenstufen zum Audieuzzimmer hinauf flieg", so beißt es in den Erinnerungen, „kam plötzlich der kleine Kronprinz dos Treppengeländer in wahnsinnigem Tempo heruntergerutscht, wobei er im Vorbeisausen vor meinem Gatten salutierte. Unten fing ihn ein Diener auf unb brachte ihn nach oben zurück, worauf ber Kronprinz ein fürchterliches Zetergeschrei von sich gab ..... Ungefähr eine Viertelstunde mußte mein Gatte im Vorzimmer warten, während welcher Zeit eine feiir hörbare Züchtigung hinter uer- schlosfencn Türen vor sich ging. Schließlich trat der Kaiser ein mit hochrotem Gesichte unb blitzendem Auge. Er schien ben Zweck der Audienz völlig vergessen zu haben; denn während einer vollen Stunde hielt er meinem (Sotten einen Vortrag über bie Notwendigkeit einer strengen väterlichen Zucht, wobei er nicht zuletzt betonte, daß insbesondere ber Hosenboden eines Lohnes nianchuial vorn Vater einer gründlichen Behandlung unterzogen werbe» müsse." * Feine Witterung. Köchin (zu ihrem Unteroffizier, den sie trifft, als sie, um etwas zu holen, über die Straße springt): „Aber Josef, was schnupperst du denn so?" — Unteroffizier (begeistert): „Dich umgiebt ein Duft. . . ein Dust . . . heute kannst du sicher auf mich zählen!" * Im Knpee. „Sagen Sie mal, mein Herr, Sie kommen mir nämlich so bekannt vor, find Sie nicht aus Meißen." — „Nee, ich bin aus Pirna." — „Ach, das trifft sich aber merkwürdig — ich bin Sie nämlich auch nicht aus Meißen." * Standesgemäß. A.: „Also Ihr Sohn ist jetzt beim Militär?" — Bankier X.: „Jawohl, er dient bei den Kanomerenl. und zwar sitzt er auf dem Protzkasten. Wir könnens uns j.a leisten!" ttönMprsmenade. Man darf die einzelneu Wörter und Silben nur in der^Weise miteinander verbindeii, daß man — wte der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht Auflösung in nächster Nummer. rem schive mci des wet schlag sels nur dorn ter chet mors er des körn he tief steck mar sich sprö ernst mü heit blei wer des den ne dem wahr chet fei nur der rauscht Auslösung des Kapselrätsels in voriger Nummer: Ernst ist der Anblick der Nolivendigkcit. Redaktion: K. Nenrat h. — Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Stembruckerei, N. Lange, Gießem