M2 - Nr. 78 jWi »ja W Me von Gründingen. Roman üvir Frei h err von Schlicht. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Deutlich genug hatten seine Blicke ihr das stets gesagt, und eines Tages hatte sie ihre Neugierde nicht mehr unterdrücken können und sich bei dem Stallmeister, der neben ihr ritt, mit einigen kurzen Worten nach ihm erkundigt. Der hatte den Namen selbst nicht gewußt, nur erzählt, es sei ein verabschiedeter Offizier, der nie anders als „der Herr Baron" genannt würde, und er lebe davon, daß er für fremde Leute, zuweilen auch für höchststehende Persönlichkeiten, Pferde zuritte, da er ein anerkannt guter Reiter sei. Ob die gnädige Komtesse es wünsche, daß der Herr Baron ihr vorgestellt würde? Sie hatte nur energisch mit dem Kopf geschüttelt und war mit keinem Wort mehr auf ihn zurückgekommen. Aber yoch kühler als sonst hatte sie sich seinen Blicken gegenüber verhalten, und als sie einmal ihre Peitsche in der Garderobe hatte liegen lassen und er ihr die seine anbot, um das störrische Pferd über die Hürde zu bringen, da hatte sie sein Anerbieten, ohne mit einem Wort dafür zu danken, nur mit einem hochmütigen Blick so kalt abgelehnt, daß sie sich selbst dessen hinterher beinahe schämte. Aber auf den Baron selbst schien das gar keinen Eindruck gemacht zu haben. Nur ein leises, spöttisches Lächeln hatte für eine Sekunde seinen Mund umspielt, dann hatte er die Arbeit mit seinem Pferd wieder aufgenommen. Dagmar war empört gewesen über die stummen Huldigungen, die er ihr dargebracht hatte. Aber dennoch empfand sie es fast wie eine Ungezogenheit, und beinahe yls eine Taktlosigkeit, daß er sie von jenem Tage an, ’ett sie seine Hilfe ablehnte, gar nicht mehr zu bemerken cfiie)!. Die Schuld für sein Verhalten, die sie selbst trug, Mob sie ihm zu. Sie war mehr als unhöflich gewesen und nannte ihn deswegen taktlos. Aber wenn er sich auch anscheinend gar nicht mehr um sie bekümmerte und selbst dann nicht mehr nach ihr hinsah, wenn sie ganz allein zusammen in der Bahn ritten, so glaubte sie dennoch zu wissen, daß er keinen Blick von ihr verwandte, sobald sie ihn nicht beobachten konnte. Das machte sie unruhig und nervös, das übertrug sich auf ^hren Sitz und auf die Zügelführung, und daß sie sich dann m seiner Gegenwart von denr Bereiter ermahnen und unterrichten lassen mußte, erfüllte sie aufs neue mit Zorn gegen Mn. Wer und ,was war dieser verabschiedete Baron, der es sich anscheinend zur Ehrs anrechnete, für hohe und höchste Herrschaften gegen Bezahlüng Pferde zuzureiten, und was wollte er von ihr? Wußte er nicht, wer und was sie war? Woher nahm er den Mut, um nicht zu sagen, die Unverfrorenheit, seine Blicke zu ihr zu erheben. als stände er mit ihr auf derselben gesellschaftlichen Stufe? Sie nahm sich vor, sich auch ihrerseits gar nicht mehr um ihn zu kümmern, ihn vollständig als Luft zu betrachten, aber seine Gegenwart genierte sie doch, bis sie dann schließ? lich unter einem Vorwand das Reiten ganz aufgab, nur um ihn nicht mehr zu sehen und um ihm nicht mehr W begegnen. Sie hatte sofort an ihn denken müssen, als sie die Annonce las. Sollte er im Tattersall zufällig davon erfahren haben, daß man dem Grafen geraten hatte, seinen Töchtern nochmals Reitunterricht geben zu lassen? Und hatte er nur deshalb die Annonce erlassen, um dadurch wenn der Zufall ihm günstig war, nach Schloß Gründingen zu kommen? Sollte er seine Keckheit so weit treiben, sich ihr unter diesem Vorwand doch wieder zu nähern, obgleich sie ihm deutlich genug zu.verstehen gegeben hatte, daß sie seine Gegenwart und auch nur seine persönliche Bekanntschaft in keiner Weise wünsche? Das wäre wirklich mehr als stark! Im- ersten Augenblick dachte sie daran, ihren Eltern abzuraten, diesen Baron, oder was er sonst war, auf das Schloß einzuladen. Denn wenn der Bewerber und der Baron wirklich identisch waren, so konnte er daraus, daß er nach Schloß Gründingen gerufen wurde, leicht den Schluß ziehen, daß sie sein Verhalten ihm gegenüber bereite und daß sie gegen seine Huldigungen jetzt nichts mehr einzuwenden habe. Daß sie wußte, wer er war, konnte für ihn keinem Zweifel unterliegen, denn sicher hatte der Bereiter dem Herrn Baron mitgeteilt, daß sie sich nach ihm erkundigt habe. Daß sie das überhaupt je getan, ärgerte sie maßlos; denn schon daraus allein konnte er folgern, daß sie doch irgend welches Interesse an ihm nahm. , Sie wollte die Eltern bitten: ladet den Baron nicht ein. Ein Adeliger, der auf der einen Seite bezahlt, auf der anderen lediglich als Gast betrachtet sein will, ist ein Unding, und dieses Verhältnis wird für beide Teile schwer durchführbar sein. Dann aber besann sie sich eines andern. Gerade wenn eine Offerte ihres Vaters ausblieb, auf die der Baron, wie sie nicht mehr bezweifelte, in erster! Linie rechnete, so konnte er daraus schließen, daß sie seine Nähe fürchtete, daß sie sein Kommen Hintertrieben hätte, lediglich aus Angst, vielleicht ihr Herz doch an ihn zu verlieren. Der Gedanke stimmte sie beinahe lustig, erfüllte sie aber dann doch mit Trotz. Trieb er seine Keckheit so weit, sich ihr unter diesem Vorwand zu nähern, hatte er den Mut, wirklich um ihre Gunst zu ringen, dann wollte sie ihm beweisen, daß sie ihn nicht fürchtete, daß sein Kommen oder Nichtkommen ihr völlig gleichgültig sei! Sie war und blieb, die sie war: die schöne und stolz« Komtesse Dagmar. Und sie würde die Schranken zwischen ihnen beiden schon aufrecht zu erhalten wissen! Ein Reitlehrer konnte ihr nicht gefährlich werden, selbst dann nicht, wenn er Kavallerieoffizier o,. D., und außerdem Baron 310 war. Darüber wollte sie ihn von Anfang an nicht im Zweifel lassen. Und ebenso, wie sie es zuerst fast gefürchtet hatte, daß der Baron und der Bewerber identisch wären, ebenso hoffte und wünschte sie es jetzt! Es lockte und reizte sie, den Kampf mit ihm aufzunehmen, aus dem sie als Siegerin hervorgehen würde. „Was meinst du dazu, Dagmar?" fragte der Graf noch einmal, als diese immer noch schwieg, „Ich finde, die Sache eilt nicht so," gab sie anscheinend ganz gleichgültig zurück. „Aber wenn du schon heute schreiben willst — warum nicht? Ich habe es mir überlegt: vielleicht ist es doch ganz gut, wen» auch ich noch einmal Unterricht nehme. Schaden kann es auf keinen Fall. Und ob der Lehrer nun Kavallerieoffizier a. D. ist und Baron heißt — das ist doch schließlich ganz gleichgültig — er ist und bleibt doch nur unser Reitlehrer — weiter nichts." > < Und je lebhafter die anderen wünschten, daß er einem jeden von ihnen doch noch etwas anderes sein möchte, umso lebhafter stimmten sie Dagmar zu. So setzte sich denn der Graf noch ain Abend an seinen Schreibtisch und erbat „unter höflicher Bezugnahme auf die in der Kreuz- Zeitung erlassene Annonce" den Besuch des Herrn Baron. Und da der Landrat, trotzdem der Graf aus ihm gänzlich unbekannten Gründen darauf geschworen hätte, doch nicht mehr „angehupt" kams, legte man sich heute noch früher als gewöhnlich schlafen. Es war doch sehr einsam auf Schloß Gründingen, t- um nicht zu sagen sehr „langweilig", II. Es Ivar wirklich, als ob der Baron sich nicht satt sehen konnte an dem prachtvollen Juckergespann, das der Graf zur Bahn geschickt hatte, um seinen Gast abzuholen. Noch immer stand er prüfend und musternd vor den Tieren. Friedrich, der Kutscher, war es ja gewohnt, daß jeder seine Pferde lobte, und daß diejenigen, die am wenigsten davon verstanden, am schnellsten mit den größten Lobpreisungen bei der Hand waren. Aber dieser Frenide sagte gar nichts, ja, nicht einmal mit einem Blick verriet er, wie ihm die Tiere gefielen, die unbeweglich dastandeu, nur von Zeit zu Zeit, wie im Takte, gleichzeitig die schlanken Hälfe hoben und senkten und nur zu gern, ihrem Temperament folgend, im schnellen Trab davongeeilt wären, wenn der Wille des Kutschers sie nicht noch immer ans denselben Fleck gebannt hätte. Der Diener war damit beschäftigt, die Koffer des Gastes auf den Gepäckwagen zu laden, oder besser gesagt: das Ausladen zu überwachen, und Friedrich saß unter» dessen noch immer, mit der Peitsche salutierend, auf seinem Bock. Und mit dem diesen Leuten eigentümlichen Scharfblick hatte er gleich gesehen, daß der Herr, der da Vor den Pferden stand, sich nicht nur als Kenner aufspielte, sondern es wirklich war. Aber in seinen Gedanken hielt Friedrich plötzlich inne, denn er fühlte, wie der Baron jetzt seine Blicke aus ihn selbst richtete. Pferde, Wagen und Kutscher sind eins, und wenn der Kutscher tadellos ist, kann man dieses Lob meist auch dem Gespann selbst zvllen. Das wußte Friedrich sehr genau, und deshalb hatte er auch starr und unbeweglich da- yesessen, seine Augen zwischen den beiden Pferdeköpfen immer geradeaus gerichtet, ja, er hatte es nicht einmal gewagt, mit den Augen zu blinzeln, um die Bewegungen des Herrn Baron besser verfolgen zu können. Und nun sah dieser ihn selbst an. Und nicbts, absolut nichts rührte sich an ihm! Die Peitsche stand unbeweglich in der Linken, die rechte Hand ruhte immer noch grüßend am Hut, und die Energie ließ das Zittern der Armmuskeln unterdrücken. Nur ein leises Rot, das ihm bei diesen prüfenden Blicken unwillkürlich in die Wangen stieg, gab Zeugnis davon, daß doch Leben in diefer anscheinend leblosen Gestalt pulsierte. Endlich war diese letzte Musterung beendet, und der Herr Baron mußte in jeder Hinsicht zufrieden fein, das sah Friedrich deutlich seinem Gesicht an, und für einen Augenblick huschte ein stolzes, glückliches Lächeln über sein eigenes Gesicht. Mer auch jetzt hatte der Gast kein lautes Wort der An- erkenMng, und das fand den höchsten Beifall des Kutschers. Ein Wort des Lobes hätte danach ausgesehen, als ob der Herr Baron nicht erwartet hätte, ein in jeder Hinsicht tadelloses Gespann vorzufinden. Na, und wenn der schwer-reiche Graf von Gründingen das nicht einmal hätte haben sollen, wer denn? Etwa der Landrat, dessen Stall früher berühmt gewesen war und bei dem jetzt die Gäule sich die Beine in den Leib standen, seitdem die verfluchten Automobile — — Jedesmal, wenn Friedrich an diese neumodische Erfindung dachte, überkam ihn ein Wutanfall, und bann passierte es ihm stets, daß er die Peitsche, wenn auch nur ganz leise, auf den Rücken der Jucker niederfallen ließ, so daß diese noch schneller als sonst dahinstürmten. Es war, als wollte er mit ihnen zusammen seinen Gedanken entfliehen. Auch jetzt hob er in Gedanken die Peitsche, aber die Hand selbst rührte sich nicht — er wagte es nicht vor dem Herrn Baron. Endlich meldete der Diener, daß das Gepäck verladen sei. Wohl nur mit Rücksicht auf die kleinen Bahn- Verhältnisse hatte dies so lange gedauert, denn sowohl die Anzahl der Koffer, wie deren Größe waren nicht allzu beträchtlich. „Wenn der Herr Baron vielleicht jetzt einsteigen wollen — es ist alles bereit." Eine Minute später rollte der Wagen auf der ebenen, sehr gut gehaltenen Chaussee schnell dahin. Und wie schon vorhin, während der Eisenbahnfahrt, betrachtete Baron Scheidegg auch jetzt voller Interesse die ihm ganz neue und fremde Gegend. Es war gewissermaßen ein ganz neues Land, das sich hier vor feinen Augen auftat. Wieviel war er nicht in früheren Jahren gereist, gereist, damals, als er „noch jung, schön, lustig und reich" gewesen war, wie er es mit bitterer Ironie zuweilen selbst nannte. Aber immer hatte es ihn nach dem Süden gezogen, nicht der Natur, sondern des dort herrschenden Luxus' wegen. Die Riviera, Monte CaLlo, Nizza, dann Kairo, die Märchenstadt Konstantinopel und so manches andere! Aber den Norden Deutschlands hatte er nie betreten, weiter als bis nach Berlin war er nicht gekommen. „Jenseits Berlins hört die Kultur auf," hatte es in seinen Kreisen immer geheißen, und wenn er natürlich auch die Uebertreibung, die in triefen Worten lag, anerkannte, so hatten sie dennoch für ihn eine gewisse Wahrheit enthalten. „Als Gegend geht die Gegend." Der Baron drehte sich blitzschnell nach links, aber der Platz an feiner Seite war leer. Und doch hatte er ganz deutlich die Stimme des dicken Schmidt zu hören geglaubt, der im Regiment wegen seiner Redensarten und Schnäcke berühmt gewesen war. Wie hattew alle gelacht, als der Dicke damals bei seinem ersten Besuch in Monte Carlo das geistreiche Wort prägte: „Als Gegend geht die Gegend!" Das hatte Furore gemacht, war von Mund zu Mund gegangen, in alle lebenden Sprachen übersetzt worden, und der Dicke hatte getan, als rechne er mit Sicherheit darauf, in Anerkennung dieser Geistesleistung in den erblichen Melsstand erhoben zu werden. Wie lustig und vergnügt hatte man darauflos gelebt! Und jetzt? Der Dicke hatte znm Revolver greifen müssen, um seine Spielschulden wenigstens mit seinem Leben zu bezahlen,-- und er selbst? Wie so oft, wenn er im leichten Gespann dahinfuhr, dachte er zurück an seine beiden Jucker, die er damals in Hannover auf Reitschule gefahren hatte. Selbst dort hatten sie Aufsehen erregt: die Gäule und der echte Wiener. Kutscher, der Franzt mit dem Lockert, wie er sich selbst nannte, ein großer Gauner vor dem Herrn, aber gut zu seinen Tieren, und ein Fahrer, wie man ihn so leicht nicht wiederfindet. Das „Hup-hnp!" eines Automobils ließ ihn seine Ge? danken unterbrechen, und neugierig blickte er auf. Die Pferde wurden unruhig, aber Friedrich behielt sie doch „in der Hand", als das Auto jetzt an ihnen vorbeisauste. Gleich darauf aber bekamen sie die Peitsche. ... .... . (Fortsetzung folgt.) . MM.WH Zrautfurls Hafen. Zur Einweihung des Osthafens am 21. Mai. . ! j Von Dr. Carl Weichardt (Frankfurt a. M.)., Mit der Elektrischen fahren wir unmittelbar vom Frankfurter Dauptbahnhvf in etwa 20 Minuten, entlang der ganzen west?-, östlichen Ausdehnung der Stadt, mainaufwärts mitten ins Reich 311 des neuen Osthafens hinein. Die schwarze Hütte des alten Ost- bahn'hofes taucht auf, und- nicht weit dahinter erhebt sich auch schon der bald vollendete rote Sandsteinbau des stolzen neuen Ostbahnhofes, ohne dessen gewaltig erweiterte Betriebsanlagen der neue Hafen wie ein Säe ohne Abstuß wäre; dann fällt der Blick auf niedergerissene Mauern, aus grabende Arbeiter; Lastfuhrwerke und rasselnde Lokomobilen lassen den Boden erschüttern, plakätbnnte Situationspläne und Wegweiser prunken in Farben- srische zur Seite der Straße, schimmernde Geleise, hohe Eisen- bahnbrücken, die Drahtnetze elektrischer Leistungen — alles verkündet, daß menschliche Arbeit ein neues Stück Erde mit Beschlag belegt hat und Großes hier erstehen lassen will. Eine langgestreckte Zollwerfthalle laßt rechts schon das eigentliche Hasenzentrum ahnen, aber wir fahren über die Hanauerland- straße^noch bis zur Endstation der Trambahn; es lohnt sich. Denn eine raße der Industrie ist hier in kürzester.Frist emporgewachsen, Fabrik neben Fabrik — Brauhäuser, chemische, elektrotechnische, Zigaretten^Fabriken usw. — und Kontor neben Kontor, die Fronten graue, poröse Kalkstein- oder rote Mainsandstein- fassaden, die Hintergebäude aus Glas und Eisen. Eine keineswegs trostlose Straße, sondern von der energischen Schönheit des neuen Stils: geradlinig, hochstrebend, ehrlich und sachlich, doch dank der glücklichen Rhythmik der Verhältnisse nichts weniger als tot, vielmehr etwa durch die wohlerzogene Verteilung der Fenster in den Flächen fast anmutig belebt. Es stehen Fabrikburgen an dieser Straße, die nichts mehr von finsteren modernen Zwingburgen zur Schau tragen, sondern einzig den Stolz und die Ehre der Arbeit architektonisch machtvoll verkörpern. Diese Jn- dustriestraße zeigt aber auch bereits den ersten und letztcii Zweck des Frankfurter Osthafens an: der Stadt eine neue Lebensader zu erschließen. Frankfurt hat bis vor kurzem allzu ausschließlich von seiner Vergangenheit gezehrt, aber eine Stadt kann auf die Dauer nicht von dem Ruhdne leben, eine alte, schöne und reiche Kiilturstätte zu sein, Deutschland den größten Dichter geschenkt lind lange Zeit den wichtigsten Börsenhandel besessen zu haben. Gegenwärtig eine reichlich charakterlose Stadt, muß Frankfurt Unbedingt auf neues organisches Wachstum bedacht sein, will es nicht seinen alten Ruf und seine Lebensfähigkeit cinbüßen. So sucht es nun sozusagen seelisch und körperlich sich auszudehnen; sein geistiger Horizont soll sich künftig zu einer Universitas literarum erweitern, seinem 'Körper will es durch den Osthafen neues Blut zuführen. Ungefähr 4H4 Millionen Quadratmeter Untfaßt das ganze Osthascnterrain (bie Grunderwerbskosten haben rund 33 Millionen Mark betragen), und etwa 3 Millionen Quadratmeter sind davon als Jndustriegclände nutzbar. Hier also kann und muß Frankfurt sich zu einer imposanten Industriestadt entwickeln, wozu bis jetzt doch nur die Ansätze vorhanden waren, Und die Einweihung dieses Osthusens bedeutet den Anfang einer Entwicklung, aus der bie, alte Kaiserstadt mit einem ganz neuen, charaktervollen und lebensprühenden Gesicht hervorgehen wird. Heute sind ettva erst 20 Prozent des nutzbaren Geländes verwertet und bebaut. Noch also hat die Vergangenheit räumlich über die Zukunft die Oberhand, noch weht von den freien Feldern uu^weiteren Umkreise her unverfälschte Landluft über das ganze Gemet, noch liegen ein paar alte Höse mit verwitterten Dächern tief in grünen Büschen, wenngleich schon Eisenbahnschienen mit eiserner Grausamkeit mitten durch das Idyll schneiden; noch knien Bäuerinnen üt weißen Kopftüchern auf fruchtbaren Aeckern Und rupfen Unkraut aus, und ungehemmt kann der Blick zu fernen Wäldern, vcrschwinnnenden Höhenzügen und hinüber zum jenseitigen, grünend und blühend ansteigenden Ufer des Main schweifen. Möwen schaukeln auf seiner dunklen Flut oder werfen die flüchtigen Schatten ihrer Schwingen über seine kleinen Wellen. Und irgendwo verrät ein Quäken gar den ungestörtesten Frosch- srieden. Das ist in den entengrün überwucherten Bassins des Ober haft ns, der vorläufig noch nicht eingemauert ist und erst nach Bedarf ausgebaut werden wird. Wir wenden uns, vorüber an den neuen Lagerhäusern des Kelterobstmarktes (für die Unmengen Apfelwein, die Frankfurt braucht, reicht das heimische Obst nicht Uus!), über die frischangelegte Mainpromenade, rückwärts dem U n t e r h a f e n zu, den zwei großen Bassins, die jetzt dem Verkehr feierlich geöffnet werden. Am Südufer des Mainstroms träumt als letztes Symbol der Vergangenheit eine Festung aus grünem Laub', kastanienumtüruit, die Gerbermühle, die Thomä so gerne gemalt, die Stätte von Goethes spätem Suleika-Erlebnis; hier aber, am rechten, nördlichen Ufer, zwischen dem Fluß und dem ersten Hafenbassin, sind zwei mächtige moderne Mühlen emporgewachsen, hohe, vielgeschossige Fabrikgebäude, Zeugen der neue« Zeit auch darin wieder, daß ihre Mauern in Verhältnissen von strenger Schönheit sich gliedern und türmen. Der Silo (Getreidespeicher) der „Hafermühle" hat bei aller Schlichtheit eine Architektur von fast feierlicher Monumentalität, wie ein Tempel der Ceres. Diese Großmühlen sind die ersten Vorläufer der gewerblichen Etablissements, wie solche besonders hier, am Süduser des südlichen Beckens, des sogenannten Industriehafens, sich niederlassen sollen, soweit für die die unmittelbare Wassernähe von Wert ist. Sie grenzen mit ihren Lagerplätzen und Kranen direkt an die Kai- niäucr des Hafenbeckens. Eine fast schwindelnde Höhe haben diese steilen, sauberen, aus Beton gebauten und mit Basaltsäulen verblendeten Kaimauern, die in einer Gesamtlänge von über vier Kilometer die Hafenufer umrahmen und auch bei größtem Hochwasser den Schiffen sicheren Schutz gewährleisten, während andrerseits bei niedrigstem Wassersland noch eine Mindestwassertiefe von 2,7 Meter gesichert ist. Als Sicherheitshafen für die Rheinschiffe zu dienen, ist ja auch ein ausgesprochener Nebenzweck der neuen Osthafenbecken. Zwischen dem Jndustriehafen und dem' nördlichen Becken, dem Handelshafen, erstreckt sich eine Landzunge von 150 Meter Breite und — nach ungefährer eigener Schätzung — 600 Meter Länge; wir spazieren mitten auf ihr entlang, dem Molenkopf zu, wo Industrie- und Handelshäfen sich zu einem Vorhafen vereinen und in den Mainstrom übergehen, und etwas wie echter Haftngcruch umfängt uns hier, gemischt aus den Düften gesonnten Wassers und frischgeteerten' Holzes, — fast könnte man an die Waterkant sich versetzt fühlen. Zur Linken, am Nordufer des Jndustriehafens, reiht sich schwarzfunkelnd ein Kohlenlagerplatz an den anderen, zur Rechten ziehen sich sonstige Lagerplätze und Lagerhäuser bis ans Südufer des Handelshafens, auf dessen jenseitigem Ufer der allgemeine Handelsund Umschlagsverkehr sich abwickeln wird; dort liegt auch bereits die erste Zollwersthalle. Rings um die Häfen aber dehnt sich ein Schienennetz von Hochbahnen, auf denen schon jetzt in steter Bewegung überall mächtige fahrbare Krane hin- und herlaufert und mit ihren weitausholenden Fangarmen unermüdlich ein- und' ausladen. Wo beide Becken zusammenfließen, am Kopf der sie trennenden Landzunge, erheben sich die Grundmauern eines Restaurants,- von dem man künftig eine interessante Aussicht auf die Hafeneinfahrt genießen wird; dieser so weit und luftig angelegte, ganz aus dem ästhetischen Empfinden unserer Zeit heraus entworfene und erbaute Hase!: wird ja überhaupt den schönheitsdurstig««! Besuchern und Beschauern reiche Augenweide bieten. Wir überschreiten hier die Brücke über den Jndustriehafen, um alsbald auf die große Brücke zu gelangen, die in gewaltiger Eiscn- wölbung die ganze Hafeneinfahrt überquert. Hier tut sich westwärts der Blick auf den Vorhafen und auf die Ältfrankfurter Stadtsilhouette am Main a'uf, während wir nach Osten zu noch einmal von erhabenem Standpunkt zurück schauen auf die Hafenbecken und das riesige Gelände ringsum. Noch leuchtet von ferne das Grün der Aecker herüber, die einst hier in der ganzen Runde sich breiteten; heut aber denken wir nicht mehr an Ackerbam dabei,- soudern sehen nur noch das Symbol der Hoffnung, der Hoffnung auf eine große Zukunft, darin. Man kann in diese lichtslimmerndö, zükunftshelle Weite nicht hinausträumen, ohne auch hier — wie beim Universitätsprojekt — des weitblickenden, großzügig planenden Mannes zu gedenken, der seine ganze Kraft an die Verwirklichung dieser verheißungsvollen Pläne gesetzt hat: Oberbürgermeister A dicke s. Zunr Osthäfen und zum' neuen Ostbähnhof ist — last not least — auch ein großer, schöner Ost - Park geschaffen worden, der in dem parkarmen Frankfurt doppelt begrüßenswert ist. Er wird in erster Linie für die Tausende, die künftig im Bereich des Hafens sich müde arbeiten werden, die nächste und willkommenste Erholungsstätte fein; eine langgestreckte Fußgängerbrücke führt über das Bahnhofsgebiet zu ihm hinüber. Und am Rande dieses Parkes beginnen wunderhübsche Arbeiterkolonien, Einfamilienhäuser z'um Teil, zu entstehen; hier werden viele von beite«,- welchen der neue Hafen Arbeit und Brot gibt, Wohnungen fiuden,- um die sie der Mietskasernenbewohner drinnen in der Stadt beneiden kann. Den Rus seiner sozialen Gesinnung hat Frankfurt hier von neuem bewährt, indem es der gewaltigen wirtschaftlichen Neuschöpftmg unmittelbar ein Werk sozialer Hygiene angegliedert hat. Line unbekannte Stadt in -er Sahara. Es gab bisher noch im Innern der großen Wüste eine unbekannte Stadt, deren Existenz in ein geheimnisvolles Dunkel' gehüllt war: Ualata, die alte Königin der Sahara, die aus dein Wege zwischen Tombuktu und Tichit liegt, im Norden von Mauretanien und im Süden des Tschüs. Seit kurzer Zeit ist nun auch der verschwiegene Zauber dieser Märchenstadt gelöst. Am 27. Januar dieses Jahves zog der französische Oberst R o ul et ohne Schwertstreich mit seinen Truppen in die Mauern von Ualata ein, und von dieser denkwürdigen Expedition, die einen neuen Fortschritt in der Erforschung des asrikanischen Ostens, bedeutet, wird in der „Illustration" des Nähere« berichtet. Ualata war ehemals der große Mittelpunkt des Muhautme- danertums, Bo« bem aus sich der Islam int 10. Jahrhundert über ganz Ostafrika verbreitete. Im 12. Jahrhundert war es die blühende Hauptstadt des Königsreichs (Sana,, der Markt, aus dem alle Völker Afrikas zusammentraftn, wohin die großeit Karawanen von Tunis, Tuat, Taffilel und Fez ihre Waren brachten. Hier war der geistige und religiöse Mittelpunkt, an dem die Weise« des Koran und die Kenner der Gesetze Muhamineds zusammenströmten. Tann, im 14. Jahrhundert, kam der Niedergang nach so hohem Glanze; das junge Tombuktu überflügelte die alte Kulturstätte und Ualata verfiel, schlief den Doruröschenschlas der Vergessenheit, bis im 17. Jahrhundert die Herrscher von Marokko ihre Eroberungen nach Süden ausdehnten und sich der Stadt bemächtigten. Ualata wurde nunmehr der Wohnsitz kühner Räuber, von dessen Vorhendensein m’tn wohl wußte, das aber niemals 312 Auflösung des Kreuz- und Querrätsels in voriger Nummer r sie na se gel Sltatenratsel. AuS jedem der solgenden Zitate ist ein Wort zu nehinen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war. 2. Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit. 3. Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe. 4. Jedwede Fahn' zog ihren Mann durch's Los. 5. Eifersüchtig sind des Schicksals Mächte. 6. Aber Reue soll nicht deiner Seele schönen Frieden stören. 7. Das Schiff nur bin ich, aus das er seine Hoffnung hat geladen. 8. Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen. 9. Dem bösen Geist gehört die Erde, picht dem guten. Auslösung in nächster Nummer. durch die Grausamkeit der russischen Landmilizen, durch Hunger, Kälte und Entkräftung die meisten Gefangenen; gegen ihn war man wegen seiner großen Jugend bUrmiherziger, so daß er lebend nach Moskau tarn. Hier wird Schehl von einem Obristen zum Diener seiner Tochter bestimmt und verlebt verhältnismäßig gute Tage; erst gegen Ende 1814 reklamiert man ihn in Petersburg als preußischen Untertanen und um die Mitte des Jahres 1815 gelangt er dann wieder in die Heimat. Seine Erlebnisse hat er später aus' dem Gedächtnis niedergeschrieben, und diese Niederschrift hat jetzt sein Großneffe unter dem Titel „Mit der großen Armee 1812 von Krefeld nach Moskau" bei L. Schwann in Düsseldorf herausgegeben. Am 20. Mai sah er bei einer Parade bei Leipzig Napoleon« zum ersten Male. „Ich konnte mich von der grenzenlosen Begeisterung überzeugen, die sein bloßes Erscheinen bei sämtlichen« Truppen hervorrief. . ." In der ganzen französischen Armee herrschte „ein guter Geist; die Soldaten achteten und liebten ihre Offiziere wie ihre Väter und diese wiederum behandelten ihre Leute mit der größtmöglichen Schonung. Im Dienste waren sitz sehr strenge, aber außer Dienst betrachteten sie ihre Untergebenen, die sich ordentlich führten und sich nichts zu Schulden kommen! ließen wie ihresgleichen". Schehl erzählt uns, daß er. Dorrt 20. Juni bis Ende Oktober, ivo er gefangen wurde, mit seinem Pferde stets unter Gottes freiem Himmel gelegen hat, nicht eine einzige Nacht unter einem Dache. Wir hören von den „bielen bodenlosen Morästen, in denen unsere Plänkler, meist Husaren oder Jäger zu Pferde, manchmal stecken blieben, dann aber auch plötzlich so tief einsanken, daß wir sie und die Pferde mit Hilfe' von den abgehauenen jungen Baumstämmen und den Fouragier- leinen von dem sonst unvermeidlichen Tode retten mußten." Am 20. August wurde der Dnieprfluß überschritten. „Bon hier an befanden wir uns nun im eigentlichen Rußland, wo auf unserem ganzen Wege kein einziges Haus mehr zu sehen war, denn die! Russen zündeten alle ihre Wohnungen an, wenn sie dieselben verlassen mußten." Die Verpflegung wurde immer ungenügender; „wochenlang konnte an reine Wäsche gar nicht gedacht werden, man behielt die Kleider immer auf dem Leibe, kaunr daß einer dem anderen die schweren Stiefel auszog." Dazu kam die fürchterliche Insektenplage. Dann kam am 7. September die Schlacht bei Borodino, wo der General Caulincourt fiel, Schehl auch seinen Eskadvonchef v. Berckheim verlor und ihm sein Pferd erschossen wurde. Und nun ging es nach Moskau, das am 14. September erreicht wurde. „Näher bei Moskau sahen wir zu beiden Seiten ganze Felder voll reifer Wassermelonen. . . Wer wird es uns da verargen können, wenn wir dachten: „Jetzt hat aller Jammer ein Ende und ihr geht in das gelobte Landein." Aber „die Stadt war wie ausgestorben, kein einziges menschliches Wesen begegnete uns, nicht ein einziger Schornstein rauchte, ganz Moskau schien sich in ein großes Trümmerfeld verwandelt ju haben". । Und „am selben Tage, gleich nach Mitternacht, bricht schon an verschiedenen Stellen in der Stadt Feuer aus". Schehl schildert, Ivie die Soldaten nun mit Erlaubnis der Vorgesetzter: plünderten. Er sagt, er habe nie begreifen können, weshalb die Welt so lange darüber in Zweifel geblieben ist, wer beit Brandvon M o s ta u .angezündet hat, „denn «es lebten doch Augenzeugen genug, die ebenso gut wie ich gesehen haben, daß diese furchtbare barbarische! Zerstörung von dem russischen Gouvernement systematisch organisiert war". Später hat er an der Parkmauer des Schlosses des Grafen Rostopschin, des Gouverneurs von Moskau, die Wort« gelesen: „Dieses Schloß gehört dem Grafen Rostopschin, er hat es eigenhäirdig verbrannt, damit nichts davon den französischen Hunden bliebe". Wegen seiner Gefangenschaft kann uns Schehl vom weiteren Verlaufe der Kämpfe nichts erzählen, aber kulturhistorisch ist auch das interessant, was er als Gefangener erlebt hat, (Ein deutscher Knabe mit Napoleon M2 in Rußland. Das schicksalsreiche Jahr 1812, dessen hundertjährige Erinnerung uns die Bilder vom höchsten Glanz napoleonischer Macht und vor: dem Grab seines Ruhmes und seiner Armeen in Rußlands Schneewüsten so lebendig vor die Seele ruft, hat eine gewaltige Literatur biervorgebracht. Zahlreiche Generale und Männer in leitenden Stellungen haben in ihren Erinnerungen die Ursachen Md den Vollzug dieses Gottesgerichtes dargestellt. Neben dieser gleichsam offiziellen Geschichtsschreibung „von. oben" nimmt ein Büchlein eine eigenartige Stellung ein, das Uns diesen großen historischen Vorgang sozusagen „von unten" schildert, in volkstümlicher Weise ein Stimmungsbild mitten aus dem Heere selbst heraus malt; für uns gewinnt es noch! besonderes' Interesse, weil es ein deutscher Knabe war, der uns hier von feinen russischen Kriegsabentenern erzählt. Karl Schehl, der Sohn eines Papiergroßhändlers in Krefeld, ließ sich vierzehnjährig, als das zrveite französische Karabinerregiment in feinet Vaterstadt im Quartier lag, heimlich als Trompeter anwerben, wozu er durch seine musikalische Ausbildung geeignet war. Die Freude tot schönen Pferden und an der edlen Reiterei verleitete ihn vor Öttern zu diesem kühnen Knabenstreich; dann aber auch die sehr strenge Behandlung im elterlichen Hause. Am 2. März 1812 verließ er Krefeld mit dem Regiment, machte den ganzen Feldzug bis zum Einzug in Moskau mit, durchlebte den Brand der alten Msfischeir Hauptstadt, den Beginn des Rückzuges und die ersten Wchlachten in der zweiten Hälfte des Oktobers mit, wobei sein Regiment so gewaltige Verluste erlitt, daß es schließlich bis aus sechzig Mann aufgerieben war. Ws er mit 39 Kameraden zusammen am Abend des 26. Oktobers zum Fouragieren kommandiert war, wird er mit dem ganzen Trupp von den Russen gefangen genommen und nach Moskau zurückgebracht. Auf dem Wege starben jemand sah. 1826 soll es der Engländer Laing besucht haben, aber das Ivar eine vage Behauptung und die Stadt blieb weitev- hin ein geheimnisvoller, den Europäern unzugänglicher Ort, von deut aus die Wüstenräuber ihre gefährlichen Abenteuer untev- nahmeir. So fest begründet war der Ruf von der Unzugänglichkeit Ualatas, daß auch die Franzosen lange zögerten, sich der alten Wüstenkönigin zu nähern; es ging das Gerücht, daß die Mauern den Ort in verzweifelter Gegenwehr bis auf den letzten Mann verteidigen würden. Endlich unternahm nach langen Vorbereitungen Oberst Roulet zu Anfang dieses Jahres die Expedition; es mußte ein Marsch von fast 700 Kilometern zurückgelegt werden; zuerst an dem Tele-See vorbei, dann durch eine weite Wüste, aus der in der Ferne Hügel emportauchten, hinter denen man die mysteriöse Stadt vermutete. Nach einigen Angriffen von Wüstenbewohnern, die aber feilten Schaden anrichteten, gelangte man auf den Gipfel einer Düne, von der aus der maurische Führer auf das melancholische Gewirr der Mauern Ualatas hinwies. Angeschmiegt an den Abhang eines Berges, auf engem Raum gleichsam in sich selbst zusammengezogen, offenbart sich Ualata stur den Blicken, wenn man über der Stadt steht. Ein schützender Kreis von Hügeln verbirgt von allen Seiten eifersüchtig die von keinem europäischen Fuß betretene Stadt den Blicken der Ungläubigen. Auf den ersten Anblick macht Ualata den Eindruck einer Burg. Eine imposante Kasba beherrscht die Häuser mit ifirer gewaltigen Masse. Im Osten stehen zwei Blockhäuser als Wachtposten gegen die Wüste; schwere Holztore verschließen den Eingang der Straßen; di« Häuser selbst setzen wie Festungen aus; die Brustwehren ihrer Terrassen zeigen einen Kranz von Schießscharten. Einige Gebäude sind bis zu drei Stockwerken hoch und hinter ihren mit engen Gucklöchern versehenen Mauern scheinen wachsame Augen auf die Ankunft des Feindes zu lauern. Eine Stadt, die dereinst in ewiger Wachsamkeit gegen Angriffe ihre festen Umwallungen erhielt, heute Uber eine verschlafene ruhige Stätte des Verfalls, in die die Franzosen ohne jedes Hindernis einzogen. In den engen, schattigen Gassen und den Häusern mit ihren weiten Höfen überraschten Zeugnisse einer hohen Kunstübung, die man hier am wenigsten erwartet hatte. Tie Türen an den Fassaden zeigen reichen Bildhauerschmuck; an den Wänden im Innern finden sich hochinteressante Malereien mit sehr feinen geometrischen Ornamenten, die in ihrem Reichtum und ihrer geschmackvollen Form an die Schmuckkunst der Alhambra erinnern. Es wird umfangreicher Forschungen bedürfen, bevor die Schleier von der Geschichte und Kunst der geheimnisvollen Stadt gehoben sind. Reiche Manuskriptschätze werden Aufschluß geben. Tie Gründer des Ortes waren Neger, die aus dem Süden kamen und die Sprache von Marka redeten. Sie nannten sich Uafaten und wohnten in Strohhütten. Erst nach dem Einfall der Araber unter dem berühmten Jahia entstanden die Steinbauten; ein Brunnen ward entdeckt, der Wasser im Ueberftuß gab und dis Stadt blühte auf. Tie Quelle, aus der der Reichtum von Ualata floß, war der Salzhandel. Heute flattert die französische Fahne von der Spitze der Kasba und die Franzosen haben Besitz ergriffen von diesem Ueberreft einer verschwundenen Kultur. Nase, Nagel, Siena, Siegel, Segel. Redaktion: K. N e u r a t h. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, (Siete*