Samstag, den 17. August IW P!» । njiiij WKW?« p-rwiJfflaesffitfelBBö 1 •’ -MM «Ör* Sommrrleutnants. Roman von Walter Bloem- Copyright 1910 by Orethlein & Co. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mit großer Lebhaftigkeit leitete Frau Cäcilie das Gespräch ein: „Ich entsinne mich sehr wohl, Herr Flamberg, Ihnen einmal in Gesellschaft begegnet zu sein!" „Ah, bei Kommerzienrat Trinkäus, nicht wahr, meine Gnädigste?" „Gewiß, bei Trinkäus. Ich weiß noch, Sie haben einen Auffallend schlecht sitzenden Frack getragen . . . Daran hab ich gleich gemerkt: der muß was Besonderes sein . . . Wenn einer bei Trinkäus so schlecht angezogen Herumlaufen darf, das ist sicher ein Genie. . ." „Stimmt, stimmt!" lachte Flamberg, „gepumpt für zwei Mark fünfzig!" „Heute scheinen Sie etwas mehr auf Schneider zu halten! ?" „Geschäftssache, gnädige Frau! — Ein gewisses Publikum glaubt nur an Künstler, die in -erstklassigen Ateliers arbeiten lassen können!" „So — und das können Sie also!?" „Man schlägt sich so durch, gnädige Frau!" „Ich glaub's . . . Sie müssen nämlich wissen, Herr Flamberg, ich war diesen Juni mit meinem Mann auf Urlaub in Berlin... Da hab ich Ihre zwei Bilder in der Sezession gesehen . . . Wissen Sie, was mein Mann damals zu mir sagte? Du, so ein Bild möcht ich von dir haben!" Aha — dachte Martin Flamberg, darauf will's also hinaus . . . „Ich beneide Sie!" fuhr die schöne Frau fort, „ich beneide euch Künstler überhaupt!" „Beneiden? — um was?" „Wie soft ich sagen — Sie sitzen hier friedlich und plaudern oder strampeln draußen auf der Heide herum und führen Ihren Zug . . . und derwefte reisen Ihre Bilder in der Welt herum . . . reden zu Tausenden, was für ein Kerl Sie sind . . . Ist das nicht beneidenswert? — Ich Möchte es — die Fernwirkung- Ihrer Persönlichkeit nennen!" „Ach, gnädige Frau, mich dünkt. . . viel beneidenswerter als solche Fernwirkung, von der man schließlich doch nichts tyat ... viel beneidenswerter muß die Nah- Mrkung sein, die eine schöne Frau.ausübt." „Ach je, die Nahwirkung ... auf wen denn? . . . Wen hab' ich denn, um „nahzuwirken"? Die Stabsoffiziere . . . grämlich . . . früh! verbraucht die Hauptleute . . . dienstgehetzt — dazu die streberhaften Oberleutnants und die ungaren Leutnants. . „Sie urteilen sehr hart, gnädige Frau . . . Diese Herren sind doch die Kameraden, die Berufsgenossen Ihres Gatten."- „Ums Himmels willen, hab ich mir mal wieder den Mund verbrannt!? — Na, das bleibt doch unter uns, nicht wahr, Herr Flamberg?" „Selbstverständlich ! — Nun ja. . . ich kann's mir schließlich vorstellen . . . Sie kommen aus so ganz andern Kreisen . . . Mer ich meine, auch Ihnen müßte das doch imponieren, diese unermüdliche, opferfreudige Kleinarbeit» die hier geleistet wird!" „Kleinarbeit... ja wahrhaftig, Kleinarbeit!" „Aber eine sehr wichtige und nützliche Arbeit! — Flößt Ihnen das denn keinen Respekt ein?" „Respekt — o ja!" „Und schließlich — was geht Sie am Ende das Milieu an, in dem Sie leben? — In einer Häuslichkeit wie dieser . . . an der Seite eines liebenswürdigen,, ritterlichen Gatten, wie der Ihre ist. . . „O ja!" Schon -wieder dies „O ja!" — Dies „O, ja!", das er so gut kannte! — Das kam ja immer zuerst, wenn eine verheiratete Frau zu kokettieren begann. . . dies korrekt sich stellende, zu- gleich aber leises Bedauern, heimliche Enttäuschung andeutende „Q ja" über den Gatten--. Aeh. . . sie waren doch alle gleich. . . alle, alle versuchten sie dies ewig gleiche, langweilige Spiel. . . dies Spiel, das eben doch nichts weiter war und bleiben sollte, als ein Spiel. . . ein Flirt. . . eine inhaltlose Sensation! Ein ernsthaftes Abenteuer .— ach, dazu waren sie ja doch fast alle zu feige... zu satt und zufrieden am Ende in ihrem warmen Nest. . . aber sich einen Flirt versagen zu können . . . dazu waren sie doch wieder alle zu unausgefüllt ... zu unvornehm ... zu charakterlos . . . Gräßlich, dies frivole, ziellose Spiel mit den heiligsten Dingen. . . mit Treue und Leidenschaft . . . Wie rasch man das durchschaute. . . wie rasch der pikante Reiz der ersten derartigen Erlebnisse verweht war. . . und dann widerte es einen nur noch an . . . Also von der Sorte war auch diese da. . .! Fast brüsk brach er auf und empfahl sich. „Wir hoffen, Sie nächstens bei uns zu sehen, Herr Flamberg!" Klischee, Klischee ;--Und so etwas galt int Offizierkorps als eine Art höheres Wesen — Schade — ein hübsches Bildchen hätte sie schon abgegeben: die schwermütigen braunen Augen unter der weißen Stirn, mit dem rostfarbenen, straffen Haarkranz darüber und . . . Eine feine Schulterlime hatte sie gewiß auch- . . . Der Unterarm, die seine, nervöse Hand . . . Das war vielversprechend gewesen —! Ausführlich und sehr lustig berichtete er an Agathe. * 510 Schon einige Tage später konnte Martin Flamberg sich überzeugen, daß sein Künstler äuge recht vermutet hatte. Drei Tage nach seinem Besuch kud ih'n ein silbergraues Kärtchen zu einer Abendgesellschaft in kleinem Kreise . . . ein Kärtchen, bekritzelt mit einer seltsamen Handschrift: feste Auf- und Abstriche, doch umschwirrt von einem kapriziösen Gewirr hin- und herfahreuder Schnörkel. . . links oben in der Ecke ein Doppelwappen, vermutlich das Adelswappen derer von Brandeis und das bürgerliche der alten Düsseldorfer Patrizierfamilie, ans der die junge Frau hervorgegangen . . . Freilich! sie konnte es sich leisten, das Wappen ihrer Sippe neben dem adeligen anfzn- pflanzen... Er führte die Frau des Hauses zu Tisch —- — Außer ihm: Major von Sassenbach mit Frau und Töchtern, Oberleutnant von Schoenawa und Leutnant Blowitz. Heute sah er sie ganz anders. Die drei andern Damen, die Offiziere, nicht zuletzt der Gatte, gaben dieser Frau eilte Folie, die sie seltsam hob... In dieser Umgebung, wahrhaftig, erschien sie wie ein hinverwehtes Wunder. Aller Augen hingen an ihr; sie beherrschte die Unterhaltung. Spießbürgerliche Mißbilligung lag auf dem spitzen Gesicht der Frau von Sassenbach . . . rötete ihre Nase . . . ließ ihre grauen Augen in frostigem Pharisäertum funkeln . . . Die stattlichen Majorsmädel verschlangen die elegante junge Frau in naiver Bewunderung ..." Leutnant Blowitz, ein braver Junge, huldigte ihr mit knappenhafter Ergebenheit. . . Schoenawa, ein kalt beherrschter Energiemensch, verfolgte jede ihrer Bewegungen mit verschlossenem, finsterm Ernst. . . Nur zuweilen flimmerte in seinen frostigen schwarzen Augen ein heißer Strahl; der verriet Martin Flambergs geschultem Malerauge: auch dieses Mannes Seele, soviel er davon besitzen mochte, stand im Banne der Hausherrin. . . Ihr Gatte glänzte übers ganze Gesicht vor demütig anbetender Bewunderung, vor Glück und Stolz, der legitime Besitzer so vieler Herrlichkeit zu sein . . . All diese Verehrung, diese teils freiwillige, teils widerwillige Bewunderung steckte den Maler an. Und .wirklich ... sie sah strahlend aus... sie trug eine fraisefarbene Seidenrobe, überrieselt von einem bronzefarbenen Spitzengewirk. . . Der Ausschnitt ließ eine Schulterlinie von adeliger Zeichnung frei, den Hals mit leisem Rosa angetönt. . . ihn umzog ein dünnes goldenes Kettchen mit einem smaragdgrünen Darmstädter Glasschmuck . . . Für Maleraugen ein Fest . . .! Das sprach er nach Tisch bei der Zigarre dem Hauptmann aus. Der griff die Andeutung rasch und gewährungs- freudig auf. Martin merkte, er war einem geheimen Wunsch seines Kompagniechefs entgegengekommen... Und zwei Tage später stand der Maler int Wintergarten der Villa Brandeis mit Pinsel und Palette der Hausherrin gegenüber. Flamberg hatte sich ein förmliches Atelier zwischen den Palmen und Skabiosen improvisieren dürfen. Als Hintergrund hatte 'er eine spanische Wand aufgestellt und eine blaßrosa Sammetdecke darüber aufgehängt, die er in einem der Salons entdeckt hatte. Er selber trug über der grauen Litewka eine grobe blaue Küchenschürze, die Frau Cäeilie persönlich unter Lachen und Scherzen ihm umgebunden. . . Und nun durfte er sie ungeniert und gründlich betrachten, wie sie vor ihm im Sessel lehnte in dem Kostüm von neulich, das er sich ausgebeten hatte... in der fraisefarbenen Seidenrobe mit dem rieselnden Gewirk bronzener Spitzen. . . mit dem geraden Ausschnitt, der die herrliche Schulterlinie enthüllte. . . Seltsam war ihr zumute unter dem durchdringenden, enthüllenden Blick der braunen, durstigen Künstleraugen... Weich . . . hingebend . . . opferfroh . . . Einmal trat der Maler aus sie zu, um ein paar Falten ihres Gewandes anders zu ordnen... da durchschauerte es, sie . . . unwillkürlich schloß sie leise die Augen . . . neigte das flimmernde, duftende Haupt zurück. . . „Martin Flamberg mußte sich zusammennehmen. . . mutzte mit Gewalt an seine ferne Agathe denken . . . Und das wär nun jeden zweiten Tag' ein paar Stunden . . . jeden zweiten Tag. . . Manchmal kam Hauptmann von Brandeis vom Nächst mittagsbesuch int Kompagnierevier zurück, steckte, freundlich lächelnd, den Kopf ins „Atelier", warf einen prüfenden Blick auf die Fortschritte des Abbildes . . einen strahlenden auf das Original. . . Das Lächeln, das diesen Blick erwiderte, ward täglich matter unb matter . . . Brandeis merkte es nicht. „Wie finden Sie meinen Mann?" fragte Frau Cäeilie einmal'den Künstler. „Ich bin ihm sehr gut, er ist so eine wahre Natur, durch und durch echt — so etwas empfinden wir stets als besonders! wohltuend — wir verlogenes, verdorbenes Künstlergesindel, wir —" „Verlogen und verdorben — seid ihr alle so —-.?" „Alle . . . das liegt in unserm Handwerk. . . das' ganze Leben ist uns ja doch nur ein Vorwand . . . alle Menq schen sind uns nur Mittel zum Zweck. . ." „Aber zu was für einen Zweck —!" „Zu keinem schlechten — das weiß Gott! — Mer die Menschen, die mit uns umgehen, sind dennoch immer betrogen . . . wir nützten sie aus, und sie dürfen's nicht merken . . . beileibe nicht. . . daß sie uns nichts sind als Modelle!" „Das sagen Sie — ein Bräutigam?" „Das . . . steht auf einem andern Blatt, gnädige Frau . . ." „Also doch nicht so ganz Uebermensch . . . doch irgendwo ein Fleckchen in Ihrem Herzen, wo man sich anbaueit kamt?! —" Martin Flamberg malte und schwieg. „Heute abend bleiben Sie zum Tee bei uns! — Mein Mann kommt erst um acht Uhr aus der Kaserne zurück Sie werden mir inzwischen Gesellschaft leisten, und ich werde Ihnen etwas Vorsingen!" Martin Flamberg atmete tief auf. . . „Wer könnte da „nein" sagen —?" „Ich habe schon lange auf die Gelegenheit gelauert, Ihnen zu zeigen . . . ein bißchen Wer bin ich auch ... ein bißchen mehr als all die Kommißgänscheu hier herum.... ein ganz klein bißchen pass' ich auch in die Welt, in der Sie heimisch sind —" --Und Frau Cäeilie saß am Flügel. . . Sie schien zu wachsen, als nun die ersten Akkorde auf- schauerten unter den schlanken, nervösen Fingern . . . Nur die Kerzen gm Instrument brannten; im Zimmer .. < warfen gelbe Lichter auf die erdbeerfarbene Seide. . .> flimmernde Reflexe in die straffe Haarkrone — darunter schimmerte die weiße Stirn mit mattem Opalglanz . . . NUn öffnete sich sanft der schmale Mund . . . und weiche Töne quollen durchs Zimmer: „Nicht int Traume hab' ich das gefehlt, hell im Wachen stand es schön vor mir, eine Wiese voller Margeriten . . Martin saß int Halbdunkel. Ah', Straußens „Freundliche Vision" — die dunkelschwüle Weise, wie sie zu der Stunde paßte. . . Martins Seele löste sich ganz ... ein heißes Fluten Hub an, wogte und iuebte durcheinander . . « „Und ich geh mit einer, die mich lieb hat, ruhigen Gemütes in die Kühle dieses stillen Gartens, in den Frieden, der voll Schönheit wartet, daß wir kommen." Mit einer, die mich lieb hat. . . Agathe. . . Agathe. Gewaltsam hatte Martin die Erregung zurückzudrängen versucht, die' aus der Tiefe seiner Seele in seine Augen quoll . . . Nun übermannte es ihn plötzlich. . . „Herr Flamberg, was haben Sie —•?" „Ich habe heim gedacht . . . heim gedacht an eilt fernes Mädchen — das hat keine Ahnung, daß ich in diesem Augenblick —" „Nun — was?" daß ich einer Stimme lausche; . . . einer Stimme^ die nicht die ihre ist..." ' „Nun — und was ist dabei?" „Viel ist dabei —--" „Ach Sie — Sie Künstler Sie — ich weiß ja, alles nur Vorwand, alles pur Modell . . . Sie habens ja selbst gesagt." ' „Gnädige Frau —!" „Haha. . . nun wollen Sie's wohl gar nicht Work 611 Dabe-n . . . aber Sie haben sich verraten. . . Nun dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man Sie nicht so tragisch nimmt!" ' Die junge Frau ging mit raschen Schritten zUm Flügel zuruck. . . schlug einen schrillen Akkord an. . . ging in eine tolle Walzermelodie über. . . dann brach sie Plötzlich ab, sang zu übermütiger Weise abermals einen Mer- baumschen Text: „Maikater singt die ganze Nacht; Der Frühling ist erwacht, erwacht! Der Frühling ist erwacht!" >,AH, ihr musiziert? — Das ist recht ... Und so lustig! *- Das freut mich! Entschuldige, liebes Kind, daß ich so spät komme. . . und 'auch Sie, lieber Flamberg . . -. danke Ihnen, daß Sie meiner Frau Gesellschaft geleistet haben. . .!" --An diesem Wend vergaß Martin Flamberg zum ersten Male, vorn: Schlafengehen am Sternenhimmel Mgathens Augen zN suchen. (Fortsetzung folgt.) Meine Erinnerungen an Gravelotte. Von Elisabeth! von Rosenberg. _Wenn der Hochsommer Naht, und Unter den surrenden Magen her Sense die reife Frucht zu Boden sinkt, dann schlercht sich immer von neuem die Erinnerung an jenen Hochsommertag in meine Seele, an dem vor 42 Jahren unter der Glut der Augustsonne die Sichel des Todes so überreiche Ernte hielt auf dem Felde der Ehre — — der Tag von Gravelotte. Zwei Jahre vor dem Ausbruch! des Krieges gegen Frankreich hatte ich mich, getäuscht in meinem unerschütterlichen Glauben an Liebe und Treue, der Krankenpflege gewidmet, uin unter dem Zeichen des roten Kreuzes in aufopfernden Pflege dem blutenden Herzen Frieden zu geben, nicht ahnend, daß ich schlvn so bald bestimmt sein würde, den neuen Beruf unter den Schrecken des Krieges in seinem furchtbarsten Ernste kennen zu lernen. Die Mobilmachung im Juli 1870 führte mich aus der Stille des heimischen Krankenhauses in ein Kriegslazarett der 2. Armee, das nach den schweren und verlustreichen Gefechten vom 16. August Pflegepersonal an die Feldlazarette entsandte, die ihrerseits den Verbandplätzen der Truppenteile wegen der ungeheuren Zahl von Verwundeten jede entbehrliche Hilfskraft zur Verfügung stellten. Ein einsamer französischer Bauernhpf, von einer Mauer umgeben und von mächtigen Buchen umrauscht, der unter dem Schutze einer Hügelkette den feindlichen. Geschossen unerreichbar war, nahm am 18. August unser Feldlazarett auf. Von fernher rollte bald, wie von schwerem Gewitter, der Donner der Geschütze zu uns herüber. Der mörderische Kampf um die feindlichen Höhen tobte seit Stunden. Und bald kamen in unaufhaltbarer Folge als sichtbare Zeichen der schweren Verluste, die unsere heldenmütigen Truppen zu erleiden hatten, von den Verbandplätzen die Verwundeten, denen die notwendigste ärztliche Hilfe zuteil geworden war. Unter fieberhafter Arbeit flogen uns die Stunden dahin. Und als der Tag seinem Ende zuneigte, war in unserm Gehöft fast der letzte Platz mit Schwerverwundetcn belegt, von denen mancher mit der sinkenden Sonne die prüden Augen für immer schloß. Aber der Angriff der pommerschen Regimenter, der am Wend gegen die feindliche Stellung einsetzte und den Sieg an unsere Fahnen heftete, brachte neue schwere Verluste. Als schon das Tageslicht fast erloschen war, da trug man einen schwerverletzten Offizier auf einer Bahre in den Raum, der meiner Leitung unterstellt war. Ein Kopfschuß hatte ihn niedergestreckt; fast das ganze Gesicht bedeckte ein Verband, nur ein Auge war sichtbar, starr und halbgeschlossen, und Um die dunklen Wimpern irrten die Schatten des Todes. Da auf einmal sandte der Mond-, der über dem blutigen Schlachtfelde leuchtend aufging, seinen vollen Glanz durch das offene Fenster und lichtüberflutet lag die Gestalt des Schwer-verwundeten vor mir. — — Ich weiß nicht, was mir die Kraft gab, nicht zusammenzubrechen unter der Wucht des Schmerzes, der mich bis in die Tiefe der Seele erschütterte. Der Mann dort, der in seiner Sterbestunde meiner Pflege anvertraut war, er War es, dem meine Liebe gehört hatte, in unwandelbarer Treue, dem ich Jahre meines Lebens freudig geopfert hatte rm Glauben an ünser einstiges Glück. In diesem! Glauben Hütten wir Uns vor 6 Jahren zum letztenmal die Hand gedrückt. Was für Erinnerungen stiegen jetzt in mir empor! — Von Jugend auf befreundet durch täglichen Verkehr in der kleinen Garnison, in der unsere beiden Väter bei demselben Truppenteil standen. Da war es kein Wunder, daß wir dann als Erwachsene eines Tages, an dem die Trennungsstunde schlug, weil der Jugendfreund in die Armee erntrat, erkannten, daß aus der Freundschaft der Kinder eine tiefe Zuneigung entstanden war, die wir unausgesprochen im Herzen trugen. Und wieder vergingen Jahre, da kam die Stunde, wo er um mich warb mit heißen Worten der Liebe, wo wir uns' gelobten, treu zueinander zu halten, bis er imstande war, mich als Gattin heimzuführen. Wohl wußten wir beide, daß dieser Tag noch fern wür, denn unsere bescheidenen Mittel reichten zu einem Ehebund nicht aus. Aber im Bewußtsein, das Glück doch eines Tages zu erringen, erschien ja das Warten so leicht. ©ein Dienst führte ihn in eine ferne Garnison. Und Jahre vergingen. Seltener wurden seine Briefe und ihre zärtliche, einst so zuversichtliche Sprache erkaltete mehr und mehr. Und dann kam die Stunde, die die Hoffnung meines Lebens mit einem Schlage vernichtete, die Stunde, als , er mir schrieb, er könne es nicht verantworten, mein! Schicksal noch länger an seine ungewisse Zukunft zu fesseln. Glückselige Hoffnungen langer Jahre sanken in den Staub, mein Herz war gebrochen — und der, der es brach, (er lag nun, ein dem Tode Geweihter, vor mir. Tief erschüttert saß ich an seinem Lager. Waren es meine heißen Tränen, die auf seine bleiche, kalte Hand fielen? Das brechende Auge öffnete sich weit, und ein staunender, flehender Blick traf mich. Er hatte mich erkannt. Seine Hand ruhte in der meinen und das fliehende Leben ließ ihm noch die Kraft, mir durch einen schwachen Druck zu sagen, daß er meine Verzeihung empfunden hatte. Das müde Augenlid senkte sich, wieder — durch den stillen Raum zogen die fernen Klänge der Retraite, die von einem auf dem Schlachtfelde lagernden Truppenteil herüberschallten. Und als die feierliche Weise des Gebets einsetzte, da ruhten meine Hände segnend auf seinem Haupte — — und er tat seinen letzten Atemzug. Die Schlacht bei Smolensk in der Schilderung der deutschen Mitkämpfer. „Seit wir den Riemen überschritten, beschäftigte ein Gedanke, eine Hoffnung, ein allgemeiner Wunsch den Kaiser und seine Armee: der Gedanke an eine große Schlacht", so erzählt der Schlachtenmaler Albrecht Adam, der im Gefolge des Vizekönigs Eugen an dem Feldzug gegen Rußland teilnahm. „Man sprach von einer Schlacht wie von einem großen Feste, freute sich auf sie und ließ den Kopf hängen, so oft man sich in der Erwartung getäuscht sah." Bei Smolensk glaubte Napoleon endlich diesen großen Moment erreicht zu haben. Am 14. .91 u g u st stieß die Vorhut der großen Armee bei Krasnoi auf eine zur Armee des russischen Feldherrn Bagration gehörige Division, die Murat im kühnen Reiterangriff mit großen Verlusten aus Smolensk zurückwarf. Aber die Russen erkannten nun die Gefahr, daß Napoleon die Vereinigung der Armeen von Bagration und Barclay verhindern wollte, waren auf ihrer Hut, und die Wteilung des Generals Rayewskys. verteidigte zwei Tage lang die „heilige Stadt" gegen die andringenden Korps. Damit wurde das ,,schöne Manöver von Smolensk", einer der glänzendsten Pläne des Kaisers, zerstört, der wie einst vor Jena an der feindlichen Armee vorübermarschieren, ihren linken Flügel umfassen und so die Rückzugstraße nach Moskau abschneiden wollte. Die beiden Hauptarmeen der Russen konnten sich vereinigen, und es blieb dem Korsen nur das noch übrig, was er „eine gewöhnliche Schlacht" zu nennen pflegte. Doch auch hier wurde ihm seine stolze Hoffnung auf ein neues Austerlitz zerstört, denn die Feinde verteidigten! die Stadt nur so lange, um sich ungehindert zurückziehen zn können. Das sind die Kämpfe um Smolensk, die vom 14. bis zum 19. Äugust dauerten und Sturm auf 'Sturm der todesmutigen Truppen' an den starken Mauern zerschellen ließen, bis schließlich die große Armee als Herrin in der brennenden, in Trümmer gelegten Stadt blieb. Die Hauptkämpfe haben am 17. August stattgefunden. An ihnen waren auch deutsche Truppen beteiligt; und in anschaulichen Bildern erzählen die Erinnerungen, die Paul Holzhausen in seinem Buch „Die Deutsche in Rußland 1812" so sorgfältig gesammelt hat, von den Taten und Leiden der deutschen Mitkämpfer in diesen: ersten großen Kampf des russischen Feldzuges. Mit hochklopfendem Herzen schauten die Truppen auf die malerisch hoch über dem Dnicpr-Tal gelegene Veste, auf die „Stadt der heiligen Jungfrau", die das Zugangstor zum 512 eigentlichen Rußland' bildete. Unter diesen breiten, von wuchtigen Zinnen bekrönten Mauern, unter diesen Zinnen und Grüben also sollte die-Schlacht geschlagen werden, die alle ersehnten, wie der Wüstenwandcrer die Oase. Napoleon befahl den Sturm auf die Stadt, an dem von deutscher Seite besonders die Württemberger des Korps Ney beteiligt waren. Anschaulich schilderte Oberst von Stockmayer diesen blutigen Angriff: „Den 17. August nachmittags um 1 Uhr kam Marschall Ney zu mir und befahl mir, mit der Brigade sogleich aufzup brecheu und den Feind aus der Vorstadt Stasnaia an dem linken Dnieprufer zu verjagen und diese Vorstadt bis unter die Wälle von Smolensk zu besetzen, indem Kaiser Napoleon auf der ganzen Linie einen Angriff machen werde. Meinem Bataillon übergab ich nun die Avantgarde und rückte somit in einem dreifach sich kreuzenden Kanonenfeuer vor. Nach einigen Chargen ließ ich die Vorstadt stürmen und verfolgte den bald daraus fliehenden Feind, nachdem ich mehrere Gefangene gemacht hatte, bis unter die Mauern von Smolensk." Die Russen wurden aus allen Vorstädten herausgeworfen; nur die Petersburger Vorstadt verteidigten sie noch am 18. hartnäckig, um ihren Wzug zu decken; sie hatten in der Nacht die innere Stadt geräumt und die Brücken zerstört. Von der Eroberung dieser letzten Vorstadt erzählt Martens, wie sie in die Gärten eindrangen und, unterstützt von ihrer Artillerie, ein heftiges Kleingewehrfeuer begannen. Er kam dabei einem jungen französischen Offizier zu. Hilfe. „Hocherfreut über den unerwarteten Zuwachs faßte mich der feurige französische Offizier bei der Hand mit den Worten: „Venez, mon ami, partageons notre fort!" und ließ mir einen Schluck geistigen Getränkes aus seiner Feldflasche zukommen. Kaunr hatte ich mich aber für den labenden Trunk bedankt und zu meinen Leuten gewendet, die mit den Franzosen an der Hecke des Gartens verteilt waren, als eine feindliche Kartätschenkugel den Kopf dieses wackeren Jünglings, dessen Bekanntschaft ich erst vor. einigen Minuten gemacht hatte, so zerschmetterte, daß Teile seines Hirns Und Bluts an der hölzernen Wand des Gartenhäuschen hängen blieben. Welch ergreifender Anblick für mich! Zum erstenmal in meinem Leben sausten die feindlichen Kugeln gleich einem Hagelwetter, welches das Laub von den Bäumen zu Boden niedcr- schmetterte, um meinen Kopf." Als die Russen Smolensk endlich aufgaben, wären die Vorstädte in rauchende Trümmer verwandelt, zwischen denen Massen halbverbrannte Leichen lagen. „Die abziehenden Ruffen hätten alles verwüstet, was irgend hätte von Nutzen sein können," erzählt ein Mitkämpfer. „Leichen überall, aber welche Leichen! Die Körper waren zerschmettert, platt gefahren und getreten, das Blut hatte sich mit dem Staube vermischt und war mit demselben zu einer festen Masse zusammengeknetet; die Straßen waren wie mit einem dicken weichens Teppich bedeckt. Mit Schaudern dachte man: das waren Menschen wie du, das kann auch aus dir werden! Auch ich zog darüber hinweg, wie Tausende vor und nach mir, als ich zwischen zwei niedergebrannten Häusern einen schmalen Garten bemerkte, in welchem unter Obstbäumen, die verkohlte Früchte trugen, fünf oder sechs im eigentlichen Sinne des Wortes gebratene Menschen lagen. Die Hitze hatte die Sehnen der Arme und Beine zusammengezogen und in gräßlicher Verzerrung krumm gegen die schwarz gesengten Leiber gebogen. Die Lippen waren von den weißen, schrecklich hervorstehenden Zähnen zurückgezerrt. Und tiefe finstere Löcher bezeichneten die Stelle der Augen. Furchtbar schön, grausig großartig war der Anblick des brennenden Smolensk, dessen Mauern und Türme gespenstisch aus dem Flammenmeer ragten. „Die glühende Wendsonne vermischte ihre .Strahlen mit der Glut des Brandes," berichtet der Maler Adam. 7,Nie in meinem Leben sah ich wieder solch zauberische Lichteffekte; selbst der Rauch der Lagerfeuer erhielt durch den Widerschein eine rötliche Farbe und gab dem ganzen Treiben in dem lichten Wälde etwas Geisterhaftes." Vermischtes. ■ , —- H e i n e a ls „M ephi st o". Etwas dämonisches und Uir- chermlrches muß in der Persönlichkeit Heines gelegen haben, denn einige feiner Pariser Bekannten sahen in ihm eine Verkörperung des leibhaftigen Beelzebub. Einige Züge, die das Mephistohäfte Hetnes illustrieren, fülftt Robert Launay in einem Aufsatz des Meroure de France „Heinrich Heine und sein Nationalismus" an: 7,Der, sardonische Ton und die außerordentliche Schärfe seines Spotts,, sein Atheismus und wer weiß welche Schamlosigkeit noch hatten ihm den Ruf eingetragen, er sei der Teufel selbst. Viele betrachteten ihn mit Mißtrauen, mit fast abergläubischer Furcht, so besmrders B e l l i n i, der ihm mehr als einmal bei der Prinzessin von .Belgiojoso begegnete. Der Italiener schauderte zu- fämmen, wenn durch, Zufall der Blick Heines sich mit dem seinen treuste. Dieser schlimme Mensch mit seinen schielenden Augen, Pie mnter den gefärbten Brillengläsern hervorblitzten, hatte sicher den bösen, Blick, war ein Jettatore. Er tat übrigens alles, um Vorurteil zu befestigen und zu bestärken. r^at ev a,n den Musiker Heran und sagte ihnl in brüsker yow fernen Nahen Tod voraus. Als Bellini im höchsten Schrecken, das furchtbare Schicksal abzuwenden versuchte, indem et mit seinen Fingern „die Hörner machte" (ein Gegenmittel gegen den bösen Blick), da sagte Heine höhnisch: „Genießt nur noch, was Euch vom Leben bleibt: Euer ungeheures Genies verdammt euch dazu, jung zu sterben, luie Raffael; wie Mozart". „Es ist furchtbar", stöhnte Bellini, „sagen Sie nicht solche entsetzlichen Sachen. Prinzessin, ich flehe Sie an, schützen Sie mich vor ihm". Als Carotine Jaubert beide zu einem Tiner einlud, um! sic zu versöhnen, sagte Bellini ab. Vier Tage danach war er tot. Als man Heine von seinem Heimgange erzählte, hatte er nur ein schreckliches Lachen: „Ich hatte es ihm ja borausgesagt", meinte er, „er mußte also darauf gefaßt sein". Einmal besuchte Heine Thoo- phile Gautier, als er eben aus den Pyrenäen zurückgekommen war. Sein Leiden hatte ihn verwüstet und sein Ausseheir so verändert, daß Gautier ihn nicht wiedererkannte. Er war erstaunt, als der andere ihn als guten Kameraden uiid bei seinem Rufnamen „Theo" anredete. Ein geistreich scharfes Wort klärte ihn plötzlich über seinen rätselhaften Besucher auf, „Das ist der Teufel" schrie er,- „oder es ist Heine!" — Wackelsteine. Argentinien hat den Verlust eines seiner bekanntesten Naturdenkmäler zu beklagen, des berühmten Wackelsteins von Tandil im Süden der Provinz Buenos Aires; was seinerzeit dem Tyrannen Rosas nicht mit einem Vorspann von 30 Paar Ochsen gelang, nämlich den mächtigen, fünf Meter im Durchmesser haltenden Granitblock, der auf einer nur wenige Quadratzentimeter großen Unterlage am äußersten Rande eines Abgrundes balancierte, herahzureißen, das hat nun zum Schmerz der argentiuischen Naturfreunde die Natur selbst besorgt. Die heftigen, von der Pampa her wehenden Winde versetzten den Block in Schwankungen, die bei der Größe des Steines allerdings für das Auge kaum sichtbar waren, die aber deutlich gemacht werden konnten, ivenn man in den Winkel zwischen Block und Unterlage eine leere Weinflasche legte; diese ging dann plötzlich in Scherben. Möglicherweise hat der Glasstaub die Reibungsabnutzung am Unterstützungspunkt des Blockes vermehrt und so dazu bei- getragen, seinen Sturz zu befördern. Um einen ähnlicheir Verlust und etwaiges damit verknüpftes Unheil zu verhüten, haben die praktischen Nordamerikaner einen ihrer berühmtesten Wackelsteine — festgemauert. In dem sogenannten Garden of the Gods beim Luftkurort Maniton in Colorado konnte bis vor kurzem jeder Besucher seine Kraft an dem bekannten Wackelstein, dem -„meist photographierten Steine der Welt", erproben und ihn in schwingende Bewegung versetzen, bis ihn die Stadt Manftou in der gerechten Befürchtung, er könne doch umkippen, an seinem unteren Teile mit dem Felsgrund, auf dem er ruht, durch Zement verbinden ließ. Nun wackelt er allerdings nicht mehr, aber der Ruhm des meist photographierten Steines der Welt bleibt ihm doch, und das ist in Amerika immerhin schon etwas. Auch dis Alte Welt besitzt solche Wackelsteine, in den deutschen Mittelgebirgen, den Alpen, den Pyrenäen. Wo der Granit ober ihm verwandte Gesteine durch Verwitterung in Blöcke zerlegt uni) diese Blöcke durch schalige Absonderung der äußeren Schichten allmählich gerundet werden, sind die Bedingungen zur Entstehung dieser merkwürdigen Naturspiele gegeben. -------------------------! =il * Feine Anspielung. Er: „Findest du nicht, Thekla, daß unsere Liebe ganz einem Roman gleicht?" — Sie: „Wer Ferdinand, soll denn dieser Roman ewig ungebunden bleiben?" * Schlaue Einteilung. A.': „Weshalb machen Sie denn ein so verdrießliches Gesicht?" — B.: „Weil gesungen werden wird." — A.: „Sie können ja fortgehen." . B.; „Nein, nachher wird ja gegessen." Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer» BBB BB Vh B I E R I L L 0 E L I s R 0 S E Redaktion : I. V.: E, Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,