Das Amethyst-Fläfchlem. Eine Erzählung von A. K. Green. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Bitte, sagen Sie nichts, begann sie. Ich habe einen schrecklichen. Fehler'begangen, den schlimmsten, der, wie ich glaube, einem Weibe passieren 'kann. — Dann fuhr sie fort, mit längeren Pausen, als sei ihre Zunge durch die Scham beschwert, viÄleicht auch durch ein weniger offenkundiges, aber tieferes Gefühl behindert: Sie lieben Dorothea. Liebt Dorothea denn auch Sie? Meine Antwort war ehrlich: . Ich habe gewagt, es zu hoffen, trotzdem sie mir bis jetzt wenig Gelegenheit gab, ihr meine Gefühle zu gestehen. Sie hat mich stets zurückgehalten und das in sehr entschiedener Weise, sonst wäre meine Verehrung für jedermann offenkundig geworden. Oh, Dorothea! ■ Kummer, Sorge, unendliche Zärtlichkeit, all das lag in diesem Ausrufe. Es schien tatsächlich, als weilten für den Augenblick ihre Gedanken mehr bei dem Unglück ihrer Cousine, als bei ihrem eigenen. Wie muß sic durch meine Schuld gelitten haben! Allen, die ich liebte, bin ich zum Fluch geworden. Aber nunmehr bin ich erniedrigt und das mit Recht! Ich begann eine gewisse Scheu vor dieser großangelegten Seele zu empfinden. Selbst in ihrer Zerknirschung lag ein Zug ins Große, und als ich mich in den Ausdruck ihrer bleichen Züge vertiefte, die trotz des Kummers, der sie verzehrte, immer noch nichts von ihrer überirdischen Lieblichkeit verloren hatten, da sah ich mit einem Male ein, wie groß Sinclairs Liebe für sie gewesen sein mußte. Ebenso plötzlich wurde ich mir auch der Tiefe und Ausdehnung ihres Leidens bewußt. Solch ein Weib sein eigen nennen, sie beinahe bis zum Altar hinzuführen, und dann zu sehen, daß sie umkehrt und einen verläßt! Sicher war sein Schicksal unerträglich, und trotzdem meine Einmischung in seine Herzenswünsche ohne mein Wissen geschehen war, machte ich mir bittere Borwürfe darüber, daß ich in meinen Liebesbeweisen dem Mädchen gegenüber, das ich in Wirklichkeit liebte, nicht offener gewesen war. Gilbertine schien meine Gedanken zu erraten. Sie hatte sich unwillkürlich der Türe genähert und blieb nun dort stehen, die Hand auf der Klinke. Mit abgewandtem Gesicht bemerkte sie ernsten Tones: Ich werde nicht mehr Ihren Lebenspfad kreuzen. Aber zuvor möchte ich Ihnen noch ein paar Worte sagen, die vielleicht mein Benehmen in einem milderen Lichte erscheinen lassen werden. Ich habe nie meine Mutter gekannt. Früh fiel ich meiner Tante zur Last, die Kiuder nicht leiden mochte und mich in die Schule steckte, wo ich gut behandelt, aber Montag, den <6. Dezember BBff 1 • * V ’ MH ■■j. nie geliebt wurde. Ich war ein gewöhnliches Kind unfühlte das ganz genau. Dies gab meinen Bewegungen etwas Linkisches, und da meine Tante es klipp und Kay ausgesprochen hatte, ihre einzige Absicht, in der sie mich auf die .Akademie geschickt habe, sei die, mich zur Lehrerin auszubilden, so.fand ich wenige, die sich bei meiner Stellung um mich .kümmerten, sehr wenige, wenn es überhaupt jemand war, die mir wohlwollten. Mittlerweile füllte ein einziger Wunsch Mein Inneres aus: ich hatte das Bedürfnis, leidenschaftlich zu lieben und leidenschaftlich wieder geliebt zu iöerben. . Hätte ich doch eine Freundin gefunden, aber es Ivar mir nicht beschieden! Ich war nicht für ein solches Glück geschaffen. , Jahre vergingen. >J!ch würde ein Weib, aber weder mein Glück noch mein Selbstvertrauen hatten mit meinem Wachstum Schritt gehalten. Mädchen, die mich früher kaum eines flüchtigen Grußes gewürdigt hatten, blieben jetzt stehen und starrten mich an, ja sie machten sogar hie ttn'b da. hinter meinem Rücken Bemerkungen über mich. Ich verstand diese Veränderung nicht und zog mich mehr und mehr auf mich selbst und in die Welt meiner Bücher zurück. Mein Leben wickelte sich in Träumen ab, und ich war der gefährlichen Gewohnheit verfallen, den Vergnügungen und Zerstreuungen nachzuhängen, die die meinen gewesen wären, hätte ich das Glück gehabt, schön und reich zu sein. Da be- silchte eines Tages meine Tante die Schule, sah mich und nahm mich sofort mit sich. Sie versetzte mich in eine der vornehmsten Schulen in New Jork City. Von da aus wurde ich ohne eilten einzigen mütterlichen Ratschlag in das lustige Gesellschaftsleben eingeführt, das Sie so gut kennen. Gleich bei meinem Eintritt fand ich die Welt zu meinen Füßen, und wenn mir meine Tante auch keine Liebe erwies, so fühlte sie doch einen gewissen Stolz über meinen Erfolg und machte sich daran, eine gute Partie für mich ausfindig zu machen. Ihr Opfer war Herr Sinclair. Er besuchte uns, führte mich ins Theater und hielt nm meine Hand an. So gut er mir anfänglich gefiel, hier spielte mir meine allzulang gepflegte Phantasie und mein Hang zur Romantik einen bösen Streich, wie Sie sehen werden. Meine Tante war außer sich vor Freude über das Gelingen ihres Plans. Sie wurde nicht müde, mir von seinem Reichtum zu erzählen, was mich schon merklich abkühlte. Aber da ich nicht gegen ihren Willen zu handeln den Mut fand, freute ich mich wenigstens, daß der Manu, den sie für mich bestimmt hatte, ein Gentleman sei und allem Anscheine nach eine achtbare Lebensweise und einen gewählten Geschmack besaß, wenn er auch nicht gerade dem Ideal entsprach, das ich mir in meinen Träumen entworfen hätte. Ich nahm ihn also---es war mir unmöglich, anders zu handeln, da meine Tante jeden Schritt, ja jeden Gedanken von mir bewachte. Und wirklich schien auch das Verhältnis zu meiner Tante ein besseres werden zu wollen; so erinnerte ich mich, daß sie eines Tages in Gegenwart von Herrn Sinclair erklärte, sie wolle mir ihr Vermögen vermachen. Damals fiel mir 786 der fragende und dann beunruhigte Blick Herrn Stiiclairs g". Schien er nicht erstaunt darüber, daß sie dies nicht eits getan, schien er sich dann nicht darüber zu beunru- en? So legte ich mir den kleinen Zwischenfall in meiner haften Phantasie aus, und bald stand die schmerzliche .Gewißheit bei wir fest, daß auch er — wie so viele andere — sticht sein Herz, sondern das Vermögen meiner Tante befragt hatte, als er beschloß, nm mich anzuhalten. Da sehen Sie, Herr IWortMngton, wie unvernünftig wir Mädchen sind! Und ich war von meiner Ansicht so stark überzeugt, daß ich wir gar nicht die Mühe nahm, zu untersuchen, ob, die Wirk- lichkmt meiner vorgefaßten Meinung entsprach. Ich wußte bereits, daß ich nicht die einzige Nichte war, bis meins Tante befaß, und daß Dorothea Camerden, von der ich wenig wehr als tuen, Namen kannte, ebenso nahe Wit ihr verwandt war, wie ich. Denn — ganz im Einklang Stt ihren herzlosen Anschauungen — hatte meine Tante uns , verschiedenen Schulen untergebracht, und so kam es, daß Wir uns nie gesehen hatten. Als si» sich erinnerte, daß ich sie sterlassen Würste, und daß bald niemand mehiv in jihrem Hause wäre, der ihre Toilette mit Fürsorge einkaufen und Jchre eigene Person mit etwas wie Liebe umgeben würde, ließ ie Dorothea kommen. Ich werde nie den Eindruck vergessen, >en sie bei unserem Zusammentreffen auf mich machte. Man hatte mir gesagt, ich solle mich nicht auf viel Schönheit und Geschmack gefaßt machen, aber beim ersten Blick in ihre treuen Augen erkannte ich, daß ich eine Freundin gesunden hatte und daß ich nie mehr einsam sein würde, ob Ich nun heiratete oder nicht. Denn wenn ich ja gestehen muß, daß mir Herr Sinclair — trotz meiner warnenden inneren Stimme — immer noch lieb war, so wußte ich ja nicht, ob er — Sie verstehen — nach dem, was ich da und dort in der Gesellschaft hatte beobachten können — Sie schwieg, ein wenig verlegen. Aber ich versichere Sie, Fräulein Murray, fiel ich wit Wärme ein, daß Sinclair nie an Ihr Geld gedacht hat, daß er nur Sie — Ich weiß es jetzt, Herr Worthington, unterbrach! sie mich. Ich las es aus Ihrer Miene, ehe Sie es mir sagten. Doch lassen Sie mich in meiner Erklärung fortfahren. Also meine Kusine kam. Ich glaube nicht, daß ich auf sie einen so vorteilhaften Eindruck gemacht habe, wie sie auf mich. Für Dorothea war die Beschäftigung mit Kleidern und gll den anderen Narrheiten des feinen Gescllschaftslebens yeu, und ihr Blick hatte eher eine gewisse Scheu als freudige Erwartung an sich. Aber ich gab ihr einen herzlichen Kuß, und eine Woche später war sie ebenso glänzend ausgestattet wie ich selbst. Ich hätte sie gerne. Aber in meiner Blindheit oder meinem ungewöhnlichen Egoismus, für den Gott mich jetzt gewiß gestraft hat, hielt ich sie nicht für schön. Dies muß sch Ihnen gestehen, wenn es nur wäre, um das Maß meiner 'Erniedrigung voll zu machen. Daher ließ ich es mir nicht einfallen, selbst als ich Zeuge Ihrer täglichen Aufmerksamkeiten ihr gegenüber wurde, daß Sie ihreswegen das Haus so oft besuchten. Ich war feit meinem Eintritt in dis Gesellschaft so verhätschelt und verwöhnt worden, daß ich mir dachte, Sie seien nur aus dem Grunde so liebenswürdig mit ihr, weil es Ihnen Ihre Scheu verbot, mich ihr zu bevorzugen und so zu verraten, daß — daß — — sie zögerte einen Augenblick, dann fuhr sie aber in ruhigem Tone fort: Dazu kam nun, daß es bekannt war — daß ich es wenigstens für bekannt hielt —, daß meine Tante ihr ganzes Vermögen mir vermachen wollte, wie sie ja vor Zeugen einmal gesagt hatte. Herr Sinclair nun vernachlässigte vollständig meine Kusine und gab sich nur mit mir ab. Sie aber waren mit dem armen Mädchen ebenso freundlich, wie mit mir, und das gefiel mir. Meine innere Stimme flüsterte mir zu: Siehst du, das ist ein Mann, der nicht, wie alle anderen, dein Erbe in: Auge hat und der guch mit Dorothea liebenswürdig ist, trotzdem sie keinen Heller besitzt noch besitzen wird. Und so sah ich in Jhneü den edlen Charakter, wie ich ihn in meinen Romanen gefunden hatte, und der mir gefiel, wie die Helden dieser Geschichten, und ich vernarrte mich in Sie, weil Sie so anders waren, als die übrigen. Und was noch schlimmer war, ich vertraute Dorothea meine Narrheit an. Sie werden manchmal mit ihir über dieses Thema plaudern, und eines Tages wird sie Ihnen vielleicht auch beweisen können, daß es Eitelkeit, nicht Verworfenheit des Chärakters war, die mich dazu führte, Ihre Gefühle so falsch auszulsgen. Ich hatte meine eigenen Gefühle und Neigungen so lange unterdrückt und sah in Ihrer Zurück- haltung nur den Beweis von einer Art inneren Kampfes zwischen — ja, ich! muß es sagen — zwischen Ihrer Liebe und Ihrer Scheu, ein reiches Mädchen zu heiraten. Und als Sie dann, unmittelbar nach meinem Bruch mit Herrn Sinclair, hier eintraten und sagten — Nun, wir wollen den Gegenstand nie mehr berühren. Die Erklärungen, die ich unten über meinen Anteil an frer Katastrophe abgab, beruhten auf Wahrheit. Ich habe nur eine Einzelheit nicht erwähnt, die Sie vielleicht für sehr wichtig halten werden. Der Grund, warum ich kein Glied regen konnte, als ich das Fläschchen in ber Hand meiner Tante bemerkte, war nicht der Schreck allein. Ich bin sonst rasch entschlossen, auch in Fällen, Io») andere vielleicht die Geistesgegenwart verließe. Ich selbst hatte in meiner Aufregung über die bevorstehende Hochzeit beschlossen gehabt, d'en tödlichien Tropfen zu trinken; ich selbst wollte mich vergiften — in Dorotheas Zimmer, während Dorothea mich umarmte. So hatte ich! es mir in der Phantasie ausgemalt. Als ich aber nun die wirkliche Gefahr erkanntd, 'als ich sah, daß sterben etwas anderes sei, als ich es mir vorgestellt hatte, da stand icEji wie gefesselt, überwältigt von der Grauenhaftigkeit meines Vorhabens ! । Dies ist mein Geheimnis. Ich glaube nicht, daß Sie mich tadeln werden, weil ich es so lange als möglich bei mir behalten wollte. Auch jetzt würde ich es nicht wagen, den Schleier davon vor Ihrem Auge zu lüften, hätte ich es nicht bereits stem Coroner mitgeteilt, der meiner Erzählung leinen Glauben schenken wollte, bevor idy ihm nicht die ganze Wahrheit gebeichtet hatte. (Schluß folgt.) Ein verantwortungsvoller poften. Das verabscheuenswerte Messerattentat, das kürzlich in dem Vorortsznge Nauen—Berlin aus drei Damen verübt wurde, lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf die kritische Situation, in der sich ein Eisenbahnzng befindet, der durch Ziehen der Notbremse oder einen Unfall auf freier Strecke plötzlich zum Halten gebracht wird. Es handelt sich nicht nur um Ermittlung der Ursache der Fahrtunterbrechung und möglichst schnelle Beseitigung des Fahrthindernisses, es niuß auch für schleunige Sicherung des haltenden Zuges, also für Zurückhaltung anderer auf demselben Gleis nachfolgender Züge, .für Beruhigung und Schutz der Reisenden, die beispielsweise nicht auf der Seite des zweiten, ebenfalls von Zügen befahrenen Gleises aussteigen dürfen, und für eine Reihe anderer Maßnahmen schnell und sachgemäß Sorge getragen werden. Der Beamte, der diese verantwortungsvolle Tätigkeit auszuüben hat, ist der Zugführer, ein, wie schon die Achselstücke an seiner Uniform erkennen lassen, mittlerer Beamten, der Vorgesetzter der ihm zugeteilten Schaffner, Bremser und Wagenwärter ist und dessen Weisungen die Lokomotivführer und Heizer während der Fahrt, also auch beim Halten auf der Strecke, Folge zu leisten haben. Um ein klares Bild von den dienstlichen Funktionen des Zugführers zu geben, möge hier ein authentischer Bericht über die Vorgänge folgen, die sich bei dem erwähnten Vorortzuge Nauen—Berlin nach dem Ziehen der Notbremse abgespielt haben. Als der Zug hielt, stieg der Zugführer schleunigst aus dem Unter der Lokomotive befindlichen Packwagen nnd bemerkte, das; auf dem Nebengleis ein O-Zug heranjagte. Der Beamte mußte daher sein Augenmerk darauf richten, daß kein Reisender nach dieser Seite ausstieg. Nach Passieren des v-Zuges eilte der Zugführer zur Lokomotive und fragte den Lokomotivführer, ob er gebremst habe. Da er eine verneinende Antwort erhielt, konnte es für ihn nur zwei Gründe des plötzlichen Haltens geben: Platzen eines Bremsschlauches oder Ziehen der Notbremse. Um sich Klarheit zu verschaffen, ging er am Zuge entlang, wobei er natürlich die Bremseinrichtung prüfend im Auge behalten mußte. Als er ungefähr an der Mitte des Zuges angclangt war, ries ihm ein Reisender aus seinem Abteil zu, es scheine einer den Hut verloren und deshalb die Notbremse gezogen zu haben. Erst am elften Wagen sah der Zugführer, daß dort die Bremse gezogen war, die er pflichtgemäß sofort abstellte. In diesem Augenblick vernahm er aus dem Innern des Wagens Klagelaute, riß die Türe auf und sah nun zwei Frauen mit blutenden Kopfwunden und eine dritte, die anscheinend ohnmächtig dalag. Da er wußte, daß der zufällig den Zug benutzende Betriebskontrolleur K. sich in einem Nebenwagen befand, stürzte er zu diesem, nm ihn herbeizurufen. Dabei bemerkte er in einer Entfernung von etwa 100 Meter einen Mann, der in der Richtung nach Nauen davon- licf und zu dessen Verfolgung Soldaten, die im Zuge mitgefahren. waren, sich aufmachten. In dem Bestreben, den Verletzten zu helfen, lief er erst schnell noch am Zuge entlang und rief in die .Abteile hinein, ob unter den Mitreisenden sich ein 787 Arzt befände. Dies war nicht der Falk. Er kehrte dann — die bezeichneten Maßnahmen hatten nur wenige Minuten gedauert — zu den Verletzten zurück und legte, unterstützt von einem Reisenden, die anscheinend am schwersten verletzte Dame unter den nötigen Hilfeleistungen auf die Bank, die zweite war noch ohnmächtig und der dritten nahmen sich Mitreisende an. Jetzt kam es für den Beamten darauf an, so zweckmäßig wie möglich zu disponieren. In seiner schwierigen Situation erhielt er wertvolle Unterstützung durch das Eingreifen des ihm dienstlich vorgesetzten Betriebskontrolleurs. Beide Beamte hielten es für das Wichtigste, den anscheinend in ihrem Leben gefährdeten Damen schleunigst ärztlichen Beistand zu beschasfen. Der Betriebskontrolleur eilte selbst zu der nächsten Bude (Nr. 13) und gab von dort den Stationen Finkenkrug und Nauen telephonische von dem Ueberfall Kenntnis. Diesem wohlüberlegten Vorgehen war es zu verdanken, daß die verletzten Damen nicht verbluteten und beim Eintreffen in Finkenkrug zwei Aerzte zur Hilfeleistung bereit fanden. Der Aufenthalt des Zuges auf der Strecke währte nur elf Minuten. Ein längeres Verweilen hätte zur Ergreifung des Messerstechers nicht beigetragen, wohl aber den bedauernswerten Damen verhängnisvoll werden können. Darum war die schnelle Weiterfahrt, die auch im Betriebsinteresse auf der viel befahrenen Strecke wünschenswert erschien, der beste Entschluß, der gefaßt werden konnte. Bei der späteren amtlichen Untersuchung hat auch das Verhalten des Zugführers bezw. des tätig gewesenen Betriebskontrolleurs die volle Billigung der vorgesetzten Behörde gefunden. Der geschilderte Vorgang stellt eine der zahlreichen kritischen Situationen dar, die in dem schwierigen Dienst des Zügführers eintreten können, und in denen es für ihn darauf ankommt, schnelle Entschlüsse zu fassen, durch die die Interessen des Betriebes und des reisenden Publikums gleichzeitig mit möglichster Umsicht, Gewissenhaftigkeit und Gewandtheit wahrzunehmen sind. Bei Unfällen, die dem Zuge auf freier Strecke zustoßen, hängt von seiner Geistesgegenwart und Entschlossenheit oft das Leben vieler Reisenden und die Rettung Hoher Werte ab. In solchen gefahrvollen Lagen ist er fast immer auf sich allein angewiesen. Er trägt der Verwalung und den Reisenden gegenüber die Verantwortung dafür, daß die Unsallstelle unter allen Umständen nach beiden Richtungen hin gesichert wird, um weitere Unfälle zu verhindern. Er hat für sofortige Meldung des Unfalls Sorge zu tragen und eventuell Hilfszüge anzufordern. Unter seiner Aufsicht und Leitung sind sodann mit allen verfügbaren Bediensteten und sonstigen Kräften und unter Benutzung der ans der Lokomotive und im Packwagen vorhandenen Geräte die Ret- tungsarbciten sofort aufzunehmen; namentlich ist für die Bergung verletzter oder getöteter Personen zu sorgen, einem entstandenen Feuer mit allen Mitteln Einhalt zu tun und, so bald wie möglich, die Strecke wieder frei zu machen. Das reisende Publikum befindet sich! meist in vollständiger Unkenntnis der Bedeutung, die dem Zugführer für die geordnete, pünktliche und die vielseitigen Bedürfnisse berücksichtigende Eisen- bahnfahrt beizumessen ist. Bevor der Zug auf der Abgangsstation den Reisenden zugänglich gemacht wird, -hat ihn der Zugführer erst in allen Einzelheiten sorgfältig revidiert, ob sämtliche Anforderungen für die Fahrt erfüllt sind. Es handelt sich um' dre richtige Zusammensetzung des Zuges, die Sauberkeit der Abteile, die ordnungsmäßige Verteilung und Besetzung der Bremsen und die Lausfähigkeit der Wagen. Bei Güterzügen hat er seine Aufmerksamkeit auch aus die betriebssichere Beladung der Wagen zu richten. Bei längeren Fahrten werden auf einzelnen Stationen nicht selten Wagen- an oder abgehängt. Er hat die Verantwortung für die betriebmäßige Zusammensetzung des Zuges zu tragen. Er hat das Zugbegleitpersonal zu beaufsichtigen und dessen Ausbildung zu überwachen, für Sicherheit der Fahrt nach jeder Richtung, für .Aufrechterhaltung der Ordnung beim Zuge zu sorgen und übt in dieser Beziehung die Funktionen als Bahnpolizeibeamter aus. In den v-Zügen liegt ihm der Verkauf von Zuschlags-, Zusatz- und Fahrkarten ob. Ferner ist ihm die Aufstellung und Berechnung der Achskilometer-Nachweisungen, die früher bei den Direktionen bearbeitet wurden, sowie die Führung des Fahrberichts über jede Fahrt übertragen. Bei einer großen Zahl von Zügen hat der Zugführer den Dienst des Packmelste^, bei anderen den des Wagenwärters mit zu übernehmen. Er hat auch die Verantwortung für die bahnseitig beförderten Geld- und Wertsendungen zu tragen. Auf zahlreichen Stationen obliegt dem Zugführer die selbständige Zugabfertigung, wodurch eine große Zahl Stationsbeamte („der Mann mit der roten Mütze") entbehrlich wurden. Auf vielen Stationen hat er bei Güterzügen den Rangierdienst zu leiten. Nicht genug hiermit, der Zugführer soll sich während der Fahrt auch noch um die Beobachtung der Signale bekümmern. Von der sorgfältigen und scharfen Beobachtung der Signale hängt bekanntlich die Sicherheit der Fahrt in erster Linie ab. Diese Ausgabe fällt zunächst dem Lokomotivführer zu, der ihr, ohne durch andere Hauptgeschäfte abgelenkt zu werden, ferne volle Aufmerksamkeit zuwenden kann. Für den ebenfalls auf der Maschine befindlichen Lokomotivheizer kann die Signalbeobachtung nur eine Nebentätigkeit bilden, da durch das ^nstandhalten der Feuerung schon seine ganze Kraft und Aufmersiamkeit m An- pruch genommen wird. Bei der menschlichen Unvollkommenheit kann aber auch der tüchtigste Lokomotivführer einmal versagen, und an Unglücksfällen, die auf das Ueberfahren der Haltesignale zurückgeführt werden mußten, hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt. Eisenbahnsachleute wie Laien sind daher dafür eingetreten, daß außer dem Lokomotivführer ein zweiter Beamter im rollenden Zuge vorhanden sein solle, der unter eigener Verantwortlichkeit die Signale mitbeobachtet und in Augenblicken der Gefahr selbständig den Zug breinst. Es ist davon gesprochen worden, einen .dritten .Mann auf die Maschine zu stellen, der ich ausschließlich mit der Signalbeobachtung zu befassen habe.- Aber die Verwaltungen sind hierauf aus praktischen und vermutlich auch finanziellen Gründen nicht eingegangen. Dafür hat man dem Zugführer neben all seinen zahlreichen Dienstgeschäften auch noch die Signalmitbeobachtung während der Fahrt übertragen, o daß er gleich dem Lokomotivführer für Ueberfahren eures Haltesignals verantwortlich gemacht werden kann. Erst kürzlich ist wegen der Müllheimer Katastrophe neben dem Lokomotiv- ührer auch der Zugführer zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Inter den - Zugführern, die sich im „Deutschen Eisenbahn-Zug- iihrer-Verbande" eine Gesamtvertretung ihrer,Interessen geschaffen haben, herrscht keinerlei Abneigung gegen die Heranziehung zur Signalbeobachtung, es besteht aber der berechtigte Wunsch, daß ihnen durch 'Entlastung von anderen Dienstgeschäften, die sie letzt während der Fahrt zu verrichten haben, eine ungestörte und für den Betrieb wirklich nützliche Signalbeobachtung ermöglicht wiA Nach der jetzigen Praxis sind viele Zugführer während der Fahrt dermaßen von dienstlichen Arbeiten in Anspruch genommen, daß sie überhaupt feineit Blick auf die Signale werfen können. Da dürfte auch von ernstlicher Mitverantwortlichkeit für das Signal- übersahren nicht die Rede sein. Vielleicht sieht sich die Verwaltung, deren Sorge die größtmöglichste Sicherheit des Betriebes ja nie ruht, doch noch veranlaßt, die Dienstgeschafte des Zugführers so zu gestalten, daß er sich! in vollem Umfange der Signalmitbeobachtung widmen kann. lieber das Maß der Verantwortung und den Umfang der dienstlichen Aufgaben, die der Zugführer zu übernehmen Mt, kann nach obigen Ausführungen wohl ein Zweifel nicht mehr bestehen.. Erwähnt sei nur noch, daß die Verwaltung es für notwendig zur Ausübung der Verantwortung hält, vom Zugführer Kenntnis von mehr als 20 Vorschriften und Dienstanweisungen im einzelnen und von weiteren 30 Vorschriften im allgemeinen zu verlangen. Daß zu solch schwierigem Dienst bei Tag und Nacht und bm jeder Witterung geleistet werden muß, nur besonders körperlich und geistig befähigte Kräfte Verwendung finden komren, versteht sich von selbst. Leider bedingt der anstrengende Dienst auch einen vorzeitigen Verbrauch der Kräfte, so daß der größte Teil dieser Beamtenkategorie das Höchstgehalt ihrer Charge nicht erreicht. Auch sind sie bei Ausübung ihres Dienstes von bestan^ digen Gefahren umringt. Es ist durch die Statistik erwiesen,.daß 25 Prozent der durch Tod oder Pensionierung aus dem Dienst Scheidenden Opfer 'von Unfällen sind. Trotzdem sind die deutschen Zugsührer allezeit freudig, opferwillig und pflichtbewußt auf dem Posten Sie können aber auch den Anspruch erheben, daß die Oefsentlichkeit über die Natur ihrer Dienstpflichten und Dienstleistungen in vollein Umfange aufgeklärt wird. I. N. Lrde-Effer. Die seltsame Erscheinung, daß Menschen sich allen Ernstes daran ergötzen, Erde zu verzehren — und zwar ost m recht beträchtlichen Mengen — ist viel verbreiteter, als mancher wähnt. Fast in allen Tropenländern, auch häufig tn subtropische Gebieten, trifft man Erdesser, Geophagen, an. Am meisten hulchgt man in gewissen Gegenden Amerikas sowie in 'Afrika dieser Geschmacksverirrung. Nicht interessante Einzelheiten über einen derartigen merkwürdigen Fall aus West-Afrika, veröffentlichte Henri Hubert im „Bulletin du (Sonnte de l'Afrique ftanyaise". Er faiid daß die Neger in Dickuy, einem im Süden der Kolonie Ober- Senegal-uiid-Niger gelegenen Ort, leidenschaftliche Liebhab.« einer gewissen Tonerde sind, die dem' Sandstein jener Gegend schichtweise einqelagert ist. Ein ungefähr 20 Meter hoher Hügel solcher Tonerde wölbt sich dicht bei deni genannten Orte aus dem Boden heraus, und dieser Hügel, der für die Eingeborenen ein wahrer Berg aus Schlaraffenland ist, wird von ihnen e-stig ausgebeutet. Da die oberste Schicht dieser leicht zu Staub zerfallenden Erde deut Gaumen der Neger nicht so leicht zusagt tote die inneren! Tonmassen, so haben sie in den Hügel einen Gang eingegraben, um zu dem schmackhafteren Material zu gelangen., Die Folgen dieser Untertoühlung des Hügels sind häufige Einstürze, durch die immer wieder hier und- da ein Eingeborener unter den Ton- mafsen begraben wird — was seine Brüder stets mit einer gewissen Sympathie und Erleichterung begrüßen; denn sie stnd der Meinung, von Zeit zu Zeit sei ein solches Opfer zur Versöhnung der Geister dieses Berges, der sich nach und nach ver- peiseii lassen muß, sehr angebracht. Der Gedanke, daß der Berg die Gruft lieber Verwandter und alter Bekannter ist, verdirbt den Braven nicht im allergeringsten den Appetit. Vielmehr effeit sie soviel von dieser köstlichen Tonerde, tiä' ihre Vermögenslage und • ihr Magen nur irgend gestatten. Der letztere ist unheimlich 788 aufnahmefähig: Man hat beobachtet, daß m Mr nicht seltenen Fällen täglich 7 Pfund () Don gegessen werden. Solche Voller» leisten sich freilich nur die „Bessergestellten", denn umsonst ist jener Leckerbissen den Leuten von Dikuy nicht „gewachsen.. Ein Stück Tonerde von 15 Zentimeter Länge, 10 Zentimeter Breite und und 4 Zentimeter Dicke ist z. B. immerhin 20 KaurOchnecken Mert, ilebrigens wird mit solchen Stücken von den Eingeborenen auch ein schwunghafter Kandel betrieben, der sich bis zu. einem Umkreis von 30 Kilometern erstreckt. Wer wie erstaunt ist der Laie in geophagischen Dingen, wenn er dffährt, daß auch auf europäischen Märkten Erde als Näscherei feit geboten wird! Dies ist z. B. auf Sardinien der Fall. Auch in Oberitalien (Treviso) und Steiermark gelten bestimmte Erdarten als Leckerbissen. Und deliziös fanden einst die vornehmsten Damen Spaniens und Portugals die Erde von Ertemoz. Im äußersten Norden Schwedens ist die Geophagie gleichfalls nicht unbekannt, und auf der Halbinsel Kola wird eine bestimmte Erde unter das Brot gebacken. Aber schließlich gibt es gar noch — deutsche Geophagen! Diese treiben ihr Wesen in den L>and- steiugruben unseres romantischen Kpfshäusers und int Lünebür- gischen. Hier pflegen nämlich die Arbeiter die sogenannte „Stern- butter", einen seinen Ton, auf ihr Brot zu streichen. Bei der auffallend weiten Verbreitung der Geophagie fragt man int Interesse nach ihren Entstehungsursachen. Als ihr frühester Ursprung werden von manchen Hungersnöte bezeichnet. Vielleicht erhob auch nur ein gewisser Wohlgeschmack fettige Tonerden zum menschlichen Leckerbissen. Da solche Erden aber Mitunter recht salzhaltig sind, mögen sie auch in kochsalzarmen Gegen- de meine Rolle als Ersatz des Salzes spielen. Mancherorts — wie auf Timor — stellt das Erde-Essen eine religiöse Handlung dar. Schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, daß hysterische, krankhafte Gelüste, die suggestiv ansteckend wirken, mit in Betracht kommen. Auch bei uns kann man ja mitunter beobachten, daß Jugendliche — namentlich Bleichsüchtige — von dem perversen Triebe befallen werden, Kreide zu verzehrm, alten Mörtel zu efsm und sonstige, an Geophagie erinnernde Allotrien und Sonderbarkeiten zu treiben. Wer auch draußen sieht man diesen Trieb besonders gern im Kindesalter auftreten. So sollen z. B. im Süden Mgerieus gerade zahlreiche Kinder dem Erde- Effen fröhnm, und auch in einem Teile Marokkos naschen die Kleinen schon im zarten Alter leidenschaftlich gern Erde. Allerdings sehen sie ja, wie ihre Mütter — wohl aus einem Aberglauben heraus — Kügelchen dieser Erde oft verschlucken. Ueber- triebenes Erd-Essen bleibt natürlich nicht ohne Einfluß auf die Gesundheit. Wer an krankhafter Geophagie leidet, bem schwellen Milz und Leber an, er magert stark ab und bekommt einen charakteristischen Kärkgebauch. Was Schlafwandler leisterl. Unter einem Schlafwandler stellt man sich gewöhnlich eilten Menschen vor, der im Nachkgewande und zur Nachtzeit auf Dachfirsten mit untrüglicher Sicherheit zu geben vermag und von feinem Tun nichts weiß. Ein Psychiater berichtet nun in einer englischen Wochenschrift von Schlafwandlern aus der Schar feiner Kranken, die im somnambulen Zustande die merkwürdigsten Leistungen auf geistigem Gebiet zustande brachten. Zu seinen Patienten gehört z. B. ein Maler, der für die nächste Akademieausstellung ein Bild malen will. Allnächtlich arbeitet er daran, ohne es yu wissen. Mitten in der Nacht steht er auf und geht zur Arbeit; nach ritt paar Stunden legt er sich wieder zum Schlafe, und am nächsten Morgen ist er erstaunt über die Fortschritte seiner Arbeit. Wenn ihm seine eigene Mutter von feinem nächtlichen Tun erzählt, das sie genau beobachtet hat, so glaubt er ihr nicht. Ganz ähnlich geht es einer Malerin. Sie arbeitet merkwürdigerweise im Zustande des Schlafwandelns bebeutenb besser, als im Wachzustände. Besonders merkwürdig ist der Fall eines Journalisten. Er war regelmäßiger Mitarbeiter einer Zeitschrfft und hatte für diese einen Aufsatz übernommen, der ihm viel Koptzerbrechen machte. Er fing wiederholt an, warf das Manuskript, mit dem er nicht zufrieden war, in den Papierkorb und schließlich schrieb er dem Herausgeber, er tonne den Aufsatz nicht liefern, weil er dem Gegenstand nicht gewachsen sei. Zu seiner großen Verwunderung erhielt et fast gleichzeitig einen Bries von dem Redakteur, in dem dieser den Empfang des versprochenen Manuffripts bestätigte und zugleich aussprach, der Aussatz sei seht gut gelungen. Der Schriftsteller ging sogleich zur Redaktion, und dort zeigte man ihm seinen eigenhändig geschriebenen Aufsatz. Er wußte durchaus nicht, daß er ihn geschrieben hatte, und es bleibt nur die einzige Erklärung, daß er ihn in einem unbewußten, traumhaften Zustande geschrieben hatte. Zu den Patienten des Psychiaters gehört auch ein Musiker, der schwer neurotisch ist. Er komponiert regelmäßig in einem unbewußten Zustande. Er weiß dies auch und bereitet sich darauf vor. Seit vielen Jahren hat er überhaupt nur unbewußt komponiert, aber trotzdem ist er an jedem Morgen doch wieder etwas erstaunt, wenn er eine fertig geschriebene Komposition auf seinem Nachtttsche vorsindet. Die Reihe der Patienten, von denen der Psychiater solche Dinge erzählt, ist ziemlich ansehnlich. Besondere Erwähnung verdient noch ein Schauspieler, der nachtwandelnd Schachprobleme löst, sowie ein Geistlicher, der ebenso Predigten ausarbeitetz Dieser Prediger verfährt dabei ganz eigentümlich. Er schreiW zunächst feine Predigt auf; bann kleidet er sich an, steigt auf einen Stuhl und hält nun seine Predigt mit guter Betonung und sprechenden Gesten, als ob er auf der Kanzel stände. Sein Manuskript aber braucht er dabei nicht, denn als man ihm einmal statt des Manuskripts unbeschriebene Blätter in die Hand schmuggelte, hielt er die somnambul aufgeschriebene Predigt doch, und zwar wörtlich mit dem Text übereinstimmend. Sein un- bewutztes Gedächtnis arbeitet also außerordentlich gut, während er Sonntags in der Kirche, wenn er im Wachen Zustande predigt, wegen seines schlechten Gedächtnisses die Predigt ablesen muß. Vermischtes. ks. Das deutsche Spiel zeug in England und Amerika. „Nürnberger Tand" ist in der ganzen Welt bekannt.. Besonders in den letzten Jahren ist dem Nürnberger Tand ein Verbreitungsfeld erschlossen worden, das sich mit dem anderer Exportgegenstände des Deutschen Reiches durchaus messen kann. Die Wiege des in die Welt hiiiausgehenden Tandes hat allerdings nicht immer in Nürnberg gestanden; sondern in Deutschland sind mit der Zeit eine ganze Reihe von Spielwarenzentren entstanden. Wie amtliche Berichte besagen, hat die Zahl der im Monat Oktober nach Großbritannien und Amerika verschickten deutschen Spielzeuge einen Rekord erreicht. In den ganzen ersten zehn Monaten dieses Jahres sind 10 250 Tonnen deutsches Spielzeug allein nach England gegangen. Im Vergleiche zum Vorjahre bedeutet das eine Zunahme um 10 Prozent, im Vergleiche zum Jahre 1907, sogar eine solche von 17 Prozent. Aber England wird in dieser Hinsicht poch von Amerika übertroffen, das, abgesehen von unserem eigenen Baterlande, wohl der bedeutendste Verbraucher deutschen Spielzeuges ist. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden nicht weniger als 16 090 Tonnen deutschen Spielzeuges nach Amerika verschisst. Insgesamt schätzt man die Einnahmen aus dem Spielwarenexport in diesem Jahre auf annähernd 15 Millionen Mark. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahre eilte Zunahme von ungefähr zwei Millionen Mark. --- iä Sprachecke der Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. — 93 o in Pedanten. In Engels Deutscher Stilkunst lesen wir solgende treffliche Worte vorn Pedanten (eigtl. „Erzieher") t „In den Xenien stehen die noch mehr spitzfindigen als geistreichen Verse Schillers gegen Campe: Sinnreich bist du, die Sprache von sremden Wörtern zu säubern; Nun, so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht. Der arme Campe enviderte mit einigen schwachen Gegen» versen. Er hätte Schilleui ganz anders zu schaffen machen können. Wie, wenn er ihn gefragt hätte: Sage mir, Schiller, zuvor, aus welcher Sprache entnommen, Was es darin wool besagt,, wer es denn zu uns gebracht? Oder was hätte ihm Schiller Triftiges entgegnen können auf die Antwort: Wir können im Deutschen auf mindestens zehn gute Arten Pedant ausdrücken: Schulfachs, Kleinmeister, Kleinigkeitskrämer, Fädchenzähler, Linfenzäbler, Mückeuseiher, Silbenstecher, Quengler usw, alle sinnenhafter, schärfer, geistvoller als das eigentlich doch unverständliche Pedant. Die Franzosen, die es nicht erfunden, aber zu uns gebracht, haben nur dieses Wort, dessen Anwendung auf die Dauer langweilt. Und zu allererst hätte der kleine Campe den großen Schiller abtrumpfen können: Es fällt mir gar nicht ein, Pedant verdeutschen zu wollen; mag es ruhig bleiben und in späteren Zeiten die paar dann noch übrigen Fremdwörtler bezeichnen. Campe hat nachmals wirklich Schulfuchs für Pedant vorgeschlagen und ist damit durchgedrungen, allerdings ohne Pedant zu verdrängen. Das außerdem von Campe vorgeschlagene Eratzwort Steifling taugte nicht viel. Neusterdings wurde Peinling empfohlen; welcher bedeutende Schriftsteller tragt es damit? Es würde sich überraschend schnell einbürgern. Oder gehört größerer Mut zu diesem Wagnis als z>im Verfertigen von Egoität, Emotivität, Solipsismus, Intensivierung, Verintensivierung?" Logsgriph. Blutdürstiger Vogel mit einem ,,Sp", Doch ehrsamer Handwerker bin ich mit „G"; Und n>er mich „93" in dem Haupte sah, Dem künde ich Wunder ans Afrika. In früherer Zeit mit dein „W" im Haupt, Da hab ich manch jugendlich Glück geraubt. Tie Burschen trieb ich zu blutigem Streit, Nicht ungern seh'n mich die Mägdelein heut. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Leben beißt träumen. Redaktion: K. Neurath. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Ruck- und Steindruckerei, R. Lanae, Gießern