Samstag, den K September ' j&tnbOcH' o- Ct g 8LW UM NW •w Sommrrleutnsnts. Roman von Walter Bloem. Copyright 1910 by Orethlein & Co. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Kein Laut war vernehmbar ... nicht der leiseste Laut... Herrgott — plötzlich — ein Gedanke — — Nein!... das nicht... das um Himmels willen nicht....!! Mit raschen, leisen Schritten trat Brandeis zu seinem Nachttischchen, drehte die Birne des rotumschirmten Stehlämpchens auf... Da richtete sich vom Nachbarbette die Gestalt seines Weibes Halbleibs empor. 9Loch völlig bekleidet, hatte sich Cäcilie auf die Urberdecke gelegt. Glasig stierten ihre Augen ...wirr hingen die rostfarbenen Strähnen um ihr blasses Gesicht... das stand im roten Licht irr und verzerrt... Fritz stand regungslos ... ein trockenes, kurzes Schlucht zen durchrüttelte seine aufrechte Gestalt... „Willst du dich nicht auskleiden... und dich ordentlich hinlegen, Cäcilie...? Ich lege mich nebenan aufs Sofa.." Ms eine gütige, sorgsame Bitte hatte das geklungen. „Fritz... was... was willst du tun — ?!" ' „Darüber... hat der Ehreurat... zu entscheiden..." „Du hast — dem Major schon Meldung gemacht —?" „Ich tu's morgen früh!" . . Cäcilie schlug die .Hände vors Gesicht. Der einzige Kuß . der Abschiedskuß... nein, das war ja doch nicht möglich... das durfte ja doch nicht sein... _ „Mach dir keine Sorge, Cäcilie... ich... schieß ihn dir nicht tot... ich... schieß ihn... dir... nicht tot.. ", Da fielen Cäciliens Hände mit einem Ruck tn ihren 'Schoß... die starren Äugen ruhten aus dem Antlitz des Gatten mit einem langen, seltsam prüfenden, suchenden Blick... Ein Staunen glomm in diesenk Blick auf... em großes Sichwundern ... , , . Plötzlich ein zages Pochen an der Tur. Fritz fuhr zusammen: „Was gibt's —?" „Verzeihen Herr Hauptmann, wenn ich störe! „Was haben Sie denn, Fräulein?" , . Der Bursche vom Herrn Major ist draußen mit eurem dringenden Befehl — von der Brigade, sagt er!" SoiTiTnc —V* Das Fräulein stand draußen mit einem Meldekarten- briefumschlag: „An Hauptmann von Brandeis/' Mit Bleistift von der Hand des Majors gekritzelt, drei 'Kreuze dabei. Sehr dringlich also. Der Hauptmann rrß den Umschlag auf: „Bataillonsbefehl! i ' (Auf Befehl der Brigade: Hauptmann von.Brandeis Meldet sich morgen früh 4.80 heim Herrn BngadekoM mündeur als Adjutant für den Rest der Herbstubüngen an Stelle des durch Sturz mit dem Pferde heute morgen zu Tode gekommenen Hauptinanns Goettig. Die erste Kompagnie führt Leutnant der Reserve Flamberg. v. Sassenbach." Ruhig zog Brandeis die Uhr, notierte die Zeit des Eingangs, elf Uhr fünfundvierzig, auf den Umschlag der Meldekarte und gab die Hülle zurück: „Das bekommt der Bursche! — Wilhelm soll mich bereits um halb drei wecken! Frühstück um drei! — Gute Nacht, Fräulein!" „Gute Nacht, Herr Hauptmann!" Einen Augenblick stand Fritz von Brandeis in tiefem Sinnen. , Hauptmann Goettig durch Sturz mit dem Pferde zu Tode gekommen... schauerlich... Eine glänzende Laufbahn jählings mitten durchgerissen... eine Frau und Vier Kinder des Ernährers, des Beschützers beraubt... Und er also der präsumtive Nachfolger.... mutmaßlich für die Dauer... Also Brigadeadjutant in spe... das bedeutete — . Pah — ein bitteres Lächeln spielte um des Hauptmanns Lippen/ Morgen ... spätestens übermorgen stander mit der Waffe in der Hand bent Manne gegenüber, der seines Weibes Mund geküßt... ihm seines Weibes Herz entrissen... Auf den Trümniern eines solchen Glücks baut man keine--- Karriere auf... Der andere... der war der Sieger... war der Stärkere ... wenn einer von ihnen bleiben sollte... dann mußte natürlich er selber es sein ... er, der meritenlose Soldat.. . der unbedeutende Mann seiner reichen Frau, die nun auch ihr Herz von ihm gewandt hatte... ihr Schicksal von dem seinen trennte... . Für einen solchen Adjutanten würde der General sich bedanken — wenn er überhaupt noch in die Lage kant...! Schwerfällig ging der Hauptmann zum Schlafzimmer zurück, steckte den Kops zur Tür hinein: „Gute Najcht, Cäcilie!" „Was war's... was hat's gegeben?" stammelte die Stimme seines Weibes aus der rötlichen Dänimerung. „Nichts von Bedeutung... bin für morgen abkommandiert, muß ,eine halbe Stunde früher fort... Gute Nacht'" * Er schloß die Tür, wandte sich ab, hakte mechanisch bett Kragen seines Waffenrocks auf. Aus einmal klang's hinter ihm: „Fritz..." Brandeis fuhr herum... • Cäeilie stand an der Tür. „Fritz... lvarnm kommst du denn nicht zu mir hinein... .Fritz — ?" „Ich... schlaf auf dem Sofa... hier draußen... oder ist es dir lieber, wenn ich schon heut abend... sortgeh — ? hier... das alles... gehört ja dir..." . Fxitz * nein — nein... alles ist dein dein ganz allein... ich .auch, Fritz - ich auch -U" 574 6. Kapitel. Das rheinische Armeekorps biwakierte gegen den markierten Feind. Der Spätsommerabend überdeckte mit sammetnen Fittichen das gewaltige Bergplateau des Hunsrücks zwischen Jdarwald und Hochwald. Und in die Nacht hinein in endloser Reihe loderten die Lagerfeuer weithin über die endlose Ebene. Ueberall feierten die Mannschaften das lustige Fest des Löfselbegrabens: Die Leute des zweiten Jahrgangs, die unmittelbar nach Manöverschluß in die Heimat entlassen werden würden, schmückten, Kompagnie für Kompagnie, einen mächtigen Baum mit Strohschleifen, und ein jeder hängte vom Inhalt seines Toriristers hinein, was nun ausgedient hatte, seinen Eßlöffel, seine abgewetzte Stieselbürste, Putzlappen, Knopfgabeln ... Die wunderliche Trophäe wurde unter derben Soldatenspäßen und unablässigem Absingen des Reserveliedes durch das Lager getragen und schließlich mit Hallo und Kinderjubel in die Glut des Biwakfeuers versenkt. Heimatstimmung... Heimkehrseligkeit überall... Heimkehrseligkeit —?! - ' Leutnant Flamberg saß mit Carstanjen und dem Fahnenjunker vorm Offizierszelt der ersten Kompagnie. Ihren Kapitän hatte die Königliche Erste heut nur von weitem zu Gesicht bekommen, wenn die kleine Kavalkade vorübersprengte, über welcher die diagonal geteilte schwarz- weiß-rote Standarte der Brigade flatterte. Und Martin Flamberg hatte den ganzen Tag darauf geharrt, daß Major von Sassenbach, der Vorsitzende des Ehrenrats, ihn zitieren würde... Dabei trug er einen Brief in der Brusttasche seines Dienstrocks, einen Brief vom Samstag, der nur das eine Wort enthielt: „U eber-über-übermorgen — .!!!!" Gott im Himmel!... dort in der Ferne harrte seiner die sehnende Braut... und er... er wartete auf den Befehl, sich zu verantworten, weil er das Weib eines andern berührt... Wohl war es ein Abschiedskuß. gewesen ... aber er würde mit feinem Leben dafür einzusteheu haben... Das hatte an seinen Nerven gerissen den ganzen Tag ... hatte wie mit Keulen immerfort auf seinen Schädel eingedroschen, bis er ganz stumpfsinnig und apathisch geworden war... Nur der Soldat in ihm, der hatte funktioniert... mechcw nisch... unfehlbar sicher... Obwohl er zu Fuß war, hatte er seine Kompagnie ganz anständig durch die Wechselfälle des heißen Marsch-, Gefechts- und Biwaktages geführt. Und Major von Sassenbach hatte ihm mehrfach aufmunternd zugenickt: „Ich werde Ihnen eine ganz passable Kvnduite schreiben können, Flamberg —!" Was hatte der Major nur heute? — Er war den ganzen Tag so merkwürdig vergnügt — ? Durch Martins Herz aber zog immerfort das Erinnern jener wenigen furchtbaren Sekunden, in denen er dem Manne gegenübergestanden, dem er das tiefste Leid seines Lebens zugefügt: „Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Hauptmann...!" „Sie werden morgen von mir hören!" Keine laute Szene — kein wildes Wort der Wut — des Grimms. Ein paar eisig korrekte, formelhafte Wendungen —• und doch in jeder Silbe der unsühnbare Haß — die Feindschaft bis aufs Messer — der Racheschrei —• die Todesdrohung! Und heute — rätselhaftes Schweigen. — — Gott — der Grund war leicht einzuseben: der Hauptmann war zur Brigade kommandiert — oer Dienst ging allem andern vor — es hätte an jeder Gelegenheit gefehlt, Die Meldung an den Ehrenrat zu erstatten. Aber diese Situation war gräßlich — sie erstickte die Kraft des Widerstandes r- machte stumpfsinnig ünd wehplos. Der Gedanke an Cäcilie ivar wie das Erinnern eines fernen, schaurig holdseligen Traumes'. Der Gedanke an Agathe folterte das Herz noch tiefer mit schmählicher Scham. Und aus dem innersten Herzensschacht kroch die Reue herauf — die Reue um unwiderbringlich Verlorenes — Um ein ganzes, großes, herrliches Lehen des Schaffens, des Genießens — um ein Leben voll Liebe und' Schönheit H voll freudigen Gebens und dankbaren Nehmens. Alles war hingeworfen — vergeudet um eines Augenblicks haltloser Leidenschaft willen. Reue 1— Reue — Und eines nur hatte Bestand im gestaltlos wogenden Getriebe der anklagenden, schamvoll zerrissenen Empfing düng. Dies eine Wissen: daß man einstehen werde für das eigene Tun r— regungslos — eisernen Herzens — ohne Wimperzucken — brs ans Ende — bis ans Ende. Mannesehre... Soldatenehre... Offiziersehre — wahrhaftig, doch kein leerer Wahn das alles--! Wenn es eine Sühne gab auf Erden, dann war es die: klaglos die Stirne, die Brust Hinhalten der rächenden Kugel ... stumm und stolz zusammensinken... hinabtauchen in den läuternden Tod ... So sann Martin Flamberg. Und neben ihm in behaglichem Verdauungsschweigen hockten mit übergeschlagenen Beinen auf ihren Kisten die beiden blutjungen Knaben, der Leutnant, der Fahnenjunker... unkund der Schrecknisse des Lebens, der Leidenschaft... Und ringsum jubelte die Heimatsehnsucht von zehntausend jungen Gesellen, die nach, zwei Jahren in Königs Rock übermorgen in trunkener Wiederkehrwonne nach Hause flattern würden. Rach zwei Jahren, die ihnen mehr, weit mehr gewesen waren, als sie heut ahnen konnten, als ihnen vielleicht! jemals zum Bewußtsein kommen Würde... Zwei Jahre, in denen sie Soldaten gewesen waren... in denen ihr Leben seiner Vereinzelung, seiner Kleinlichkeit und Alltäglichkeit entrissen worden war und eingcgliedert in die großen Verhältnisse, das mächtige Leben der Gesamtheit ... der Nation... des Volkes...’ Zwei Jahre, in denen sie aus Gelsenkirchenern Und Rheydtern, aus Erkelenzern und Neu Wiedern zu Preußen ... aus Mäurertagelöhuern und Bandwirkern, ans Feilen- .hauern und .Ackerknechten zu wahrhaften, waffengeübten Soldaten geworden waren... Ach 'ja, wohl war's manchmal scharf hergegangen in den zwei Jahren — aber das alles war ja nun übens standen... Was bleiben würde... was sie mit nach Hause nahmen ... war's zu verlangen, daß sie das heute schon begriffen — vielleicht überhaupt je begreifen lernten?! Doch würde mancher vielleicht nach Fahren, aus deut täglichen öden Einerlei der Berufsarbeit, aus der Enge beschränkter, kinderreicher Häuslichkeit mit Dankbarkeit und Sehnsucht zurückdenken an die zwei Jahre in Luft und Sonne, in Waffenglanz und munterm Kampfspiel „auf grüner Heid — im freien Feld"! Heut freilich — heut hatten sie alle nur den einen Gedanken: übermorgen geht's zu Muttern! Und unablässig, immer von neuem klangen übers weite Feld die Weisen der Reservelieder: Nun scheiden wir aus eurem Kreise und ziehen aus den bunten Rock! Wir treten an die Heimatreise mit einem Reservistenstock. Geschlossen geht es aus dem Dore zum letzten Mal vergnügt hinaus. . > Die Mütze sitzt auf einem Ohre, und keine Waffe schmückt uns aus! „Herrgott von Bentheim!" fluchte Leutnant Carstanjem „dieses verdammte Reservistengegröhle wächst einem, weiß der Himmel, zum Halse heraus!" Flamberg lächelte: „Das wird Sie wohl Ihr ganzes militärisches Leben hindurch begleiten, lieber Freund! Und wenn Sie sich einmal die Mühe geben wollen, sich in die Gefühle der Burschen, die da singen, hineinzuversetzen, dann wird's Ihnen seltsam Wohl und weh dabei werden — dann werden Sie anfaugen, die Würde des hohen und herrlichen Berufs, den Sie haben, ein wenig tiefer zu begreifen! i—: Was da singt und jubelt, das ist das Heimatveriangen der deutschen Jugend, die euctj anvertraut ist zur Erziehung in Waffenkunde Und Mannhaftigkeit. — Die Gefühle, mit denen diese Leute das Reservelied singen, sind die Grad-! messer für eure Berufstüchtigkeit — wenn sich in diese Heim-- kehrseligreit nicht auch ein unverstandenes Gefühl von schiedswehmut mischt, wenn diese Leute nicht in spätern Fahren mit leuchtenden Augen und geheimem Erinnernngs- 675 Kera am Stammtisch, im Familienkreise, in der Schar ; Kinder von der Zeit erzählen, da sie den bunten Rock trugen — von Ihnen erzählen, kleiner Carstanjen — ihrem muntern, liebenswürdigen kleinen Zugführer, dein es zwar zuweilen auf eine Handvoll Schweinehunde und KameD- nasen nicht ankam... der aber doch im Grunde seines Herzens ein todgnter, lebensfreudiger und grundehrenwerter Junge war, der in seinen Rekruten und alten Kerlen etwas mehr sah als bloß die Objekte einer lästigen, stumpf- innigen Berufstätigkeit — wenn das nicht so wäre — dann ähe es schlimm aus um unser deutsches Heer... um unser deutsches Volk..." „Jesses, Jesses, er predigt — die Reserve predigt!" rief Carstanjen mit komischem Entsetzen und doch innerlich gepackt — ein wenig geschmeichelt — ein wenig ergriffen aber auch — „Junker, schnell 'ne neue Pulle! —" Da trat ein Füsilier, es war der Pferdebursche jdes Majors von Sassenbach, zu den Herren heran, stand stramm: „Der Herr Major läßt die Herren Offiziere bitten, ins Bataillonsstabszelt zu kommen zu einer kleinen Bowle!" „Wir werden kommen!" sagte Flamberg. „Ja, einer von uns muß natürlich bei der Kompagnie bleiben — also zunächst mal Sie! Ich löse Sie nachher ab — also auf Wiedersehen!" (Fortsetzung folgt.) Das Loka!. Berliner Bars. Studie von Wilhelm I d e l e r. . „Tja", sagte mein Freund, der Lebemann, „das Lokal! Es gibt nur eins . . . Freilich gibt's viele in Groß-Berlin. Wer das sind Massenausschänke. Ansammlungen von Plebs. 'Das Lokal! Tas ist was für die Eingeweihten. Ein Schiboleth, das untrügliche Kennzeichen, an dem man den Gent merkt. Da bracht man nicht erst zu sagen: Heut abend geh' ich dahin und dorthin. Es gibt nur ein Lokal, wo man hingeht. Mode, wie alles! Plötzlich sind wir da, und der Triumph zieht mit uns ein, wo's vorher gähnend leer war. Keiner weiß es vom andern, keiner sagt's dem andern. Wir haben eben die Witterung dafür. Hin tzieht's uns mit magischer Gewalt: das ist tipptopp und nichts anderes! Schwer zu sagen, was den Reiz des Lokals ausmacht. Das Undefinierbare, eine Kleinigkeit. Vielleicht ist's die Frisur eines Barmädels, die kurzgeschnittene Ponies über den Ohren trägt, oder das Pvnceaurvt der Vorhänge, oder ein Kerl, der herzzerreißend Ziehhärrnonika spielt, oder eine Sektmarke. Und allmählich konrmt sie hinter uns her, die ganze Herde. Sind sie erst da, dann sind wir fort. Oh, dafür Haben wir ein feines Gefühl. Tas Lokal ist entweiht, seine Intimität ist hin. Wenn erst Onkel Franz uns ausbaldowert hat und die Frau Kommerzienrat es „gesehen haben muß", — dann fliegen wir auf, wie eine Schar Sumpfhühner beim Schuß. Herrr.... Fort sind wir und „ward nicht mehr gesehn". Wo anders haben wir uns niedergelassen, wo es schitscherin-grüne Wandbespannungen gibt und eine Barmaid mit einem blonden Madonnenscheitel und echten Bourbon-WhiÄy . . ." Erstaunt starrte ich den Wissenden an, diese abgekürzte Chronik unserer Zeit: „Ihr Armen, ihr ewig Ruhelosen! Also eine stete Hetzjagd Euer Leben, die Jagd nach dem Lokal. Eine Bar nach der andern bezeichnet die leuchtenden Spuren Eures Bumm'el- weges, denn Bar ist doch nun mal Trumps in der fortschreitenden .Amerikanisierung unseres Daseins, und wenn sie auch mit einer echten Nankee-Bar nichts mehr gemein hat, als den langen Schenk- tisch nnd die hohen Hocker, sie ist doch einzig stylish, tote two- step und Nigger-song und der berühmte Wackeltanz ä la Grizzlie- Bär. Ich möcht' wohl mal die Walstätten Eurer jüngsten Kulturtaten besuchen, möchte durch die verlassenen Vorhallen Eurer früheren Triumphe zu dem geweihten Raume Vordringen, der gegenwärtig Euer Tempel und stilles Asyl ist, zu dem Lokal!" „Topp, wird gemacht," sagte mein Freund. „Wir wollen die Bar-Reise antreteir. Sperr Augen und Ohren auf: Du durchlebst ein Stück Entwicklungsgeschichte der Großstadt . . ." * Wir halten vor einem jener Vergnügungspaläste neuesten Stils, die eine ganze Stadt der Lustbarkeiten umschließen. Jahrmarkt und Sportplatz und Vogelwiese zugleich. Hier geht's zum Cafs und dort zum Kino, da zur Eisenbahn und dort zu den Bädern. Und bte Treppe hinauf — zur Bar. Zwei getrennte Räume. Einer gewöhnliches Ball-Lokäl, der andere intime „Liebeslaube". Die Decke in stimmungsvollem Grün, aus dem die elektrischen Sterne grell hervorleuchten, leichte Spaliere an der Wand. Eine Seite nimmt beide Mal breit die Bar ein mit ihrem wunderlichen Gemisch „nixender" Barkeeper, auf hohen Stühlen wippender Jünglinge und lachender Huldinnen. In der Mitte drehen sich die Paare eingeengt von den Tischen, an denen man „Drinks" nimmt; auf den erhöhten Estraden wohnt die feierlichere, kühlere unä teuere Zone des SeW, . . „Es war einmal," seufzt mein Virgil leise melancholisch. „Das war mal 'ne ganz amöne Sache. Ta gab's bloß Sekt und Tarnen wurden allein nicht reingelassen. Da sah man nach Totletten. Jetzt kamt jeder rein, der ’n Whisky Soda für 1 Mark zählt. Und alles ist aus. Greuliche Schwemme!" Ich sehe mich um. Ich verstehe nicht recht, was er meint. Freilich ist das Publikum nicht erlesen, doch echte Großstadt, echt Berlin. Tie Madels möglichst jung, manche noch reine Kinder mit kurzen Neidern und Backfischfrisuren. Aber der Tanz! Tie wenigen Paare, die sich mit saloppem Schwünge zu drehen suchen, wirken wie abnorme Erscheinungen einer vorsintflutlichen Welt. Herr und Dame, die Scyultern möglichst hoch, fast über den Kopf gezogen, den gekrümm- ten Rücken steif, wie den Buckel einer Katze, wenn's donnert — so halten sie sich an den ebenfalls steif ausgestreckten Händen gtzwckt und fallen nun monoton von einem Bein aufs andere/ wirklich wie Meister Petz in seinem Zwinger. Etwas Verzerrtes, Maskenhaftes zerschneidet auch die Gesichter, als wären die Seelen ganz wo anders, als hätten die Hocker vor der Bar Kleider an-, gezogen und rutschten nun durch den Saal hin und her vor dem eckigen grinsenden langen Brett. . . Tahin, dahin! Ein anderes Bild. — Hier ist vornehme Stille. Weite Farbenflächen. Ein Futurist hat seinen Maltopf ausgegossen. Ein stumpfes, weiches/ leuchtendes Grün in den großen Eingangszimmern als einziger Akkord. Dieses Grün nannte Oskar Wilde die Farbe der Dekadenz, der höchsten Verfeinerung, der müden Lust und des Verbrechens. Grün die Garderobe, grün die bauschig gerafften Vorhänge an den Türen, grün Decke und Fußbelag. An den Wänden ein paar Plakate von Chsret, Zeichnungen von Toulouse-Lautrec und Beardsley. Nun die Trompetentöue des vollen Rot. Der Hauptsaal/ in dem soupiert wird. Die quietschige Geige verschmilzt mit dem hämmernden Klavier zu den seltsamsten Dissonanzen. Dazwischen schrillt die Gassenjungengrazie der Piccolo-Flöte. Nur ein Tust von Extravakanz schwebt über den Tischen, an denen Herren und Damen speisen. Selbst im eigentlichen Barraum' ein gedämpftes Milien, feines Braun der Bespannungen, und Vorhänge, schlanke Eleganz der Tische und Stühle. „Hier hausen die Philister," sagt mein Freund mit leiser Verachtung. „Diese Bar ist keine Bär mehr. Es ist ein „bürgerlicher Abendtisch", der Stil hat; fteilich schicken Stil. Aber was nützt der beste Geschimack, wenn das Tempo fehlt und die Leidenschaft und die Lebewelt? . . ." Und er zielst mich aus diesen entgötterten Hallen. Er schleppt mich in ein kleines Lokal, zu ebener Erde, neben einem ganz rno- bernen Riesen-Cafe. Ein enger Raum, dicht mit Stühlen und Tischen besetzt, ohne besondere Merkmale. Gleich am Eingang die Musik: Klavier, Cello, Ziehharmonika. „Siehst du," beginnt wieder der Mentor, „das war früher das Lokal. Ter Kerl da mit der Harmonika, der kann Couplets und Zoten reißen, fast wie Giampietro. Und bann tanzen da zwei Mädels, die eine so'n richtiger Zille-Typus aus der Ackerstraße, und die andere, eine Slawin mit kurzen Locken. . ." „Wo kann man denn hier tanzen?" „Na, eben. Dia bringen's fertig. Zwischen den Tischen und Stühlen, wie zwei Aale: die tanzen dir auf einem Handteller einen Tango. Wie die schieben können! Ruhig, gemessen, ohne was umzuwerfen, und doch mit Feuer . . . Na, die Witze von dem Harmonikaspieler wurden nicht besser, wenn man sie siebenmal die Woche hörte. Wir zogen aus . . . Aber komm, wir wollen endlich in das Lokal . . ." * Die Fahrt geht los. Straße um Straße lassen wir hinter uns. Tie grellen Reflexe des elektrischen Lichts hören auf, es huschen nur noch einzelne Laternenscheine zu uns herein. „Wo bringst du mich eigentlich hin? Willst du mich verschleppen !" Er lächelt nur. Blendendes Licht strahlt plötzlich auf. Wit halten in einer Reihe von Wagen. Ein festlich erleuchtetes Lokal, aus dem leise Musik bringt. „Tag, Fred! Servus, Martin! N’Wend, Gusti." Hier kennt sich alles und mein Freund kennt alle., Hier ist man zu Hause. Wir treten ein. Nichts, gar nichts. Hinter bäh' Büfett nickt die Schenkbanre wie im Schlaf und ein verlorener einziger Kellner gähnt hinter der Serviette. Eine Vorstadtschenke! Mer keins hält sich hier auf. Alles -erklimmt die steile, enge winklige Treppe. Die Musik wird lauter, lieber dem weichen Schmelz der Geigen zirpen die Mandolinen, zittern die Gitarren. Stimmen, Lachen und Gläserklirren. Wir sind da. In einem niedrigen Raum — es toar wohl vordem eine Mietswohnung, aus der die Wände entfernt sind — sind durch luftiges Stabwerk eine Menge von Nischen, Kojen, Ecken und Lauben geschaffen. Hellrote Vorhänge und Trapiernngen, von gelbverhängten Beleuchtungskörpern unterbrochen. Lustig lichte Stimmung. Hübsche Durchs und Ausblicke, durch das Stabwerk und über die Geländer hinweg, in ein wechselndes Bild lebhafter Menschengrnppen. Alles ist sichtbar und doch meint jeder intim und unbelanscht zu fitzen. , Daher die Ungezwungenheit und doch eine gewisse Tecenz, Mh Grazie. Wan sitzt aleiMajn in einem ZiMWr; jeder fühlt 576 sich dem andern so nah, daß er ihn kennen lernt, mit ihm Bekannt- schast schließt, und doch wird keiner vom andern gestört. Er ist allein mit seiner Gesellschaft und abgeichlossen ttt ferner Ecke, in seiner Koje. Man schaut über das Geländer durch rate Laube, in der lustige Paare Sekt trinken, in einen größeren Raum, wo Tische stehen, wieder in eine leicht abgeschlossene Ätsche . . - Die Musikanten in roten Jacken gehen mit ihren Instrumenten herum singen, spielen und tanzen bald hier, bald dort. Uiid nun aleiten einzelne Paare zwischen der bunten Fülle der eng unb gedrängt Sitzenden hindurch. Sie wiegen sich, sie schweben, scheinen sich auf der Stelle rhythmisch zu bewegen und kommen doch weiter, gleichsam getragen vom Takt m den Wellen der Lust, die um sie her brandeil. Licht wogt und Farbe und ausgelassenes Men chentum. Mein Freund steht glückstrahlend in der Mitte: „Herrlich! Was? Das Lokal!" Friedrich Theodor Vischer als Politiker. (Zum 25. Todestage, 14. September.) Der politische Werdegang F. Th. Vischers erhält seine Bedeutung nicht nur durch die organische Entwicklung eines radikalen Republikaners zum Anhänger des von Bismarck geschaffenen Deutschen Reiches, sondern durch den allgemmnen und typischen Wert, den diese Wandlungen einer kraftvollen, männlich leidenschaftlichen Persönlichkeit für die Stimmungen seiner Zeit und Generationen überhaupt besitzen. Der große Aesthetiker und feine, Poet, dessen Gedichte und dessen Roman „Auch Einer" sein Andenken stets lebendig erhalten haben, dessen rvissenschaftliche Werke ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode eine neue Auferstehung erleben, wußte ja, daß die Politik nicht sein eigentliches Gebiet war. „Meine Welt ist die Wissenschaft, die Kunst." Wer wie er durch die Gewalt der Ereignisse zum Politiker ward, wie er in seiner späten und überhasteten politischen Entfaltung die mannigfachsten Stusen durchlief, darin ist er ein charakteristischer Vertreter des deutschen Volkes, das, wie er, sich nur schwer hineinfand in die Forderungen der Gegenwart und sich unvorbereitet vor die größten politischen Entscheidungen gestellt sah. Diese Seite des Vischerschen Lebenswerkes hat Karl Alexander v. Müller in einem Aufsatze der Deutschen Rundschau anschaulich dargestellt. Das streitsrohe derbe Naturell des strammen untersetzten kleinen Mannes mit dem offenen bärtigen Gesicht und den scharfen Augen drängte ja zur Betätigung im öffentlichen Leben. Ein Meister der Polemik, der nicht nur in „kritischen Gängen" sich mit seinen wissenschaftlichen Widersachern auseinandersetzte, sondern selbst seine Poesien in die „lyrischen Gänge" eines Zweikampfes einordnete, fühlte er sich stets zum Drauflosschlagen bereit, liebte, selbst ein guter Reiter und Schütze, das kriegerische Handwerk, und gesunde Grobheit gegen die „Käseseelen" wärmte ihm.das Herz. Eine solche Feuerseele müßten nun die vierziger Jahre unwiderstehlich in die nationale Leidenschaft hineinreißen. Während er noch 1838 erklärt hätte, von staatlichen Fragen verstehe .er nichts und schweige lieber darüber, so läßt er sich 1848 von den Reutlingern, den „kräftigsten Demokraten, die in Württemberg auMtreiben waren", ins Frankfurter Parlament wählen. Aber hier wartete seiner eine große Enttäuschung. „Den ganzen Kopf voll.ungehaltener Reden", saß er inmitten des unerschöpflichen Wortschwalls der Debatten und Sitzungen, kurzsilbig, „dumpf und freudlos", das ganze „Marteriahl:". Durch den Fanatismus des aufgeregten Parteitreibens wurde ihm „das allgemeine Men- schmgefühl erstickt". Mer die politische Leidenschaft, die dieses Jahr entfacht hatte, brannte doch in ihm wie im ganzen Volk weiter und ließ in ihm den Gedanken an! Deutschlands Einheit und Deutschlands Größe zur Hellen Flamme emporlodern. „Ob Deutschland eine Einheit werde", schreibt er, „ist mir so sehr Lebensfrage, daß sch als Geist umgehen müßte, wenn ich heut stürbe." „Ich bin gegen alles andere als gegen die Frage per deutschen Mtron roh geworden, und wenn eS für mich noch esne Freude mit Schwung gibt, ist es die, wenn ich in klarem, unzweifelhaftem Fall für diesen großen Gegenstand die .Patrontasche anziehen dürfte. Meine Hühneraugen sollten mich nicht hindern." > Nach schweren Gewissenskämpfen gewann er die innere Sicherheit wiederr .„Folge, was folgen mag; du darfst nie dein Ja dazu geben, daß ein deutscher Volksstamm aus hem Vaterhaus scheide^ Um! in d.te Fremde zu wandern." So wurde er, der protestantische schwäbische Demokrat, einer der besten uny reinsten Vertreter des großdeutschen Gedankens, ein b'e- geisterter Verehrer des schönen Oesterreichs, dessen deutsche Stammesgenossen ihrn mit zu dem Vaterland der Zukunst gehörten. Es waren Träume phantastischer Art, aber von großartiger Weite, wenn er sich,einen von betten nannte, die dem Deutschtum Türen und Fenster in die Welt hinaus öffnen wollen, deren Auge sehnsüchtig dem Lauf der Donau zum Schwarzep Meer und den .Bahnen des Handels zum Adriatischen Meer folgt. Wer auch in dieser Vision eines großen geeinten weltbeherrschenden Deutschlands war er ein Typus so vieler der Besten jener Zeit, die die praktische Nüchternheit realer Politik über leidenschaftlichen Hoffnungen und Theorien vergaßen. Und dieser süddeutsch schwärmende Zug brachte Vischer in einen strengen Gegensatz zu Preußen und zu dem kleindeutschen Programm. Freilich ist die heftigste Bitterkeit gegen Preußen, Ivie bet vielen anderen süddeutschen Patrioten, enttäuschte Hoffnung, denn er glaubt in manchen Krisen an den Beruf dieses Staates zur Führerschaft, aber dazu wäre „ausgezeichnetes Genie, verbunden mit Kühnheit und Entschluß" notwendig und „es.ist auch nicht vorhanden, es lebt kein Friedrich der Große". । Als Vischer das schrieb, bereitete schon Bismarck, der „preußische Junker", die „schlagenden Gründe des Kanonendonners" vor, um die nationale Einheit zu schassen. Als er dann zum Kriege mit dem blutsverwandten Oesterreich kam, da stand Vischer „in der reinen Negation" und' gehörte zu den erbittertsten Gegnern des ungeheuren; Mannes, der den Bruderkampf heraufbeschworen. Während die Stimmung um ihn her immer stärker zu Preußens Gunsten umschlug, verharrte er in bitterem Schweigen. Erst der Krieg von 1870 entfachte wieder in ihm die Freude am Kampf; er erblickte in ihm die Sühne für die Schuld, die Bismarck 1866 für die ganze Nation auf sich genommen. Zum wahren Parteigänger des Kanzlers wurde aber Vischer erst während des Kulturkampfes; der „Gefühlspolitiker" und „Stockschwabe vom alten Schlage" beugte sich vor pem eisernen Begründer der dentschen Einheit. ------------ Vermischtes. kf. Der „Schrecken der V er s i ch e r u n g s g e s e l l' schäften' sind nach einem Aussprüche des Präsidenten des gegen- wärtig tagenden amerikanischen Versicherungskongresses die Tanien der oberen Zehntausend. „Sie essen so viele unverdauliche Speisen und nehmen so zahlreiche schädliche Getränke zu sich, daß sie gewisserinaßen mit v-Zug-Geschmindigkeit dem Tode entgegen- eilen.' So führte Präsident Gold aus, und begrimdete damit die Abneigung der Versicherungsgesellschasten, hohe Prämien auf das Leben der Gesellschaitsführerinnen aufzunehmen. Ihm erstand aber ein Widersacher in Henry L. Rosenfeld, dem Vizepräsidenten der bekannten Equitable Lebensversicherungsgesellschaft. „r.ie grauen der Gesellschaft", so erklärte er, ..sind für die Versicherungsgesellschaften beinahe Goldgruben. Sie leben durchweg länger als ihre sämtlichen anderen Geschlechtsgenossinnen, weil sie am besten ernährt sind und viel Ruhe haben. Leset doch die Zettungen l Dte Frauen der Gesellschaft lassen sich scheiden, entlausen ihren Mannern, verursachen Skandale, aber — sie sterben nie! Schon aus Ettel- feit sind sie darauf bedacht, gesund und schön ztl bleiben. Es ist vielmehr der Millionärsgatte, dessen „Lebenskerze an beiden Enden zu gleicher Zeit brennt', dessen Leben eine Kette von Aufregungen und Ausreibung bildet. Von ihm sollten sich die Versicherungsgesellschaften fernhalten.' ------------- Arithmogriph. 1 2 4 4 2 ein Maurerwerkzeug, 2 3 3 2 ein Ackergerät. 3 2 2 4 belgischer Bildhauer. 2 3 4 2 deutscher Architekt. 4 2 2 7 deutscher Bildhauer. 1 9 8 2 4 Stadt in Sachsen. 4 2 2 1 Stadt in England. 8 4 2 ein Naturforscher. 7 2 5 1 Schauspieler zur Zeit Schillers. 123245467 eine Bereinigung. Auslösung in nächster Nummer, Auflösung des Diamant-Rätsels in voriger Nummert D Arm Abend Dresden Baden Lea n Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.