W x_L ytf !E M MM WM Lommerleutnsnts. Roman von Walter Bloem. Copyright 1910 by Grethlein & Co. Machdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wenige Tage nach Beginn der Hebung hatten sich die Reserveoffiziere wieder vollständig im Regiment eingelebt, und jeder von ihnen suchte und fand seinen nähern Verkehr da, wohin sein Wesen ihn wies. Hielt Professor Brassert sich an die älteren und fried- lichern Elemente, so war der Referendar Dormagen der Mittelpunkt einer Gruppe, die nach dem Mittagessen stets endlos beim Skat zusammenhockte, abends auf der Kasinoterrasse einen Syphon Münchener nach dem andern vertilgte, Sonntag nachmittags beim Sekt kleben blieb und nachts gar häufig im Rauchzimmer beim Tempeln. Oder man zog auch Zivil an und suchte die Varietees oder noch verschwiegenere Orte nächtlicher Ergötzung auf. Dieser Gruppe schloß sich auch meist Herr Klocke an, den es nur grämte, daß er nicht so flott mit dem Gelds um' sich werfen konnte wie der wohlhabende Jurist. Die Beliebtheit, die jener durch Ansetzen zahlloser „kalter Enten" sich zu verschaffen suchte, strebte er dadurch zu gewinnen, daß er freigebig von seinem unerschöpflichen Vorrat an zweideutigen Anekdoten spendierte oder seine schier unglaubliche Geschicklichkeit in Kartenkunststücken produzierte, was vor dem Verfahren seines Kameraden «entschieden den Vorzug der Billigkeit hatte. Wieder ein ganz anderer Kreis war es, dem sich der Forstassessor Troisdorf angeschlossen hatte. Man hätte ihn die Gruppe der Mißvergnügten nennen können. Ihm gehörten alle jene jungen Sperren an, die es aus irgendeinein 'Grunde nicht verstanden hatten, sich die Gunst der höheren Vorgesetzten zu erringen. Es waren nicht nur die Schlechtesten im Regiment. Hier wurde unablässig geschimpft, auf die Vorgesetzten, auf die erfolgreichern Kameraden, die als Streber gebrandmarkt wurden, als Leute, die „über Leichen gingen". Auch in diesem Kreise wurde scharf gezecht, aber mehr aus Wut und Enttäuschung denn aus Liebe zur Sache. Frobenins war ziemlich allein geblieben. Unter den «aktiven Offizieren hatte er keinerlei Anschluß gefunden. Man behandelte ihn mit korrekter Liebenswürdigkeit und beständiger höflicher Zurückhaltung. In der Oeffentlichkeit Vermied es jeder, sich mit ihm zu zeigen. Und freilich, ein Vergnügen war es auch Nicht, an seiner Seite durch die Straßen der Garnison zu spazieren. Wo er ging, da ge=i leitete ihn ein beständiges Schmunzeln auf allen Gesichtern her Passanten, die Straßenjugend rief ihm freche Bemerkungen nach, ja, es war, als |oo selbst die Pferde un& Hunde Meuten, nnd stutzten,, WM tte die lange Gestalt im schwarzen Ueberrock aus der Zeit Albrechts des Bären einherwandeln sahen . . . Frobenins merkte das natürlich sehr wohl. Er wußte sehr gut, daß der größte Teil des ungünstigen Eindrucks, den er hervorrief, auf die Verfassung seiner Equipierung zurückzuführen sei, und ging lange mit sich zu Rate, ob er nicht doch seinem Herzen einen Stoß geben und sich von Kopf bis zu Füßen bei dem ersten Uniformschneider! der Garnison neu einlleiden lassen solle. — Aber das hätte ihn wenigstens vierhundert Mark gekostet, und er hatte sich nun einmal, seinen bescheidenen Verhältnissen entsprechend, fest vorgenommen, bei den Neuanschaffungen für die Hebung nicht über die hundertzwanzig Mark Equipierungsgelder hinauszugehen, die ihm zustanden. Die aber waren bereits für die inzwischen eingeführten Uniform- änberungen sowie für Reithosen .und Reitstiefel draufgegangen ... So trotzte er denn weiter dem Schmunzeln des Straßen- Publikums wie der Zurückhaltung seiner Kameraden. Sein einziger außerdienstlicher Umgang war Flam- berg. Und das entschädigte ihn vollkommen — in ihM verehrte er, der Kunstgelehrte, den schaffenden Künstler, wie dieser seinerseits in dem Kritiker den idealen Adressaten« seiner Lebensarbeit. Gar manche Stunde verbrachten die beiden Gleichgesinnten im Cafe, in einer Weinstube drunten in der Stadt oder auf der Stube des einen oder des andern bei kaltem Abendbrot und Flaschenbier in ernstem Geplauder über die zeitbewegenden Fragen der Malerei . . . der Dichtkunst. . . der Kunst überhaupt. Dennoch füllte dieser Umgang die Mußestunden des Privatdozenten nicht völlig aus; denn Flamberg legte Wert darauf, auch außerdienstlich viel mit den aktiven Kameraden zusammen zu sein. Es war sein Grundsatz, während der acht Wochen Uebungszeit ganz und gar sich in einen Soldaten zu verwandeln, und so wußte er auch mit der ganzen proteischen Wandlungsfähigkeit seiner Künstlerseele sich der Sprache, den Umgangsformen, der Weltanschauung des Kreises anzupassen, welchem er für diese kurze Zeit durch den Rock angehörte, beit er trug., Wilhelm Frobenins wußte sich zu trösten. Die dienstfreien Nachmittage, die kurzen Abendstunden benutzte er, um den Grundriß seiner Vorlesung für das künfllge Wintersemester zu skizzieren, die das Drama des Naturalismus zum Gegenstände haben sollte. Von Tag zu Tag hatte er die peinliche Pflicht aufgeschoben, sich bei seiner Retterin, der Tochter seines Bataillonskommandeurs, für den siegreichen Kampf mit Kuno dem Schrecklichen zu bedanken. Für einen Menschen, der, wie er, so sicher jM Kreise seines Wirkens und Schaffens zu stehen gewohnt war, mußte es ein peinlicher Gedanke sein, eine gesellschaftliche Komödie zu spielen, die für sein inneres Leben keine Bedeutung hatte und ihm doch eine Reihe von Empfindungen' bringen mußte, welche die Ruhe seines Lerz.ens gefähr- 502 beten — diese schöne Ruhe, die ihm umso wertvoller war, seitdem er eine neue Arbeit begonnen . . . Ja — die Ruhe seines Herzens gefährdeten! — Denn, so albern ihm das auch vorkam —। bei dev Erinnerung an jene Szene auf der Chaussee regte sich in ihm noch etwas anderes, als bloß das Gedenken an eine peinliche und lächerliche Blamage. Es war ein dumpfer, uueiugestcmdener Schmerz in ihm, daß seine Retterin aus der so lächerlichen wie gefährlichen Situa- tion nicht nur eine Dame, daß es. . . just diese Dame gewesen ! Sein arbeitsames, entsagungsvolles Jugendlebeu hatte ihn nicht allzu häufig in gesellschaftliche Berührung mit Damen jener Kreise gebracht, denen er seiner Lebensstellung nach heute angehörte. Die Unzulänglichkeit seiner Verkehrsformen machte ihm das offizielle Gesellfchaftstrekben zur sinnlosen Qual und ließ ihn ganz erkennen, wie inhaltleer eigentlich doch all jene Formen des Beisammenseins seien, die überhaupt Männer und Frauen seiner Kreise zusammenführten. So war sein Verkehr fast gänzliche auf die gleichfalls unverheirateten Gelehrten jener Hochfehulen beschränkt gewesen, an denen er bisher gelernt oder gelehrt hatte. Aber nicht ungestraft beschäftigt man sich ein Leben lang mit den Schöpfungen der Kunst, der Poesie. . . Denn was ist ihrer aller Mittelpunkt?-- Das Weib! die unabsehbare Fülle der Empfindungen und Erlebnisse, welche die Berührung der Geschlechter dem Mannesleben erschließt. . . Und so lebte unerschlossen . . . unerlöst in den Tiefen dieser Gelehrtenseele die Sehnsucht aus der Theorie, aus dem Studium, aus der Nachempfindung heraus, in die Wirklichkeit... in das Schauen... in das Erleben. . . Das aber, was sich vor ein paar Tagen auf der Landstraße neben dem Froschtümpel abgespielt, war das nicht ein Erlebnis gewesen . . . kein sehr rühmliches . . . kein sehr reiches . . . aber doch immerhin eine Wirklichkeit, nicht bloß der Reflex einer solchen, nicht bloß ihr Spiegelbild in einer Dichterseele. . . einem Buch. . . einem Werk? Sein erstes, sein einziges Erlebnis, und — eine Fortsetzung würde es ja doch finden muffen — den fchnl- Ligen, den längst fälligen Dankesbesuch. — Und eines Morgens um zwölf ließ sich Wilhelm Fro- benius von dem getreuen Schmitz den Ueberrocf, frischgewaschene weiße Glacehandschuhe und den altmodischen Helm mit dem silbernen Landwehrkreuz zurechtlegen. . . Eine halbe Stunde später stand er in einem dunkeln .Salon mit Mahagonimöbeln und grünen Plüschfauteuils ... an den Wänden in schweren, goldenen Leisten tief nach- gedunkelte Bilder preußischer Offiziere in den Uniformen vergangener Jahrzehnte und blasser Damen in schwarzen Krrnolingewändern. . . daneben in auffallendem Kontrast protzige-Rahmen, welche die Bildnisse eines grobknochigen Mannes vom Typus des industriellen Emporkömmlings und einer schlichten, spießbürgerlichen Fran in violetter Seidenrobe umschlossen... Eine zarte Dame mit nervösem, spitzem Gesicht, unruhig flackernden Augen, scharfer, leichtgeröteter Nase und schlichtem grauen Scheitel trat ans dem Nebenzimmer herein: „Bitte Platz zu nehmen, Herr Leutnant!" Jrobenius versank fast in dem niebern Sammetsessel und hatte einige Mühe, seine langen Beine, den Säbel und Helm schicklich unterzubrittgen. „Gnädige Frau werden bereits gehört haben... ich hatte neulich das Unglück . . . man hatte mir ein unbrauchbares Pferd geschickt , . . und Ihr Fräulein Tochter... ." „Ach, der Herr sind Sie!' —" Rücksichtslos kritisierend musterten die grauen Augen die Erscheinung des Besuchers. „Ich möchte also Ihrem Fräulein Tochter noch einmal meinen Dank für ihren gütigen Eingriff aussprechen —" „Ach, das war wohl nicht mehr als Christenpflicht von Nelly, Herr Leutnant!" „Werde ich die Ehre haben, das gnädige Fräulein selbst zu sehen —?" ■ „Meine Töchter sind wieder pusgeritten, aber sie müssen jeden Augenblick wiederkommen!" Einen Augenblick Stille. Wilhelm Frobenius fühlte sich namenlos geniert. 1 , ' Frau von Sasfenbach hatte inzwischen ihte Prüfung heendet —A — Nein — der Herr war ungefährlich! Und in viel liebenswürdigerem Ton stellte sie nun die üblichen Fragen: Wie der Herr Leutnant sich im Regiment gefalle. . . wie er mit seinem Kompagniechef zufrieden sei. . . ob er sich auf das Manöver freue. — — Er sei ja wohl Gelehrter int Zivilverhältnis -— und aus Bonn — sieh da — aus dem schönen Bonn am Rhein. , Ob er auch die dortigen Verwandten ihres Mannes,. Seine Exzellenz den Generalleutnant ,a. D. von Sassenbach und seine Damen kenne —: Das mußte Frobenius natürlich verneinen Hinter seinem Rücken öffnete sich mit raschem Ruck die Tür. — Er fühlte: da ist sie-- „Ah ,sieh da — der Herr Leutnant Frobenius —i na, endlich!" Schelmisch drohte das Mädchen mit dem Finger. Sie hatte sich nicht Zeit genommen, sich umzukleiden . . . schlank und straff stand sie da . . . knapp umschloß das graue Reitkleid die elastische Gestalt. . . Auf ihren Lippen lag ein Lächeln . . . ein Lächeln von so ganz anderer Art als neulich am Froschtümpel . . . Und mit ausgestreckter Linken hielt sie dem Besucher einen stattlichen Folioband entgegen, auf dem--sein Name stand . . . „Man hat sich inzwischen mit Ihnen beschäftigt, tote Sie sehen, Herr — — Leutnant. . ." Mit einem Male überkam den Gelehrten das Gefühl einer tounberbaren Sicherheit. Schau, schau — nun wußte sie, nun mußte sie wissen, wen sie vor sich hatte . . mußte wissen, daß er picht immer das hilflose Opfer! unmöglicher Situationen toar^ „Werden Sie glauben, Herr Seutnant, ich hast nicht nur Ihr Buch gelesen . . . ich hab auch znM ersten Male seit meiner Pensionszeit den Schiller wieder vorgeuom- nten —!" „Ah--das ist schön! — Aber nun lassen Sie mich Ihnen nochmals meinen aufrichtigen Muk —" „Aber so schweigen Sie hoch bloß von der albernem Geschichte. . . das war ja nicht der Rede wert... Ich hab Ihnen zu danken . . . ich!" Und mit peinlicher Ueberrafchung ward nun Frau von Sassenbach die stumme Beobachterin eines Gesprächs über Gegenstände, die in ihrem Salon noch niemals verhandelt worden waren . . . , Was war das. . . Nelly glühte ja bei der Unterhaltung mit diesem langstelzigen Herrn, wie sie kaum je im Ballgespräch mit einem ihrer Verehrer geglüht hatte. . „Erinnere dich, Nelly, daß wir heute mittag bet Frau von Czigorski zu Tisch gebeten sind! es wird Zeit, dich umzukleiden!" Der Besucher verstand. „Ich darf -die Damen nicht länger aufhalten!" „Ich hoffe, Sie werden mir noch mehr von Schiller erzählen, Herr Frobenius," sagte das Mädchen, indem es sich erhob'. „Ich fürchte," meinte Frobenius, „dazu wird kaum Gelegenheit sein!" Aber g-etoifj! — erstens sehen wir uns doch nächstens auf dem Regiments fest — Und zweitens werden wir doch hoffentlich bald -einmal das Vergnügen haben —. nicht wahr, Mama? — Herrn Frobenius hei Uns zu sehen!?" „Ich hloffe das gleiche," sagte Frau von Sassenbach in einem Ton, der wenig mit dem Inhalt ihrer Worte stimmte. „Leben Sie wohl, Herr Frobenius, und feien Sie nochmals bedankt . . . ja . . . seien Sie bedankt . -Auf Wiedersehn, Herr Frobenius!" Beim Ausstehen kamen Beine ünd Säbel abermals in Konflikt. Was tat’S ! f—. — Auf Wiedersehn! hatte sie gesagt auf Wiedersehn — — (Fortsetzung folgt.) künstlerische Fabrikarchitektur. Von Paul Westheim (Berlin). Fürst, Adel, Kirche, das waren die Bauherren der alten Z etL Irgendwie lassen sich die großen -Architekturwerke der Vergangen hett fast immer auf eine von diesen Mächten zurückführen. Schlösser und Kirchen werden natürlich heute auch noch gebaut, aber, genauer besehen, wird einem bald klar, daß hinter den meisten und größten unserer Bauaufgaben ein neuer Faktor: der Verkehr, der Handel, die Industrie, mit einem Work: das große Kapital steht. Für Bahnhöfe und Brücken, Kauf- und Warenhäuser, Kraft- 503 imfe und Fabriken werden die Snmmlen aufgebracht, die unsere Baumelster in Architektur umzu setzen haben. ™ , Zuerst standen sie ein wenig ratlos vor den plötzlich gestellten Man wußte von den Hochschulen her sehr wohl Bescheid, tote em Palais gefällig und künstlerisch anzulegen wäre; M^me so nüchterne und gewöhnliche Sache wie eine Fabrik?! Mre Griechen hatten keine Fabriken gebaut, die Römer so etwas nicht geklnnt, die Gotik kerne Beispiele dafür hinterlassen; also konnte etü? Aufgabe sein für Menschen, die sich als Bau- kunstler suhlten, die etwas an die Straßen setzen wollten ähnlich raSYrtes.°rt^ geschaffen hatten. Den Jlldustriebau überlies; also der künstlerisch bestrebte Architekt minder ehrgeizigen Uud rnlnder befähigten Bautechnikern. Für Leute; die eben nichts r,Höheres zustande bringen konnteii, war er als Arbeitsgebiet gerade recht. v c gguze 19. Jahrhundert, das diesen verblüffenden Sieges- ' V?,. MAfAuue erleben sollte, war von solchen Anschauungen ^herrscht. Ate,,Arbeitskaserne" war eine von jenen widerwärtigen Erscheinungen, die das Leben täglich ungemütlicher machten und die man am liebsten garnicht auf der Welt gehabt hätte. Man tonnte sie sich nur roh, nur häßlich, nur abstoßend vorstellen, und welchen Sinn hatte es gehabt, an so etwas künstlerische Sorgfalt Kil verschwenden! War es nicht des Guten genug, wenn man die ruaH« ment Ästchen stilgerecht herrichtete, wenn man einen Happen Elk, Renaissance oder dergleichen als Aufputz dreingab? Kein Äwlr rri rie uupid anschwellenden Fabrikstädte ein so unsagbar rropioses Aussehen boten, wenn der Naturfreund zu zittern begann, I? Wen SöI der erste Schlot zu rauchen anfing. Wo t schiuen erst einmal ratterten, die Räder surrten, die Hämmer Wn°rn^en/~5ar r? .auS der Schönheit. Kahle Backsteinmauern, klobige Schornsteine, geteerte Dächer, ungeordnete Baumassen, kgn Ä^lt der Arbeit, die sich alles unterjochte. Eine Entwürdigung des lebendigsten aller $C9rl s: Arbeitsbegriffes. Die stolze Industrie, die Hunchrttauseuden die Daseinsmöglichkeit gab, hauste so, als ob ,t®?OT3 em« Falschmünzerwerkstatt das Tageslicht zu scheuen hätte, und pferchte diese Hunderttausende zeit ihres Lebens in Baulich- tu'• ’r-Y Vorzeitig altern und arbeitsunfähig machen mußten. Unhygienisch und unwirtschaftlich, war diese Art der Kasernierung nicht langer' haltbar. Männer von weiterem Blick erkannten, daß uian den Leuten, die gute Arbeit leisten follten, menschenwürdige Ausenthaltsräume, Licht, Luft und eine zweckmäßige Ordnung bieten müßte. Schon im Aufbau sollte der Betrieb so gegliedert sem, daß ;ebe Arbeitssunktiou wie eine Selbstverständlichkeit zu der nächsten überleitete, daß unnötige Härten gegenüber den vielerlei Angestellten vermieden wären. So war es ein Gebot der Klugheit, sich bei solcher Gelegenheit an die besten Architeften der Zeit zu wenden. Nicht weil sie mehr oder minder große Künstler waren, sondern weil bei ihnen am meisten Verständnis zu erwarten war für die Bedürfnisse des praktischen Alltages, weil sie ja auch sonst darauf ausgingen, das Notwendige zweckvoll und harmonisch zu organisieren. Um an einem Beispiel zu zeigen, nm1 was es sich da eigentlich handelt, braucht man nur auf die neue Turbinen Hal le u nd di e n eu en Fabrikanl a g en d er A. E. G. zu verweisen. Es ist ja bekannt genug, daß die A.E. G. sich für ihre Bauten Peter Behrens aus Düsseldorf herühergeholt und daß im Norden Berlins Jngenieurwerke von jauchzendem Schwung und prickelnder Elastizität entstanden sind. Arbeitsstätten, in denen die Arbeit Ulchts mehr Gedrücktes und Helotenmäßiges an sich zu haben schemt, die als Wahrzeichen einer neuen Großmacht in die Welt hmelnragen. Man kann es begreifen, daß die auf große Reprä- sentatton bedachten Gebr. Mannesmann sich von diesem Behrens etn Bureauhaus richten, daß die S t a d t F r a n k f u r t am Main sich von ihtn ein Projekt für eine neue Gasanstalt hat machen lassen. Ihr Ost Hafen mit seiner Luftschisfhalle, seinen prachtvollen Brückenanlagen, Mühlen, Lagerhäusern und Fabrikgebäuden, die da in den letzten Jahren in die Höhe geschossen Md, ist ia so recht ein Milien für diese Art neuer Bestrebungen. Ein Dokument besonderer Pflege ist das Bad Nauheim. Tie hessische Regierung hat dafür Sorge getragen, daß die Salinen, Badeanlagen, Gaswerke usw. sich zu einem harmonischen Bild runden. Eine Tendenz, die ohne eine behördliche Fürsorge in der lost genannten Gartenstadt Hellerau durchgeführt worden ist. Eine imposant geleitete Möbel-Fabrik: die deutschen Werkstätten für Handwerkskunst, tritt ja hier als Siedlerin im großen Stile auf. Nicht nur ein moderner, von Riemerschmid durch»- geformter Fabrikbau ist da geschaffen worden, sondern auch sehr ansprechende Ein- und Zweifamilienhäuser für die in der Fabrik beschäftigten Arbeiter. Bei dieser Anlage denkt man unwillkürlich an das von Fischer gebaute Fabrikdorf G emind ersdo rf bei Reutlingen oder an die vorbildlichen Siedelungen, die sich au die Krupp-Werke schließen. Fürwahr, wenn man mit einem Blick für diese Dinge dtirch das Reich fähtt, findet man doch eine ganze Menge Anlagen, die wie einst die Tome und die Schlösser davon zeugen, daß die deutsche Arbeit sich zu einer stolzen, ihres Wertes auch bewußten Wacht entwickelt hat. Da sind die liebenswürdigen, mitunter spielerisch liebenswürdigen Gestaltungen, die man in schwäbischen Nestern antrifft, da die monnUtentale Wucht der rheinischen Jndustriewerke, Von denen auch nur die Besten aufzUzählen.auf schrkaleW Raunt m°sllch rst. In der Ruhr spiegelt sich ein vorbildlich anständiger Aurbmenbau, den Bruno Taut für Har kort und .Wetter errichtet hat. Und aus' der Silhouette der iTP9V^. höchst charaktervolle Bau, den die - ?^^b-Handels-Aktren-Gesellschaft von H.Wagner erhalten hat. ^n Hannover steht man überrascht vor der neuen §^^»^?8'abrtk von Bahlsen, in Wiesbaden vor der ^^'"l.chen Sektkellerei. Dresden hat in seinem Stadtbaumetster Erlwetn, Barmen in Kuebart, Offenbach tit Eberhardt, die Provinz Schlesien in Poelzig Manner, die sich an solchen Aufgaben mannigfach bewährt haben. Den Kenner unserer architektonischen Bewegung wird es auch inter- estteren zu erfahren, daß Muthesius, der die netten Land- hauschen baute, eben dabei ist, für eine Berliner Seidenfabrik in N^wa^s eine große Fabrikanlage zu schaffen. Starke Forderung verdanken diese BestrÄungen der sogenann- f $u e,to e 9 u n 9- In dem alten Fabrikbau, der rücksichtslos Landschaften und Städtebilder verwüstete, bekämpfte einen ihrer grimmigsten Gegner. Den Unternehmern suchte sie das Gewissen zu schärfen, den Leuten draußen im Lande klar zu machen, wie unsozial es doch sei, wenn ein Einzelner die Möglichkeit habe, mit einem rohen Ban die Schönheit eines ganzen Bezirkes zu zerstören; ja, sie scheute sich nicht, gegen derlei ästhettsche Rohlinge die Klinge der Gesetzgebung in Bewegung zu setzen. Schade nur/ daß diese verdienstvollen Absichten gelegentlich beeinträchtigt werden durch ein paar Heißsporne, die in einem liebereifer die neuen Fabrikbauten in das Gewand alter Bauerngehöste stecken mochten. Sie glauben den Charakter der heimischen Landschaft einzig dadurch bewahren tzu können, daß sie für alles, was neu hinzukommt, eine Maske verlangen, die den Anschein erweckt, als ob das Oertchen seit fünfhundert Jahren ohne Entwickelung geblieben wäre. Eine Spinnerei, eine Weberei, eine Gießerei ober etne Papierfabrik sollen nicht anders aussehen als die Tenne des Rittergutes, das vielleicht einmal an dem Platz gestanden hat. Wo die Räder sausen, die Treibriemen surren, die Hämmer schlagen, die Schlote rauchen, ist diese „Scheunenromantik" aber wahrlich nicht weniger operettenhäft als die Autogarage, die Ivie ein Schwemekober eingedeckt wird. Abgesehen von den unsachlichen und oft undurchführbaren Anforderungen, die dadurch an die Industriellen gestellt werden, hemmt man durch solche Tendenzen die künstlerische Entwicklung des modernen Fabrikbaues, dessen eigentliche Größe doch darin besteht, daß er für die organisatorischen/ tecymschen, hygienischen und sozialen Voraussetzungen eines solchen Betriebes sich die selbstverständliche Form schafft, daß, er aus den neuen Konstruktionen, den neuen Baustoffen, die zur Verwendung gelangen müssen, und den neuartigen Möglichkeiten, die in dieser Welt der großstiligen Arbeitstaten schlummern, Gestaltungen entwickelt, die an Größe und charaktervoller Schönheit nickst zurück- bleiben hinter den Dokumenten, durch die die alten Mächte vor der Nachwelt .bestehen. Der siegeszug der Motors auf -em Weltmeer. In wenig niehr als einem Jahre ist der Motor und die Petroleumfeuerung im Schiffahrtsverkehr von Bedeutungslosigkeit zu einem ernften Nebenbuhler der Dampfmaschine emporgewachsen/ und an, die Tore unserer Gegenwart pocht bereits mit harter Faust die Zeit, da ein Teil der traitsatlantischeu Schiffe von der Kohlenfeuerung zur Petroleumfeuerung übergehen wird. Welche wirtschaftlichen Vorteile und Ersparnisse bieten nun int Schiffsverkehr die Dieselmotoren, die in jüngster Zeit im praktischen Dienste ihre erste Probe abgelegt haben, sind die Ersparnisse und die Vorteile groß genug, um eine schnelle Umformung! der Schiffbautechnik erwarten zu lassen? Zum erstenmal wird diese Frage auf Grund praktischer Erfahrungen zahlenmäßig von dem Herausgeber der bekannten englischen Fachzeitschrift „Das Motorboot" ausführlich beantwortet, und das vorgelegte, sorgsam zusammengestellte Zahlenmaterial spricht eine deutliche Sprache. Der englische Fachmann legt Wert auf die Feststellung, daß sein Material einer großen englischen Schiffahrtsgesellschaft entstammt, die bisher nur mit Kohlenfeuerung gearbeitet hat. Er stellt bei seinen Ausführungen zwei annähernd einander gleichwertige Schiffe nebeneinander: die mit Dieselmotoren ausgerüstete „Selandia", die regelmäßig zwischen Nordseehäfen und Bangkok verkehrt, und ein Dampfschiff gleicher Größe. Die Verhältnisse beider Schiffe sind folgende: Selandia 7400 Tonnen geladenes Deplacement/ 4900 Brutto Registertons, 3200 Netto Registertons, 370 Fuß Länge bei 53 Fuß Höhe und 30 Fuß Breite. Das Dampfschiff dagegen Mit: ebenfalls 7400 Tonnen geladenes Deplacement, 4930 Brutto-Registertons, 3210 Netto-Registertons, 356 Fuß Länge bei 50 Fuß Höhe und 32 Fuß Breite. Die Schnelligkeit beider Schiffe ist gleich groß: 11 Knoten. Das Dampfschiff ist im übrigen etwas schlanker gebaut, aber dieser Vorzug kann durch das etwas höhere ungeladene Deplacement als ausgeglichen angenommen werden. Was verbrauchen nun diese beiden Schiffe täglich auf der Fahrt an Feuerung? Die Selandia verzehrt 10—12 Tonnen Petroleum, der Dampfer 40—45 Tonnen Kohlen. Für die ganze Reise von der Nordsee nach Bangkok, die hin un$ zurück 75 Tage beansprucht, braucht die Selandia 900 Tonnen Petroleum, der Dampfer 3700 Tonnen Kohle. Nun wechselt der Preis von Petroleum und Kohle in den einzelnen Häsen sehr stark. Das wirtschaftlich zweckmäßigste wä.re natürlich, dey 504 Gesamtbedarf an Fcueruugsstraterial in jenem Hafen an Bord zst nehmen, der die billigsten Preise aufweist. tut auch bte Selandia; ihre Reeder, die ostasiatische Gesellschaft, beziehen auf Grund eines Vertrages das Petroleum für 35 Schilling pro Tonne ; das Schiff braucht also für die ganze Reise für rund 31 500M Petroleum. Wenn der Dampfer die 3700 To nnen Kohle, die er benötigt, auf einmal anfuehmen und mit 12 Schilling per Tonne bezahlen könnte, so würde das Motorschiff auf geder Reise 13 000 Mk. billiger fahren. Nun kann aber der Dampfer die gesamte Kohlemnenge nicht auf einmal aufnehmen, da sonst zu wenig Raum für Ladung übrig bliebe imd die ganze Rentabilität der Fahrt fraglich würde. In der Praxis nimmt der Dampfer in verschiedcneii Häfen je 600 Sonnen Kohle ein. Hier ist die Kohle billig, dort teuer: der Durchschnitt für die Fahrt von der Nordsee nach Bangkok und zurück beläuft sich in Wirllichkeit auf 21 Schilling für die Tonne. Bei bescheidener Schätzung ergibt sich ein Kohlenverbrauch von mindestens 60 000 Mk. Dazu kommt der Verlust von zwei Hafentagen, der von den Reedern! auf rund 2000 Mk. geschätzt wird. Zudem aber müssen die Maschinen im Hafen unter Dampf gehalten werden; die ganze Fahrt bringt 46 Hafentage, die den Dampfer Geld kosten, während das Motorschiff in der gleichen Zeit nichts verbraucht. . Wenn man all diese Mehrausgaben in Rechnung setzt, so ergibt sich schliesslich, daß das Motorschiff die Reise um 40 000 Mk. billiger zurücklegt. Beide Schiffe können jährlich drei Reisen unternehmen; wem: man sogar zugunsten des Dampfschiffes die ungewöhnliche Elastizität der Kohlenpreise in Betracht zieht, so ergibt sich im Fahre für das Motorschiff doch eine Ersparnis von mindestens 100 000 Mk. gegenüber dem Dampfer. Aber hiervon! müssen einige Abzüge gemacht werden. Die Selandia führt 900 Tonnen Petroleum mit, der Dampfer durchschnittlich nur 300 Tonnen Kohle, das Motorschiff opfert also 400 Tonnen; Raum, der für die Frachteinnahme wegfällt. Das ergibt rechnerisch pro Jahr 13 000 Mk. weniger Einnahme. Andererseits ist das Petroleum im Doppelboden verstaut, so daß das Motorschiff Raum für Einzelgüter gewinnt. Als unbedingt sicher wird aber, selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen, die Selandia um 80 000 Mk. billiger reisen als der Dampfer. Und diese Zahlen; basieren auf den Erfahrungen, die man mit einem der ersten großen Motordampser gemacht hat; Man muß also die fortschreitende Verbesserung der Motorentechnik im Auge behalten. In Hamburg ist kürzlich der erste 2000 UL-Motor mit bestem Erfolge bereits erprobt. Wenn man die Mehrkosten des Motorschiffes, also die ersten Anschaffungskosten der Maschinen in Rechnung setzt, so zeigt sich, daß die Mehrausgaben in höchstens vier Iahten in der Praxis viel schneller völlig getilgt werden. Von dann ab aber arbeitet das Motorschiff mit einer reinen jährlichen Ersparnis von mindestens 80000 Mk., voraussichtlich aber mehr. Vermischtes. hi. S ch in e 11 e r l i n g s t r e i b h ä n s e r. Jetzt, wo die kleinen flinken Gesellen nmherhnschen nnd -schwirren, ist die goldene Zeit für die Schmetterlingssammler gekommen. Aber, wie müheselig ist der Fang! Und nicht gar selten muß der Sammler zu seiner Enttäuschung sehen, wie der Falter trotz größter Anstrengungen entwischt. Dem hat man nun in England abgeholien, wo man schon fett einigen Jahren regelrechte Schmetterlingstreibhäuser eingerichtet hat. Augenblicklich gibt es vier große Landgüter in England, auf denen ausschließlich Schmetterlingszucht betrieben wird. Das Leben im GlaShause bekommt den kleinen Gesellen gar sehr, und alles wird getan, um sie die goldene Freiheit nicht allzu sehr vermissen zu lassen. Kleine Käfige, die mit Moskitonetzen behangen sind, sind eigen? für sie erbaut worden, und in ihnen wachsen Blumen, deren Blüten ihnen die Nahrung geben. Um ihre Schmackhaftigkeit noch zu erhöhen, tverden die Blüten von Zeit zu Zeit mit Honig überstrichen. In diesen Treibhäusern werden die Schmetterlinge äußerst zahm. Sie gehorchen sogar dem Rufe des Wärters. Selbst der Kolibri-Falter verliert feine Furchtsamkeit. Aber nicht allein die ausgewachsenen Schmetterlinge werden regelrecht gezüchtet, sondern auch für die Raupen wird gesorgt. Große Pflanzungen, besonders von Birken, deren saftige Blätter die Lieb- lingSspeise der gefräßigen Larven bilden, sind ihnen als Wohnsitz zugewiesen, und um sie gegen die Verfolgung ihrer natürlichen Feinde, die von der kleinen Schlupswespe an bis zur Hauskatze ihnen unablässig „auf den Fersen" sitzen, zu schützen, werden die Bäume zur Raupenzeit in eine Art Mousseline eingehüllt. Planche Raupenarten sind wegen ihrer Gefräßigkeit berüchtigt und die ihnen als Wohnsitz zugewiesenen Bäume würden bald in Kahlheit glänzen, wenn die Raupen nicht von Zeit zu Zeit ziehen müßten. Daß eine Schmetterlingszüchterei ein lohnendes Geschäft ist, wird man verstehen, wenn man hört, daß für einzelne der gezüchteten Sorten Preise von 4—500Mk. erzielt werden. Auch die Eier werden verkauft; die Eier des gewöhnlichen Falters kosten ungefähr 20 Pfg. das Dutzend, während andere Arten nicht unter 4 Mark zu haben sind. * Die grö ßke Blume bet SS ei t. Von den Riesen der Flora, bta nur in der Tropensonne zu voller Entwicklung ihrer! Größe gelangen können, ist wohl am Merkwürdigsten eine in Sumatra heimische Aroidea, deren gewaltige Ausdehnungen allcH andere, was man sonst an großen Blumen kennt, weit in den Schatten stellen. Diese Blume, die den botanischen Namen „Arnor- phophallus Titanurn" trägt, gehört tziu den Aroidceu, ist also uuserrst bekannten Aronsstab in der Form der Blüte ähnlich; sie hat wie; diefer einen Blüten- bezw. Fruchtkolben, der von einer Blumen-, scheide umgeben ist. Aber welche Ausmaße hat diese Blume! De« Forscher Boccari, der im Jahre 1878 zuerst diese Blume am Fuße des Vulkans Siegelang auf Sumatra entdeckte, ließ eine Wurzelknolle der Pflanze ausgraben, die anderthalb Meter Umfang hatte und von zwei Männern nur mit Mühe getragen werden konnte. Das einzige Blatt, welches sich unmittelbar über den Erdboden bildete, hat eine Höhe von 3Vs Meter bei einem Stengel- umfang von 90 Zentimetern und bedeckt mit seiner glänzend grünen, von zahlreichen kleinen, runden, weißen Flecken überhäuften Blattspreite eine Fläche von 15 Metern Umfang. Der Blütenkolben, der später zum Fruchtkolben wird, hat eine Länge; von 1,75 Meter, und die Blumenscheide, die diesen Kolben umgibt, hat einen Durchmesser von 75 bis 85 Zentimetern. Diese Schäide ist in ihrem unteren Teile hellgrün, an ihrem oberen Rand dunkel- purpurn gefärbt. Die Stengelblüten befinden sich an dem unteren Teile des Blütenkolbens und hier sitzen später bei der Reife die ungefähr olivengroßen, mennigroten Früchte. Die RiesenblurnA hat aber durchaus keinen Wohlgeruch an sich, im Gegenteil strömt besonders die absterbende Pflanze einen höchst widerlichen Geruch aus, durch den große Mengen von Insekten, Aasfliegen undj Aaskäfern herbeigelockt werden, von denen die verwesende Pflanze wimmelt. Man hat schon vielfach versucht, diesen Goliath de« Blumenwelt in unseren botanischen Gärten zu züchten, aber die erzielten Pflanzen, deren Entwicklungszeit mehrere Jahre beanspruchte, blieben in ihren Maßen weit hinter den Exemplaren zurück, die in ihrer ostindischen Heimat ohne jede Pflege heranwachseu. * ©in Prophet, der eine Stadl entvölkert Eine furchtbare Panik hat ein mexikanischer Fanatiker Cesario Garcia in der Stadt Guadalajara entfesselt. Tie blühende Stadl, die 150 000 Einwohner zählte, liegt nun verödet und ist von einer großen Zahl ihrer Bewohner verlassen. Grausiges Entsetzen herrscht überall; die, die ihre Wohnungen nicht aufgegeben haben, schleichen verstört durch die leeren Gassen. Eine Wolke des Grauens hat sich über alles gesenkt. Und warum? Weil der Prophet, an dessen übernatürliche Kräfte die Menge glaubt, in einer glühenden Bußpredigt ein Erdbeben prophezeit hat, durch das Guadalajara in seiner Sünden Maienblüte wie ehedem Sodom und Gomorrha mit Feuer und Schwefel zerstört werden würde. War die andächtige Gemeinde zunächst noch geneigt, dieses anschaulich geschilderte furchtbare Schreckbild für eine rhetorische Drohung zu halten, so wurden alle Anhänger Garcias von der entsetzlichen Wahrheit seiner Prophezeiung überzeugt, als ein dumpfes Grollen sich hören ließ, die Erde erbebte und einige leichte Erdstöße dis Grundfesten der Häuser erschütterten. Zwar erfolgte weiter nichts als diese im Lande durchaus nicht ungewöhnliche Erscheinung; das Strafgericht schien noch einmal gnädig vorüber gegangen zu sein, aber die durch den Fanatiker verwirrten Gemüter konnten sich nicht mehr beruhigen; der Stachel der Angst haftete fest; man glaubte, daß mm jeden Moment der Feuer- und Schweselregen beginnen müsse, und seit der Bußpredigt und dem ihm folgenden drohenden Ereignis haben täglich viele Tausende von Bewohnern die Stadt verlassen. Garcia selbst und ein Teil seiner Anhänger blieben zurück, weil sie sich dem Schicksal, das der Herr über die Stadt verhängt, nicht entziehen wollten. Mitten auf dem Marktplatz hat die fanatische Menge dem neuen Propheten einen Altar errichtet und schmückt ihn jeden Tag mit Blumen. Man verehrt in ihm den „neuen Elias", einen gottgescmdten Boten, der in einer feurigen Wolke vom Himmel niedergefahren sei. Die Einzigen, die in diesem Chaos allgemeiner religiöser Verzückung und wahnsinniger Angst die Besinnung noch nicht verloren zu haben scheinen, sind die Stadtbehörden von Guadalajara. Sie hielten es für das beste, was sie tun konnten, wenn sie den Anstifter all dieser Verwirrung aufheben ließen. Ader als Garcia ins Gefängnis gebracht wurde, entstand ein Sturm unter der Menge; man versuchte das Gefängnis zu stürmen und nur ein starkes Militäraufgebot konnte mit großer Mühe die Fanatiker vertreiben. Garcia soll keine Speise und keinen Trank angenommen haben, feit er int Gefängnis ist. Seine Anhänger behaupten, er erhalte Nahrung durch göttliche Hilfe. Jedenfalls ist es dem Propheten gelungen, die Stadt zu entvölkern und in heillose Verwirrung zu bringen. Gleichllang-Rätsel. Hauptwort trägt besondre Kleider Und spricht fremd im deutschen Lande. Zeitwort sehen wir beim Schneider Am getragenen Gewände. Auslösung tu nächster Nummer. Auslösung des Rösselsprungs ist voriger Nummer t Die Mühe ringt dem harten Felsen ab, Was je um Schweiß ein Gott der Menschheit gab. Die Treue spart des Schicksals Preise, Arbeitend, wissend bildet sich der Weise. Redaktion: I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießs/»