Donnerstag oen U- Erz HIMW jiii’^'^ i i'U./. •PRoTB^TW»^' H.'NoiI. 61«.swn Ul! Eine Heldin. i Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Am Nachmittag desselben Tages saß Kathinka auf dem Flügel und sang halblaut und 'verträumt ein uraltes Wiegenlied, als der Erbprinz in das Gemach eintrat, während die Fürstin in dem großen Klubfauteuil eingenickt war. Hans Jochen blieb hinter Kathinka stehen, von ihr unbemerkt. Am Ende des Liedes ließ sie noch ein paar leichte Akkorde erklingen, dann faltete sie die Hände im Schoß und träumte vor sich hin. Doch nur wenige Augenblicke. Sie stieß ein „Ach" hervor, als wolle sie unliebe Gedanken abschütteln; dann reckte sie die Arme weit von sich und traf dabei den Erbprinzen leicht an der Schulter. „Herr Gott," fuhr sie auf, und als sie Se. Hoheit erblickte, wurde sie verlegen und vermochte nicht einmal zu stammeln. Der Erbprinz sagte lächelnd: „Sie taten recht, gnädiges Fräulein, daß Sie mich wegen meines unangemeldeten Eintrittes straften. Verzeihen Sie mir, daß ich ohne Erlaubnis Ihrem Spiel lauschte." „Ach Hoheit, ich kann ja gar nichts; mein Spiel ist ja bloß elende Stümperei." „Warum so bescheiden, Fräulein von Hämmerling? Die altertümliche Weise war innig gesungen und meisterhaft begleitet." „Hoheit sind sehr gnädig — aber . . ." Kathinka warf einen ängstlichen Blick nach der Fürstin. ; „Nun aber?" „Wollen Ew. Hoheit nicht Ihre Durchlaucht begrüßen?" „Wie kann ich das, da die Tante schläft? — O bitte, nicht wecken; gönnen wir ihr das bischen Schlaf, — und erzählen Sie mir etwas." Der Erbprinz legte sich in einen Schaukelstuhl und - blickte erwartungsvoll nach der jungen Hofdame, die sich wieder auf dem Klaviersessel niederließ. „Ich glaube, Sie haben keine Ahnung, tote nett es sich mit Ihnen plaudert. Schon heute früh, als wir das Glück hatten, Sie im Park. . . ach, Pardon — da fällt Mir eben ein, — die Rosen, sie liegen draußen im Wagen. Wissen Sie, liebes Fräulein" — er dämpfte seine Stimme —, „die lassen wir jetzt ruhig draußen, damit die Fürstin- Tante nicht aufweckt." Er schwieg. Kathinka fühlte, daß sie auf diese galante Liebenswürdigkeit des Prinzen etwas erwidern müsse. „Ich weiß nicht, Ew. Hoheit, wie ich zu der hohen Auszeichnung komme." Hans Jochen richtete sich in dem Amerikaner aus und schaute Kathinka voll an. „Ich will Ahnest etwas sagen, Fräulein boit, Hämmerling. Wenn Sie mir einen großen, großen Gefallen tun wollen, so schenken Sie sich diese Hofschranzenphrasen und geschraubten Anreden und Komplimente. Ich bm das nicht gewöhnt, und möge der Himmel mich bewahren, daß rch je Gefallen an diesem Gewäsch, finde. Er hielt ihr seine Hand hin, und Kathinka legte rhr kleines Patschhändchen hinein und sagte beglückt: „Wenn Sie es wünschen, Hoheit, gern." „O — ich danke Ihnen, danve Ihnen von Herzech.' „Was hast du denn Kathinka zu danken, Hans Jochen? Und so herzlich?" Die Fürstin sagte das ganz ruhrg. Trotzdem erschraken die beiden und fuhren auf. „Oh — gut geruht, Frau Tante? — Und grüß Goth in Deiner Klause und viele Grüße vom Vater — — „Danke — danke. — Aber, wo hast du dre Rosen, Jochen?" „Die liegen im Wagen und werden bewacht doch — Herrn Grafen zu Hollen." , Der Prinz lachte eine ganze Tonleiter auf- und abwärts. ' , „ , . „Du Böser," drohte die Fürstin, „warum hast du den Grafen nicht mit herein gebracht?" „Ich wollte schon, obgleich mir nichts daran lag, aber der Hüter der heiligen Etikette lehnte es ab mit beut' Hinweis, daß er ja gar nicht von Ihrer Durchlaucht zum Besuche befohlen sei." Jetzt lachte auch die Fürstin. Sie klingelte dem Diener und befahl, Tee zu servieren zu vier Gedecken und dann Herrn Graf zu Hollen hereinzubitten. Jedoch Hans Jochen unterbrach sie: „Erlaube gütigst, Tantchen. Ich. hatte einen anderen Vorschlag: Schau, heute ist so prächtiges Frühsommerwetter. In Schwanau ist Nachmittagskonzert, der Wagen steht draußen, — weißt du, wir fahren einmal ein Stück aus und halten Rast in Schwanau. Ja, willst Du?" , t , „Ach bitte, Ew. Durchlaucht, das Ware doch zu herrlich." „Nuu seht mein kleines Hofdämchen, wie sie nach weltlichen Dingen trachtet," lachte die alte Dame gütig, imb zum Erbprinzen sagte sie: „Nun gut, jedoch ein halbes Stündchen wird vergehen, ehe wir unsere Toilette beendigt haben." „Bitte — ich vertreibe mir unterdessen die Zeit mit deinen Molchen oder ich necke den teueren Jockel ein wenig." „Und was wird aus dem armen Grafen?" „Der? — Ach! der mag warten. Ich habe ihm' nicht geheißen, mich zu begleiten."--— — ——■ Kammerherr Graf zu Hollen schnellte aus dem Wagen, als die Herrschaften im Portal des Gartenpalais erschienen. Er ging ihnen entgegen und, den Seidenhut in der Rechten^ verbeugte er sich fast bis zur Erde. „Ich war Ihnen doch nicht zu lange, Graf?" fragte der Erbprinz mit malitiösem Lächeln, 166 ;,@iv. Hoheit sind zu gütig. Warten ist mein Beruf. Und wenn Em. Hoheit gnädigst geruht hätten, bis heute abend. . ." - „Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie dann bis heute abend —? Lieber Graf, sollten Sie Ihre Pflichten als mein persönlicher Adjutant doch nicht etwas zu ernst auffassen? Uebrigens — Ihre Durchlaucht hat dre Absicht, auszufahren. Selbstverständlich werde ich mich mcht um das Vergnügen bringen, die Damen zu begleiten. Ich danke Ihnen sehr, Herr Graf." Er verabschiedete den Kammerherrn durch eine kühle Verneiguug, während Hollen den Herrschaften eine tiefe Verbeugung widmete. Dann schritt er hochgehobenen Hauptes den Parkweg entlang dem Schlosse zu. In ihm kochte es. Er verwünschte den Erbprinzen und verwünschte die Idee, Se. Hoheit heute nachmittag mit zur Fürstin begleitet zu haben. Die Damen nahmen im Fond des Wagens Platz, der Prinz instruierte kurz den Lakai. Die Pferde, des langen Stehens müde, jagten auf den gutgepflegten Parkwegen dahin. Und nun ging es erst ein Stück auf der Landstraße entlang und dann in den prächtigen Schwanauer Forst. Kathinkas Gesicht bekam eine leichte Röte und etliche Haarflechten lösten sich und spielten int lauen Sommerwind. Hans Jochen sah sie immerfort an. Wenn sie ihr Stumpfnäschen in das Bukett steckte, vibrierten die feinen Nasenflügel ein wenig. Sie sog mit Behagen den mildlieblichen Duft ein und schloß dabei die Augen. Als sie fühlte, wie der Prinz sie dabei beobachtete, sagte sie: „Sie haben mir eine große Freude gemacht mit diesem prachtvollen Strauß, Hoheit. Ich liebe Blumen über alles, Blu- wett urtb u „Und die Menschen?" fragte die Fürstin. „Ich habe noch zu wenig Menschen kennen gelernt!, um sagen zu können, ob man die Menschen im ganzen lieben darf." „So eine kleine Philosophin sind Sie? — Waren Sie zu Hause so vereinsamt, so isoliert von der Gesellschaft?" „Ganz und gar. Ich hatte nur einen Freund, — nein zwei: Meinen guten, seligen Vater und Fritz — mein Reitpferd." „Wie, Sie reiten?" „Leidenschaftlich, Hoheit. O, so über die Heide zu fegen, durchs Gebüsch zu flitzen und Graben und Hecken zu nehmen, das ist mein ein und alles." „Sie sind ein rechtes, tüchtiges Mädel, Fräulein von Hämmerling," sagte der Erbprinz zu Kathinka und reichte ihr die Hand. Die Fürstin aber bat er, ihre Hofdame allmorgendlich eine Stunde zu beurlauben, damit er den Vorzug haben könne, mit ihr auszureiten. „Aber Hoheit, aber Hoheit," jubelte Kathinka, „was schenke ich Ihnen nur gleich zum Dank?" Sie hob das Bukett. „Hier, eine Rose. Suchen Sie sich eine heraus, die schönste, gelt?" Mit beiden Händen hielt sie ihm beit Strauß hin, und Hans Jochen zog eine der Blüten heraus. „Ach, warum nehmen Sie diese zerdrückte?" Da sagte er leise: „Sie ist für mich die schönste, dennj Ihre Lippen haben ihre keuschen Blätter berührt." Die Fürstin hustete merklich, und Kathinka schlug die Augen nieder. Es Herrschte verlegene Ruhe. Doch bald lachte Hans Jochen auf und sagte: „Jetzt habe ich mich für eine Guttat beschenken lassen, die zu erweisen ich gar nicht berechtigt bin." „Meine Erlaubnis zum Ausritt habt Ihr." „Tausend Dank, Tantchen. Aber ob mir das löbliche Oberhofmarschallamt die Genehmigung erteilen wird, mit Fräulein Hämmerling auszureiten, steht noch dahin." „Allein jedenfalls nicht, aber in Begleitung des Herrn Grafen zu Hollen geht das schon," sagte die Fürstin. „Nein, Tantchen, den sind wir los. Der Herr — reitet nämlich nicht, — nein, dieser Kavalier fährt und läuft nur, er behauptet: das Reiten erschüttere ihm das Gehirn. — Nun seht, das ist ja großartig. Der muß mit, selbst auf die Gefahr einer Erschütterung des hohen gräflichen Gehirns. Famos, famos!" Der Prinz rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Aber Hans Jochen, wenn Graf Hollen nicht reitet, kann er dich doch, nicht auf deinen Ausritten begleiten," sagte nun die Fürstin. „Doch — doch, Tantchen, er wird reiten. Erstens, weil ich es wünsche und zweitens, Tantchen — kennst du den Eifer des Grafen nicht. Er wäre der letzte, der dieses! Amt einem anderen überließ, vielleicht Herrn von Merkwitz." „O ja, Hoheit, Herr von Merkwitz mag uns begleiten. Er wäre mir viel lieber, als der Gras," stimmte Kathinka sofort zu. Ein kurzer fragender Blick Hans Jochens traf sie, dann sagte er: „Wird nicht gehen, Fräulein, das ist nun einmal Hollens Amt." Er blickte vor sich hin und schien verstimmt. Man fuhr schweigend durch den Wald. Ein kräftiger harziger Geruch strömte aus dem Gehölz, ganz schwach vermischt mit dem Dufte blühenden Waldmeisters. Hie und da sauste der Wagen an Spaziergängern vorbei, die, durch die silberbetreßten Lakaien ausmerksam geworden, meist stehen blieben und neugierig in die Equipage schauten. Selten grüßte einer und Hans Jochen dankte dann kurz und kühl. Die breite Chaussee entwand sich jetzt dem Walde und senkte sich -allmählich nach dem Schwanauer See zu. Die Spaziergänger mehrten sich, und der Prinz hatte stetig den Grüßenden zu danken. Der Wagen hielt vor der Rampe der Terrasse, die dicht mit Menschen besetzt war, und Hunderte von Köpfen reckten sich, als sie die Hofequipage erkannten. Der Lakai, sprang ab und öffnete den Schlag. Der Erbprinz gab seine Instruktionen. „Sie spannen aus. In genau einer Stunde fahren Sie wieder vor. Als die Herrschaften die Treppe emporstiegen, legte sich tödliche Stille über den gesamten Garten, und dann durchraunte ein Flüstern die Menge der Gäste: „Der Erbprinz und die Fürstin." Kaum hatten sie sich gesetzt, da stürzte auch schon der Wirt in weißen Handschuhen herbei, und in wohlgesetzter Rede wollte er eben seinem Danke Ausdruck geben. Aber der Erbprinz winkte ihn heran und sagte halblaut: „Hören Sie, Lieber, wir wollen hier ungestört ein paar Minuten rasten, also bitte, sparen Sie sich jede Anstrengungen. Tante, willst du mal bestellen?" „Gern. Wir trinken doch Kaffee. Also bringen Sie Kaffee und Gebäck." Und als sie dann wenige Minuten später aßen unk» tranken, wie gewöhnliche Sterbliche, legte sich auch die Neugierde der Umsitzendeu. Der Erbprinz hatte längst seine alte Sicherheit wiedergewonnen, und auch Kathinka gab sich wieder in ihrer natürlichen Anmut. Nach einer Weile erhob sich die Fürstin. „Ich glaube, int Saale wird getanzt. Wenn es euch recht ist, wollen wir uns das Getriebe einmal ansehen." In dem Gedränge des Saales standen Hans Jochen! und Kathinka dicht beisammen. Eine Unmenge Paare drehten sich nach den weichen Melodien des Fledermaus- Walzers. „O — wer hier mal so recht mittanzen könnte!" sagte Kathinka mit verhaltener Sehnsucht. „So wollen wir doch," forderte der Prinz sie auf. „Hoheit, wenn ich nicht Ttauer hätte." „Ach pardon, ich vergaß." Er neigte sich ganz dicht an Kathinkas Ohr und flüsterte: „Aber später, später. Ja, wollen Sie?" Mochte es nun sein, daß die heiße Lust und die schmeichelnde Musik sie berauschte — sie ward von einem seligen Taumel erfaßt, der sie die Wirklichkeit vergessen ließ. Sie faßte des Prinzen Hand und drückte fie, und sie stieß hervor: „Ja, Prinz, ja." Aber int plötzlichen Erkennen ihrer Stellung widerrief sie schnell: „Nein, nein, Hoheit, ach, ver-, zeihen Sie, — o Gott, was ich gesagt habe." Die Fürstin hörte, ohne die Worte verstanden zu haben/ bett ängstlichen Ton in Kathinkas Stimme. „Fehlt Ihnen etwas, Kinb?" fragte sie besorgt. „Es wird ihr hier zu heiß sein," antwortete Her Prinz für sie. Man verließ den Saal und kehrte zu dem Tisch zurück^ „Herr Gott, Sie sehen ja ganz blaß aus, Kathinka." „Ach, es ist nichts, Durchlaucht. Mn der Luft wird mix wieder besser." Hans Jochen Mächte sich im stillen Vorwürfe, baS1 Kind erregt zu haben; er war unzufrieden mit sich. Er fühlte, daß in ihm eine Liebe aufkeimte, die zu unterdrücken heilige Pflicht für ihn sei. Und doch/ wenn er das zarte, liebliche Gesicht Kathinkas anschaute, konnte er sich ihrem Banne nicht 167 Stille Liebe. Novellette von Paul Bl iß. Sie war Sängerin. Kr war Kapellmeister. Beide waren am Stadttheater engagiert. Er liebte sie mit der ganzen Glut seiner sünfundzwanzig Jahre. Es war jene hohe wahre Liebe, die den Mann für ewig festhält, wenn sie über ihn kommt. Aber sie versprach nichts. Wähl lieh sie sich seine Aufmerksamkeiten gefallen, und auch manche kleine harmlose Zärtlichkeiten gestattete sie ihm, denn sie hatte bald einsehen gelernt, daß er ein entziehen. — Der Lakai meldete, daß die Hofequipage vorgefahren sei. Der Wirt brachte die Rechnung, und als sie der Erbprinz beglichen, lachte man herzlich darüber, daß die Lakaien doppelt so viel gebraucht hatten wie die Herrschaften. Sechstes Kapitel. Graf zu Hollen war, nachdem ihn nachmittags der Erbprinz entlassen hatte, in höchstem Erimme ins Schloß geeilt. Er ließ sich bei Exzellenz von Graul melden und klagte ihm die widerfahrene Zurücksetzung. Der Oberhofmarschall war außer sich. „Unerhört, unerhört, Graf. Also, erlauben Sie, die Sache liegt so: Der Erbprinz hat vorher nichts von einer Ausfahrt verlauten lassen. Erst als er wußte, .daß die Fürstin in Begleitung der Hämmerling — nicht wahr -—?" „Genau so, Exzellenz. Und dann hat er mich einfach als überflüssig beiseite geschoben." „Hm, hm. Hören Sie, Lieber, Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich die Sache erfaßt: Dem Prinzen lag fern, Sie zu kränken, ihm war vielmehr daran gelegen, allein auszufahren." „Sie meinen wegen der Hämmerling?" „Ich bin davon überzeugt. Der Prinz ist ein Don Juan comme il saut. Wir haben Beispiele sattsam aus Berlin. Unser Geschäftsträger In der Reichshauptstadt hat mir genügend darüber berichtet. Und Fräulein von Hämmerlings Reize sind doch nicht wegzuleugnen." „Allerdings nicht, Exzellenz, nein, auf Wort, sie ist superb." „He, he r— superb. — Also auch Sie, Graf? Na, dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls müssen wir verhindern, daß Unser künftiger Landesherr der Hofdame von Hämmerling mehr als fürstliches Interesse entgegenbringt" Graf zu Hollen sann vor sich hin. „Oder sind Sie anderer Meinung, Graf?" „Ich überlege mir soeben, ob es nicht doch besser wäre, Mr ließen den Erbprinzen vorläufig gewähren, eh — ich Meine — selbstverständlich sind das ganz vertrauliche, private Besprechungen, Exzellenz?" „Wer natürlich, mein Bester, natürliche" „Ich meine, es ist doch gut, wenn man sich die — na, sagen wir i—- die Gunst seines zukünftigen Herren schon quasi pränumerando sichert." „Ich verstehe Sie nicht, Graf." । „Aber Bester, machen Sie mir's doch nicht so schwer. Ich will sagen: Wir lassen Seine Hoheit jetzt ruhig gewähren, wollen aber im geeigneten Zeitpunkt nicht verfehlen, Seine Hoheit nahe zu legen, daß wir um seine Allüren wissen." „Ah - ah , „Großartig, was? • ■ „Einfach famos. Alle Wetter, solch weitschauenden Diplomaten hätte ich gar nicht in Ihnen gesucht." „Nicht wahr? — Aber mehr Privatdiplomat. — Und was sagen Sie zu meinem Plan?" „Ich heiße ihn gut — bin vollständig einverstanden, um so mehr, als wir dadurch vielleicht auch dem Minister ein bißchen von seiner Stelle helfen könnten." „Wieso das?" „Na, wenn der regierende Herr des Erbprinzen Neigung erfahren sollte, würde er doch wohl in erster Linie den Minister zur Verantwortung ziehen." „Natürlich — natürlich. Denn dessen Pflicht wäre es ja wohl zuerst gewesen, Seiner Hoheit die Augen zu öffnen." Die beiden Herren schieden im besten Einvernehmen, beide im Bewußtsein, heute zur Festigung ihrer Machtstellung in späterer Zeiten ein gutes Stück beigetragen zu haben. ' (Fortsetzung folgt.) tüchtiger Musiker war, ein gediegenes Wissen haltch Und daß sie viel von ihm lernen konMe. Deshalb war sie bestrebt, seine Gunst sich zu erhalten. Sie war arm und von maßlosem 'Ehrgeiz beseelt, sie wollte empor, groß, gefeiert und berühmt werden. Wer si« konnte ihr bißchen Gage nicht für teuere Lehrstunden ausgeben, weil sie ihre alte Mutter unterstützen mußte. Und deshalb hielt sie sich gut mit dem jungen Kapellmeister, der sie umsonst unter-, richten wollte. Das alles wußte er wohl. Er fühlte auch, daß sie sich oft zwang, lieb zu ihm zu sein, und' er merkte ces, daß all ähr Interesse immer nur ihrer Kunst galt, aber trotz alledem liebte er sie, und je länger sie ihn auf ein liebevolles Wort warten ließ, desto! heißer nur wurde sein Sehnen, desto leidenschaftlicher liebte er sie. Sein Gefühl für sie war so hoch und hehr, so rein seine echte Liebe, daß er stets voll froher Hoffnung auf die Zukunft war: o, -er wollte warten, bis sie selbst zu ihm kam, bis sie selbst sich ihm an die Brust warf — er wollte werben um siie, b-is er sie errungen hatte. So wartete er zwei Jahre. Nun war sie fertig. Alles was' sie war, dankte sie ihm. Sein ganzes Wissen und Können hatte er an sie gewendet. Wer nun war sie auch heraus aus dem Nichts, jetzt stand'ihr die Welt»offen^ ein Weg empor zum Ruhm und Glanz. Als sie zum erstenmal die Carmen sang, da war ihr Schicksal entschieden. Sie hatte einen wahren Triumpherfolg, und mit einem Schlage war sie berühmt. Sie wurde gefeiert, und big Engagementsangebote kamen mit jedem Tage glänzender. Sie schwamm in Wonne und -Entzücken. Mit nassen Augen! kam sie zu ihm, der sie zu dem gemacht, was sie nun war, und mit heißen Dankesworten stand sie vor ihm. Auch er war überglücklich. Er hielt ihre zitternde Hand fest umfaßt, und während sie vor ihm stand, kam all seine heiße Liebe lodernd empor, und plötzlich zog er das geliebte Weib an sich, umfaßte sie und mit bebender Stimme flüsterte er: „Paula, ich habe dich über alles lieb! Komm, werde nun mein Wieib!" Da aber entwand sie sich seinen Armen und rief: „Nein, nein! Ich muß hinaus in die Wett, mich lockt der Ruhm und der Erfolg! In diesen engen Mauern würde ich verkümmern; mein Element ist die Bühne mit ihren tausend Reizen und Enttäuschungen; für die Familie bin ich nicht geschaffen." Sie verließ ihn und ging nach der Hauptstadt in ein glänzendes Engagement. Und er ließ sie ziehen. Mit keinem Wort hielt et sie zurück. Wer in seiner Brust blieb eine Wunde zurück, blutend und schmerzvoll, und ob er äußerlich auch derselbe blieb, innerlich wurde er krank, denn der Gram nagte an ihm und raubte ihm die Ruhe seiner Tage und den Schlaf seiner Nächte, denn er liebte sie noch immer. So vergingen ein paar Jahre. Er, hatte sie nicht wieder! gesehen. Und sie hatte auch nichts von sich hören lassen. MeV dennoch war er genau unterrichtet, wo sie war und was für Erfolge sie errungen hatte. Alles wußte er, was sie betraf. Er war nun dreißig Jahre, fein Haar fing an, grau zu werden, und auf sein Gesicht kamen die Falten des heimlichen Kummers. Eines Tages wurde er krank, ernsthaft. Er kam in eine Privatklinik. Eine barmherzige Schwester pflegte ihn. Ein heftiges Nervenfieber hatte ihn gepackt. Wochenlang lag er schwer darnieder, oft war er ganze Tage lang bewußtlos und raste in wilden Fieberansällen, und immer verfolgte ihn das Bild der stolzen Geliebten, oft rief er ihren Namen, wenn er in tollen Phantasien von der alten Sehnsucht befallen wurde. Mit nie ermüdender Geduld saß Schwester Marie an seinem Lager und pflegte ihn. Tag und Nacht, und wenn er dann mal ein paar Tage fieberfrei war, dann nahm er wohl die schmale zarte Hand der Wärterin, unb streichelte sie zärtlich und voll inniger Dankbarkeit, und mit leiser Stimme sprach er dann: „Sie sind mein guter Engel, Schwester Marie; Ihre liebe Art der Behandlung ist tote ein Balsam auf meiner wunden Seele. Nie kann ich Ihnen das danken, was Sie für mich getan haben. Leise küßte er ihr die Hand. Und dann wurde Schwester Marie rot und in fast atemloser Verlegenheit entgegnete sie: „Aber ich tue doch nur meine Pflicht^