Hf 1 '111 »ES S4T Bä 7-vaU. WO«S WGchM« .'-> •; «■- ••/■■ - —7 »/ ■fr. Eine Heldin. Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Kammerherr und Erbprinz atmeten aus. Hans Jochen unterdrückte nur mit Mühe seine Entrüstung über die dreiste Aufdringlichkeit des Höflings. Mit schneidender Stimme fragte er: „Das ist alles Ihre Pflicht, Herr Graf?" „Meine Pflicht und Schuldigkeit, Ew. Hoheit." „Mir ist nur neu, daß die Beamten (Graf Hollen zuckte zusammen) meines Hofstaates ihre Pflichten selbst formulieren." Und Herr von Hollen antwortete: „Ew. Hoheit wird wohl noch mancherlei neu sein im Getriebe des Hoflebens." Hans Jochen erbleichte. Er wandte sich ab und herrschte ihn an: „Verlassen Sie mich jetzt." Hollen verneigte sich tief und verließ das Zimmer, während der Erbprinz in großen Schritten und vor Zorn zitternd das Kabinett Durchmaß. Er entschloß sich, noch heute bei seinem Vater die Entfernung des Grafen Hollen aus seinen persönlichen Diensten zu beantragen. Doch im Nächsten Augenblick verwarf er diesen Entschluß wieder. Er kannte den Herzog zu genau, um nicht zu wissen, daß dieser zwar wohl den Grafen von seiner Stellung als Adjutant entheben, ihm aber als Entschädigung einen noch höheren Posten verleihen würde. Und diese Förderung des Einflusses Hollens auf das ganze Hofleben wollte er doch lieber sein lassen. Der Kammerdiener Born trat ein und erinnerte den Erbprinzen, daß es Zeit fei, sich nach dem Audienzsaal zu verfügen. Er durchschritt die lange Galerie, die bei großen Hoffestlichkeiten mit als Speisesaal verwendet wurde und betrat dann das Audienzzimmer. Der Staatsminister Dr. Löwe, der Oberhofmarschall Freiherr von Graul und Kammerherr Graf zu Hollen waren schon zugegen. In tiefer Verneigung begrüßten sie den Erbprinzen, der dem Minister die Hand reichte, hie beiden anderen Herren aber nur mit einem kühlen Gruße bedachte. Er sprach mit dem Minister über gleichgültige (Dinge, wie ihm und seiner Gemahlin das Fest gestern abend bekommen sei, und wie es seinem Sohn, der an die Reitschule nach Hannover kommandiert worden war, erginge? — Zwei Lakaien rissen die Flügeltüren auf, der Hofjäger mit dem Kronenstabe trat ein und vermeldete das Erscheinen Sr. Hoheit des Herzogs. Gleich darauf trat auch der Herrscher in Begleitung des Hosjägcr- meisters Baron von Merkwitz und des Geheimen Kabinettssekretärs Dr. Brian ein. Nachdem Se. Hoheit die anwesenden Herren begriißt hatte, setzte man sich um den großen grünen Tisch und Dr. Brian verlas nun, daß Se. Hoheit der Herzog in Rücksicht auf sein hohes Alter Se. Hoheit den Erbprinzen Hans Jochen zum Mitregenten ernannt habe, ferner daß Graf zu Hollen zum persönlichen Adjutanten Sr. Hoheit des Erbprinzen bestimmt worden sei und endlich in Anbetracht der Wichtigkeit des Tages einen Amnestieerlaß. Die Hofbeamten gratulierten dem Erbprinzen in der vorgeschne» denen Weise, — der Herzog küßte ihn auf Stirn und Wangen, und nachdem die anwesenden Herren das Aktenstück unterzeichnet hatten, erhob sich der Erbprinz und sprach folgende Worte: „Erlauchtester, mächtigster Herzog und Herr, gnädiger und gütiger Water, geschätzte Herren! Durch eben! unterzeichnetes Dekret zum Mitregenten Sr. .Hoheit und zum Herrn des 'Landes ernannt, versichere ich, daß ich ganz im Sinne meines Herrn Vaters und Mitregenten die Re- gierungsgeschäfte sichren werde. Die Wohlfahrt des Landes und meiner Untertanen als höchstes Ziel vor Augen, wird es mein Bestreben sein, die loyale Regierungsweise meines Herrn Vaters noch weiter auszubauen und zu fördern. Nehmen Sie darauf mein fürstlich Wort und Handschlag." Merkwitz und Dr. Brian warfen sich einen freudigen Blick zu, während Graul und Hollen ziemlich betreten vor sich nieder sahen. Hans Kochen reichte jedem der Herren fest die Hand und dann verließen Herzog und Erbprinz den Audienzsaal. Sie begaben sich, nur von Dr. Brian begleitet, in die Gemächer des Herzogs. Der Hofjägermeister Baron von Merkwitz eröffnete noch den Herren, daß sie für heute 2 Uhr zur Frühstückstafel befohlen seien, an der auch Ihre Durchlaucht die Fürstin mit ihrer Hofdame teilnehmen werde. Nun folgte auch Merkwitz den höchsten Herrschaften. Die zurückbleibenden Herren verharrten schweigend, bis die Lakaien die Türm geschlossen hatten, dann begann Graf zu Hollen: „Meine Herren, was sagen Sie nun?" „Ich finde die Worte des Erbprinzen männlich und ziel- bewußt und seinen bekundeten Willen als durchaus dem Staate dienlich," meinte Minister Löwe. „Hm... ich finde, daß die Regierungsweise unseres Landes loyal genug ist, als daß unser junger .Herr sie noch weiter auszubauen .und zu fördern nötig hätte." „Dem pflichte ich bei, Exzellenz, aber ganz und gar," wandte sich Gras Hollen zum Obermarfchall. Mit erhobener Stimme sagte der Minister: „Meine Herren. Ob Sie den bekundeten Willen Sr. Hoheit gut heißen oder nicht — jedenfalls wird der Erl>prinz in den maßgebenden Regierungsorganen eine treue Stütze finden. Dies Ihnen mitzuteilen, halte ich für meine Pflicht. Ihr ganz gehorsamster Diener." Dr. Löwe verneigte sich und verlieh das Zimmer. „Par — bleu — Exzellenz," ächzte Graf Hollen, „mir scheint, es weht ein anderer Wind." Der Oberhofmarschall hastete mit kleinen Schritten auf uud ab. Plötzlich blieb er dicht vor Hollen stehen uird mit gedämpfter Stimme sprach er: „Ich will Ihnen was sagen, Graf: Wir brauchen einen anderen Minister." Mit wiederholtem Händedruck gingen die guten Freunde auseinander. Währenddessen stand Kathinka hochklopfenden Herzens im Vorraum zum Privataudienzgemach des Herzogs. Der Lakai, ein alter, biederer Diener, erzählte ihr mancherlei aus dem Hofleben, besonders von der Güte des alten 162 Herzogs. Punkt 10 Uhr 30 öffnete er dann die Flügeltüren zum Audienzgemach. Es war ein ziemlich kleines Zimmer mit fast bürgerlicher Einrichtung. In der Mrtte stand quer ein großer Diplomatenschreibtisch, rechts und nnks davon kleine Regale mit allerhand Zeitungen und Schrift-. stücken bedeckt. Die rechte Seitenwand nahm etn riesiger Lederdiwan ein, über dessen Lehne auf einem Bord die deut- fchen Klassiker prangten. Kleine Tischchen, Staffeleien mit Jagd- und Kriegsbildern standen int Zimmer umher, so daß man sich mit ziemlicher Gewandtheit hirrdurchwmden mußte, um an den Schreibtisch zu gelangen. Ehrenschftder und Waffen aller Gattungen, auch große Portrats langst verstorbener Fürsten zierten die Wände. Herzog Wilhelm Ferdinand saß vor dem Arbeitstisch. Er war mit einer bequenten Litewka bekleidet und hatte wohl soeben gelesen, denn als der Lakai meldet: „Fräulein Kathinka von Hämmerling 11 Uhr 30 zur Privataudienz befohlen," suchte er bedächtig nach einem Lesezeichen, legte dies zwischen die Seiten und klappte dann das Werk zu. Ehe Kathinka eintrat flüsterte ihr der Diener noch zu: „Reißen Sie man nischt um, Fräulein." Und nun stand sie vor dem Landesherrn. Der Herzog hatte die Ellbogen aufgestemmt und stützte seinen Kopf am Kinn auf die Hände. Ms Kathinka sich von ihrer tiefen Hofverbeugung wieder aufrichtete nickte ihr der Herzog lächelnd zu. Väterliche Güte strahlten seine Augen. „Nun gib mir eine Patsch, Tochting." Kathinka faßte seine dargebotene Rechte mit beiden Händen und küßte sie. Der alte Fürst zog sie neben sich auf einen Sessel und sagte: „Und nun erzähl mir recht viel von deinem alten, lieben Pater. Du weißt, wie gern ich ihm das letzte Geleit gegeben hätte, aber mein Podagra, das wirft mich hin, — und dann bin ich perdu." Und nun plauderten sie lange von dem alten Haudegen. — Kathinka hatte bald alle Scheu vor dem Herzog verloren. Ihr heiteres und temperamentvolles Wesen brach durch, und als sie Sr. Hoheit ihren Empfang bei der Fürstin in ihrer drolligen Weise erzählte, lachte der alte Herr Tränen. „Wirst du es denn aushalten können bei der alten Dame mit all ihrem Viehzeug?" „Ich denke gewiß, Hoheit. Ich habe doch die Tiere so gern. Draußen, auf Ratings Gut, kannten mich alle Tiere. Die Rehe fraßen aus meiner Hand und wenn ich die Rotschwänzchen lockte und rief, flogen sie mir auf die SchtUter." „Du gutes, liebes Mädel. Na, versuch es wenigstens, und wenn mein Junge eine Prinzessin heimführt, dann hast du andere Gesellschaft als Affen und Molche. Kennst du übrigens den Erbprinzen schon?" „Ich hatte noch nicht die Auszeichnung, Ew. Hoheit." „Nicht? — Na dann aber schnell. Im Vorzimmer schrillte ein Glöckchen aus. Der Lakai trat ein: „Ew. Hoheit befehlen?" „Ich lasse Se. Hoheit den Erbprinzen bitten." Zwei Minuten später standen sich Hans Jochen und Kathinka gegenüber. Das Mädchen war so erschrocken, daß es einen kleinen Schrei nicht unterdrücken konnte, und auch der Erbprinz ward verlegen. Aber im nächsten Augenblick faßte er sie und reichte Kathinka die Hand mit den Worten: „Das ist ja gar meine kleine Patientin von gesterq abend!" „Na nun. Ihr scheint euch doch nicht so fremd zu sein?" fragte der Herzog ein wenig erstaunt. Kathinka bot bittend die Hände: „Ach, Hoheit, ich wollte Sie vorhin nicht belügen, — ich habe wirklich nicht gewußt, daß gestern abend Se. Hoheit. . ." „Ich gläub's — ich glaub's, Tochting. Und nun erzählt. Beide kaum hereingerocheit ins Schloß und schon ein Abenteuerchen, was?" „Bloß ein ganz kleines, Vater." „Ja, ein ganz — ganz kleines, Hoheit." Das klang so drollig naiv, daß beide Herren lachten und schließlich auch Kathinka ihr silbernes, herzliches Lachen erklingen ließ. Das Peinliche der Situation war' gebrochen. Herzog Wilhelm Ferdinand zog Kathinka wieder aus ihren Sessel nieder, wahrend sich der Erbprinz über den Schreibtisch lehnte und nun die Erlebnisse in der Hof- loge des Bankettsaales erzählte. Fräulein von Hämmerling hatte die Hände gefaltet und blickte verschämt in ihren Schoß: „Du armes Kind. Das soll das erste und letzte Mal sein, daß du in meinem Schlosse Hunger gelitten hast — und zur Entschädigung hast du diesen — Ring." Der Herzog entnahm einem Kästchen einen einfachen goldenen Reif. „Steck ihn nur an, — den hat dein Vater getragen, als er am Hofe Page war, — und aus Freundschaft hat er ihn damals mir geschenkt, vor 45 Jahren." Kathinka führte den Ring an hie Lippen und dankts mit herzlichen Worten dem Herzog. „Und nun leb wohl, mein Tochting, in einer Stunde sehen wir pns wieder zur Frühstückstafel." Punkt zwei Uhr erklangen auf der versteckten Orchestergalerie die Fanfaren des Hoftrompeterkorps. Die großen weißen Türen verschwanden geräuschlos in den .Wänden und unter Vorantritt von sechs in blau gekleideten Pagen betrat der Hof den Saal. — Der Herzog führte Ihre Durchs taucht die Fürstin, während deren Hofdame vom Erbprinzen zu. Tische geleitet wurde. Die anwesenden Herren verneigten sich und traten dann ein jeder hinter seinen Stuhl. Der .Pagenmeister sprach das Tischgebet und als der Herzog noch einen Augenblick zögerte, seinen Platz einzunehmen, rief Kathinka: „Na, da wollen wir uns setzen." Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund und' ward purpurrot. Die Herren bissen sich auf die Lippen, um nicht laut auszulachen, aber der Oberhofmarschall griff zitternd nach der Stuhllehne. Er wollte einen wütenden Blick nach der Etiketteufchäuderiu werfen, aber sie sah in ihrer lieblichen Verwirrung so reizend aus, daß er seinen Zorn mäßigte. Und außerdem schienen die allerhöchsten Herrschaften auch gar nicht bös aus die kleine Sünderin zu sein, denn der Herzog stimmte ihr huldvollst zu: „Du hast recht, Tochting, — und laß dirs schmecken, das erste Mal an meinem Tisch:" Man war sprachlos. — Der Herzog nannte sie „du", er wünschte ihr eigenpersönlich guten Appetit. Mit dieser Dame mußte man es halten. Der alte Herzog war gesprächiger denn je und Ihre Durchlaucht legte höchsteigenhändig dem Fräulein das beste Stück des Kapaunen vor. Obgleich sich Kathinka einen Verstoß nach dem anderen gegen das vorgeschriebene Zeremoniell leistete, blieb doch das Schloß in seinen Fugen und der Himmel verfinsterte sich nicht. Der Herzog hob die Tafel auf und nachdem sich der Hof in Begleitung von Herrn Merkivitz und Kathinka zurückgezogen hatte, machte der Oberhofmarschall seinem Ingrimm Luft: „Nein, die Hämmerling. Ich bin sprachlos," stöhnte er. „Aber Sie reden doch, Bester," höhnte der Staatsminister. „Soll ich das nicht?" Soll man da nicht an den Wänden emporlaufen, angesichts solch schreiender Verstöße gegen unser geheiligtes Zeremoniell?" „Versuchen Sie es doch, Exzellenz, wenn Sie Ihrer Durchlaucht fürstlichstem Affen Konkurrenz leisten wollen," sagte lachend Geheimrat Brian. Der Marschall war so verblüfft, daß ihm sein Freund Graf Hollen zu Hilfe kommen mußte. „Ich finde einen Vergleich Sr. Exzellenz mit Ihrer Durchlaucht Affenvieh höchst unpassend." „So, finden Sie? Und ich finde, daß man nicht so kleinlich sein sollte, sich über Fräulein von Hämmerling zu alterieren." Mit diesen Worten wandte sich der Geheimrat zur Tür, aber der Minister hielt ihn zurück: „Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen, mein lieber Brian." Da trat der Hofmarschall zu Graf Hollen und flüsterte ihm zu: „Es bleibt bei unseren Abmachungen, Graf, wir brauchen einen anderen Minister." Fünftes Kapitel. Kathinka von Hämmerling hatte sich ihre Zimmer int Gartenpalais ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet, traulich und gemütlich. Ihr natürliches, kindliches Wesen hatte sie bald zum Liebling des gesamten Hofes gemacht, und die Fürstin behandelte sie wie ihr eigenes Kind. Ausl jeder Ausfahrt mußte sie Ihre Durchlaucht begleiten uttbi bei jedem Empfang war sie zugegen. Sie hatte sogar die Fürstin zu bestimmen vermocht, allmorgendlich einen Spaziergang durch den Park und die Stadt zu unternehmen; 163 Eines Tages trafen sie im $or$ den Herzog und den Erbprinzen zu Pferde. „Na, Tochting, ich habe dich! bald vierzehn Tage nicht gesehen," begrüßte sie der Herzog. Kathinka trug ein duftiges weißeS Kleidchen und als einzigen Schmuck eine Rose an der Brust. Die Herren reichten ihr die Hand. Dabei lüste sich die Blume und- fiel zu Boden, und der Zufall wollte es, daß des Erbprinzen Pferd sie im selben Augenblick zertrat. „Ach, meine schöne Rose," rief sie bedauernd. ; „Ich werde mir erlauben, Fräulein von Hämmerling, Mhnen Ersatz dafür zu senden." Hans Jochen errötete, als sie sich dankend verneigte, Und als daraus die Fürstin bar: „Du kannst die Rosen ja selbst bringen, Jochen; du bist so lange nicht b'ei mir gewesen," versprach er freudig, am Nachmittag in das Gartenpalais zu kommen. Nachdem die Herren sich verabschiedet hatten, erzählte die Fürstin viel von Hans Jochen. Kathinka hörte schweigend zu, doch kurz vor dem Palais fragte sie Ihre Durchs-' taucht, wie alt denn eigentlich der Mbprinz sei. „Achtund-zwanzig wohl oder so ähnlich, und es wird hohe Zeit, daß wir ihm eine Lebensgefährtin suchen. Der Herzog wünscht noch diesen Sommer seine Verlobung, und in der Schweiz sollen sich die beiden jungen Leute das erste Mal entgegentreten. Auf meine besonderen Vorstellungen hin unterbleibt die bei regierenden Häusern übliche Braut- schau, zum großen Leidwesen Grauls." „Dars man fragen. . .?" „Vorläufig Staatsgeheimnis, liebes Kind, doch wissen sollen Sie, daß Sie mich bei der Zusammenkunft der beiden Fürstenkinder begleiten sollen." (Fortsetzung folgt.) Der seltsame Vogel. Eine vergnügliche Skizze aus' dem Artistenleben. Von Alfred Funke. Mit dem Frühzuge war ich vom Strande nach Oporko zurück- gekommen, und da mein Dampfer erst in zwei Dagen fällig war, jo schlenderte ich mit Muße durch die alte schöne Stadt. Vom Turm der Jefuitenkirche genoß iw den wundervollen Blick auf den grünen Dvurv, die Häuserterrassen mit ihren bunten Kachel- fronten, die dunklen Hänge der Serra do Marao und das ewige Meer. Tann bummelte ich durch den Park der Eordoaria, toto die Rosen prangten und der Jasmin duftete, die Brunnen sprangen Und die Vögel sangen. Tann kehrte ich um und dachte daran, daß das Frühstück im Hotel de Paris gut sei, und prallte an der nächsten Straßenecke mit einem Manne zusammen. Der zog höflich den Hut und wollte weitereilen, die Straße zum Kristallpalast entlang. Ich faßte den stämmigen Mann aber ins Auge. Das volle runde Gesicht mit den braunen Augen kam mir bekannt vor, und ich rief: „He, Anselmo, alter Junge, nicht so eilig!" Ta erkannte auch er mich: „Bei Gott! — Alfredo, Sie sind es?" Tausend Fragen Hatte er auf den Lippen, Und da ich dem Grundsätze Huldige, daß das Erzählen bei einem Whlen Tropfen besser geht, so fragte ich Anselmo, ob er nicht eine gute Adresse wisse. „Sim, Senhor, weiß ich. Gar nicht weit. Gleich am Largo de Viriato Hat der alte Chroo Fontoura sein Schild. Der besitzt einen Weinberg bei Regoa, in den des liehen Gottes gute Sonne besonders gern hineinschaut." Tie Taberne des alten Fontoura war eine echt tusitanische Schenke, in der der leise Duft nach Knoblauch und Käse nicht fehlte. Aber der Wein war gut. „Saude! Zum Wohl!" Wir stießen an. Anselmo Pinto war von Geburt Portugiese, aber früh mit fahrendem Volk in die Welt gekommen. Ich hatte ihn in Berlin kennen gelernt, als er mit einer Korporalschaft dressierter Gänse drollige Exerzitien machte und seine Frau einen Truthahn, Juan Mit Namen, tanzen ließ. Wir hatten öfter noch eine Stunde zusammengesessen, wenn Anselmo und Dona Manuela ihre Nummer in der Manege absolviert' hatten. „Wie geht es Dona Manuela, Anselmo?" -Danke, gut. Sie arbeitet nod) immer mit Juan. Wer er ist eigensinnig wie ein Steinesel, Und es kostet Mühe, ihm eine neue Nummer beizubringen. Aber er Muß! Jetzt tanzt er sogar Machiche! Wir Dresseure machen jede Mode mit. Tanzen die Wewer Machiche, so tanzt mein Truthahn auch Machiche. Sie werden m sehen, wenn Sie heute abend in den Kristallpalast gehen." -,Und geht das Geschäft, Anselmo?" "sE' ,^er Üb habe Aerger, viel Aerger." tct Vor dem blutigen Bogel, der aus der feinen Strohmatte am Boden lag. . „Ein schöner Schaden!" stöhnte er, „ich sage m, drese Löwen, diese Unglücksbiester! Sitzt der Bogel ruhig ans seiner Stange, die ich ihm oben im Löwenkäflg angebracht hatte da sollte ihn schon keiner stehlen! - Aber im Traum plumpst er hinunter, gerade auf Sultan. !Ter erschriat, schürgt zu urck erhebt ein MordsgebMl. Nun, wenn mir im schlafe tut Truthahn auf den Kopf fiele, schlüge ich wahrscheinlich auch um mich. Da meldete der Kellner Mr Archibald Gültton. „Sagen Sie dem Kerl, er soll sich zum Teufel fcheren! ± Aber der Kellner kam zurück. D-er Herr müsse Herrn Pmto Unbedingt sprechen. „Zum Kuckuck, uh bm doch kern Irrenarzt!" . Da stand Mr. Glutton vor uns. „Good mormng!" grüßte Cr ^Daml hob er eilig den Truthahn bei den Ständern auf und fragte: „How nruch, Sir, wie viel?" , „Lassen Sie sich den Bogel gut bezahlen, Anselmo!" net ich lachend. Und der Artist sagte verdrossen: „Zwanzig Pfund, ipcrr!" Er erwartete offenbar, daß ihm Herr Archibald Glutton den toten Bogel an den Kopf feuern werde; aber der Sohn Albions zog ruhig seine Brieftasche, blätterte vier nagelneue Fünfpfundnoten auf, grüßte artig und verschwand mit seiner Beute. Wir standen da und sperrten den Mund auf. Mr. Glutton wohnte mit mir im gleichen Hotel. Ich habe sonst nicht die schlechte Gewohnheit, mich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen. Aber diesmal fragte ich den Oberkellner am folgenden Morgen, vb Mr. Glutton zu Tische kommen tverde. „Mr. Glutton ist gestern abgeveist, mein Herr!" „So? Und wohin?" „Nach London." „Und der Truthahn? Er will ihn offenbar ausstopfen lassen?" „Das glaube ich nicht. Der Koch hat ihn gestern abend braten müssen, gefüllt mit Maronen, mit zweierlei Gemüse serviert. Dann hat Mr. Glutton die beiden Herren, die ihm die Nachricht von dem Unglück brachten, zu Tisch geladen, und sie haben auf einen Sitz den braungebratenen Bogel verzehrt, viel Champagner dazu getrunken und endlich mit Antoninha und Fvasquita, den Stubenmädchen, Machiche getanzt, bis ich ein wenig eingreifen mußte. Ich sage Ihnen, der Truthahn sah gewiß komisch ,aus', als er noch tanzte, aber dieser lange Englishman sah noch komischer aus, als er sprang wie ein Heuschreck. !Die Stutzuhr auf dem Kamin ging freilich dabei in Scherben. Und dabei schrie er: „Three cheers for the turkey! Dreimal hoch der Truthahn! Endlich habe ich das Teufelsvieh doch Mischen die Zähne bekommen! Lange genug hat es' gedauert. Aber es lebe die Konsequenz ! Three cheers for the turkey! Ich habe meine Wette mit Dom Morrison gewonnen. Sie sind Zeugen, meine Herren !" Ich schüttelte den Kopf. Manchen seltsamen Bogel hatte ich in der Welt schon kennen gelernt. Aber Mr. Glutton noch nicht. vermischtes. kt Häuser für kinderreiche Familien i n P a r i s Jüngst wurde aus Varis von einem kinderreichen Familienvater berichtet, der gerade wegen seines Kinderreichtums keine Wohnung finden konnte. Er scheint die „Häuser sür kinderreiche Familien" nicht gekannt zu haben, die am Boulevard Ornano und der Rue Belliard stehen. Von diesem weiß ein Pariser Mittagsblatt merkwürdige Dinge zu erzählen: sie liegen in einer hübschen Gegend, sind mit Gas- und Wasserleitung, sowie mit Bädern versehen und zu den billigsten Preisen zu haben. Sie werden an Junggesellen oder kinderlose Familien nicht vermietet, wie schon die Inschrift verrät: Beservö aux familles nombreuses“, nur sür kinderreiche Familien! Ter niedrige Mietpreis erklärt sich daraus, daß es sich um eine wohltätige Stiftung handelt. * Das Toilettenbudget einer „vernünftigen' Amerikanerin. Als Beitrag zu der Frage, wie viel eine wohlhabende Amerikanerin alljährlich sür Garderobe auswenden muß, veröffentlicht Mrs. C. H. Anthony aus Indiana jetzt einen Ueberblick über ihre gesamten Einkäufe im vergangenen Jahre. Sie hält sich für keinesivegs extravagant, denn sie gebrauchte nur 200 Paar Seidenstrümpse, das Paar zu 8 Mk., 50 Paar Handschuhe ä 14 Mk., 50 Paar Schuhe ä 60 Mk. und 6 Paar diamant- besetzte Schuhe, die 28 800 Alk. kosteten. Ein Paar rubinenbesetzte Schuhe sind billig: 1600 Mk. Verhältnismäßig teuer kommt der Verbrauch an Spitzenunterröcken: 75 Stück kosten 7500 Mk. Für 30 Nachmittagstoiletten hat Mrs. Anthonv rund 29 000 SDlt. bezahlt, sür 25 Abendroben 40 000 Mk. Vier Pelzgarnituren kosten nur 28 000 und die vierzig Hüte dieser „sparsamen" Frau annähernd 20 000 Mk. Insgesamt hat Mrs. Anthony für Kleidung 199 760 Alk. ausgegeben, wobei sie davon überzeugt ist, durchaus „vernünftig gewirtschaftet" zu haben. * Wer anderen eine Grube gräbt. . . Eine lustige kleine Geschichte erzählt der Gaulois: Ein sehr bekannter Pariser-) Bildhauer, der auch durch seinen Witz berühmt ist, war am Donnerstag auf zwölf Uhr zu einem Frühstück geladen. Er ging über den Boulevard Saint Germain: plötzlich brach ein Platzregen los, der Künstler mußte sich in einen Hausgang flüchten. Die Automobile streikten, alle vorüberfahrenden Dro-chken waren besetzt: was sollte mau tun? Draußen geht ein würdiger älterer Herr mit einem vrächtigen großen Regenschirm einher. Dem witzigen Bildhauer kommt ein Einfall: er stürzt au! deu Fremden, packt ihn am Arm, drängt sich unter den Schirm und ruft mit der Miene ehrlichen Entzückens: „Aber wie ich mich freue, Sie zu treffen I Seit zwei Wochen will ich Sie besuchen. Welch glücklicher Zufall I Ich muß mit Ihnen sprechen, kommen Sie doch ein Stück mit." Und ohne dem guten alten Herrn Zeit zu lassen, sich zu fassen, plaudert unser Bildhauer weiter, erzählt Anekdoten, berichtet von einer nicht existierenden Familie, die beiden teuer sei: kurz, er kommt durch diese List unter dem Schutze des Schirmes seinem Ziele immer näher. Unmittelbar vor dem Hause, wo der Bildhauer erwartet wurde, richtet er plötzlich mit glänzend gespieltem Erstaunen seinen Blick genauer auf das Gesicht des Nachbarn und ruft mit erheuchelter Verlegenheit: „Oh, pardon, Monsieur, ich sehe, daß ich mich geirrt habe." „Tas scheint mir auch," erwidert kühl und gelassen der Fremde. „Nein, ich bitte Sie tausendfach um Verzeihung, entschuldigen Sie meine Indiskretion, ich ahnte gar nicht . . . Ich bin Bildhauer, mein Name ist 3E. Es würde mich freuen, wenn Sie mich im Atelier besuchen wollen, ich danke Ihnen, auf Wiedersehen." Und auf seinen wohlgelungenen Trick nicht wenig stolz, stürmte der Künstler in das Haus und erzählte lachend feilten Freunden die Geschichte von dem düpierten allen Herrn. „Ihre Krawatte sitzt schief," flüstert ihm ein Bekannter zu. Ter Bildhauer faßt mit der Hand nach der Krawatte: feine Krawatteunadel fehlt. Mechanisch durchsticht er seine Taschen: sein Portemonnaie ist verschwunden, seine Ubr, seine Brieftasche. Der „düpierte" ivürdige alte Herr ivar ein erprobter Taschendieb. kf. Ein Theater, in dem die Zuschauer bezahlt werden. In L o n d o n gibt es ein merkwürdiges Theater, bei dem die Schauspieler die Zuschauer bezahlen, ivährend sonst das umgekehrte Verfahren üblich ist. Tiefes Theater, das in der Maiden-Lane liegt, ist eine Verfuchsbühue, die um 10 Uhr morgens ihre Pforten öffnet und bis 6 Uhr abends ununterbrochen geöffnet ist. Hier wagen die künftigen Garricks und Kemts die ersten Schritte auf den berühmten Brettern, die die Welt bedeuten, und dies ist auch der Grund, warum die Zuschauer nicht bezahlen müssen, sondern bezahlt werden. Es gehört nämlich, wie die „Comödia" berichtet, oft die größte Nachsicht dazu, während einer ganzen Vorstellung auszuharren, und ivenn man für das Tableiben bezahlt wird, macht es doch einen gar zu üblen Eindruck, wenn man mitten im Stücke roegläuft. In den benachbarten Straßen halten sich die Anpreiser des Theaters auf, die die Zuschauer mit den schönsten Reden zum Besuche des Theaters anlocken müssen. Trotz der Bezahlung kargen sie mit dem Beifall sehr, ja wenn ihnen etwas nicht gefällt (was oft vorkommt), pfeifen und zischen sie sogar. Das einzige, >vas dieses Theater mit gewöhnlichen Theatern gemeinsam hat, ist die Abhängigkeit des guten Besuches vom Wetter, bei Regen ist das Theater gewöhnlich bis auf den letzten Platz „ausverkauft'. , , , _ „ , * Bahn frei. Freundin: „Küßt dich btetn Bräutigams oft?" — „Ich brauche nur die Zigarette aus dem Mund iU nehmen, dann geht es los." Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer; Auflosimg der Skat-Ansgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr — Treff, p — Pique, c — Coeur, car — Garreau trB — Treff-Bube, pA — Pique-Aß, cD Coeur-Dame uff. Vorhand erhielt: trB, pB, trK, tr7, p9, p7, sK, sD, s9, s8, Mittelhand drückt trA und trZ, Hinterhand hat den Rest. Spielgang: 1. V. carK (- 8) (- 13) cB, M. carA V. trK M. carZ V. tr7 M. car7 M. e8, H. tr9 M. cZ. 3. V. carD 4. H. cD 5. V. ear9 Mittelhand erhält nur einen „ , da Hinterhand inzwischen p8 abgeworfen hat und stechen kann. So ieler ist demnach Schneider geworden. . 13) H. pD. = (- 3) usf. Stich ohne Zählblätter auf ihren H. trD. = (- 18) Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gicht»