Montag den März 0 MV KD 6s MM« Eine Heldin. Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. Ihre Durchlaucht die Fürstin Clothilde bewohnte das sogenannte Gartenpalais. Dies war ein zierlicher Bau im Rokokostil am Südeude des Schloßteiches. Im Erdgeschoß des Schlößchens befand sich das Empfangszimmer, daran schloß sich das Musikzimmer, das nur durch einen orientalischen Perlenschnurvorhang vom Vogelhaus getrennt war. Die Fürstin Clothilde war eine begeisterte Liebhaberin fremdländischen Getiers, und man konnte ihr keine größere Freude machen, als wenn man ihre Lieblinge bewunderte oder mit einem Leckerbissen beschenkte. Das Hauptstück in der alten Fürstin zoologischem Museum aber war Jockel, der Zwerg-Orang. Unstreitig der Frechste seines Geschlechtes, erfreute sich Jockel doch der höchsten Gunst Ihrer Durchlaucht. Das Affentier war der Schrecken des gesamten Hofstaates und mancher Minister und Marschall, die fetzt auf irgend leiner Glitzfche ihreWensiou verzehrten, dankten ihren Ainhestand der Tücke Jockels. Am Morgen nach Kathinkas Einzug in das herzogliche Schloß raste Jockel wie wahnsinnig in seinem Käfig umher. Das war das Zeichen, daß der Tageslauf im fürstlichen Hofstaat beginnen konnte. „Nun, Margret, was gibt es Neues?" So eröffnete Ihre Durchlaucht nun seit siebenundzwanzig Jahren das Morgengespräch mit ihrer alten Dienerin und lauschte interessiert dem Bericht über die neue Hofdame, die heute bei Ihrer Durchlaucht antreten sollte. „Also die kleine Hämmerling hat mir Seine Hoheit ausgemacht?" Die alte Dame sann vor sich hin, dann seufzte sie tief auf: „Wird nicht lange bleiben, wie die andern." Um dieselbe Zeit stand Kathinka von Hämmerling im Geheimkabinett Sr. Exzellenz des Hofmarschalls Freiherrn! von Graul. Der alte Herr saß vor einem Diplvmatentisch und blätterte in einem Aktenbündel. Bei Kathinkas Eintritt erhob er sich und beäugte sie mit seinem langgestielten Lorgnon ganz uitgemeTt vom Kopf bis zum Fuß. „Hm — Sie, ich dächte, wir hätten uns schon irgend einmal gesehen, r— Mo war es nur gleich? — Ah — so. Richtig, entsinne mich: Attentat auf Se. Hoheit, — ha — ha — war spaßig damals." Und der Alte schritt, nachdem er sorgsam nach links und rechts geschaut hatte, zu Kathinka und kniff ihr in die Wange. — Klaps. — „Au — Sie bissige Dern." Kathiukas feine Nasenflügel vibrierten vor Zorn. Sie trat dicht vor Se. Exzellenz und hielt ihm ihr kleines Fäustchen unter die Nase- „UnterstehewSie sich noch die geringste Zudringlichkeit und Sie sollen mich kennen lernen." Herr von Graul wich zurück, wischte sich mit seinem seidenen Sacktüchlein den Angstschweiß von der Stirn, dann stotterte er verlegen: „Parbleu. — Ein resolutes Dämchen." Kathinka wandte sich zur Tür, doch da wurde der kleine steife Herr mit einemmal beweglich. Er haschte nach Kathinkas Hand und zog sie zurück. „Sie waren doch wohl hierhergekommen, gnädiges Fräulein, um Ihre Anweisungen für den heutigen Tag entgegenzunehmen?" Se. Exzellenz war wieder ganz der Gewaltige des Hofes und vollständig Herr der Situation. Kathinka neigte ein wenig das dunkle Köpfchen zur Seite und lächelte fein, dann sagte sie schelmisch: „Wie Ew. Exzellenz befehlen." Herr von Graul nahm einen silbernen Notizblock vom Tisch und las: „Also um 9 Uhr präsentieren Sie sich Ihrer Durchlaucht der Fürstin Clothilde im Gartenpalais, 10 Uhr 30 wollen Se. Hoheit der Herzog und Se. Hoheit der Erbprinz Sie empfangen, und nach Erledigung dieser Audienz stellen Sie sich wieder der Fürstin zur Verfügung, Hochdieselbe dann weiter disponieren wird." Er machte eine Bewegung mit dem Lorgnon, — Kathinka war entlassen. Sie eilte schnell durch den großen Vorraum, und als sie die schwere eichene Flügeltür hinter sich in das Schloß geworfen, lachte sie so herzlich und hell, daß. ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Sie scheinen etwas Nettes erlebt zu haben." So sprach sie Herr von Merkwitz an. Kathinka bekam.ein glühend rotes Köpfchen und blickte verschämt zu Boden. „Ach verzeihen Sie, Herr Baron — ich — tcty weiß selbst nicht — aber ich mußte so lachen —", und bei der erneuten Vorstellung des alten Graul stahl sich schon wieder ein neues Lächeln auf das liebliche Gesicht. „Aber bitte sehr, gnädiges Fräulein, ich habe nicht die geringste Ursache, Ihnen irgend etwas zu verzeihen. Lachen sie, so viel Sie können, bringen Sie Fröhlichkeit in unseren alten Bau — und wir alle liegen Ihnen zu Füßen. Kathinka wurde immer verlegener. „Aber das sollen Sie ja gar nicht, Herr Baron, — im Gegenteil . . ." Sie murmelte noch ein paar undeutliche Worte, dann verneigte sie sich und sagte: „Adieu, Herr Baron." Sie eilte schnell den Gang entlang, verirrte sich aber in den vielen Treppen und Aufgängen und kam wieder aus den Hauptkorridor zurück, wo Herr von Merkwitz noch stand. „Sie sehen, Gnädigste, daß man in unserem Palast nicht führerlos auskommt. Ich wäre glücklich, wollten Sie mich zu Ihrem Mentor erküren." Kathinka neigte zustimmend das Haupt und nun schritten sie den mit schweren Teppichen belegten Serpentingang hinab und durch das Hauptportal in den Park. Herr von Merkwitz brach zuerst das Schweigen. „Sie wer- 158 den ihn von aus Za,...------,------.......... ....— .. Und als Kathinka Jockel auf den Teppich gesetzt hatte und er mit hochgehobenem Hinterteil im Dreivierteltakt davongehüpft war, faßte die Fürstin Kathinkas beide Hände und küßte die Erstaunte auf Stirn und- Wangen. Kathinkas Stellung bei Hofe war gesichert. Koffer auszuräumen. Aus dem Gardeleutnant mußte nun mit einem Schlage der Thronfolger 'werden. Hans Jochen seufzte auf. Er hatte so wenig Sinn für die Ehren eines Gekrönten. Mit müder Bewegung schloß er.alle diese Erinnerungszeichen in die Geheimfächer seines Schreibtisches. Dann trat er an das Fenster, das zum Park führte. Dort grünte und blühte alles in üppiger Frühsommerpracht. Er öffnete das Fenster und beugte sich hinaus. Mit der warmen Sommerluft durchströmte ihn auch wieder neue Lebenslust. Vielleicht war es gar nicht so öde und steif am Hofe, wie crt sich es dachte, und wenn es doch unausstehlich wäre, wollte er schon Leben hereinbringen. Er war ja Thronfolger und Gebieter. Gestern abend der Hofball war allerdings sträflich langweilig gewesen, er hatte sich so geödet, daß er sich auf kurze Zeit nach der Hofloge zurückgezogen — Hofloge? Mit einem Schlage erinnerte er sich wieder der Szene in der Hofloge. Wer mochte das reizende junge Ding gewesen sein, das da ausgerechnet in die Hofloge kommen mußte, um dort ohnmächtig zu werden? Hatte sie nicht gesagt, sie gehöre ins Schloß? — Vielleicht die Tochter eines Hosbeamten. Das wäre fatal, denn dann wäre ja jede weitere Annäherung ausgeschlofsen.-- Der Erbprinz war wieder guter Laune. Das kleine Wenteuer von gestern und seine Fortsetzung stimmte wieder vergnügt, und als der Kammerdiener Herrn Hollen meldete, summte er eine der neuesten Melodien dem Metropol vor sich hin. „Ah — lieber Graf." , Hans Jochen bewunderte sich selbst. Wie leicht er Hofton traf, wie schnell er sich in die schale Konvemenz eingelebt hatte. Denn der Graf zu Hollen war chm eigentlich ein höchst unsympathischer Mensch. Seinen Untergebenen ein Tyrann, gegen Gleichgestellte am Hofe von unnahbarem Stolze und gegen die höchsten Herrschaften von ausdringlichstem Devotismus — war Graf zu Hollen das Urbild eines Hosmannes. Graf zu Hollen war es auch, der peinlichst über die alte strenge Hofetikette wachte, — und nur um etwa fünf Jahre älter als der Erbprinz, hatte er sich doch zum festen Vorsatz gemacht, den so langjährig vom Hos Abwesenden in die Geheimnisse der Etikette etnzuweihen. Dies durchzusühren erschien ihm um so leichter, weil er sich der Zustimmung des alten Herzogs sicher fühlte. Seine Hoheit der regierende Herzog Wilhelm Ferdinand! hatte ein unglaubliches Faible für den Grafen zu Hollen. Es war erstaunlich, welchen Einfluß der blasierte Herr aus den alten biederen Regenten ausübte, und Hans pochen war nicht im geringsten darüber im Zweifel, daß er ferne Rückberufung von der Armee nur den Machinationen des liebenswürdigen Kammerherrn Grafen zu Hollen zu danken hatte, wenigstens zum Weil. Den andern Teil der Last trugen | sicher die wackeligen Schultern des Oberhofmarschaltv Ureiherrn von Graul. Graul und Hollen waren die Hauptstützen der reaktionären Partei am Hofe, während die andere Partei, die gern einen etwas freieren Zug in das höfische Dasein bringen wollte, ihre Führer in dem Hofjägermeister Baron von Merkwitz und Dr. Brian, dem Geheimen Ka- I binettsrat Sr. Hoheit besaßen. Der Fürstin stand die helle Freude auf dem Gesicht geschrieben. „Ach, Sie liebes Fräulein, — Gott, müssen Sie ein guter Mensch sein, daß sich der Asse so zahm benimmt. die Tiere haben oft mehr Verstand wie die Menschen. Und als Kathinka Jockel auf den Viertes Kapitel. Der Erbprinz Hans Jochen stand in seinem Arbeits'- zimmer vor oem großen, geschnitzten Diplomatentisch und ordnete einen Stoß Papiere. Neben ihm aus einem breiten Feldstuhl stand auf-geschlagen ein mäßig großer Koffer, der dis intimsten Privatsachen Sr. Hoheit enthielt. Born, der Kammerdiener des Erbprinzen, harrte an der Tür der Befehle seines Herrn. Hans Jochen begann nun den -en also nun immer bei uns bleiben, und zwar als Hof- > -ame Ihrer Durchlaucht?" , c „Ja, Vating hat es gewollt und der Herzog auch, was will ich da machen? Ihnen darf rchs wohl sagen, Herr Baron: Ich möchte am liebsten wieder fort. Diese steifen, stupiden Gesichter überall, dieses Schar- wenzeln - - das ist nicht nach meinem Geschmack — Und dieser greuliche Hoftnarschall, dieser Zappelgrers Der Hofjägermeister hielt nur mühsam da^> Sachen an I «cf, das kleine lebhafte Fräulein mit der treffenden, wenn auch durchaus nicht hoffähigen Ausdrucksweise gefiel ihm außerordentlich. „Greulicher Hofmarschall ist prächtig und Zappelgreis Noch besser." Er erfaßte ihre Hand, die sie ihm auch willig überließ und sagte: „Wenn ich Ihnen als erfahrener Hofmann einen Rat geben darf, Fräulein von Hämmerling, so ist es der: Sagen Sie bei Hofe nie das, was Sie denken, mit Ausnahme mir und dem Herzog gegenüber. Kathinka sah ihn mit großen, erstaunten Augen an Ihr kindliches Herz vermochte den Sinn dieser Worte nicht gleich zu fassen. „Ja, Herr Baron, was soll ich dann sagen? mmer b(lg $egenteii von dem, was Sie denken." Da rief Kathinka ganz bestürzt: „Das wäre aber doch dann unwahr und Lüge." Hm - landläufig könnte inan es so nennen, — aber'hier ist es Lebensklugheit, Konvenienz, unter Umständen Existenzbedingung. „Das verstehe ich nicht, Herr Baron Herr von Merkwitz drückte ihre Hand warm und fest und sagte: „Das glaube ich Ihnen gern, aber Sie werden es verstehen lernen. Hofluft ist eine strenge, unerbittliche Lehrmeisterin. Und nun genug davon. Wir wollen von etwas Heiterem sprechen, z. B. von Ihrer zukünftigen Chefeuse." „Meine Chefeuse? Weshalb nicht Herrin?" „Nun ja, Ihre Durchlaucht ist eine gute, alte Dams mit 1000 komischen Angewohnheiten, aber auch mit hellem Verstand und scharfem Blick." „Ach, erzählen Sie mir von ihr, Herr Baron." „Da könnte man Bücher schreiben. Sie werden m wenigen Minuten selbst die Ehre haben, die hohe Frau kennen zu lernen. Ich möchte Ihr Urteil in nichts beeinflussen. Uebrigens sind wir am Palais. Recht guten Anfang, mein liebes, gnädiges Fräulein." _ _ Herr von Merkwitz verabschiedete sich und Kathinka: trat zu dem Wachtposten, der vor dem kleinen Tor -es Gartenschlößchens auf- und abpatrouillierte. „Ist hier der offizielle Eingang zu den Empsangs- gemächern Ihrer Durchlaucht?" fragte sie den Soldaten. „Zehen Sie man rin, der Affe wird Sie schon emp- ^"^Ka'thinka wär sprachlos. In diesem despektierlichen Tone von Ihrer Durchlaucht zu reden. Sie trat in den Vorraum. Durch die dicken Portieren drang aus dem Innern der Gemächer verworrenes Geräusch wie Schreien oder Bellen, dazwischen hindurch in hohen Fisteltönen mehrere Menschenstimmen. Kathinka schaute sich vergeblich nach einem Diener oder Portier um. So mußte sie ihren Staubmantel, den sie zum Schutze der Hoftoilette umgenommen hatte, selbst ablegen und .aushängen. Die Pariser Pendule auf dem Kamin schlug neun Uhr, und da Kathinka gehört hatte, die Fürstin sei eine Freundin präziser Pünktlichkeit, trat sie kurz entschlossen in das Empfangszimmer ein. Aber mit einem Entsetzensschrei fuhr sie zurück. Ein kleines struppiges Tier war vom Fenstersims heruntergesprungen und ihr gerade ins Gesicht, und nun klammerte sich Jockel, denn kein anderer war es, an den Spitzen ihres Kleides fest, und mit vergnüglichen Schnurren rieb, er seine borstige Wange an ihrem Kopf. Jetzt stürzten aus dem Nebenzimmer zwei Frauen, die Fürstin und Margret. „Herr Gott!" rief die Fürstin aus, als sie Käthiuka so hilflos stehen sah, und Margret wollte hinzueilen, um die neue Hofdame von der seltsamen Umarmung zu befreien. Doch Jockel fletschte die Zähne so bösartig, daß die Kammerfrau nicht wagte, ihn anzugreifen. Um der fatalen Situation ein Ende zu machen, packte jetzt Kathinka herzhaft zu und Freund Jockel ließ sich von ihr auch ganz gemütlich berunternehmen. Sie hatte das Tier auf dem Arm und streichelte das graugrüne Fell. - Bei der liebenswürdigen Anrede des Erbprinzen verneigte sich Graf Hollen noch um etwas tiefer, und Hans Jochen entging es nicht, wie der Kammerherr sich muhte- einen Zug des Triumphes von seinem Antlitz zu bannen. In diesem Augenblick stand der Entschluß bei ihm fest- den Kampf mit dieser Hofkreatur aufzunehmen. Mit näseln- — 1^9 — bet Stimme Hub nun Herr von Hollen an: „Ich habe die hohe Auszeichnung, von Ew. Hoheit allerhöchstselbem Herrn Vater, Sr. Hoheit, dem regierenden Herzog und gnädigen Herrn, zu Ew. Hoheit diensttuendem Adjutanten ernannt worden zu sein. Meine Aufgabe und strengste Pflicht wird nun darin bestehen, Ew. Hoheit steter Begleiter und in Hof- angelegenheiten erster Ratgeber zu sein. Vor allem habe ich auch die erste Verantwortung für Ew. Hoheit höchstpersönliche Sicherheit zu übernehmen und bitte ich deshalb Ew. Hoheit gehorsamst und untertänigst, mich in dieser nicht leichten Aufgabe besonders dadurch ganz gnädigst unterstützen zu wollen, daß Ew. Hoheit allergnädigst geruhen möchten, ohne meine Gegenwart und Anhörung meines bescheidenen Rates keine Audienzen entgegenzunehmen oder Besprechungen mit anderen Hofbeamten zu entrieren." (Fortsetzung folgt.) Der anonyme Brief. Skizze von F. King. Vor dem Hause von Laferriöre, eines der größten Schneider- Ateliers in London, wartete ein Automobil. Eine Menge Gassen- fungen hatte sich angesammelt und betrachtete mit sichtlichem Interesse und heiliger Scheu das rotlackierte prustende Ungeheuer, dessen Chausfeur mit gekreuzten Armen in majestätischer Ruhe dasaß. Er hatte die Würde und das Aussehen eines Ministers und sah über den ganzen M ob hinweg, als wenn er Luft wäre. Das Warten langweilte ihn. Endlich trat Lady Trelancy aus dem Hause und stieg ein. Knatternd und stampfend setzt sich das Auto in Bewegung. Lady Trelancy war sehr schlechter Laune. Erstens war die neue Toilette, die sie morgen bei der Herzogin von Wincester tragen sollte, nicht fertig, dann hatte die Schneiderin unglaublicherweise statt Brüsseler Points, venetianische Spitze genommen und aus dem Wege zur Anprobe hatte das Automobil einen Huird überfahren, dessen Besitzer mit der Strafanzeige drohte. Das war unangenehm genug, aber schlimmer als alles war der anonyme Brief, den sic heute bekommen und der ihr von einem kleinen Mädchen erzählte, dem Lord Trelancy eine kleine reizende Wohnung eingerichtet habe. Lady Trelancy war nicht eifersüchtig, Gott bewahre, aber der kleine Zwischenfall war ihr entschieden lästig und sie hätte viel darum gegeben, wenn der unbekannte „Freund" ihr die Kenntnis dieses Seitensprunges ihres Gatten erspart Mte, denn nun mußte sie ihn zur Rede stellen und er würde sicher lügen, und das Ganze war langweilig und geschmacklos. Lady Trelancy war eine schöne Frau. "Groß, schlank, blond und hochmütig. Ihre Kleider waren Wunderwerke der Schneiderkunst, ihr Haushalt korrekt wie sie selbst. Bei dieser Korrektheit war es selbstverständlich, daß sie ihrem Gatten nach einjähriger Ehe den ersehnten Erben schenkte. Damit hatte sie ihre Pflichten für erledigt gehalten und sich ihr Leben ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet, ohne Rücksicht auf den Gatten, der seine eigenen Wege ging. Sie mack;te ein ärgerliches Gesicht, während sie in rasendem Tempo durch die Straßen fuhr. Nun war der ganze schöne Frieden durch diese dumme schmutzige Denunziation gestört. Merkwürdig, sie hätte es'ihrem ernsten steifen Gatten nicht zu getraut und im Grunde war es doch gar nicht verwunderlich. Das Gefühl, das sie zusammengeführt hatte, war nicht gerade sehr stürmisch gewesen, der große Name hatte sich mit der großen Erbschaft zu- sammcngetan und beide waren nicht sentimental veranlagt. Daß er aber eine Kerne Choristin afsichierte, war doch stark Und je mehr Lady Trelancy daran dachte, desto ärgerlicher wurde sie und plötzlich ertappte sie sich bei ein paar Tränchen, die sie hastig mit ihrem dänischen Handschuh wegwischte. Tas Automobil raste weiter. Lady Trelancy sah plötzlich! ihren Gatten vor sich, wie er bei ihren offiziellen Empfängen die Honneurs machte. Alle ihre Freundinnen umschwärmten ihn imi> suchten ihm zu gefallen, seine kühle Art zog sie an, wie das Licht die Motten. Sie sah ihn, wie er sie selbst mit vollendeter Höflichkeit behandelte, ohne ein warmes Wort, ohne eine Liebkosung und vergaß ganz, daß sie selbst es ihm unmöglich gemacht hatte, ihr anders zu begegnen. Und dieser Mann hatte ein Verhältnis mit einem kleinen Mädchen vom Theater! Die Tränen wären versiegt, eine zornige Röte stieg in ihr Gesicht. Ein Ruck, der Wagen stand vor einem hellerleuchteten Hause. Sie stieg aus, gab dem Chauffeur ein paar Befehle und schritt die Treppe empor in ihre Gemächer. Dort ließ sie sich von ihrenr Kammermädchen entkleiden, warf ein Hauslleid aus duftiger Spitze über und setzte sich an den Kamin. Sie nahm ein Buch Vir Hand, aber sie konnte nicht lesen. Ihre Gedanken kehrten tmmer wieder zu dein Keinen Mädchen und der kleinen Wohnung Mrück, in der Lord Trelancy sein heimliches Glück beherbergte. Draußen erklangen Schritte. Ihr Gatte trat ein. Er war tm Frack und trug eine Gardenie im Knopfloch. Höfliche küßte er ihr die Hand „Du gehst beute abend äus, George?" sagte sie mit erzwungener Ruhe. „Ja, meine Liebe," erwiderte er. „Und was beabsichtigst ich zu tun?" Sie sah ihn an und sagte spöttisch: „Ich will einmal meine Einsamkeit genießen. Man wird dieser ewigen albernen Gesellschaften müde." Er lächelte. „Soll das Vielleicht ein Wink sein, daß du allein zu sein wünscht?" „Rechnest du dich zur Gesellschaft? — Wir sind ja zufällig miteinander verheiratet." Ihre Stimme fing an zu zittern. „Weißt du das wirklich noch Sibyl? —• Ich dachte, ich hättest es längst vergessen." Das war yu viel für sie. „Wie darfst du es wagen, mir so etwas zU sagen! Du . s Das ist schamlos!" Und sie riß den Brief aus ihrem Kleide und warf ihn ihm vor die Füße. Er hob nun das Blatt auf, las es durch und sagte ruhigt „Nun, und was weiter?" Sie starrte ihn mit weit geöffneten Augen an. „Das ist alles, was du darauf zu erwidern hast?" Er setzte sich ihr gegenüber. „Laß uns einmal ruhig über die Sache reden. 'Du bist scheine bar sehr entrüstet, weil ich ein Verhältnis habe wie dieser Brief behauptet. Die Tatsache leugne ich nicht, aber ich glaube trotzdem nicht, daß mich ein Vorwurf trifft." Sie sprach nicht, regungslos lag sie in ihrem Sessel mit zu- sammengepreßten Lippen. Er fuhr fort. „Ich bin 34 Jahre alt. Wir sind feit 5 Jahren verheiratet. Nach einem Jahre kam der Knabe und von dieser Zeit an löstest du dich gänzlich von mir los. Nach außen präsentieren wir uns als glückliches Ehepaar, aber im Innern sind wir uns fremd geworden und gehen nebeneinander,her, korrekt und gelangweilt! einen Tag um den anderen. Ich beklagte mich nie, aber ich litt darunter, denn ich bin eine gesunde Natur. Ein Platoniker ist immer ein Unding für mich gewesen. Es genügt mir nicht, eine schöne junge Frau neben mir zu wissen und dann allabendlich in meinem Zimmer einsam yu träumen. Monatelang, jahrelang dauerte dieser Zustand. Du wußtest nichts davon. Ich machte verschiedene Versuche, dich wiederzugewinnen. Tu wiesest sie nicht zurück. Gott bewahre, du merktest sie nicht einmal. Da lief mir vor kurzem ein junges Mädel in den Weg, das sich in mich verliebte. Nun, ich spielte nicht den Josef, das ist alles l Wer könnte mir das verdenken?" Sie hatte ihn mit keinem Worte unterbrochen, sie war auch nicht zornig geworden, nur erschreckend blaß. Sie öffnete ein paarmal die Lippen, um zu sprechen und konnte nicht. Endlich sagte sie heiser: „Bitte, geh!" Er stand achselzuckend auf. Sie machte eine Bewegung, tote um ihn zurückzuhalten, er tat, als sehe er es nicht und verließ das Zimmer. Als die Portiere hinter ihm zusammenfiel, lvar es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei! Sie glitt auf den Boden, blieb mit dem Gesicht auf dem Stuhle liegen und wei ite laut und jammervoll.tote ein Kind. „Sibyl!" Sie schrak empor. Was war das für eine Sttmme, für ein Ton? Träumte sie? Neben ihr kniete ihr Gatte und hc tte den Arm um sie geschlungen und preßte sie so eng an sich,'daß sie fein Herz klopfen hörte. Sie wollte sich lvsringen, ihm ihre ganze Empörung ins Gesicht schleudern, aber der zärtliche Blick seiner Augen erstickte die Worte auf ihren Lippen. Und doch, nein * Sie wollte nicht mit der kleinen Choristin teilen! „Laß mich los," sagte sie heiser, „ich verachte dich!" „Sibyl, geliebte süße Sibyl, du bist ja eifersüchtig, du liehst mich iwch!" Sie sah ihn verständnislos an. „Es ist ja kein Wort wahr von der ganzen Geschichte ! Ist wollte dich wiederhaben, ich konnte dieses Leben nicht länger er» tragen und da log ich das' Blaue vom Himmel herunter." „Llber der Brief der Brief!" murmelte sie. „Ten habe ich selber geschrieben, weil ich wissen wollte ob ich dir ganz gleichgültig geworden war." Sie sagte nichts mehr, sie atmete tief auf itnb lag ganz still an seinem Herzen, er küßte und streichelte sie und sie mertten es nicht, wie die Zeit verging. Endlich sagte Lady Sibyl: „Und wenn ich mich nun nicht Verraten hätte!" Er lächelte. ■ „Dann, ja dann weiß ich wirklich nicht, was geschehen wäreft „Dann hättest du dir wirklich ein kleines Mädel gesucht?" Er schüttelte mit komischem Entsetzen den Kopf. „Ich fürchte, ich hätte es auch dann nicht getan, ich bin eßen hoffnungslos monogam!" Sie lachte leise. „Aber so ist es besser!" Er Äffte sie. 160 Jm^'Boudoir Äy' SibYl^hÄlgk unter Was urö Rahmen ein Bries. Man sagt, dieses unscheinbare Stückchen Papier ser ihr wertvoller, als das unschätzbare Porträt ihrer: Urgroßmutter von Romney. Seine Bedeutung kennt niemand, denn das WM ist gesprenkelt, so daß dem Beschauer der Text unleserlich bleibt, aber wenn die beiden Gatteir hier^zuiammensltzen, was ost vvr- Unmmf da Lord Trelanch seinen Klub vollständig vernachlässigt, dann bleiben ihrt Blicke manchmal an dem kleinen Blättchen hängen. r lltthi ßtitiitdl feinte ßotb1 2/teIcittCt), , „Tas ist meines Wissens der erste Hall, Wo durch! einen anonymen Bries das Glück ins Haus kam," Worauf Lady Sibyl lachte und meinte: , t. ,, „Anonyme Briefe schreibt nur ern minderwertiges Subiekt, was Lord Trelancy unbedingt mit einem Kuß bestrafen mußte. Der stürz Napoleons. 1812 1912 . . Eine Spanne von hundert Jahren blu- tigen Ringens und heißer Kämpfe trennt uns von der Zeit, wo Napoleons glänzender Siegerlaufbahn in Rußland ein sahes Ende gesetzt wurde. Gleich einem Kometen Ivar feines Glückes Stern aus der mecresumspülten. Insel Korsika aufgetaucht, um nach leuchtender, reißender Bahn auf den Eisfeldern Rußlands zu verloschen. Der Feldzug nach Rußland war zwar !vohl überlegt, aber die Zaudertaktik der Russen warf alle Pläne Napoleons über den Haufen. Auch gute Truppen standen dem Weltfeldherrn zur Verfügung. Mit einem Wort, der Augenblick war richtig gewählt. Napoleon stand auf dem Gipfel seiner Macht. Das Riesenreich, das er in blutigen, schweren Kriegen unter seiner Hand vereinigt hatte, dehnte sich von der Nordsee bis zum Tiber, von dem Taw bis zur Elbe. Das ganze Festlaiid zitterte vor der Macht des grimmigen Korsen, dessen rohe Horden die Welt mit Greuel und Kriegslärm erfüllten. Nur das meeresgewaltige England und die heißblütigen, vaterlandsliebenden Spanier wagten dem Kriegs- gewaltigen zu trotzen. , . Napoleon hatte zwar in Spanien ein strenges Regiment em- gefnhrt, das jeglichen Aufstand grausam unterdrückte, aber er kam doch zu keinem endgültigen Erfolge. Auch gegen England hatte er kein oder doch nur wenig Gluck. Er hatte geglaubt, das Jnselreich durch die Verhängung der Kontinentalsperre vernichten zu können. Das war jedoch ein verhängnisvoller Irrtum, der neben anderem seinen Sturz erheblich beschleunigte. Diese Gewaltmaßnahme führte schließlich zum Bruche mit Rußland. Da der rassische Handel nämlich durch die aufgedrungene Sperre empfindlich geschädigt wurde, hielt Alexander nur mit Widerwillen die Anordnungen des Franzosenkaisers aufrecht und kam einem Verlangen Napoleons, die Maßregeln noch^ zu verschärfen, nicht nach. So trat denn allgemach eine Entfremdung zwischen Paris und Petersburg ein, die durch die Vertreibung des Herzogs von Oldenburg, eines nahen Verwandten des russischen Zaren, noch verstärkt wurde. Alexander sagte sich zuletzt sogar — auf Steins Arbeiten hin — ganz von dem Kontinentalsystem los, und die unvermeidliche Folge war ein Krieg mit Frankreich. Die französische Armee ging wohl aus der blutigen Schlacht bei Borodino als Siegerin hervor und zog darauf auch ungehindert in Moskau ein, aber sie mußte cs nach zwei Tagen schon wieder verlassen, da die Rassen die Stadt anzündeten, um den Sieger zum Rückzug zu zwingen. Napoleon hatte in Moskau den Frieden diktieren wollen, doch bei der veränderten Lage der Dinge mußte er sich notgedrungen znm Rückmarsch entschließen, bei dem der größte Teil seines Heeres zu Grunde ging. „Gefangen, geschlagen das große Heer Aus Rußlands eisigkalten Fluren, Die Trümmer flohen vorm Feind daher Und wurden zersprengt die Kreuz und die Quer —< Und Kosaken und Wölfe auf ihren Spuren." In Lumpen und Fetzen gehüllt kamen die elenden Trümmer der Großen Armee in die Heimat zurück. Gar manch junges Leben war den Schrecken des russischen Winters und der nachsetzenden Kosaken zum Opfer gefallen. Die geradezu entsetzlichen Verluste dieses Feldzuges konnte Napoleon niemals verwinden; die festeste Stütze seines Thrones war ihm in seinem Heere genommen. Der Stern des großen Korsen war im Sinken. Die unterdrückten Völker aber sahen endlich das Morgenrot der Freiheit anbrechen und blickten froheren Mutes in die Zukunft. Jetzt trug die Saat, die Männer wie Stein, Scharnhorst und Gneisenau in selbstlosem Bemühen gesät hatten, die besten Früchte. Nach den furchtbaren Niederlagen bei Jena und Auerstedt waren sie frisch ans Werk gegangen und hatten die Verhältnisse des öffentlichen Lebens von Grund aus umgestaltet. Preußen war also bereit, dem gefürchteten Gegner die Stirne zu bieten, wenn auch sein Fürst anfänglich Bedenken trug, den Krieg gegen Frankreich zu erneuern. Der große Augenblick war da. Jetzt galt es, den geschwächten Feind völlig zu vernichten und die drückenden Fesseln zu sprengen. Ueberall herrschte kriegerische Begeisterung. Die urwüchsige Kraft des deutschen Volkes zeigte sich niemals herrlicher und schöner als zur Zeit seiner tiefsten Schmach. Mächtig erklangen die Wortq der Dichter nnd Baterlandsfreunde in dem Herzen des deutschem, Volkes, das in bitterem Unwillen das Joch des stolzen Emporkömmlings trug. Und Arndt, Fichte, Schleiermacher, Körner und anderen vaterländischen Männern ist e§ zu danken, daß die engenden Banden so rasch gestört werden konnten. In allen Landen und bei allen Völkern regte es sich. Di« Völker standen auf. Die Stunde der Abrechnung war gekommen und mehr Und mehr zogen sich die Wetterwolken um Napoleouj zusammen. Die erste befreiende Tat war der Abfall des Generals Bork mit den preußischen Truppen in der Konvention zu Tauroggen. Sie wurde allenthalben mit stürmischem Jubel begrüßt. Bald darauf erließ Friedrich Wilhelm von Preußen den „Aufruf zur Bildung freiwilliger Jägerkorps". Er wurde mit Begeisterung ausgenommen. Aus allen Gauen Deutschlands strömten Männer und Jünglinge in Scharen zusammen, um ihr Vaterland von der welschen Gewaltherrschaft zu befreien. Die Vorbereitungen waren getroffen und das Volk zum Kampfe bereit. Nach einigem Zögern schloß der Preußenkönig mit Rußland ein Bündnis, dem England, Schweden und später auch Oesterreich beitraten. Ihrer vereinigten Macht konnte selbst Napoleon auf die Dauer nicht standhalten, zumal er seine besten Truppen in Rußland verloren hatte. Er zog sich fechtend nach Frankreich zurück und mußte schließlich, im Unglück von fast allen verlassen, abdanken. , Am 10. April 1814 nahm er in Fontaine bleau Abschied von seiner alten Garde nnd ging knrz darauf nach Elba in die Verbannung. Nach einem erfolglosen Versuche, seine Gewaltherrschaft abermals zu errichten, starb er im Jahre 1821, von seinem Volke ausgegeben, auf der Insel St. Helena. vermischtes. ** Nicht der einzige Dummkopf. Der kürzlich verstorbene berühmte englische Chirurg Lord Lister wurde einmal zur mitternächtigen Stunde, so erzählt der „Gaulois", zu einem reichen Patienten geholt. Ter Kranke schien dazu zu neigen, sein Leiden immer größer und gefährlicher erscheinen zu lassen als es war; jedenfalls empfing er Lord Lister mit trostlosen Seufzern: „Ach, Herr Doktor, mir geht es sehr schlimm, ich glnitbe, ich sterbe." Lord Lister untersucht den Patienten und sagt schließlich unbarmherzig: „Haben Sie Ihr Testament gemacht?" „Nein," erwidert erbleichend der Klient, „Sie glauben also . . .?" „Wie heißt Ihr Notar?" „Mr. 3E-, aber lieber Herr Doktor . .* „Lassen Sie ihn rufen." „Aber ich bitte Sie, Herr Doktor, bei meinem Alter.. ." „Lassen Sie ihn rufe», und auch Ihren Vater, imb auch Ihre beiden Söhne ..." „Also ich muß sterben?" „Nem, aber ich will nicht der einzige Dummkops sein, den Sie heute nacht aus den Federn gejagt haben . . ." * Geistreich aufgefaßt. „Ich sage Ihnen, meine süße Braut müßten Sie sehen, ein Auge — eine Hand — ein Fuß — — — „Jotte doch, bloß ein Auge, eine Hand, einen Fuß — das arme Mädchen ist ja der reine Krüppel!" *Eingroßer Augenblick. „Gestern hat mein Zimmer^ Herr sein erst's Honorar für a Gedicht kriegt, da haltens dabei sein müssen: rechts stand der Geldbriefträger,, links ich, hinten unser Schnauzer! und grad' davor am Schreibtisch hat er ser Quittung unterschrieben — mei Lebtag vergeß ich den Augenblick nimmer!" Skat-Ausgabe. Da Vorhand und Mittelhand passen, tourniert Mittelhand in der Hoffnung, wenigstens einen Wenzel zu finden, um dann Grand zu spielen ans folgende Karten: <7 <2 <2 <2 <2 (2 Sie wendet aber Trefs-Aß und findet noch Pique-König. Spieler wird Schneider. — Wie ging das zu? Auflösung in nächster Nummer. Der Auflösung deS magischen Quadrats in voriger Nummer: R A ü B A N N A U N Z E B A E N Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, GteZ«»