Samstag den O. Kebruar Z8V RTL W a -WWW! Glückslasten. Moman von Hanns von ZoveltiA (Nachdruck verboten-) (Fortsetzung.) Dktzsmm brachte Vater aber mit Absicht das Gespräch auf das Gerücht über die bevorstehende Nobilitierung Braunsteins. Zuerst zuckte Friedel nur geheimnisvoll die Achseln. Dann lächelte er sein diplomatisches Lächeln, und schließ-» lieh sagte er zögernd: „Es wird schon stimmen." Als darauf kerne Erwiderung folgte, die er wohl erwartet^ hatte, fuhr er selber fort: „Die Tatsache wird ja natürlich großes Aufsehen erregen und in unseren Kreisen manche Verwunderung. Vielleicht tvird man auch daran herumnörgeln. Iw/ bitt -euch, als ob es nicht immer neben dem alten auch einen neuen Adel gegeben hätte. Immer und überall: Es kann ja gar nicht anders sein: der Adel, wenn er lebensfähig bleiben soll, bedarf des Zuflusses neuer Kräfte, neuer Vermögen, frischen Blutes." In Vater regte sich doch die Tradition: „Zugegeben, Friedel. Nur, weißt du, kann man über die Qualität des zuzuführenden Blutes verschiedener Meinung sein." „Pah! Lieber Papa, die Zeiten haben sich geändert. Uebrigens war man früher auch nicht so exklusiv, wie gemeinhin angenommen wird. Ich könnte dir eine ganze Reihe Familien nennen, die aus den Kreisen der Hoch»-, sinauz und Industrie hervorgegangen sind und die heute fast schon als älterer Adel gelten, ■— wobei ich die bekanntesten wie die Rothschilds, die Mendelssohns, die Oppenheims gar nicht mitzurechnen brauchte; grade solche vielmehr, bei deren Namen jetzt niemand mehr an die Ursprung-« liche Herkunft denkt. Nun aber gar heute: wir sind nun einmal im llebergang vom Agrarstaat zum Industriestaat; leider vielleicht, aber daran zu ändern ist nichts. Und da ist es doch nur natürlich, daß die Großkapitäne der Industrie gerade in einem Lande, in dem der Adel überhaupt noch Wert hat, in ihm Ausnahme suchen und sinden. Immer vorausgesetzt, daß es sich um tadellose Ehrenmänner handelt, um Leute von wirklichen Meriten. Siehst du — das ist aber hier der Fall. Herr Braunstein hat in Schlesien einen Bergbaudistrikt gleichsam erst erschlossen, neu geschaffen; er verwaltet ihn mustergültig, er tut enorm viel für seine -Arbeiter, und er ist dabei auch persönlich ein Gentleman vom -Scheitel bis zur Sohle. Ihr lebt immer noch in Vorurteilen. Wenn du das Haus Braunstein kennen lernst, wirst du sehen, daß die erste Gesellschaft darin verkehrt, ein gut Teil Hofgesellschaft, sehr viel Diplomatie, -auch viel Offiziere, Gelehrte, Künstler." Friedel hatte -sich förmlich in Begeisterung hineingesprochen. Man mußte ihm anmerken: er wollte über zeugen. Und Mutter schien schon überzeugt. Sie nickte ein paar Male lebhaft Zustimmung. Auch Vater glättete seine bedenkliche Miene mehr und mehr, und schließlich sagte er schmunzelnd: „Na, Friedelchen, ich sehe schon, du bist Partei I- . . hm . . . sehr Partei. Hm, die Mich dels sind fort . . . eigentlich könntest du dich zu deinen Eltern ein bissel offener aussprechen." Der Sohn war aufgestanden, ging ein paar Male hastig durch das Zimmer, blieb wieder stehen. „Ich bin ja selbst meiner Sache noch nicht gewiß," sagte er dann. „Hinterm Berge halten will ich euch gegenüber nicht. . . ja, ich denke, Erna hat mich gern; -glaube auch, daß ich den Eltern genehm bin." „Lieber Junge, nimm's mir nicht übel, ich möchte aber doch eins bemerken: Das Geld darf für dich nicht ausschlaggebend sein. So lange wir leben, bekommst du deine reichliche Zulage, uud wenn wir einmal die Augen giM machen — nun, du kennst ja unsere Verhältnisse." „Gott behüte mich: daran wollen tvir nicht denken! Aber sieh mal, Papa, schließlich sind wir vier Kinder. Das ist immerhin ein stattlicher Divisor.' Und ihr wißt selber, was ein Haushalt größeren Stils kostet. In meiner Karriere nun gar —" Mutter nickte zustimmend, aber ihr kamen dabei doch allerlei Reminiszenzen aus der seligen Zeit ihrer Verlobung, und sie verdichteten sich zu einer kleinen unzeitgemäßen Sentimentalität. Das da war nun ihr erstes Kind, das in den Hafen der Ehe einlaufen wollte, und es sprach immer nur von Geld. Immer nur von Geld! So sagte sie weich und zugleich etwas vorwurfsvoll: „Aber Friedel. . . davon sprichst du gar nicht, und das ist doch die Hauptsache ... du liebst sie doch . . ." Worauf Friedel lachte, sein blondes Schnurrbärtchen strich, Mutter den Arm um den Nacken legte und sagte: „Aber natürlich, Mama! Das ist doch selbstverständlich! Sie ist ein süßer Käfer . . ." Zum Geburtstag des Kaisers erfolgte die.Erhebung des Geheimen Kommerzienrats Eduard Braunstein in den -erblichen Adelstand, und unmittelbar darauf konnte Friedel den Eltern mitteilen, daß er sich mit Erna von Braunstein verlobt habe. । Vater und Mutter war nicht ganz behaglich zumute bei dem Gedanken an die erste Begegnung mit der Schwiegertochter und deren Eltern. Aber ihre geheimen Befürchtungen waren umsonst. Erna war mit ihrem -schmalen, ein wenig bräunlichen Gesicht, mit ihren -großen dunklen mandelförmigen Augen, ihrem wundervollen blausch-warzen Haar nicht nur wirklich eine Schönheit — „eine italienische Schönheit", erklärte Dodo —, sie schien-auch tadellos erzogen, war überaus -gewandt und gab sich der ettvas befangenen Art gegenüber, mit der sie ausgenommen wurde,-mit anschmie- geuder Natürlichkeit. An Herrn von Braunstein war überhaupt nichts auszusetzen: -ein jovialer, gescheiter Lebemann von guten Manieren, vielleicht mit etwas stark betontem Wohlwollen gegen Friedel, dafür aber weit einfacher und dis Pupillen (Fortsetzung folgt.) Ums Ureuz. von Fritz Sänger (München). Wir faßen alle in der behaglich warmen, Stube. Plötzlich hörte ich einen Pfiff; ich kannte das unb, ging I)tnau§. Draußen stand der Willi und sagte, ich sollte doch _ mit- kommen. Ich war einverstanden, ging wieder hinein ^nd tagte: „Ter Willi hat wich gerufen." Tann ging ich fort. ^Mutter riet mir etwas nach, ich hörte es noch aus der Ferne, verstand aürr^nicht^r eirte mondhelle Winternacht. Ser Sefmee knirschte unter den Schuhen, und ein eisiger Wind strich durch bie Der^Willi ging voran, ich folgte; und erst als wir draußen vor dem Dorf waren, fragte ich ihn, was es gäbe. „Wir wollen ums Kreuz fahren," sagte er, $6; rieb mir die Ohren. „Hast du einen Schlitten? „Nein, Icl^ wußte, daß er keinen besaß, das war aber nicht schlimms Ich ging zum letzten Haus zurück, da, standen immer einige stn Hausflur. Ich nahm schnell einen heraus und brachte ihn auf die Stelle, von wo man abfuhr. Nun fragte ich aber doch beit ^arum^w'illst du setzt Ums Kreuz fahren? Du kanust e| hoef) uichtz Die Maria soll mich nicht mehr auslachen." Ich stand eine Wefle und überlegte und sah den Willi an; er stand ganz ruhig, mrd feine! großen Augen sahen in die fterne^ in die Berge, die so eigenartig gespenstisch dalagen in der Winter^ nacht. Sie schienen .näher als sonst, Gipfel an G^Ml reiMe sich und dazwischen die dunklen Täler, hinter Un^ das Dorf/ alles in eisiger Totenruhe. Ich war nicht ganz frei von Furcht und wäre lieber wwoer nach Hause gegangen; meine Phantasie bevölkerte die dunklen Tannenwälder. Am Tage suchte ich sie gern auf, doch naasts vermied ich den alten Weg, der mitten hindurch führte; aber gerade vor Willi wollte ich nicht zurückstehen, obwohl ich ein Jahr jünger war. _ r Der Willi war der Sahn einer Lehrerswitwe, groß, hager und blaß. Er hatte ein paar erliste Augen und schien immer iurchtsam. Es fehlte ihm vielleicht weniger die Kraft, als bet. „Was wäre dabei Merkwürdiges, Herr von Braunstein?" gab sie zurück. „Wir tonnten. un§ doch schon, sei es hier, sei es anderswo, in Italien vielleicht, begegn eh sein." „Nein, so meine ich das nicht —" ■ Er brach ab, sprach von etwas anberem'. Aber nach geraumer Zeit kam er wieder daraus zurück: „Ich weiß! jetzt, wo ich freilich nicht Sie^ aber Ihr Ebenbild sah. Es ist doch merkwürdig. Es war auf Lesbos. Die Festland- griechen sind im allgemeinen kein schöner Menschenschlag, aber unter den Jnselgriechen trifft man nicht selten aus Gestalten, zumal Fraueugestälten, die den hellenistischen: Typ, wie ihn die Antike uns zeigt, auffallend rein bewahrt haben. Es war ein Fischermädchen, das ich meine, eut schlichtes Kind aus dem Volke. Aber sie Mr schon,— P schön — verzeihen Sie, wenn es plump klingt, so schon wie Sie, .gnädiges Fräulein. Und sie trug ihr elendes Gewand mit der Würde einer Königin." Indem er das sagte, sah- er sie an, und die Bewunderung sprach so deutlich aus seinen Augen, daß ihr daZ Blut in die Wangen schoß. Da wurde er verlegen ^und sagte noch einmal: „'Entschuldigen Sie — bitte —' Sie versuchte mit einem Scherz über die Peinlichkeit fortzukommen„Sie wissen ja, Herr von Braunstem, wir Frauen sind alle für ein Schmeichelwort nicht unzugänglich —" aber er warf sofort ein: „O . . . ich wollte so gar nicht eine Schmeichelei aussprechen." Und sie sah! wieder, wie feine Hände, die eine große Photographie hielten, leicht bebten. Es war ihr lieb, daß das Brautpaar grade in diesem Augenblick Arm in Arm an ihnen vor- ©iß xief bßn )8vubßr ein niib frcißtß bic ^iT^toü.51 geriu nach irgend einer Mchtigkeit. Man sah sich in de» nächsten Zeit häufiger. 'Aber es wollte Signe scheinen, als ob HarUvig Braunstein ihr auswiche. Meist war er angeblich bei den Famklienzilsammen- künfteu irgendwie anderweitig in Anspruch genommen, uw toenn er zugegen war, mied er ein direktes Gespräch mit Signe Aber dann und wann sah sie doch, wie seine Augen ihr folgten. Sie hatten daun etwas Unruhiges, Flackerndes, und immer senkten sich gleich die gelblichen Lider jibefl schlichter, als Water sich ihn vorgestellt chatte. Aus seinen neuen Adel schien er nicht besonderen Wert zu legen. Am Vater ihm gratulierte, sagte er Nemlichskurz: „Seme Majestät hatte die Gnade. Ein Ablehnen, Herr von Giidarcza, würde mir undankbar und kindisch erschienen fern. ^gch habe kein Verständnis für den sogenannten Burgerstolz vor . Fürstenthronen !" Alles in allem : ein vernünftiger Mann, mit dem sich verkehren ließ. Eine 9iote bedenckicher erschien Frau von Braunstein. Sie mußte einst eine schone Fran gewesen fein, war aber s ehrin die Br eite gegangen, ihre großen Augen hatten etwas Suchendes, durchdringend Forschendes; die Art, wie sie ihre Steine trug, war ein wenig herausfordernd, und sie sprach gar zu viel „von dem Glück unserer Kinder", und sprach auch zu bald von der Trauung in der Dreifaltigkeitskirche. Aber selbst Signe, die sich sehr reserviert verhielt, mußte zugeben: im allgemeinen wußte sie sich merkwürdig gut zu bewegen, Verstöße zu vermeiden. ' Sowohl auf Vater wie auf Mutter machte das Braun- steinsche Haus in der Tiergartenstraße großen Eindruck. Keine Villa, tote es genannt wurde, sondern em kleines Palais, und der ganze Zuschnitt dementlprechend-. Man konnte nicht umhin, zuzugestehen: oyne Jeden Schein von Parvenutum. Sehr luxuriös, aber ebenso gediegen; nicht nur eine kostbare Einrichtung, sondern auch erlesene Kunstwerke, überall bester Geschmack. Das Verlobungsdiner relativ einfach. Die Dienerschaft brillant geschult. Dodo war mit der festen Absicht hingegängen, sich lustig zu machen, und fand keine Veranlassung. Eberhard, der zur Verlobung des Bruders schweigend die Achseln gezuat hatte, war sichtlich erstaunt. Und Signe hatte sich zu ihrer Ueberraschung sehr gut unterhalten. Der einzige Bruder der neuetl Schwägerin führte sie zu Tisch und zeigte sich als ein Mann von umfassendster Bildung, der Weck und Menschen kannte und ausgezeichnet zu plaudern verstand. Es war nicht in Abrede zu stellen: dieser junge Herr von Braunstein, der ihrer Schönheit sofort die offenbarsteil Hnl- diaunqen entgegenbrachte, war eine interessante Persönlichkeit. Erst im Laufe des Gefprächs erfuhr Signe, daß er nicht im Geschäft des Vaters tätig, sondern Kunsthistoriker sei Er war vor kurzem aus Kleinasien zurückgekehrt,. wo er sich an Ausgrabungen beteiligt hatte; das Johanuiter- kreuz des Majors lenkte die Unterhaltung auf Rhodus, und er gab eine packende Schilderung der dort noch erhaltenen Reste einstiger Ordensherrlichkeit. Dabei brachte er alles sehr bescheiden vor, mit ein wenig gedämpfter,, angenehmer Stimme, die etwas unwillkürlich Einschmeichelndes für Signes musikalisches Ohr hatte. Er gefiel ihr mehr und mehr. Auch persönlich. Sein stark gebräuntes, scharfgeschnittenes, von einem spitzgehaltenen, dunklen Bart umrahmtes Gesicht hätte auf einen Südländer, einen Nomanen schließen lassen. Die Augen blickten gescheit, aber ohne Schärfe. Erst nach Tisch bemerkte Signe, daß er den linken Fuß starr nachzog. Der Kaffee wurde im Wintergarten genommen. Und hier hörte Signe, während Hartwig Braunstein sich entfernt hatte, nm ein paar Photographien von Rhodus zu holen, wie der alte Herr zu ihrem Vater sagte: ,,^a — es war mir freilich zuerst eine arge Entlauschung, daß mein Einziger nicht in meine Tätigkeit chineinpaßte. Nun, man soll keinen jungen Menschen gewaltsam du einen Beruf Sen. Jetzt freue ich mich, daß er in einem anderen. ich geworden ist. So glücklich, wie es bei seinem etwas schwermütigen Temperameiit nur möglich ist." Und Frau von Braunstein bemerkte dazu: „Wir sind sehr stolz auf den Hartwig. Er wird ein berühmter Gelehrter werden." Dann kam der Sohn zurück, und Signe betrachtete ihn noch interessierter. Sie suchte nach dem Zeichen der Schwermut in seinem hübschen Gesicht. Vergeblich anfangs. Aber allmählich glaubte sie doch zu bemerken, daß bann und wann ein Schatten über seine Züge huschte und daß die langbewimperten Lider sich bisweilen fast wie scheu über die Augen senkten. Dann, so schien es, bedurfte es jedesmal einer gewissen Kraftanstrengung des jungen Mannes — er mochte Ausgang der Zwanzig stehen — um seiner selbst Herr zu werden. Er sprach gewaltsam lebhafter, wurde leicht erregt, und seine schöne schlanke Hand zitterte ein wenig. 1 Einmal sagte er: „Es ist sehr merkwürdig, gnädiges Fräulein, mir ist's, als müßte ich Sie schon einmal im Leben gesehen haben." 91 und warm in all die gefrorenen un man, stand und aber ich fest; sagte sie dann, „daß. warten, bis der Arzt Kurve, aber zu spat--. Uns allen stockte der Atem, mit voller Gewalt fuhr er gegen den Bannt, der Schlitten zer-- schellte und der Willi blieb wie tot liegen. Die Mädchen schrien auf, und einige Verhüllten ihr Gestcht. Wir Knaben aber rannten so schnell wie möglich hinunter. Willi blutete aus einer Wunde an der Stirn, sonst war er einem großen Holz- Auf diesen Schlitten leichenblaß und lag wie leblos da. , Jeder wollte helfen, und die Mädchen kamen hinzu, und alle redeten durcheinander; aber wir waren alle völlig ratlos. Einige meinten, er sei tot; andere behaupteten, er lebe noch; alle hitten wir .großes; Mitleid mit ihm, aber niemand wußte/ was anzufangen sei. , Da trat die Marie hinzu. Sie hatte ein schönes gehakeltes Kopstuch aus weißer Wolle. Sie band es ab und band es dem Bewußtlosen um Hals und Kopf, sÄ wischte tfjto mit einem Taschentuch das Blut ans dem Gesicht, und dann stand sie auf. Alle waren jetzt still. Sie war leichenblaß, so blaß wie der Willi selbst, und halblaut sagte sie zu einem: „Geh du zum Arzt, — schnell," fügte sie hinzu. Der ging. „ „ , , „Zu einem anderen sagte sie: „Geh nach Hause zu in einem Vater, er soll mit einem Wagen kommen." Auch der ging. Ein Mädchen schickte sie zu Willis Mutter/ sie mußte aber sagen, es sei nicht so schlimm. „Mer kann etwas Ergeben, das warm ist?" fragte sie verschiedenen Kleidungsstücke. „Stellt euch all« ganz nahe herlum," es ihm nicht zu kalt ist." Das taten wir. Und so wollten wir und ein Wagen Ms dem Dorfe kamen. Es kam aber vorUr ein Knecht mit schlitten, der in den Wald fahren wollte. .... luden wir sorgfältig den Willi. Er rührte noch immer kein Glied. Ich setzte mich neben ihn und sah ihm immer rn das Mille zur Kraft, jedenfalls unter uns BaUernkindern galt er als körperlich schwach und darum als minderwertig. Es war deshalb so seltsam, daß er in der Nacht ums Kreuz , — ~ -™-r----- - fahren wollte, und wegen der Marie; konnte ihn das Helle I eine uralte Linde links am Weg, dort war nur eine kleine Lachen dieses Mädchens so kränken" 1 K'- " “ Tie Marie lachte alle aus. Sie war groß und schön und hatte ein paar blonde, dicke Zöpfe. Sie lenkte den Schlitten, Laß kein Junge es ihr nachmachen konnte, und fie war auch in der Schuld die erste und lachte all« aus; den Willi lachten aber auch die andern aus. , I Warum gerade wegen der Marie? Während ich so überlegte, drehte sich der Willi plötzlich zu ! Mir und sagte nur das eine Wort: „KoMm." Er stellte den Schlitten zurecht und setzte sich darauf. W war ein ganz kleiner Schlitten, und der zweite mußte dicht an den ersten heran sitzen und die Beine hochnehmen, damit sie nicht den Boden streiften. v Ich besann mich nicht länger, saß auf, und los ging Vs \ Len steilen alten Weg hinunter. . Erst ging es durch offenes Gelände, dann kam ein Hohlweg und die erste Kurve. Ich merkte gleich, daß. der Willi im Lenken nicht ganz sicher war und 'machte mich bereit, nötigenfalls zu helfen. Der Schlitten sauste weiter und über den ersten Graben. Der Graben ging quer über den Weg und war zur Ableitung des Wassers bei schwerem Gewitter im Sommer bestimmt. Die kleinen Schlitten glitten leicht durch die Graben, aber jedesmal flogen sie dann etwa zwei bis drei Meter in der freien Luft, und wenn sie wieder aufsetzten, müßte man sich vorsehen. , . , Es ging aber alles glatt und weiter mit immer größerer Geschwindigkeit, der Wind sauste um die Ohren, das' Mond- licht glänzte auf dem gefrorenen Schnee, immer weiter ging es- Der zweite Graben kam. . . auch das ging, aber nun kam Las Kreuz und die große Kurve. Ho, hopp, über den dritten Graben, wir flogen vielleicht Lrei bis vier Meter in der Luft, und ich hatte das Gefühl, jetzt ist's gefehlt. Ich setzte ein und wollte lenken, aber cs war zu spät. Tas ging alles so schnell, man hatte kaum Zeit zu überlegen, bums, bums, und dalagen wir ■ * — Schnee, gerade dem Kreuz gegenüber. Das hatte jeder von uns schon mitgemacht, wieder auf und schüttelte den Schnee ab. Ter Willi konnte nicht lenken. Las stand fest; aber ich wußte jetzt auch, wo er den Fehler machte. In dem Augenblick, als man sich in der Luft befand, müßte man dem Schlitten durch einen geschickten Schenkeldruck einen Ruck nach links geben. Das war ein ganz einfache Trick, und das tvußte der Willi nicht Ich machte ihm das klar, und wir kletterten den Berg hinaus und fuhren wieder hinunter. Wir flogen noch einmal in den Schnee, aber dann ging es, zunächst mit verminderter Geschwindigkeit und nachher im vollen Lauf, wie ein Pfeil flog her kleine! Schlitten, und der Willi lenkte ihm Er hatte noch nicht die instinktive Sicherheit wie ich und wie alle andern, aber es ging. Am andern Tage gingen wir, neun Knaben und sieben Mädchen, wie jeden Tag den Winter, in den Religionsunterricht ins andere Dorf. Auf dem Heimweg ging man durch Len alten Weg. Jeder hatte seinen kleinen Schlitten bei sich, auch der Willi hatte heute einen Schlitten. Die Mädchen lachten jhn gleich aus, allen voran Li« Marie. „Willi, willst du eine Weltreise Machen?" fragte sie und warf dabei einen Zopf zurück. Der Willi schwieg, aber m seinen stillen Augen leuchtete es auf, und über sein blasses Gesicht glitt eine leichte Röte. Noch bevor wir am Kreuz waren, trennte sich der Willi von uns und ging rasch voraus. Die Marie rief ihm etwas nach, er kehrte sich nicht daran. Wir anderen waren beisammen, und der Zug bewegte sich lang» sanr vorwärts. Man sprach und lachte, es war ein schöner Wintertag, und am Morgen war Neuschnee gefallen, so daß der Schnee' einen Halben Meter hoch lag. Da und dort flog ein Schneeball durch die Luft; aber zu regelrechten schlachten kam es nicht, wie sonst ost, es war zu kalt. So gingen wir bis zum Kreuz. Dort blieb man gewöhnlich stehen, um sich etwas auszuruhen. Mas taten wir auch jetzt. Auf einmal rief die Marie: „Ha, der Willi kommt, weg, ter fahrt um die Welt!" Alle lachten und sahen den Berg hinauf Da kam wirklich der Willi angesaust. Der Schnee stob nach beiden Seiten, und der Schlitten flog daher wie ein Pfeil. Tie Marie ries ihm von weitem höhnisch zu: „Willi, brems', brems'!" Der Willi bremste nicht. Er fuhr über den ersten Graben, Aber den zweiten Graben, und jetzt kam er ans Kreuz, wo wir alle standen. Ich zitterte halb für den Willi. Alles verstummte auf einmal. Der Willi ließ fliegen und flog durch die Luft, ich achtete scharf darauf und sah, er hatte gewonnen. Er setzte auf und fuhr glatt weiter auf voller Bahn mitten im Weg. Alle riefen: „Bravo, bravo!" Allen voran die Marie. Gesicht. Niemand wußte, daß wir die Nacht vorher ums Kreuz gefahren waren, und ich sagte nichts, um so mehr machte ich mir im stillen Vorwürfe. Ich glaubte aber nicht, daß er tot sei und sah immer auf seine Augen und dachte, er muß die Augen wieder öffnen. Langsam glitt der Schlitten über den Schnee. Die anderen Kinder gingen alle hinten nach und sprachen leise. Der alte Knecht achtete Vorn auf die Pferde, und selbst die Pferde schienen mitzuempfinden, daß sie eine traurige Last zogen; sie senkten die Köpfe und gingen stiller als sonst. Mich beschlich eine namenlose Angst, und mit feuchten Augen sah ich auf das blasse Gesicht; denn vielleicht öffnete er die Augen doch nicht Mehr. Aber er öffnete sie einmal, langsam öffnete er sie, und er ,ah Mich erstaunt an. Ich atmete auf; er wollte Len Kopf heben/ aber er konnte .nicht, es mußte ihn schmerzen. Ich sah, .tote seine Lippen sich bewegten, und ich hielt mein Ohr an seinen Mund. Mit kaum vernehmbarer StrmMe sagte er: „Ich bin doch — ums -- Kreuz gefahren." Ein mattes Lächeln spielte um ferne Lippen, dann schloß er die Augen wieder und öffnete sie an dem Tage nicht mehr. Zur Gesundung Nam er ins Städtlein in das Spital, und von da zog er mit seiner Mutter fort. Ungefähr etn Dutzend Jahre später traf ich ihn wieder. Die Marie hatte er langst vergessen, er fragte nicht einmal nach ihr. Er war etn sonniger Mensch geworden, und wir erzählten uns die Geschichte, so totS ich sie hier niedergeschrieben habe. vom Geheimnis eines gesunden und langen Lebens. Eine lustige statistische Geschichte, Von Fritz Müller, Zürich. Als ich dreizehn Jahre alt war, fiel mir die erste Statistik in die Hände. „Die Verheirateten," hieß es dann, „leben durchschnittlich 10,5 Jahre länger als die Unverheirateten. Tine Menge Gründe war für diese bemerkenswerte Erscheinung an- gegeben. Und sie waren alle mehr oder minder einleuchtend, ^ch notierte mir das Fakttim. /auurtuMVd Später las ich in einer Zeitung „Anttnikotina : /Statistische Untersuchungen haben dargetan, daß Nichtraucher. 12,3 ,Tarnt der Nichtraucher vielleicht sein Leben probeweise rückwärts rauchen, um die Differenz zu krtegeu, he? — Was 'oll inan darauf sagen? Mein Onkel Mar nicht vbrektch genug für die Ais ich mich versichern wöllte, sagte der Agent, die Prämien seien für die Abstinenzler kleiner. "Schr"einchch" sagte^er und zieht ein statistisches Projektil aus 'seiner Tasche' „lesen Sie hier selber, daß Abstinenzier 9,7 Jabre länger leben als die andern Menschen. ,Lm," sagte ich, „leider kann ich keinen An,pruch machen auf die kleine Prämie und das lange Leben, indes, gestatten Sie, daß ich das Faktum wenigstens notrere Später teilte mir ein Schönschreiblehrer mit, daß der Mensch, der regelmäßig seinen Vormitternachtsschlas habe» nach feinen statistl- schen Tabellen durchschnittlich 11,5 Jahre langer^iebe als em anderer. Auch das muß wahr sein. Denn sehen Sie was hatte ein Schönschreiblehrer für ein Interesse daran, Schlafstatiftiken 9U fStU lange nachher ersah ich aus einer Bivgrahhi^ von Franklin, daß das Frühaufstehen allem durchschnittlich 13,801 Jahre der gewöhnlichen Lebensdauer zusetze. Da diese Ziffer sogar auf drei Dezimalstellen genau berechnet ist, muß sie unbesehen rid)tliiJetittem Plakat einer Kefir- und Joghürt-Bertriebsgesell- schaft las ich dann in Fettdruck, daß der Genuß von Mw das Leben um 5 und der von Joghurt dasselbe Leben um 7,3 ^ahre Insgesamt 96,3 Jahre., Ich legte die Tabelle dem Kaiserlichen Statistischen Gesund - heitsamte vor und erhielt die Nachricht: Es stimme. Nuii bin ich aber kritisch von Natur. Ich nahm mir deshalb vor, die exakte Probe aufs Exempel .zu machen, und ging zu meinem Freunde Schlömilch. „Hör mal," sagte ich, „du bist ein Freund von allem Fort- „Oh, bitte," sagte er mit seiner linken Hand und quittierte mit der rechten hinterm Rücken. „Gut also. Hier ist die Tabelle und das Geheimnis eines gesunden und langen Lebens." Er w-arf einen Blick darauf Und sagte: , ,. „Ist ja famos! Gib her, das will ich gleich probieren." „Deswegen kam ich eben, lieber Schlömilch. Du wirst der Wissenschaft einen mig eh euren Dienst erweisen, wenn du danach lebst, verstehst du?" „Machen wir!" rief er begeistert. „Also nicht, rauchen, nicht trinken, nicht —" Auf 'einmal fiel ihm etwas ein. „Ja, und du?" sagte jer. „Ich werde zur Kontrolle das. Gegenteil von allem tun." „Zur Kontrolle?" • „Natürlich, um festzustellen, wieviel Jähre du' länger leben wirst als ich, verstehst du?" „Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Aber sage mal, opfern tust da du dich eigentlich für die Wissenschaft!" „Ich tn's gern." „Und ich nicht minder. .Weißt du, das müßten Wir doch feiern in der Bodega." „Das will ich allein besorgen. Denn laut Tabelle Absatz 3, verstehst du. . ." Er sah nach und ich konnte konstatieren, daß die Verlängerung seines Lebens bereits anfiug, sich in der Verlängerung seines Gesichts -ein wenig bemerkbar zu machen. Aber zur Ehre meines Freundes Schlömilch sei's gesagt — er hielt sich strenge an die neunfältige Lebeusverläugeruugs- Tabelleuvorschrifteu. So strenge, wie ich mich an das Gegenteil. Und wir hätten sicher.eine wertvolle Bereicherung der Statistik durch unser praktisches Experiment erzielt, wenn — Ja, sehen Sie, wenn nicht Freund Schlomtlch anderthalb Jahre darauf ohne -erkennbare Ursachen verstorben wäre. . Wir haben uns den Kopf zerbrochen, warum,, weshalb, wreso? Und sind zu keinem Ergebnis gelangt. . Mein Onkel sagt, an zuviel Gesundheit sei mein Freund gestorben, zuviel Gesundheit nehme den Körper noch ärger mit als gar keine Gesundheit. „ Aber .das ist Blech. Mein Onkel ist statistisch nicht, gebildet Er ivürbe .sonst wissen müssen, daß mein Freund Schlömilch laut Statistik die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit gehabt hatte/ 187,9 Jahre alt -zu werden. Schade, schade, daß -er Vorher starbt Vermachtes. * Goldene Worte für A n §l a n d d eu tsche. Goldene Worte an die Deutschen im SluSlonb spricht W. Tr. tut Deutschen Evangelischen Volksboten für Südafrika. Wir geben sie im Auszug wieder; Als deine Vorväter oder du selbst an der Südspitze Afrikas ans Land gingst, hattest du einen. deutschen Familien- nainen, den deine Vorfahren in der Heimat bis weit in die Jahrhunderte zurück mit Ehren getragen haben. Trage ihn getrost m Ehren weiter und fange nicht an zu andern. Wenn über dem a, o, u ein paar kleine Striche stehen, so laß sie ruhig bableiben. Oder andernfalls — du weißt ja! — erst der kleine Finger, bann die ganze Hand und zuletzt auch das deutsche Herz. — Wenn du Schmidt ober anberswie heißt, versuche nicht auf einmal als Engländer aufzutreten. — Du hast einen ehrlichen Vornamen mitgebracht, behalte den ruhig weiter und werde nicht plötzlich, zum John oder Charles oder zu sonst wem. Sieh dir den Ausländer in Deutschland an. Er hat Rückgrat iind bleibt, ,vas er ist, allezeit. — Vielleicht hast du and) Kinder. Gib ihnen schöne deutsche Namen mit auf den Lebensweg. Sie werben bir vielleicht einmal bankbar sein dafür. Gertrud, Hildegunde, Irmgard, Ilse, Helmut, Heinrich, Rudolf, Günter! Was gibt's da für herrliche Namen I — Laß dein Saus zu einer deutschen Burg werden I — Laß nur deutsch sprechen! Sei unerbittlich streng darin, lieber zu viel als zu wenig. — Draußen und in der Schule lernen deine Kinder schon sowieso Holländisch und Englisch, besser als von dir, der du die Sprachen vielleicht erst als Erivachsener gelernt hast. — Mit jedem deutschen Landsmann sprich nur deutsch. Sonst verachtest du deine Heimat. — Sprich möglichst ein reines Deutsch I „Hol- länbere" ober „englänbere" nicht! Sage nicht: „Ich soll lzal) bas tun" für „ick, werbe das tun." Sprich nicht von „muven", auch nicht von „Ticket", „Office" u. a„ bas läßt sich alles vermeiden. Die deutsche Sprache ist doch so reich. — Rede auch nicht von Mr. oder Mrs., wenn bu von deinem Mann ober beiner Frau sprichst. Das ist gar nicht deutsch. — Man sagt, wir Deutschen seien das lieberreichste Volk ber Welt. Du kennst sie ja alle, unsere herrlichen Volkstieder: „Am Brunnen vor bem Tore", „In einem kühlen Grunde", „Ich halt' einen Kameraden", „Wem Gott will rechte Gunst eriveisen". O fing sie alle in deinem Hause, im Kreise deiner Familie, und auch deine in Afrika geborenen Kinder werden lernen, unser Deutschtum von Herzen liebzuhaben und begeistert einstimmen in; „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt". * Ein Hartgesottener. -„Sie sollten heiraten,'Hertz Assessor. Gibt es denn etwas Besseres als eine traute Häuslich- fett?" — „Doch — eine traute Ungetraute," §ildrnr8tsel. a, ba, ber, beim, beu, bürg, del, der, el, gal, if, knö, le, le, li, ma* mei, mei, ni, o, se, tel. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben, von oben nach unten, und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, den Namen eines Astronomen ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Ein Mineral. 2. Ein Insekt. 3. Dient häufig zur Aufbewahrung von Gelb. 4. Berg in Südamerika. 5. Schmackhafte Speise. 6. Geschichtlich bekannte Insel. 7. Stabt in Bayern. Auflöstmg m nächster Nummer. Auflösung des magischen Zahlemmadmts in voriger Nummert 7 15 33 24 24 33 15 7 15 7 24 33 33 24 7 15 >71 Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck' und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeretz R. Lang», Gieße»