Mittwoch den |0. Januar "SSS$h$9Ä dMWK Wjl AS ZW Glückslasten. Roman von Hanns von Zobelti^- (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.) Eberhard lachte. „Aber Papa! Peinlich? Unverschämt fand ich, den würdigen Herrn." „Das will ich doch nicht sagen. Ich glaube — ich habe Grund zu glauben, daß Onkel in der Tat beabsichtigte, Neustadt zur llniversalerbin einzusetzen." „Ich bitte dich! Es wäre ja eine haarsträubende Ungerechtigkeit gegen uns gewesen. Aber wenn schon. Er hat doch, Gott sei's gaelobt, nicht testiert." „Ja. Aber die Verpflichtung fühle ich, daß wir uns anständig aus der Affäre ziehen müssen. Aus ein paarmal hunderttausend Mark darf es uns dabei nicht ankom- Men.- Immer vorausgesetzt, daß Onkels Hinterlassenschaft wirklich so groß ist, wie du annimmst." Inzwischen war Friedel hereingekommen. Ter Bruder erzählte ihm, während der Major immer noch unruhig auf- und abging, mit halber Aufmerksamkeit zuhörte und dann und wann ein Wort dazwischenwarf. Friedel hatte die Achseln hochgezogen und mgchte nur: „Pah! Es wird nichts so heiß gegessen, wie's gekocht wird!" Und daun: „Ich schlage vor, daß wir jetzt in des Onkels Wohnung fahren und einmal gründlich in seinen Papieren Umschau halten." Es kam dabei nicht viel heraus. In der peinlich ordentlich gehaltenen, sehr bescheidenen Junggesellenwoh- nung fanden sich zwar teils inr Geldschrank, teils im Schreibtisch — beide Schlüssel hatte der alte Herr bei sich gehabt — Geschäftsbücher, Stöße von Akten und Briefschaften, aber die drei Herren waren zu geschäftsunkun-, oig, als daß sie einen Ueberblick hätten gewinnen können; höchstens die aus große Summen lautenden Depotauszüge und Nummernverzeichnisse der Deutschen Bank interessierten sie, ohne daß sie doch auch hier klar zu sehen vermochten. Ein Testament oder irgend eine Aufzeichnung über die Hinterlegung einer letztwilligen Verfügung fand sich nicht. Dabei war der Vater in steter Unruhe und gar nicht recht bei der Sache. Er sah immer wieder nach der Uhr, drängte immer aufs neue zum Schlußmachen. Die Söhne merkten wohl: Srgnes Ankunft beschäftigte ihn so ausschließlich, daß alles andere davor zurücktrat. Es kam beiden etwas lächerlich vor, wie Vater das verbergen wollte uiti> doch nicht zu verbergen verstand. Aber sie kannten seine „Narretei" für Signe und hüteten sich, dagegen zu sprechen. Es war verabredet gewesen, daß die drei Herren Signe von der Bahn abholen sollten. Nun fühlten die Söhne, daß Vater gern, allein gegangen fröre, daß er das erste Wiedersehen nicht teilen mochte. Er sprach es nicht aus, aber seine ganze Art verriet es. Und ohne besondere Verständigung taten sie ihm den Gefallen: sie sahen die Schwester, den „Hochmutspinsel", immer noch früh genug im Hotel. Lange vor Ankunft des Zuges war Gudarcza auf dem Bahnhof. Ruhelos wanderte er den langen Bahnsteig auf und ab, von der vorderen Schranke bis jenseits der Glasdecke; blieb dort vor der literarischen Krämerei stehen und betrachtete, las Büchertitel und Zeitungsnamen ,ohne mehr als Buchstaben aneinander zu reihen; blickte hier auf die blanken, in die Weite führenden Geleise hinaus', sah dazwischen immer wieder nach der Riesenuhr oben im Abschlußgiebel der Halle. Immer stärker wuchs seine Ungeduld, seine Sehnsucht. Wie würde sie aussehen? Hatte sie sehr gelitten, sich stark verändert in diesem gräßlichen höfischen Frondienst, der gerade ihrer starken Individualität so unerträglich fern mußte? Wie nahm sie nur die Veränderung der Lage auf? Was plante sie für die eigene Zukunft? Denn daß sie für ihre Zukunft sich einen ganz bestimmten Weg vorgezeichnet hatte, das war klar ■— dafür kannte er seine Signe. Aber er wußte auch, dieser Weg führte vielleicht in'ganz, ganz- anderer Richtung, als Mutter oder er oder gar die Geschwister ahnen konnten. Signe war unberechenbar. Noch eine Viertelstunde — noch zehn Minuten — Er ging wieder hinaus in den Sonnenglast und sah den Eisenstrang entlang, der ihm seinen Liebling bringen sollte. Jetzt raste der Schnellzug wohl draußen an den Vororten vorbei. Ganz dicht vielleicht vorüber an der kleinen Villa, in der die Eltern von Victor Kaltenegg wohnten. Ob sie daran dachte? Ob sie überhaupt noch an Victor dachte! Einmal Ivar sie schwach gewesen. Einmal — auch dem Stärksten schlägt einmal seine Stunde. Jetzt hob sich drüben das Signal. Endlich! Wie ein Arm war's, der in die Zukunft wies. Ja, Signe, liebe Signe ■— in deine Zukunft. Wie wirst du sie dir gestalten, nun der Weg menschlicher Voraussicht nach frei ist von den kleinen und kleinlichen Hindernissen, die ihn dir sperrten?! Es donnerte und polterte heran. Gudarcza lief mehr als er ging zurück nach der Stelle, wo der Zug halten mußte. Er, der immer Rücksichtsvolle, schob die Wartenden rücksichtslos mit den Ellenbogen zur Seite. Nur gleich beim Einfahren Signe sehen. Und da sah er sie. Sie stand am Fenster eines Abteils erster Klasse — natürlich, sie war erster Klasse gefahren — und hatte auch ihn gleich erspäht, winkte ihm mit der Hand zu. Ganz das liebe, schöne Gesicht von früher. Nur schmaler geworden. Gereifter. Aber darum vielleicht noch schöner^ „Signe! Kind — mein liebes, liebes Kindt" „'Tag, Väterchen r'i 18 Er zog sie an sich, er küßte sie. War nicht freigeben wollte er sie. Bis sie sich ihm entwand. „Wer Papa . . ." Und sich auch gleich umwaudte. „Danke, Durchlaucht. . . aber, bitte, bemühen Sie sich nicht!" Im ersten Augenblick hörte Vater nur den Wohlklang der Stimme, diese selten, vollen und weichen Töne, die ihn immer an Glockenklingen erinnert hatten. Dann erst sah er, daß ein schmaler, äußerst elegant gekleideter Herr sich mit Hilfe eines Dieners und eines Trägers an Gepäck- stücken zu. tun machte, die wohl Signe gehören mochten. Es wollte ein leiser Verdruß in ihm aufkeimen: „Nun bin ich ja doch nicht mit Signe allein." Aber da sprach sie schon: „Mein Vater — Prinz Hobnrg. Wir fuhren von Frankfurt an zusammen, und Durchlaucht hat sich meiner in selbstlosester Weise angenommen." Sie lächelte dazu, und es klang etwas wie versteckte Ironie aus den Worten. Der Herr hatte beit Hut gezogen. „Sehr erfreut, Herr von Gudarcza —" Er sprach so leise, daß er kaum zu verstehen war. „Wirklich ein seltsam glückhaftes Zusammentreffen. Bisweilen meint es der böse Zufall doch gut. Und nun, mein gnädigstes Fräulein, will ich mich empfehlen." „Auf Wiedersehen, Durchlaucht." Ganz flüchtig reichte sie ihm die Hand. Wie eine Fürstin dem Hofkavalier, fand Vater. Aber als der Prinz, von seinem Diener gefolgt, sich in der zum Ausgang schreitenden Menge verlor, da entschwand er auch seinem Gedächtnis: er sah nur die Tochter. Er sah nur sie, während sie schnell und gewandt mit dem Gepäckträger verhandelte; sah nur sie, als er mit ihr die Freitreppe hiunnterging; sah nur sie, während sie im Wagengewühl standen, zwischen den rufenden, suchenden Passagieren, den hastenden Dienern und Trägern. Wie schön sie war! Wie schön sie war! Hoch und schlank die Gestalt im engschließenden' schwarzen Seidenmantel, zum Umspannen im Gürtel, breit in den Schultern. Wie fein der Kopf geformt! Das Gesicht wie nach einer antiken Kamee geschnitten, im Profil vielleicht eilt wenig scharf, von Horn ein entzückendes Oval. Und unter dem' kleinen Reisehut die Pracht des Goldhaares, lose aufgesteckt, vielleicht noch von der Nachtfahrt her, daß sich überall die Löckchen aus den dichten Wellen herausstahlen. Ja, richtig — die Nachtfahrt! Beinah zwei Nächte und ein Tag — und dabei so frisch auszusehen. „Hat dich die lange Reise nicht angegriffen, Signe?" „Bewahre. Weißt du, Papa, wenn man einer frohen Veränderung entgegenfährt—." Sie unterbrach sich. Es stieg ein.leises Rot in ihrem Gesicht auf, kam und ging gleich wieder. Und sie lächelte darüber. „Nun ja — ein Trauerfall. Aber wir beide brauchen doch nicht voreinander zu heucheln, Papa. Für uns ist's doch nun einmal ein Glücksfall. Hat sich ein Testament gefunden?" lieber das Gesicht des Majors glt t ein Schatten. „Aber, Signe!" Er sprach es mit leichtem Vorwurf und fand doch gleich darauf ganz natürlich, was sie gesagt und wie fie's gesagt. Nein . . . nicht heucheln. Sie hatte ganz recht. So gab er Auskunft. Sie saßen schon in der Droschke, die langsam durch die Wagenflut am Potsdamerplatz sich hindurchwand. Und er sah, die Augen auf die Tochter gerichtet, wie ihr schönes Gesicht leuchtete bei seinen Worten. „Sechs bis acht Millionen" — wiederholte sie leise. „O . . ." Es war lur ein großes Aufatmen. Ihre Brust hob sich, der fehlt Mund blieb eilte Sekunde halb geöffnet, daß die kleinen Zähne hervorschimmerten, und die Zunge schob sich nttj einen Augenblick hervor, wie nm die heißen roten.Lippen zu netzen. „Noch nicht einmal nach Mütter hat Signe gefragt sind nicht nach den Geschwistern" — dachte Gudarcza un- willkürlich und sagte sich zugleich: „Aber zum Wundern ist das nicht. Sie weiß ja, Mama sitzt drüben und wird sie gleich ans Herz nehmen." Da hielt auch der Wagen schon vor dem Hotel, und Signe rauschte an dem sich tief beugenden Portier vorüber. „So tief hat der sich vor keinem von uns verbeugt Nicht einmal vor Eberhard. Merkwürdig: wie eine Fürstin . . . die Signe . . . unser Kind." 3. Es hatte so feine zwei Seiten, sand der Major. Gan? fchön und ganz gut das — der Entschluß, nach Berlin zu ziehen. Schon wegen der Verwaltung der Grundstücke: der Geier traue den fremden Leuten. Und den Söhnen war mau näher, hatte doch wenigstens einigen Einfluß auf sie. Und für die Töchter — nun, für die Töchter war's einfach eine Notwendigkeit. Man war es ihnen schuldig. Das! hatte Ida auch gleich gesagt. Wenn das nur nicht gar so plötzlich gekommen wäre. So übereilt. Kaum daß man in Körlin, dem alten guten, Nest, hatte ordentlich Abschied nehmen können. Holterdiepolter das alles. Eigentlich ungemütlich. Und alles ein Provisorium. Da steckte mein vorläufig in einer möblierten Mietswohnung, die ein unsinniges Geld kostete. Die Möbel standen auf einem Speicher. Tag um Tag kam ein halbes Dutzend Agenten und machte Vor-i schläge für die Villa, die gekauft werden sollte. Schließlich paßte keine so recht, und das Suchen und Herumkutschieren fand kein Ende. Schön war anders. Gudarcza lag auf seiner Chaiselongue und empfand dabei, daß es nicht die seine war, die gute ulte mit dev gewohnten Kuhle in der Mitte. Er rauchte eine Importierte, die Eberhard besorgt hatte, und sie schmeckte ihm eigentlich nicht so gut wie die frühere Ächtpfennig-Zigarre. Und bisweilen sah er unter den halbgeschlossenen Lidern mißmutig zu dem Riesenstoß Akten und Büchern hinüber, die drüben auf dem Diplomatenschreibtisch ausgestapelt waren, auf diesem infamen Kasten, vor dem man nie wußte, wo man die Beine lassen sollte. Das war die Krone! Diese Auszüge aus den Grund-' buchakten, diese Bankabrechnungen, diese Mietsverträge, Steuerlisten, Versicherungspolicen und was da sonst noch alles für Krempel lag! „Nimm dir 'nen ordentlichen Privatsekretär und laß den arbeiten, bis er Blick schwitzt," hatte Friedel gemeint. Nee. . . dafür ist man denn doch zu gewissenhaft, mein Junge. Vermögen gibt Pflichten. Aber ein. Vergnügen ist's für einen alten Mann nun ge-z rade nicht, sich täglich mit dem Ballast herumzuschlagen, sich erst mal einarbeiteu zu müssen. Das noch dazu mit dem steten häßlichen Mißtrauen: betrogen wirst du doch! Pfüi Spinne! Aber schließlich waren das alles Kleinigkeiten, Lächeri lichkeiten, mit denen man fertig werden mußte. Mußte — mußte! So oder so! (Fortsetzung folgt.) Der Reiz des Winters. Von Johannes Trojan. Für eine böse Zeit gilt es, wenn der Winter vor dec Türe steht, manchmal schon anpocht oder ins Haus hineinsieht, nm dann noch einmal wieder auf kurze Zeit in den Norden oder auf die Berge zurückzuweichen. Es ist das die Zeit der heftigen Stürme, der Nebel und der immer kürzer werdenden Tage, an denen es oftmals überhaupt kaum hell wird. In dieser Zeit gelangen das Feuer und das Licht zu besonders hoher Bedeutung. Das Feuer, das nach dem griechischen Mythus Prometheus einst den Menschen gebracht hat, zählt ja auch sonst zu den wichtigsten Kultur- elementen. Der Herd, auf dem Feuer augezündet wird, ist gleichbedeutend mit Haus und Heim, und Feuerstelle wird in manchen Gegenden unseres Vaterlandes überhaupt die Wohnung genannt. Das Dorf, kann man sagen hören, hat so und soviel Fenerstellen, d. h. so und soviel Häuser oder Wohnungen. Wer das Feuer ist nicht nur von Nutzen im Dienst der Hauswirtschaft, wo es zum Kochen, Backen und Braten verwendet wird, und des Handwerks, das sich zur Großindustrie entwickelt hat, sondern es hilft uns auch zur Erwärmung, sobald der Winter naht. Zu diesem Zweck wird es seit sehr alter Zeit schon int Ofen angemacht, und das zu tun war und ist noch Dienstbotenarbeit — wo Dienstboten vorhanden sind. Wo diese fehlen, muß die Hausfrau es tun oder auch der Hausherr, wie ich das gesehen-habe in Amerika, wo auch in besserem Haushalt die Dienstboten aus- gehen, ohne wiederzukommen, und doch der großen Kälte wegen geheizt werden muß. In älterer Zeit aber kam es auch vor, daß Fräulein sehr hohen Herkommens, die von Rittern gefangen genommen waren, der Bedienung des OfenS sich unterziehen mußten. Von einer solchen Jungfrau, die aus Portugal stammte und mit Gudrun zusammen von IS % dem Normannen Hartmut in die Gefangenschaft geschleppt wurde, wird im fünften Gesänge des Gudrunliedes gesagt: „Einst eines Fürsten Tochter, der hatte Burg und Land, Mußt' sie jetzt Oesen heizen mit ihrer weißen Hand." Ob sie das auch gut ausführte, wird uicht gesagt. Wo der Ofen noch nicht durch die Zentralheizung aus den Zimmern verdrängt ist, gibt es verschiedene Arten von Oefen. Im östlichen Deutschland herrscht noch der Kachelofenchor, unter den Kachelöfen aber gibt es solche, die zu den Kunstwerken zählen. Das größte Wunderwerk dieser Art ist wohl der turmhohe Ofen im Artushof meiner Vaterstadt Danzig, dessen 268 Kacheln mit ebensovielen künstlerisch aus- gesührteu Bildnissen verziert sind. Aber auch der einfache Kachelofen hat seine großen Vorzüge. Er ist ein traute» Stubengenosse, dem mau, um sich zu wärmen, viel näher kommen kann als dem eisernen Ofen. Zu ihm gehört die Ofenbank, auf der es sich gut sitzt. Aus ihr kann man sich auch, wie ich es in den Wandertagen meiner Jugendzeit erprobt habe, sehr gut und billig einmal für die Nacht betten. Auch hat der Kachelofen eine Röhre, in der sich Aepsel braten lassen. Um meine Kinderzeit wurden im Sommer Rosen, Lavendel und Nelken zusammen mit Salz eingemacht, woraus eine Masse entstand, die Potpourri genannt wurde. Ein wenig davon zur Winterszeit in die Ofenröhre getan, erfüllte, wenn es heiß wurde, das Zimmer mit lieblichem Duft. Ja, der Kachelofen hat feine Poesie, das gibt wohl jeder zu, wenn er an den redlichen Damm denkt, der „auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens" saß. Mit dem Feuer eng verbunden ist das Licht. So heißt es ja auch in dem alten'Nachtwächterruf — von eigenem An- Hören noch erinnere ich mich feiner — nachdem gesagt ist, was die Glocke geschlagen hat: „Bewahrt das Feuer und das Licht, Daß im Ort kein Schade geschicht!" Wie wohl angebracht aber die Mahnung ist, vorsichtig htit Feuer und Licht umzugehen, das gibt sich auch heute noch allerwärts kund. Um nun im besouderu vom Licht zu reden: o welch einen Wandel hat das künstliche Licht, das zum Aufhelleu der Dunkelheit dient, im Lause der Zeit durchgemacht! Von dem brennenden Kienspan, der einst die Spinnstube erleuchtete, in der Mägdlein und Burschen miteinander scherzten, bis git den Glühbirnen im modernen Salon, welch eine Vervollkommnung ! Was hat sich alles verändert seit der Zeit, als die Hausfrau noch sorgsam Unschlitt oder Talg sammelte, unr dafür 6eint Lichtzieher Lichter oder Lichte, wie man gewöhnlich sagte, und zwar dicke nitb dünne Talglichte, einzu- tauschen! Beim dicken Licht — die dünnen Lichte waren für die Wirtschaftsräume und die Mägdekammer bestimmt — habe ich Alter noch als Schüler im Winter meine Aufsätze angefertigt, ja noch als Student in dem ersten Semester mit den Kommilitonen auf der Kneipe gesessen und gezecht. Wohin ist der Leuchter gekommen mit dem „Profitcheu" und der Lichtputzschere? Was ein „Docht" ist, werden viele, nicht mehr wissen, loenn sie nicht im Wörterbuch nachgeschlagen haben. Ach, die Wachskerze ist sogar vom Weihnachtsbaniu saft schon verschwunden. Auch die Oellampe, die in so vielen verschiedenen immer zweckmäßigeren und schöneren Formen auftrat, hat sich nicht halten können. Das Rüböl ist durch das Petroleum, das ja noch für die Lampe zu benutzen Ivar, dieses durch das Gas, das Gas durch die Elektrizität „ans- geschaltet" wordeit, wie der beliebte Ausdruck lautet. Halt doch! Beim Durchwandern deut Weinkellern, womit das Pro- bieren verbunden ist, bedient man sich auch jetzt noch' oder bediente sich doch vor kurzem noch auf eigenartigen Keller- leuchterm angebrachter Stearinlichter. Ja, Feuer und Licht sind große Tröster in der Zeit der Wintertage, der Nebel und Stürme, aber es gibt noch anderen Trost. Die Menschen rücken um diese Zeit wieder näher znsammeni im warmen Raume, die vom zarten Geschlecht beim Kaffee, die Männer Beim Wer ober Wein. Unter den Weinen dürfte diesmal, da allen Berichten zufolge die Weinernte vorzüglich ausgefallen ist, der §eitrige besonders anlockend, aber auch ein wenig gefährlich sein. . ! In diese Zeit der langen Winterabende fallen dann auch die besonders von der Jugend ersehnten geselligen Ver- gnüguitgeu. 'Im stillen Hause aber nimmt man wieder die Rotnanbücher vor und vertieft sich darin, soweit es angeht. Außerdem sitzen Frauen und Jungfräulein emsig bet der Handarbeit, und wo mehrere zusatnmeusitzen, wird geplaudert und gelacht. Es ist nun die Zeit, da das, was int Sommex und Herbst im Garten und auf den Feldern gewonnen wurde — und gar so wenig war das auch in diesem Jahre nicht — noch die Vorratsräume füllt. Darum wird auf dem Lande, wo nun auch die Arbeit ruht, um diese Zeit gern Hochzeit gehalten. Es fallen in dieselbe Zeit auch die Schlachtfeste. Graitsaut erscheint es ja, es ein Fest zu nennen, wenn einem Schweim ober einer Gans mit scharfem Eisen das Leben geraubt wird; wer aber in jungen Jahren an solchem Abschlachten als Zuschauer teilgenommeu und bann von bem, was durch Sie Schlachtung auf den Tisch kant, mitgegessett hat, kamt doch einem solchen Vorgänge, der eigentlich Schändern erregen müßte, einen festlichen Charakter nicht absprechen. Und wurden tticht in alter Zeit den Göttern schon Haustiere geopfert? . Auch au bem, was die Augen erfreut dttrch Blüten, fehlt es im Winter nicht ganz, abgesehen von den hübschen Alpen- veilchett, bett Begonien, beit chinesischen Primeln und anderen mehr, die int Zimmer an das Fenster gestellt, sich mit wenigem Sonnenlicht begnügen. Draußen int Freien blühen reizende Chrysanthemen 'bis tief in den Winter hinein, und schöne blühende Rosen habe ich noch in den letzten Novembertagen hier am Seestrande, wo ich wohne, in beit kleinen Gärten vor den Häusern gefunden. Neben den Gartenroseu entfalten dann Sie Christrosen ober Weih- nachtsroseit, bie einer Hellebornsart angehören, ihre wundervollen weißen Blumen. Dazu kommt noch eines. Wenn man an einem hellen Tag beit Winterwald betritt, sieht man überall an den Zweigen schon Knospen und Kätzchen, bie auf neues Erwachen der Natur hindeuten. Auch Vögel lasseu sich hören, und nicht nur krächzende Krähen nitb Raben sind es. Hier und da erklingt auch ein Meisenstimmchen, das uns zuruft t Nur unverzagt! Es wird doch wieder Frühling. Und nun das Weihnachtsfest vorbei mit seinem Gterut wissen wir es ja: wir haben zunehmendes Licht. Delhi Durbar. Tie folgende anschauliche Schilderung des Krönungssestes in Indien erhalten wir von einem jungen Gießener, dem Sohu des Kirchenrates D. Schlosser, der sich als Leiter eines großen Handelshauses in Delhi aufhält: Schon als ich im Spätherbst 1910 in Calcntta ankam, hörte ich sehr bald ans allen Gesprächen das Wort „TuWar" heraus und bemühte mich erst lange vergeblich, es im englischen Lexica zu finden, bis man mir erklärte, es sei Hindustani und bedeute irgendeine mit einer Staatsaktion (meistens Thronfolge) verbundene offizielle Feier. Der Durbar in Delhi ist natürlich der Durbar par excellence, und der diesmalige war noch von ungleich höherer Bedeutung dadurch, daß zum ersten Male der britische Landesherr persönlich anwesend war. Ter letzte Durbar im Jahre 1903 gelegentlich der Thronbesteigung König Eduards, an dem bekanntlick unser hessischer Großherzog teilnahm, wurde von Lord Curzon, dem damaligen Vizekönig, gehalten. Für den diesmaligen Ttirbar erwartete man von vornherein das Kommen des englischen Königspaares. Mehr wie einmal freilich war dies ernstlich in Frage gestellt. Zunächst als int vorigen Frühling die Pest hier in Delhi wütete nitb durchschnittlich 100 Opfer am Tag forderte, dann als die Mousoons (Westwinde) ausblieben -und Hungersnot drohte, und schließlich als man zu Haus jeden Tag den Ausbruch eines Krieges bestirchtete, in den England verwickelt sein würde. Es war ein beständiges Hangen und Bangen hier draußen, und die Gesellschaften, die Versicherungen gegen das Richtkommen des Königs anfnahmen, machten glänzende Geschäfte. Ter italienisch-türkische Krieg scheint die Reise nicht in Frage gestellt zu haben, was auch als ein Beweis dafür angesehen werden darf, welche Bedeutung ihm die englische Regierung bcimaß. Ich hatte das Glück, nach einjährigem Aufenthalt in Calcutta int Oktober als Leiter unserer dortigen Niederlassung nach Delhi versetzt zu werden. Schon damals war der sonst so ruhige kleine Jnlandbahnhof überfüllt mit Fremden, die durch den bevorstehenden Durbar herbeigefiihrt waren, und ich mußte mein Quartier im Kontor unter höchst primitiven Verhältnissen auffchlagen. Inmitten des Basars wohnend, hatte ich einen Hindutempel mit „lärmenden und die ganze Nacht durch musizierenden" Priestern als nächste Nachbarn, und Teile meiner Behausung wurden mir von fauchenden und stehlenden Affen streitig gemacht. Fein wurde die Sache aber erst, als ich während des Turbars auch noch Gäste bekam, einen Deutschen aus Cawupore und einen amerikanischen Reporter. Beide waren mir gänzlich unbekannt, aber wir freundeten uns rasch an und hatten eine so großartige Zeit miteinander, daß der Amerikaner beschloß, in einem Artikel zu beschreiben „how we did the Durbar" (wie wir den Durbar verbrachten). Seine Preßkarte verhalf uns beiden anderen zum Eintritt zu manchem, was Uns sonst verschlossen gewesen lväreL — 20 — — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universttäts-Buch- und Strindrnckerei, R. Lana», Ti»t«» Rätsel. Mit S ist es dir lieb und wert. Wenn nach des Tages Müh' und Last, Nach Ruh dein müder Leib begehrt, Die du dann wohl verdienet hast. Mit F dagegen ist es lästig. Mußt du es tragen, ist vorbei Dein stolz Bewegen, und gar mächtig Wirst streben du, bis du bist frei. Mit N es manchem nett erscheinet. Er saßt es an mit zarter Hand. Doch sieh, er stehet da und weinet, Es hat ihn tückisch ja verbrannt. Mit K die Hausfrau es benützet, Es dienet ihr in mancher Art; Drum sie es auch wohl gern beschützet. Nun nenn den Nainen, der ihm ward. Auflösung in nächster Nummer. Auflösttng des Bilderrätsels in voriger Nummert P a l ä st i n a. humoristisches. * Sauber. Fremder (beim Rasieren)! „Warum jredtat Sie nur denn noch leine zweite Serviette vor?" — Dorfbarbier r „Entschuldigen Sie, die andere ist ganz frisch. , . damit die noch a biff et geschont wird!" ® rl2;, mittags 12 Uhr, fand die eigentliche Krönung statt. Schon früh am Morgen füllte sich das Amphitheater mit einer bunten Menge. Ein Teil war für Schulkinder reserviert, die durch ihre gruppenweise gleichen Turbane in rot und gelb Und grün und blau von weitem tote große Blumenbeete aussahen Für geladene hohe Gäste hatte man eine besondere Tribüne errichtet, die gerade dem ganz in weiß und gold gehaltenen und von einem Voten Purpur-Baldachin überdachten Thron gegenüber stand. Der ^nnenrauni der Arena war so groß, daß man von einer in der Mitte plazierten 1000 Mann starken Militärkapelle auf den Außen- onnnner hörte. Diese ganze Fläche wurde von etwa , ,.0 Truppen bezogen, und wenn man sich der roten Röcke der englischen Infanterie und ihrer weißen Tropenhelme, der male- T^sicht der Hochschotten und der bullten Uniformen der indischen Truppen mit ihren verschiedenfarbigen Turbans erinnert, ivird man sich em kleines Bild von dem großartigen Schauspiel machen könneit Nahe dem Throne hatte man Plätze für die Veteranen aus dem Aufstand von 1859 reserviert Diese waren noch ganz zahlreich vertreten, meistens Inder, und iourden wäh- rend des ganzen Durbars hochgeehrt. Es war rührend, zu sehen ww. die , alten Manner, teilweise in Uniform, sich bemühten, in inllitarticher Weise zu marschieren, als sie unter dem Hochrufen und Beifallklatschen der vieltausendköpfigen Menge die Arena betraten Bald darnach kam der Vizekönig mit seiner wvhlbe- rannten Leibgarde, den bengalischen Reitern in scharlach-roten, goldbestickten Rocken. Das Köuigspaar erschien unter der Eskorte von einigen Regimentern Kavallerie und Artillerie und dem erwähnten königlichen Kadettkorps. iTer Einzug erfolgte von dem einen Ende der Arena entlang den Zuschauertribünen, bis zur Mitte, wahrend bet der Abfahrt die andere Hälfte der Arena berührt wurde. Tas Königspaar IN vollem königlichen Schmuck, (den die Redaktion: K. Neurath. englischen Blätter, vorher bis zum Ueberdruß beschrieben hatten)- nahmen zunächst in einer besonderen Tribüne Platz. 'Der inter« essanteste Teil des ganzen 'Durbar folgte nun. Alle hohen eng- lilchen Beamten und die Fürsten erschienen vor den Majestäten- um zu huldigen. Darnach nahmen diese auf dem erhöhten Thronsitze Platz, sichtbar für jedermann unter all den Tausenden, und die eigentliche Proklamation fand statt, d. h. wurde von Herolden in Englisch und Urdu verlesen. Die ganze Sache, hier nur kurz geschildert, dauerte einige Stunden und es war Nachmittag, bevor das Königspaar die Arena verließ. Von großem Interesse war auch am nächsten Tage die große Parade der 50 OOÖ Mann starken Truppen. Auch lemand, der an dte Paraden unseres Deutscheti Militärs gewöhnt ist, konnte Nicht anders, als diesen wirklich prachtvollen Soldaten — Engländer wie Eingeborene — ungeschmälertes Lob speichert. Einen besonders guten Eindruck machte die britische Artillerie und die indische Infanterie der Sikhs und Gurkhas. Noch vieles wäre zu berichten über erstklassige Polo- und Fußballwettspiele, zu denen sich eine Zuschauermenge zusammenfand, wie fte glänzender auf Seinem Rennen in London oder Berlin gefunden werden dürfte. Wir hatten unwillkürlich dm frommen Wunsch, alle diese Menschm einmal über April hinaus in DM festhalten zu dürfen, wenn die Hitze mit 45—48 Grad Celsius tm Schatten selbst den Europäischen Sommer 1911 schlägt. Wie schon angedmtet, hat die englische Regierung offenbar von der persönlichen Anwesmheit des Königs in politischer Begehung viel erwartet, und so viel sich darüber sagen läßt, scheint der Erfolg und der Einfluß in dieser Beziehung wirklich von großer Bedeutung zu sein. Auf der einen Seite empfindet es der Indier als eine große Ehre, den Monarchen von Angesicht sehm und begrüßen M dürfen, und andererseits hat die glänzende Entfaltung der britischen Macht in Delhi einen unverkennbaren Eindruck gemacht. Tiefem Zwecke diente auch der königliche Erlaß, der die Wiedervereinigung der beiden Provinzen Bengal verfügte. Diese waren bekanntlich durch Lord Curzon getrennt worden, und diese Trennung hatte beinahe einen Aufruhr der Bengalen zur Folge gehabt. Die Forderung der Wiedervereinigung war der Hauptpunkt im Programm der revolutionären Partei in Bengal- der mächtigsten und radikalstm in Indien. 'Dieser ist nun der Boden entzogen, und man nimmt an, daß die Regierung in Zu- kunst besonders stramm dagegen vorgehm wird. Derselbe könig- liche Erlaß verfügte die Verlegung des Sitzes der Regierung und des Vizekönigs von Caleutta nach Delhi, d. h. für die Winter- monate. Im Sommer ist Simla der Sitz der Regierung. Der König legte noch selbst den Grundstein zu der Hauptstadt, die im großartigen Stile entstehen soll. So wird also noch einmal daS uralte Delhi, von dessen Geschichte ein Trümmerfeld von über 45 Quadratmeilen zmgt, Herrscherin von Jndim fein. Und mese Idee findet im indischen Volke, ausgenommen des natürlich sehr geschädigten Calcmttas, allgemein großen Anklang. Während ich hier sitze und schreibe, tönen wiederum die Kanonen vom Fort herüber, diesmal zum Zeichen der Abreise de, verschiedenen Radschahs. In ein paar Wochen wird wieder di« Hitze anfangen und wer nicht muß, wird nicht in Delhi bleiben. Wenn diese Zeilen die Heimat erreichen, dann rüstet sich das englische Königspaar schon wieder für die Heimreise und der iDelhi Durbar 1911 gehört der Vergangenheit an. Delhi (Punjab), Dezember 1911. Hermann Schlosses Gießens „Lichtbildtheater" werden wohl dem Mattgel der Illustration dieser Zeilen abhelfen können, wenigstens waren hier bei jeder Gelegenheit eine Unmenge Photographen eifrig tätig und drehten unaufhörlich ihre Kurbeln. Draußen, etwa 3 bis 4 Meilen von Delhi, war inmitten geordnetem Dschungels eine Zeltstadt entstanden, so groß etwa wie „Groß-Gießen" einschließlich Klein-Linden, Wieseck und Heuchelheim. So weit das Auge reichte, sah man nichts als weiße Zelte. Obwohl nur für kaum 14 Tage bestimmt, war das Ganze nach großartigem Maßstabe eingerichtet, eigene Bahn, Post, Elektrische Zentrale, Markthallen usw. Wo noch vor wenigen Wochen dichter Dschungel war, entstanden die prachtvollsten Gärten, Anlagen, Straßen, Polofußball- und Hockey- Plätze. An dem äußersten Ende hatte man ein über 50 000 Menschen fassendes Amphietheater für die eigentliche Krönung errichtet, und daran stieß ein riesiges Paradefeld für die anwesenden mehr als 50 000 Mann starken Truppen. Die Camps der englischen Regierung waren von vornehmer Einfachheit, während sich in denen der eingeborenen dürften, der Radschahs und Maharadschas, ein ungeheuerer Pomp und Glanz entfaltete. Einer wollte natürlich immer den anderen übertreffen, und viele der kleineren, die sowieso schon gänzlich verarmt sind, bezahlen diese Konkurrenz Mit dem Bankrott. Es ist unmöglich, auf Einzelheiten einzugehen, ohne ein kleines Buch zu schreiben. Das großartigste war für mich immer eine Fahrt durch die erleuchtete und illuminierte Zeltstadt Auch tu der Illumination hatte der Wettbewerb der Eingeborenen Camps großartige Ergebnisse gezeitigt, und in manchen der Zeltstraßen glaubte man sich in einem Märchen von Tausend und einer Nacht. e,®fen.?'a9M