Samstag den 8. Jun! FiR NDSM MWM fl il uMBO MagR!s * M'-waWÄ ^-^WZE W N ÄiM' ''il MM hifll Die von Gründingen. Roman von Freiherr von Schlichte (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Sein Gesicht blieb ruhig und unbeweglich. Sein Ausdruck veränderte sich nicht im geringsten. „Das fühle ich Ihnen vollständig nach, Komtesse. Aber gerecht, wie Sie sind, werden Sie mir das Zeugnis aus- stellen müssen, daß ich sonst stets eine Viertelstnnde vor der Zeit da war. Ich habe meine Pflicht als Reitlehrer noch nie versäumt und werde es auch in Zukunft nicht tun, ---denn dafür werde ich ja bezahlt." Das klang so ruhig und gelassen, als handele es sich um etwas ganz Selbstverständliches. War er wirklich in dem Geldpunkte so unempfindlich, daß er selbst in Gegenwart einer Dame ganz offen darüber sprach, — oder sollten seine Worte ihr nur zeigen, daß ihr Versuch, ihn mit dem „Reitlehrer" zu kränken, gänzlich mißlungen war? Sie schwieg und spielte mit der dünnen Reitgerte in ihren Händen: sie hatte sie ganz zusammengebogen und ließ sie jetzt plötzlich mit Mer Gewalt zurückschnellen. Sie standen sich so dicht gegenüber, daß die Peitsche jetzt sein rechtes Bein traf. Dagmar wurde abwechselnd blaß und rot: „Um Gottes willen, Herr Baron — verzeihen Sie — habe ich Ihnen Weh getan?" Er hatte die Peitsche wohl gefühlt, auch jetzt empfand er noch einen scharfen, brennenden Schmerz, aber er zuckte mit keiner Wimper, und ganz erstaunt sah er sie an: „Was soll ich Ihnen denn -verzeihen, Komtesse?" „Daß meine Gerte Sie bei dem Zurückschnellen traf." „Das habe ich gar nicht empfunden, Komtesse. Dagmar sprach nie über den Baron, und auch das mußte feinen Grund haben, den Alexa bisher vergebens zu erraten versucht hatte. Aber mit einem Male glaubte sie, ihn jetzt zu wissen: Dagmar mußte irgendwoher etwas Wer feine Vergangenheit gehört haben. Daß er da manches verschwieg, wußte sie ja selbst. Dagmar hatte sich sicherlich erkundigt, manches erfahren, und das, was sie gehört, nahm die Schwester gegen ihn ein — — Gewiß, das mußte es sein! Denn Dagmar hatte ja schon am ersten Wend geäußert: man müsse doch erst Erkundigungen über den Baron einziehen. Damals war sie mit ihrer Meinung nicht durchgedrungen, jetzt hatte sie es nachgeholt, und daß sie die Auskünfte, die sie erhalten, nicht verriet, war kein Beweis vom Gegenteil. Sicher: so etwas ähnliches war es! Ihre lebhafte Phantasie arbeitete weiter und weiter, und die Bilder, die sie sich ausmalte, wurden immer interessanter und romantischer. Mit einem schnellen Seitenblick streifte sie den Baron: was mochte der in feiner Jugend alles angegeben haben! Wenn Dagmar es wußte, wollte sie es auch erfahren. Sie würde sich lan Hans wenden, der konnte sich ja iN unauffälliger Weise bei seinem alten Regiment nach ihm erkundigen. Aber was sie auch erfahren würde: das eine gelobte sie sich schon heute, sie würde ihn nicht im Stichs lassen, sie würde zu ihtn halten und ihn in Schutz nehmen, wenn Dagmar es itoagen sollte, ihre Anschuldigungen laut auszusprechen — — Sie Hmpfapd ost mit ihm aufrichtiges Mitleid. An manchem Abend hatte er aus seinem Leben erzählt, und sie hatte dann daran denken müssen, wie schrecklich es wäre, wenn ihr Bruder sich vielleicht einmal in einer ähnlichen Lage befände, wenn auch der einmal gezwungen würde, eine Stellung anzunehmen nnd für fremde Leute Pferde zuzureiten --- Und bei aller Liebe für ihren Bruder mußte fie doch zu geb en, daß der Baron viel mehr gelernt hatte und viel mehr wußte, als Hans. Gewiß, er war ja auch an Jahren älter, aber trotzdem war der Baron schon feinet ganzen Veranlagung nach viel bedeutender. Und wie schwer mußte es ihm da fällen, eine solche Stellung zu bekleiden! Aufrichtiges Mitgefühl hatte sie für den Baron erfaßt, und dies nahm um so mehr 'zu, je länger fie mit ihm zusammen war, je mehr sie ihn achten und schätzen lernte. Sie fühlte plötzlich das Bedürfnis, ihm etwas Liebes, etwas Freundliches zu sagen, und so fragte sie denn: „Nicht wahr, Herr Baron, wir spielen auch heute Tennis? Hans kommt ja noch lange nicht, und totenn auch--Sie wollen es doch so gerne lernen, da werden wir auch st den nächsten Tagen die Stunden nicht aufgeben." „Gewiß nicht, Komtesse. Wer Sie dürfen sich meinetwegen natürlich in keiner Weise irgendwelchen Zwang auferlegen und sich deswegen das Zusammensein mit Ihrem Bruder nicht verkürzen." „Rein, das tue ich auch nicht. Aber Sie wissen nicht, welche Freude mir diese Stunden machen." Es klang "ein so warmer, herzlicher Ton aus ihren Worten heraus, daß es ihn ganz eigentümlich berührte. Gewiß, Alexa war immer besonders nett und freundlich gegen ihn, in ihrem ganzen Wesen lag stets eine natur« iche Vertraulichkeit, aber was mochte die Veranlassung ein, daß heute ihre Stimme noch wärmer klang als sonst? Hatte sie erraten, daß er um Dagmar warb — wußte sie, daß seine Bemühungen ganz aussichtslos waren, und wollte fie ihn durch verdoppelte Liebenswürdigkeit darüber hinweg? zutrösten versuchen —? Wie dem aber auch immer war 1— ihre Gute rührte ihn fast, und so sagte er denn: „Wenn Sie sich mir wirk- lief) in den nächsten Tagen widmen wollen, so bin ich Ihnen aufrichtig dankbar." Als' sie sich eine Stunde später auf dem Tennisplätze gegenüberstanden, kam sie jaus dem Erstaunen gar nicht heraus: „Aber Herr Baron — wie ist das möglich? Vorgestern waren Sie noch so ungeschickt — und nun heute? Ist das wirklich mein Verdienst?" „Ganz gewiß, Komtesse! Im übrigen sagte ich Ihnen schon einmal, daß die größten Entdeckungen meistens einem Zufall ihre Entstehung verdanken, und daß mir häufig ganz plötzlich mit einem Male teilte Sache begreifen, über die wir uns tage- und wochenlang vergebens den Kopf zerbrachen." . Aber so ganz traute sie seinen Künsten denn doch noch nicht, sie ließ ihn -erst ein Examen ablegen, ein thteoretisches und dann ein praktisches, ehe fie ihm glaubte. . (Fortsetzung folgt.) Die filwenr Hochzeit. Humoreske in Franffurter Mundart von Adolf Stoltze?) Adolf Stoltze, der am 10. Juni das 70. Lebensjahr volh endet, ist ein Sohn des berühmten Dialektdichters Friednch Stoltze, und wandelt mit Glück in den Spuren seines in ferner Art unerreichten Vaters. Ms Probe geben wir nachstehentze Humoreske. „Settche", hat der Herr Schenk zu seiner Frää, seiner Settche gefacht, „bis Donnerschdag iwwer verzetz Täg is unser silwM Hochzeit, die muß oddet gefeiert wem." , ~ ... „Des gläw ich, Jacob!" hat sei besser Hälft, die Fraa Schenk erwiddert. „Meenst de, ich wollt mich finfunzwanM Jahr lang for nix und Widder nix mit dir geplagt hawwe r „No, for nix un Widder nix warsch eigentlich net, bann wann werr ääch käa Kinner hawwe, so hawwe merr doch Meps. ), „Des hawwe merr," hat fei Settche net ohne Stolz bemer® „Geld b'rengt Zinse und Kinner koste Linse l1) Gottlob, merr hatM was uff die Kochkannt gelegt un kenne als' Rcnntiern lewe. *). Aus Adolf Stoltzes gesammelten Werken. Band L Verlag von Heim. StoW, Frankfurt a. W'. Z Geld. 351 .„Es Hannett sich jetzt nor drum, ob' mcrr den Tag for uns oder 'for die unner n feiern wolle." „Nadicrlich for uns!" „Ganz mei Aasicht — allääns intner uns." „Was! allääns unner uns!" hat odder da sei Frää geruse. -„Des gibt's net! Sin wer net seit finfunzwanzig Jahr alle Dag allääns unner uns?" „Des sin nterr, awwer trotzdem! will so e Sach iwwerlegt sei: Aalte merr Hochzeit, kriehe merr Haussteuerrff) int misse dafor de amtet« die Gorjel schwenke, un halte merr kää, kriehe merr nix un kenne unssrn Wei seltner trinke." „Ich halt's mit de Haussteuekn." „Ich Läch, wann was dabei erausspringt — awwet es springt nix dabei eraus. Da schickt die Frää Schlapp sechs silwerne Teelöffel aus dem Treimarkbazar un kimntt dann mit ihre siwwe Kinner uff'die Hochzeit — da lege merr nor Geld druff." „Es gibt ääch Leut, die echte Sache schicke." „Awwer wenig! In der Regel werd merr usf seiner silwerne Hochzeit vernickelt." „Ter Onkel Hermann hat merr odder e echt silwerne Butterdos verspräche." „Bis se da is, dann is se Britannje! un kost siwwe Mark, un der Onkel entwickelt enn Dvrscht for fufzeht Du kannst dich stelle wie de willst, du kimmst net uff die Koste." „Hmhat da die Frää Schenk gebrummelt un is ganz nachdenklich warn. „Hni! eigentlich Hast de recht, merr hengt gut Geld an schlecht War — awwer etwas mich merr doch dhu, so enn Tag ze ehrn." „Merr mache d Scham'rääs, da hawwe merr was' for unser Geld." „E Schamrääs — nach finfunzwanzig Jahr! Geh eweck, ich schem mich ja gar.net wehr. Un wohie dann?" „Weit Settche, weit! Tu bist ja doch noch nie iwwers Weichbild von Frankfort enauskomwe." „Du doch ääch net." „Oho, ich war schon entöl bis in Gieße." „Wohie soll dann die Rääs geh?" „Des wääß ich selwev noch net, die Häuptsach 'is weit. — Nach finfunzwanzig Jahr kamt merr sich schon e bisst Luft- verennerung genne." „Weit — nach Eppstää?" „Weiter, viel weiter !" „Nach Heidelberg?" „Noch hinner Heidelberg." „Ta licht ja, gläw ich, Baris. Tu Werst doch net bis nach Baris enet wolle!" hat die Frää Schenk ganz erschrocke geruse und hat sich vergeblich uff ihp schevgraphische Kenntnisse besonne. „Nach Baris gehn wert net, des is merr zu e hochgestoche Bolk dort, des den ganzen Tag franzeesch babbelt. Was hältst de dann von Berlin?" „Berlin, des kost \i schee Geld!" „No, laß es finfhunnert Mark koste," hat ihr Jacob' gesagt. „Finfhunnert Mark!" „Wann de die Eisebah rechenst, das Hotel verzeh Dag lang, die Vergnstgunge usw. da werd' net viel wehr davo iwwrig bleiwe." । „Ja so, wir wohne im Hotek. Ta misst merr ja ääch links „Des is kää Unglick, da lade werr den Onkek e paar Mal et, der zeigt's iäättt." „Odder die Dantid, die is so wie so links." „Mach derr kää Sorje, ich befrag mich iwwer alles eh werr hie Mäs wache." Un der Herr Schsnk is bei all seine Bekannte erum! gelääfe un hat sich erkundigt, wann die Zig nach Berlin ginge un was se koste dhvte, un ob's ääch Aeppelwei in Berlin geb, urt ob wer in alle Hotels links 8sse wißt. Un er schien von bd Auskinft sehr erbaut ze sei, dann er hat zwää wordsjalischett Koffer iw Ausruff) kääst Nn hat acht Dag lang mit seiner Frää draa eruwgepackt, eransgepackt nn Widder eNeigepackt. Un aw Borawend von seiner silwerne Hochzeit is er mit sciw Settche un de zwää Undhiern von Koffer, zem Aerjer von seiner ganze Verwandtschaft nach dem Häuptbahnhof gefahrn, un hat zwää Billjetttr zew Harwonikazug nach Berlin gelest. Un uff dem Perron hat et seiner Frää gezeigt un hat gefacht: >,Siehst de Settche, imwer nowel! merr sahrn mit dem Harwonikazug." „Des is recht, daß mdrr e bissi Musik uff der Eisebah hawwe, wann's ääch nor e ZieWarwonika is!" Awwer noch bevor der Herr Schenk sei belehrend Licht leuchte lasse könnt, is der Kondukteur uff fei zugetrete un hat gefacht: „Nach Berlin? Hawwe Se Platzkaarte?" „Kaarte hawwe werr un Blatz Wern merr ääch sinne," hat der Herr Schenk erwiddert un is mit seiner Frää ins ehrscht beste .Coupe gestiche. ,s) Geschenke, s) große. 4) Auktion. — aus Frankfort — Frank-? aageredd. , c ... Un der Herr Schenk hat sich ganz verdutzt erumgedreht tot hat als heflicher Mann an sein Hut gegrifse un hat gesachtr „Wann Se's erläwe, allerdings! - . . ." 2.....e.' fort am Mää." . ■ „Erst kurze Zeit hier?" ! „Ewe aakomme — mei Frää wäscht sich nor. „Erläwe Se," hat odder da der Kondukteur gefacht, „des is e durchgehender Zug, da kost's Platzkaarte." „Was!" hat awwer da die Frää Schenk geruse, „der Zug geht bord) un da lässt Se ääm eisteihe!" Un mit äätit Satz war st Widder Haus, un hat ihrn Jacob am Rockzippel nach- gezoge. Es hajt' e zeitlang gedauert bis st der Kondukteur iwwer die Eirichtung der Blatzkaarte un der dorchgehende Zig uffgekleert hat, dann odder is se mit ihrm Jacob um vier Mark for Zuschlagbilette erleichtert, Widder eigestiche un hat entm zugcflißtert: „Warum hast de dann grab so enn Zug benutzt? der kost mehr un fehrt kerzer, da hat wer ja gar nix for sei Geld." „Mer kämmt awwer schneller an's Ziel." „Wozu? mir hawwe ja Zeit. Ich fahr gern Eisebah, weil's so feite an ääm kiwmt." Nach vier odder finf Stuitn schien des Vergniege ant Eise- bahsahrn bei ihr awwer bereits stark int Abnemme begriffe ge- wese zg sei, dann sie hat ehrscht ganz leist, dann imwer lauter un lauter geseufzt: „Ach Jacob, was Werd merrsch so borntelig,6) ich nieett grab, ich dhet uff errer Karrefell sitze." „Willst de enn Schluck Kognak?" hat ihr besorgter Gatte gefragt. Un sie hat ään, un dann noch aän, un dann Widder enn Schluck Kognak genomwe, bis des Mäschi leer war. Es is ert awwer net besser, sonnern immer schlechter warn, un sie hat ihrn Kopp ganz in ihrm Mann sein Jwwerzieher vergrawe un gestehnt: „Ach, We'er doch nor die Nächt erum! Ach, Jacob/ was is Wersch so iwwel!" Un die Nacht is eruntgattge, awwer der Frää Schenk ts net ehnder besser warn, bis der Zug in Berlin, int Bahnhof Friedrichstraß gehalte, un sie Widder sesten Bodden unner ihre Fieß verspiert hat. „Gott fei Tank, daß des Geschittel un Ge- rittcb e End hat! — Es is doch nerjendswo scheener wie derrhääw. Jetzt muß ich odder vor alle Tinge seh, wo ich mich e bissi Wäsche un mei Frisur Widder in Ordnung brenge kann." . „Ei da!" hat ihr Jacob gefacht un hat usf e Thier mit der Ussschrift: „Waschraum" gebeut. Des is awwer angenehm," hat sei Settche gemeent „Ta kannst de dich solang dort uff die Bank setze un uff mich waarte, bis ich Widder erauskomm. Awwer sitze bleiroe; herrscht de, Jacob? Ja sitze bleiwe', damit merr uns net verliern." Un mit dene Worte is se in den Wäschraum' un der Herr Schenk nach der Bank geeilt. Un der Herr Schenk hat mit Staune und Berwunnerung den ungeheuere Verkehr in dem Stadtbahnhof betracht un hat gar net bemerkt, daß sich e aastennig aagezoge Frauenzimmer, die e Wickelkind uff 'ihrn Arw gewiegt, dicht hinnerm uffgo- pflanst jhat. wo^. oo^ j-rcmb in Berlin?" hat uff äämal des aastennig aagezogä Frauenzimmer den iwwerraschte Herr Schenk „Ah, Sie sind verheiratet?" „ „ „Stark, lieb Kind! Finfunzwanzig Jahr — merr sm Usf unserer silwerne Hochzeitsschamrääs." i - „Mit Ihrer janzen Familie?" „Familje! ich habb gar kää Fäwiste. Mletr stn e sogenannt glatt Ehepaar — kää Kinner un kää Rinpet." „Un winschen sich ooch keene?" Was batt dann des winsche, wann nteir kää nicht. „Ach," hat da des aastennig aagezogene Frauenzimwer gefacht, „würden Sie nich irfjel Jute haben, eenen Oogenblick uff bet Kind zu achten, ick will mir nur enn Bittet lösen und bentk Drängeln an der Kasse könnte ihm roatt zustoßen." , „Warum dann net, wann's uss der Bank ruhig liehe bletbf. Aeäns muß dem annetit helfe, sonst geht's im Seine net." Un während des aastennig aagezogene Frauenzimmer dorch den lange Halbdunkele Gang nach dem Billjetschalter geeilt is, hat sich der Herr Schenk vor die Bank gestellt un Hat uffgebaßt, daß des schlafende Wickelkind net erunnergerollt is. „Hw!" hat er vor sich hicg