miTJia m Der König von Thule. Roman von Paul Grab ein, (Nachdruck verboten.)' (Fortsetzung.) Kaum ein halbes Jahr, nachdem itiir Reykjavik besucht hatten, sah es uns so schon wieder. Wer wie anders! Unser Hoffen und Wünschen hatten wir inzwischen beide begraben. Es war erst meine Absicht gewesen, meins Frau nur in das Lepraheim zu geleiten, dann aber wieder nach Deutschland in meine Stellung zurückzukehren. Wer es kam nicht mehr dazu. Ich brachte es nicht übers Herz, sie in ihrem Leide zu Verlassen. Schon während der ganzen Reise arbeitete es innerlich in mir; immer wieder klang mir der Bibelspruch, den uns der alte Geistliche als Geleitwort mit in die Ehe gegeben hatte, ernst mahnend im Ohr: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch! — Und nur der Tod soll uns scheiden!" Die schlichte Größe imb die hohe Kraft der Entsagung in diesem Wort trieben prich zur Nacheiferung an; entsprach es doch auch meinem innersten Wesen, in Treue festzuhalten, was ich einmal Erfaßt habe. Und als so die Stunde kam, wo ich meine arme, unselige Frau eingeliefert hatte in dis Haft der grauen Mauern, die sie nun für immer von der Welt scheiden sollten, als sie die tränenleeren Augen, die das Weinen längst verlernt hatten, zum Abschied auf mich heftete, da brach es aus in mir — und es war entschieden: Ich blieb bei ihr. Zuerst außerhalb des Hauses; aber bald bot sich die Gelegenheit für mich, den Arzt, der die Anstalt leitete, zu ersetzen. Er war froh, hinauszukommen aus dem freudlosen Berufe. So hatte ich denn wenigstens dis Möglichkeit, tagtäglich meins Frau zu sehen und mich ihr zu widmen, soweit dies die Rücksicht auf die Anstaltsordnung zuließ. Wenn ich anfangs mit starker Opfersrendigkeit dies Leben auf mich nahm, so muß ich nun gestehen, nachdem ich es jahrelang ertragen habe, die Last war schwerer, als ich gedacht, — oft fürchtete ich, darunter zusammen zu brechen.' Wie trostlos war doch dies Verhältnis zwischen mir und meiner Frau. Tag für Tag ihr Leiden ansehen zu müssen, ohne helfen zu können! Wie ost habe rch nicht gewünscht, ein schneller Tod möchte ihr die ersehnte Gr- lösung bringen. Wie oft hat sie mich nicht selbst angefleht, ihr zum Gude zu verhelfen! Wer unseligerweise nahm gerade chre Krankheit einen ganz langsamen Verlauf. Sv trat denn schließlich bei mir ein, was mußte: Eine immer größer werdende Stumpfheit kam über mich; ich lernte eä, ihren Zustand als etwas Unabänderliches Mit dumpfer Gleichgültigkeit hinzunehmen. Wer mit dieser Starrheit ging auch überhaupt ein Absterben all der zarten, innerlichen Fäden vor sich, die mich einst mit ihr verbunden hatten. Was konnte die Unglückliche mir denn auch, noch in Wahrheit sein? Sie, die wie lebendig begraben hindämmerte, von aller Lebenslust abgeschuitten, und so allmählich immer mehr verbitterte und verkümmerte! Sie, vor deren leiser Berührung ich in jeder Minute auf der Hut sein mußte — nicht Um meinetwillen, bei Gott nicht! Oft habe ich in dunkeln Stunden den Tod auch für mich selbst herbeigesehnt, — aber um der andern willen und wegen der Außenwelt, mit der ich ja von Berufswegen in Berührung bleiben mußte. So starb denn nach und nach alles in mir ab, was ich einst für die Unglückliche empfunden hatte —। nur das Mitleid blieb übrig. Wer auch das ward oft auf eine harte Probe gestellt; nicht durch sie selbst — sie ist eine rührend geduldige Kranke, deren stilles Beiden mich bei weichen Regungen ost schon bis zu Tränen gerührt hat — aber durch das unwillkürliche Aufbäumen der zum Ersticken unterdrückten Lebenskraft in mir. Fast selbst wie ein Lebendig-Begra- bener, ganz von der Welt abgeschuitten, vegetierte ich ja dahin — ohne jede Anregung von außen, voll hoffnungsloser Düsterheit im Innern. Kein Streben, teilt Regen der Kräfte mehr alles, alles erstarrte, starb allmählich in mir ab. Und nun, Frau Eva, werden Sie vielleicht auch verstehen und werden vergeben können, was ich- an Ihnen gefehlt habe. Wie ein Verschmachtender war ich, nach Licht und' Luft schreiend — da traten Sie in mein Leben. Sie haben es ja selbst erlebt, wie dieses Begegnen mich aus meiner Starre aufgerüttelt hat, wie Sie, dem gütigen Himmelslicht gleich, allmählich wieder all die Lebenskeime in mir haben aufsprießen lassen, die da tot schienen. War es da Sünde, daß ich meine Seele weit, weit diesem segeu- spendenden Licht öffnete? Bei meinem heiligen Manneswort! Ich bin mir dessen nicht bewußt gewesen, was dabei in mir vorging. Bis zu der Stunde vorgestern, wo wir im Sturm zusammenstanden, habe ich nichts anderes als die liebe Freundin in Ihnen gesehen. ; - Dann freilich ist es über mich gekommen in furchtbarem; Erschrecken: Ich sah, wie es in Wahrheit um mich stand- Und in derselben Stunde faßte ich auch; den festen Entschluß, dem ein Ende zu machen, was nicht fein durfte. Ich wollte nicht einett kurzen Rausch der Seligkeit wenn auch alles in mir danach schrie —- mit Ihrer aber-, maligen furchtbaren Enttäuschung erkaufen. Da kam nun die selige, unglückselige Stunde vorhin, dis mir verriet, was Sie für mich- empfanden, was Sie um mich erlitten t— verdammen Sie mich, aber ich konnte 286 nicht anders. Käme diese Stunde noch einmal' = ich müßte wieder so! Denn, Eva, ich liebe Sie. ■ und nun schließe ich diesen Brief. Ich habe Ihnen Nichts mehr zu bekennen, nichts mehr zu meiner Entschul- bigung vorzubringen. Jetzt urteilen Sie. Ich beuge mein Haupt vor Ihrem Spruche. Möge er so ansfalken, daß die Last, die ich durchs Leben zu tragen habe, fortab nicht unerträglich wird. Ihr । Hjalmar Amthor." p XV. Die „Hamburg" lag int Hafen von Hammerfest, das sie in wenigen Stunden vom Nordkap aus erreicht hatte. Obwohl es noch früh am Morgen war, hatten sich doch alle Passagiere bereits wieder von dem so spät ausgesuchten Lager erhoben. Nach der langen Seefahrt lockte es jeden, endlich einmal wieder Kultur und Menschen zu sehen, wenn sie auch nur so anspruchslos wären, wie in diesem kleinen, weltabgeschiedenen Städtchen. Das Schiff Ivar wie ausgestorben. Amthor empfand es als eine Wohltat. Kein Schlaf war diese Nacht in seine Augen gekommen. Nachdem er den Brief beendet hatte, war er bis zur Ankunft hier im Hafen auf Deck geblieben. Dann erst war er in seine Kabine gegangen, nm sich umzukleiden. Nun war er wieder herausgekommen. Eine verzehrende Unruhe trieb ihn hin nn'b her. Jetzt mußte Eva Söllnitz ja seinen Brief gelesen haben, den er ihr früh durch ihre Stewardeß mit einem Buche aus der Schiffsbibliothek übersandt hätte. Jetzt wußte sie alles — Ivie würde sie nun über ihn denken? Ruhelos wanderte Amthor über das ganze Schiff hin, wo ihn heute ja kein zudringlicher Mick störte. Wo mochte sie jetzt weilen? _ An Land war sie nicht gegangen, er hatte ja vorhin das Abfahren aller Boote mit angesehen,; gewiß war sie in ihrer Kabine geblieben, sich dort zur Ruhe durchzukämpfen. Arme, geliebte Frau! Qualzerrissen stellte er sich vor, wie sie mit sich rang, diese abermalige Zertrümmerung einer Lebenshoffnung zu überwinden. Auf seiner Wanderung war Amthor jetzt auch zu jenem entlegenen Schiffswinkel am Heck gekommen, wo er damals Eva mit der Kleinen beim Spielen gefunden hatte. Die reizende kleine Szene stand ihm wieder so deutlich vor Augen, wie er jetzt um das Kajütenhaus herum dem kleinen Deckplatz zuschritt. Wie anders aber heute! Kein frohes Lachen tönte ihm entgegen; verlassen, lautlos war der Platz. Er bog um die Ecke; aber da schreckte är zusammen. Auf einem der Bordstühle, die hier standen,- ruhte eine weibliche Gestalt, regungslos, den Kopf in die Hand gestützt, mit geschlossenen Augen — Eva Söllnitz. In ihrem Schoß lagen, von der Linken gehalten, mehrere Blätter Papier — sein Brief. Einen Augenblick blieb er stehen, keiner Bewegung, keines Wortes mächtig, nur mit brennenden Augen auf ihr blasses Antlitz starrend: Was hatte diese Nacht ans ihr gemacht! Wie todesmüde, wie scharf waren die geliebten Züge geworden! Da sah sie auf, wohl durch sein,>Herannähen aufgestört, und nun erblickte sie ihn. Erst wär es, als ob sie aufspringen wollte, dann aber blieb sie wie kraftlos in ihrem Stuhl liegen, und die Augen schlossen sich wieder. Nur ihre Lippen bewegten sich leise, wie in einem unhörbaren Aufstöhnen. . , »Fran Eva!" fast scheu kam es aus seinem Munde, er war einen Schritt näher getreten. „Darf ich bleiben?" Sie verharrte erst, ohne sich zu rühren, dann neigte sie kaum merklich das Haupt. Nun stand er dicht vor ihr. „Ich sehe. Sie haben meinen Brief gelesen. — Ella s— können Sie mir verzeihen?" Ein namenloses Bangen bebte in seinem Tone. Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie haben mir ja nichts getan nur ich —, ich selbst — ach!" Mit verzweifeltem Ausbrechen warf sie den °Dopf plötzlich zur Seite und bohrte das Antlitz in 'das Kissen der Lehne. Ms ins Mark erschüttert, 'stand Amthor vor ihr; die Nagel seiner Finger in die Faust gebohrt, die Zähne zn- lä'mmengedlssen. ., — Mein Leben gäbe ich, ks'nnte ich Ihnen die Ruhe wiedergcben!" Der Aufschrei aus seinem gemarterten Herzen entriß sie der eigenen Qual. Plötzlich richtete sie sich auf, und ihre Hand streckte sich ihm entgegen: „Sie Armer, Unseliger, — was hüben Sic gelitten!" Er sprach kein Wort. Die Augenlider krampfhaft niedergepreßt, drückte er, mit zuckenden Nerven, ihre Rechte. , »Ihr Brief da hat mir ja das Herz zerrissen. H Nein, Hjalmar —" er erbebte, wie sie zum erstenmal seinen Namen nannte — „wenn wirklich ein Funken Groll gegen Sie in mir gewesen wäre, diese Bekenntnisse da hätten ihn ausgelöscht. Uebermenschliches haben Sie ja getragen!" Da überwältigte ihn plötzlich das jahrelang stumm getragene Weh, nnd mit einem dumpfen, erschütternden Laut beugte er sich jäh! über ihre Hand, sein Antlitz zu verbergen. Sie duldete es schweigend, ja mit der Linken fuhr sie sanft über sein Haupt. „Armer, Armer!" leis flüsterte sie es, mit bebender Stimme. Dann richtete er sich auf, bleich, aber wieder gefaßt. „Verzeihen Sie," bat er tonlos. „Einmal müßte es wohl sein." Nun erhob auch sie sich aus ihrem Stuhl. „Hjalmar i— es gdht ja über Ihre Kraft," ein unendliches Mitleid, eine zitternde Angst stand in ihren Augen. „Sie brechen ja zusammen unter der Last, die sie sich auf- geladen. — Sie gehen zu Grunde daran. Sie dürfen sie nicht weiter tragen!" „Ich muß !" Fest preßten sich seine Lippen aufeinander. „Das ist ja Unvernunft — Wahnsinn — ein Verbrechen an sich selbst!" loderte sie auf. „Niemand kann solch Opfer von Ihnen verlangen, auch Ihre Frau nicht!" (Fortsetzung folgt.) Indizien. Skizze von Leo Csurogi -Berlin. Staatsanwalt Gruber erhob sich nervös von seiner Arbeit Er saß schon zwei Stunden und konnte keine Zeile schreiben. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, halten mit einemnial Gesichter, strenge, höhnische, anklagende, bald sein eigenes, bald die der Geschworenen von gestern .... Entschieden — er war krank. Er preßte die Hand auss Herz. Das alte Leiden. Was wollte er nur? Das Beweismateriäl im Fall Holtheim hätte nicht vollständiger sein können, die Schuld lag klar zuhags. Und mit unerbittlicher Logik hatte er Beweis an Beweis gefügt. Fast willenlos. Sein Gehirn hatte wie von selbst gearbeitet.! Jedes Argument hatte ein Glied des Angeklagten gefesselt, eines nach dem andern, bis er nur noch schwach an den engen Schlingen zerrte mit der einzigen armseligen Verteidigung, die ihm zur Verfügung stand: „Ich bin unschuldig!" Der Angeklagte hatte dagestanden, erstaunt und wehrlos alldem gegenüber, was man gegen ihn vorgebracht, als hätte er fsa gen wollen: „Ich glaube, man könnte mir einreden, ich sei der Verbrecher." Dann das Urteil: „Schuldig!" — im schwersten Sinne des Gesetzes. Gruber ging erregt auf und ab.' Er steckte sich eine Zigarre an, das pflegte ihn zu beruhigen. Doch jetzt regte es ihn nist noch mehr auf. Es ist doch etwas Gräßliches, einen Menschen zum Tode zu verurteilen! Auch wenn die Schuld noch so klar ist. Der Indizienbeweis war jedenfalls lückenlos. Solch ein Beweis ist merkwürdig. Man verliert alles Gefühl. Nur der Verstand arbeitet, findet Verbindungen und Brücken, schweißt das Unzusammenhängende eisenfest aneinander, bis die Wahrheit — — Nein! Die Wahrheit ist's nicht immer! Ost allerdings; manchmal aber äuch nicht. Man sucht das Plausible. Aber das Plausible ist immer die Oberfläche, nnd die Wahrheit liegt oft tiefer . . . Der Staatsanwalt warf hie Zigarre Fort und blieb stehen. Die Lautlosigkeit der eigenen Schritte — auch sie machte ihn nervös. Ja, er fühlte sich krank. Er hatte eine elende Nacht! hinter sich. Sein altes Herzleiden hatte ihn Ivieder gequält und gepeinigt. Bon der Straße drang der Lärm des. Sonntagsverkehrs zü ihm. Einige trunkene Arbeiter sangen aus heiseren Kehlen ein Soldatenlied. Durch die zeitweilig geöffnete Tür des Kaffeehauses an der Ecke rissen sich zuweilen Takte eines trivialen Walzers und klangen herüber. Gruber kain sich einsam und hilflos vor. Dies Alleinsein! Er mußte jemand sprechen. Er ging über den Korridor ins-Wohnzimmer. Seine Frän war ja zu Hause. 1 i r t 5 1 1 i 5 s f l t ’S s X 8 287 — in Ohnmacht gefallen? Und er stürzte zu seiner Frau. Sie faß in der Ecke, zurück-- gelehnt, den Kopf mit den halbgeschlossenen Augen zur Seite geneigt, die Arme hingen schlaff herunter. Ihn überkam ein Zittern. War sie in Ohnmacht gefallen? Er überwand sich und ergriff ihre Hand. Starr und kalt. Das war die Hand einer Toten. Im Wohnzimmer wat ch dunkel. Mr drehte das elektrische Licht an. „Selma!" Sie schien ihn nicht zü hören. Er öffnete die Tür des anstoßenden Spciseziinmcrs. Dunkelheit auch hier. „Selma!" Er knipste, und eine Glühbirne flammte auf. „Du im Finstern? Warum denn? Nun —■ weshalb antwortest du mir nicht?" Selma saß im kleinen Ecksofa und rührte sich nicht. „Was soll denn das eigentlich bedeuten?" Der Staatsanwalt blieb mit einemmal wie erstarrt stehen. .Dann schrie er auf: „Selma! Um Gottes willen!" Allerdings war ihre Ehe nicht glücklich; es herrschten ost Ze« wurfnisse zwischen ihr uiid ihrem Gatten. Aber andere sind i« auch Nicht Mcklich. Deshalb vergiften sie sich noch nicht * Nun, Selbstnwrder pflegen ihre Absicht vorher zu äußern. Gruber dachte nach. Nein, Selma hatte nie ein ähnliches Wort f an eit lasten. _ „,Doch rinWschiedsbrief? Selbstmörder hinterlassen für gewöhnlich Abschiedsbriefe. Der Staatsanwalt ging zum Tisch. Zettel. Er ging ins Wohnzimmer, su Der Staatsanwalt ging zum Tisch. Kein Brief darauf, kein HMel. Er gmg ins Wohnzimmer, suchte am Schreibtisch, auf ihrem Nähtisch — nichts. Im Schlafzimmer auf dem Nachttischchen — nichts. Auf der Frisiertoilette — nichts. Er ging von einem Zimmer ins andere. Nirgends auch nur ein Blättchen Er stand wieder vor der Toten. Sie saß mit dem seitwärts! geneigten, zerqualten, blassen Gesicht da. Mit zitternden Fingern unter! uchte er ihre erkalteten Hände. Die eine war leer, die andere umkrampfte — ein Taschentuch. Weshalb hatte sie nicht geschrieben? Nur ein Wort! Wo doch so viel für ihn davon abhing. Also kein Selbstmord? Folglich hatte der Staatsanwalt Gruber Motive für die .Ermordung seiner Frau. Hatte er vielleicht den Wunsch, sich aus dieser unglücklichen Gemeinschaft zu befreien? Er hat ja eine Geliebte! Aber wer weiß das? Jetzt noch niemand. Oh, matt wird es schon erfahren! Das ist nicht so schwer. Man erfährt alles. Und feilte Frau war reich, er ist nun der Erbe ihres großen Vermögens. Das Interesse liegt auf der Hand. Und der Staatsanwalt Gruber ist bekannt wegen seiner noblen Passionen. , Das Netz zieht sich schon zusammen. Oh, der Unterfuchungs- rtchtcr Gruber ist findig, er wird die „Affäre Gruber" schon! au fönren. Und dann: Wie ist der Sonntag verlaufen? Die beiden Dienstmädchen müssen vernommen werden. Im Laufe des Tages nichts Auffälliges. Aber heute nachmittag dursten beide fortgehen. Das war ein Ausnahmefall, denn sonst ging immer nur eine aus. Allerdings hatten sie um Erlaubnis gebeten; jedoch nicht die gnädige Frau hat diese erteilt, sondern der Herr Staatsanwalt hat zu der armen Gnädigen gesagt: „Laß sie doch beide weggehen; wir brauchen sie ja nicht." Ja, das hat er gesagt. Das konnte er nicht bestreiten. Sehen Sie, Angeklagter Gruber! Was war dann? Also um acht Uhr haben Sie mit Ihrer Frau den Tee eingenommen? Darauf waren Sie in Ihr Zimmer gegangen und hatten gearbeitet? Sonntag abend gearbeitet? Was denn? Ja, was denn? Er hatte keine Zeile geschrieben. Er hatte! mit sich gekämpft, hatte versucht, mit sich ins Reine zu kommen. Unsinn! Kann man solche Arbeit nachweisen? So war es: Er war mit sich nicht im Reinen über die Schuld des Angeklagten Holtheim. Es waren ihm Zweifel aufgestiegen. Die ließen ihm keine Ruhe, und er war zu Hause geblieben. Sonst pflegte er Sonntags in feinen Klub zu gehen, während feine* Frau ihre Eltern besuchte. Sehr merkwürdig. Sonst also ging Ihre Frau zu ihren Eltern? Warum gerade heute nicht? Sie fühlte sich sehr unwohl, und ich hatte ihr geraten, doch lieber zu Hause zu bleiben. Und Sie, Angeklagter, wollen zu Hause geblieben fein, weil . .- Ah! Da ist ja ein Widerspruch! Erst geben Sie an, daß Sie arbeiten wollten, und jetzt, daß Sie sich über den „Fall Holtft heim" klar zu werden suchten, der doch schon tags vorher feinens Abschluß gefunden hatte. Außerdem war der „Fall Holtheim" einer der klarsten — er war ebenso klar wie der „Fall Gruber", Dem Staatsanwalt rann in .hellen Tropfen der Schweiß von der Stirn. Er schlug feine eisigen, feuchten Hände vorD Gesicht. Das war ja Wahnsinn! Ich bin doch unschuldig — murmelte er — ich habe sie nicht UMgebracht — — nein — — nein — — umgebracht habe ich sie nicht — — aber „schuldig" — — bin ich doch! Er sank erschöpft in einen Stuhl der Toten gegenüber. Sein Gehirn arbeitete jedoch weiter; gegen feilten Willen: es arbeitete wie ein Uhrwerk. „Der „Fall Gruber" ist ganz klar. Die Eheleute Gruber lebten in unglücklicher Ehe. Der Angeklagte behandelte seine Frau nicht sonderlich gut. Er hatte eine Geliebte und huldigte kostspieligen Vergnügungen. Durch den Tod seiner reichen Fran hoffte er sich in den Besitz der dazu notwendigen Mittel zu setzen. Den Plan mußte der Angeklagte schon vor längerer Zeit gefaßt haben. Vor acht Tagen kaufte er Zyankali, das er zu photographischen Zwecken zu benötigen vorgibt. .Er hat aber keinerlei Gebrauch davon gemacht. Am Tage der Tat entfernte er die beiden Dienstmädchen, die sonst nur abwechselnd Ausgang hatten, und hielt auch seine Gattin von ihrem gewohnten Sonntagsbesuch Bei ihren Eltern ab. Mr selbst blieb gegen feine Gewohnheit, in den Klub zu gehen,, an diesem Meud zu Hause. Während der Abwesenheit des Dienstpersonals vollbrachte er dann die verabscheuungswürdige Tat. Die Versuche, wie der Angeklagte den Mord als einen Selbst- Er ließ ihre Hand fallen und preßte die Faust auf sein Herz. W hatte einen Moment ausgesetzt. Wer jetzt schlug es mit rasender Geschwindigkeit und peitschte das andrängende Blut zurück in den Körper. Er fühlte, wie seine Hände eisig wurden, !vie der Schweiß äUf seiner Stirne ausbrach. Schreien — schreien wollte er. Aber seine Kehle schloß sich, 'krampfte sich zusammen und ließ keinen Ton hindurch. Seine Augen irrten von der starr Dasitzenden auf den kleinen Tisch neben ihr. Dort standen zwei Tassen — er hatte vorhin Mit ihr gemeinsam Tee getrunken —, der Teller mit Cakes, die silberne Zuckerdose; alles ganz so wie vorhin. Nur neben ihrer Tasse fiel ihm jetzt etwas auf — ein kleiner brauner Steintiegel. Gruber griff mechanisch danach. Der Tiegel gehörte ihm. Das war fein Zyankalitiegel. Er brauchte das Gift zum Photographieren. Er bemerkte sofort, daß mit einem Löffel eine gehörige Dosis vom Inhalt entnommen worden war, eine Dosis, pte genügen mußte, einen Elefanten zu.töten. Es lief dem Staatsanwalt kalt über den Rücken. Weshalb hat sie das getan? Er überlegte. Dann wunderte er sich über sich.selbst. Eigentlich hätte er doch weinen müsfeii. Es war ja feine Frau! Aber et empfand keinen Schmerz. Nein. Nur das Gräßliche der Tat hat ihn so erschüttert. Jetzt war er wieder ruhig. Einen Moment empfand er joyar etwas wie Zuftiedenheit, Erlösung. Er hatte feine Frau nicht geliebt. Und jetzt war er frei! Während er anM das dachte, .stand er noch immer starr da, den Steintiegel in der Hand. Vorsichtig stellte er ihn wieder auf seinen Platz neben die Taffen. Er fiihlte, daß er etwas tun müßte. Aber was? Lärm schlagen? Einen Arzt holen? Der könnte doch nur den Tod feststellen, nicht helfen. Aber die Polizei mußte geholt werden. Ja, die Polizei. Ein Zweifel kam ihm. Soll er sie wirklich holen? Würde nicht auf ihn der Verdacht fallen, seine Frau umgebracht zu haben? Er sah schon den forschenden.Blick des Polizeikommissars auf sich gerichtet. Wenn auch! Er war doch unschuldig. War nicht demwch manches auffällig? Gruber drückte seine kalten Hände gegen die Schläfen. Was Nr dummes Zeug er zusalnmendachte. Der Tatbestand war doch sonnenklar. Er war um acht Uhr, nachdem er mit Selma Tee getrunken, in sein Zimmer gegangen, UM zu arbeiten. Als er um — er sah auf die Uhr — um zehn wieder das Eßzimmer betrat, fand er seine Frau tot chüf deut Sofa sitzend. Sie hatte sich mit Ltzankali vergiftet. Was könnte man ihm also anhaben? . Nichts, gär nichts! -Nichts? O doch. Hatte sich denn die Sache wiMich so abgespielt ? Seine Frau hatte sich vergiftet. Womit? Mit Zyankali. Woher hatte sie das? Sie hatte es wohl aus dem Schränkchen genommen, in dem seine photographischen Utensilien eingeschlosseu waren. Er war ein eifriger Photograph und brauchte bei feinen Arbeiten zuweilen Zyankali. Und wann hat er das Gift gekauft? Vor acht Tagen. Aber er scheint es doch gar nicht benutzt zu haben?! Nein. Er hatte seitdem noch nicht gearbeitet, er war nicht dazu gekommen. Wieso kam es denn, daß ein Schrank, in dem ein so schweres Gift sich befand, nicht verschlossen war? Doch, doch, — er war ja verschlossen. . Wie verschaffte sich dann seine Fran den Schlüssel? Ja, wie kam sie zu dem Schlüssel? Den mußte sie ihm wohl weg genommen hüben aus seinem Schlüsselhund . . . Das war nicht mehr so einfach. Es war kompliziert — unglaubwürdig. Grubers Aufregung stieg. Ein nervöser Eifer ergriff ihn. Als ob er der Untersuchungsrichter wäre, der in diesen „Fall Gruber" Licht bringen müßte. Ja, Licht Bringen! Die Sache war durchaus nicht Kar. Weshalb hatte sich die Frau des Staatsanwalts Gruber vergiftet? Sie war nicht kränklich, lebte in guten Verhältnissen!. <88 der Mörder feinet Frau?! ihn. Sem Her» arbeitete! 4 5 2 ein Baum. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, 6teiflk 3 6 8 8 3 5 6 2 2 1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 7 8 2 6 2 9 2 2 2 4 6 2 2 7 3 3 eine Reihe von Gedichten gelungen, in denen auch der AnsdruA »U voller Plastik gereift 'ist. Browning starb in dem von ihm so geliebten Italien, und »wat zu Venedig am 12. Dezember 1889. Er ruht in der Ehrmhalki englischen Ruhmes : in der Westminster Abtei, 1 1 babylonische Gottheit. 8 1 römischer Feldherr, ein Nagetier. Nebenfluß des Rheins, anregendes Getränk. 1 eine Blume. 1 Raubvogel. 5 6 7 8 9 eine Körperschaft. Arithmogrlph. 2 3 6 eine Getreideart. mord der Gelöteten hinzustellen sich bemühte, rndein er z. B. das Zyankali neben die Ermordete stellte, ftnd so ungeschickt, daß ste Nur dazu beitragen, die Möglichkeit emes Selbstmordes als ausgeschlossen erscheinen zu lassen. Der Staatsanwalt sah sich irr um. Das wat doch alles ganz klar Er war der Mörder feinet Frau. Das BeweisMaterml konnte nicht vollständiger sein; die Schuld mcht deutlicher zutage vermischtes. * Der gute Ton. Eine luftige kleine Geschichte, die sich nach dem Bericht einer englischen Zeitschrift vor kurzem in Amerika zu trug, hat sich ein Admiral der amerikanischen Marine gestattet. Während seiner Abwesenheit sprach bei ihm ein sehr korrekter europäischer Diplomat, der streng auf Formen hielt, vor, traf den Admiral nicht zu Hause und ließ feine Karte zurück. In der Ecke der Karte prangten die Buchstaben e. p. Als der Diplomat ein paar Tage später den Admiral zufällig trifft, fragt er während des Gespräches : „Ich hoffe, Sie haben neulich meine Karte bekommen?' „Ja, ich habe sie bekommen/ erklärte der in Fragen der Etikett« nicht sehr beschlagene Seebär, „aber apropos, was soll das eigentlich bedeuten, diese beiden Buchstaben e. p. ?" „Nun, natürlich „en personne“", erklärt mit überlegener Nachsicht der Diplomat, „Sie haben wohl gar nicht gewußt, daß ich die Karte persönlich bei Ihnen abgegeben habe?” Der Admiral nickte, dankte für die Aufklärung, man wechselte noch ein paar höfliche Worte und verabschiedete stch. Als ein paar Tage später der Diplomat von einem Morgenritt nach Hause zurückkehrt, übergibt man ihm die Karte des Admirals. Ter Kenner des guten Tones schüttelte ein wenig verblüfft den Kopf: die Karte trägt in der unteren Ecke die rätselhafte kurze Inschrift: s. b. n. Lange grübelt der Diplomat, was da« wohl heißen könnte, aber alle seine Kenntnisse der Etikette lassen ihn hier im Stich. Als er ein paar Tage später den Admiral wieder trifft, dankt er für den Besuch und bittet zugleich um gütige Aufklärung, was die Buchstaben s. b. n. zu bedeuten hätten. Der Admiral lächelt überlegen und erklärt dann freundlich dem Herrn Diplomaten: „Nun ja, s- b. n., sent by nigger“, durch Neger geschickt. _______ Sprachecke der Allgemeinen Deutschen Sprachoereinr. * Immediatgesu ch. Für dieses den meisten ganz unverständliche Mischwort gibt es schon seit längerer Zeit ein ganz deutsches, das leider noch nickt allgemein bekannt zu sein scheint — Throngesuch. Amtlich eingeführt ist es im preuß. Justizministerium — es steht z. B. in den Vordrucken für die bedingte Begnadigung; auch im Reichsschatzamt wird es dienstlich allein gebraucht, ebenso in anderen Ministerien und im preußischen Militär, kabinett - es findet sich u. a. auch in Ziffer 62 des Neudruckes der Verordnung über die Ehrengerichte der preußischen Offizier«. Ob nun nicht auch die „RabinettSorber* in einen „Thronbesehl' verwandelt werden könnte? Dort stand das Zyankali. Die Versuche, den Mord als Selbstmord hinzustellen, sind ungeschickt. . . Was war das alles? Also er war der Mörder ferner Frau?! Eine wahnsinnige Angst erfaßte ihn. Sem Her» arbeitete krampfhaft und schlug in ihm wie mit Hämmern. Gruber erhob sich müÄam und stand einen Moment starr. Dann griff er mit beiden Händen in die Lust, als ob er etwas fassen wollte, wankte und schlug der Länge nach dumpf am Boden auf. So fand man ihn am nächsten Morgen. Sein Kopf lag auf dem Abschiedsbrief seiner Frau, der zur Erde gefallen war. In seiner ungeheuren Aufregung hatte er 'ihn nicht bemerkt. viicherttsch. — Der Westerwald, von Leo Sternberg. Düsseldorf, A Bagel Mit dreser Monographie wird zum ersten Male der Versuch unternommen, die fast unbekannten künstlerischen Werte! des Westerwaldes auföu$ eigen, die das Interesse eines reden Kunstfreundes verdienen und sich infolge der volkstümlichen Form der Darstellung allen Kreisen der Bevölkerung barbieten. Unsere Vesten Kenner und Künstler entwerfen ein Bild der bäuerliche Kultur in Baustil und Hausgerät, in Volkstracht, Sitte und Landes» art, in Sage und Volksgesang. Sorgfältige Reproduktionen nach Gemälden von Rubens, Boutigny, Bouchot, Prof. Steinhaus«, Manskopf, Turm und Kampmann, nach Schattenfriesen timt C, W. Diefenbach, nach alten Stichen und Holzschnitten, nach Ort' grnalzeichnnngen der Maler Nikutowski, Aulmann, Meher-Kasseß Koch-Honnef, sowie die reiche Wiedergabe von bisher größtenteils unveröffentlichten Bauernhäusern, Burgen, Kirchen, landschaftlichen Motiven, Reliquienschxeinen, geschnitzten Möbeln, keramischen Erzeugnissen, Blaufärberformen, Trachtenbildern, Grabplatten, Hol^ statuen, Plaketten, Stofftapeten und Elfenbeinschnitzereien vereinen ihr Anschauungsmaterial mit dem Texte zu einem Buchq, das den Reisenden wie alle Freunde der Naturschöiihelt, der 5tMt£ der Volks- und Länderkunde gleicherweise fesseln wird- .Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Selbsthilfe ist der beste Bote. Robert Browning. (Zu seinem 100. Geburtstage, .7. Mai.) . Es ist einer der merkwürdigsten Charakterköpfe der modernen englischen Dichtung, dessen Geburtstag sich am 7. Mai zum fl.00. Male jährt. Beim großen Publikum hat Robert Browning nie Liebe und Verständnis gefunden; „Ihr, die Ihr mich nicht liebt", so redete er selbst einmal in „Ring und Buch" seine Leser lau. Aber ein innerer, jedoch keineswegs kleiner Kreis von Be- wnnderern feiert Browning als den größten Dichter des Viktorianischen Zeitalters, ja selbst als den größten englischen Poeten des ganzen 19. Jahrhunderts, und eigene Browning-Gesellschaften wirken für die Pflege und Deutung seiner Werke. Auch in Deutschland hat er viele warme Bewunderer gefunden; der weiteren Verbreitung feiner Werke steht indes die Schwierigkeit ihrer Uebersetzung im Wege. Nur F. C. Gerden ist die Uebertragung einiger seiner Dichtungen, der „Tragödie einer Seele" und „Auf einem Balkon", und F. P. Greve die Verdeut- schung des „Paracelsus" mit Glück gelungen; diese Uebertragungen B) im Jnselverlage zu Leipzig erschienen. Browning, ein Lon- :er von Geburt, ist im wesentlichen Autodidakt gewesen. Schon h entschied er sich dafür, „Dichter, und nur Dichter zu fein", Und an dieser Bestimmung hat er Zeit seines Lebens festgehalten. Er hat nie einen bürgerlichen Beruf, nie eine vorgeschriebene feste Arbeitsleistung gekannt. 21 Jahre war er alt. als er, zunächst noch anonym, mit der Verserzählung „Pauline" hervortrat, dann folgte eine Reihe von dramatischen Dichtungen: „Paracelsus , worin der große inittelalterliche Mediziner als ein Faust behandelt wurde, „Sordello", eilt Künstlerdrama, und der „Fleck auf dem Schilde". Schon diese Werke erregten wegen der Unverständlichkeit, die matt Browning seither so oft vorgeworfen hat, lebhaften Widerspruch. Carlyles Frau soll nach der Lektüre von „Sordello", erWrt haben, sie habe nicht herausbekommen können, ob Sordello eine Stadt, ein Buch oder ein Mensch vorstellen solle. Browning hielt sich selbst für einen Dramatiker, war es aber sicher insofern nicht, als er der dramatischen Form' und Wirkung in keiner Weise gewachsen war, auch sie gar nicht anstrebte. Seine Dramen gestehen fast durchweg aus Monologen, die die Personen nebeneinander halten; es kommt nicht selten vor, daß eine von ihnen ihre Handlungsweise seitenlang in Versen motiviert. Das schönste Gedicht Brownings ist nach einem feinen Worte seine Liebesgeschichte mit Elisabeth Bar rett. Elisabeth Barrett, sechs Jahre älter, als der von ihr bewunderte Dichter, war als hoffnungslos krank von ihrem Vater in den Lehnstuhl gebannt, als Browning ihre Bekanntschaft machte, sie „an den Haaren ergriff", sie ins Leben führte und zu seiner Frau machte. Die Ehe war bekanntlich ungemein glücklich, obwohl auch Elisabeth an ihrem Dichter zuweilen leise Kritik An Men wagte; „Du sprichst ein wenig wie eine Sphinx", so schrieb sie ihm einmal mit vorsichtiger Mahnung. Die schönsten Werke Brownings fallen in die Zeit nach 1840 und seine Meisterschöpfung ist das dramatische Gedicht „Pippa paffes". Es schildert den freien Tag einer armen Seidenspinnerin. An drei Paaren, an drei Schicksalen geht sie singend vorüber, und sie bringt sie durch ihren bloßen Gesang zur Entscheidung. Darin spiegelt sich der letzte Gedanke, der unter allen Schwankungen, von der Mystik bis zur Trivialität Brownings Dichtungen zugrunde liegt: in jedem Leben gibt es einen großen Augenblick, Und nur dieser ist Leben. Wer ihn erfaßt, der hat gelebt, auch wenn ihm der große AugeMick den Tod bringt; wer ihn verpaßt, ist und bleibt lebendig tot. Dieser schöne Grundgedanke schwingt in allen seinen Dichtungen mit, auch wo er nicht den Hauptton angibt. Die große Schwierigkeit bei der Lektüre Brownings bildet die Unklarheit seiner Sprache, die oft daneben greift und den einfachen Gedanken unter einer Fülle von Worten begräbt. Doch ist ihm