Die Dame im Pelz. .Roman von G. W. App le ton. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Anfangs plünderten wir eine Zeitlang, er von Helen und ich von Marcella; aber es dauerte nicht lange, so bildete doch wieder die.Angelegenheit das Gesprächsthema, die uns nun einmal am meisten am Herzen lag. Nun, Mortimer, begann ich, vergegenwärtigen wir uns mal die ganze Situation. Wie steht die Sache jetzt eigent- lich? Wir Habben zwar heute ganz gut abgeschnitten, iber — Ganz recht, meinte er hier, es bleibt immer noch jein „Aber". Laß mich mal einen Augenblick überlegen. Er tat einige kräftige Züge aus der Zigarre, dann nahm er die Unterhaltung wieder auf. Das ist's gerade, fuhr er fort. Ich will nicht etwa -deinen kleinen Triumph Dort heute nachmittag irgendwie herabsetzen. An und für sich war er ja wunderbar, aber du darfst dir nicht -etwa ein-! bilden, daß wir damit den Feind vernichtet haben — das haben wir keineswegs. Das heutige Abenteuer war bloß ein Vorpostengeplänkel. Die Methoden dieses von Gißen hatten o viel Ungeschicktes und Ungewandtes an sich, daß ich ihn ür ein neues Mitglied der Bande halte, das man wegen eines imponierenden Aeußer-en Und seines angeborenen icheren Auftretens vorgeschickt hat, um -die grobe Arbeit zu verrichten. Irgendwie mußte -ein Anfang gemacht werden, und wenn du nicht so energisch und Marcella nicht so hübsch gew-esen wäre und du ihren Namen vielleicht noch nicht gewußt hättest, so wäre der Trick womöglich auch gelungen. Momentan befindest du dich im Vorteil. Welche Wendung der Kampf noch nehmen wird, läßt sich nicht Voraussehen, nur sv viel steht jetzt schon fest, daß du Marcella keine Sekunde aus den Augen verlieren darfst. Ganz Richmond wird boller Spione sein und dein Haus Tag und Nacht bewacht werden. Unter keinen Umständen darf Marcella auch nur einen Schritt vor die Türe tun. Ich weiß nicht, vb du dich nicht am besten gleich mit der Polizei ins Einvernehmen setztest und den ganzen Tatbestand einfach angäbest. Sollte es nicht ratsamer sein, zu warten, bis sie zu Mir kommt? erwiderte ich auf diese letzte Anregung; möglicherweise passiert inzwischen noch etwas. Wie du willst, sagte er. Es macht eben nur einen besseren Eindruck, wenn man ihr zuvorkommt, als wenn man sie erst auf sich zukommen läßt — weiter nichts. Im Laufender Unterhaltung waren wir bis ungefähr halbwegs nach Kew Green gewandert. Als wir noch eine kleine Strecke schweigend weitergingen, raste in wildem Tempo plötzlich -eine Droschke an uns vorbei. Ganz unwillkürlich blickten wir b-eide auf und gewahrten am Fenster in ihrem Pelzmantel — Marcella. tfa/nhucH' «■> Ci MIT ■K Bffi I Mr blieben steh,en wie festgebannt, starrten einander an, bestürzt und entsetzt. Zuerst fand Mortimer die Sprache wieder. Hast du gesehen, wer drin saß? Ja — Marcella. Was soll das bedeuten? Das mag der Himmel wissen. War sie allein? fragte ich. Nein; auf dem Rücksitz sah ich einen Mann. Mir -drohten alle Sinne zu schwinden. Wir müssen uns sicher irren, rief ich verzweifelt. Ich hoffe es von ganzem H-erzen, antwortete mein Freund. Wer du hast sie doch, selbst mit eigenen Augen gesehen. Ein Straßenbahnwagen kam in der Richtung nach Richmond. Du fährst doch mit mir zurück? fragte ich. Das bedarf gar keiner Frage. So rasch, wie uns der Wagen zurückbringt. Wir sprangen auf und fünfzehn Minuten später stürzten wir atemlos in meine Wohnung. Empfangs- und Eßziminer waren leer. Ich schrie wie ettt Wahnsinniger nach Helen. Sie antwortete aus der Küche und war im nächsten Moment gleich selbst zur Stelle. Gerechter Himmel! rief sie; was ist mit euch beiden denn los? Was in aller Welt ist denn passiert? Wo ist Marcella? fragte ich hastig. v Marcella? Ich weiß nicht. Vor ’ner halben Stunde war sie noch hier im Zimmer. Dann mußte ich, in die Küche, das ungeschickte Dienstmädchen -anzulernen; ich glaube allmählich, sie ist überhaupt noch nicht in Stellung gewesen. Marcella wird wohl nach oben in ihr Zimmer gegangen sein. Wird! rief ich. Rasch! Lauf' hinauf und sieh nach! Durch meine Erregung selbst beunruhigt, flog sie die Treppe hinauf, um ebenso schnell wieder herunterzukommen. Nein, sagte sie, sie ist nicht oben, und Barett und Mantel sind auch weg. Um Gottes willen, was ist denn geschehen? Ich erklärte ihr kurz und- bündig, was wir gesehen hätten, worauf das arme Mädchen, das mit einem Male nur noch ein Bild des Jammers war, mich flehend bat: O, Ted, sei nicht böse mit mir!. So was konnte ich! nicht mal im Traum ahnen. Wie ist's nur möglich ge- weseu? Ich hab' nicht den leisesten Ton gehört. Hast du Gregory schon gefragt? Daran hatte ich in meiner Aufregung noch nicht gedacht. Ms ich ihn rufen wollte, öffnete er bereits selbst die Tür. Ich habe unwillkürlich einzelne Worte aus Ihrer erregten Unterhaltung gehört, sagte -er. Ist denn irgend was Schlimmes passiert? Schlimmes? rief ich. Das schlimmste, was überhaupt passieren konnte! Ich ließ Marcella hier in Ihrer Obhut und glaubte sie woh-lgeborgeu, und nun ist sie fort. Haben Sie denn nicbts -aese-hen, nichts aebört? 626 Abenteuer des Brigadier Gerard. Kon C. D o Yle. (Fortsetzung.) Die Leute warfen einander fragende Blicke zu und slüstcrten. Meine Rede hatte, meiner Meinung nach, ihre Wirkung getan, denn kein einziger wagte es, meinem Herrn entgegen zu fern. Die Augen der Königin blitzten erwartungsvoll; endlich brach ihre klare Stimme das Schweigen. „Muß denn em Weib diesem Franzosen seine Antwort geben? Ist denn unter Lutzows Yagern keiner, der seine Zunge so gut wie sein Schwert zu gebrauchen ver- fte6t2aut polternd fiel ein Tisch über den Kaufen, und ein Jüngling sprang auf einen Stuhl — ein blasser, kühner vung- ling mit feurigen Augen und wirrem Haar. Der Sabel hing ihm lang an der Seite herab, und seine Reitstiefel waren mit Kot bespritzt, aber eine Glut der Begeisterung (lammte aus seinen Zügen, ein Feuer, wie ich es noch nie geschaut „'s ist der Körner, der Körner! lief s von Munde zu Munde, „der junge Körner, der Dichter! Ah, seht, er will singen, er will singen!" , , Ja, er sang. Mit süßer, träumerpchcr Stimme hob er an. Er erzählte vom alten Vaterlands der Mutter aller Volker, mit seinen blühenden, sonnigen Triften, reichen L-tadten, dem Ruhme alter Helden. Bald jedoch veränderten sich diese schmeichelnden Töne, wie lauter Trompetenstoß schallte es durch, den weiten Raum. Denn nun sang er von dem Deittschlanch wie es beute war — vom Feinde überfallen, in Schmach und Schande! Aber es sollte nicht so bleiben, der Riese wachte auf, er sprengte die Fesseln. War das Leben so kostbar, daß man s dem Vaterlande nicht weihen sollte? Warum den Tod auf dem Felde der Ehre scheuen? Die Mutter, die große Mutter rief zu 'hrenKindern um Hilfe! Vernehmt ihr ihr Seufzen nicht tm Nachtwinde? Werdet ihr kommen? Werdet ihr kommen? Ah, das schreckliche Lied, das durchgeistigte Gesicht und die klare, metallische Stimme! Wo blieben da ich, Frankreich und der Kaiser? Die Männer stiegen auf Stuhle,und ,Tische, sie brüllten Beifall und gebärdeten sich wie toll, ia, sie schluchzten, und Tränen rannen über ihre Wangen. Körner war wieder voin Stuhle herabgesprungen und von seinen Kameraden mit gezogenem Säbel jubelnd begrüßt worden. Der Fürst hatte sich erhoben, und eine leichte Röte bedeckte seine Wangen, als er tagte: „Oberst Gerard, Sie haben soeben die Antwort vernommen; überbringen Sie sie Ihrem Kaiser. Meine Kinder, der Würfel ist gefallen, euer Fürst wird zu euch stehen! , Er verbeugte sich, zum Zeichen, daß die Veyammlung geschlossen sei, und die Leute entfernten sich, um die Nachricht trt der Stadt zu verkünden. Ich hatte getan, was ttt meiner Macht gestanden, und ließ mich nun nicht ungern von dem Strom mit hinwegführen. Was hatte ich tm Schloße zu suchen! ^ch hatte meine Antwort erhalten und mußte sie nun^meinem Herrn überbringen. Nur schnell hinweg don dieser Statte! Vor der Türe trennte ich mich von der Menge und gmg, mein -Ptero war ganz dunkel bei den Ställen drüben, und ich spähte eben nach einem Stallburschen aus, alsr meine beiden ürme von hinten her gepackt wurden. Zu gleicher Zeit legten sich mir Hande um Handgelenke ünd Hals, und ich fühlte die kalte Mundung Pistole an meinem Ohr. . . . «ni-, „Den Mund gehalten!" raunte eine grimmige Stimme. »38« haben ihn, Herr Hauptmann!" „Auch den Zügel?" „Jawohl!" , . „ .... „Werfen Sie ihn über seinen Kopf!" Während der peinlichen Pause, die nach; der Ankunft; der Pakete folgte, hatte sie uns der Reihe nach ängstlich angesehen. , .... n Nun, sagte sie endlich, wollen Sie nur verzeihen? Diesmal schon, antwortete ich, mit erzwungenem Lächeln, denn meine Erregung hatte sich immer noch nicht gelegt; aber Sie müssen mir das Versprechen geben, es nie wieder zu tun, solange Sie unter meinem Schutze stehen. O, von Herzen gern will ich Ihnen das versprechen. Es tut mir so — so unsagbar leid, daß ich Sie beide betrübt habe! Wollen Sie mir nicht einen Bersöhnungskuß geben, Fräulein Helen? Darum ließ sich meine impulsive Schwester nicht zweimal bitten, und damit wurde der sonderbare Zwischenfall als abgetan betrachtet. Mortimer und ich überlegten uns Väter die Sache iioch hin und her, kamen ihrer Erklärung ledoch keinen Schritt näher; sie blieb uns nach wie vor ein Rätsel. Und ich muß sogar bemerken, daß sie mich in jener Nacht sogar in meinen Träumen noch in unangenehmer Weise belästigte. (Fortsetzung folgt.) Gregory würde rot bis über die Ohren. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, antwortete er zögernd, es kam mir mal so vor, aboö ich dre Haustür gehen hörte, und ich! ging auch! gleich rn den Hausflur um nachzusehen, ob jemand relngekommen wäre, jm aber fein Mensch zu sehen und zu hören war, dachte ich natürlich, es sei nur 'ne Täuschung gewiesen. Eine entsetzliche Täuschung für mich allerdings, versetzte ich, fast außer mir vor Wut, wenn ich bedenke, daß ihr sie euch trotz meiner ausdrücklichen Weisungen vor der Nase habt wcgschleppen lassen! Es ist einfach unverantwortlich. Dafür gibt es gar ferne Entschuldigung! Men warf in ihrer Bedrängnis Mortimer einen Bitten- hen Blick zu, und er übernahm auch sofort die Verteidigung. Meiner Meinung nach, sagte er, ist Helen nicht der geringste Vorwurf zu machen. Sie mußte doch; ihre yaus- fichen Obliegenheiten besorgen, und daß Marcella verschwunden sein sollte, ohne irgend welchen Lärm zu schlagen, ist einfach undenkbar. Dann muß sie freiwillig und ohne allen Zwang mitgegangen sein. Ich begreif s gar nicht, will's auch nicht zu erklären versuchen, aber es gibt eben keine andere Möglichkeit. Ich wollte ihm gerade energisch , entgegnen, als es klingelte. Wir sahen einander an, bis Helen auf Iinen Blick Mortimers hin nach der Haustüre ging. Im nächsten Moment kam — Marcella auf uns zugestürzt. Sie war hochgradig erregt, blutrot tnt Gesicht und 'machte große Augen, als sie unsere ernsten Ge- sichler W(n @ott! Wie bös Sie alle ansschauen! xief sie erschreckt. Hab ich denn so was Schlimmes getan? Ich fürchte es fast. Ei, Helen, wie sonderbar Sie mich behandeln - und Sie auch, Herr Doktor.! Was ist beim? Sprechen Sie doch! - Wir waren jedoch allesamt sprachlos vor Staunen; dann, als ich wieder Worte fand, sagte ich zu ihr: Wir haben uns nur wegen Ihrer Abwesenheit beunruhigt. Wo sind Sie denn gewesen? Ei, ich hab nur ’n paar Sachen eiugekauft, weiter nichts. Meine Garderobe ist etwas knapp, wie Sie wissen, und da ich nicht immer die Gutmütigkeit Ihrer Schwester in 'Anspruch nehmen wollte, so dachte ich, ich wollte, wahrend sie in der Küche beschäftigt war, das halbe Stündchen benutzen und ein paar Einkäufe besorgen, ^ch glaubte nicht, daß mir am hellen Tage was Schlimmes passieren könnte. Es ist jetzt ja ganz belebt draußen, Zind ich fand, daß die Läden gar nicht weit waren. Wie Sie sehen, bin ich wieder hier, gesund und wohl. Es ist mir nichts zu- gestoßen, sicher nicht. Wenn Sie mir aber deswegen böse find, will ich Ihnen versprechen, es nie, nie wieder zu tun. Die Sache schien mir immer merkwürdiger. Sind Sie denn zu Fuß gegangen? fragte ich. Gewiß! Ich erkundigte mich und fand den Weg ganz laicht. Und auch wieder zu Fuß zurück? Ei, natürlich — es ist ja gar Nicht weit. Sie haben also gar keinen Wagen benutzt? Einen Wagen? Gott bewahre! Warum sollte ich? Ich sah Mortimer verwundert an und er mich wieder. Nun, fragte ich sie weiter, wo haben Sie denn Ihre Pakete? ' " O, antwortete sie, die werden gleich kommen; und wie zur sofortigen Bekräftigung ihrer Worte klingelte es auch schon, sieh da, es waren die Pakete, ganz wie sie gesagt hatte. Nun, wie konnte sie in einem Wagen nach Kew Brwge zu gefahren und- gleichzeitig in einem Modewarengeschäft in der Georgstraße gewesen sein? Dieses physikalische Protein galt es zu lösen. Mortimer stand diesem Rätsel ebenso hilflos gegenüber wie ich selbst; und doch erschien es unglaublich, daß wir uns beide geirrt haben, beide das Opfer einer optischen Täuschung geworden sein sollten. Für einen Moment kamen mir die Worte meiner Tante Maria in den Sinn. Wir wußten nichts von Marcellas Vergangenheit, das war wohl wahr. Und ebenso wahr war es, daß es auch; unter dem weiblichen Geschlecht große Betrügerinnen gibt und das Aussehen bekanntlich täuscht. Doch ein Blick in ihr ehrliches Gesicht genügte, um jeden Verdacht zu verscheuchen. Mein Freund Mortimer und ich mußten uns doch geirrt haben. 627 Der kalte Riemen legte sich um meinen Hals'. In diesen Momente trat ein Stallbursche mit einer großen Laterne heraus. Hm sich das Ding mitanzusehen, und nun gewahrte ich rings Itm mich die ernsten Gesichter der wilden Jäger in ihren schwarzen Mützen und Mänteln. „Was haben Sie mit ihm vor, Herr .Hauptmann?" fragte eine Stimme. „Am Tor aufhängen !" „Einen Gesandten?" „Einen Gesandten ohne Beglaubigung!" „Aber der König?" „Aber, mein Freund, sehen Sie denn nicht, daß der König daduckch gezwungen wird, auf unsere Seite zu treten? Wie die Dinge jetzt stehen, kann er morgen schon seinen Sinn wieder ändern — aber eine Gewalttat an einem Husarenoffizier verzeiht ihm der Kaiser nie!" „Nein, nein, von Strelitz, es geht nicht!" bemerkte eine andere Stimme. „Geht nicht? So will ich's Ihnen zeigen!" Ein heftiger Ruck am Zügel warf mich fast zu Boden. Zu gleicher Zeit sauste ein Säbel durch die Lust, und der Riemen wurde, keine zwei Zoll von meinem Halse entfernt, durchschnitten. „Zum Teufel, Körner, was tun Sie da! Das nenne ich einen offenen Aufruhr! Wollen Sie vielleicht selbst gehängt werden?" „Mein Schwert steht im Dienste eines Soldaten und nicht eines Briganten! Blut darf seine Schneide sehen, niemals aber Unehre! Soldaten, könnt ihr dabeistehen, wenn dieser Mann mißhandelt wird?" Ein Dutzend Säbel flogen aus der Scheide und lehrten mich, daß meine Freunde und meine Gegner an Zahl einander ungefähr gleichstanden. Die zornigen Stimmen und das Blitzen der Waffen hatte eine Schar Zuschauer angelockt. „Die Königin! Die Königin!" rief es da plötzlich von Munde zu Munde. Da stand hie auch schon vor uns, und es war, als oh ihr liebliches Antlitz das nächtliche Dunkel erhellte. Und wenn ich auch alle Ursache hatte, sie, die mich betört und betrogen, zu hassen, so durchrieselte mich doch damals — ja, und auch heute noch — ein Gefühl von Wonne bei dem Gedanken, daß ich sie in meinen Armen gehalten, daß ich den Duft ihres Haares geatmet hatte! Ich weiß nicht, ob die deutsche Erde sie schon deckt, oder ob sie, eine greife Frau, in ihrem Schlosse zu Hof noch lebt, aber in dem Herzen und in der Erinnerung von Etienne Gerard wird sie für immer fortleben — ewig jung und liebreizend. „Welche Schmach!" rief sie, indem sie auf mich zueilte, um mit ihren eigenen Händen die Schlinge von meinem Halse zu lösen. „Ihr wollt für unsere gerechte Sache streiten und macht den Anfang dazu mit solchem Teufelswerke? Dieser Mann ein meinem Schutze, und wer ein Haar seines Hauptes tmt, der soll mich kennen lernen!" Meiner Treu, wie sie da eilten aus dem Bereich dieser zornigen Augen in die Dunkelheit zu entrinnen! Sie aber wendete sich mir zu. „Sie mögen mir folgen, Oberst Gerard, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden!" Ich schritt hinter ihr her nach den: Zimmer, in das ich zuerst gewiesen worden war. Sie schloß die Türe und heftet« die Augen mit einem kleinen Anflug von Mutwillen auf mich. „Meinen Sie nicht, daß es ein Zeichen meines Vertraneits in Sie ist, wenn ich freiwillig mit Ihnen hier allein bleibe? Bedenken Sie, ich bin die Königin von Sachsen, und nicht die arme Gräfin Palotta von Polen!" „Der Name tut nichts zur Sache. Ich habe einer Dame beigestanden, die ich in Not wähnte, und bin zum Dank dafür meiner Papiere und beinahe auch meiner Ehre beraubt worden." „Oberst Gerard, wir beide haben ein Spielchen gemacht. Sie haben eine Botschaft überbracht, wozu Sie keine Befugnis hatten und haben dadurch bewiesen, daß Sie an nichts Anstoß nehmen, wenn es die Wohlfahrt Ihres Landes gilt. Ihr Herz schlägt für Frankreich, das meinige für Deutschland. Glauben Sie mir, ich würde alles daran setzen, ja, ich wage Diebstahl und Betrug, wenn ich dadurch meinem armen Vaterlande nützen kann. Sie sehen, ich bin offen." „Das alles ist mir nichts Neues." „Gewiß! Aber nun ist doch das Spiel zu Ende; waruftl sollten wir im Unfrieden scheiden? Seien Sie versichert, wenn ich mich je wirklich in solcher Bedrängnis finden sollte, wie ich sie heute in jenem Wirtshause erheuchelt, so möchte ich mir keinen ritterlicheren Beschützer, keinen treueren Helfer wünschen, als den Oberst Etienne Gerard! Glauben Sie mir, es ist mir nicht leicht geworden, Ihnen jene Papiere zu entwenden!" „Und doch taten Sie es!" „Ich mußte. Kannte ich doch ihren Inhalt und war mir bewußt, welche Wirkung er auf den König ausüben würde. Wären sie in seine Hände gelangt, dann wäre alles verloren gewesen!" „Warum greifen Euere königliche Höheit zu solchen Hilfsmitteln, wo ein Dutzend Briganten, von der Sorte, die mich vorhin an Ihrem Tor aufhängen wollten, die Sache ebensogut verrichtet hätten?" -„Das sind keine Briganten, es sind die wackersten Männer Deutschlands!" erwiderte sie leidenschaftlich. „Wenn Sie etwas rauh angefaßt worden sind, so vergessen Sie auch nicht, was jeder Deutsche, von der Königin von Preußen herunter, durch Euch leiden mußte! Weshalb ich 'Ihnen nicht auf der Landstraße auflauern ließ? O, meine Jäger standen allerorten, und ich selbst harrte in Lobenstein des Berichtes über ihren Erfolg, Als statt des letzteren Sie selbst erschienen, da war ich in Verzweiflung, denn nun stand nur noch ein schwaches Weib zwischen Ihnen und meinem Gatten. . Begreifen Sie, in welcher Verlegenheit ich mich befand, bevor ich mich entschloß, zu den Waffen meines Geschlechtes zu greifen?" „Ich muß mich für besiegt erklären, Hoheit; was bleibt mir anderes übrig, als Ihnen das Feld zu räumen?" „Nehmen Sie Ihre Papiere mit sich!" — sie überreichte sie mir. — „Der König hat nun den Rubikon überschritten. Legen Sie sie in des Kaisers Hände zurück und sagen Sie ihm/ daß wir es abgelehnt haben, sie entgegenzunehmen. Auf diese Weise kann Ihnen niemand nachsagen. Sie hätten die Briefschaften verloren. Leben Sie wohl, Oberst Gerard; mein innigster Wunsch ist, ihr werdet Frankreichs Boden nicht wieder verlassen/ nachdem ihr ihn einmal betreten habt, denn nach Jahresfrist 'wird für einen Franzosen fein Raum mehr auf dieser Seite des Rheines sein." Das war das Spiel zwischen mir und der Königin von Sachsen !»m ganz Deutschland. Ich hatte es verloren. Das Abenteuer gab mir viel zu denken, als ich midjl mit meiner armen Violetta nach dem Westen wendete. Aber immer stand vor meinem Auge die stolze, schöne Gestalt jener deutschen Frau, immer klang mir die Stimme jenes Dichters und Soldaten im Ohr. Und da wurde mir klar, daß es etwas schreckliches fei, um dieses starke, duldende Deutschland, der Mutter vieler Nationen, und ich fühlte, daß ein so altes, heißgeliebtes Land nie besiegt werden konnte. Und als ich so dahinritt, da brach der Morgen an, und der helle Stern, auf den ich durch das Fenster des Schlosses gedeutet--er stand bleich und trübe am westlichen Himmel! (Fortsetzung folgt.) In den Nüssen. Skizze von Alwin Römer (Dresden). Durch den bunten Herbstwald jubelte eine glockenhelle Mädchenstimme. Jedes kunstverständige Ohr hätte sofort die Schule eines tüchtigen Gesangsmeisters herausgehört, der einem besonders edlen ©timmaterial durch besonnene Pflege und Arbeit zu höchstem Glanze verholsen hatte. Wie ein Zauber legte es sich über die Abenddämmerung, den zu stören auch nur eine so barbarische Amtsseele imstande war/ wie der Herr Forstadjunkt Wenzel Nostitz sie int Busen trug, Ein Blitz der Befriedigung zuckte über sein Waldschratt- Gesicht, als er Umschau gehalten und dabei festgestellt hatte, daß die verräterische Stimme mitten aus den mächtigen Haselnußbüschen aufklang, in denen die Früchte dieses Jahr so reichlich gediehen waren, wie sonst nie. Vorsichtig pirschte er sich heran und lugte durch das Gezweig im Unterholz zu der Sängerin hinüber. Und richtig, es war, wie er es sich gedacht hatte: sie saß in den Haselnüssen und hamsterte. Einen mächtigen Strohhut hatte sie sich über die geschleiften Bindebänder fort als Sammelkorn an den Arm gehenkelt, der schon ziemlich gefüllt sein mußte, so schwer und die Fasson ändernd, hing er herunter. „Was gleicht wohl auf Erden Dem Iä— ä— ger-Ver— gnü—ü—ü—ti— gen . . ." klang es von ihren jungen, roten .Lippen in die Waldstille hinaus« Da sagte plötzlich eine tiefe, krächzende Stimme hinter ihr: „Zeigen Sie doch mal Ihren Erlaubnisschein zum Ntisse- pflückeu, Sie dreiste Amsel!" Sie wandte sich um und brach ihren Gesang ab. „Hab' ich nicht, alter grämlicher Waldkauz!" gab sie dann humoristisch zurück. „Ich bin der Forstadjunkt Nostitz!" knurrte beleidigt der Alte, der keinen Sinn für Humor sein eigen nannte. „Und ich bin keine dreiste Amsel!" replizierte sie schlagfertig« „Das Nüssepflücken im gräflichen Revier ist aber nur gegen einen Erlaubnisschein gestattet. Und wenn Sie den nicht haben —" „So werden Sie mir einen besorgen. Punktum. Kostet so'n Wisch was?" Nostitz fühlte, wie ihm die Galle ins Blut stieg. „Der Schein kostet zwei Mark!" betonte er grollend. „Und besorgen müssen Sie sich ihn selbst. Auf der Oberförsterei nämlich!" „Aha! Na ein andermal, Herr Forstadjunkt. Für heute ist mir's schon ein bißchen zu spät!" bemerkte sie harmlos. Aber Nostitz lächelte überlegen. „Zur Oberförstcrei müssen Sie so wie so jetzt!" kündigte ex ihr au. „Ja, weshalb denn?" „Strafe zahlen!" „Wofür.?" 628 :er!" lachte sie, er- Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen, aus wie sah sich ihr eilte den Fichtenwald auf Wodenquell zu. Im Vestibül des Kurhauses stand der junge Graf trnd begrüßte sie ehrerbietig. „Hatten Sie sich verlaufen, mein gnädiges Fräulein?" fragte er, ihr die Hand küssend. an seinen Oberförster. r . „Veranlassen Sie das Nötige!" befahl er kurz und nickte fleh leit V7 „Und trotzdem haben Sie sich unterstanden, sie mttzu- schleifen? O, Nostitz, Sie sind ein Mastodon! Aber allererster Und der Adjunkt, der keine Ahnung hatte von der Tertiär- Periode, lächelte geschmeichelt über die Anerkennung seines Dienst- eifert. . „ , Margret von Liesenau aber fand ein paar Tage später rn ihrem Vorzimmer einen richtigen Berg von frischen Haselnüssen heimlich aufgestapelt. ... ,. Die alten Weiblem von Wodenquell waren für sie aus Dankbarkeit in aller Herrgottsfrühe Nüsse pflücken gegangen . . - dann erleichtert zu. „ „ , v„ „ . „Ich danke Ihnen, Herr Graf!" flüsterte sie beglückt und : davon, um schnell Toilette zu machen. , Der Oberförster hatte sich kurz entschlossen einen Platz für das Konzert genommen, obwohl er sonst den Wodeuqueller Festlichkeiten mit Absicht fern blieb. , „Herrgott, kann die Hexe singen!" brummte er gerührt tu den Bart und wischte sich die Augen heimlich aus. Hatte er sich nicht vor einem Korbe gefürchtet, er wäre, weiß Gott, in den nächsten Tagen auf Freiersfüßen umhergelaufen. . . „Singen hab' ich sie auch gehört!" erklärte ihm am andern Morgen stolz Nostitz. „Eine ganze Weile lang, beim Nüsse- Sie blickte schalkhaft zum Oberförster, der in dienstliche« Haltung zur Seite getreten war. „Das gnädige Fräulein war beim Nüssepflücken ohne E» laubnisschein betroffen worden . . ." erklärte er gepreßt. „Unglaublich!" entfuhr es dem jungen Herrn. „Daß einem so etwas in Ihrem Walde Passieren kann! Nicht wahr, Herr Graf?" fragte sie nicht ohne Ironie, „Allerdings!" rief er empört. „Das ist auch meine Meinung!" bekräftigte sie darauf seinen Ausruf. „Und darum erbitte ich mir als eine Art Ehrenhonorar in Ihren Forsten volle Waldfreiheit für künftige Zeiten!" „Aber das ist doch selbstverständlich, meine Gnädigste!" „Nicht so ganz, Herr Graf! Ich möchte sie nämlich nicht nur für mich, sondern für alle andern Leute mit, so wie es früher war, als Ihr Herr Vater noch lebte!" sagte sie und ' ' ihn mit einem feinen Lächeln dabei an. Nur einen Herzschlag lang zögerte er. Dann wandte et "Ach Uuftnn^Dft^ paar^Nüsse machen Ihren Grasen doch e".ffnw». e.ewwr . ... , . „ In einer ärgerlichen Aufwallung nahm sie ihren unpra- visierten Korb vom Arm und schüttete den so lustig gesammelten Raub hastig auf den Waldboden. Da' . Sind Sie nun zufrieden?" erkundigte fie sich. Er schüttelte den grauen Dickkopf. „Sie müssen mit!" brummte er lakonisch. Nun zog sie die Uhr ans dem Gürtel und zuckte die Achseln. „Es geht nicht, lieber Freund. Ich komme zu spat ms Kurhaus!" sagte sie. „Es ist ein Konzert dort heute Abend! „Das wird wohl auch sein, wenn Sie nicht dabei sind! höhnte der Barbar. Da glitt ein schalkhaftes Lächeln über ihr hübsches Gesicht. Sie nickte ihrem Bedränger lustig zu und „Gut also, wenn Sie meinen, geh' ich mit! Ist es sehr weit?" „Eine halbe Stunde!" orientierte er sie gnädig und marschierte nun mit ihr auf Richtwegen zur Oberförsterei ... , Sie hatten es alle beide scharf auf die Stadter, ine tn Bad Wodenquell bis in den Herbst hinein dem lieben Gott die Tage stahlen und ihnen den Wald durchlärmten, er und der Herr Oberförster! Und wenn die armen Leute in den Walddörfern für ihre Pilz- und Beerenzettel zahlen mußten, sollten solche Nichtstuer und Zeitvergeuder nicht für umsonst davon kommen! Das war nur in der Ordnung! Der Oberförster war noch nicht daheim. Aber der Abendtlsch stand schon für ihn gerüstet. Es konnte also nicht lange mehr dauern. Die junge Dame setzte sich auf eine Bank, aus Birkenstämmchen gezimmert, die vor dem Hause stand, und sah belustigt in den sinkenden Abend hinaus. , m t Jetzt ungefähr sollte das Konzert beginnen tn Wodenquell, für das Graf Lattmannsdorf sie geworben, obgleich sie ihre Ferien ohne jede öffentliche Betätigung hatte verbringen wollen. Aber dem guten Zweck der Veranstaltung hatte sie nicht widerstehen können. Die alte Gräfin war Patronefse emes Herms für unbemittelte Beamtentöchter. Da durfte man sich nicht lange bitten lassen und mußte antreten. Durch eine Verhaftung, gewissermaßen im Aufttage der Veranstalter, brauchte man sich nicht auch noch verärgern zu lassen! . Und das tat sie denn auch nicht. Sie lachte plötzlich m ganz herrlichen Silbertönen hinaus, so daß Nostitz erstaunt den Kopf hob. Er saß nämlich nicht allzuweit von ihr und hielt Wache. Endlich kam der Oberförster. „Wen haben Sie denn da aufgegabelt, Nostitz?" erkundigte er sich wohlwollend. Man merkte ihm an, wie ihn der Elser seines Adjunkten befriedigte. Nostitz erstatte Rapport. Y cm » „Hm ... Da werden Sie wohl Ihre Börse um zehn Mark leichter machen müssen, mein Fräulein!" wandte er sich von dem Waldschratt fort zu dessen lächelndem Opfer. „Und wenn ich so viel nicht bei mir habe? Oder mich ans anderen Gründen weigere zu zahlen?" forschte sie gelassen. „Können Sie sich denn legitimieren?" „Nein!" „Ja, dann..." . . Sie unterbrach ihn nut einem nachdenklichen Blick. „Pardon, Herr Oberförster: geht das Geld in die Armenkasse'?" Prost Mahlzeit! Auch noch! Wir haben mit der Armenkasse nichts zu tun!" . , „Aber Sie nehmen doch von den Armen das viele Geld für die Erlaubnisscheine?" „Na, selbstverständlich!" „War das früher nicht anders?" „Unter dem alten Herrn allerdings. Der !var eben zu güt- „So, so! Na, bann zahl' ich also nicht!" erklärte die Sünderin. Der Oberförster überlegte noch, was nun geschehen könne. Da schrillte das Telephon in seinem Amtszimmer auf. Ev sprang hinein und kehrte nach einer Weile sichtlich aufgeregt zurück. „Verzeihen Sie," sagte er hastig. „Man vermißt in Wodenquell eine Dame. Eine große Sängerin. Fräulein von Liesenau. Sind Sie das vielleicht?" „Liesenau heiße ich!" erklärte sie gelassen^ „Herr des Himmels, welch' unglückliches Zusammentreffen! Unser Herr Graf ist außer sich. Ich lasse sofort anspanueu und bringe Sie selbst ins Kurhaus, mein gnädiges Fräulein!" „Das ist nett von Ihnen, Herr Oberförster!" lachte sie, erweitert durch seinen plötzlichen Eifer. Fünf Minuten später jagte sie mit ihm durch den dunkeln- Vüchertisch. — Geschichte des Feldzuges in Rußland int Jahre 1812. Nach dem Werke von Friedrich Sieger auf Grund der neuesten geschichtlichen und militärischen Forschungen bearbeitet von Ernst Moraht Kgl. Preuß. Maror a D- Mit 100 Bildern (25 Porträts, 30 Vollbildern und 45 Einschaltbildern) sowie 6 Karten und Plänen. Preis 4 Mark. Verlag von Richard Hermes, Hamburg. Es war eine verdienstvolle Aufgabe des Majors a. D. E. Moraht, das vorzügliche @e- schichtSwerk von Friedrich Sieger über den Feldzug von 1812 auf Grund des neuen Quellenmaterials einer Neubearbeitung zu unterwerfen. Die Neubearbeitung des Buches enthalt etne spannende und großzügige Darstellung der Schicksale der Großen Armee Die fließende Form der Sprache wird unterstützt durch ein ausgezeichnetes Kartenmaterial und über 100 Bilder nach Werken zeitgenössischer und moderner Künstler. In dem Jahrhundert, das unsere Zeit von der des Korsen trennt, so schreibt Major E Moraht in seinem Vorwort zur Darstellung des Feldzuges, hat oft der Zauber der Persönlichkeit Napoleons gelockt, mit Feder und Stift seinen Spuren zu folgen Gelehrte, Strategen, Künstler und Erzähler haben der Nachwelt ihre Forschungen und Darstellungen überliefert Neben hochbedeutenden Quellenwerken stand manche der Vergessenheit verfallene Arbeit. So auch Stegers Geschichte des Feldzuges 1812 Und doch verdiente sie als unparteiische und schlichte Darstellung fortzuleben, weil sie im guten Sinne volkstümlich ist und mit dazu beizutragen vermag, daß unser Volk den Geist jener gewaltigen Zeit ■ sich wirken lasse, die unfern Vätern das „Erwache!" zurief ein Frühlingssturm. Gleichllang-RStsel. Manchem nur komm' ich gelegen, Vielen mache ich Verdruß. Spend' ich dem einen reichen Segen, Biet' ich dem andern keinen Gruß. Deut' mich anders, muß ich nennen Einen Fluß im Bauerland. Willst du noch die Mündung kennen, Wandre nach der Donau Strand. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer; Nudelsuppe m i t Rindileisch.