$®E Die von Gründingen. Roman von Freiherr von Schlicht, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Auf einem prachtvollen dunklen Wallach erschien jetzt ein Reitknecht. Der Baron brach in einen lauten Ruf der Ueberraschung aus: „Das ist ja ein wahrhaft könig- liches Tier!" Und bewundernd folgte er den einzelnen Gängen. „Wenn der Kerl nur besser reiten wollte! Der Gaul hat hundertmal mehr in sich, als er aus ihm herauszu- holen versteht!" Und zu den Komtessen gewandt, erklärte er mit halblauter Stimme die Fehler, die der Reiter machte. Alexa hörte aufmerksam zu, um daraus zu lernen, wahrend Dagmar gelangweilt vor sich hinsah. , Er tat, als bemerke er es garnicht. Der Landrat hatte unterdessen ein paar herumstehenden Leuten den Auftrag gegeben, eine .Hürde herbeizu- b ringen. „Sie sollen einmal sehen, Herr Baron, wie der Gaul springt; ich habe manche Jagd im roten Rock und manche Schnitzeljagd auf „Hannibal" geritten, — der springt wie 'ne Puppe." „Das sieht man ihnt auch an," ttternte der Baron, aber als dann die Hürde erschien, sprang der Gaul beim erstenmal so schlecht, daß er mit allen vier §ufen gn- schlug und um ein Haar gestürzt tväre. Und als sein Reiter, der merkte, wie er sich blamiert hatte, den Gaul züchtigte, wurde er widerspenstig und brach jedesmal vor der Hürde aus. Das wiederholte sich wohl ein halb dutzendmal, dann ries der Landrat endlich: „Na, wenn er es nicht will, dann gib es auf, was wollen wir uns mit ihm herum- iärgern." „Pardon, Herr Laudrat," widersprach der Baron, „verzeihen Sie, to'ertn ich mich da hineinmische, aber das geht nicht. Wenn Hannibal springen soll, dann muß er auch springen. Daß er, wie sein berühmter Namensvetter vor den Toren stehen bleibt, ist ganz undenkbar; denn wenn er heute seinen Willen durchsetzt, dann ist auch rn Zukunft nichts mit ihm anzufangen." Der Landrat wußte ganz genau, daß der Baron recht hatte, und er hätte den Befehl, mit dem' Springen auf- zuhören, auch nie erteilt, wenn er sich nicht noch werter vor seinem Gaste Mit seinen Pferden hätte blamieren wollen. . „Sie haben gut reden, Herr Baron," meinte er endlich. „Mer was soll man mit einem solchen Bock Anfängen, wenn er seine Launen hat und nicht will?" „Dann muß man ihn eben zwingen." Und-, einem plötzlichen Entschluß folgend, bat er: „Gestatten Sie. daß ich mich einmal auf Hannibal setze —. vielleicht gehorcht er mir." „Aber gewiß, sehr gerne, wenn es Ihnen Spaß macht.' Ein Paar Reitgamaschen und ein Paar Anschnall- sporen waren schnell aus dem Hause geholt, und wenig später stieg der Baron in den Sattel. Ein lautes „Bravo!" lobte ihn, als er jetzt, nachdem er die Bahn zweimal im Schritt umritten, zum Trab überging. Das schien ja gar nicht mehr derselbe Gaul zu sein/so nahm er ihn zusammen. Selbst der Reitknecht, der zuerst im stillen geflucht und sich über den Baron lustig gemacht hatte, sah jetzt ein, daß der andere doch hundertmal mehr konnte als er selbst. ■ , Aber als der Baron nach einem abgekürzten Galopp in den scharfen Galopp überging und auf die Hürde losritt, brach Hannibal zwar nicht aus, denn daran verhinderte ihn die Kunst seines Reiters, aber unmittelbar vor der Hürde blieb er plötzlich stehen, stemmte die Border- 6eine in die Erde und stand unbeweglich da. Und dieses Spiel wiederholte sich wohl ein halb dutzendmal. „Geben Sie es auf, Herr Baron," bat der Landrat; „Sie sehen ja, es geht nicht. Der Kuckuck weiß, welcher Teufel heute dem Gaul in die Knochen gefahren ist. Steigen Sie 'runter — der Graf und die Gräfin müssen außerdem! gleich kommen, und dann wird es Zeit, zu Tisch zu gehen." Aber der Baron widersprach: „Noch gebe ich es nicht aus." Und auch, als der Wagen von Gründingen erschien, war er nicht zu bewegen, aus dem Sattel zu steigen. „Wir müssen doch aber zu Tisch gehen, Herr Baron," sagte der Lanorat. Er fing wirklich an, seinem Gaste zu zürnen, — seinetwegen konnten doch nicht alle mit hem Diner warten. Und wer wußte, ob Hannibal sich in einer halben Stunde schon anders besonnen hatte? Das konnte unter Umständen noch viel länger dauern. Der Graf und die Gräfin waren nähergerreten und beteiligten sich ebenfalls an dem kleinen Streite. Die Gräfin bat ihn, abzusteigen; aber der Graf war anderer Ansicht: „Das verstehst du nicht, Konstanze. Da muß inan ein alter Kavallerist gewesen sein, tote ich; da weiß man aus Erfahrung, daß man einem Pferde nie uachgebeu darf. Ich hatte als blitzjunger Leutnant mal eine Remonte — wie hieß sie doch noch — ich glaube: —" c , , , ., „Das ist doch ganz gleich, Eduard," unterbrach ihn die Gräfin schnell, — denn fing er erst mit der Geschichte an, dann nahm sie kein Ende. Der Graf sah seine Frau überrascht (in. Daß sie ihn hier so vor allen anderen unterbrach, gefiel ihm nicht, und' er wollte ihr das auch sagen. Aber er schwieg, denn er war ja ein freier Mann und konnte tun und lassen, Mas er wollte. So schwieg er gerade, i»eil er auch dis 414 nigstens für sie! Daß der Baron nicht zu Tisch kam, fand sie zuerst gleichgültig, dann taktlos und unhöflich gegen sie selbst seine Tischdame, vor allen Dingen aber gegen ihre Eltern und die Gastgeber, die ihn heute zum crstemnal bei sich sahen, denn bisher hatte sich der Verkehr zwischen ihnen nur auf den Austausch der Besuche erstreckt. Aber als der Baron iminer noch nicht kam, als heil Landrat allein zurückkehrte, da ging plötzlich mit ihr eine ganz seltsame Veränderung vor: jedes andere Gefühl, das sie bisher gegen den Baron gehabt hatte, schwand dahin — und nur eins erfüllte sie: Angst — eine ivahusinmgq Augst vor diesen: eisernen Willen, dieser eisernen Energie,: die er da verriet. Sie zitterte und bebte vor Aufregung, ob! er fernen Willen durchsetzen würde, und sie sah es voraus: wie er jetzt nicht nachlieh, — so würde er auch im Kampfe uni sie nicht uachgeben! Und wenn er jetzt siegte — dann würde er auch sie bezwingen. Sie wär doch nur em schwaches Weib. Mit eiuemmäk erkannte sie xückhaltlos Abbruch. — Ich bin nur begierig, wie das enden wird. Das soll mich aber nicht abhalten, erneut meiner Freude darüber Ausdruck zu geben, daß ich die Herrschaften bei mir sehe." । Die Gläser klangen aneinander. Wer Dagmars Hand zitterte, als sie den Kelch erhob, und ein Teil des Weines floh auf das Tischtuch. „Ich bitte tausendmal um Verzeihung — ich weih nicht — vielleicht zittert die Erregung der schnellen Fahrt doch noch etwas in mir nach — so prachtvoll es auch war — Niemand ahnte, was in Wirklichkeit in ihr vorging. Man schob es nur auf den leeren Platz an ihrer Seite und eine dadurch hervorgerufene kleine Mißstimmung, daß sie sich so wenig an der allgemeinen Unterhaltung beteiligte. । Als sie sich vorhin mit den anderen von dem Baron verabschiedete, hatte sie es ihm nachgefühlt, daß er vor ihnen allen nicht als der Besiegte im Streit hatte da- stehen wollen. Wer sie hätte daraus schwören mögen, daß er schon in wenigen Minuten nachkäme, um zu er* klären: mit dem Gaul ist heute wirklich nichts anzufangen.: Er hätte ja auch die hereinbrechende Dunkelheit als force majeure angeben können, die ihn zwang, abzusteigen. Ich sie hatte auch mit der Möglichkeit gerechnet, daß er behaupten würde: das Pferd sei gesprungen, selbst dann, wenn das in Wirklichkeit Nicht der Fall gewesen war, — lediglich, um als Sieger dazustehen. Er konnte ja sicher sein, daß man seinen Worten glaubte, und daß niemand! sich die Mühe geben würde, seine Aussage auf die Wahrheit hin zu prüfen, selbst sie nicht; denn das verbot ihr der Stolz. Und außerdem: was lag ihr daran, ob her Gaul das Hindernis nahm oder nicht! Es gab auf hetz ganzen Welt doch nichts, das gleichgültiger war, — we- Möglichkeit hatte, zu sprechen. Und außerdem war er auch ein Kavalier, da durfte er einer Frau doch nutzt widersprechen, am allerwenigsten seiner eigenen, noch dazu, wenn die Kinder dabei waren. Der Landrat sah nach der Uhr: „Was machen wir denn, wenn der Baron nicht will?" Der hielt immer noch auf Hannibal vor der Hürde, den Gaul'beständig mit den Schenkeln und Sporen vorwärts treibend und schiebend, — aber der Gaul ruhrto ftd1' .Meine Herrschaften, tun Sie mir den einzigen Gefallen und fangen Sie mit dem Diner an! Nehmen Sw auf mid) gar keine Rücksicht .— tun Sie bitte, alv ob ich gar nicht da wäre." . ~ Und schließlich blieb auch wirklich nichts anderes uvrrg, als diesem Vorschlag zu folgen. Man ging ins Haus uud setzte sich gleich darauf zu Tisch. Aber der leere Stuhl des Barons ließ keme rechte Stimmuiig aufkommen. Es war ungemütlich! und kalt, und das ärgerte den Landrat; denn er hatte seiner Schwester den Auftrag gegeben, ein schönes Diner zusammenzustellen und die Tafel so hübsch zu schmücken, wie nur möglich. Die hatte sich zuerst darüber genmnbert, daß er ihr in dieser Hinsicht noch irgendwelche Aufträge gab — sw führte ihm doch lange genug die Wirtschaft, um ganz 'genau zu wissen, wie er es liebte; aber als )te jetzt sah, mit welcher Aufmerksamkeit und Auszeichnung er Alexa behandelte, wußte sie, warum er heute alles besonders hübsch hatte haben wollen: es sollte ihr gefallen, damit der Wunsch in ihr rege würde, dauernd in diesen Räumen als Hausfrau zu walten! r Für einen Augenblick wollte von neuem dw Eifersucht in ihr wach werden, aber Alexas frisches, anmutiges Wesen und ihre Natürlichkeit gefielen auch ihr. Uud schließlich: verließ sie nicht selbst den Bruder, weil, die Liebe doch wieder in ihr Herz eingezogen war, obgleich sie nach dem Toda ihres Mannes geglaubt hatte, das Leben sei nun auch für sie für immer vorbei, und das Schicksal könne ihr keine frohe Minute mehr bereiten? So wurde sie iminer freundlicher und herzlicher gegen Mexa, die sich plötzlich als den Mittelpunkt der kleinen Gesellschaft sah. Das machte sie zuerst etwas verwirrt und verlegen, dann aber übermütig, und ihr lachender Mund, ihre fröhlichen Augen zeigten deutlich, wie sie sich freute, so gefeiert zu werden. „Sollte der Landrat wirklich die Absicht haben, um Mexa zu werben?" dachte die Gräfin, die neben ihm bei Tisch saß und natürlich auf jedes Wort lauschte, das er mit Alexa wechselte, uud jeden seiner Blicke beobachtete. So ganz war die Verbindung nicht nach ihrem Herzen, und vor Wochen noch würde sie diese unter keinen Umständen zugegeben haben. Wer jetzt — da er geadelt und nicht nur dem Namen nach, sondern auch in seinem ganzen Wesen Aristokrat geworden war, wo ihm auf Grund seiner I seine Ueberlegenhert chr gegenüber am aewiß nicht ohne besondere Veranlassung erfolgte« Nobili- | Sie hatte Angst vor sich selbst und Angst vor deist tiernng der Weg zu einer glänzenden Karriere offen stand, I Baron. Und nervös fuhr sie zusammen, so oft von draußen! da dachte sie anders, wenn sie auch noch im stillen aller- I her Schritte gehört wurden, lei dagegen einzuivenden hatte. Mer immerhin: wenn I (Fortsetzung folgt.) der Landrat es vielleicht zum Minister oder zur Exzellenz! I ----------- brachte, wenn Mexa dann bei Hofe eine Rolle spielte, I DlS rarte ZSNdUM. to'enn ihr Haus der Sammelpunkt der vornehmsten Aristo- j „ . . ~„ „ kratie und der ganzen Hofgesellschaft war, wenn sie viel- j Skizze von Leon de Tinseau. , leicht einmal die Mitglieder des Hofes bei sich eiupsangen ! Autorisierte Uebersetzung von N. Collrn. konnte, — ihre Bedenken schwanden mehr und Mehr — •— I Francis Taylor, der Neffe und Sekretär eines New Borker „Es tut mir wirklich leid, Komtesse, daß Ihr Tisch- Bankiers, war in Bertha Campbell verliebt. Da er sie aufrichtig Herr noch immer nicht kommt," wandte sich der Landrah I gern hatte, gaben die Wketterien. diw niedlichen Persönchens jetzt an Dagmar. „Wenn die Herrschaften erlauben, möchte I ""d-eren 9^Trn & *5 bUeb^sie^n best lirl" einmal nach dem Baron umsehen. Bitte, Bertha^ Anlaß» Tro^U den f(f.J Ubs'chwenkungen entschulligeu Sie mich einen Augenblick. I am meisten von all den jungen Leuten ihrer Bekanntschaft. So- Wenrg spater kam er zuruck, und nur schwer ver- I ^ld seine Stellung bei Taylor u. Co. ihm ein genügeiides barg er seinen Unmut. „Herrgott — ist das ein Dickkopf!" I Einkommen bieten würde — und der Zeitpunkt schien bald geschalt er. „Er sitzt immer noch auf dem Gaul — der ! kommen —, wollte er um Bertha anhalten. Unterdessen sahen gibt Dampfwolken von sich und zittert am ganzen Leib, I sich die Siebenten täglich einmal und zankten sich wöchentlich obgleich er weder mit Sporen, noch mit der Peitsche he- I einmal, um nachher die Versöhnung als etwas Wunderschönes zu handelt wird, sondern lediglich mit einem eisernen Scheu- I empfinden. . , _ . keldruck" I So hatten sie sich eines Abends Mal wieder tüchtig gestritten,: lük hör frornfo off,™ I und die Versöhnung schien um so dringeilder geboten, da Bertha 4 afrono,m'in e f daß sie mich zum unglücklichsten Menschen gemacht hat. Wenn es nur nicht zu spät ist!" ' _ „Ich glaube, daß es Noch Zeit ist," war die Anftvort der wohlwollenden Freundin, „denn Sie müssen wißen, Berthw.schreibt mir jede Woche, und ich glaube nicht, daß sie viel glücklicher ist ttIS Zehn Tage später kabelte Bertha Campbell, MW »dear boy“ nur die wenigen Worfel „Es ist noch Zeit. 416 Neues vom Papstpalast zu Avignon. Unter den großartigen Arbeiten, die die französische Regierung überall im Lande zur Erhaltung der nationalen Denkmäler durch- führt. ist wohl keine großartiger als die Wiederherstellung des alten Palastes der Päpste zu Avignon. Seit den Tagei, der Revolution war bis vor sechs Jahren dieses wundervolle Werk der go ,scheu Baukunst jammervoll als Kaserne inißbrarlcht worden. Die Wände waren alle einen halben Zoll dick weiß übertüncht worden, nut Ausnahme der Stellen, aus denen em bttdersturmerffcher Oberst unter Ludwig XVIII. einiae Fresken von der Mauer losgeschlagen hatte. Noch heute zeugen die Löcher von diesem barbarischen Tun. Auch von den herrlichen Glasmalereien ist manches verschwunden. Als man vor sechs Jahren endlich den, schinachvollen Ztistaud ein Ende machte und die Regierung sich entschloß, die Soldaten aus den, Palast zu entsernen, da war nichts mehr in diesen iveiten prachtvollen Hallen und Gemächern, als einige bunte Glassenster, zuineist zerbrochen, kahle, weißgetünchte Mauern rmd eilte trübe Stimmung von Verwahrlosung und Versall. Das Werk der Wiederherstellung des Papstpalastes routbe vor vier Jahren begonnen; über die bisherigen Erfolge iind den Fortschritt der Arbeiten berichtet eilt englischer Korrespondent: Die Ausbesserung, deren Kosten aus gesamt 6 Millionen Mark veranschlagt werden, ist zu- nächst an dem schadhaften Mauerwerk vorgenommen worden; heule ist der Bau wieder aus einen Zustand gebracht, der sür die Dauer des ehrwürdigen Architektlirwerkes volle Garantie leistet, während man vorher allerlei Befürchtungen wegen des Zusammensturzes einzelner Steinpartien hegte. Große Glasfenster sind in genauester Nachahmung der ursprünglichen Originale erneuert. Die Verkleidung der weißen Tünche weicht mehr und mehr von den Riesen- wäuden und enthüllt dem entzückten Auge farbige Schönheiten, die ein überraschendes und hochinteressantes neues Bild von der -rre- eento-Malerei gewähren. Tie Päpste, die fast Dreiviertel des 14. Jahrhunderts hier residierten, haben nicht mit Schmuck gespart und die besten Künstler ihrer Zeit herangezogen, um ihre Zimmer auszuschmücken. Unter den bereits wieder sichtbaren und erneuerten Fresken ist eine besonders anziehend, die eine Gruppe von fischenden Leuten auf einem kleinen See mit einem goldglänzenden rechteckigen Ufer darstellt. Eine Gestalt in Rot, wahrscheinlich ein Gaukler, hält ein Fischernetz; der Kops ist mit einem Ausdruck des Spottes nach den Fischern zurückgewaudt, und so kommt in das ernste Bild eine komische Note, ein merkwürdig moderner ironischer Ton. Der Palast selbst mit seinen gewaltigen viereckigen Türmen, seinen hohen dicken Mauern und den eleganten gotischen Spitzbogen ist ein ganz einzigartiges Bauwerk: Festung, Schloß, Gefängnis und Kathedrale zugleich. Wir stehen aus der Loggia, von der aus Seine Heiligkeit die im Hose versammelten Gläubigen zu segnen pflegte; der kleine Glockenturm steigt aus, einst geschmückt mit einer silbernen Glocke, die nur beim Tode oder bei der Erwählung eines Papstes geläutet wurde; man blickt wieder durch das viereckige kleine Fenster, an dem einst ein Offizier der Schweizergarde seinen Posten hatte, um auszupassen, daß keine unerwünschte Persönlichkeit bis zu der Spitze der großen Treppe vordränge; man wandelt durch die lichten Kapellen und die schlankgewölbten Hallen, in denen das heilige Kollegium sich vereinigte, um ein neues Haupt der kath. Christenheit zu wählen, durchschreitet das lauge Refektorium und die Küche mit ihrem ungeheuren Ofen, in dem ein ganzer Ochse gebraten werden konnte. So sind die Herrlichkeiten der allen Papstresidenz dem modernen Besucher von neuem erschlaffen; jedoch werden noch Jahre vergehen, bevor alles wieder im ursprünglichen Glanze prangt. Vermischtes. * Das Maschinenwesen vor hundert Jahren. Man wird sich nur schwer eine Ahnung davon machen können, mit welchen Schwierigkeiten eS vor einem Jahrhundert verknüpft war, eitt brauchbares Werkzeug aus Metall oder gar eine taugliche Maschine herzustellen. Das Thema ist gerade jetzt interessant, da man sich in Essen anschickt, das hundertjährige Jubiläum der Kruppschen Fabriken zu feiern. Die nachfolgend mitgeteilten Zustände aber existierten nicht einmal in Essen, sondern in England, wo das Maschinenwesen damals schon viel weiter entwickelt mar. Der int Jahre 1874 im Alter von 85 Jahren gestorbene englische Ingenieur Fairbairn, der Verbefferer der Spinnmaschinen, Erfinder der eisernen Schisse, einer Nietmaschine usw, bezeugt, daß noch im Jahre 1814 in allen englischen Maschinenfabriken sämtliche Verrichtungen in Handarbeit bestanden. Dian kannte damals weder Hobel-, noch Frais-, noch Bohrmaschinen; die Drechselbank und der Drillbohrer waren in der Hauptsache alles, was dem damaligen Mechaniker zu Gebote stand. Dabei mußten diese Apparate mit der Hand geführt werden, sie standen also in der Genauigkeit der Arbeit selbst bei den geschicktesten Meistern den heutigen durch Dampf bewegten Arbeitsmaschinen weit nach. Nähmaschinen hätte man damals, selbst wenn Plan und Zeichnungen davon vollständig, vorgelegen, gar nicht Herstellen können, weil eine solche exakte Arbeit unmöglich war. Alle Erfinder jener Zeit ivaren genötigt die Maschinen, die sie erdacht, eigenhändig, ohne maschineÜe Beihilfe anzufertigen, wobei sie vorher meist erst dazu die erforderlichen Werkzeuge zu ersinnen und herzustellen hatten. Als der berühmte englische Mechaniker Clement im Jahre 1814 als Meister in eine Londoner Werkstätte eintrat, sand er das Handwerkszeug in so ungenügendem Zustande vor, daß er oft tagelang an der Schmiedesse zubringen, hämmern, seilen, bohren mußte, um das Gezählt zweckmäßig einzurichten. James Watt, der eigentlich« Erfinder der Dampfmaschine, konnte seine erste Dampfmaschine nicht recht in Gang bringen, da, es an genauen Borrichtungen fehlte. Auch er war genötigt, sich brauchbares und zweckentsprechendes Werkzeug erst selbst herzustellen. Der erste Dampfzylinder, den Watt gießen ließ, erwies sich als undicht und war überdies an dem einen Ende fünf Millimeter weiter als an dem andern. Ein guter Dampfzylinder darf aber in dieser Hinsicht keine Unterschiede über einen halben Millimeter zeigen. Und mit welchen Unkosten waren dazumal alle Arbeiten verbunden! Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa kostete das Polieren von Gußeisenflächen, das mit der Hand ausgeführt werden mußte, noch etwa 12 Mark pro Quadratfuß. Die Metallhobelmaschine leistet in unserer Zeit eine weit bessere Arbeit für nicht so viele Pfennige. Die ersten durch die Hand hergestellten Stahlschreibfedern kosteten ein Pfund Sterling das Stück, freilich zahlte der Fabrikant Ferry den vierten Teil dieses Betrages Arbeitslohn. Dafür waren sie aber lange nicht so gut wie unsere jetzigen Federn. Aber selbst, nachdem die Fabrikation schon sehr weit vorgeschritten war, kosteten sie immer noch etwa eine Mark pro Stück. _____________ Sprachest &es Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. — Polizeilicher Schutz des Straßenbildes. Unser heutiges Geschlecht ist infolge der vielfachen Bestrebungen, das künstlerische Empfinden des Volkes zu heben, sehr empfindlich geworden gegen die Verunzierung des Straßenbildes tmrch schreiende „Reklame" und stillose Bauten, und wir loben es, wenn die Behörden da im Notfälle einschreiten. Aber davon hat man noch nirgends etwas gehört, daß auch gegen stilwidrige Sprachmengerei auf Geschästsschildern oder in Schaufensterauslagen eingeschritten würde, und doch ist auch dergleichen für ein künstlerisch geschärftes Auge überaus peinlich, ja oft unerträglich. Nur alHuhäufig wird die sprachliche Einheitlichkeit und Schönheit unseres Straßenbildes von deutschen Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden gestört durch Aufschriften tote Merchant tailor, The Continental Bodega Company, Prince of Wales, The Gentleman, Carlton Hotel, Hotel Westminster, Auto-Garage, oder en gros et en detail, Nouveautö, Depot, Export, Hotel de Prusse usw. usw. Wer hier sind weite Kreise merkivürdig unempfindlich: es handelt sich ja nur um die Sprache! Um so mehr ist es die ernste Pflicht aller Freunde der Muttersprache, gegen derartige Verhunzungen des Straßenbildes Verwahrung einzulegen und die, welche unwissentlich hierin sündigen, über ihre sprachlichen Pflichten auszuklären, die groben Sünder dagegen, bei denen mildere Mittel versagen, mit den stärksten Waffen, vor allem durch Benutzung der Presse, zu bekämpfen, um der Muttersprache unter allen Um- ständen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Zeigen wir, daß wir, bis auch hier die Polizei eingreift — hoffentlich wird das unnötig sein —, selber gewillt und fähig sind, die Sprachpolizet auszuüben; bringen wir auch auf diesem Gebiete den schönen Gedanken von dem Schutze des Straßenbildes gegen Bernnitaltung zur Geltung, daß sich Einheimische und Fremde in gleicher Werse daran erfreuen können! * Selbständig. Buchhalter: „Herr Meier, ich bitte unt meine Entlassung. Ich möchte mich selbständig machen und heiraten." — Chef: „Wissen Sie was, heiraten Sie meinetwegen, aber bleiben Sie bei mir." — Buchhalter: „Aber ich möchte gern selbständig —" —> Chef: „Ach, dummes Zeug! Wenn Sie heiraten, sind Sie ja erst recht nicht selbständig!" * Richtig. „So ein Inserat ist doch ein innerer Widerspruch." — „Wieso?" — „Wenn es in der Zeitung stehen soll, muß es hinein gesetzt werden!" Silbenrätsel. - tt, ct, ei, ei, il, ntßc, na, ne, pel, ra, ra, reth, sa, se, st, ta, tis, tt, tus, za. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anscmgs- öuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach eben gelesen, den Rainen eines Bildhauers ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: 1. Nebenfluß der Donau. 2. Französischen Dichter. 3. Biblischen Namen. 4. Insel int Persischen Meerbusen. 5. Römischen Schriftsteller. 6. Stadt in Baden. 7. Kleine Raubtiere. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummerr St — Oppeln — Stoppeln. Reaktion; K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»