Samstag, den 5. Moder »ET läül ( r (A W II Die Dame im Pelz. .Roman von Gk W. Appleton. (Nachdruck verboten.! (Fortsetzung.) Ich sollte meinen, die Kaltblütigkeit ist ganz auf Ihrer Seite, erwiderte er. Hüben Sie die Bekanntmachung gelesen, worauf dieser Herr Bezug genommen hat? Jawohl. Wollen Sie darnach noch leugnen, daß sich eine Dame, die jener Beschreibung genau entspricht, unter Ihrem Dache aufhält? Das will sch keineswegs und tue ich auch gar nicht. Sie befindet sich hier unter meinem Schutze, und zwar auf ihren eigenen ausdrücklichen Wunsch. Was ich aber energisch bestreite, ist, daß diese Dame Ihre Frau ist. Dann führen Sie sie doch vor? Wünschen Sie das wirklich? Gewiß; deshalb bin ich ja hierhergekommen. Glauben Sie tatsächlich-, sagte ich, über die Uittierfroren?« Ueit des Mannes erstaunt, daß, sie Sie, als ihren Gatten anerkennen wird? Ohüe Zweifel. Warum sollte sie nicht? — Vorausgesetzt, daß sie nicht gerade an -einem ihrer Anfälle leidet, in welchem Falle sie sich dann an nichts und niemanden, erinnern kann. Und Sie meinen, sie würde ruhig mit Ihnen Weggehen, wenn Sie es verlangen? Ich muß wieder antworten — warum sollte sie nicht? Sie ist meine Frccp. Das -war in der Tat eine -ganz außergewöhnliche Hartnäckigkeit. Ich überlegte einen Moment; bann fragte ich ihn: Darf ich vielleicht fragen, wo Sie die Dgme geheiratet haben? Gewiß. 'In Carson City, Nevada. Können Sie mir irgend- welche Ausweispapiere vorlegen, daß eine solche Heirat wirklich stattgefunden hat? Er lächelte und -griff alsbald nach seinem Taschenbuch. Hier, sagte er, indem er ihm ein Schriftstück entnahml ttrib auseinanderfaltete, hier haben Sie die Heiratsurkunde, Bitte, sehen Sie selbst nach. Wie sich leicht denken läßt, war ich im ersten Augenblick Wie ans allen Wolken gefallen; als ich jedoch den Namen; der Braut las, wußte ich, oaß ich einen Betrüger vor mir hatte. Es unterlag keinem Zweifel, daß er sich nur auf das Gerücht von ihrem absoluten Gedächtnisschwund stützte, -Dieses Papier, sagte ich zur Beruhigung Helens und Mortimers laut lesend, ist etn Trauschein von der Ersten Baptistenkirche in Carson City, Nevada, aus-gestellt über die Verehelichung des Heinrich von Eißen aus dieser Stadt Mit Julia Clark aus Enreka in demselben Staat, W. ist vom 10. Juli dieses Jahres datiert und von dem Pfarrer der Gemeinde, John Wilson, unterzeichnet. Als ich auf» blickte, sah ich Helen und Mortimer lächeln und wußte, daß sie mich verstanden hatten. Jawohl, fuhr ich, beut „Baron" das Papier zurückgebend, fort, das scheint ja alles -ganz in Ordnung zu sein. Ihr Tanfnahme ist also Julia, nicht wahr? Es bleibt mir nun weiter nichts übrig, als die Dame hierherl-ommen zu lassen und zu hören, was sie dazu sagt. Selbstverständlich werben Sie sich der Einsicht nicht verschließen können, daß von einer gesetzlichen Verpflichtung in dieser Angelegenheit nicht bie Rebe sein kann, und Sie" bie Dame, falls sie sich weigert, mit Ihnen zu gehen, rechtlich nicht dazu zwingen können. Und wenn sie meinen Schutz anruft, bin ich -gewillt, ihn ihr auf jede Gefahr hin gegen Sie oder irgend -einen anderen zu gewähren. Haben Sie das verstanden? Wir werden's ja sehen, erwiderte er mit einem unangenehmen, höhnischen Lachen. Jawohl, versetzte ich, ioir werden's ja sehen. Uebri-gens habe ich Ihnen noch etwas mitzuteilen. Es ist Ihnen natürlich bekannt, daß die Dance Geld in ihrem Besitz hatte? Jawohl, eine bedeutende Summe — die mir gehört, erwiderte -er. Nun, das ist noch nicht ausgemacht und soll erst nach-« -gewiesen werden. Es ist in sicheren Händen, und wenn Sie Ihren Anspruch daraus rechtlich begründen können, schön. Mir ist diese Sache höchst gleichgültig. Sie bat mich, für sie dafür zu sorgen, und das habe ich getan. Eine weitere; Verantwortung habe ich nicht. Das Geld befindet sich- dann also nicht mehr hier im* Hause? i Gewiß nicht, antwortete ich mit einem ironischen Lächeln, das ihm sicher nicht gefiel. Es gibt zu viele Diebe, die sich hier in der Nähe deswegen herumtreiben. Wo ist das Geld denn? fragte -er in fast gebieterischem Tone. An einem durchaus sicheren Orte, gab ich ihm zur Antwort. Falls die Herren Jorkins näheres darüber wissen wollen, brauchen sie nur bei meinem Rechtsanwalt anzu-i fragen. Und zu dem Schreiber gewandt, nannte ich Namen und Adresse der Firma. Eine der angesehensten Firmen, sagte dieser. Sicherlich, bemerkte ich. Uno nun, Helen, möchte ich dich einen Augenblick allein sprechen, redete ich meine Schwester an und folgte ihr auf den Hausflur. Dort erklärte ich ihr, sie solle Mareellä auf eine Gegenüberstellung mit dem „Baron" vorbereiten. Sag ihr nur, sie habe gar nichts zu befürchten — sie brauche nur ein paar Fragen zu beanw Worten — das übrige werde ich schon selbst besorgen. Mit diesen Worten ging ich ins Empfangszimmer zurück, und sie stieg die Treppe hinauf. Nach einigen Minuten kehvte Helen zurück, und- hinter ihr trat Mareella ins Zimmer. Sie erschien mir bei dieser Gelegenheit schöner als je zuvor. Mit einem lieblichen 622 Lächeln um den Mund schritt sie unbefangen auf Mortimer zu und reichte ih!m die Hand zum 'Gruße. Deü „Baron, 'treifte sie nur mit einem neugierigen Blick, woran rch osort erkannte, daß sie den Wann noch me tut Leben ge- eßen hatte. Dann schaute sie mich fragend an. Hch zeigte auf den Baron und fragte: Ist das Ihr Gatte? ' r„ , , Sie lachte natürlich - herzlich. Was für 'ne komische Frage! sagte sie. Ich bin doch gar nicht verheiratet. Sie sind also nicht die Baronin von Eißen? Wie kann ich die Baronin von Eißen sein, wenn ich Garcia heiße? Hon Eißen wurde plötzlich leichenblaß. Also auch nicht Julia Garcia? fragte ich weiter. Julia? Nein. Mein Name ist Marcella Garcict. Ich wandte mich scharf au den Baron. Sie hören doch, was sie sagt? Halten Sie nun Ihre Behauptung, daß sie Ihre Frau i)t, immer noch aufrecht? Allerdings tue ich das, antwortete er mit einem kaum merklichen Zittern der Stimme, das mir jedoch nicht entging. Sie hat es eben vergessen. Ihr Gedächtnis iß vollständig geschwunden. Aber ihren Namen hat sie doch jedenfalls nicht vergessen, entgegnete ich ihm. lind mm möchte ich Ihnen noch eine Frage vorlögen. Ist Ihnen ihr Name nicht wohlbekannt? Haben Sie noch nie etwas von Emmanuel Garcia gehört? .. , Er fuhr zurück, wie von einem Schlage getroffen, und' öffnete vor Schreck den Mund. Was wissen Sie von Emmanuel Garcia? stammelte er dann. , r , ... Mehr als Sie vermuten, antwortete ich, denn er ist ein alter Freund' von mir, und seine Tochter hat hier bei mir vor seinen und ihren Feinden Schutz gesucht. Null, Sie haben selbst gehört, was inir von Anfang an klar war, daß sie nicht Ihre Frau ist. Auf die Gründe, die Sie hierhergeführt haben mögen, will ich nicht eingehen, son- dern Ihnen nur erklären, daß Sie sich in einein schweren Irrtum befinden. ...» Inzwischen war seine frühere Unverschämtheit zuruckgekehrt. ... Sie werden sehen, Herr Doktor Williams, erwiderte er, daß ich mich nicht im Irrtum befinde. Der Irrtum ist ganz auf Ihrer Seite. Dieses Weib gehört mir, und ich werde sie doch bekommen. Sie brauchen nicht zu lächeln — ich bekomme sie schon noch, darauf können Sie sich verlassen. Ueberdies haben Sie Geld von mir. Erstatten Sie mir das sofort zurück — oder Sie werden sonst noch eine energischere Aufforderung von mir bekoinnien. Um zil „Ihrem GelddH wie Sie es zu nennen belieben, zu gelangen, antwortete ich ihm, stehen Jhiien zwei Wege offen — das Gericht und die Polizei. , An Ihrer Stelle — und angenommen, daß alles, was Sie gesagt haben, aus Wahrheit bericht — würde ich schnurstracks nach Scotland Yard fahren. Einen besseren Rat vermag ich Ihnen gegenwärtig nicht zu geben. Wie ich bereits erwähnt habe, haben Sie sich stark geirrt, und ich glaube, daß unsere Verhandlung damit erledigt ist. Nach dieser entschiedenen Abweisung! verließ er das Zimmer, und hinter ihm folgte der Anwaltsgehilfe. An der Haustür drehte er sich noch einmal um und sagte: Passen Sie nur auf, wir werden bald sehen, ton1 sich geirrt hat. c Einen Augenblick später jagte das Gefährt tn der Richtung nach London davon. . Einen Augenblick sahen wir schweigend' einander an, dann sagte Mortimer: Bravo! Das hast du vorzüglich gemacht, Ted, Und dazu ganz aus dir selbst heraus. Da hätte ich wahrhastig in London bleiben können. Und auf diesen Spaß verzichten können? bemerkte Helen. Nein, entgegnete mein Freund rasch, ich wollte selbst noch hinzusetzen, daß dies kleine Erlebnis das Fahrgeld wohl wert war; und was Fräulein Garcia anbelangt —- Unter Freunden Marcella, bitte, unterbrach- iä), ihn. Ich verbessere mich. Also, Marcella hat sich großartig gehalten. Nicht wahr, Ted? Einfach wunderbar, erwiderte ich. Gregory, der über die glänzende Abfuhr des „Barons" riesig erfreut war, wie sein strahlendes Gesicht deutlich erkennen ließ, bat jetzt, als ihm die Unterhaltung intimer zu werden schien, rücksichtsvoll um Entschuldigung und ließ uns allein. Aber wie mag -der fremde Mann, sagte Marcella, als wir vier unter uns waren, dazu kommen, mich' als' seine Frau zu reklamieren? Das, Marcella, möchten wir eben alle gern wissen, versetzte ich. Außerdem, fuhr sie fort, erwähnten Sie, Emmanuel' Garcia sei ein Freund von Ihnen. Ist das wahr? Emma-, nuel Garcia ist nämlich der Name meines Vaters. So ganz allmählich, wie Sie sehen, kehrt meine Erinnerung wieder. Und ich bin so froh oarüber — so sehr froh! Und daß Sie ihn kennen, wie mich das erst freut! Ach, wenn mir nur -erst alles einfallen wollte. Ich gebe mir alle Mühe, doch! — Besondere Mühe geben dürfen Sie sich nicht, siel ich ihr ins Wort, denn ich sah, daß sie sich übermäßig anstrengte. Das kommt schon alles ganz allein wieder. Sie machen! ja bereits enorme Fortschritte. Lassen wir das jetzt also! Mein Freund Mortimer hier möchte so- gern wieder ein spanisches Lied von Ihnen hören. Er hat mir's schon mt! Eisenbahukupee gesagt. Jst's nicht so, Mortimer? Wenn's -die Gelegenheit erforderte, konnte mein Freund lügen -wie -ein alter Jager. Aber ja, sagte er ohne Besinnen und nötigte sie galant, ohne viel Worte zu machen, am Piano Platz zu nehmen. Sie spielte und sang so hezanbernd dazu, daß wir alle den Baron von Eißen und- seine unverschämten Ansprüche für eine Weile vergaßen. Ms sie aufhörte, hatte ich die Beruhigung, daß sie sich wieder ganz chohl befand. Da ich mit Mortimer gern! ein paar Worte allein sprechen wollte, benutzten wir die Pause, um uns eine Zigarre anzuzünden und einen kleinen Spaziergang ins Freie zu machen. (Fortsetzung folgt.) Abenteuer des Vrigadier Gerard. .Von C. Dohle. (Fortsetzung.) Man hatte meine Mahlzeit ausgetragen, und ich war eben dabei, sie mit gehörigem Appetit in Angriff zu nehmen, als ich laute Stimmen und das Hin- und Hcrschlürfen von Füßen vor der Türe vernahm. „Bauern, die über ihrem Bier handgemein geworden sind," sagte ich zu mir, „mögen die selber mit sich fertig werden!" Aber plötzlich drang em Laut an mein Öhr, der imstande ist, einen Etienne Gerard aus dem Totenschlafe aufznwecken — die klagende Stimme einer Frau. Messer und Gabel flogen nieder, und im nächsten Moment stand ich draußen, mitten unter den Leuten. Ich erblickte den behäbigen Wirt nut seiner flachshaarigen Frau, zwei Stallburschen, der Magd und einigen Bauern, die in großer Aufregung und lebhaft gcstcku- kulierend aufeinander einsprachen. In ihrer Mitte aber stand mit angsterfüllten Augen und blassen Wangen das lieblichste Weib, welches das Auge nur erschauen konnte. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt kam sie mir vor, als sie in ihrer königlichen Haltung, mit zurückgeworfenem Haupte und einem Anflug von Trotz m den schönen Zügen auf die lärmende Schar um sich schaute, ^ch hatte noch keine zwei Schritte vorwärts getan, da sprang sie mir auch schon entgegen, legte die Hand auf meinen Arm, und ihre blauen Augen blitzten in freudigem Triumph auf. „Ein französischer Offizier! Ich bin gerettet!/ „Das sind Sie, Madame!" erwiderte ich und legte ihre Hand auf die meinige. „Befehlen Sie über mich!" fuhr ich fort, indem ich galant die Spitzen ihrer schlanken Finger küßte. „Ich bin die Gräfin Palotta, eine Polin; man beschimpft mich hier, weil ich zu den Franzosen halte. Wer weiß, was mein Los gewesen wäre, wenn der Himmel nicht Sie 'zu meinep Rettung gesandt hätte!" , , , Nun küßte ich wiederholt ihre Hand, damit sie sah, wie aufrichtig ich es meinte, und warf dann den Seuten einen meiner bekannten Blicke zu — im Nu war der Platz geräumt. „Gnädigste Gräfin, Sie stehen in meinem Schutze! Aber Sie sind erschöpft und bedürfen dringend eines Glases Wem zu stirer Stärkung!" Mit diesen Worten reichte ich ihr den Arm und geleitete sie in das Zimmer, wo sie neben mir am Tische epiatz $ Sie blühte in meiner Gegenwart völlig auf, wie die Blume in der Sonne, ja, das ganze Zimmer strahlte von ihrer Schönheit wider. Sie mußte die Bewunderung tn meinen Augen gelesen haben, und ich wiederum bemerkte ganz ähnliche Regungen in den ihren. Ach, meine Freunde, Sie hätten mich aber auch sehen sollen, als ich dreißig Jahre zählte! ^a, da war ich kein gewöhnlicher Mann. Einen flotteren Schnurrbart hatte die ganze leichte Reiterei nicht aufzuweism. Ich gebe zu, daß ihn .ucucat 623 noch eine Idee länger hatte, aber Sachverständige behaupten, er ser eben eine Idee allzulang gewesen. Und dann, meine Manieren! Es ist ja bekannt, daß derselbe Mann nicht bei allen Frauen das gleiche Glück hat, will ja auch die Festung je nach dem Wetter auf verschiedene Weise erstürmt werden; aber der Mann, welcher Kraft mit Anmut, Kühnheit mit Milde, Trotz mit Bescheiden- ■ heit zu paaren weiß — das ist der Mann, den Mütter fürchten mögen! Nun, diese Dame sollte nichts von mir zu befürchten haben; das Schicksal hatte mich zu ihrem Beschützer erkoren, und ich war gewaltig auf meiner Hut, denn ich kannte mich selbst gar wohl. Immerhin hat auch ein Besitzer seine Vorrechte, und ich verstand es ausgezeichnet, die meinigen zu wahren. Auch ihre Unterhaltung entsprach ganz meinen Erwartungen. ;Jn wenig Worten klärte sie mich auf, daß sie mit ihrem Bruder nach Polen reiste. Derselbe war aber unterwegs krank geworden, lind seitdem hatte sie mehr als einmal unter der schlechten Behandlung der Deutschen zu leiden gehabt, weil sie ihre Vorliebe für die Franzosen nicht hinreichend zu verbergen gewußt hatte. Nachdem sie von ihren eigenen Angelegenheiten gesprochen, kam sie auf allerhand andere Dinge zu reden, fragte nach unserer Armee und ließ sich von meinen Abenteuern erzählen. Wie sie mir mitteilte, hatte sie bereits durch Poniatowskys Offiziere, die ihr bekannt waren, von meinen Taten gehört; aber es machte ihr offenbar viel Vergnügen, sie zum zweiten Male von meinen eigenen Lippen zu vernehmen. Ihre Teilnahme freute mich ungemein. Die meisten Frauen begehen den Fehler, zu viel von sich selbst zu reden; aber diese da hörte mir mit demselben Interesse zu, wie Sie, mes amis, es jetzt tun, und wurde des Fragens nicht müde. Die Zeit eilte int Fluge dahin, und plötzlich vernahm ich mit Entsetzen, daß die Dorfuhr die elfte Stunde verkündete. Wie der Blitz sprang ich empor. „Pardon, gnädigste Gräfin, ich muß auf der Stelle nach Hof weiterreiten." Sie erbleichte und erhob sich ebenfalls. „Und ich? Was soll aus mir werden?" rief sie mit vorwurfsvoller Stimme aus. „Des Kaisers Angelegenheit! Ich habe schon allzu lange verweilt. Die Pflicht ruft, ich muß gehen." „Müssen Sie? Und ich soll allein bei dieser Rotte bleiben? Oh, daß ich Ihnen nie begegnet wäre! Warum haben Sie Mich gelehrt, wie süß Ihr Schutz ist!" Ihre Augen trübten sich t— im nächsten Moment lag sie schluchzend an meiner Brust. Meiner Treu, eine gefährliche Situation für einen Beschützer! Letzt galt es, einen jungen, heißblütigen Offizier im Zaum zu halten! Aber ich machte meine Sache brav. Ich streichelte ihr reiches, braunes Haar, ich flüsterte ihr allerhand Trostworte rns Ohr, ja, ich legte einen Arm um ihren Leib — das aber nur, um sie zu stützen, falls ihre Kraft sie verlassen sollte. Da wendete sie mir ihr von Tränen überströmtes Antlitz zu. „Wasser! Um des Himmels willen, schafft mir Wasser!" Ich sah, daß sie mit einer Ohnmacht kämpfte, bettete schnell ihr Haupt auf dem Sofa und stürzte von Zimmer zu Zimmer, bis ich endlich eine mit Wasser gefüllte Karaffe gefunden hatte. Als ich zurückkehrte, war die Dame verschwunden! Und mit ihr zugleich ihr Hut, sowie die silberbeschlagene Reitpeitsche, welche auf einem Stuhle gelegen hatten. Ich lief hinaus und rief nach dem .Wirt. Der wußte von nichts, hatte die Dame nie zuvor gesehen, und würde froh sein, sie auch nie wieher zu erblicken. Ich forschte allerorten, rannte in Verzweiflung hin und her, bis ich endlich vor einem Spiegel stehen blieb, der mir mein eigenes Ich zeigte: die Augen weit aus ihren Höhlen herausgetreten, der Unterkiefer herabgefallen, soweit es eben der Lederriemen meines Tschakos erlauben wollte. Vier Knöpfe meiner Uniform waren offen! Das sagte mir genug! Was brauchte ich erst noch nach meinen kostbaren Papieren zu fühlen? Oh, über die Tiefe von Hinterlist, welche in dem Busen des Weibes schlummert! Dieses Geschöpf hatte mich beraubt, während ihr Haupt an meiner Bruch geruht, ihre Hände waren in der Tasche meines Rockes geschäftig gewesen, indes meine Finger ihr Haar gestreichelt, meine Lippen ihr Worte des Trostes zugeflüstert hatten! i Das also sollte das Ende einer Mission sein, welche einem wackeren Manne das Leben gekostet hatte und mir wahrscheinlich Ruf und Ehre für immer rauben würden. Was wohl der Kaiser sagte, wenn ihm mein Mißgeschick zu Ohren kam, was meine Kameraden! Und wenn nun gar ruchbar wurde, daß ein .Weib mir die wichtigen Briefschaften abgeschmeichelt hatte — mußte das nicht ein Gelächter an der Offizierstafel und beim Lagerfeuer geben! Ach, ich hätte mich vor Verzweiflung auf dem Boden wälzen können! Eines war klar: die ganze Geschichte mit dem Lärm auf dem Gange und dem Auftritt mit der sogenannten Gräfin war'von Anfang an abgekartetes Spiel gewesen, um welches der Wirt gewußt hatte. Von ihm mußte ich Aufklärung erlangen können. Also geschwind den Säbel in die Hand und ihn aufgesucht! Aber der Kerl hatte meine Absichten durchschaut und seine Vorbereitungen getroffen. Ich entdeckte ihn, eine Flinte in der Hand, in einer Ecke des Hofes, und neben ihm stand sein Sohn, der einen riesigen Bullenbeißer an einem Koppelriemen festhielt. Die beiden .Stallburschen hatten sich mit Heugabeln bewaffnet, während die Wirtin hinter ihnen eine Laterne emporhjelt, -„Reiten.Sie Ihres Weges, junger Herr!" rief mir der Wirt mit seiner knarrenden Stimme entgegen, „machen Sie sich auf, Ihr Pferd steht vor dem Tore. Lassen Sie sich nicht cinfallen, sich hier zu zeigen, Sie sind allein gegen drei tapfere Männer!" Nun hatte ich zwar nur den Hund zu fürchten, denn Flinte samt Heugabeln schwankten wie Zweige im Winde bedenklich hin und her; aber ich sagte mir, daß, wenn auch mein scharfer Säbel dem Burschen da eine Antwort entreißen würde, ich immer noch nicht die Gewißheit hatte, die Wahrheit zu erfahren. Wozu mich in einen Kampf einlassen, der mich vielleicht teuer zu stehen kam und mir schließlich doch nichts nützte? Ich begnügte mich also, sie mit einem Blick zu messen, der ihre albernen Waffen mehr als je aus dem Gleichgewicht brachte, und ritt, vom schrillen Gelächter der Wirtin begleitet, im gestrecktem Galapp davon. Mein Entschluß war schon gereift. Allerdings waren die Papiere selbst verloren, aber über ihren Inhalt war ich doch so ziemlich im klaren. Was hinderte mich denn, einfach zu dem König zu gehen und ihm die Sache mündlich vorzutvagen, als ob der Kaiser mich damit beauftragt hätte? Es war ein kühner, aber auch gefährlicher Plan; denn wie leicht konnte meine Angabe später widerlegt werden! Und doch hieß es hier: entweder — oder, und wenn ganz Deutschland in der Wagschale lag, durften mich solche Bedenken nichts beeinflussen. Mitternacht war bereits vorüber, als ich in Hof einzog, dennoch waren alle Fenster des Ortes hell erleuchtet, und dieser Umstand sprach bei einem so ruheliebenden Volke deutlich von der Aufregung, in der sich die Gemüter befanden. Lautes Geschrei und Gespött begleiteten mich auf meinem Wege, und einmal flog ein Stein hart an mein am: Kopf vorüber, aber ich kehrte mich nicht daran und gelangte glücklich an das Schloß. Auch in diesem Gebäude brannten die Lichter bis unter das Dach hittauf und die Bewohner hatten sich noch, nicht der Ruhe hingegeben, denn unanfhörlich glitten Gestalten an den Fensterlt vorüber. Ich stieg ab, warf einem Diener die Zügel zu und begehrte kurzweg, den König in einer sehr dringenden .Angelegenheit zu sprechen. Tas Stimmengewirr, das ich bei meinem Eintritt in die Halle vernommen, war sogleich verstummt, als ich meinen Wunsch mit lauter Stimme kundgetan. Meiner Meinung nach fand da bereits eine große Versammlung statt, die über jene wichtige Frage, ob Krieg, ob Frieden, beraten sollte; doch kam ich vielleicht noch zeitig genug, um eine Entscheidung zugunsten meines Kaisers herbeizuführen. Der Hofmarschall warf mir einen finsteren Blick zu, geleitete mich in ein kleines Vorzimmer und ließ mich allein. Nach kurzer Zeit kehrte er zurück; der König könnte jetzt nicht gestört werden, aber die Königin würde mich, empfangen. Tie Königin? Was sollte ich bei einer Dame, die so durch und durch deutsch gesinnt war, die ihren Gemahl und deiOStaat gegen uns aushetzte? „Ich muß den König sehen!" „Nein, nein, überbringen Sie mir gefälligst Ihre Botschaft!" ließ sich jetzt eine Stimme von der Tür her vernehmen. „Bleiben Sie hier, von Rosen! Nun, mein Herr, was haben Sie uns mitzuteilen?" Ich war beim ersten Ton der Stimme aufgesprungen, und ein Blick auf die Gestalt machte mich vor Zorn erbeben. Jene Erscheinung mit dem königlichen Haupt und den Augen, welche blau wie die Garonne und kühl wie ihr Wasser! im Winter waren/ stand mir noch sehr wohl in der Erinnerung. „Die Zeit ist kostbar," rief sie aus, indem sie ungeduldig mit dem Fuße stampfte, „was haben Sie mir zu sagen?" „Ihnen? Nur das eine: Sie haben mich gelehrt, fortan keinem Weibe mehr zu trauen. Sie haben Mich zugrunde! gerichtet und für immer entehrt." Sie zog die Brauen hoch und blickte zN ihrem Begleiter hinüber. „Ist er von Sinnen? Oder was ist Ihre Meinung? Vielleicht ein kleiner Aderlaß?" „Ah, Sie verstehen sich wohl aufs Verstellen, haben Sie mir doch schon Beweise davon gegedeu!" „Wollen Sie damit sagen, daß wir Uns schon gesehen haben?" „Daß Sie mich vor zwei Stunden beraubt!" „Das übersteigt alle Grenzen!" rief sie, und der erheuchelte; Zorn stand ihr allerliebst. „Sie wollen ein Gesandter sein; aber vergessen Sie nicht, daß das Recht eines solchen auch seine Grenzen hat." „Welche Dreistigkeit! Aber Sie sollen mich nicht zweimal in der derselben Nacht zum besten haben!" Ich sprang auf sie zu, bückte mich nieder und hob den Saum ihres Kleides empor. „Sie würden wohlgctan haben, Ihr Gewand zu wechselu, nachdem Sie einen so ttichtigen Ritt gemacht haben!" Wie wenn die Morgenröte den Gipfel des schneebedeckten Berges beleuchtet, so schimmerte jetzt auf ihren Wangen glühende Röte. „Unverschämt! Ruft die Diener herbei und laßt ihn zum Schloß hinauswerfen!" „Erst will ich den König sprechen!" „Das wird nicht geschehen! .Ah, Halten Sie ihn fest, von Rosen, halten Sie ihn fest!" Wenn sie gemeint hatte, ich würde ruhig warten, bis ihre Helfershelfer erschienen, so hatte sie sich gewaltig verrechnet.- Warum hatte sie mir ihre Karte verraten! Ihre ganze Absicht — 624 —