et / '4 ■ zur Jugend, wohin sie von Gottes und Rechts wegen gehört —!" „Oh, bitte recht sehr, Herr Oberst, es hat mich natürlich ganz außerordentlich interessiert," log Frau Cäcilie, „nun kann ich mir bei alle dem, was ich gestern gehört und gesehen hab, auch etwas denken — dieser heitere Vorbeimarsch gestern abend, das war in Wirklichkeit die zügellose Flucht eines geschlagenen, fast vernichteten Heeres — wie tntr übrigens Ihre Nelly, Herr Major, ganz richtig erklärt hat!' „Ja, die Nelly — die hat Ahnung!" schmunzelte der „Ganz gewiß, meine gnädigste Frau", sagte der Obersti „Und gerade über Ihr niedliches Schlößchen hinweg tobte der Endkampf der beiden Artillerien... im Ernstfälle wurde von diesen: entzückenden Nestchen wohl nicht mehr viel übrig geblieben sein!" „ „ r „Gott ja... das sieht alles so lustig,... so frisch und freudig aus, und man vergißt gar zu leicht, was für ein schauerlicher Ernst dahintersteckt —“ „Ja, ja — gut wär's, wenn sich unsere jungen Dachse da unten das auch manchmal ein bißchen mehr zu Gemüte führen wollten — wir Alten, wir wissen's ja freilich und werdeu's nie vergessen! — was meinen Sie, Sassenbach?!" Zärtlich schielten die beiden alten Kämpfer nach dem Bande des Eisernen Kreuzes im Knopfloch, ihrer Ueber- röcke .. zu gleicher Zeit hoben beide die Gläser und tranken auf das Gedächtnis der großen Zeit vor neununddreißig Jahren, die sie beide als blutjunge Leutnants mit durch-, lebt und mit durch fach len ... Cäcilie aber hatte Nur mit dem Aufgebot ihrer ganzen Haltung den: Gespräch der beiden alten Herren folgen können... in ihr schrie die unverbrauchte Glückssehnsucht... schrie all das Verlangen, das Fritz von Branders nrcht hatte stillen können ' Gott, wie wunderlich... wie verrückt... wie unheimlich rätselschwer das Leben... Wie wirbelte es die Schicksale, die Herzen der Menschen durcheinander... Da unten bei lautem Gelächter und Geplauder saßen sie mitt einander gegenüber, die beiden Männer... saßen inmitten der Kameraden, schwatzten, tranken, tauschten hundert harmlose, lustige und tragikomische Mänovererleb- Und wenn dann einmal einer von ihnen beiden in einer unbewachten Sekunde sich vergaß... dann sank urplötzlich die glatte Maske... und ber eine jetzt, der andere nun, starrte tief versonnen in sein Sektglas... und auf eines jeden Gesicht lag dann plötzlich Spannung, Kampf Und Qual... Und das alles ging um sie. , Martin Flamberg hatte einmal nt einem solchen Moment der Versunkenheit rasch und- heimlich em Briefchen aus der Tasche'des Ueberrocks gezogen Und es unterm Tisch mit hastigen Blicken überflogen... Sommerlrulnsnts. Roman von Walter Bloem. Copyright 1910 by Grethlein & Co- (Nachdruck verboten ) (Fortsetzung.) 3. Kapitel. „Ja, lieber Sassenbach — Sie können sagen, was Sie wollen, es war ein direkter Blödsinn vom General von 'Ketteler — ein direkter Blödsinn! Statt sich einfach auf der Höhe zwischen Mackenrodt und Hettenrodt mit seiner ganzen Division aufzubauen und unsern Angriff abzuwarten, geht er über das Aubachtal hinüber bis Nockental uns entgegen —“ „Aber — Verzeihung, Herr Oberst! — die, Stellung bei Nockental war wesentlich besser als die bei Macken-- rodt — namentlich seine Artillerie hatte er hinter pen flachen Höhen hier beim R von Rötzweiler ganz glänzend placiert—" , ,, _ „Zugegeben!" sagte der Oberst und neigte sich, tiefer über die Karte, die mitten zwischen den zartgeschliffenen Weingläsern, den über die ganze Tafel verstreuten, nun schon halbverwelkten Astern auf der Damaftdccke lag, dicht neben dem Teller der Hausherrin, die müde und gelangweilt sich fruchtlos Mühe gab, an dein endlosen Streit ihrer beiden Tischnachbarn über den Verlauf der gestrigen Hebung pflichtschuldigen Anteil zu heucheln. — „Zugegeben! — aber bei der Wahl einer Verteidigungsstellung kommt's doch vor allem darauf an, daß man sich anständig aus dem Staube machen kann! Na... und nun sehen Sie sich mal diese Rückzugslinie hier an... zwischen seiner Stellung und dem Punkt, den er zu decken hatte, der Stadt Idar nämlich, liegen zwei — sage zwei! — Talsenkungen... zweimal hat er mit seinem ganzen Schwamm im vollen,Bereich unseres Feuers dreihundert Meter über kahle Höhenzüge hinauf und wieder herunter gemußt! — und wie sich die Infanterie massierte auf dem Rückmarsch — so etwas von einem Wurschtkessel ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! Erinnern Sie sich... unter dem Berg — wie hieß er doch —? , „Der Galgenberg!" lachte der Major. "Ja, ja... und wissen Sie auch, wer an dem Galgen 1112117,9^ — nach der Kritik versteht sich das Kohl am „Allerdings," erklärte der Oberst, >,der Zylinder für Herrn von Ketteler dürfte fällig sein —!" tiwo4sin. _ und die Brigade frei werden!" lächelte geschmeidig Und beziehungsvoll der Major, der, wenn, er wollte, m seiner rauhen Form ein richtiger Höfling sein konnte.. „Aber nun Schluß mit der Kommißsimpelei, lieber Sassenbach — unsere verehrte Frau Gastgeberin wird sonst bereuen, daß sie sich zu uns alten Knaben gesetzt hat, statt — 654 — Cäcilie wußte: ein !BrWf seiner Braut... ein Brief des fernen, bang und selig harrenden Mädchens, dem tn wenigen Tagen in Wirklichkeit die Hochzeitsglocken läuten sollten.. .> „ ~ . ,, Gewiß ...das Briefchen sprach von heißer Sehnsucht... von kaum stillbarer Erwariung... von einer süßen Ungeduld. welche die Tage und Stunden zählte, dm sre ngch! von der Erfüllung trennten... Heute war Sonntag, morgen und übermorgen dre derben letzten Manövertage... und- schon Mittwoch sollte Martin Flambergs, des Heimgekchrten, Hochzeitstag fern... Ueber-üb er morgen... dann war er ihr verloren... verloren für alle Zeit —■ Mer... während er das Briefchen überflog, hatte da auf seinem Gesicht auch nur ein leises, flüchtiges Leuchten des Glücks, der Hoffnung geflammt —? nein — quälendes Bangen... herbe Gewissensnot... finsterer Zwiespalt der Gefühle... Sie hatte es gesehen und hatte nicht hindern tonnen, daß ihr Herz aufjubelte vor schamvoller Lust... vor sündig grausendem Triumphs... Ja, er sehnte sich nicht nach... über-übermorgen.'..• er sehnte sich--nach einem Tage, der niemals kommen würde — niemals — — oder nur, wenn wilde, schreckliche .Dinge geschehen wären... lange Monde des Kampfes überstanden... Monde der Finsternis... der Einsamkeit... des Elends... „ t Und ringsherum in dem kleinen Kreise der lachenden schmausenden Menschen, der festlich weiß geputzten beiden Mädchen, der sonnengebräunten wettergestählten Männer konnte ihr heimlich urrü ruhelos beobachtender Blick überall den Widerschein innern Erlebens verfolgen — — Finster lauernd wanderten die eiskalten Augen des Regimentsadjutanten, hämisch funkelnd die des fatalen Oberleutnants Menshausen die Reihe der Tafelnden entlang... Mit zärtlichem Bangen hingen des Backsischleins Blicke an der stattlichen Gestalt der Schwester, die mit ihrem Tisch- nachbarn, den: rotbärtigen, bebrillten Gelehrten im verjährten Landwehrrock, so versunken und weltvergessen übergroße und ferne Dinge sprach, als säßen die beiden zweieinsam auf einer weitentlegenen seligen Insel und nicht inmitten eines Kreises, in dem jeder jeden kontrollierte, in dem jede Bewegung, jeder Blick überwacht würde, ob er arich der strengen Satzung der Kaste entspreche... "Ja, selbst unten, wo die ganz jungen Herren saßen, schossen aus dem fahlen Gesichte des monokeltragcnden Hermr Quincke gehässig lauernde Blicke hinüber... herüber. Nur der blutjunge Avantageur und der kindlich harmlose Carstanjen freuten sich ohne Hinterhalt der Gunst der Stunde... futterten mit Knabenappetit von all den guten, langentbehrten Sachen... kosteten mit glänzenden Augen die edeln Weine... stopften, genäschig wie Penstonsmädel, Konfekt und Obst... Und mit der unerschütterlichen Gemütsruhe einer wohlgeordneten Daseinsführung, die keine Leidenschaft, keine Herzensstürme kannte, nichts als brave Pflichterfüllung und maßvoll harmlosen Lebensgenuß — selbstgenügsam und selbstzufrieden saß der Leutnant Blowitz inmitten der Tafelrunde, auch er wachsam, beobachtend, doch innerlich unbeteiligt. a. nicht als Soldat... nichts als eine Uniform mit einem Etwas darin, dessen ganzer Ehrgeiz nur wär, Ehre zu machen dem Rock, in dem es steckte... Ach, wie beneidenswert ein solches Temperament... ein solch! unsträflicher, Gott und Menschen wohlgefälliger Wandel... War nicht ihr Fritz auch so einer gewesen? — war das nicht eigentlich seine Natur... Und die Bittern Zweifel... die jähe Wirrnis, in die das 'Schicksal ihn gestürzt — wären sie nicht über seine Kraft? Frau Cäcilie sah! gar wohl, wie tief er litt... welch Unfaßbare Anstrengung es ihn kostete, die lächelnde Miene des vornehmen Gastgebers, des allerwärts liebenswürdigen Wirtes zu bewahren, während er sein Glück, sein Leben wanken — wanken fühlte--- Wie er ihr so leid tat, ihr guter prächtiger Fritz... sie litt mit ihm... in seine Seele hinein... so mußte eine sorgende Schwester mit einem herzliche geliebten Bruder leiden... und konnte sie ihm helfen... konnte sie — ? Ein Blick in Märtin Flambergs Gesicht — und sie wußte — her da wär der Herr ihres Lebens... wäs er erwählen würde, wär ihre Wähl... was er von ihr fordern würde« das würde sie tun. ' ■ * Wie Hausfrau hätte die Tafel aufgehoben, und der kleine Kreis der Gäste schwärmte nun in den Schloßgarten) um den Kaffee zu nehmen. In tiefem Frieden verglomm der SpätsoMmertag.- sein letzter Abglanz lag auf den jenseitigen Höhnen... Dunkelheit umschleierte schon das Dickicht des Schloßparks, der von den gartenartig angelegten Terrassen der alten Bastionen her sich an den Abhängen des Beertales, rechts und links! des Baches, hinzog Born, wo zwischen den üppig wuchernden Bosketten heimliche Lauben winkten, deren weißlackierte Stakete fast völlig unterm dicken Gerank des Jelängerjelieber, des Pfeifenkrauts, des wilden Weins verschwanden, erhellten bunte Lampions mit mattem Glimmen die Dämmerung..« Weiter rückwärts, am Berghang lagerten schon tiefe, schwarze Schatten über den Wegen, die sich ins Dunkel der betloteit „Kommen Sie, Herr Frobenius," sagte Nelly, „ich muß Ihnen jetzt den Aussichtspunkt zeigen, von dem ich Ihnen bet Tisch erzählte ... er liegt ganz oben am Parkrand ... .■ wir müssen das letzte bißchen Tageslicht benutzen, sonst wird es ganz finster, unbi wir kommen überhaupt nicht mehr hin . . . Ihren Kaffee kriegen Sie später, wenn wir zurückkommen !" Ihre Stimme hatte leise gezittert bei den hastigen Worten — und Wilhelm Frobenius fühlte sein Herz hoch klopfen, genau unter den: Fleck, wo auf seinem dunkelblauen Wafsenrock die Landwehrdienstauszeichnung zweiter Klasse sich breit machte, diese geschmackvolle Dekoration, deren Form die Offiziere des Beurlaubtenstandes Mit den altgedienten! Unteroffizieren gemein hatten. . . In einer längst nicht mehr gekannten Erregung folgte eß der schlanken Führerin in die Dunkelheit... (Fortsetzung folgt.) Die Burgttzeater-Virektoren. Bon Hermann Kienzl (Berlin). Am 24. August ist Alfred Baron Berger gestorben. Er war seit zwei und einem halben Jahre Direktor des Wiener tzofburg- theaters gewesen. Man weiß, daß Alfred Berger, geboren zu Wien am 30. April 1853 als des „Bürgerministers" Johann Nepomuk Berger Sohn, fast sein ganzes Leben laug nach dem Feld- herrnstaü des Burgtheaters getrachtet, gestrebt, gearbestet^ hat, Seine umfassende literarisch-dramaturgische und publrzrsüsche Tätigkeit fällt unter diesen Gesichtswinkel, und eigentlich auch seine zwölfjährige Leitung des Hamburger „Deutschen Schauspielhauses Baron Berger war vorher durch 27 Jahre „artistisch-literarischer Sekretär" am Burgthcatcr gewesen. Für Berger bedeutete die Stellung, wie er hoffte, die Anwartschaft auf den Thron des! Direktors. Doch wie auch die Berufenen kamen und gingen, an ihm zog das große Los vorüber. Er war der Sekretär Wil- brandts, Försters und Burckhardts gewesen; als Paul Schlenther Mui Direktor des Burgtheaters ernannt wurde, schied Baron Berger von Wien. Nun entfaltete er seine Energien und Kenntnisse an der neugegründeteir Hamburger Bühüe — gewiß Nicht ohne die Hoffnung, daß der Arbeitsausweis ihm helfen werde, das! immer noch ersehnte Ziel in Wien zu erreichen. Mair erinnert! sich der lebhaften Bemühungen Bergers, an der Donau bekannt! und genannt zu bleiben, und besonders auch seiner Festrede bet der Wiener Schiller-Feier im Jahre 1905, die ihm' Gelegenheit gab, den Dichter der „Maria Stuart" gewissermaßen für den Katholizismus zu reklamieren . . . Im Jahre 1910 endlich wurde Alfred von Berger Burgtheater-Direktor. Doch es war spät geworden. Eine zu kurze Frist blieb dem in der langen Kandidatur gealterten und kränklichen Manne, um den großen theaterliterarischen Kredit, den er vorausgenommen, jetzt mit Taten zN bezahlen. ©ine Merkwürdigkeit ist Baron Bergers Bürgtheater-Tirek- tion eigen: sie fand mit deM Leben des Direktors ihren Abschluß, In den 150 Jahren eigentlicher Burgtheater-Geschichte haben vor! Berger nur zwei Direktoren dem anderen bösen Thanatos, der in der Tracht des Höflings die Kunstführer mähte, bis zum EM widerstanden. Mit beidcü teilte Berger gewisse Schicksals- oder Persönlichkeitszüge. Der eine war August Förster, der schon im zweiten Jahre seiner Direktion starb; der ändere, eine übrigens mit Berger nicht zu vergleichende künstlerische Potenz/ Frankl von Dingelstedt, der 'sich aus dem revolutionären -cholüischest Nachtwächter" zu einem passablen HofMann gehäutet hätte. Bon diesen Ausnahmen abgesehen, ist dem langen Züge der Burg-. theater-Direktoren der gemeinsame Nachruf zu widmen: „Noch keinen sah ich fröhlich enden". Selbst die h'eMn Matadors ! i 1 I ! s i i i i j i i < j K I i i L ii V d Ä h b £ u st u S 655 Nach langen trüben Uebergangszeiten, in denen das Burg- theatcr von, Hocharistokraten gepachtet und vorübergehend von einem „Ausschuß von Cavalieren" verwaltet wurde, begann mit dem Jahre 1814, zuerst langsam und vorsichtig sich entfaltend, die .Glanzzeit Josef Schrey Vogels, der die Klassiker in musterhaften Aufführungen durchsetzte, Grillparzer aus der Feuertaufe und zur Höhe hob und die ersten Künstler Deutschlands in Wien, vereinigte, u. a.: An schütz, Wilhelm!, Sophie Schröder, Ludwig Löwe, Julie Rettich, Karl Fichtner, Amalie Neumann. Schreyvogel fiel im Jahre 1832. Als „Theaterdichter" waren Jünger und Alxinger (bis 1797) leitend tätig. 1798 wirkte in dieser Eigenschaft und als Sekretär und eigentlicher Direktor August v. K o tz e b u e in Wien, der das Repertoire hob und Sophie Schröder entdeckte. w-.-i — —-----— v...» Der Schauspieler Müller war der erste josefinische Direktor. Auf seiner Reise durch Deutschland knüpfte er fruchtbare Beziehungen mit Lessing und Schröder an. Sein Nachfolger, der mittelmäßige Dramatiker Teinhard- stein (1832—1841), war ein Lebemann, schmiegsam gegen Hof und Adel. Doch war das Haus schon so fest gegründet, daß es nicht wesentlich Schaden leiden konnte. In sein Direktorium fällt die erste Aufführung des „Faust". Uebler war die Zeit Franz von Holbeins (1841 bis 1849), eines Pedanten und Tukatenschneiders. Bon ihm sagt Bauernfeld: „Der Mann arbeitete vom frühen Morgen bis zum späten Abend als ehrlicher Obcrbeamter des Theatergefällcs. Tas Institut geriet künstlerisch in Verfall." Und lvieder ging die Sonne des Burgtheaters auf! Heinrich Laube kam und führte, der schärfste Geist unter den Dramaturgen Deutschlands, die Zügel von 1850—1867. Der Burgtheaterstil, den wir Aelteren noch in der Kunst der Wolter/ Sonnenthäls, Lewinskys, des Ehepaares Gabillon und des Ehepaares Hartmann kannten, war Laubes Schöpfung. Das Konversationsstück war die Blüte dieses Stils. Nach dem Interregnum des Intendanten Baron M ü n ch - Vellinghausen wurde Franz v. Dingelstedt Direktor des Burgtheaters (1871—1881). Er hielt das HauS auf der Höhe. Ein epochales Ereignis war der von Dingelstedt inszenierte Zyklus sämtlicher Shakespearescher Königsdramen. Dem Ensemble gewann auch er leuchtende Sterne: Stella Hohenfels, Antonie Janisch, Thimig, Katharina Frank. Die Direktoren der letzten 30 Jahre waren: Adolf Milbrand t (1881—1887), Äugust Förster (1887—1889), M a x Burckhardt (1889—1898), Paul Schlenther (1898 bis 1910) und Alfred Baron Berger (1910—1912). Wilbrandt hat die Wessely, Burckhardt Hat Mitterwurzel Md Kainz engagiert. Die Direktion Max Burckhardts bedeutete neue wichtige Zäsur in der Geschichte des Hauses. Denn, ein echter und kühner Genosse unserer Tage, ridf er die Geister der Bon einem Drachen sprach ich. Er hat viele Köpfe. Schon' S?nJur' ;bi.e Nestroy ein Krokodil nannte, das den Dichtern cho Kopse abbeißt,, rst nirgends in der Welt so antidiluvianisch wie rn Wien Auch sie hat der Köpfe viele: den des Staatsanwalts, den des Hoftheater-Zensors und die vielen amtlosen, aber mäch- ngen ocebenkopfe, die über den Wünschen und Interessen der Hofgesellschaft, der Kirche, des Adels und alles dessen wachen, was mau mit >,Thron und Altar" zusammenzufassen beliebt. y0' die Zensur! Diese zarten Sonderwüusche! Wie haben Schreh- vogel und Laube unter dem Schlagbaum geächzt, der vor den Geist gesetzt war! Aus alter Zeit (1789) ist ein Brief des Hoftheater- . , — ■vS ü n g e r erhalten, der klar ausspricht, es dürfe auf I fe S. »er Wiener Hofbühne kein Adliger eine bedenklige Rolle spielen. ........ Zur Zeit Kaiser Franz I. waren noch sämtliche Dramen Schillers' I Kaiser Josef II. übernahm die Ideen Sonnenfels', mit Ausnahme der „Jungfrau von Orleans") und Lessings **..... ‘ Mit Ausnahme der „Minna von Barnhelm") verboten. Als Wnrckhardt in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ^bsen und Hauptmaiin einführte, hielt ihü, der die Stücke vor- slchtig wählte, nur ein besonderer Einfluß gegen die oberen Stürme, und als Paul Schlenther, schon in diesem Jahrhundert, die „Rose Bernd „ aufiührte, hatte er nach der Premiere die Wahl, ob er das Stück oder sich selbst aus dem Burgtheater Hinwegfegen lassen wolle, hlnwegfegen von dem.Unwillen irgendeiner Erzherzogin, die es. skandalös faiid, daß eine Frauensperson im Drama guter Hoffnung sein könne. Die politischen und konfessionellen Daum- fchrauben aber waren allzeit noch grimmiger. Schon in diesen polizistychen Einflüssen zeigt sich die Unfreiheit des Burgtheater-TirektorB. Sie war erhöht durch die unÜare und wechselnde Verfassung der Theaterleitung. Von den ältesten Tagen des Burgtheaters, von der Regierungszeit der Maria Theresia Sn war die künstlerische Leitung des Hofschauspiels einmal dieser, einmal teuer Hofcharge unterstellt. Oberstkämmerer, Obersthofmeister und — OberstkücheiiMeister lösten einander im Oberpriesteramte der Kunst ab. Als man eine Hoftheater-Jutendantur fchilf, wurde diese auch noch einer anderen Hofcharge untergeordnet — und der künstlerische Leiter dem Intendanten. Ungenau waren die Kompetenzen abgegrenzk, und die fiskalischen und polizistischen Eingriffe der Hofbeamten in das künstlerische Gebiet mehrten sich je nach der dilettantischen Begierde der aristokratischen Kunst- profossen oder der geringeren Widerstandskraft des künstlerischen Direktors. Weichen mutzte schließlich auch der Stärkste. Auch Schreyvogel, der das neue Äurgtheater schuf — jenes, das wir heute als das „Alte Burgtheater" rühmen und bewundern — wurde ohne Tank abgefertigt, als er dem vorgesetzten Banausen, dem Grafen Czernin, sein: „Exzellenz, das verstehen Sie nicht" gesagt hatte; und ein Heinrich Laube, der zweite Hochbäumeister, unterlag im Kompetenzstreite mit dem Intendanten Baron Münch von Vellinghausen (Friedrich Halm). Als der Wiener Hof sein ihm in den Schoß gelegtes Kultür- werk verpfändete und verpachtete (es geschah dies mit Unterbrechungen bis Mül Jahre 1821), verzichtete er zwar auf alle Opfer für die Kunst, nicht aber auf die strengsten Vorschriften und Vorrechte bei der Theaterleitung. Schon int Uranfang be- itand dieses System. Maria Theresia erteilte int Jahre 1741 >ent „Entrepreneur" Josef Karl Selliers, zugleich Pächter des (später in die H'ofregie mit.übernommenen) Kärntnertor-Theaters, die Erlaubnis, in dem an die Burg anstoßenden Hofballhaus ein Theater (das. Burgtheater) aus eigene Kosten einzurichten pnd Vorstellungen vor zahlendem Publikum zu geben. - 'Aber der Unternehmer hätte sich „durch den Kanal des Cavaliere della mufica" genau über die allerhöchsten Wünsche zu informieren. Und außerdem waren ihm nicht weniger als 150 Normatage im Jahre vorgeschrieben, an denen aus religiösen und änderen Gründen Der Vorkämpfer der deutschen Nationalbühue war Sonnenfels. Sein Aufruf für das deutsche Nationaldrama (1770) trug thm eine strohgrobe Rüge.des Kanzlers Kaunitz ein; aber LUM« ÄSÄS *** I einen bitteren ? 6tr§ $u iungen Tagen I der deutschen Kunst entgegenstreckte. Er übernahm das Mrrg^ E dem höfischen Drachen zu fuhren hätte, I theater m die eigene Fürsorge und gewährte ihm die frühe damals den hS»r®Aiene¥ äurgtheater zu einem überragenden, in I kurze Blüte einer deutschen Muster- und Nationalbühne Er «21 eheiftNatlonalbuhne alleinherrschenden I Hat es, das bisher französischen Schauspieltruppen und d-r Oper und aTs^vterflaat Zwangen konnte. Als Tradition I Meraumt war, ausschließlich des deutschen Drama der.dentscken 6u noch als Verdienst seiner Leistungen I .Schauspielkunst geweiht und die Stegreifkomödie ans seinen Hallen Äurgtheater biszum heutigen Tage ein Abglanz seiner endgültig beseitigt. Lessings „Miß Sam Sampsow" war am inn^pnesT?A^Ur^H’ dbwvHl seit längerem schon der Künstlerschar I 1- Oktober 1760 noch mit dem Hanswurst in -er Diener-Rolle .^Wien Namen von solchem Klange fehlen, wie er einst die Welt gegeben worden ... Nach Josefs Tode blieb zwar der deutsche S$^tez Obwohl ^der moderne und der Ensemble-Stil nicht in I .Schauspielcharakter dem Burgtheater erhalten, aber das' Pächter- Berlin seine vornehmste Pflege hat; obwohl das I wesen und die Polizeigewalt bemächtigten sich neuerdings des sä sä ÄSS jtoiaen ^.evensbaumcs. I Feststellung des Repertoires und der Rollenbesetzung betraute Schauspieler-Kollegium, das später, kaum glücklicher, durch das „ 0 ersetzt wurde. Tie Spezies der „Schauspieler- Stucke und das Uebel des Rollen-Monopols' wurden durch diese Institutionen großgezüchtet. F r i e d r i ch L u d w i g S ch r ö d e r, der „Vater des deutschen Schauspiels", hat noch zu Josefs Zeiten Wien wieder verlassen, weil er des Kampfes mit den Oligarchen müde war und auch für die heutige Zeit lehrreich ist die dokumentarische Schilderung der Schauspieler-Wirtschaft in August v. Kotzebues im Jahre 1799 erschienener Schrift: „lieber meinen Aufenthalt in Wien". 556 Gegenwart. Ibsen, Hauptmann, Schnitzler zogen i« das Bnrg- wieder einmal ein Würfel fallen, ein Muer Mann gerufen werden. Tatz er ein Mehrer, nicht bloß em Erbe sei, wünschen die Besorgten. Die Monate mit dem „H“. Z. Brüssel, im September. Ri-nsseler mit patriotischem Herzen blättert jetzt sehr sreuchg^iu seinem Kalender. Mai, Juin, Juli, August, das tvaren die muschellosen, die austernlosen Zeiten, und nun kommt die lange Reihe der Monate mit dem ,,R', rn denen all dies leckere an, nun rückt allmählich alles wieder in die Hauptstadt em, was thpesrs äs s.öä*«« anderes Aussehen. Brüssel ist ja noch die Stadt der kleinen rt-mnilienMuler der kleinen Restaurants, der kleinen Geschäfte. So vieles, das'in anderen MoßsMten a^ällt, die Riesen-Mitt^ kascrnen, die Riesen-Basare, die riesigen^Spnscha len, das'gewinnt nur ganz langsam Boden m der belgischen Hauptstadt. Jcoct). UM man hier gemütlich, beschränkt, altväterlich. Und da ist es wunderschön besonders in der Dämmerung, herumMspazier en zwischen den Geschäften, die Brüssels Damen,M^ie komm«ide ^lson nrit Modeneuheiten verwogen. Altmodisch send diese Geschäfte noch, mit niLen Auslagen, schmal ist der Verkaufsraum aber sehr viel Eleganz wird tit diesem kleinen Raum ausgestapelt. Denn die Pariser wissen cs ja, daß rn Brussel ihre besten Kundinnen wohnen, Last die geschmackvollen Brüsseler nicht, mit Unrecht die kleinen Pariser genannt werden. Man mutz in emem dieser Spitzenläden gewesen sein, man muß durch die Fingest diese zarten Gewebe haben gleiten, lassen, an denen etne alte Bäuerin ihre Augen blind gearbeitet hat, um die Kauflust der Brüsseler Dame zu begreifen. Da ist es sehr,merkwürdig die kostbarsten venezianischen Spitzen werden m tn Belgien geklöppelt, und das teuerste Brabanter Spitzenwerk wurde ja gewirkt in den Häuschen längs der venezianischen Lagunen. Im Sommer hatten die kleinen Bürger ihr Vergnügen. , A-ft gingen sie ins Vorstadttheater und sahen die Madame d'Ang sly, die alle Tränendramen: „Die Kinderdiebin , „Die Bfwttragerln , „Die Kamelicndame" und andere Glanzrollen mit rührender Un- erniüdlichkeit zu spielen pflegte. Jetzt werden die vornehmen Theater wieder geöffnet, und alles, was sich gern m den hellest Salons versammelt, Witt sich wieder in den Foyers der Großen Over Guten Abend sagen. Die Große Oper von Brussel — sie ist das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Dort wird Nicht mir gesungen und gespielt, dort wird auch mehrmals i-.n ^ahre der Tanzsaal aufgeschlagen. Die Masken schwirren dort durch den Saal. Sie laufen in die entlegensten Winkel. Die Pfropfen knallen laut, die Große Oper ist das Haus, rn dem sich alljährlich das üppigste Maskcntreiben entfaltet. Die Monate mit dem „R" kommen. — Das bedeutet für Brüssel ein Erwachen des Künstlerlebens. Wohl in keiner Stadt der Welt sind so viel Bilder zu sehen, werden so viele Bilder gemalt, wie in der belgischen Hauptstadt. In dieser Saison wird besonders Merkwürdiges vorbereitet. Junge begeisterte Künstler/ die in Deutschland gelernt haben und dort besonders das neue Erwachen aller dekorativen Künste miterleben durften, wollen nach Belgien den menen Geist vom anderen Hier des Rheins tragen. Diese.jungen Künstler sehen schon längst nicht mehr in Paris die Quelle allen Geschmackes. Es scheint ihnen, ist den' Werkstätten von Berlin, München und Dresden wird so Schönes, so Echtes geschaffen, daß sie sich viel ©eit von dem deutschen Kunstgewerbe in Belgren versprechen. Diese jungen Leute organisieren sich jetzt. Sie werden zu eigenen Ausstellungen einladen, sie wollen sogar dem Münchener Marionetten- Schmid sein Kasperle-Theater nachahmm, und in Brussel ist es, wo wir im Winter die Puppenspiele des Grafen Pocci uni) das ganze liebe deutsche, in .Holz geschnittene Marionetten-Gesindel bewundern werden. Und zu alledem wird jetzt gerüstet, da die ersten Herbstwinde in das Laich wehen. vermischtes. * Das erste Kamel in Berlin. Die BeMner haben lange warten müssen, ehe sie das Vergnügen hatten, ein lebendiges Kamel zu sehen. Zwar wurden schon im 16. Jahrhundert am kurfürstlichen Hofe eine Anzahl wilder Bestien, insbesondere Baren, unterhalten, die bei den damals sehr beliebten Tierkämpfen m Aktion treten mußten, aber ein Kamel war für solche sensationette Spektakelstücke nicht zu gebrauchen und demnach nicht vertreten. Um so mehr staunte das Publikum der brandenburgischen Residenz, als es zwei stattliche Exemplare der ungehörnten Wiederkäuer zu Gesicht bekam. Die beiden Kamele gehörten zu den Präsenten, die „der große Herr Czaar und Großfürst Feodor Alexejewitsch" im Jahre 1679 durch eine Gesandtschaft dem Großen Kurfürsten überbringen ließ. Wie in Lüniqs „Theatrum Ceremoniale" sehr gewissenhaft mitgeteilt ist, zählten zu den Präsenten noch zwer „Buffe - Ochsen", zwölf Zimmer kostbarer Zobelfelle, zweihundert Zobel- schwänze, zehn Paare zobelner Schwanzbrehmen, je em üutter von Zobelbäuchen und schwarzen Füchsen, zehn Zimmer weißer Hern'.enn- elle, siebenundfünizig Stück gold- und silberdurchscyossener persischer und chinesischer Seidenstoffe, sechs persische Teppiche, neunzehn Stuck Saffian in verschiedenen Farben, ein Pfund Muscus, zwölf Eß« und Trinkschalen und vierzig Löffel, sämtlich aus gelbem Holz, sowie drei große Zähne von Fischen, „Scheder" genannt. Mit dem Scheder wird wohl der Narwal gemeint sein, dessen langes, schraubenförmig gewundenes Horn damals noch mehr als heute geschätzt wurde. Muscus ist Bisam, ein wohlriechender, dicker Saft, den die Bisam- oder Moschustiere in einem Beutel absondern und der früher als Parfüm sehr beliebt war. Ein Zimmer, noch heute im Pelzhandel speziell für Hermelinfelle gebräuchlich, zahlt vierzig Stück. Unter all den Präsenten waren natürlich, den Berlinern die beiden Kamele und die beiden Büffel die interessantesten. Nachdem die Tiere hier genügsam angestaunt waren, wurden |ie nach Potsdam geschafft, wo sie später emgmgen. Uebrrgens revanchierte sich der Große Kurfürst für die reichen Geschenke nut Gegengeschenken im Gesamtwerte von viertausend ^.aleru. Auch hielt er die aus dem Truchseß „Symian Jeraflowitz Elmarow und dem Kanzler „Symian Wolodymirowiz Rumrancvls , mime fünfundfünfzig Begleitern bestehende Gesandtschaft wahrend ihres hiesigen dreitägigen Aufenthalts und während ihrer Heimreise bu> zur 'Landesgrenze völlig frei. Bei dem Empfang ging e§ nach Lünigs Darstellung sehr feierlich zu: „Se. Churmrftllche Durchlaucht saß auf einem von Sammet mit Gold gestickten und schonen ^apeten ausgezierten Thron mit bedecktem Haupt und in kostbarem Habit. Sobald nun die Gesandten Se. Ehurfürstliche -.urchlaucht gewahr wurden, taten sie eine tiefe Reverenz und fielen m wahrender Audienz zu unterschiedlichen Malen mit dem Gesicht ganz au, die Erden . . ." Sie brachten daun ihre Rede stehend dar, versicherten alle gute Freundschaft tmb Affektion, überlieferten einen in roten „Taffent" eingewickelten versiegelten Brief des Zaren und brachten darauf die Präsente dar, zu deren Herbeischaffen fünf- undsiebzig Personen erforderlich waren. „Se. Churfurstliche Durchlaucht aber rückte, so ost Sie Ihrer Ezaar Majestät Namen nennen hörete, ein wenig vom Stuhl und zuckte den Hut." und Büchertisch. — Die Liesegang-Mädcheu. Eine Geschichte aus der Erinnerung. Bon Viktor v. Kohlenegg. (Engelhorus Roman- bibliothek XXIX Jahrgang, Band 1/2.) — ®tn Buch voll Frische und Kraft, voll lächelnden Humors und bittrer Lebenstragik. Es ist eine entzückende Kleinstadtwelt ums Jahr 1880, die sich vor c em Le!er auftut. Schars und liebevoll zeichnet der Dichter die krummen Straßen und Gassen, die klugen uiid leidenschaftlichen, Re wunder- lichen und engen Menschen darin. J>i den Lresegang-Madchen spiege n sich zwei große Typen unsrer Frauenwelt, vielleicht alles Menschlichen überhaupt: die klugen, feinen Komprommnaturen Huben und die Alles- oder Nichts-Menschen, die sich auch nicht das Kleinste abseilschen lassen, drüben. Ein Buch das besonders unsre Frauen ' Mädchen ins Herz schließen werden! Weiß. Weiß setzt mit dem zweiten Zuge Matt. Auflösung in nächster NumMer. j Auflösung des Verwandlungsrätsels in voriger Nummer: Horst, Eden, Bader, Astern, Sund, Leiter, bleich, Ablaß, Nadel, Brand, Braut, Leder, mahlen. — Sebastian Bach. Schachaufgabe. Schivarz. Redaktion: K. ülnuro*b. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-B»ch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.