Donnerstag den 2. Mai »SU W Der König von Thule. Roman von Paul Grabern. (Nachdruck »erboten.) (Fortsetzung.) Hier war es aber nun wirklich picht vorm Ende mit ihrer Widerstandskraft. Wie auf einem Marterstuhl saß sie, mit dem Bewußtsein, daß jeder ihrer Blicke, jede ihrer Mienen überwacht und mit hämischer Verdrehung schlecht gedeutet werden würde. Instinktiv tat sie nur noch eines: Sie zwang ihre Augen mit letzter Kraft gerade Amthor zu meiden. Sie wußte, ja sie fühlte förmlich, wie alles ringsum nur auf diesen Blick wartete. Die Augen stets vor sich auf den Tisch geheftet oder krampfhaft auf den Nachbar gerichtet, saß sie, eine Unterhaltung führend, von der sie nichts wußte. Sie sprach mechanisch, zerstreut und hastig; ihre Gedanken waren ja ganz wo anders. Sie lauschte, einem qualvollen Zwang gehorchend, mit zum Springen angespannten Nerven beständig hinein in die laut schwirrende Unterhaltung ringsum im Saal, als müsse sic jedes! heimlich geflüsterte Wort her- gushören, das ihr galt. Mit steigendem Befremden sah Amthor ihr ganzes Sich- geben. Was war nur mit ihr? Sie war ja ganz verwandelt! Vorhin, vor einer Stunde, und jetzt — welch unverständliche Veränderung? Fühlte sie sich vielleicht doch nicht wohl und scheute sich nur, es einzugestehen? Ihre Klugen brannten ja in einem so fiebrigen Glanz! Er heftete einen langen, innig besorgten Blick auf sie. Eva Söllnitz sprach gerade mit Mrs. Sanderham, aber sie fühlte, ohne hinzusehen, wie Amthor sie beobachtete, und eine leise Röte stieg in ihre blassen Wangen. Er bemerkte es, und wie es unruhig in ihren Zügen zuckte: offenbar, sie fühlte seinen Blick, nun würde sie ihn doch endlich einmal erwidern! Und wirklich, plötzlich streifte ihn einen flüchtigen Moment ihr Auge, aber mit einem/ so verzweifelten, stummen Flehen: um Gotteswillen — nicht doch! Dann flog der Blick eilig wieder zurück zu ihrem Nachbar. Amthor verstand die geheime Sprache und gehorchte ihrem Wunsch; aber immer tiefer ward seine Sorge um sie. Wenn er sie doch nur einen Augenblick hätte sprechen können k Das nervöse, blasse Aussehen der jungen Frau fiel schließlich aber auch dem Kapitän auf. „Gnädige Frau scheinen aber doch wirklich nicht ganz Wohl zu fein," wandte er sich teilnehmend an Eva Söllnitz. „Sie sollten am Ende doch mal den Doktor kommen lassen. Soll ich ihn nachher suchen?" „O — es wird schon so wieder werden!" Sie zwang sich ein Lächeln ab. „Bitte, geben Sie mir nur einen Schluck Weil/, Das wird mir gut tun." Begierig griff sie nach dem Mas Sekt, das er ihr reichte, und stürzte es mit einem Male, in langem Zuge hinab. Ja, das tat ihr wirklich gut! Nun hoffte sie die Kraft wiedergewonnen zu haben, diese schwerste Stunde ihres Lebens bis zum Schlüsse auszuhalten. — Endlich, endlich war das Diner vorüber, mit dem! Kapitän zusammen verließ sie als eine der ersten den Saal; draußen verabschiedete sie sich aber schnell von ihm, um sich wieder in ihre Kabine zu flüchten. Sie bedurfte des Alleinseins nach diesem Martyrium, das ihre Nerven bis zum Versagen angespannt hatte. Eiligen Fußes wollte sie sich den langen Korridor hinabbegeben, aber da trat ihr plötzlich, aus einem Seitengange herumbiegend, ein Herr entgegen — Amthor! Er hatte gleich ihr schnell den Saal verlassen, in der Hoffnung, sie noch auf dem Wege ihrer Kabine einzuholen, damit er wenigstens ein Wort mit ihr ohne Zeugen wechseln konnte. Sie schrak bei seinem unerwarteten Anblick heftig zusammen. Nun stand er schon vor ihr. „Liebe Frau Eva, was haben Sie denn? Was ist. Ihnen denn geschehen?" Seine zärtlich besorgte Stimme machte sie erzittern. Wie gern hätte sie sich an sein Herz geflüchtet mit ihrem! Leid! Aber sie konnte ja nicht! Zugleich hörte sie vom unteren Ende des dämmrigen Ganges Stimmen herauf- schallen. Das peitschte ihre abgehetzten Nerven von neuem auf: wenn man sie hier mit ihm stehen sah — allein, so dicht beieinander? Und fast heftig drängte sie sich nun in dem schmalen Gauge an ihm vorbei: „Lassen Sie mich — ich beschwöre Sie!" Erregt stieß sie es aus, und im nächsten Moment war sie davongestürzt^ Bestürzt sah ihr Amthor nach. Sie wurde ihm immer unverständlicher. Dieses Ausweichen — sie floh ihn ja förmlich — diese verzweiflungsvolle Angst! Was war das alles denn nur? In seine Gedanken verloren, schritt er nur langsam vorwärts. Tritte und Stimmen dicht hinter ihm machten ihn dann plötzlich auffahren. „Pardon — Sie gestatten wohl?" klang es an sein Ohr. Schweigend machte er den Vorübergehenden Platz. Verwundert sahen sie in sein ernstes, fast finsteres Gesicht. Ein Stück weiter drehte sich die Dame neugierig noch einmal' in dem dämmrigen Gang nach Amthor um. „Der König von Thule geruht heute ungnädig zu, sein!" flüsterte sie bann spottend ihrem Begleiter zu. Amthor verstand die Worte nicht, aber ein leises Kichern schlug an sein Ohr. Da raffte er sich zusammen: hier war nicht der Ort, seinem Empfinden nachzugeben! Und auch er suchte seine Kabine auf. 274 xin. Abseits von der lärmenden Wesellschast saß Amthor, hart am Rande des jäh znr Tiefe «bstürzenden Vorgebirges, das die nördliche Spitze Europas bildet, und starrte rn die goldflüssige, weite See hinaus. „Heute nachmittag war die „Hamburg" ant Nordkap angekommen. Die lauge Reise quer durch dre arktische Wasserwüste war somit glücklich beendet, und der allergrößte Teil der Passagiere hatte erlöst aufgeatmet. Nun war mau ja allen Fährlichkefien entronnen. Von jetzt machte das Schiff ja nur noch Küstenfahrt bis Bergen hinab, in all die berühmten Fjorde Norwegens Hinern. Bon den Schrecken eines abermaligen Sturmes war nun nichts mehr zu befürchten — Gott sei gedankt! Sorglos konnte man sich den Freuden der weiteren Reise hingeben. So gestaltete sich denn der Aufenthalt hier oben auf dem Nordkap zu einem währen Feste, zu einer Art Riesen- ptcknick. Im milden Schein der Mitternachtssonne, bet einer Wärme wie an einem linden Sominertag, hatte sich alles ohne Mäntel und Plaids auf dem kahlen Felsen hingelagert, rings im Kreise nm den primitiven Bretterpavillon herum, der während bi beiden nordischen Saisonmonate hier oben in der Weltabgeschiedenheit zwei unternehmende! Händler mit ungezählten Körben Sekt beherbergt. Jeder sprach denn auch nun dem moMierenden Getränk zu, und eine allgemeine Animiertheit vereinte bald die ganze große Gesellschaft. Es herrschte eine Art Faschings st immnng; die starren Schranken gesellschaftlicher Zurückhalrung sielen unmerklich nieder, und von Gruppe zu Gruppe sprang Scherz und Lachen zündend hinüber. Nur eine blieb still inmitten all der rauschenden Fröhlichkeit ringsum: Eva Söllnitz. Sie hatte überhaupt unten auf dem Schiffe bleiben wollen, aber Mrs. Sanoerham und lier Kapitän hatten sie schließlich, halb mit Gewalt, gedrängt, mitzukommen. Sie müsse sich „ausrappeln" — das Alleinsein in ihrem Nervenzustande sei ihr ganz gewiß nicht gut! So war sie denn, dem Drängen endlich, müde nachgebend, mit hinaufgestiegen; aber ohne jede innere Anteilnahme war sie nun hier oben, mit äußerster Anstrengung nur nahm sie an der Unterhaltung wenigstens so weit teil, daß es nicht auffiel. Amthor war auch mit von der Partie gewesen, aber es hatte sich ihm keine Gelegenheit geboten, mit Eva Söll- Nktz allein zu sein, obwohl er mehrfach beim Aufstieg versucht hatte, das herbeizuführen. Schließlich hatte er die vergeblichen Versuche aufgegeben, und bald, nachdem sie oben angekommen waren und sich gelagert hatten, war er abseits gegangen. Der Lärm ringsum störe ihm die Stimmung, hatte er erklärt; er wolle das große Landschaftsbild eine Weile für sich allein genießen. So war er denn hinübergegangen nach dem Plätze, wo sie ihn jetzt sitzen sah, unbeweglich in die Weite hinausblickend mit einem ernsten, traurigen Gesichtsausdruck. In verzweislungsvollem Sehnen slog Eva Söllnitz' Blick in unbewachten Momenten zu ihm hin. Was hätte sie darum gegeben, hätte sie hin zu ihm können, seine Hand ergreifen und sich an seiner Schulter ausweinen können! Nur das. — Sie meinte ja zu ersticken an all dem Weh, das auf ihr lastete. Mein Gott, wie unsagbar unglücklich war sie! Und wie leid tat er ihr! Sie konnte sich ja so in seine Seele versetzen: Wie er sich zergrübelte über ihr verändertes Wesen, wie er aber keine Erklärung fand und sie daher für einfach unverständlich, für launenhaft oder charakterlos halten mußte. Ach, das war ja das Allerfurchtbarste, so von ihm mißdeutet zu werden, — all das zu verlieren, was sie so stolz und selig gemacht hatte. Und! das vor ihren Augen, vhne daß sie es ändern konnte. Es schrie ja freilich so leidenschaftlich in ihr, so qualvoll zu ihm hinüber: Wenn du wüßtest! Aber, sie mußte ja schweigen! Der Mund war ihr versiegelt durch die infame Art der Verdächtigung. Oder sollte sie doch reden — ihm wenigstens andeuten, was man ihr getan? War sie nicht etwa zu übertrieben in ihrem Feingefiihl? Eva Söllnitz begann von neuem zu grübeln und zu grübeln. Eine Stimme in ihr rief ihr ja immer lauter Und gebieterischer zu: Hinweg mit falscher Scham, willst du ihn dir nicht ganz verlieren! Was nutzt dir dein zartfühlendes Schweigen? Willst du selbst ihn damit von dir treiben? Rode, rede, ehe es zu spät ist! — Und doch konnte sie sich den Entschluß nicht abringen. Wenn sie sich! ihn« mitgetetlt hätte, wäre es nicht gewesen, als ob sie ihn» damit gleichsam die Pistole auf die Brust gesetzt hätte: Du siehst, wie die Leute deine Beziehungen zu mir auslegen. Willst du mich noch länger in dieser schiefen, mich aufs schwerste kompromittierenden Lage lassen? Werde dir klar über deine Gefühle für mich, und tue, was alsdann deine Pflicht ist! Das war es ja, was sie fürchtete, und — nein, nein! —' sie Tonnte es nicht. Lieber alles ertragen, als daß er von ihr glauben könnte, daß sie ihn mit solchem Mittel zu sich ziehen, ihn zu einer Erklärung nötigen wollte. So blieb denn bei ihr alles auf demselben Punkt, trotz der fieberhaft sich jagenden Gedanken —> es war eben nur ein Sichdrchen im Kreise, ein furchtbar ermattendes Abquälen, das nun wieder ein Zustand innerster Erschöpfung, stumpfen Hindämmerns ohne alles Denken, abiöfte, ein Zustand, den Eva Söllnitz aber fast wie eine Erlösung gegen jenes verzweifelte Umtreiben der Gedanken empfand. Die Zeit war hingegangen, es war um die zweite Morgenstunde. Der allgemeine Aufbruch erfolgte. Die Heine Gesellschaft, der Frau Söllnitz angehörte, und! zu der auch Amthor wieder zurückgekehrt war, wartete auf den Rat des Kapitäns, bis alle übrigen den Platz schon geräumt hatten; der steile Abstieg „mitten in der Horde"' sei wenig angenehm — er wisse das von keinen früheren Besuchen des Kaps her. So ging man Denn erst, als der letzte Trupp der Gesellschaft schon ein ganzes Weilchen vorauH war. (Fortsetzung folgt.) Vie Deformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräsiichen und ritterfchafttichen Orten des Wichen und südöstlichen Vogeisbe< Bon Pfarrer Zinn in Herbstein. Anmutig auf einem von allen Seiten faust ansteigenden 43Q Meter hohen Berge, zum großm Teile noch mit altehrwürdigen Mauern und Türmen umgeben, liegt das etwas über 1500 katholische Einwohner zählende Städtchen Herbstein inmitten der rein evangelischen Dörfer des östlichen Vogelsbergs, und in der Stadt selbst wohnt eine kleine evangelische Gemeinde von etwas über 100 Seelen. Im evangelischen Vogelsberg eine katholische Diaspora und in dieser hintvicdernm eine evangelische! Wie mag das gekommen sein? Die folgenden Ausführungm wollen dem Leser die Antwort geben, indem sie auf Grund lokalgeschichtlicher Einzelforschung nachzuweiscn suchen, wie die heutigen konfessionelles Verhältnisse im östlichen und südöstlichen VogelSbcrge geschichtlich geworden sind. Dabet wollen sie dem trefflichen Reformations- büchlein von Archivrat'Tr. Herrmann feine Konkurrenz machen, sondern bloß eine Lücke ausstlllen, die dieses Büchlein gelassen hat, und dem in großen Zügen meisterhaft skizzierten Ml de Herrmanns über den Verlauf der Reformation in Hessen für unser Gebiet etwas heimatfrohe Lokalfarbe auftragen. Mit liebevoll sich iuZ Einzelne 'vertiefender Sorgfalt wollen sie aufzeigen, wie die große religiöse und geistige Bewegung des 16. Jahrhunderts, die von Wittenberg ausging, bis ins abgelegenste Dörfchen unseres Vogelsbergs hinein ihren Wellenschlag hatte und wie die Worte Luthers in schlichten Bauentherzen verständnisvollen Wiederhall sanden. Auf Grund gewissenhafter Durchforschung der vorhandenen gedruckten Sitteratur und an der Hand vieler bisher noch ungedruckter, vom Verfasser gefundener und mühsam zufammengesuchter archivalischer Materialien soll der Nachweis erbracht werden, wie in der ersten Hülste des 16. Jahrhunderts die ehemals landgräflichen und Riedeselscheu Orte des östlichen Vogelsbergs mit Einschluß des ehemals fuldischen Städtchens Herbstein nach und nach sämtlich evangelisch wurden, wie aber dann in der zweiten Hälft« des Jahrhunderts mit dem Regierungsantritt des Fürstabts Balthasar von Dernbach eine von den Jesuiten geförderte katholische Gegenbcwegung einsetzte, die alle Widerstände zu überwinden wußte und schließlich den Erfolg hatte, daß Herbstein und alle unmittelbar der fuldischen Regierung unterstehenden Otte der Wtei im Anfang des 17. Jahrhunderts wieder katholisch wurden. Nur in den landgräflichen und ritterschastlichen Orten hat sich der evangelisch« Glaube durch die Nöte und Drangsale des 30 jährigen Krieges hindurch behaupten dürfen. Bon diesen Kämpfen und Leiden unserer Vorfahren, von unterliegenden und siegenden Gemeinden wollen wir berichten. D!örfer und Einzelhöfe, die längst verlassen und wüste geworden sind, über deren Stätten Gras und Bäume gewachsen sind Und der Bauersmann seinen Pflug führt, wollen wir wieder vor unserem Geiste erstehen lassen und ihre Namen Und Schicksale in das Gedächtnis der Nachwelt schreiben. unseren Lehrern und Pfarrern hoffen wir damit ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, da§ trotz 276 ein wenig dazu im die trostlose Kirchenlehre, das „Gottes Wort, du bist der Morgenstern, Wir können dein gar nicht entbehr»; Du mußt uns leuchten immerdar. Sonst sitzen wir im Finstern gar." Erwirb er, um es zu besitzen!" k Die religiös-sittlichen und die kirchlichen Zustände östlichen Vogelsberge kurz vor der Reformation Dr. Marlin Luthers. sieben Siegeln. Von Jesus und seiner Liebe zu den armen und verlorenen Menschenkindern wußte man säst nichts als s) Gemeint ist Salzschlirf und nicht Altenschlirf, wie allgemein nach dem Vorgänge Schannats irrtümlich angenommen wird. Bgl. meine Ausführungen in Nr. 3 der „Lauterbacher Geschichtsblätter", !) Nach Krätzinger, Verstehest dn auch!, w!as du singest!, Darmstadt 1885, S. 52. Nach Herrmann, Hess. Reförmationsbüchlein, S. 87, käme auch Staden in der Wetterau als Geburtsort des berühmten Dichters in Betracht. . „ 8) Per gl. Archiv f. Hess. Gesch. und 'Altert. W. V, Heft 1, IV S. 105 solcher Kirchenlehre es wagen, vor Gottes Angesicht zu kommen uttö getrost und mit aller Zuversicht ihn zu bitten wie ein liebes Kind seinen lieben Vater? Wie ein zerschlagenes und verschüchtertes Kind vor dem zornfunkelnden Blick des allzu gestrengen Vaters sich hinter der Mutter verbirgt und, was es vom Vater will, stets der Mutter sagt, so wagte auch der Fromme des Mittelalters nur mittelbar durch Fürsprache der Heiligen sein Anliegen vor Gott zu bringen. Neben Gott stand die heilige Anna auf der Glocke zu Babenhausen und im Herzen aller Gläubigen. Wie der junge Luther einst in Todesnot auf die Knie sank und rief: „Hilf, heilige Anna, ich will ein Mönche tverdeu!" so glaubten auch unsere Vorfahren im Vogelsberg nur im Vertrauen auf die Fürsprache der heiligen Anna und der anderen Heiligen vor Gottes Zorn bestehen und durch Gelübde und Opfer, durch lange und häufige Gebete, durch Wachen und Fasten, durch Wallfahrte» und allerlei Selbstpeinigungen sich Gottes Gnade verdienen zu können. Noch heute lebt unbewußt in unseren Bauern die Erinnerung an diesen Glauben von ehemals,' wenn sie in Krankheitsnos ein Opfer an die Meicheser Toteukirche, diese ehemalige katholische St. Georgskapelle auf altheidnisch-heiligem Boden, geloben, oder wenn sie halb im Scherz und halb ärgerlich zu einem unverbesserlich dummen und ungeschickten Menschen sagen: „Geh' nach Meiches und laß für dich beten!" Alljährlich findet, heute noch, am 2. Ostertage dort an altheiliger Statte ein evangelischer Gottesdienst statt, der aus der ganzen Umgegend besucht wird. Sogar die Katholiken aus Herbstein sollen vor 50 Jahren noch zahlreich zu diesem Gottesdienst erschienen sein. Wie besucht mag diese Kapelle erst gewesen sein, wie noch der Glaube an St. Georg und die Heilkraft seines heute noch von Minden und Augenkranken ausgesuchten Taufsteins in voller Blüte stand! Doch verdienstlicher noch und heilkräftiger als ein Bittgang nach Meiches war eine Wallfahrt nach Fulda zu ben Gebeinen des Bonifatius oder nach Marburg zum Grabe der heiligen Elisabeth. Die Stadt Marburg und die herrliche gotische Elisabethcnkirche dort verdanken solchen Wallfahrten und den Mtt- und 'Dankopfer» der Pilger ihre Entstehung. Und halfen auch die Heiligen und ihre göttlich verehrten Gebeine nicht, bann tats vielleicht das Stück Holz vom Kreuze Christi, das als köstlichste Reliquie die Kirche von Schlierst) bewahrte. Als letzte Zuflucht in Leibes- und Seelennot aber blieb noch die blutige Hostie, die die Mönche von Gottsbüren angeblich im nahen Rcinhardswalde gefunden hatten Und gläubigen Pilgern für Geld vorzeigten. Die an barem Gelde dort in den Opferstock gelegten Gaben betrugen in nicht vollen 4 Jahren (1334—1338) 936 Mark, reinen Silbers (= 22 464 Gulden). • Was das nach heutigem Gelde etwa bedeutet, kann man daraus ermessen, daß der Erzbischof von Mainz. von dem ihm zustehenden Drittel dieser Gabe» eine vollständige Burg mit allen Gebäuden erbauen und mit einem in Felsen gehauenen Graben und mit festen Ringmauern umgeben konnte, die Zapsenbnrg (Sababurg), die Mainz dann als Schutz seiner wirklichen oder vermeintlichen Hoheitsrechte gegen den Landgrasen benutzte. Mit dem grenzenlosen, von der Kirche genährten Mirakelglauben verbündete sich beim unwissenden Volke ein urwüchsiger heidnischer Aberglaube. Man glaubte mit altertümlichen aus der heidnischen Vorzeit ererbten Zauberformeln und Feuerbräuchen die Menschen und Tier« gegen allerlei Seuchen und Unholde schützen, die Felder fruchtbar machen und von ihnen Hagel und von den Häusern Blitz unb Feuer abhalten zu 'können. Das Wasser, das man schweigend am Ostermorgen mit nach der Sonne gewandtem Blick flußabwärts fchöpfte, schützte, unter das Bett gestellt, die Kranken vor Wuird- liegen, und das in der hl. Weihnacht geschöpfte Wasser, heute noch in unserer Gegend als „Christa" (— Christaha oder Christ- Wasser) bekannt, bewahrte das Sauerkraut vor dem Verderben« Es würde zu weit führen, wenn wir auf all den Aberglauben, der damals geglaubt und von der Kirche sogar legitimiert und mit kirch- lichen Weihen sanktifiziert mürbe, eingehen wollten. Wohl gab! es Priester genug, die das Volk von solchem Mirakel- und Aberglauben hätten heilen sollen. In Herbstein allein standen ihrer fünf, ein Pfarrer und vier Mtaristen; in Crainfeld und Freiensteinau, in Heisters und Stockhausen, in Landenhausen und Salzschlirf, in Angersbach und Schlitz, in Grebenau und Msfeld, in Meiches und Felda, in Breidenbach und Oberod, in Babenhausen und Ulrichstein und wohl auch noch an anderen Orten standen Pfarrer, Plebane (Dorfgeistliche) und Aldaristen, und in Lauterbach war der Sitz eines Erzpriesters. Mer sie waren meistens nicht studierte Leute unb entweder selber so unwissend, daß sie den Aberglauben und Mirakelglaube» des Volkes teilten oder klug genug, um daraus für sich und die Kirche Vorteil zu ziehen. Ums Geld drehte sich damals alles. Geld war die erste Großmacht innerhalb und außerhalb der Kirche. Darum nennt es die Glocke von Bobenhausen an erster Stelle. Grade dort hatten Jahrzehnte lang adlige, jeder theologischen Bildung entbehrende Pfarrer als bloße Pftündengenießer die Pfarrstellen inne und ließeir den Pfarrdienst ‘burdj schlecht bezahlte und un- genügend gebildete Mtaristen versehen. Wer nicht nur Pfarrstellen, auch die kirchlichen Weihe.» und Gnadenmittel, Dispense seiner Lücken Und WängÄ, die dem Verfasser selber am schmerzlichsten bewußt sind und in der Unzulänglichkeit gesicherter Ueber- lieferung ihre Entschuldigung sinden mögen, wohl ein wenig dazu dienen kann, den Geschichts- und Religionsunterricht anschaulicher |ttnb bodenständiger und damit lebendiger und eindringlicher tzu machen. Meinen lieben Vogelsberger Landsleuten aber hoffe ich durch den dargebotenen Lesestoff die heimatliche Erde, auf der Innere Vorfahren mit Herzen wie wir gelebt und gelitten, gekämpft Und gehofft haben, um so lieber und daS geistige Erbe der Reformation um so teurer zu machen. Kenntnis der Vergangenheit allein lehrt die Gegenwart und ihre Aufgaben richtig verstehen. Nur der Unwissenheit und oberflächlichen Halbbildung können die religiösen und sittlichen, die geistigen und kulturellen Güter, ton die es sich da handelt, gleichgültig und wettlos erscheinen vor den materiellen Fragen der Gegenwart: Was sollen wir essen? was sollen wir ttinken? womit sollen wir uns kleiden? ®er Kenner der Geschichte menschlichen Geisteslebens beugt sich in Ehrfurcht vor den unsichtbaren unb doch so realen Wahrheiten, Kr die je und je die besten und größten Menschenkinder sich ein- vesetzt und geopfert haben. Airs der Vergangenheit vermmmt Br die Mahnung für die Gegenwart: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, Dies Work ans einem Kinderliebe unseres hessischen Lands- Mdnnes, des angeblich 1500 zu Engel rod') als Sohn eines Schullehrers geborenen nachmaligen Pfarrers »nd Reformators des Ländchens „Treieich", Erasmus Alberns, dem unser Gesangbuch auch das schone Himmelsahttslied Nr. 95 verdankt, stellen wir mit Absicht Unserer Betrachtung voran. Denn es Sinket uns nicht bloß von dankbarer Freude an dem durch Luther wieder gebrachten Evangelium, sondern läßt auch ergreifend ahne» und mitempfinden, was vordem her Besten Wunsch und Sehnen war. Lange,, lange war der Quell des göttlichen Wortes verschüttet gewesen in der Kirche des Mittelalters durch allerlei Menschenlehre und Priester- satzung, und wo noch mühsam und spärlich ein paar Tröpflein göttlicher Wahrheit hindurchrieselte», waren sie getrübt von heidnischem Aberglauben. Wer dieses Urteil über die Zeit vor der Reformation Mr unser in Betracht gezogenes Gebiet nicht gelten lasse» wollte, der lese die Inschrift, die noch 1521 der damalige Pfarrer von Bobenhausen bei Ulrichstein auf eine neugegossene Glocke setzen ließ: „Gelt. Got. Sant Anna, selb drit.“2) Diese Inschrift kennzeichnet den Geist der Seit besser als viele E'chriebene oder gedruckte Worte es hätten tun können. Der ocke, dieser für Jahrhunderte bestimmten gottgeweihten Ruferin zur Andacht, der frommer Sinn gern das Höchste anvertraut, was Menfchenherzen erheben, und das Tiefste, was Menschenseelen bewegen kann, weiß der Sprecher der Gemeinde nichts Besseres in den ehernen Münd zu legen als die Erinnerung an die das Bolksaemüt in Ernst und Scherz beherrschende merkwürdige Trinität: Geld, Gott und Sankt Anna. Wie glaubens- unb gedankenarm muß diese Gemeinde mit samt ihrem Pfarrer damals gewesen sein! Und wie in Bobenhausen, so mag8 auch anderswo gewesen fein. Ein passendes Bibelwort voll wuchtigen, das Gewissen weckenden Ewigkeitsgehaltes kannte offenbar weder der Pfarrer noch einer aus der Gemeinde. Die vom Papst verbotene, tn den Bibliotheken verstaubende, fremdsprachige Bibel war ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Von Jesus und seiner Liebe zu beit schenkindern wußte man fast nichts als , .aß er sich einst auf Golgatha für die Sünde der Welt als blutiges Sühnopfer dem Zorne Gottes zur Versöhnung geopfert habe und daß er sich jeden Tag aufs Neue in unblutiger Weise durch den Priester auf dem Altar der Frühmesse opfern lasse denen zu gut, die fleißig zur Kirche kommen sind dem Papst und seinen Bischöfen unb' Priestern untertänig sind. Gott, den die Glockeninschrift erst an zweiter Stelle nennt, kannte man nicht mehr als den Vater Jesu Christi, der feinem Kinde auch große Sünde vergeben unb vergessen kann, wenn es „Buße tut", d. h. seinen „Sinn ändert", sondern als de» über Hölle und Fegfeuer tronenden Richter, dessen „Gerechtigkeit" es verlangt, daß sein fündloser Sohn für die Sünde der Menschen S'amen Tod erleidet, und der in unerbittlichem Zorne den er Strafe und Pein leiden läßt unb erst bann wieder freundlich blickt, wenn auch die kleinste Uebertretung seiner despotischen WtlMrgebote gesichert ist. Welcher Sterbliche durfte angesichts 276 bi h. Wefietung von der ErWlung göttlicher toti> menschlicher Gebote und Lösung getaner Eide und Gelübde waren für Geld zu haben. Für Geld betete die Kirche die Seelen der Toten aus dem Feg- seuer, und für Geld erließ sie die Strafen für Sünden, für begangene und bereute nicht bloß, sondern auch Mr unbereute und fogar Mr solche, die einer noch begeben — wollte. 'Die bekannte Erzählung, daß der Mörder des schamlosen Ablaßhändlers Tetzel, dem man das frivole Wort in den Mund legte: „Wie das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt", sich von diesem zuvor erst noch Ablaß Mr seinen beabsichtigten Mord gekauft habe, hatte in Hessen tatsächlich ihr Gegenstück in jenem Schneider von Hatzfeld, der im Zorn einen unwürdigen Priester erschlagen hatte. Darob in Acht und Bann geraten, ging er nach Rom und kaufte sich Ablaß Mr zwel'Tvtschlagssünden. Wieder heimgekehrt, zeigte er trotzig seine Ablaßzettel den Pfarrern von Biedenkopf und Battenberg und drohte, daß er jeden totschlagen werde, der ihn noch weiterhin wegen seines Verbrechens beunruhigen werde. Die Pfarrer sollen davaufhin wirklich ihn in Ruhe gelassen haben?) Allgemein war die Klage über das Conkubinat der Priester, über die heimlichen Ehen und über die Unsiltlichkeit der Mönche und Nonnen?) Pfarrhäuser und Klöster, die Pflanz- und Pflegstätten der-Gottesfurcht und christlicher Tugend und Gesittung fein sollten, waren Aergernis erregende Brutstätten aller Laster geworden. Kein Wunder, daß Priester, Mönche und Nonnen beim Volk aufs tiefste verachtet waren. 'Dabei war das ganze Land dicht mit Klöstern und Ordensniederlassungen besetzt. Wer fast keine hielt sich noch an die strengen Regeln des Ordens. Von G r ü n - berg und Marburg kamen die Franziskaner mit dem Bettelsack, und von letzterem Ort und von Treysa durchzogen die Dominikaner milde Gaben heischend das Land. Das Predigen aber hatten si« längst verlernt. Sie verpraßten die Mmosen in ihren Klöstern und, wenn man ihnen Schwierigkeiten machte, mieteten oder kauften sie sich eigene Häuser, wo sie frei von den Regeln des Klosters und ungeniert ein liederliches Leben führten. (Fortsetzung folgt.) s—--- Vergl. Hessenkamp, Hess. Kirchengeschichte, Bd. I S. 29. ") Vergl. zu den folgenden AusMhrungen Hessenkamp a. a. O. S. 9—32 und Heppe, Kirchengeschichte beider Hessen. Bd. I S. 85—117. kulturgeschichtlicher vom Maiglöckchen. Eine Erzählung der Kosaken erklärt den Ursprung des Maiglöckchens folgendermaßen: „Als Christus im Hofe des Pilatus von den Knechten gepeinigt wurde, trat' eine Mutter mit ihrem Kinde herzu. Als der Knabe die Qualen Christi sah, wollte er ihn aus den Händen der Peiniger befreien, meinte und bat, man möge Jesus verschonen. Da schaute Christus auf den Knaben und fing an zu meinen, die Tränen aber flössen über sein Gesicht und fielen auf die Steinplatten des Hofes. Da brachen die Platten und aus ihren Spalten erhoben sich die schneeweißen duftenden Blüten des Maiglöckchens." (Oskar Dähnhardt, Natursagen. Leipzig 1909, Bd. II.) Nach märkischer Volksüberlieferung sollen die Maiglöckchen aus den Tränen der an Christi Grab weinenden Maria entstanden Sin. Vermutlich war das Maiglöckchen der heidnischen Göttin stara heilig, denn seine Spur läßt sich noch in späteren Sagen nachweisen. Die allbekannte weise Frau erschien zuweilen mit Maiblumen, und der greife Burgvogt Kuno auf Sebenstein erzählte, daß er sie öfter beim Mondschein in der Burgkapelle gesehen habe. Im Schloß zu Wohlfahrtsweiler liegt ein Schatz verborgen, um dessen Willen alle sieben Jahre eine weiße Jungfrau mit einem Strauß von Maiblumen erschien, und merkwürdigerweise mußten gewisse Grundstücke einzelner hessischer Dorfschaften, i- B. zu Orpheröde, jährlich einen Strauß Maiblumen zinsen. Es ist schade, daß der Ursprung nicht bekannt ist, vermutlich lebte einst em sehr guter Lehnsherr, der von armen Leuten keinen Zins nehmen wollte und sich deshalb nur einen Strauß von Maiblumen bedingte. (Diese Erklärung des bekannten Erforschers der Pflanzensagen A. Ritter von Perger erscheint mir zweifelhaft, jedoch kann ich eine andere Erklärung nicht beibringen.) Wir Städter kaufen heutzutage die Maiglöckchen von den Händlern auf den Straßen und in den Geschäften und wissen nicht, daß wir uns dadurch all der Zauberkräfte berauben, die den Maiglöckchen verliehen sind, wenn sie braufeen im Walde und in der fieren Natur gepflückt werden. Das Maiglöckchen, das von der kleinen Hand eines reinen Mädchens im Walde unter gewissen moosbewachsenen Bäumen gepflückt wird, bringt für das ganze Jahr der Familie des Mädchens Glück, ja, darüber hinaus, wie manche sagen, auch dem Herzen des Mädchens. Nach dem Glauben anderer Gegenden kann Man mittels Mäi- glockchen das widerspenstige Schicksal beeinflussen. Steckt man heimlich Maiglöckchen in einen Malwenstrauß und bietet sie einem jungen Mann und einem jungen Mädchen an, die einander nicht kennen oder die miteinander schmollen, so ist die Wirkung unfehl- die^beiden Empfänger der heimlichen Maiglöckchen müssen sich suchen und finden sich stets. Einst war ein mächtiger Zauberer in Liebe zu einer wunderschönen Elfe entbrannt, die seine Neigung nicht erwiderte. Da raubte er sie in einer Vollmondnacht, um sie auf seinem Felsenschloß zu bringen. Aber als der Räuber die Unglückliche durch einen schattigen Wald trug, wurde sie von einer gütigen Fee, die ihr hold war, in die liebliche weiße Maien- btume verwandelt, und so fand sie der Zauberer nimmer. Darum sollen diejenigen Mädchen, die vor dem Zwange stehen, einem ungeliebten Manne in die Ehe zu folgen, m der Bollmondnacht m den Wald gehen, die Blume pflücken und auf ihrem Herzen aufbewahren: dann hat tyrannischer Wille keine Gewalt über sie. — Nach einer anderen Sage beginnt das Maiglöckchen zu läuten, wenn ein junger Bursch ober ein Mädchen dahergeht, dem sein Schatz die Treue gebrochen hat. Auf einem waldigen Hügel in Ostpreußen, wenige Meilen von Königsberg weg, steht eine mächtige Tanne, in deren Schatten ein Mädchen allabendlich den Liebsten zu erwatren pflegte, eines Abends aber kam sie vergebens, und an dem silbernen Klingen der Maiglöckchen, die unter dem Baume blühten, erkannte sie, daß ihr Bräutigam si« verlassen habe. In der Verzweiflung gab sie sich den Tod und wurde auf dem Hügel bestattet. Noch heutigen Tags aber blühen auf dem Hügel die weißen Blumen. Als die poetische Anschauung der Blumenwelt verschwand und die Quacksalberei vorherrschend wurde, war das Maiglöckchen nicht mehr die Lieblingsblüte einer Göttin, sondern wurde zu allerhand medizinischen Zwecken benutzt. Rach alten Kräuter- kmchern sollte sie ein flüchtiges Salz enthalten, das meist mer- kurialisch wäre und sogar schweflige Bestandteile mit sich führte. Dieses flüchtige Salz sollte es fein, welches die weitgehenden Heilwirkungen hervorbrachte, die man der Maiblume zuschrieb. Si« sollte nämlich die Lebensgeister stärken, hauptsächlich aber das Gehirn,- die Nerven und den Nervensaft, weswegen sie als ein vortreffliches Mittel gegen alle Kopfkrankheiten wie Schwindel, Schwerenot (Epilepsie), Schlaflucht, Melancholie, besonders auch gegen Schlaganfälle und ihre Folgen angesehen wurde. Sehr interessant ist die Anwendung des Maiglöckchens beim Schlaganfall, bei welchem sie vor allem als Niespulver zur Anwendung kam. Mit diesem Wunderpulver sollte man nämlich die von einem Schlaganfall Betroffenen ermuntern und aufwecken können, besonders wenn man mit „Anrufen, Rupfen und scharfen Klystieren" anhielt und sich starkriechender Sachen, wie „Salämmonhiakspiri- tus", die man vor die Nase brachte, bediente. Auch konnte man M aiblurnenspirituS in den Mund schütten. Sobald sich aber der Patient ermuntert hatte, mußte man ihn nach der geltenden Vorschrift munter erhalten und ihn hin- und herschleppen, je nach dem BeMnd eine Äderöffnung und dann mit dem sog. Schlagwasser fortfahren, dessen wesentlicher Bestandteil ebenfalls Maiblumen- spirituS war. Maiblumenessig fehlte in keiner mittelalterlichen Hausapotheke als Mittel gegen die gefürchtete Pest. Auch di« Wurzel der Convallaria hatte ihre Heilwirkungen. Abgesehen davon, daß sie gegen weißen Fluß und Impotenz verwendet wurde, sollte sie auch eine erwärmende und zerteilende Kraft haben und alles „geronnene oder tote Geblüt so von Stoßen, Fallen, Schlagen Und dergleichen Zufällen" herrührt, ebenso auch Müler und Flecken zerteilen und vertreiben, ferner eine zarte bind weiße Haut machen, weswegen sie ein Bestandteil von Schminken war. Auch in den bekanntesten Schönheitstvässerchen unserer Vorfahren, „Abwasch- Wasser der Königin von Dänemark", waren Maiblumen ein Hauptbestandteil. Als Mittel gegen Epilepsie überliefert M. Höfler in seiner „Volksmedizinischen Organotherapie" von 1685 folgendes Rezept: „Ree. Menschengehirn 3 Pfund, Wasser von Meyen- blümichen, von Lavendel, Schlüsselblümichen, Malvasier ä 3 Pfd., infnndiers 5 Tage, dann destillirs in Mariae Balneo". Zum Schluß sei noch einer freundlicheren Bedeutung des Maiglöckchens gedacht. Sie brachte Glück in der Liebe, und deshalb! heißt es auch in der „Bedeutung der Blumen" (Grimm, Altdeutsch« Wälder I, Nr. 20): „Wer sein lieb mit freuden anefabet und et hofft noch große freube zu eutphaenn, der sollt mayblumen tragen"« Georg Koerner. Logogriph. Mit „H“ trieb's Manchen schon zurück. Der in der Fremde sucht fein Glück. 1 Mit „L“ fügt Alles man zusammen, WaS auseinander ist gegangen. Mit „R“ wollt's wohl schon Mancher fügen. Doch ließ sich dies und das nicht biegen. Mit „8" kannst Du's int Haushalt sehn, i Recht süß schmeckt es und angenehm. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nnmmerr H 0 L Z 0 B 0 E L 0 K I Z E I T Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brübt'fchen Umversiiäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Diel»