M Glückslasten. Roman von Hanns von ZobeltiA- (Nachdruck verboten.), (Fortsetzung.) Es schien, als ob nun auch Bill verlogen und immer verlogener ,wurde. Als ob er j-etzt, tycitt erst, all die Schäden, die Zeit rind Verwahrlosung gerissen, sähe. Wie er nach bent ersten Rundgang die Damen endlich in ihren Zimmern allein ließ, sagte er leise: „Ich fürchte, du hast einen üblen Eindruck gewonnen, Signe."' Sie erzwang -ein -Lächeln: „Man wird vieles ohüe große Mühe bessern können." Aber als -er dann gegangen war, sank sie müde -aus den nächsten Stuhl. Mutter stand am Fenster, spähte durch die blinden Scheiben, stöhnte: „Polnische Wirtschaft! Polnische Wirtschaft! Du solltest nur da drüben das Dach sehen, Signe, aber sieh es dir lieber nicht an . . ." Was hatte die Fürstin doch beim letzten Abschied in Rom -gesagt: „Grüßen Sie mir -auch- Schloß Hoburg, liebe Signe. Es ist höchst eigenartig. Ich sah es zuni letzten Male vor einem Vierteljahrhundert, aber es wird sich nicht verändert haben. Bill ist ha so pietätvoll." Wohl -eine Viertelstunde starrte Signe vor sich hin, gradaus auf einen Fleck auf der schmutzigen Seidentapete. Da mußte ein-Bild gehangen haben; das Nagelloch klaffte noch. Später war-das Bild heruntergefallen, weil der Nage-l nachgegeben hatte; er-hatte die Seide zerrissen, die nackte Mauer sah durch den Spalt. Der Zorn kam über sie. Ein ehrlicher Zorn. Wie konnte Bill sie hierher führen, ohne vorher die gröbsten Schäden beseitigt, lohne ihr und Mutter wenigstens -ein -behagliches Zimmer bereitet-zu haben?! Es gab- einen Augenblick, in dein sie entschlossen war, sofort -äbzureisen. Dazwischen hörte sie Mutter nervös lachen: „Ein Fürstensitz — und dem Lümmel von Diener, der die Koffer brachte, fehlten zwei Knöpfe an der Livree." Dann kam die Ueberlegung: „Es ist eben eine Aufgabe, der du dich gewachsen zeigen mußt. Schließlich ist's mehr eine Geldfrage, als etwas anderes. Wir wollten ja zuerst auf Reisen gehen, inzwischen kann viel geschehen." Signe wurde ruhiger. Der Stachel freilich blieb : wie konnte Bill mich hierher bringen! Aber sie war bereits entschlossen, ihm ihre Verstimmung nicht zu zeigen. Sie bat auch Mutter sich zu beherrschen. Sie hatte tausend Vernunftgründe — und sie dachte doch dabei: „Das war wie der erste Vorgeschmack eines bitteren Trunkes. Du wirst ihn bis zur Neige leeren müssen." So verlief das Diner äußerlich ganz harmonisch. Herr Brumer, der Güterbirektor, war noch hinzugezogen, ein eitles kleines Männchen mit gesalbtem Scheitel und sehr unterwürfigen Manieren. Auch seine Anwesenheit legte eine Reserve auf. Ganz ruhig sprach Signe von ber Not- wenbigkeit durchgreifender Reparaturen; ber Prinz beeilte sich, etwas beschämt lächelnd, zuzustimmen; Mutter war schon halbwegs getröstet, baß wenigstens die Küche vortrefflich schien. Schließlich würbe sogar ein wenig über die „schlesische Polakei" gelacht. Aber in der Nacht lag Signe schlaflos- in dem gewaltigen Himmelbett. Ihre Augen irrten in dem großen, oben Raum umher, beit ber helle Mondschein noch um wirtlicher erscheinen ließ. So öde — so öde — Und wie ein Alp legte es sich ihr auf die Seele: so öde wie dieses Zimmer wird deine Zukunft sein! Sie biß sich auf die Lippen, bis sie schmerzten. Sie kämpfte mit sich: schließlich war sie doch ein Faktor, ber. sich nicht ausschalten ließ! Der immer entscheibenb mit- sprech-en würbe, wenn es sich um bie Lebensgestaltung! handelte! Bill liebte sie, sie mußte ihn leiten, führen — beherrschen, wenn es nötig ivurbe. Aber immer wieber unb immer näher schienen die oben Zimmerwänbe heranzukriechen, als ob die sie einschließen unb nieberzwingen wollten: Wir sinb stärker als bu! Wir spotten beiner! Sperre dich nur! Versuchs nur gegen uns! Wir sind bie Trabition, und bie Ueberlieferuna ist immer siegreich: bu änberst Hoburg nicht/ bies alte Schloß nicht unb seinen Herrn nicht! * Mutter hatte vortrefflich geschlafen. Sie sah alles schon im rosigen Licht. Natürlich mußte Bill tüchtig in bett Beutel greifen! Auch Vater mußte bas seimige tun. Die Ausstattungspläne mußten grünblich revibiert unb erweitert werden. Für Gelb ist alles zu haben. Es war Mutter sogar eine Genugtuung, hier ein neues F-elb bes Wirkens unb Schaffens vor sich zu sehen. Unb bie kleine Demütigung, bie bas für ben Schwiegersohn mit sich bringen mußte, war ihr auch nicht unlieb. Er war ja immer sehr rücksichtsvoll, aber er hatte doch bisweilen etwas . . . nun . . . man möchte fast sagen: etwas Herablassenbes. Sie sagte h-ent zum ersten Male: „Lieber Schwiegersohn . . ." unb recht bestimmt: „Ich werbe von Berlin gleich einen tüchtigen Architekten schicken. Der soll uns erst einmal einen Anschlag aufstellen." -Signe sah übernächtig und elend aus. Hoburg betrachtete sie mit ängstlichen Äugen unb suchte sich selber mit einem Scherzwort zu täuschen: ob ber kleine Kapuziner ihr erschienen sei, das Schlohgespeirst, ber Geist des letzten Schloßkäplans, der seit bem Uebertritt ber Familie zum reformierten Glauben umgehe. Sie überwand sich und lächelte unb plauderte. So gingen die wenigen Stundeit bis zur Abreise leidlich vorüber. Auf der Station mußten sie eine Viertelstunde bis zur Ankunft des Zuges warten. Mutter hatte noch etwas mit ihrer Zofe zu verhandeln; das Brautpaar schlenderte lang- 138 sam auf dem Bahnsteig aus unb ab. Bill schwieg zuerst. Aber dann sagte er plötzlich: „Signe, ich fühle, datz du mir zürnst. Ich hätte dich nicht hierher bringen sollen, ehe ich nicht einigermaßen Ordnung geschaffen habe. Ehrlich gestanden, ich hatte gar keine Augen für den Verfall — ich habe überhaupt nie sonderliches Interesse für Hoburg gehabt. Bitte, sei mir nicht böse." Er sagte das so offen, so rückh-altslos, datz es sre wirklich versöhnte. Sie war ja froh, sich eine Brücke schlagen zu können. „Laß gut sein," antwortete sie. „Wenn ich enttäuscht war, so ist es überwunden." Und nach einer kleinen Pause setzte sie Hinzu: „Ich danke dir, datz du die Sache noch eimnal berührt hast." Der Zug fuhr ein. Bill küßte Signe die Hand. „Ihr habt hoffentlich bessere Fahrt zurück als hierher. Es' ist ein Gewitter int Anzug." Er half Mutter in den Wagen. „Auf Wiedersehen in acht Tagen." Und dann stand er noch, grüßend und winkend, bis der letzte Wagen bei der nächsten Kurve verschwand. Es zog wirklich ein Gewitter heran, doch es' kam nicht zur Entladung. Ein paar Regentropfen an der Fensterscheibe — das war alles? IM Coups eine drückende Schwüle. Mutter saß ganz zusammengesunken in ihrer Ecke. Signe starrte durch die Fenster aus die fahle Wetterwand am Horizont. Dann und wann wechselten sie ein paar Worte; daun sanken sie wieder in das dumpfe Schweigen zurück. Einige Male versuchte Signe, den versäumten Nachtschlaf nachzuholen; es gelang ihr nicht. Sie wollte lesen. Es ging nicht. Nicht nur der unerträglichen Hitze wegen: ihre Stimmung war so eigen aufgewühlt und Zerrissen. Sie wollte sich immer wieder an Bills letzte Worte aik- klammeru — was durfte, konnte sie int Grunde mehr verlangen, als seine Bitte itint Entschuldigung! — aber die Eindrücke des letzten Tages waren doch zu niederschmetternd. Und so oft sie sich wiederholte: „Es sind ja nur Aeußerlichkeiten" r- sie kam uicht darüber hinweg. Ihr war's, als sähe sie hinter dem äußeren Verfall den inneren Marasmus, durch den nun ihr Leben gehen solle. Endlos schien ihr die qualvolle Fahrt. Als der Zug in den menschenüberfüllten Frankfurter Bahnhof entrollte, stand sie aus und trat ans Fenster. Der Schaffner riß die Tür auf. Da sah sie im Gewühl einen Zeitungsverkäufer. Sie winkte ihn heran und kaufte ein Berliner Abendblatt. Vielleicht half es ihr doch über die letzte Strecke hinweg. Aber es lag dann lange auf ihren Knieen, ohne daß sie es ansah. Einmal nahm Mutter das Blatt auf, legte es wieder hin: „Ich kann nicht lesen; es flimmert mir vor den Augen." Sie hatte die Zeitung aber doch auseinandergefaltet. Und nun fiel Signes Blick zufällig auf eilte, großgedruckte Notiz, auf einen Namen, der ihre Aufmerksamkeit erregte. „August Kühnes Selbstmord" hieß e§ da. „Wir meldeten schon heute früh, daß der allbeliebte Komiker in seiner Wohnung, Genthinerstraße 134, gestern abend tot aufgesunfden wurde. Es ist inzwischen bis zur Evidenz festgestellt worden, daß Selbstmord vorliegt. Hinterlassene Briefe lassen keinen Zweifel daran zu. Näheren Bekannten fiel übrigens schon seit Monaten das verstörte, scheue Wesen dös unglücklichen Mannes auf, der überhaupt, tote merkwürdigerweise so- manche Bühnenkünstler, die allabendlich Hunderte durch ihre Kunst erheitern, einen Hang zur Melancholie gehabt hat. Freilich geben Eingeweihte auch traurigen Familienverhältnissen schuld. Die Gattin August Kühnes, eine stadtbekannte Schönheit, ist auf einer Reise int Ausland begriffen." Signe schloß die Augen. Sie war tieferschüttert. Das Bild des kleinen Mannes, sein auffallend häßliches Gesicht mit den wunderschönen Augen tauchte vor ihr auf. Zum Greifen deutlich. Sie sah ihn vor sich!, wie er auf der Probe zu dem großen Wohltätigkeitsfest an sie herangetreten war, als sie den Neumannschen Kindern Märchen erzählte. Sie sah feinen todtraurigen Blick. Und sie sah! ihn dann beim Souper neben der bildschönen^ üppigen Frau. Plötzlich schrak sie jäh zusammen: Hardi! Auf der anderen Seite der Blondine hatte Hardi gesessen! Nur mit ihr hatte er getanzt! Und sie erinnerte sich der Blicke, die zwischen beiden herüber- und hinübergegangen waren — Hardi! Sie sah zur Mutter hinüber und schob das Blatt zu- f mimten und beiseite. Mutters Blick sollte nicht auf diese Nachricht fallen. Entsetzlich, wenn sie nicht unrichtig kombiniert hatte?! Wie würde das auf die Eltern wirken! EigeMich war Hardi doch beider Liebling. Der glänzende, schöne Hardi mit seiner einschmeichelitden ^Liebenswürdigkeit! Mutter hatte grade die Uhr herausgezogen. Endlich! — in zwanzig Minuten mußte man in Berlin fein. Das gab ihr einige Frische. Sie begann zu sprechen. Von Bill und von Schloß Hoburg und von der Hitze; sie wollte Antwort. Und Signe mußte reden, gleichgültige Worte, während ihr Herz sich zusammenkrampfte. Wie wird's Vater ausnehmen? Wie wird's Vater ertragen? Hardi — sein Stolz! Schlesischer Bahnhof — Alexanderplatz — Friedrichstraße — Vater hatte sie -abholen wollen. Aber da stand nur Friedel. Friedel int schwarzen Rock und Zylinder. Und mit einer Leichenbittermiene. „Erschrick nicht, Mama," fogte er gleich, „Papa ist gar nicht wohl." Nun wußte Signe: sie hatte nicht umsonst gefürchtet! Bebte, und durfte doch nicht fragen: „Hardi? Was ist's mit Hardi?" Erst zu Hause erfuhr sie's. Von Dodo. Eberhard war ohne Urlaub fort. Fort! Heute vormittag war der Regimentsadjutant bei Baier gewesen. Und Vater hatte einen leichten Schlaganfall gehabt. Mehr wußte Dodo auch uicht. Aber auch sie ahnte schon das Schlimmste. Ihre Augen standen voll Tränen. Mutter war bei dem Kranken mit dem Arzt und Friedel. Dann kam der endlich heraus, und Signe drang in ihn. Erst wollte er nicht sprechen: „Das ist nichts für euch Mädchen." Aber da richtete sie sich auf und sah ihn an: „Ich bin kein Kind. Ich verlange die Wahrheit." Nun sagte er alles, was bisher ermittelt war. Eber-, Hard war feit zwei Tagen verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Die Krau in Haus und Ssrnf. Die Ausstellung des Deutschen Lyceum-Klubs iit Berlins Der Deutsche Lyceum-Klub, der einen Mittelpunkt für die mannigfachen Bestrebungen der heutigen Frauenwelt bildet, will durch die Ausstellung, die am Sonnabend in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten eröffnet worden ist, diesen Bestrebungen einen sichtbaren Ausdruck geben. Es sollte diese Ausstellung die Leistungen der deutschen Frauen unserer Zeit in zufammenfassender Form veranschaulichen und zur Darstellung bringen. Was die Leitung der Ausstellung hier zustande gebracht hat, ist in der Tat eine glänzende Zusammenfassung einer imposanten Tätigkeit, der sinnfällige Beweis dafür, tote ausschlaggebend in unseren Tagen die Frau auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens arbeitet, und es ist hier eine Welt erstanden von dem allumfassenden Komplex emsiger Arbeit und produktiven Fleißes, den die Frauenwelt entwickelt. Die Frau im Beruf ist durch eine große Zahl von Einzelgruppen verkörpert. Sie erscheint int Kunstgewerbe zunächst in der dekorativen Malerei, in einem Fries und einer Apsis, die von Ida C. Stroever hergestellt worden sind. In den Wohnungseinrichtnngen zeigt sich die Tätigkeit der Frau in vielfältigen Abarten. Die Klnbempfangs- halle ist eine reizvolle und von Geschmack durchwehte Arbeit, deren Entwurf von Fia Wille stammt. Man sieht hier dann ein hübsches Redaktionszimmer, ein Musikzim- mer und endlich Spiel- und Beschäftigungszimmer für die Jugend. Korb-Dielenmöbel veranschaulichen die Einwirkung der Frau auf die Bildung eines gemütlichen und geschmackvollen Heims. In der Schmuck- und Fächerkünst macht sich die weibliche Frauenarbeit besonders eindring- lich bemerkbar. Ein imposanter Schatz von echten Spitzen ist in dieser Abteilung ausgebreitet, und auch! an den Ausstellungsobjekten für Glas, Porzellan und Keramik erkennt man bte freundlichen und wirkungsvollen Linien, die nur dem Schönheitssinn der modernen Frau entsprossen feilt können. Die Frau in persönlichen und öffentlichen Interesses ist in dieser instruktiven und durchaus fesselnden Aus'-^ 139 ftellimg auf verschiedenen Gebieten dargeftellt. Man begegnet hier der Frau als Sammlerin, und es' ist ein überraschender Eifer von Kennerinnen entwickelt worden, dem das Zusammentragen wertvoller Objekte zu danken ist. Die Frau im Beruf erscheint nun zunächst in ihrer Eigenschaft als Redakteurin von Tageszeitungen und als Moderedakteurin. Proben ihrer Tätigkeit liegen in einer großen Anzahl von Exemplaren verschiedenartigster Zeitungen und Zeitschriften aus. Was die Frau in der Literatur bedeutet, ist allerdings so bekannt, daß die Bibliothek der Ausstellung, die ungefähr 2000 Bände von geistiger Arbeit der Frauen umfaßt, nur noch gewissermaßen als amtliche Bestätigung dieser großen Werte ausgesprochen werden kann. Für die Frau in der Musik ist ein eigener schöner Raum' in der Ausstellung Vorbehalten. Hier treten uns die Musikerinnen der Gegenwart in ihren Kompositionen entgegen, hier sehen wir die Frau an der pädagogischen und musikwiss enfchaftlich en Arb eit. Die Beteiligung der Frau an Sport und Körperkultur ist in unserer sportfreudigen Zeit natürlich sehr rege. Die Ausstellung bringt Beweise dafür, indem sie die Frau zeigt, wie sie jagt, wie sie die Fechtkunst übt, radelt undj Wintersport treibt. Selbstverständlich ist die Ausstellung ein glänzender Beweis dafür, welche segensvolle Rolle die Frau in der Krankenpflege ausführt. Die Gruppen dieser Abteilung sind der Darstellung für berufliche Krankenpflege und für die private Betätigung auf diesem Felde gewidmet. Ganz reizvoll ist die Gruppe, die die Frau in der Gärtnerei, selbständig und als angestellte Gärtnerin darstellt. Die Frau im Hause zeigt sich zunächst in der W- teilung „Die Hausfrau in ihrem Werdegang". Eine Haushaltungsschule zeigt die theoretische Ausbildung der Frau zur Hüterin des Hauses, die Gewerbeschule zeigt, in welcher Weise Frauen für die Handarbeit, für die Wäscheanfertigung, für das Schneidern und für das Putzmachen ausgebildet werden. Auf dieser Grundlage baut sich dann die Gruppe auf, die die Tätigkeit der Frau im hauswirtschaftlichen Großbetrieb veranschaulicht. Hier erfährt man Interessantes über die Schulspeisung, hier werden in Gas- lehrWchen Speisen zübereitet, die an das Publikum gegen Lösung von Marken verabreicht werden. Eine alkoholfreie Gaststube erbringt den Beweis dafür, daß man auch ohne Wein und Bier, durch andere wohlschmeckende Getränke, seinen Durst stillen kann, während dann wieder drüben, auf der anderen Seite der Halle, eine überaus anheimelnde Gaststube „Zum grünen Baum" auch alkoholische Getränke birgt. Was die Frau in der Hauspflege leistet, sieht matt an der Darstellung verschiedener Zweige auf diesem so vielverzweigten Gebiet. In statistischen Tabellen und an Ausstellungsobjekten erweist sich die Art, in der die Frau in den Kolonien für das Haus und für die Familie tätig ist. Man sieht da Nachweise über die Ergebnisse von Wohlfahrtseinrichtungen in den Kolonien, ferner Modelle tropischer Wohn- und Wirtschaftsgebäude, eingemachtes Obst und konservierte Nahrungsmittel aus den Landesproduk- tcn der Kolonien. Der Pavillon für Jugendpflege umfaßt die Darstellung der verschiedenen Methoden, nach denen solche Kinder erzogen und beschäftigt werden, dre zwar rechtlich und tatsächlich einer Familie angchören, wo aber die Familie als erzieherischer Faktor versagt. Die Hausfrau auf dem Lande tritt uns auf der Ausstellung entgegen in den zahlreichen Ergebnissen ihrer posr- tiven Arbeit in der praktischen Landwirtschaft, in der Geflügelzucht und in der Schweinezucht. In der Industrie und im Handwerk ist die Frau unserer Zeit ein wesentlicher Faktor der Arbeit. Es sind imponierende Zahlen, die uns aus den ausgelegten Statistiken zeigen, wie sie die Beteiligung der Frau in diesen Berufen äußert. Wir finden die Frau in der Bekleidungs- und Textilindustrie, in verschiedenen Handwerken, in der Photographie. Und was die Frau in Handel und Verkehr für unser gesamtes Wrrt- schaftsleben bedeutet, das zeigt die Gruppe, dre dieser Tätigkeit der Frau gewidmet ist. Hier begegnet man der Darstellung von all dem, wäs uns auch sonst rm täglichen Leben'entgegentritt, >— den Frauen tn den kaufmännischen und industriellen Gebieten, der Frau tn den Kontors, auf den Postämtern, in allen anderen Stätten, wo es auf genaue fleißige und gewissenhafte Arbeit ankonrmt. Ein ganz gewaltiges Feld der Tätigkeit erschließt sich der Frau in der sozialen Arbeit. Die große Gruppe, dre diese Arbeit zeigt, umfaßt die kirchliche und konfessionell« Liebestätigkeit, die kommunale Fürsorgetätigkeit, die Armenpflege, dann die Wohlfahrtsbestrebungen für Kinder und Jugendliche, und endlich die Fürsorge für Kranke und Gebrechliche. Die Frau im Bereinsleben wird dargestellt durch die Nachweise über die Tätigkeit des Bundes deutscher Frauenvereine und dann in den Statistiken über die evangelische und katholische Frauenorganisation, sowie über die paritätischen Frauenorganisationen. In einer hübschen Gruppe „Die Deutsche im Ausland" soll gezeigt werden, daß die Frau von deutscher Geburt und Erziehung auch in dem nichtdeutscheu Lande,, das vom! Schicksal ihr zum Aufenthalt zugewiesen wurde, ihren Einfluß auf Kultur, ^Kunst und wirtschaftliche Fragen zweifellos ausüben kann. Man sieht hier die Nachweise für die Arbeit deutscher Frauen im Ausland auf vielen Gebieten der öffentlichen Wohlfahrtspflege. „Die Frau auf der Reise" zeigt den geistigen Niederschlag dessen, was reisende! Frauen erworben, in Wort und Schrift dargelegt haben. Zunächst ist es eine vollständige Reiseliteratur der Frau, die hier ganz besonders interessiert. Der Vaterländische Frauenverein umfaßt in der Ausstellung eine interessante Gruppe für sich. Seine Tätigkeit ist dargestellt, soweit sie sich auf die Krankenpflege^, den Haushaltungsunterricht und auf die Sorge für Schulender erstreckt, und auch seine segensreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der Seuchenbekämpfung. erfährt in dieser Gruppe eine sinnfällige Darlegung. Dieser Gruppe schließen sich an verschiedene andere Ausstellungen von Frauenvereinen und eine solche des Volksheilstättenvereins vom Roten Kreuz. Die Frau bei ihrer Arbeit in .Erziehung und Unterricht tritt auf als Kindergärtnerin, als Schul- pslegerin, als Volksschullehrerin, als Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin. Die gewaltige Summe der Vorarbeit zur Heranziehung der Frauen für ihren künftigen Beruf und ihre Tätigkeit darin wird durch lehrreiche Nachweisungen dargestellt, die. sich auch auf die Lehrerin an den höheren Lehranstalten erstreckt. Auch die Frau als Bibliothekarin erscheint auf der Ausstellung. Es sind hier Arbeiten von Frauen ausgestellt, die entweder selbständig oder doch in wesentlicher Mitarbeit an Bibliotheken tätig rnd. Zum ersten Male liefert die Ausstellung des deut- chen Lyceum-Klubs eine zusammenfassende und crschöp- ende Darstellung des Frauenstudiums. Die Tafeln, die ■ n dieser Gruppe als ein glänzender Beweis für die gerstrge Kraft der Frau prangen, zeigen den Anteil der Frau an den Studien an allen deutschen Universitäten und an den Vorbildungsanstalten. Sehr reizvoll finb'Me Bildnisse hervorragender Frauen der Vergangenheit. Hier treten sie alle noch einmal zusammen, die in früherer Zeit der Frauenbewegung den Weg gebahnt hatten, in einer Epoche, in der ihren Bestrebungen sich der Widerstand ererbter, althergebrachter Anschauungen entgegenstellte. Alle Gebiete des menschlichen Wissens und der menschlichen Tätigkeit zeigen hier die Pioniere der nun so mächtig und er=< folgreich gewordenen schaffenden Arbeit der Frau. Die Ausstellung besitzt im Berliner Tonkünstlerinnen- orchester ein eigenes Orchester, das bei den geselligen Zusammenkünften in den Ausstellungsräumen an den Nachmittagen wirken wird. Es ist dies nur ein Teil der äußerlichen Hilfsmittel, die dazu beitragen .sollen, dieser instruktiven und bedeutsamen Veranstaltung auch geselligen Reiz zu verleihen. — Und neben dem, was die Ausstellung an sinnfälligen Werten bietet, kommt noch der Umstand zur Geltung, daß die Ausstellung im ganzen und in all ihren Einzelheiten eine überaus reizvolle Vereinigung von Schönheit und Anmut ist. Das äußere Bild des Ganzen ist die Verkörperung von hohem Geschmack und von der Erkenntnis dessen, was dem Ausnehmenden den Genuß des Inhaltes erleichtert. Es gibt sich alles in den gewaltigen Räumen so natürlich und einfach, so selbstver- stänblicb und überzeugend. Die Ausstellung ist em großer Erfolg, der sich gewiß in der regen Anteilnahme aller Schichten des Publikums dartun wird. Der falsche Marr. Er habe neunerlei Farben, sagt man in Venedig vom März- der wegen seiner launischen Witterung in einen noch übleren Leumund geraten ist als der wetterwendische Aprrl. Jedenfalls gilt das Märzwettcr als höchst gesährlich für die Gemndhert und bedrohlich namentlich Ur das Alter. In seiner Ballada „Has 140 von Ueberlingen" läßt darum Gottfried Keller den gleichnatnigen alten Recken jedesmal in der Nacht vom letzten Hornung aus den ersten März regelrecht mit des Jahres drittem Monat kämpfen. In voller Rüstung tritt Ueberlingen um Mittemacht vor.die Tur hinaus und fordert den Gegner, der ihm „des Alters leise Not jedes Jahr in die Knochen zu zaubern sucht, heraus mit den Worten: . , n „Hei, falscher Mars, nullst du es wagen? Dir sag' ich ab und biete dir. Auf Hieb und Stoß gerecht zu schlagen Um's teure Leben jetzt allhier. Willst du an Herz und Mark mir greifen. Du Tückebold, so komm heran. Ich lehre dich ein Lieblein pfeifen. Du findest einen MartisMann!"..... Fuhr dann dem Alten ein Schneegestöber entgegnt, so hieb und stach er mächtig in die Lust. Aber das sprunghafte Märzwetter wird leib er nicht nur dem Menschen, sondern auch seinen treuen Haustieren gefährlich: „Der März bricht der Kuh das Herz." Der Landmann sürchtet ihn besonders für die empfindlichen Lämmer, auf die es dieser Monat so grausam abgesehen hat. In Andalusien versprach darum ein Schäfer dem März freiwillig ein Lämmchen, wenn er sein Wetter so gestalte, daß die ganze übrige Herde von Krankheit und Tod verschont bleibe. Als aber der März, der auf diesen Vorschlag eingegangen war, in den letzten Tagen seiner Herrschaft das Opferlamm einsorderte, verweigerte es der Schäfer ■— in der Meinung, daß der böse Monat ja nun keine Gewalt mehr habe. „Wohlan!" sprach da der März. „So werde ich mir ein paar Tage von meinem Gevatter April borgen." Und ein so schauderhaftes Wetter tobte in den letzten Märztagen, daß der wortbrüchige Schäfer alle seine Lämmer einbüßte. Die Ueberlieferung, daß der März darum ein so ungleiches Verhalten zeige, weil er sich einige Tage vom April „geborgt" habe, kennt man z. B. auch in England. Ein alter englischer Kalender bezeichnet sowohl die letzten März- als auch die erstm Apriltage als „Borgtage" oder „borrowing days“. Eine Reihe englischer Sprichwörter sagt ungefähr das Folgende: „Drei Tage lieh sich vom April der März. Sie waren alle drei ein übler Scherz: Am ersten Regen fiel, am zweiten Schnee, Am dritten blies der Sturm so kalt wie je." Gefürchteter als der Märzsturm aber ist die Märzsonne, deren „milden, salschen Schein" auch Goethe besingt. In Illyrien sagt das Sprichwort: „Besser von der Schlange gebissen als von der Märzsonne beschienen werden!" Und auf Sardinien heißt es: „Märzsonne nimm nur im Schritt!" — man soll sich »von ihr also nicht zum Ruhen im Freien verleiten lassen. Auch das Märzwasser soll ungesund fein. In Oberösterreich glaubt man zwar, es mache schilpe Haut, >md Preist es darum als Waschwasser, aber trinken soll man es ja nicht. Einst hieß es sogar, man solle lieber im Notfall seinen -Rock versetzen, nm sich im dritten Monat des Jahres ein anderes Getränk als Wasser zu verschaffen. Sehr gut zu sprechen ist der Volksmund dagegen allerorts auf den Staub im März: „Märzenstauü, goldenes Laub!" Er verspricht ein fruchtbares Jahr. Auch sonst gibt der März interessante, wetter- prophetische Ausschlüsse: „So viel Nebel im Märzen, so viel Gewitter im Sommer sich zeigen." Und zwar komme das Gewitter, heißt es, immer genau hundert Tage nach dem Nebel. Außerdem kamt man aus dem Wetter des Märzanfangs ersehen, wie das Ende des Monats sein wird. „Kommt der März wie ein Wolf," meint nämlich das Sprichwort, „so geht er wie ein Lamm — kommt er wie ein Lamm, so geht er wie ein Wolf." Möge ßti diesmal wie ein Lamm kommen und gehen! vermachtes. * Die Gefahren Londons für junge deutsche M ä d eh e n sind in unserem Vaterlands noch immer zu wenig bekannt. Jährlich ziehen gegen 1300 deutsche Mädchen dorthin, aber was wartet ihrer dort? Der Sprache unkundig, unbeholfen den fremden Sitten und Gebräuchen gegenüber, meist mit wenigen Mitteln versehen, kommen sie in der Millionenstadt an und müssen sich dem anvertrauen, der ihnen eine hilfreiche Hand bietet, ost zu ihrem Verderben. Obgleich die englische Bahnhofsmission und andere gemeinnützige Vereine sich sehr bemühen, scheitert ihr Können an dem großen Zuzug der Mädchen. Wer eine Stelle in London annehmen möchte, darf nicht glauben, daß diese sogleich zu finden fei. Es sind viel mehr deutsche Mädchen drüben, als begehrt werben. Es dauert ost Wochen, bis sich eine Anstellung finden läßt. Bis dahin muß die Betreffende von ihren eigenen Mitteln leben, d. h. bei den teueren Preisen Londons mindestens 100 bis 150 Mark zu verzehren haben. Auskunit über billige, gute Heime für junge Mädchen, gute Stellenvermittlung und Bahnhofsabholung erteilt das Bnreatt der evangelischen Jungfrauen-Vereine Deutsch- lands, Berlin N. 4, Tieckstraße 17. * Die Verteilung der Maine-Reliquien. Die lleberrefte der im Haien von Havanna gehobenen „Maine", deren Untergang den Ausbruch des spanisch-amerikanischen Krieges veranlaßte, sind jetzt auf dem Kutter Leonidas aus dem Wege zu dem amerikanischen Marinedock Wafhmgtcm. Die Ueberrefte sollen nach den Bestimmungen eines kürzlich genehmigten Gesetzes an die Stadtbehörden Amerikas, an patriotische Gesellschaften und an Angehörige von Opfern der Katastrophe verteilt werden. Bis jetzt sind 350 Gesuche um Ueberlaffung von Maine-Religuien eingelaufen. Unter den geborgenen Schätzen findet man so ziemlich alles, was ein Schlachtschiff birgt, von einigen Sechs-Zoll-Geschütz en hinab big zu Messingknövien und Steingutgefäßen. Eine ganze Reihe von Kautschukmatten, Holzstückeit, allerlei Gerätschaften sind gesammelt, sogar ein Booiscmker und eine Nähmaschine fehlen nicht Eine Anzahl von Ssechs-Zoll-Granaten soll für Denkmalszwecke zurückbehalten werden. Der Kultus mit den 3)laine»l)teliquieii harmoniert nicht völlig mit dem Ergebnis der anterikanischen Untersuchung, bei der sich herausstellte, daß die „Alaine" keineswegs durch die Spanier zum Sinken gebracht worden ist. '„Was für’n König?" Der Neuyorker American läßt sich aus Stockholm eine Geschichte berichten, die in der Hauptstadt Schwedens viel Heiterkeit erregen soll und von entern Telephon- gespräch eines jungen Journalisten mit dem König Giistas handelt. Der Journalist wollte nach dem Geburtstage eines hohen Hof» beamte« fragen, klingelte im Schloß an und ließ sich ^nit den königlichen Gemächern verbinden, in der Annahme, einen Sekretär oder Kammerdieiier sprechen zu können Es entroitfelte sich angeblich folgendes Gespräch: „Halloh! ist dort die königliche Woh- Nimg?" „Jawohl." „Ist dort vielleicht der Herr Hofmarscball selbst?" „Nein, aber worum handelt es sich?" „Es banbelt sich um den alten Kammerdiener. Aber am Ende spreche ich mit Herrn Blomberg selbst?" „Nein." „Ja, aber wer ist denn nun eigentlich dort?" „Der König." „Was für’n König?” Worauf die Antwort lautete: „Gustaf V." * Das Gehen als körperliche Leistung. Im Neu- vorker Outlook macht der Turnlehrer der Universität Penusylvanieit W. I. C r o m i e einige interessante Angaben über das Gehen als körperliche Leistung und über die Art, wie man geben soll. Er betrachtet das Gehen nicht nur als die beste Körperübnng, sondern behauptet, daß man in einem Tage durch Geben ohne Anstrengung die größte Muskelleistung vollbringen kann, deren der nieuschltche Körper fähig ist. Das Gehen ist indirekt eine der besten Kraftquellen für den Menschen, aber nichts ist falscher, als einem un- abgehärteten und ungeftäblten Körper auf diesem Gebiete plötzlich Gewaltleistungen znzumuten. Das beste Vorbild des richtigen Gehens bietet der von Torf zu Dorf ziehende Wandersmann. Cromie hat in dieser Beziehung die amerikamschen Tramps systematisch beobachtet. Diese Leute, die ohne Anstrengung gewaltige Wanderleistimgeir vollbringen, marschieren ansnahmslos mit einem fast flachen Fuße, so daß bei jedem Schritt das Körpergewicht übet die ganze Sohle verteilt ist. Beiiy Schreiten soll der vorgesetzte Fuß nicht mit dem Ballen, sondern ztierst mit dem Absatz den Boden berühren. Die Fußspitzen sind beim korrekten Gehen nicht etwa auswärts gerichtet, sondern zeigen fast genau nach vorn, die Arme geraten von selbst in natürliche Schwingungen und die Brtist dehnt sich aus. Natürlich ist gut sitzendes Futzzeug Hauptbedingung: besonders an den Zehen ntuß der Schuh weit sein und die Strümpfe dürfen teilte Falten machen. Besonders nach dem Winter ift für den Großstadtmenschen die Pflege des Gehens das beste Kräftigungsmittel. „Ein Spaziergang ist für den Körper dann dasselbe, wie das Reinemachen für das Haus, in dem wir leben." kf. D i e Rückkehr der S i o ti x zur N a t u r. 200 Sioux- inbianer sind schon lange auf der Suche nach einem Lande, in das des „Europäers übertünchte Höflichkeit" noch nicht gelangt ist. Sie flüchten vor der Kultur, die die „Blaßgesichter" in ihr Vaterland gebracht haben. Endlich haben sie jetzt eine Heimstätte in Nicaragua gefunden. Ter Präsident der Republik bat ibnen einen großen Landstrich zur freien Verfügung gestellt; dort können sie ganz nach Belieben häufen und die alten halb verklungenen Stammes sitten wieder aufleben (affen. Nur im Kriegsfälle müssen sie dem Präsidenten Gesolgschafi leisten; das ist der einzige Preis, der von ihnen für die neue Heimat verlangt wird. vexirrötsel. Er wurde vor Gericht geladen, Doch wer nicht pünktlich kam, war er. Er schrieb, es sei fein alter Schaden, Das Laufen fall’ ihm gar so schwer. Brauchst nicht zu fragen, was ihn quälte, Ter Grund ist wirklich völlig klar; Denn als er im Gericht nun fehlte, Ergab sich, was fein Leiden war. Auslösung in nächster Nummer» Auflösung des Telegravhen-Rätsels in voriger Nummer: Der Mensch hat nichts so eigen, So wohl steht ihnr nichts an, Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft halten kann. Sinton Dach. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl’schen Universitüts-Btich- und Steindrttckerei, R. Lange, Giejen-