6Sf In hiüj ^Mn M M Der König von Thule. Roman von Paul Grabein, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wie anders sahen die blassen, nervösen Züge heute aus, als gestern, wo sie, vorn Reiten rosig angehaucht, jugendfrisch gestrahlt hatten. Diese Minute zeigte ihm das Antlitz einer Frau, die das Leid kennen gelernt hatte. Da wandte er sich mit warmem Ton an sie: „J'ch sehe, ich habe Ihnen mein vorschnelles Urteil abzubitten. So war es auch gestern nicht bloße Neugier —" Sie schüttelte stumm den Kops, ohne ihn anzusehen. „Also Mitleid mit den Unglücklichen dort! — Dann verzeihen Sie mir, bitte, meine Schroffheit, die Sie sehr verletzt haben muß. Ich weiß wohl, ich bin oft scharf ohne Not. Man verbittert eben in der Einsamkeit." „Das kann ich Ihnen nachempfinden. Aber glauben Sie mir: Man kann mitten in der rauschenden Gesellschaft einsamer sein als Sie hier in Ihrer Weltabgeschiedenheit!" Wieder sah er sie an, die zu ihm sprach, ohne ihn anzusehen, den Blick starr geradeaus gerichtet auf den gleißenden Wasserspiegel der Bucht. „Es ist schlimm, wenn man in so jungen Jahren zu solcher Erkenntnis kommt. Namentlich für eine Frau." Sie erwiderte nichts, und so schritten sie schweigend nebeneinander, jetzt längs des kleinen Bootshauses, in dem eine Anzahl von Fahrzeugen lagen. Auf einem Boote sah man die Leute geschäftig hantieren; sie gingen gerade darauf zu. Die junge Frau heftete mechanisch ihre Blicke auf das fremde Treiben. „Ein französischer Jslandfahrer," erklärte ihr Begleiter, aus das Fahrzeug deutend. „Er hatte einer Reparatur wegen für ein paar Tage hier den Hafen aufsucheu müssen, will aber jetzt wieder auslaufen." „Ah !" Die junge Fran blickte mit erwachtem Interesse aus das Fahrzeug. „Eines jener Schiffe, wie sie Pierre Loti schildert?" Er rückte. „Wollen Sie es einmal besichtigen?" Aber gern!" Sie traten an das Boot heran, und nach einigen Worten des Doktors an den Schiffsführer betraten sie auf schwankender Planke das kleine Fahrzeug. Die vier Männer der Besatzung, breitschultrige, große Leute, hielten einen Augenblick in ihrer Beschäftigung inne und blickten verwundert, zum Teil gutmütig lächelnd, auf die elegante Dame, die da so viel Interesse für ihr enges schmutziges Fahrzeug zeigte, das einen widerwärtigen Fischund Trangeruch ausströmte. Er kam aus-dem Laderaum, dessen Deckel aufgeklappt war. Frau Söllnitz wandte unwillkürlich schnell das Gesicht ah, im Vorübergehen. „Abscheulich! Wie können es diese Leute hier nur auss aushalten?" „Das ist noch gar nichts! Aber sehen Sie, bitte, ein» mal hier hinein." Ihr Führer kletterte durch eine kleine Luke eine wahre Hühnersteige hinab. Sie folgte und sah sich nun in einem engen, kastenförmigen Raum, so schmal, daß man beim Ausstrecken der Arme allenthalben die Wände berührte. Ein winziges Tischchen in der Mitte, zwei Sitzbretter seitlich, kennzeichnet diesen Käfig als die Kajüte des Schiffs. An den beiden Längswänden waren zwei Schiebetüren über den Sitzbrettern halb zurückgeschoben, man sah in die Bettkisten dahinter, so niedrig und schmal, daß man darin wie in einem Sarg eingepfercht lag. „Um Himmels willen!" Frau Söllnitz prallte zurück, als sie nun hier unten stand. Eine wahre Stickluft schlug ihr entgegen, ein fürchterliches Gemisch von Ausdünstungen, kaltem'Tabaksgualm und unerträglichem tranigen Fischgeruch, der aus dem Laderaum nebenan hereindrang. (Älrgst stieg sie wieder auf der Leiter durch die Luke hinaus, die Tür und Fenster dieses Raumes zugleich bildete, und unter dem Jtummen Lächeln der Fischer ging sie schnell wieder ans Land. „Rein, wie ist es bloß möglich, daß Menschen 'so hausen können! — Und monatelang, nicht wahr — den ganzen Sommer hindurch?" wandte sie sich an bett Doktor, der nun wieder zu ihr trat. Er lächelte still. „Gewiß, es ist hart. Und doch sind' diese Menschen längst nicht die Unglücklichsten. Wenn sie int Herbst Heimkehrer erwartet sie daheim Weib und Kind — ein bescheidenes, kärgliches Glück oft nur, aber doch etwas, das ihre Herzen wärmt, während sie hier oben in Wind und Wetter sich mühen. Viel ärmer ist der, dem kein Heim winkt mit sorgendem Frauenherzen und sehnenden Kinderärmchen. Dett frierts, und wenn er unter der heißesten Sonne lebte." Leiser, fast düster war der Klang seiner Worte geworden, die ein wehes Echo in der Brust der jungen Frau weckten. „Da haben Sie recht — nur allzu recht!" Hatte der Fremde doch da ahnungslos an das große Leid ihres Lebens gerührt, an dem sie sich innerlich verzehrte. — Ohne wahres Heim, ohne den Sonnenschein treuer Liebe durchs Leben gehen zu müssen, also auch er krankte daran! Denn das hatte sie seinen Worten deutlich angehört, daß sie ihm aus dein Innersten kamen. So hatte sie hier oben, in der Einsamkeit der weltentlegenen Insel, eine Menschenseele entdeckt, die sie jahrelang da drunten im Strom des geräuschvollen Lebens vergeblich gesucht hatte; eine Seele, auf denselben Grundton wie die ihre gestimmt, mit dem gleichen Leid unb dem gleichen Sehnen, fähig, sie zu verstehen in den innersten, scheu verborgenen. Regungen. 206 Ein wildfremder Mann war es, der da schweigerild neben ihr herschritt, und doch ihrem Empfinden plötzlich so nahe gerückt. Was für ein sonderbares Spiel des Zufalls! Morgen trieb sie die Welle des Lebens, die sie hier in seltsamer Laune zusammengefuhrt, wieder aus- einander, weithin, zwei Elemente, unter Millionen die ein- zigpn, aufeinander abgestimmt; dann wirbelte jedes wieder in seinen Lebenskreis zurück, als hätte es das andere nie berührt. Aber gerade darum, weil es eben nur eiu so dunkles Zufallsspiel war, weil es kein Wiedersehen gab, drängte es sie, zu diesem Mann zu sprechen von ihrem geheim verschlossenen Leid, in das sie einen von jenen aus ihrem Kreise ja niemals hätte blicken lassen. Losgelöst von aller peinlichen Scheu des Gesellschaftslebens, ganz nur Mensch 511111 Menschen, die sich hier an der Grenze der Kultur getroffen hatten, wollte sie zu ihm reden. Vielleicht, daß solch lösendes Wort ihr die schwerbeladene Seele etwas befreite; vielleicht, daß er einen Strahl tröstlichen Lichts in das Dunkel ihres Innern trug! So nahm sie seine letzten Worte wieder auf, die er gesprochen hatte. „Sie beklagten den Armen, der frierend allein steht — abseits vom wärmenden Glück des häuslichen Herdes, das er nie kennen gelernt. Meinen Sie aber nicht, daß noch viel, viel ärmer der ist, dem einst dies Glück gestrahlt, der es aber wieder verloren hat?" Er sah sie an, mit einem staunenden, fragenden Blick. Ahnte sie, was in ihm vorging, oder sprach sie nur von sich? Dann neigte er zustimmend das Haupt. „Sie haben nur zu recht. Lieber das Glück niemals kennen lernen, als es nach karger Frist verlieren! — Auch Sie können also schon ein Lied davon fingen? Sie Arme!" Ein mitleidiger Blick traf das blasse Gesicht der noch so jungen Frau. „Sind Sie schon lange Witwe?" Ein leises Rot überhauchte plötzlich ihre Wangen. Er dachte offenbar gar nicht daran, daß es noch eine andere Möglichkeit gab — gewiß, weil er selbst das Unglück gehabt hatte, früh verwitwet zu sein — doch sie wollte ihn nicht in seiner Täuschung belassen. Stumm schüttelte sie den Kopf; dann erwiderte sie leise, doch ohne ihn anzusehen: „Sie irren. Mein Mann lebt noch. Aber ich bin geschieden von ihm — auf meinen Antrag." „Geschieden!" Sie hörte den befremdeten Klang seiner Stimme und fühlte seinen plötzlich veränderten, sie prüfenden Blick. Noch tiefer ward das Rot auf ihren Wangen, aber jetzt war es aufflammende Empörung, die sie färbte. Mußte sie denn immer und immer auf dies kränkende Vorurteil stoßen? Als ob eine gewisse Schuld doch stets an der geschiedenen Frau haftetet Diese Erregung ließ sie mit heftiger Bewegung sich ihm zukehren, und mit blitzenden Augen fragte sie ihn, frei ins Gesicht: „Auch Sie also teilen, wie ich merke, das Vorurteil gegen die geschiedene Frau?" Ruhig erwiderte er ihren Blick, mit seinen klaren, ernsten Augen, ihr bis auf den Grund der Seele dringend: „Ich gestehe offen: im allgemeinen ja!" Sie wollte auffahren, aber eine Bewegung seiner Hand beschwichtigte sie. „Unsere moderne Ueberkultur und die Emanzipation der Frau haben schweres Unheil angerichtet. Das Geschwätz von Recht und Freiheit, von Recht auf Glück, vom Sichausleben, und wie der Unfug sich sonst nennt, haben der Frau den Kopf ganz verdreht. Sie hat über all dem die Hauptsache verlernt: Den Begriff der Pflicht, der allein die Welt regiert!" „Ah! Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so einseitig ausschließlich vom Mannesstandpunkt aus —" „Pardon! Sie ließen mich nicht zu Ende reden," unterbrach er sie ruhig. „Ich hätte sonst hinzugefügt, daß ich selbstverständlich aber auch gegenteilige Fälle kenne, wo die Frau durchaus der sympathische Teil ist und alle Schuld beim Manne liegt. Nrir pflegt es weit seltener zu seiu; während dagegen die „unverstandene Frau", mit ihrer ewigen Unbefriedigung und dem kindisch-phantastischen Hinterherjagen nach einem Märchenglück in den weitaus meisten Fällen die Ehe zerstört." „Dem will ich nicht widersprechen," zwang sie sich das Bekenntnis ab. „Ich liebe die modernen Frauen selbst nicht. Um so mehr werden Sie es aber begreifen, wie bitter es ist, mit solchen unreifen oder pflichtvergessenen Geschöpfen, wie Sie sie ganz richtig schildern, in einen Topf geworfen zu werden. Sie ahnen es nicht, wie furchtbar dieses Vorurteil der Welt eine Frau kränken muß, die ohne ihre Schuld das Schrecklichste hat durchkämpfen müssen und die an den Wunden dieses Kampfes unheilbar dahinsiecht." Wie ein Aufschrei aus tiefster Seele klangeu ihre letzten Worte in sein Ohr. Ein herzliches Mitleid mit diesem noch so jungen und schon so schwer geprüften Weibe kam über ihn. Wer furchtbares Leid, wie er selbst, an sich erfahren, der kommt leichter zur Härte gegen fremden Schmerz; die Seele wird stumpf unter der steten, überschweren Last des eigenen Wehs. So war auch ein Empfinden anderen gegenüber erstarrt und ging zumeist nicht über eine oberflächliche, pflichtschuldige Teilnahme hinaus. In dieser Stunde aber, wo er das Aufzucken heimlich getragenen Leids in dem sympathischen Antlitz dieser jugendlichen Frau sah, wo ein unermeßliches, fremdes Unglück vor seinen Augen sich entschleiern wollte, heute fühlte er zum ersten Male wieder ein warm aus der Tiefe quellendes Mitgefühl. „Ich ahne doch, wie furchtbar schwer Ihr Los ist," wandte er sich mit herzlichem Ton an sie. „Und, bitte, glauben Sie mir: ich bin fest überzeugt, daß Sie Ihrerseits frei vou Schuld sind. Sie sind eine Frau, die sicherlich ihr letztes getan hat int Kampfe um ihr Glück. Unselig der Mann, der es nicht vermochte, sich Ihre Liebe und Achtung zu erhalten!" „Ich danke Ihnen — von tiefstem Herzen!" In innerster Beiveguug streckte sie ihm ihre Hand hin, die er mit kräftigem Druck umschloß. Aus ihren dunkeln schönen Augen leuchtete ihn ein warmer Strahl an. Er gab ihre Rechte nicht gleich wieder frei, und sie überließ sie ihm ruhig. (Fortsetzung folgt.) Der Liebestrank. Eine Geschichte aus dem Neapolitaner Volksleben.*) Von Umberto Bajone. Autorisierte Uebersetzung von Katharina Bombe-Giese. „Es könnte nichts schaden, wenn Ihr ein wenig höflicher wäret, Don Gaetanino!" „Entschuldigt, Donna Couectta. Die Leute stoßen mich von allen Seiten." „Schon gut, aber so sehr braucht Ihr doch nicht zu drängen. Carmela, komm näher zu mir heran, mach dem Flegel, dem Don Gaetanino Platz." „Euer ergebenster Diener, ganz zu Euern Diensten/ft schmeichelte jener mit fettiger Stimme. Das kleine, gelbe Männchen machte eine tiefe Verbeugung, die seine Dankbarkeit für die ihm erwiesene Freundlichkeit bezeugen sollte. Ein zufriedenes Lächeln huschte über Donna Couvettas Lippen. Sie war eine der dicksten und gefährlichsten Halsabschneiderinnen des Pendino, doch die armen Leute grüßten sie ehrfurchtsvoll, da sie in dem Rufe einer unübertrefflichen Wahrsagerin und Giftmischerin stand; und mit dieser Art von Leuten muß man auf gutem Fuße stehen! Die halsen einem eines Wortstreites wegen eine Krankheit auf, die können durch ihren bösen Blick Unheil heraufbeschwören, vor allem aber das Schicksal, durch Mord und Verrat ums Leben zu kommen. Du mein Himmel, was diese Personen für Unglück anrichtcn können! „Ich will nicht neugierig sein," klang es an Carmelas Ohr, „Ihr fahrt gewiß nach der Fontanelle?" „Höchst wahrscheinlich," gab die junge Frau zurück, „warum nimmt man wohl sonst die Bühn nach der Sanita." Doch schon bereute sie die schnippische Antwort und wandte sich noch einmal an Donna Coucatta: „Ich kann mir auch denken, warum Ihr dorthin geht, Ihr wollt gewiß jemanden etwas Gutes tun." „Was tut mau nicht alles für seine lieben Mitmenschen," murmelte das dicke Weib und kräuselte die Lippen. Ihre farblosen, tiefliegenden Augen blinzelten scheinheilig,wis ob sie die erhabene Mission fühlte, überall da cinzugreifen, wo Menschen seelisch litten. Ein tiefer Seufzer hob ihren Busen, dessen üppige Formen von einem hohen, schlecht sitzenden Korsett nur mühsam gehalten wurden; ihre mächtigen runden Ohrringe klapperten auf der dicken, *) Wer den Aberglauben des Neapolitaner-Volkes nicht kennt, könnte meinen, die Geschichte entspräche nickst der Wirklichkeit. Es sei daher hier nur an den Prozeß am Gerichtshof won Neapel 1904 gegen Ortensia Massari aus Frattamaggiore erinnert, die ihrem Gatten Simeone Jovinelli, um ihn zu einem ordentlichen Lebenswandel zurückzuführen, ein Pulver aus Totenknochen eingab, aus Anraten von Gaetano De Caro, einem bekannten Giftmischer. Der Gatte starb. 207 Koldeuen HalMtte. Jetzt beugte sie sich zutraulich zu dein verschmitzt aussehenden Männchen und fragte ihn leise: „Wollen wir Carmelos Gatten behexen und ihn in ihre Arme zurückführen?" „Ihr seid wie die gütige Mutter Gottes," antwortete er voll tiefer Verehrung. „Ach, was Ihr nicht sagt!" klang es zurück. Auf der Plattform stieß und drängte sich noch immer die Menge, obgleich der Wagen längst voll war, und aus dem lauten Stimmen» gewrrr hob sich gellend das Geschrei der Starrköpfigen hervor, die dennoch aufsteigen wollten. Zwei schnelle ungeduldige Klingelzeichen, ein eilfertiges „Abfahren", und der Zug setzte sich in Be- weguiig. All die Pilger, die er mit sich führt, wollen die Höhlen der Fontanella auffuchen, wollen ein Gnadenwunder erlangen in den Grotten des unheimlichen Friedhofes, der in einen kahlen, felsigen Berg eingehauen ist. Dort ruhen die ohne Beichte Abgeschiedenen, die von Christus Verfluchten und die Selbstmörder, acht Millionen an der Zahl, wie das Volk! beteuert. „Doch wie ist es nur möglich," fuhr Don Gaetanino fort, „daß Ihr schon nach einjähriger Ehe nicht mehr in Frieden lebt?" „Ach, die Männer sind so schlecht," meinte Donna Coucetta, „Carmela bekommt Schläge von ihrem Mann, und er gibt ihr nichts zu essen; er hat sich in die Teresina verguckt, der läuft er immer nach." „Armes Weib," sagte der andere und.musterte mit geheuchelter Teilnahme das vergrämte und sorgenvolle Gesicht der Verlassenen. Carmela hörte ihnen nicht einmal zu, sondern heftete ihre großen müden Aiigen mit den tiefen blauen Ringen, die so viel Tränen und schlaflose Nächte verrieten, aus die bunte Schürze, die sie langsam mit .bett abgemagerten Händen geglättet hatte. Dann und wann stieg ihr eine Blutwelle ins Gesicht, so daß sie glaubte, der inneren Erregung unterliegen zu müssen. . Wird es gelingen, wird ihr die güte Mutter Gottes gnädig feilt ? Die Angst schnürte ihr die Kehle.zu. Sie hatte von den Fontanellen gehört, von jenen grauenerregenden Felshöhlen, wo das Wasser immer dunkel und geheimnisvoll .herabtropft. Und matl sagte, das sei der Schweiß der Toten. Gütiger Gott! Ein kalter Schauer rann über ihren zitternden Körper bei dem Gedanken, daß sie in tvenigen Minuten jene düsteren Grotten betreten sollte, daß sie hinabsteigen sollte zu den sterblichen Resten jener Unglücklichen, die, am Leben verzweifelnd, sich den Tod gaben oder auf andere Art ein wenig christliches Ende gesunden hatten. Als ihre erregte Phantasie ihr jene düsteren Gewölbe ausmalte, ergriff sie plötzlich der Gedanke, von ihrem Vorhaben abzustehen. Sie wollte umkehren und sich der Begleitung jener beiden entziehen. Doch die ließen sie nicht aus den Augen, sie tuschelten eifrig und warfen ihr fortwährend zudringlich neugierige Blicke zn. Keine Spur von Mitleid oder Mitgefühl sprach aus ihren Angen, nur jene freche Neugier, alle Schmerzen jener armen, gequälten Seele auszuspüren, sie bloß und frierend in ihrer Hilflosigkeit vor sich zu sehen. Nur zurückkehren, allein sein, dachte Carmela. Doch das Bild jener anderen stieg in ihr auf; wenn er nun doch wieder zu jener zurückkehrte, wenn er gar seine Drohung wahr machte, ganz mit dieser Person zu- sammenzuleben, wenn er sie für immer verließe! Nein und tausendmal nein! Tore sollte der ihre sein, sollte sie wieder, lieben wie ehemals, sollte wieder ihr Geliebter sein, feurig und zartfühlend wie einst. Die Erinnerung an die verflossenen Jahre stieg in ihr auf. Abend für Abend erwartete er sie, um sie nach Hause zu geleiten. Sein leidenschaftlicher Blick verwirrte sie bis zum Schwindligwerden, und ängstlich bat sie: schau mich nicht so an. Doch er lachte bann unb brückte ihre Hand, daß es weh tat. Wie glücklich war sie dabei! Sie hätte gewünscht, daß dieser Schmerz noch viel größer gewesen wäre, damit das seltsame Glücks- gefühl nie geendet Hätte, damit die holde Verwirrung, die sie erblassen und erröten ließ und ihre Augen mit zärtlichen Tränen betauet, ewig geblieben wäre. — Eines Nachts in Mergeltina — sie waren erst kurze Zeit verheiratet — überfiel sie eine unerklärliche Angst, die ihr die Kehle zuschnürte, und ohne zu wissen, warum, weinte sie bitterlich Und verzweifelt, als ob ihr ein schreckliches Unglück zugestoßen sei. Ihr Gatte, außer sich und auch dem Weinen nahe, überschüttete sie mit Fragen, während er sie fest umschlungen hielt. „Ich weiß nicht, Samt es dir nicht sagen," kam es schluchzend von ihren Lippen, „du weißt ja, wie glücklich ich bin. Vielleicht erdrückt mich mein Glück, wer kann es wissen. Du wirst mich immer lieben, nicht wahr, mich immer lieben wie jetzt, Tore?" Salvatore löste ihre schwarzen Flechten und barg sein Gesicht in dem zerwühlten, aufgelösten Haar, um feine Erregung nicht sehen zu lassen, und dann erstickte er sie mit leidenschaftlichen Küssen, und sie bebte unter seinen brennenden Lippen. — Das waren seine letzten Küsse. Dann wurde er anders und behandelte sie schlecht, ja, er fing an, sie zu schlagen. Der leuchtende Stern ihrer Liebe sank. Wenn er spät nach Hause tot, müde, mürrisch und oft auch heraus-. fordernd, dann war ihr, als brächte er den Duft jener anderen heim, als müßte sie sterben vor Eifersucht, als bräche ihr das Herz. Doch ihre Liebe zu ihm' war noch immer die alte und ihre Treue wankte nicht. Ob er auch noch so spät heim kehrte, sie erwartete ihn an dem kleinen Fenster. Sie fühlte nicht die eisige Kälte des Nachtwindes und merkte nicht, wie der Regen sie traf, her durch das elende Fensterchen ohne Läden schlug. Sie versehrte sich nur in qualvoller Angst, daß ihm etwas zugestoßen! sein könnte; auf den Knien flehte sie zur Madonna, ihn heil und gesund heimzuflihren. In der Ferne glitten die Umrisse seiner Gestalt durch die dunkle Nacht. Schnell schloß sie das Fenster und schlüpfte ins Bett; dann tat sie, als ob sie fest schliefe, denn er ärgerte sich, wenn er sie wach und wartend fand. Sie hörte, wie er vorsichtig eintrat, ganz leise seine Kleider ablegte und sich kaum hörbar, mit verhaltenem Atem in seine Decke wickelte, in der Hoffnung, sie würde nicht merken, wie spät er heimgekehrt sei. Trotz aller Anstrengung konnte sie manchmal ihre Tränen nicht zurückhalten; dann übermannte ihn die Wut, er fluchte ihrer verstorbenen Eltern, unb oft schlug er sie sogar. Was machte sie sich daraus! Hätte er sie nur blutig geschlagen, hätte er sie zu Grunde gerichtet, alles hätte er tun können, wäre er nur nicht zu jener anderen gegangen, hatte er sich nicht durch den Verkehr mit jener Person besudelt! Und sie siel ihm um den Hals und kniete vor ihm nieder, sie küßte ihm die Hände und liebkoste ihn mit den zärtlichsten Namen aus ihrer glücklichen Zeit, aus den seligen Tagen ihrer Liebe. Er kämpfte verzweifelt gegenl sich selbst, denn er konnte sich des Mitleides gegen dies arme Geschöpf nicht entwehren, das ihn mehr, als sich selbst liebte, und als ihre Frauenwürde,, das sich demütigte, wie die niedrigste aller Frauen. Konnte er sich da noch verstellen, konnte er seine Erregung meistern? Verzweifelt klagte er sich an, sich und seine gemeine Handlungsweise und sein unbarmherziges Geschick, das ihn in eine so unselige Leidenschaft verstrickt hatte. Er sah in solchen Augenblicken, was für ein schwacher, willenloser Mann er war in den Netzen einer schlechten Person, die aus seiner Schwäche Nutzen zog. Carmela verstand ihn in seinen leidenschaft- licheu Selbstauklagen unb glaubte, ihn gerettet zu haben, denn ihr Salvatore war ja gut im Grunde seines Herzens. Wenn er so vor ihr schluchzte, danu tröstete sie ihn, sprach liebevoll auf ihn ein und streichelte ihm fein zerzaustes Haar. Und sie wartete zitternd aus den Kuß — der ihr versagt blieb. Trotzdem glaubtp sie an eine Besserung, wie sie ihn so ganz entnervt und matti daliegen sah. Kaum aber ließ ihn Teresina rufen, so vergaß er alle Schwüre unb kehrte in den Schlamm zurück. Jetzt hatte er ihr sogar die Ehe aufgesagt. Sollte sie die Rivalin ermorden? Vielleicht zeigte ihr Donna Coucetta einen Weg, den Gatten wiederzugewinnen. Eine Stimme schreckte sie aus den Grübeleien auf: „Steh auf, Carmela!" Sie bogen in eine schmale, gewundene Straße ein Und betraten den Vorraum der Höhlen,. eine kleine Kirche. Bei jedem Schritt stteß man auf Verkäufer von blauumwickelten Wachskerzen. „Du mufft jetzt eine Kerze kaufen unb sie für Christus anzünden," flüsterte die Hexe. „Selbstverständlich," stimmte Don Gaetanino! hei, der Donna Coucetta gefolgt war. Carmela nahm eine Lims aus ber Tasche, verwirrt durch die Menge, di« sie unbemerkt dem' Kirchhof zudrängte, sie sah auch nicht, baß ihre Begleiterin nur vier Soldi für bie Opferkerze zahlte. Nun schritten sie an einem! Katafalk, mit verblichenem unb zerfetztem schwarzen Sammet unb künstlichen Blumen als Symbol der Vergänglichkeit geschmückt, vorüber und gelangten durch eine niedrige Seitentür in die Höhlen. Durch den Tuffstein führte ein langer enger Korridor; Gebückte, Kniende unb Blinde flehten das Mitleid der Besucher an, einige umklammerten die Füße ber Vorübergehenden, um ein Almosen zu erzwingen. Das schreckliche Geheul derer, die weiter innen um Gnade flehten, schlug an das Ohr der jungen Fran, eine eisige Kälte kroch über ihren jungen Leib, ließ ihr Blut erstarren unb legte sich wie ein Alp auf ihre Brust. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihr, als sie vor sich die Pyramiden aus Schädeln mit leeren Augenhöhlen sah, bie höhnisch zu grinsen schienen im Lichte der kleinen gelben, zitternben Kerzen. Auf allen Seiten starrte es von Bergen, Säulen, Türmchen unb Kegeln weißer Schädel, Brust- Und BeiNknochen, bei bereu Anblick sie voll Srouen 'erbebte., „Fort, weg," flüsterte sie verstört unb brückte ihrer Führerin den Arm, „ich kann nicht mehr!" „Oho," sagte diese tabelnb. „Donna Carmela, wollt Ihr alles verderben? Denkt barmt, baß Ihr glauben müßt, ohne Glauben keine Gnade. Vor allem dürft Ihr mich jetzt nicht abtenten, ich mutz beten." Die dicke unförmige Person begann nun die Litanei zu fingen und kniete dabei vor den Bildern ber Heiligen hin, fortwährend das Kreuz schlagenb. Die übrigen Frauen wiederholten langsam' bas Totenlied, während ans der Ferne bie Seufzer und das Murmeln der Menge heranzog. Carmela preßte bie Hände auf bie Brust, bas Herz schien ihr still zu stehen, von einem Augenblick zum andern glaubte sie sich einer Ohnmacht nahe. Um diese Qual bis zu Ende zu ertragen, gedachte sie ihres Gatten: Tore, mein Tore, für dich nur, für dich! Jetzt bewegte sich der lange Zug der Frauen um das Grabgewölbe und nun kamen sie auf ber Schäbelstatte an, wo ein Christus'bilb mit blutenden Wundenmalen über Schädeln thronte. „Gesu mio, mifericorbia", klang es schauerlich burch bett Raum. Und Carmela stimmte ein: „Tore, für dich, für dich allein." Sie sah, wie bie massige Gestalt Eouvettas in einer bunklen Seitenkapelle verschwand unb sie eilte ihr nach, als eine Hand sie zurückhiell unb Don Gaetanino ihr geheimnisvall zuflüsterte: „Gevatterin, bleibt hübsch Isier. Ihr dürft sie jetzt nicht stören." — 2t)o — Der gemeine Mensch lachte schlau itttti ließ seine stockigen Zähine sehen. Dein Geschrei folgte eine Totenstille. Man hörte nnr dais einförmige Klingen der Geldstücke und den schlürfenden Schritt des Wächters, der mit der Sammelbüchse Aapperte. „Schaut einmal her," sagte Don Gaetanino, um ein Probestück seiner Weisheit zu liefern, und dabei zeigte er auf die Glasscheibe einer Nische, die mit Gebeinen angefüllt mar. Tausende von Wassertropfen glitzerten auf der blanken Fläche. „Befeuchtet Euer Taschentuch damit und hebt es aus. Wenn Ihr krank seid, legt es auf die schmerzende Stelle und rm Nu seid Ihr geheilt." „Ach, wahrhaftig?" „Mein Ehrenwort," beteuerte jener, beleidigt durch den Zweifel. Erschöpft und aufgeregt kam die Hexe wieder zum Vorschein, und ohne ein Wort an ihre Gefährten zu richten, suchte sie den Ausgang. „Hier," sprach sie und zeigte ihrer Schutzbefohlenen ein Stofs- beutelchen, „hier, das ist die Rettung. Es ist heilige Asche, die ich selbst aus der Priesterkapelle geholt habe, etwas Besseres gibt es nicht. Erinnert Euch gut alles dessen, was ich Euch gelehrl habe. Während Ihr das Pulver in dem Wein verrührt, sprecht sieben Gloria Patri für die Seelen im Fegefeuer, und dann gebt es Eurem Gatten. Dann wird er Teresina vergessen und nur Euch lieben. Euch allein, ewig nur Euch." „Aber es wird ihm doch auch nichts schaden?" „Da Hört das bloß an, Don Gaetanino, da soll man noch Lust haben, Gutes zu tun," sagte Donna Coucetta, empört über solche Nngläubigkeit, zu dem Gefährten. „Oho," unterbrach das Männchen entrüstet, „was sagt Ihr ha, Gevatterin?" „Tausend Dank, Donna Coucetta," flüsterte die Unglückliche mit tränenvollen Augen, „tausend Dank. Möge Euch Gott vergelten, was Ihr mir Gutes getan habt!" *. Das große Tor war geschlossen worden, der geschwätzige Pförtner !var verschwunden, aber die Frauen auf der Strass warteten geduldig: sie wollten um alles in der Welt Carmela zwischen der« Earabinieren vorbeikommen sehen. Wer hätte es nur gedacht, daß dieses SchmeicheMtzchjen den Matten vergiftet hätte!" „Aber der schlug sie auch," verteidigte eine andere Carmela. „Mag sein," fuhr die erste fort, „aber man muß schon einen barbarischen Mut haben, um ihn wie eine Ratte umzubringen." „Hätte sie ihm wenigstens ein Messer ins Herz gestochen," rief eine dritte. „Aich was," fuhr die dritte fort, „gestern hat sie ihm ein gutes Mittagessen zurecht gemacht, und, stellt euch vor, um alles Mögliche anzuschaffen, hat sie sogar ihr Armband versetzt. Dann hat sie alles aufgetragen, hat sich ihr neues Kleid Ungezogen . . .'1 „Und dann hat sie auch erzählt, die Madonna wollte ihr an jenem Abend eine Gnade gewähren." „Ariatella, eine schöne Gnade!" „Und dann ist es gekommen, wie es gekommen ist." Ein Wagen rollte heran und hielt vor dem Tor. Ein Carabiniere entstieg ihm und verschwand im Hause. Doch durch die Türspalte hörte die Menge ein verzweifeltes Schluchzen. „Hört nur, sie weint auch noch!" (Eine Fürstin als Aufwartefrau. , Im Leben Leo Tolstois blieb der tragische Ziviespalt, daß der Weste von Jasnaja Poljana durch Umstände und Familienbande immer wieder daran gehindert wurde, das einfache, mühevolle Leben eines schlichten Arbeiters zu iühren, dem seine Sehnsucht galt. Tie reiche russische Fürstin Maria Alexandrowna Garatzina, die zu den größten Grundbesitzerinnen Rußlands zählt, hat das Ziel erreicht, das Tolstoi schinerzvoll ersehnte: sie hat ihren Reichtum abgestreiit, hat aus die Vorrechte ihres Standes, auf den Genuß ihres Reichtums vostkommen verzichtet und ernährt sich nunmehr schon seit Jahren als schlichte Auswartesrau durch ihrer Hände Arbeit. Als 23jährige junge Dame, so berichtet eine französische Zeitschrift, verließ sie das luxuriöse Elternhaus, legte das Gewand der Armut an, verzichtete auf jede Kopeke Hilfe von den Eltern und hat seitdem buchstäblich das entbehruugsreiche Leben einer armen Aufwartefrau geführt. Sie war Küchenmädchen in einem Hotel, wo sie morgens um 4 Uhr ausstehen mußte und täglich Hunderte von Stiefeln zu putzen hatte: dann vermietete sie'sich als Auf- wärtcrin und verdiente sich mit Bürste, Besen und Piltzlappen ihr tägliches Brot. Nur einmal hat sie seitdein ihren Lebensivaudel mä kiirze Zeit verändert. Tie ungewohnte körperliche Anstrengung ihres selbstgewählten Berufes warf die junge Fürstin aufs Krauken- bett und nach ihrer Genesung mußte sie sich bescheiden, eine körperlich weniger aufreibende Arbeit zu suchen: sie ivurde Verkäuferin tu einem großen Warenhause. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln mußte, haben sie bald wieder zu ihrer srüheren Tätigkeit znrucklehren lassen und heute lebt die Fürstin Maria Alexandrowna Garatzma ivieder das Leben einer Aufwärterin. „Denn das Leben mancher Angestellten in einem Geschäft ist eine wahre Hölle. Nich daß die Arbeitgeber hart zu ihren Untergebenen wären, nein, eS sind seelische Martern, die man zu erdulden bat. Wer nie hinter einem Ladentische gestanden hat, vermag sich nicht vorzustellen, waS eine junge Berkäilferin an Demütigungen und Erniedrigungen durch eine geivisse Art uoit Käufern zu erdulden hat. Es sind die Frauen, die ihre soziale Ueberlegenheit zu einem grausamen Martergerät machen.' Die Fürstin hat auf diesem Gebiete Dinge erlebt, die an Gefühlsroheit nichts zu wünschen übrig lassen, imb nicht umsonst fällt sie das vernichtende Urteil: „Die Härte und die Rücksichtslosigkeit der Frauen gegen diejenigen, die sie als sich untergeordnet ansehen, ist unfaßbar. Eine Dame, die ich sehr gut kannte, denn sie stand an der Spitze einer Reihe von Wohltätigkeits- tmternehmungeii und hatte sich durch ihren Wohltätigkeitseifer in der Gesellschaft einen Namen gemacht, kam eines Tages in die Abteilung, iit der ich arbeitete. Sie wollte etwas Spitzen taufen; ich mußte sie bedienen, und da sie natürlich die Fürstin, in deren Hanse sie oft als Gast verkehrte, in der kleinen Verkäuferin nicht wiedererkannte, behandelte sie mich schlechtbin unwürdig. Eine Stunde lang marterte sie ntich mit den bissigsten und arrogantesten Bemerkungen, eine Stunde lang mußte ich ihr immer neue Spitzen zeigen, und da ich ihre itnklaren unb komplizierten Erklärungsversuche nicht immer richtig verstand, überhäufte sie mich schließlich mit Beleidigungen, und erklärte höhnisch: ich verstäitde von meinem Geschäfte nichts. Schließlich wollte sie ein Achtel Dieter von einer Spitze haben, von der der Dielet 2,20 Dif. kostete. Und als ich ihr erwiderte, ein so geringes Quantum dürste ich nicht verkaufen, wurde sie buchstäblich von ihrer Wut überwältigt und versuchte sogar, mich um meine Anstellung zu bringe», indem sie zum Ches ging und ihm erklärte, ich sei unverschämt gegen die Kunden. Diese Dame hat mich gelehrt, was ich von gewissen Frauen der Gesellschaft zu halten habe, die sich mit Wohltätigkeit beschäftigen, weil dies Diode ist, und die sich im Grunde viel weniger um ihre »Schützlinge" sorgen, als darum, eine Rolle zu spielen." Die Fürstin Garatzina hat nach ivenigen Dionaten ihr Amt als Verkäuferin niedergelegt und arbeitet jetzt ivieder als Aufräumefrau. Sie ist mit ihrem Los zufrieden, fühlt sich glücklicher als tm heimischen Palais und ivill dereinst als arme Arbeiterin sterben, wie sie auch als atme Arbeiterin lebt. vermischte». * Eine moderne Legende. Es war einmal ein kleine« Knabe, der barftiß durch die Straßen von Nenyork wanderte, denn seine Eltern ivaren so atm, daß sie ihrem Kinde keine Schuhe kaufen konnten. Und der kleine Sullivan ging Winter und Sommer barfuß in die Schule, die Füße schwollen ihm an imb bluteten imb im Winter schmerzten sie ihn oft so sehr, daß seine Augen groß unb starr würben, wenn er durch den Schnee marschieren mußte. Der arme kleine Sullivan war sehr traurig und er wollte nicht glauben, daß diesen Tagen des Unglücks einmal frohere Zeilen folgen könnten. Aber mit den Jahren wurde aus dem kleinen Sullivan ein junger Sullivan, der fleißig arbeitete und Geld verdiente. Unb wenn es ihm so gut ging, baß er etwas ersparen konnte, bann kaufte er oft Schuhe für die armen kleinen Kinder, die barfuß gehen müsse». Und als aus dem jungen Sullivan dann der große unb reiche Sullivan geworben war, kaufte er in jebeni Jahre von seinem vielen Gelbe 5000 Paar schöne marine Kinderschuhe und schenkte sie den Kleinen, die keine hatten unb benen im Winter die Füße weh taten . . . Diese „moderne Legende" ist wirklich geschehen und jener barfüßige arme kleine Sullivan ist heute der berühmte amerikanische Dlilltonär und Senator der Vereinigten Staaten. Und im Gedenken an die Not seiner Kindheit gibt er alljährlich ein Fest, bei dem 5000 arme Kinder von dem Senator Schuhe und Stiefel erhalten. Dann teilt der Senator Sullivan seine Gaben selbst aus und sorgt dafür, daß die Schuhe nicht drücken. Vor einigen Tagen haben die Neuyorker wieder, wie alljährlich, dies ungewöhnliche unb rührenbe Schauspiel erlebt, das zugleich ein schönes Beispiel dafür ist, wie ein reicher und angesehener Mann seine Vergangenheit nicht verleugnet, sondern aus ihr den frohen Diut zu einer guten Tat empfängt. * Frauenlvgik. „Glaübst du, daß wir Marxens treffen werden?" — „Ganz sicher; sie haben ja auch gesagt, sie gehen nicht hin!" _____________ Geographisches verschiebest «vk. Türkei — Deutschland — Rußland — Griechenland — England — Kreta — Europa. Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, den Namen eines schweizerischen Kantons ergibt. Auslösung in nächster Dummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer r Wer hat den Weg durchs wilde Meer gefunden, Der nie mit Todesstürmen stritt? Mir ist ein Herz mit seinen Wunden Mehr wert als eins, das niemals kitt. Tiedge. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb ©teinbrutferet, R. Lange, ®tejetv