Donnerstag de« 3t. August MU T® T« SfeS Das nette Mädel. Roman von Fedor von ZobelttK (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.) Was hatte der Junge nicht schon altes für Dummheiten gemacht! Auf der Schule war er ein begabter Schuler, aber ein Rüpel gewesen; seine Lehrzeit in Bordeaux, Reims und Huelva hatte, er dazu benützt, sich nach Möglichkeit zu amlisieren, und seine Dienstzeit bei den Waldenburger Dra- gonern war auch nur eine Fortsetzung dieser angenehmen Tätigkeit gewesen. Das nahm ihm der Mte nicht so übel. Er dachte dabei an seine eigene Jugend. In den Everstedts steckte ein mächtiger Lebensdrang und ein starkes Krast- gefühl, das mit Ungestüm zur Entwicklung drängte. Sie mußten sich austoben; dann heirateten sie und wurden auf einmal vernünftig. So war es auch dem Alten gegangen, und er wußte: seinem Vater und dem Großvater ganz ähnlich. Alle hatten sie zarte kleine Frauen genommen, und alle waren sie Pantoffelhelden geworden. Das war fast traditionell. Die Riesen suchten sich Püppchen und wurden die zahmsten Ehemänner. Aber der Paul schien an keine Heirat zu denken. Er wilderte weiter durch das Leben. Der Alte wartete geduldig. Da kam jener unsinnige Streich, der ihm ein stattliches Kapital kostete. Paul hatte hinter seinem Rücken, durch Friederici verführt, zu spekulieren versucht und war gründlich hereingefallen. Jetzt tobte der Alte, und als er sich ausgeschnauzt hatte, wurde Paul auf ein Schiff gesetzt und nach, Amerika spediert. Und nun begann jene famose Komödie,, die den Alten erst ärgerte und ihm dann gewaltig imponierte. Paul verbat sich jedwede Unterstützung seitens der Eltern: der Erbe von P. L. Everstedt, der Millionärssohn, Warin New Jork Ausrufer für ein Stroh Hutgeschäft, in Chicago Stiefelputzer, in Philadelphia Steinträger und in Boston Schreiber bei einem Rechtskonsulenten; war Wohl auch noch mancherlei anderes gewesen, was keine soziale Erhöhung bedeutete. Dann kehrte er heim: genau so vergnügt und so lebenslustig wie immer, aber dennoch als Mensch von Tüchtigkeit. Everstedt machte ihn zu seinem Ussocis. „Wie das in der Freistadt so üblich war, beschränkte er sich längst nicht mehr auf den Weinhandel allein, sou- dern betätigte sich auch in anderen Geschäften — und in allen Lagen erwies sich Paul als ein Kaufmann von Umsicht, Energie und weitem Blick. Der Alte freute sich und sah darauf hinweg, daß Paul nebenbei auch feine Neigung zum Bummeln und zu lustigem Unfug nicht vergaß. Man sprach immerfort von Paul Everstedt: er war der übermütige Gegenpart zu der pfahlbürgerlichen Ehrsamkeit des Patriziats und der Sturmbock wider die philiströse Enge des gesellschaftlichen Lebens. Und auch dafür hätte der Mte Nichts weiter als ein behagliches Schmunzeln: die Eberstedts waren allesamt keine Heiligen gewesen. 92ür über eins grimmte er sich: warum heiratete der Junge nicht? Der Alte wünschte zum Donnerwetter schleunigst Großvater zu werden; er war nahe an Siebzig, und da begannen bei den Everstedts die Schlaganfälle. Awei kamen gewöhnlich als Vorboten, und beim dritten war es aus. Vorher aber wollte er noch ein paar Enkel haben. Paul trat ein und gab dem Vater die Hand. „Du befiehlst?" „Ich wollte dir nur sagen, daß du ein kolossales Rindvieh bist." „Danke aufrichtig. Rindvieh bezahlt sich wieder. Ich möchte dir ein Geschäft in amerikanischen Häuten Vorschlägen." • „I ch möchte dir Vorschlägen, mit der Komteß Liebenau Schluß zu machen." „Meine Achtung vor der Komteß; aber ihre Taille gefällt mir nicht." „Gefällt dir die von Eva Delbrück?" „Sehr. Nur spricht mir Evachen zu viel." „Und Ellen Meier?" „Ist mir zu lämmrig, wenn du erlaubst." „Dir gefällt also gar keine?" „Sollte mir eine gefallen, werde ich mir gestatten^ dich rechtzeitig zu benachrichtigen." „Sehr gütig. Was ist das gestern wieder für ein heilloser Skandal gewesen?" „Skandal? O, du meinst mein Duell mit Mels Stufe. Es war nicht für die Oesfentlichkeit bestimmt." „Kann ich mir denken. Aber 'Mursinna hat nicht dä8 Maul gehalten, dkun könnt ihr noch vor den Staatsanwalt kommen." Paul ruckte mit den Schultern. „Gott, lieber Papa . . ." „Na ja. Schlimm känn's nicht werden. Aber wozu überhaupt der Blödsinn ? Ein vernünftiger Mensch duelliert sich nicht, und ein unvernünftiger wie du doch Höchstens in ernsthaften Fällen." „Es war sehr ernsthaft." „Darf beut Vater wissen, um was es sich gehandelt hat?" „Kruse hatte utich, wie ich vermutete, bei einer jungen Dame, die ich sehr verehre, unmöglich zu machen gesucht." „Sieh da! —" Der alte Herr wurde aufmerksam. „Ein ftüchtiger Liebeshandel?" 9 t eiltu "@ute Familie?" „Kein Patriziat, aber ein tadelloses Bürgerhaus." „Vermögend?" „Arm." Der Alte griff in feine obere Westentasche, in der immer drei dicke Zigarren steckten. Eine gab er Kaul, von der zweiten schnitt er die Spitze ab. „Feuer!" 642 — Paul hatte bereits ein Wachshölzchen entzündet. Dann steckte er sich selbst seine Zigarre an. Der Alte rauchte sonst nicht vor einer Weinprobe. Tat er es heute, so war das ein Zeichen für Paul, daß er gemütlich wurde. „Also arm . . . Hm . . . Das verstößt gegen Sitte und Herkommen." „Auch in dieser Beziehung folge ich meinem eigenen Meschmack." „Schafskopf. Aber ich will es gelten lassen. Du bist der einzige. Es reicht noch. Was hat sie sür eine Figur?" „Eine feine und zierliche." „Natürlich. Goüt Everstedt. Die mageren Kätzchen haben uns immer Glück gebracht. Du hast den Kruse verwundet?" „Unbedeutend. Ein Streifschuß an der rechten Schulter. Er selbst schoß in die Luft." „Warum du nicht auch?" „Weil die Sache für mich kein Spiel war." „Und dann habt ihr euch wieder vertragen?" „Er hat mir Aufklärung gegeben — und mehr. Er hat mir wieder Hoffnung gemacht." „Nanu?! Paßte ihr Paul Everstedt nicht? Mrd dir der Sieg diesmal schwer?" „Sehr schwer, Papa." „Ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das freut." „Merci — und warum?" „Aeh, mein Junge — weil mir dein Kampf erst zeigt, wie lieb du das Mädchen hast. Nun, und sie? Sie erwidert deine Neigung nicht?" „Das ist das Merkwürdige, Vater: Kruse, der sie gut zu kennen vermeint, und noch ein anderer, dessen Namen ich nicht zu nennen brauche, der ihr aber auch tief in das Herz geschaut haben will — die behaupten beide, sie liebe mich. Trotzdem hat sie mich abgewiesen. Dabei mögen psychologische Gründe mitgesprochen haben, die überwunden werden könnten. Aber sie hat mir auch erklärt, sie sei bereits verlobt." „Ah — und du glaubst, das sei gar nicht der Fall?" „Kruse hält es für eine Ausflucht. Aber ich werde die Wahrheit erfahren — wenn es auch einige Zeit dauern kann." Der alte Everstedt hatte sich in den Holzsessel zurückgelehnt. Die Rückenlehne schnitt in den stämmigen Nacken ein. Das merkte er nicht: er war viel zu interessiert bei der Sache seines Sohnes. Zwischen feinen noch immer ausgezeichneten Zähnen, die breit und weiß waren und dicht nebeneinander standen, klemmte er die dicke schwarze Zigarre. Den Rauch stieß er aus dem linken Mundwinkel von sich, unaufhörlich, in dichten Wolken. „Hähä", lachte er kurz, in zwei Quarrtönen, „weißt du, Bengel — das Mädelchen gefällt mir schon heute. Weun sie nämlich nicht verrückt ist. Aber wenn ihr ganzes Gehaben bloß Laune sein sollte — oder vielleicht gar rafft- trierte ®nfetterte -—" „Kein Gedanke, Papa," fiel Paul rasch ein. „Es ist meiner innersten Ueberzeugung nach nichts weiter als eine Störung des seelischen Gleichgewichts. Kruse hat mir Andeutungen gemacht, die das erllären würden." „Hm — so. . . und was — ich will einmal fragen: was dünkt dich so liebenswert an ihr?" Ein leichtes Rot strich über Pauls Gesicht. „Du fragst mich vergebens, denn ich weiß es nicht. Oder ich muß dir antworten: alles. Mein lieber, guter Vater, wir haben uns ja eigentlich immer verstanden <— selbst damals, als du mich am Gripps nahmst und über die Atlantic schobst. Vielleicht verstehst du auch, wenn ich dir sage, daß meine Liebe zu dem Mädchen aus Widersprüchen erwuchs, die ich schließlich — nun ja, es ist so — als ein Problem meines eigenen Wesens empfand. Es wurde ein unerträglicher Zustand, über den ich hinauskommen mußte, wenn ich nicht innerlich zusammenbrechen wollte. . . Ich will noch deutlicher sein. Als ich das Mädchen kennen lernte — näher kennen lernte, denn begegnet war ich ihr schon häufiger —, da dachte ich wirklich nur an einen flüchtigen Flirt. Oder nein: an eine Liebschaft auf Kündigung. An eine ganz gewöhnliche Liaison. Mich reizte ihre Niedlichkeit: das Animalische würde Kruse sagen. Ich habe mir in früheren Zeiten, als meine sogenannte Seele noch mehr Wildmark war als heute, einmal eine Art Philosophie des Amoralischen geschaffen. Jedem Sieger gebührt sein Beuterecht, sagte ich mir. Aber bei d e r da fattt1 die Raubritter-- sophistik aus allen Angeln. Warum? Ich kann nur wiederholen, ich weiß es nicht. Vielleicht geht das Schlechte und Ungerechte an seiner eigenen Nichtigkeit zugrunde, wenn es in dem Besseren den überwältigenden Gegner sucht. Und dies Bessere ... ja, du lieber Gott, soll ich dir das Wesen der Liebe erklären? Dazu fehlt mir die Begabung. Ich kann dir nur sagen: ich liebe das Mädchen von ganzem Herzen, und da das so ist, habe ich auch die feste Zuversicht, daß sie allen Widerständen zum Trotz doch noch die meine werden wird. Doch noch!" Der Alle neigte in den ihn umwallenden Zigarren- qualm hinein bedächtig den Kopf. „Gut. Ich frage nicht nach ihrem Namen. Hast du deine Sache in Ordnung gebracht, dann komnt zu mir. Ms dahin wollen wir auch der Mama keine Unruhe bereiten. Ich bin zufrieden, und sie wird es ebenso sein. Ich bin zufrieden, weil ich dich kenne. Und dich! kenne ich, weil ich m i ch kenne. Ern Widerspruch würde ." . . aber ich widerspreche gar nicht. Du wirst im nächsten Jahr dreißig. Das war immer unsere Lebenswende. Bis dahin taugten wir alle nicht viel. Aber dann kamen mit Regelmäßigkeit die kleinen Frauen und packten uns am Schlafittchen. Das ist Everstedtsch. Dagegen ist Gott sei Dank nichts zu wollen. Gib mir die Hand." Paul ergriff die große, fleischige, weiß behaarte Hand seines Vaters und küßte sie. Er sagte kein Wort des Dankes. All right, man verstand sich. „Noch etwas, Paul?" „Eine geschäftliche Frage. Ich möchte mich auf mein Privatkonto an der Pelzgerberei von Nippold Söhne in Elmenried beteiligen. Du hast doch nichts dagegen?" „Da es aus dein Konto geht und ich überzeugt bist, daß. . . Aber ioemt ich nicht irre, ist die Konjunktur für Rauchwaren schlecht." „Vorübergehende Krisen, Papa, durch den amerikanischen Markt beeinflußt." „Hm. . ." Der .Alte kniff das rechte Auge zu . . . „Sag mal: die Ettern deines Mädchens, sind sie sehr kleinbürgerlich?" Paul schwieg einen Augenblick und antwortete dann ruhig: „Ich kann es nicht bestreiten. Ich weiß auch, was du meinst. Für das Philistertum haben wir beide nichts übrig. Aber beruhige dich: sie sind taktvoll. " „Morning, Junge." „Morning, Papa." Sie nickten einander zu. Als Paul zur Türe ging, Köpfte er im Vorübergehen auf den Deckel des grauen Zylinderhutes, der über dem Paletot hing. „Kann Stiefke dir nicht einmal einen neuen besorgen?" fragte er. „Nein. Das Neue paßt mir nicht. Aber zu deiner? Hochzeit lasse ich! ihn vielleicht schwarz färben." Nun ging Paul. Er hatte an diesem Tage Dinge zu tun, mit Denen er sich bisher noch nicht beschäftigt hatte.. Er interessierte sich plötzlich für Gerberei und Lederfabrikation und fuhr auch am Nachmittage nach dem benachbarten Elmenried, um sich bei Rippold Söhne das Wälr- verfahren, Beizen, Blenden und Färben des Pelzwerks anzusehen. Und dann hatte er mit Herrn Friedrich Nippold eine längere Unterredung, und als er wieder nach Hause kam, beauftragte er das Anskunftsbüreau von Poske, das zuverlässigste und diskreteste am Platze, genaue Erkundigungen über den Geschäftsgang und die gegenwärtige Lage des Hauses Otto A. Köhler, Felle und Häute, einzuziehen. Schließlich fuhr er auch noch bei Firneisen und Kompagnie vor, der bestrenommierten Handlung für Luxusartikel, und kaufte nach längerer Auswahl ein paar schöne venetianische Gläser, die er mit seiner Karte an Professor Niels Kruse nach Wörreshoop schicken ließ. Sein letzter Brief vor Geschäftsschluß war an Moe- bius gerichtet. Er schrieb ihm: Lieber Herr Pastor! Ich möchte <äte dieser Tage gern einmal üt einer sür mich wichtigen Angelegenheit sprechen. Darf ich das, und wann kann ich kommen? U. A. w. g. Herzlichst ergeben Paul L. Everstedt.^ (Fortsetzung folgt.) 643 meiner entsetzlichen Lage mit voller Gewalt. Bisher hatte ich handeln können und mir war keine Zeit zum Ueverlegen geblieben. Ich hatte fest darauf gerechnet, den Vertrag auf der Stelle wiederzufinden; was aus mir werden sollte, wenn Unsere Bemühungen fehlschlugen, daran wagte ich nicht zu denken. Doch jetzt ließ sich nichts mehr tun und ich hatte« Muße, mir meine Lage klar zu machen. Sie war fürchterlich. — Watson kann Ihnen sagen, daß ich schon in der Schule ein nervöser, leicht erregbarer Knabe war; das liegt in meiner Natur. Ich dachte an meinen Onkel und die anderen Minister, an die Schande, die ich ihm, mir und allen meinen Angehörigen bereitet hatte. Freilich war ich das Opfer eines , —n V- - r-s = außergewöhnlichen Mißgeschicks; aber wer fragt danach, wo I nauer berichten. Die Polizei versteht sich trefflich darauf diplomatische Interessen auf dem Spiele stehen. Kein Zweifel Tatsachen zu ermitteln, nur weiß Nutzen — ich war hoffnungslos zu Grunde gerichtet und mit daraus zu «ziehen. — O, was für eine fc|one ^ofe. M Schmach bedeckt. — Was ich damals tat, weiß ich nicht I diesem Ausrufe ging er an dem Lager des Krauten vorbei mehr, meine Aufregung war zu groß. Ich erinnere mich noch I und trat ans Fenster, um rate abgeschnittene Movsr ofs dunkel, daß die Beamten sich um mich versammelten und« I zu betrachten, deren zartes Rot reizend von dem Grün mich zu beruhigen suchten. Einer von ihnen fuhr mit mir bis I abstach. Daß er sich für JBIumen interessierte, war ^nur zur Station Waterloo und brachte mich in den Zug nach I ganz neu; jedenfalls hatte er mir ferne Freude daran Woking. Wahrscheinlich hätte er mich bis hierher begleitet, I noch nie gezeigt. märe nicht Doktor Ferrier, der in unserer Nachbarschaft I „Mir scheint, die Deduktion ist nirgends so sehr am wohnt, zufällig aus der Bahn gewesen. Der Doktor hatte I Platze," sagte er, sich an das Fensterkreuz lehnend, „als in die Güte, mich in seine Obhut zu nehmen Und das war mein I der Religion. Diese läßt sich durch Vernunftschlusfe eick- Glück, denu kurz nach der Abfahrt verfiel ich in Krämpfe und I wickeln, wie eine exakte Wissenschaft. Als unsere sicherste bevor wir daheim ankamen, raste ich im Fieberwahn. I Bürgschaft für die Güte der Vorsehung gelten mut die -- -■ ' vor- I Blumen. Alles andere — unsere Kräfte, unsere Triebs dem unsere Nahrung - ist zum Leben absolut notwendig. Doch 1 diese Rose ist etwas Apartes. Ihr Duft, ihre Farbe, dient nicht zur Erhaltung, sondern zum Schmuck des Da,eins. Nun wissen wir aber, daß es nur die Gute ist, welche Extrasreuden gewährt, und deshalb sage ich, daß die Blumen ein verheißungsvolles Unterpfand für uns sind." Während Holmes diese Betrachtungen anstellte, malte . iL, Snrr STT? 1 PTt PTf 1 Pitt M*. erst in den letzten drei Tagen ist mein Gedächtnis wieder ganz zurückgekehrt. Ach, ich wünsche manchmal, daß ich überhaupt nicht wieder zum Bewußtsein erwacht wäre! Gleich zuerst telegraphierte ich an Fordes, der den Fall in Händen hat. Er kam und versicherte mir, es sei alles Mögliche geschehen, doch habe man nicht die geringste Spur entdeckt. Der Türhüter und seine Frau waren wiederholt ins Verhör genommen worden, ohne daß dadurch Licht in das Dunkel kam. Auch der Verdacht der Polizei gegen den jungen Gorot erwies sich als hinfällig. Daß er nach den Geschäftsstunden im Bureau geblieben war und einen französischen Namen trug, hatte den Argwohn auf ihn gelenkt.- Doch ist er, obgleich aus einer Hugenottenfamilie stammend, mit Leib und Seele Engländer, auch hatte ich ja die Arbeit erst begonnen, als er fort war. — Auf Ihnen, Herr Holmes',- rnht jetzt meine letzte Hoffnung; versagt auch diese, dann habe ich mein Ansehen und meine Stellung in der Welt aus immer verloren." „Sie können sich den Schrecken meiner Angehörigen Vörstetten, als sie durch das Klingeln des Doktors aus den Schlaf geweckt, mich in diesem Zustand sahen. Der armen Annie hier und meiner Mutter brach es fast das Herz, Doktor Ferrier hatte von dem Polizisten auf der Bahn gerade genug erfahren, um einigermaßen erklären zu können, was vorgefallen sei, und sein Bericht war wenig geeignet, die Gemüter zu,beruhigen. Jedenfalls war eine lange Krank- , «ewyicuv ,-x---- bett bei mir im Anzüge; Josef mußte daher rasch aus seinem I sich in Percy Phelps Gesicht und in ben JKtenen 1 freundlichen Schlafzimmer im Erdgeschoß ausziehen, das in j Pflegerin große Verwunderung und Erttrauschnng. ) ein Krankenzimmer für mich umgewandelt wurde. Mehr als I noch immer die Rose in der Hand u^ schien rn neun Wochen habe ich hier bewußtlos und in Fieberraserei I versunken. Endlich weckte ihn das Fraulein aus s an einer Gehirnentzündung darniedergelegen. Nur dem I Träumerei. „Haben Sie irgend welche Aussicht, dem - Doktor und Fräulein Harrison verdanke ich es, wenn ich I heimnis auf den Grund zu kommen, Herr Holme» < I g noch am Leben bin. Sie hat mich den Tag über gepflegt und I sie mit etwas scharfem Ton. eine gemietete Wärterin wachte des nachts bei mir; ich I (Fortsetzung folgt.) war gänzlich unzurechnungsfähig, man konnte mir alles I __________ LUtranen. Nur langsam wich meine Geistesumnachtung und | Der Marinevertrag. Eine Detektivgeschichte des Sherlock Holmes von Conan Doyle. (Fortsetzung.) „Etwa zehn Minuten später klopfte es an der Haustür, jund nun begingen wir einen unverzeihlichen Mißgriff. Statt selbst die Tür zu öffnen, überließen wir dies dem Mädchen. „Mutter," hörten wir sie sagen, „drinnen sind zwei Männer, die auf dich warten." Sogleich vernahmen wir eilige Fußtritte im Gang; Forbes stieß die Tür auf und wir stürzten beide nach dem Hinterzimmer, das als Küche diente; aber die Frau war schon vor uns da. Sie sah uns mit herausfordernden Blicken an, plötzlich aber erkannte sie mich, und ihr Gesicht verriet maßloses Erstaunen. „Aber, das ist ja Herr Phelps aus dem Bureau", rief sie. „Vor wem sind Sie denn so davongelaufen — wer glaubten Sie, daß wir wären?" fragte mein Geführte. I Erschöpft von dem langen Bericht sank, der . Kranke „Die Gerichtsdiener," sagte sie. „Wir haben mit einem I wieder in die Kissen, und seine Pflegerin beeilte sich, ihm Händler Streit gehabt." I eine Stärkung zu reichen. Holmes saß mit geschlossenen „Das machen Sie einem andern weiß," versetzte Forbes. I Augen und zurückgelehntem Kopf still da; einem Fremden „Wir haben allen Grund zu glauben, daß Sie ein wichtiges I wäre er vielleicht teilnahmslos erschienen, aber ich er- Schriftstück ans dem Bureau mitgenommen haben und es I kannte au seiner ganzen Haltung, daß er vollständig in jetzt hier beiseite bringen wollten. Es hilft nichts, Sie müssen I den Fall vertieft wär. mit uns zur Polizei, um sich durchsuchen zu lassen." I „Ihre Angaben sind so ausführlich gewesen," sagte „Alk ihr Bitten und Widerstreben war umsonst. Wir I er endlich, „daß ich nur noch wenige Fragen zu stellen besichtigten noch die ganze Küche und besonders den Herd I habe. Ein Umstand erscheint mir jedoch besonders wichtig: genau, um zu sehen, ob sie den Augenblick, als sie allein war, I Haben Sie irgend jemand mitgeteilt, daß Ihnen diese ge- nicht benutzt hatte, um die Papiere zu verbrennen; aber wir I Heime Arbeit anvertraut war?" konnten weder Asche noch Papierfetzen entdecken. Dann I Meinem Menschen" fuhren wir beide mit ihr in der Droschke nach dem Polizei- I " nurf. n4rM. «rÄUTein «norrifott hier?" amt, wo sie sogleich einer dazu angestellten Frau übergeben >ra Beispiel, auch nicht Fräulein Harrisonl yi«, wurde. Ich wartete in wahrer Todesangst, bis diese kam, 1 „Nein, nachdem mir der Auftrag erteilt wurde, bin um Bericht zu erstatten. Von den Papieren hatte sich keine ich bis zu seiner Ausführung nicht ut Woking gewesen. Spur gesunden. I „Und es hat Sie auch keiner Ihrer Angehörigen zuj- „Da überkam mich zum erstenmal das Bewußtsein j fällig besucht?" ----- ~ •• • ~ '*■ 1 „Niemand." „Aber Ihre Verwandten hätten sich in dem Gebäude! zurecht finden können.?" „O ja, sie haben es alle gelegentlich besichtigt." „Wenn Sie niemand etwas von dem Vertrag gesagt haben, so sind das natürlich ganz müßige Fragen." „Ich habe nicht davon gesprochen." „Wissen Sie etwas Näheres über den Türhüter?" „Nur, daß er ein alter Soldat ist." „Von welchem Regiment?" „Ich glaube, er stand bei der Garde." „Gut — darüber kann mir Forbes gewiß noch gs- c berüfitem Die Polizei versteht sich trefflich darauf. — 544 Vermischtes. * Wie Mignon zur Oper wurde. Anknüpiend an den l°0. Jahrestag der Geburt des Komponisten der „Mignon", Nmbroise Thomas, gibt der Gaulois einen fesselnden Brief von Jules Barbier wieder, der gemeinsam mit Carrö das Libretto her« stellte, in dem die Goethesche Gestalt aus allen Opernbühnen Europas schnell Hausrecht errang. Der Bries, der im Mai 1894 anläßlich der 1000. Mignonaufführung in Paris geschrieben wurde, gibt intereffante Aufschlüffe über die Entstehungsgeschichte des Textbuches, das von den Verehrern Goethes so oit angefeindet wurde und doch mit der Musik von Thoinas berühmt, ja populär wurde. „Unmöglich zu sagen, wie wir auf den Gedanken kamen, die Mignon zu schreiben", erzählt Barbier. „Das ergab sich ganz von selbst bei der Durchsicht der unzähligen Stoffe, die wir täglich prüften tmd erwogen. Wir waren auf den Gedanken gekommen, dem musikalischen Ausdruck Gestalten zuzuführen, die bereits ihren Einzug in die Erinnerung des Publikums gehalten hatten, sei es durch Romane, Theater oder Bilder. So beschäftigten wir uns mit der Margarete, der Julia, der Ophelia, der Virginia, der Mignon usw. Unsere Absicht war, dem Komponisten das Terrain zu ebnen, das Publikum sollte es nidjt nötig haben, in doppelter Arbeit erst die Handlung des Stückes aufzunehncen und dann den musikalischen Eindruck. Und ich glaube, daß wir darin gut taten. Ter Stoff der Mignon reizte uns und die Gestalt mußte unserer Meinung nach auch einen Musiker fesseln. Wir sprachen mit ncehreren Komponisten, u. a. auch mit Meyerbeer, dem wir den Faust vorschlugeit. Aber wie sehr ihn die beiden Stoffe auch an- zogeit: er schien vor seinen Landsleuten eine schreckliche Angst zu haben und wagte es nicht, an die heilige Bundeslade zu rühren, deren hoher Priester Goethe war. So übernahm es Thomas, Mignon unsterblich zu machen. Das Szenarium war schnell entworfen und bei der Ausführung wurde dann fast garnichts geändert. Der Text wies vor der Aufführung 3 Akte und 5 Bilder auf. Im 5. Bilde tauchte inmitten einer sonnigen Landschaft Italiens Philine aus. Ein ländliches Fest begrüßte sie und begleitete ihre Triller mit Tänzen und Freudenrufen. Dann erschien plötzlich Mignon, sah sich unerwartet Philinen gegenüber, wurde von dieser Erscheinung wie von dem Haupt der Medusa getroffen und sank tot nieder. Wenn ich mich nicht täusche, wurde die Oper auch zwei- oder dreimal in dieser Fassung gespielt. Dann aber sagten wir uns als die praktischen Leute, die wir waren: „Aber warum sollen wir jenes Verschwinden der Mignon respektieren, das in dem Roman Goethes kaum angebeutet wird, wir bringen uns damit um das Vergnügen, 7 oder 800 Aufführungen zu erleben ! Es ist viel besser, man verheiratet die beiden wie brave Bürgersleute und schafft Raum für eine zahlreiche Nachkommenschaft!" Gesagt, getan. Und dadurch erklärt es sich auch trotz aller Spötter und Fanatiker, daß das Werk jetzt seine 1000. Aufführung erleben konnte. Heute gibt es nicht einen Zuschauer, der nicht davon überzeugt ist, der ganze brüte. Akt sei von Goethe, ber von einem solchen Ende seiner Mignon wohl nie geträumt hat." Mayerbeer hatte in ber Tat die Komposition des Librettos von Barbier und Karre abgelehnt, aus Pietät und Verehrung für Goethe und dabei käst emphatisch erklärt, daß er um keinen Preis ber Welt die Musik zu biesem Stoffe schreiben würde. Als man ihn bann fragte, warum, erwiberle Mayerbeer: „Weil ich bann nie triebet nach Berlin kommen könnte. Wie, Sie können glauben, daß ich Goethe antaste, Goethe interpretiere und sein Werk verändere ? Ich danke. Man würbe mir zu Hanse die Fensterscheiben einwersen, meinen Wagen in Trümmer verwandeln und meine Frau halbtot schlagen. Nein, nein, niemals I" * Ein Bild aus dem wilde st en Sibirien. Erholungsbedürftige, die in diesem heißen Sommer die Ruhe der Nerven so nötig brauchen, ist nicht anzuraten, in Irkutsk ihren Ferienaufenthalt zu nehmen, denn die Sicherheit, deren man zu einem geruhigen Leben bedarf, ist hier keineswegs zu finden. Das hat der Korrespondent eines englischen Blattes erfahren, der von dem an Abenteuern und Gefahren reichen Leben in diesem „wildesten Sibirien" ein anschauliches Bild entwirft. In Irkutsk gibt es jährlich viele hundert Morde und noch viel mehr Mordversuche, daneben etwa 10 Verhaftungen und 4 Verurteilungen, die dem Verbrecher durch einige Jahre Zwangsarbeit eine nicht ungewohnte Perspektive eröffnen. Besonders im Frühling treten die Anschläge auf das Leben des Nächsten epidemisch auf. An einem schönen Tag im Monat Mai 1910 kamen nicht weniger als 22 Morde und Mordversuche in den Mauern von Irkutsk vor, worauf unter den Einwohnern eine gewisse Erregung entstand, die sich aber bald wieder legte. Denn man ist an eine gewisse Unsicherheit gewöhnt, sie darf nur nicht „ausarten". Die stärksten Kontraste wohnen ja in Sibirien beieinander. Dafür gibt Irkutsk ein Beispiel, dessen Innenstadt um Mitternacht den Schauplatz lärmender Lcistbarkeiten abgibt, die ganze Maßlosigkeit russischer Orgien entfaltet und in einem bunten Jahrmarktstreiben glänzt, während nicht weit davon tiefe Nacht ihren Mantel über Verbrechen aller Art deckt. Während die Hauptgeschäftsstraßen wenigstensAnsätze einer geregelten Straßenbeleuchtung zeigen, liegen die Wohnviertel in tiefster Düsternis und sind deshalb wie gemacht zum Jagdgebiet ber Verbrecher. „Wenn ntan spät in der Nacht durch diese Straßen schleicht, so wird man nicht selten plötzlich von einem Schuß hoch über dem Kopf erschreckt und hört eine Kugel am Ohr vorbeipfeifen. Denn vorsichtige Hausväter haben e§ sich zum Prinzip gemacht, bevor sie sich zur Ruhe legen, noch rasch eine Kugel zum Schlafzimmerfenster herauszusenden zum warnenden Zeichen für Verbrecher, die vielleicht das Haus umlauern. Solch eine vorbeipfeifende Kugel soll also nur sagen: „Nimm dich in acht, hier sind Waffen im Haus." Die Stadtpolizet besteht aus Beamten, die sehr schlecht bezahlt sind und nur in seltesten Fällen einschreiten, in welchen Fällen man auch lieber bald die Kosaken mobil macht, und aus privaten Wachtleuten, die der Nacht von Irkutsk das eigentliche Gepräge verleihen. Um Einbrecher vor ihrem Nahen zu warnen und sie zugleich von bösen Taten abzuschrecken, tragen sie hölzerne Klappern, mit denen sie beständig raffeln. Diese schwirrenden Geräusche tönen unheimlich durch das Dunkel. Sie gemahnen durchaus nicht daran, daß das Auge des Gesetzes wacht, sondern daß tausend Augen ber Ungesetzlichkeit auf Beute lauern. Von den vielen Tausenben, die nach Sibirien verbannt werden, nehmen viele ihren Weg nach Irkutsk, um sich hier erst einmal ein paar Wochen zu amüsieren und Pläne für die Zukunft zu machen. Viele Verbrecher, die ihre Strafe verbüßt haben, bleiben hier und verdienen sich ihr Brot, so daß man immer fürchten muß, von Mördern und schweren Uebeltätern umgeben zu sein. Der große Kellner dort mit den ruhelosen Augen und dem langen zweigeteilten Bart, der so eilfertig hin und her läuft, um deine Befehle zu erfüllen, er ist ein Mörder, ber sein Weib und ihren Liebhaber erschlagen hat und seine Strafe in den Baracken des eisigen Nordens verbüßte. Zu dem Dienstpersonal eines der ersten Hotels in Irkutsk gehören allein drei Mörder. Ein aufregendes Fluidum von Gefahren und Verbrechen strömt so durch die ganze Stadt. Irkutsk ist wirklich kein Aufenthalt, wo man Erholung der Nerven und Ruhe des Gemüts finden kann . . , * Kleiner Irrtum. Eine gewisse blaublütige Familie, in deren Hause ein Dienstbotenstreik ausgebrochen war, war sehr bestürzt, eines Tages einen Brief zu erhalten, ber ihr den Besuch von Personen angetgte, bereu Bekanntschaft sie schon lange gewünscht hatte. Mit großem Eifer machten sich zwei ber hübschen Töchter des Hauses daran, das Diner zu bereiten, und die dritte, in Haube und Schürze, biente als Hausmädchen. Einige Wochen später trafen sich bie beiden Familien, tmd einer ber Herren, bie ihren Besuch angemelbet hatten, brückte ber brüten Schwester sein Bebauern aus, baß sie bei seinem Besuche nicht zu Hause war. „Ich war zu Hause", sagte ber kleine Schelm ausgelassen. „Ich gab Ihnen ja eine Ohrfeige, als Sie mich an der Korribortüre zu küssen versuchten." * D i e großen Stiefel. Als ein Sergeant eines Tages in einer Kaserne kommandierte und die Fußreihe beobachtete, iuie bie rohen Rekruten sich bemühten, ben Kommandoworten zu folgen, fand er zu feinem Erstaunen, baß ein Paar Füße, bie durch ihre Größe auffielen, sich nicht umdrehten. Ohne den Blick von ihnen zu wenden, rief er: „Kehrt!" Er sah, daß alle Füße sich bewegten, nur bie nicht, bie er beobachtete. Er lief zu bem Besitzer ber Füße, einem kleinen Burschen, packte ihn bei den Schultern unb rief: „Warum brehen sie sich nicht um?" „Ich habe mich ja umgebreht", erwiderte der zitternde Rekrut. „Neinl Ich habe ihre Füße beobachtet, und die bewegten sich nicht." „Das liegt an ben Stiefeln, bie ich hier bekam", sagte ber arme Bursche. „Sie sind so groß, daß ich mich immer in ihnen umdrehe." Mingspromenade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in ber Weise miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht. Auslösung in nächster 'Nummer. ben den zum doch kämpf be herz freu rer offen lei dens ge reit ein zeit heft des denk' schlicke lern' miß trag' stürm'! bei fen Hof im 1. V. cA H. bK M. dA 25. 8. 31. 2. V. c9 3. H. dZ M. cK V. bZ Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr — Treff, p — Pique, c — Coeur, car — Carreau, trB — Treff-Bube, pA — Pique-Aß, cD Coeur-Dame u. s. f. Im Skat lagen aD und b8. Vorhand hatte: aK, a9, a8, a7, bZ, b9, oA, c9, c8, c7, Hinterhand bie übrigen. Spielgang: 1. V. cA M. cD Sa. = — 64 Augen. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh Aschen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.